Disput im Tradiland

Wie wir inzwischen wissen, muß derjenige, der mit Alice ins Wunderland gerät, sich darauf einstellen, daß dort alles etwas anders ist als gewohnt. Es ist ein merkwürdiges Land, in dem merkwürdige Sachen passieren. Nachdem etwa Alice den Kuchen zum Wachsen völlig aufgegessen hatte, weil zunächst nichts geschah und sie zu wenig Geduld hatte, länger zu warten, wurde sie derart in die Länge geschoben, daß es zum Verzweifeln war. Ihre Füße entfernten sich immer mehr, weshalb sie zu weinen begann, und zwar einen ganzen Tränensee voll Tränen. Als sie in der Entfernung Schritte hörte, hörte Alice auf zu weinen, trocknete sich schnell die Tränen und sah das Kaninchen in vollem Hofstaat daherstolzieren. In ihrer Not rief Alice es an: „Bitte, lieber Herr!“ Da fuhr das Kaninchen derart zusammen, daß es die weißen Handschuhe und den Fächer fallen ließ. So schnell es konnte, lief es davon in die Nacht hinein.

Wer bin ich?

Alice nahm gedankenlos den Fächer und die Handschuhe auf, und da es im Gang sehr heiß war, fächelte sie sich ein wenig zu, während sie vor sich hin murmelte: „Wunderbar! — wie seltsam heute alles ist! Und gestern war es ganz wie gewöhnlich. Ob ich wohl in der Nacht umgewechselt worden bin? Laß mal sehen: war ich dieselbe, als ich heute früh aufstand? Es kommt mir fast vor, als hätte ich eine Veränderung in mir gefühlt. Aber wenn ich nicht dieselbe bin, dann ist die Frage: Wer in aller Welt bin ich? Ja, das ist das Rätsel!“

Ähnlich ergeht es dem Tradi in der Menschenmachwerkskirche, d.h. in seinem Tradiland. Weil sich dort alle katholisch nennen dürfen, obwohl jeder etwas anderes glaubt, muß sich der Tradi gleichfalls fragen: „Wer in aller Welt bin ich? Ja, das ist das Rätsel!“

Alice versuchte dieses Rätsel so zu lösen: „Ich bin sicherlich nicht Ida, denn die trägt lange Locken, und mein Haar ist gar nicht lockig; und bestimmt kann ich nicht Clara sein, denn ich weiß eine ganze Menge, und sie, oh! sie weiß so sehr wenig! Außerdem, sie ist sie selbst, und ich bin ich, und, o wie konfus es alles ist! Ich will versuchen, ob ich noch alles weiß, was ich sonst wußte. Laß sehen: vier mal fünf ist zwölf, und vier mal sechs ist dreizehn, und vier mal sieben ist — o weh! auf die Art komme ich nie bis zwanzig! Aber, das Einmaleins hat nicht so viel zu sagen; ich will Geographie nehmen. London ist die Hauptstadt von Paris, und Paris ist die Hauptstadt von Rom, und Rom — nein, ich wette, das ist alles falsch! Ich muß in Clara verwandelt sein!“ Clara war offensichtlich das Schlußlicht der ganzen Klasse.

Welches Rom?

Hier haben wir einen weiteren Anknüpfungspunkt zum besseren Verständnis des Tradilandes, dort sind sich alle einig: Rom ist nicht mehr Rom! Aber wenn man die Tradis dann fragt: Was ist denn Rom dann? Ist es Paris, ist es London, ist es New York oder München? Dann wissen sie keine klare und übereinstimmende Antwort zu geben. Sie schwafeln etwas vom liberalen Rom, vom Rom, das den Glauben verloren hat, vom Rom der Modernisten usw. Das Rom der Tradis ist sozusagen vielgesichtig, was einem Katholiken äußerst seltsam erscheint, hat man sich doch früher einfach römisch-katholisch genannt, weil allen Katholiken ganz selbstverständlich „Rom“ als Garant des katholischen Glaubens galt.

Aus groß wird klein.

Diese Vielgesichtigkeit des Namens „Rom“ bei den Tradis liegt daran, wir haben in unserem ersten Teil darauf hingewiesen, daß ihr Papst keine Schlüssel mehr trägt, also geschrumpft ist, wohingegen ihre Tradition ins Unermeßliche gewachsen ist, wie Alice, nachdem sie unvorsichtigerweise gleich den ganzen Kuchen gegessen hatte. Wobei diese Übergröße sich wiederum nur als recht kurzfristig erwies, denn Alice wird wieder kleiner, ja sogar so klein, daß sie in ihrem eigenen Tränensee fast ertrunken wäre, wenn die Maus sie nicht gerettet hätte. Auch die Tradition der Traditionalisten erweist sich bei näherem Hinsehen nicht als tragfähig, sondern im Gegenteil als sehr fragil, d.h. mit einer ganzen Anzahl von Irrtümern behaftet. Anders als bei Alice im Wunderland, ist bei den Tradis keine rettende Maus in Sicht.

