Ungläubiger Glaube

image_pdfimage_print

Die folgenden Gedanken wurden angestoßen durch einen Aufsatz des inzwischen verstorbenen Prof. Dr. D. Wendland aus den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts mit dem Titel: Was ist das eigentlich: die Häresie? Darin heißt es einleitend:

„Schon öfters wurde an uns von katholischen Laien, denen das sinnlose Gerede von der ‘Krise in der Kirche’ oder sogar ‘der Kirche’ nachgerade auf die Nerven fiel, die Frage gestellt: wie kommt es eigentlich dazu, daß der seit vielen Jahren in aller Öffentlichkeit erhobene Häresie-Vorwurf gegen die Bischöfe (einschließlich des „römischen“) völlig reaktionslos verhallte und bei diesen Amtspersonen wie von einer Gummiwand abprallte oder ins Leere ging? Das war höchst merkwürdig und fiel sogar dem Dümmsten auf. Waren denn diese Leute auf ihren gut gepolsterten Bischofsstühlen gegen einen solchen Vorwurf immun oder begriffen sie gar nicht, was man ihnen vorwarf, oder hatten sie, wie man zu sagen pflegt, nur ein dickes Fell? Wie konnte ein solches unmögliches Verhalten näher erklärt und tiefer verstehbar gemacht werden? Denn man stelle sich einmal vor, jemand würde gegen hohe Bedienstete des Staates (Richter eingeschlossen, denn Bischöfe sind auch Richter) in Publikationen oder öffentlichen Reden die Anklage erheben, dieser oder jener sei nachweislich ein gesinnungsloser Lump oder sogar ein ausgemachter Verbrecher! Die Mühlen der Justiz würden gewiß zu mahlen anfangen und die Staatsanwälte auf den Plan rufen.…
Gleichzeitig aber fiel auf, daß Katholiken, Priester und Laien, obwohl sie von ganz massiven Häresie-Anklagen gegen die Bischöfe hörten oder lasen, generell in völliger Regungslosigkeit verharrten oder sich so verhielten, als ginge sie das gar nichts an. Dieses Faktum aber war erschreckend, denn es setzte bei sehr vielen, die sich (wenn sie danach gefragt wurden) als Katholiken bezeichneten, etwas voraus, wovor man sehr gerne die Augen verschloß oder dies einfach nicht für wahr halten wollte, nämlich: nicht bloß einen allgemeinen Glaubensschwund und eine religiöse Gleichgültigkeit, nein, sondern ein Verbrechen des wahren Glaubens, der spezifisch christlichen ‚vera fides‘, und eine Unwissenheit im Hinblick auf die sich daraus ergebenden realen Folgen für jeden einzelnen und den ‚lieben Nächsten‘.“

Heute, fast 30 Jahre später, hat sich dieser „Eindruck“, von dem hier Prof. Dr. D. Wendland spricht, um vieles noch verstärkt. Nicht nur in der sog. Amtskirche findet man dieses befremdliche Verhalten, Glaubensirrtümer in keiner Weise mehr ernst zu nehmen, sondern auch in der sog. Tradition. Offensichtlich wirkte das Ganze ansteckend, was nur deswegen geschehen konnte, weil man sich nicht genügend Rechenschaft darüber abgab, was denn eigentlich Häresie sei. Versuchen wir darum dies nachzuarbeiten, bevor es ganz und gar zu spät ist…

Gläubiger Unglaube oder ungläubiger Glaube

Was ist eigentlich Häresie?

Es ist für jeden Katholiken auffällig – es sollte jedenfalls so sein und daß ihm dies auffällt, ist eines der Kennzeichen für den echten Katholiken, – daß diese moderne Kirche die Häresie, den Irrglauben nicht mehr thematisiert und schon gar nicht mehr verurteilt oder gar fürchtet. Doch machen sich die wenigsten Gedanken darüber, warum das eigentlich so geworden ist? Nun, der moderne Mensch fürchtet den Irrglauben nicht mehr, weil er einen falschen Begriff von Glauben hat. Es ist heute für jeden Katholiken notwendig, den Unterschied zwischen dem wahren Glauben und dem modernen Glauben zu kennen, denn nur dadurch kann er sich vor Verwirrungen bewahren. Fragen wir also zunächst, was der wahre Glaube seinem Wesen nach ist, um sodann die Verfälschung durch den Modernismus verstehen zu können.