Wir wollen diesem Kuriosum etwas ausführlicher nachgehen.

Ein Vortrag im Tradiland

Auf dem Blog „zelozelavi“ wurde schon öfter Dr. Peter Kwasniewski, ein umtriebiger amerikanischer Tradi und passionierter Anti-Ultramontanist und Liberaler, erwähnt. Wie dort berichtet (Ultramontanistischer Mythos 1 und 2) hat dieser im September 2020 einen Vortrag vor einer Gemeinde der „Petrusbruderschaft“ gehalten, in welchem er seinen „Weg vom Ultramontanismus zum Katholizismus“ darlegte.

Einem Katholiken muß eigentlich schon der Titel des Vortrags verdächtig vorkommen und die Ahnung wachrufen: Ein typischer Vortrag aus dem Tradiland. Nur dort „bekehrt“ man sich vom Ultramontanismus zum Katholizismus. Ein wahrer Katholik würde übrigens zweitere Bezeichnung tunlichst meiden, weil nämlich unser hl. Glaube gerade kein „-ismus“ ist, also keine Ideologie, sondern die göttliche Wahrheit. Bei einem Tradi ist das nicht so, auch wenn er es uns hundertmal zusichert, sein Glaube sei keine Ideologie, so ist er dennoch Traditionalismus

Eine jugendliche Schwärmerei?

In seinem Vortrag berichtet also Herr Dr. Peter Kwasniewski der darüber leider nicht verwunderten traditionalistischen Zuhörerschaft aus der „Petrusbruderschaft“, wie er vom Ultramontanismus sich zur Ideologie des Tradikatholizismus „bekehrt“ hat. Wir erfahren von ihm persönlich, er sei in jungen Jahren selber diesem Irrtum angehangen – und zwar alsKarol Wojtyla, alias Johannes Paul II., Chef der Menschenmachwerkskirche war. Jeder geistig wache Zuhörer hätte spätestens hier das Ergebnis dieses Wahnsinns ahnen können. 

Irgendwie merkte unser Amerikaner, daß Herr Bergoglio nicht katholisch ist, was nun wirklich nicht zu übersehen war. Erschüttert stellte er fest: Als Katholik könne man sich nicht auf die „päpstlichen“ Verlautbarungen stützen, genausowenig könne man die Handlungen des Papstes einfachhin als vorbildlich betrachten. Um seine Erschütterung zu dokumentieren, erwähnt Peter Kwasniewski einen Brief aus dem Jahr 1995, also seiner ultramontanen Zeit, in dem er als junger Student sichtlich begeistert geschrieben hat: „Der Papst ist die Inkarnation der apostolischen Gewalt und Festigkeit, er ist es, der die Schüssel trägt, um im Himmel und auf Erden zu lösen und zu binden. Das gesamte Erbe des Depositum fidei ruht in seiner Hand, und nur durch seine Vermittlung wird es lebendig und bindend. Der Papst übt auf Erden eine ähnliche Aufgabe wie die allerseligste Jungfrau Maria im Himmel. So wie sie die Mittlerin aller Gnaden ist, so ist er der Mittler aller Lehre und Disziplin. Die ‚beständige Lehre der Kirche‘ ist nicht einfach oder in erster Linie historisch, sie ist gegenwärtig, tätig, lebendig. Und wo hat sie auf Erden ihren Sitz? Im Stellvertreter Christi. Sie ist ihm wie eine zweite Natur eingeprägt durch den Heiligen Geist, seit er zum Papst geweiht wurde.“

Papolatrie?