Der katholische Glaubensbegriff

Der katholische Glaube ist eine göttliche Tugend. Das Erste Vatikanische Konzil lehrt: „Dieser Glaube aber, der der Anfang des menschlichen Heiles ist [vgl. 1532], ist nach dem Bekenntnis der katholischen Kirche eine übernatürliche Tugend, durch die wir mit Unterstützung und Hilfe der Gnade Gottes glauben, daß das von ihm Geoffenbarte wahr ist, nicht etwa wegen der vom natürlichen Licht der Vernunft durchschauten inneren Wahrheit der Dinge, sondern wegen der Autorität des offenbarenden Gottes selbst, der weder sich täuschen noch täuschen kann [vgl. 2778; Kan. 2]. ‘Der Glaube ist nämlich’ nach dem Zeugnis des Apostels ‘die Gewißheit zu erhoffender Dinge, der Beweis des nicht Sichtbaren’ [Hebr 11,1]“ (DH 3008).

Der wahre Glaube, der Anfang des menschlichen Heiles, ist ein Gnadengeschenk Gottes an uns Menschen. Gott erleuchtet den Glaubenden durch diese Gnade so, daß er die Offenbarung als von Gott kommend erkennt und zweifelsfrei annimmt. Dem Glaubenden wird der Glaube zum „Beweis des nicht Sichtbaren“. Zwar übersteigt der Glaube die menschliche Vernunft, aber er übersteigt diese nicht in unvernünftiger Weise, denn mit der Gnadenhilfe Gottes und gestützt auf die Autorität des offenbarenden Gottes selbst, der weder sich täuschen noch täuschen kann, sieht der Glaubende ein, daß es vollkommen vernünftig ist, das, was Gott offenbart, zu glauben. Darum kennt der wahre Glaube keinen Zweifel, ja er schließt diesen vollkommen aus. Der frei gewollte Zweifel wäre eine Sünde gegen den Glauben. In der 1849 gehaltenen Predigt „Glaube und Zweifel“ geht J.H. Newman auf dieses Thema ein: „Es ist vollkommen richtig, daß die Kirche ihren Kindern nicht gestattet, an ihrer Lehre irgendwie zu zweifeln, und zwar zuerst aus dem einfachen Grunde, weil sie nur insoweit Katholiken sind, wie sie glauben, und weil der Glaube mit dem Zweifel unvereinbar ist. Keiner kann katholisch sein ohne den schlichten Glauben, daß das, was die Kirche im Namen Gottes verkündet, Gottes Wort und darum wahr ist. Der Mensch muß einfach glauben, daß die Kirche der Mund Gottes ist; er muß ebenso sicher sein über ihren Auftrag wie über den Auftrag der Apostel“. Und wenn so viele Protestanten es „für eine Art Tyrannei ansehen, daß die Kirche ihren Kindern den Zweifel verbietet, so beweist das nur, daß sie überhaupt nicht wissen, was Glaube ist. In der Tat wissen sie es nicht – der Begriff ist ihnen vollkommen fremd.“ Der wirkliche Glaube, den die katholische Kirche lebt, verbietet von seinem Wesen her den Zweifel: der Begriff des Glaubens „schließt ein Vertrauen im Geiste des Menschen ein, daß der Gegenstand des Glaubens wirklich wahr ist; und wenn er einmal wahr ist, kann er niemals falsch sein.“

Zu diesem zweifelsfreien Glauben gehört auch die Integrität, d.h. man muß alles glauben, was Gott geoffenbart und durch die Kirche zu glauben vorgelegt hat. Wer nur eine von Gott geoffenbarte Wahrheit leugnet, verliert den ganzen göttlichen, übernatürlichen Glauben.
Im Athanasianischen Glaubensbekenntnis heißt es: „Wer selig werden will, muß vor allem den katholischen Glauben festhalten. Ein jeder, der diesen nicht in seinem ganzen Umfang und unverletzt bewahrt, geht ohne Zweifel auf ewig verloren.“ Hierauf werden die einzelnen Glaubenssätze angeführt, worauf das Glaubensbekenntnis mit dem Satz endet: „Das ist der katholische Glaube: wer diesen nicht treu und fest annimmt, kann nicht selig werden.“

Was ist eine Häresie?

Die Häresie als Lehre ist „eine aus mangelndem Glauben (Zweifel) entspringende, zum völligen Unglauben hinzielende, durch Loslösung einer Einzelwahrheit aus dem Organismus des Offenbarungsgutes entstandene Absonderung von der Kirche Christi, mit der Tendenz, selber Kirche zu werden“ (J. Brosch, Das Wesen der Häresie, 1936, 112). Die Häresie ist also gewöhnlich nicht die Leugnung jeglicher Offenbarungswahrheit, sondern die ausschließliche Betonung einer Offenbarungswahrheit unter Leugnung der ihr zugeordneten, z. B. die aus­schließliche Betonung der Gottheit Christi oder des göttlichen Tuns bei unseren Handlungen. Die Kirche weist solche häretischen Lehrsätze gewöhnlich sogleich mit großer Kraft zurück und verhindert so jede Trübung ihres Glaubens.