Auch wenn einiges an den Aussagen noch zu verbessern wäre – ein Papst etwa wird nicht zum Papst „geweiht“ – so geben doch diese Zeilen des jungen Studenten seine katholische Gesinnung wieder. Leider vertiefte Peter Kwasniewski diese nicht angesichts der glaubenszerstörenden und götzendienerischen Umtriebe des Bergoglio, sondern er meinte einsehen zu müssen, daß dieser Brief eine „jugendliche Schwärmerei“ gewesen sei, die ihn heutzutage peinlich berühre. Ja, dieser Brief sei der „vollkommene Ausdruck“ dessen, was der italienische Kirchenhistoriker Roberto de Mattei „Papolatrie“ nenne, also „Papstvergötterung“. Angesichts der tatsächlichen römischen Verhältnisse unter Bergoglio – Rom ist nicht mehr Rom! – galt es, diesen krankhaft übersteigerten Ultramontanismus zu korrigieren. Der arme Herr Kwasniewski begann also, seinen katholischen Glauben den römischen Verhältnissen anzugleichen, anstatt die römischen Verhältnisse aufgrund seines katholischen Glaubens objektiv zu beurteilen, womit er dem Wahnsinn Tür und Tor öffnete. 

Also ins Tradideutsch übersetzt: Diesem „Petrus“ mußten die Schlüssel des Himmelreiches genommen werden, verführt er doch die ganze Welt zum Glaubensabfall! Der Herr Doktor muß nun tatsächlich seinem der Schlüssel beraubten „Petrus“ dafür die Schultasche umhängen, er muß seinen „Papst“ zum Schulbuben degradieren, damit er ihn nach Lust und Laune kritisieren kann. Denn nur dann paßt sein „Petrus“ – was ist an diesem Schulbubenpapst eigentlich noch Felsenartiges, Petrusartiges? – zur heutigen neurömischen Wirklichkeit.

Bekehrung“ aufgrund eines Briefes

Nahtstelle dieser kuriosen „Bekehrung“ war offensichtlich ein Brief von Kardinal John Henry Newman, dem „womöglich größte(n) Theologe(n) des 19. Jahrhunderts“, vom 21. August 1870 an seinen Freund Ambrose St. John, über den Kwasniewski unglücklicherweise gestolpert war: „Ich hätte einiges zu sagen über diese Definition… Mein Bedenken ist, daß, während es nicht üblich ist, eine Definition zu geben außer im Falle einer drängenden und eindeutigen Notwendigkeit, diese Definition, indem sie dem Papst Macht gibt, für ihn allein dadurch ein Präzedenzfall und eine Versuchung wird, seine Macht ohne Not zu gebrauchen, wann immer er will, ohne dazu aufgefordert zu sein. Ich sage den Leuten, die mir schreiben, daß sie Vertrauen haben sollen, aber ich weiß nicht, was ich ihnen sagen sollte, wenn der Papst so handeln würde. Und ich bin darüberhinaus besorgt, daß die tyrannische Mehrheit [der Herr Doktor merkt hier abermals eigens in Klammern an: „Damit bezieht sich Newman auf die Bischöfe des I. Vatikanums, welche für die Definition stimmten!“] nach wie vor darauf hinzielt, den Bereich der Unfehlbarkeit auszudehnen. Ich kann nur sagen, wenn das geschieht, werden wir tatsächlich unter einem neuen Glaubenssystem stehen. Aber wir müssen hoffen – denn wir sind verpflichtet, das zu hoffen, – daß der Papst aus Rom vertrieben wird und das Konzil nicht fortsetzen kann, oder daß es einen anderen Papst geben wird. Es ist traurig, daß er uns zu solchen Wünschen zwingt.“

Ein Katholik ist doch recht verblüfft, solche Zeilen aus der Hand eines Katholiken zu lesen! Herr Dr. Kwasniewski scheint nicht verblüfft, sondern ergriffen gewesen zu sein. So ist es nun einmal bei den Tradis, es fehlt ihnen das gesunde Urteil. 

John Henry Newman

Werfen wir jedoch zunächst einen kurzen Blick auf den englischen Konvertiten John Henry Newman, ehe wir auf den Inhalt dieses Briefes und den Glauben Newmans zu sprechen kommen. 

Einem Katholiken müßte eigentlich direkt ins Auge springen, eine so auffallende Lobhudelei auf die Person Newmans – des „womöglich größte(n) Theologe(n) des 19. Jahrhunderts“, wobei sich diese Lobsprüche beliebig vermehren ließen – und zwar von den Modernisten (!) macht den Mann irgendwie verdächtig. Zudem wirft die blinde Übernahme dieses Urteils ein äußerst schlechtes Licht auf die Gelehrsamkeit Peter Kwasniewskis. Wie kann er seine „Bekehrung“ hauptsächlich auf einen Brief eines Konvertiten stützen, den dieser kurz nach dem Vatikanischen Konzil geschrieben hat, wobei man weiß, daß Newman vor der Definition gegen das Unfehlbarkeitsdogma war? Einen wirklich gebildeten Katholiken würde das sehr vorsichtig machen. 

Kwasniewski dagegen schwärmt sich in den Chor der Modernisten hinein (schon wieder schwärmt er, aber sozusagen diesmal mit anderem inhaltlichen Vorzeichen), daß „einer der brillantesten und heiligmäßigsten Theologen der modernen Zeit ein so tiefes Mißtrauen gegen ein rechtmäßig einberufenes Konzil hegte, gegen rechtmäßig vom Konzil promulgierte Akte und besonders gegen den regierenden Papst, den er aus Rom vertrieben oder durch einen besseren Papst ersetzt zu sehen wünscht“.

Das mit dem brillantesten und heiligmäßigsten Theologen der modernen Zeit scheint nun wirklich maßlos übertrieben, das andere scheint äußerst bedenklich, wenn nicht sogar Häresie begünstigend zu sein – wir werden noch zeigen, daß es einen anderen Brief von Newman gibt, der diese Befürchtung leider eher stützt als zerstreut.

Ruhm im Tradiland

An dieser Stelle ist es gut, eine Bemerkung einzuschieben: Newman hat an die 20.000 Briefe und eine ganze Reihe religiöser Werke geschrieben! Könnte es nicht sein, daß dieser eine Brief, geschrieben so kurz nach dem Vatikanischen Konzil, also in der vollen Erregung des Augenblicks, gar nicht seine im katholischen Glauben gefestigte Meinung wiedergibt? Ein wirklich Gelehrter würde sich jedenfalls niemals auf ein so brüchiges Fundament stützen – und das bei der Menge an Schriften und Briefen Newmans. Aber im Tradiland ist das anders. Wie man immer wieder feststellen kann und muß, stürzen sich die Tradis auf jeden Text, der sich so anhört wie das, was ihnen gerade im Kopf herumgeht. Ob nun der Text wirklich zum Thema irgendetwas nützt oder nicht, ist für sie jeweils zweitrangig. Pech für den Text sozusagen – hier: Pech für Newman! Hätte er doch besser den Brief verbrennen lassen, dann wäre ihm dieser zweifelhafte Ruhm im Tradiland erspart geblieben. 

Herr Peter Kwasniewski jedenfalls lobt Newmans „realistische und kritische Einschätzung“ des Vatikanischen Konzils, „dessen Dogmen er rückhaltlos anerkannte, aber gegen dessen ‚Geist‘, wenn man so sagen darf, er Vorbehalte hegte“.

Der „Geist des Konzils“?

Das mit dem „Geist“ des Konzils kommt einem doch recht bekannt vor, so daß einem Katholiken bei diesem Wort sofort die Alarmglocken zu läuten beginnen. Ist damit etwa gar dasselbe gemeint, was mit dem Wort „Geist“ des sog. 2. Vatikanums ausgesagt wird? Hat sich nicht dieser „Geist“ als ein recht unheimlicher Ungeist entpuppt? Für einen Katholiken ist es jedenfalls unmöglich, zwischen einem Konzil und dessen Geist zu unterscheiden, um sodann das eine gegen das andere auszuspielen. Aber wie wir schon öfters erwähnten, unsere Tradis sind halt doch im Grunde ihres Herzens Modernisten, wenn einem ein Konzil nicht so in den Kram paßt, kann man immer noch auf dessen „Geist“ ausweichen, der einem sodann durchaus gefallen kann, auch wenn er das Gegenteil von dem behauptet, was die Texte des Konzils sagen. Da kann man dann jederzeit nachbessern, denn für einen Tradi sind Konzilien genauso wenig unfehlbar wie ihr Papst, hängt doch beides untrennbar zusammen.

Wo ist Petrus?

Es ist zudem bekannt, Modernisten haben es nicht so mit der Theorie, Herr Peter Kwasniewski auch nicht. Er bleibt konkret und erwähnt als zweites abschreckendes Beispiel einen Blog namens „Where Peter Is“ (Wo Petrus ist). Der Betreiber dieses Blogs ist ein glühender Verteidiger von „Papst Franziskus“. Und weil er seinem Papst die Schlüssel nicht wegnehmen möchte, selbst wenn er Bergoglio heißt, verteidigt er seinen „Papst Franziskus“ auf Teufel komm raus, so muß man sagen. Alle Widersprüche zwischen dem früheren Lehramt und Bergoglios leeramtlicher „Kreativität“ werden großzügig übergangen, ja regelrecht weggewischt. Ja selbst dem Skandalschreiben „Amoris laetitia“ müssen die Katholiken ihre Zustimmung geben. Mitgefangen mitgehangen!