Häretisch ist ein Satz, der unmittelbar einem katholischen Dogma, d.h. einer geoffenbarten und von der Kirche genügend als solche vorgelegte (proponierte) Wahrheit (kontradiktorisch oder konträr) widerspricht. Kirchlich „proponiert“ ist eine geoffenbarte Wahrheit entweder durch eine förmliche Definition oder dadurch, daß sie mit vollkommener Sicherheit in Schrift und Tradition enthalten und offenkundig von der Kirche als Glaubenswahrheit gelehrt wird. Das alte Kirchenrecht bestimmte dementsprechend (Can. 1325 § 2): „Wenn jemand nach dem Empfang der Taufe, ohne den christlichen Namen aufzugeben, hartnäckig eine von (aus) den fide divina et catholica (als göttlich und katholisch) zu glaubenden Wahrheiten leugnet oder bezweifelt, so ist er Häretiker“.

Damit ist der Begriff der Häresie umschrieben. Was Häresie jedoch im Innersten ist und unter welcher Gestalt sie heute auftritt, das lassen wir uns von Prof. Dr. D. Wendland nun noch ausführlicher erklären:

Die Häresie richtet sich auch nicht primär gegen einzelne Glaubenswahrheiten, wie man oft meint, und revoltiert auch nicht unbedingt gegen ungeliebte kirchliche Lehrentscheidungen (veritates catholicae) – hier beschränkt man sich darauf, sie einfach nicht zu erwähnen -, sondern sie richtet sich gegen den wahren Glauben selbst, indem sie die eigene Einsicht zur positiven Norm und zum einzigen Erkenntnisgrund der göttlichen Offenbarungswahrheit macht, angetrieben von Seiten der Willensfreiheit, die wider besseres Wissen als der höchste menschliche Wert ausgegeben wird. Darum besteht der Grundakt der Häresie in einer Wahl, kraft welcher sich der Mensch gegen die „veritas prima“ (=die erste Wahrheit), die der sich offenbarende Gott selbst ist, setzt und dadurch sein der absoluten Wahrheit Unterworfensein theoretisch und praktisch negiert und leugnet. An diesem der Wahrheit des wahren Glaubens total Unterworfensein entzündet sich die Häresie. Darum hat sie Thomas von Aquin mit Recht als eine „species infidelitatis“ bestimmt, als eine Wesens- und Artgestalt des Unglaubens, und zwar als die gefährlichste, weil hierbei zugleich mit der Negation der göttlichen Wahrheit und der Leugnung der Heils-Wahrheit privativ die Todsünde mit-gesetzt wird, d.h. der Heils-Verlust. Nicht die Hartnäckigkeit des Häretikers ist das Entscheidende, sondern der häretische Habitus bzw. die habituell gewordene Häresie, die niemals ohne eigenes Verschulden Wirklichkeit wird. Die Häresie ist positiver (gesetzter) und vollendeter Unglaube gegenüber dem wahren Glauben und seiner Heilsnotwendigkeit. Darum hat es im Grunde auch wenig Sinn, eine formelle Häresie von einer materiellen zu unterscheiden, da sie weder von den Dogmen der Kirche abhängt noch erst durch sie in Erscheinung tritt. Zwar sagt man mit Recht, wer ein einziges Dogma leugnet, der leugnet auch alle übrigen. Aber warum ist das so? Gewöhnlich gibt man als Grund an: weil die Leugnung eines einzigen Dogmas bereits die Leugnung der Unfehlbarkeit der Kirche als solche impliziert. Doch ist diese Ansicht, obwohl nicht falsch, dennoch nicht stichhaltig oder zwingend, weil sie das Problem verschiebt und vom Wesen der Häresie nichts mehr in Erscheinung treten läßt, die eben nicht eine oder mehrere Glaubenswahrheiten leugnet oder anzweifelt, sondern zuerst die Unteilbarkeit der Glaubenswahrheit als solche und den wahren Glauben selbst. Und gerade dies läßt sich viel leichter feststellen, als man gewöhnlich meint, so daß man gar nicht darauf zu warten braucht, bis ein Häretiker endlich gegen ein Dogma verstößt, falls es ein solches überhaupt gibt, gegen das er verstoßen könnte. M.a.W.: mit der „fides catholica“ allein kommt man heute nicht weiter, und dies vor allem dann nicht, wenn kirchliche Dogmen nicht angegriffen, sondern geschickt unterlaufen oder neutralisiert werden. Wir leben heute in einer Zeit, wo man sozusagen vor lauter Häresien die Häresie und ihre Folgen nicht mehr sieht.

Die Häresie ist eine Sünde gegen die Tugend des Glaubens

Eine solche Leugnung einer mit göttlichem und katholischem Glauben anzunehmende Wahrheit ist eine Sünde – und zwar nicht nur irgendeine Sünde, sondern wie der hl. Thomas von Aquin sagt: „Offenbar ist die Sünde des Unglaubens größer als alle Sünden der Verkehrtheit der Sitten.“ Und er erklärt das noch genauer: „Die schwersten Sünden sind die, welche sich gegen die Gottheit selbst richten, wie die Sünde des Unglaubens und der Lästerung. An zweiter Stelle aber sind schwere Sünden die, welche sich gegen die Menschheit Christi richten. An dritter Stelle stehen die Sünden gegen die Sakramente, welche auf die Menschheit Christi Bezug haben. Und danach folgen die übrigen Sünden, die sich nur gegen geschaffene Wesen richten.“ Wenn man damit das Sündenbewußtsein des modernen Menschen vergleicht, dann wird einem der fundamentale Unterschied deutlich: Heute werden die Sünden gegen die Menschlichkeit – was das auch immer sein mag – als die größten Sünden dargestellt. Dagegen wird eine Sünde gegen Gott wie eine Bagatelle, eine nicht beachtenswerte Kleinigkeit angesehen, die übrigens nur noch rein privaten Charakter hat und nur dann strafrechtliche Konsequenzen nach sich zieht, wenn die öffentliche Ruhe gestört wird. Das ist so, weil für den modernen Menschen Gott keine Wirklichkeit mehr ist.

Prof. Dr. D. Wendland gibt zu bedenken:

Nun aber richtet sich die Häresie mit aller Macht und Tücke direkt und unmittelbar gegen diesen Glauben, der auf dem geoffenbarten Gotteswort beruht, das in sich unfehlbar wahr und dadurch zum Heil des Menschen notwendig ist, so daß es, wenn es nicht intellektiv bejaht und voluntativ angenommen wird, die Wirkung nach sich zieht, den Menschen durch sein eigenes Verschulden in sein Unheil, in eine abgrundtiefe Heillosigkeit, d.h. in die Verdammnis zu stürzen, die sich der Mensch selber zuzieht. Denn es hat sich der allmächtige, wahre und heilige Gott nicht zum Spaß geoffenbart, so daß der Mensch in seinem Hochmut oder in seiner Dummheit es sich hernach leisten könnte, das Wort Gottes etwa nur „zu berücksichtigen“ oder auch nicht. So aber verhält es sich absolut nicht in Sachen der christlichen Religion, die die einzig wahre ist, andernfalls man sie nicht einmal als eine Religion bezeichnen könnte, sondern nur als eine primitive Weltanschauung ideologischer Natur, auch wenn diese sich das Schwindeletikett „katholisch“ zulegt.

Die modernistische Verkehrung des Glaubens

Ein sog. Modernist – also eine „Katholik“, der den wahren Glauben verloren und ihn durch einen Scheinglauben ersetzt hat – glaubt zwar noch, aber sein Glaube hat sich seinem Wesen nach verändert. Wenn man nur oberflächig diesen Glauben betrachtet, wird einem das nicht unbedingt auffallen – vor allem, wenn man einen konservativen Modernisten vor sich hat. Es ist darum unabdingbar, diese Wesensveränderung des Glaubens klar einzusehen. Der hl. Pius X. hat das System des Modernismus analysiert und aufgearbeitet. In seiner Enzyklika „Pascendi“ geht er auf die philosophische Wurzel des Modernismus näher ein. Es heißt darin:

„Beginnen wir mit der Philosophie (* – die höchste der rein natürlichen Wissenschaften). Als Grundlage der Religionsphilosophie (* =die rein natürliche Wissenschaft über die Verbindung des Menschen mit Gott) betrachten die Modernisten die unter dem Namen Agnostizismus (* = Lehre von der völligen Unerkennbarkeit Gottes) bekannte Doktrin. Nach ihr ist die menschliche Vernunft gänzlich auf die Phänomene (* = alles das, was mit den fünf Sinnen wahrnehmbar ist) beschränkt: das heißt, auf die Gegenstände, welche äußerlich in Erscheinung treten, und wie sie in diese äußere Erscheinung treten. Diese Grenzen zu überschreiten hat sie weder das Recht noch die Fähigkeit. Darum vermag sie sich auch nicht zu Gott zu erheben und auch nicht Seine Existenz aus den sichtbaren Dingen zu erkennen. Es folgt also, daß Gott auf keinen Fall direkt Gegenstand der Wissenschaft (* = des vernunftgemäß geordneten Aufbaues des Wissens) sein könne; und was die Geschichte betrifft: daß Gott in keiner Weise als Gegenstand der Geschichte (* NB: also letztlich als nicht wirklich existierend!) anzusehen sei.“

Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.