Eigentlich hätte unser Amerikaner der Vollständigkeit halber nun noch jene erwähnen müssen, für die nicht Bergoglio, sondern immer noch Ratzinger der „Papst“ ist, dann hätte er zumindest alle menschenmachwerkskirchlichen Möglichkeiten eines gegenwärtigen „Papstbezugs“, so muß man wohl hier sagen, im heutigen Tradiland ausgeschöpft. Vielleicht wäre er dann doch noch unsicher geworden, ob seine Lösung allein die richtige ist oder sein kann? Denn Ratzinger ist doch besser als Bergoglio, oder etwa nicht? Außerdem läuft er immer noch in weißer Soutane in Rom herum und mehr als eine weiße Soutane braucht der „Papst“ der Tradis eigentlich nicht. Darüber hinaus wäre nicht noch zu bedenken gewesen, ob nicht jede der drei Versionen ein Körnchen Wahrheit für sich hat – und womöglich die eine oder andere sogar mehr Körnchen Wahrheit als seine? Nun, soweit reicht der Horizont des Amerikaners nicht. Sein Selbstbewußtsein bleibt angesichts dieser Vielfalt von Interpretationsmöglichkeiten unangetastet. Einen richtigen Tradi fechten solche Fragen in keiner Weise an, denn, man muß es immer im Hinterkopf bewahren, sie haben ja dem Petrus die Schlüssel abgenommen, um sie nun selber eifrig zu benützen. Deswegen haben sie die Tradition immer auf ihrer Seite – und nicht die anderen, jawohl! 

Tisch- und Teerunde

Kehren wir zur Entspannung nochmals zurück zu unserer Tisch- und Teerunde im Wunderland der Alice. Als es wieder einmal Zeit dazu war, rückte der Hutmacher einen Platz vor, das Murmeltier folgte ihm, und der Faselhase rückte an den Platz des Murmeltiers. Alice mußte, obgleich etwas ungern, den Platz des Faselhasen einnehmen. Wie leicht einzusehen war, hatte nur der Hutmacher allein einen Vorteil von diesem Wechsel. Für Alice dagegen wurde es viel schlimmer als zuvor, da der Faselhase eben den Milchtopf über seinem Teller umgestoßen hatte. 

Wir sehen deutlich, das ist so wie bei den Tradis, die haben auch immer den Vorteil, wenn sie in ihren Argumenten einen Platz vorrücken, während die anderen immer das Nachsehen haben. Nur ignorieren sie beständig, daß auch sie sich an einen schon gebrauchten Teller setzen müssen, sind doch ihre Argumente inzwischen schon allzu sehr abgegriffen, weil sie inzwischen zigmal überrundet wurden. Dennoch tun die Tradis immer wieder so, als wäre ihr ewig gestriges Geschwätz die neueste Erkenntnis und ganz und gar wahr. 

M

Aber wir sind schon wieder abgeschweift, zurück ins Wunderland. Alice hatte einen Disput mit dem Murmeltier, in dem sie recht unfreundlich wurde. Da sie das Murmeltier nicht wieder beleidigen wollte, fing sie sehr vorsichtig an zu fragen: „Aber ich verstehe nicht. Wie konnten sie den Sirup zeichnen?“

„Als ob nicht aller Sirup gezeichnet wäre, den man vom Kaufmann holt,“ sagte der Hutmacher; „hast du nicht immer darauf gesehen: feinste Qualität, allerfeinste Qualität, superfeine Qualität — oh, du kleiner Dummkopf?“

„Wie gesagt,“ fuhr das Murmeltier fort, „lernten sie zeichnen;“ hier gähnte es und rieb sich die Augen, denn es fing an, sehr schläfrig zu werden; „und sie zeichneten Allerlei — Alles was mit M. anfängt…“

„Warum mit M?“ fragte Alice.

„Warum nicht?“ sagte der Faselhase.

Alice war still.

Das Murmeltier hatte mittlerweile die Augen zugemacht, und war halb eingeschlafen; da aber der Hutmacher es zwickte, wachte es mit einem leisen Schrei auf und sprach weiter: — „was mit M anfängt, wie Mausefallen, den Mond, Mangel und manches Mal — ihr wißt, man sagt: ich habe das manches liebe Mal getan — hast du je manches liebe Mal gezeichnet gesehen?“

„Wirklich, da du mich selbst fragst,“ sagte Alice ganz verwirrt, „ich denke kaum…“

„Dann solltest du auch nicht reden,“ sagte der Hutmacher…

Si tacuisses … – Wenn du geschwiegen hättest…

Das wäre doch ein interessantes Tradirätsel, „manches liebe Mal“ zu zeichnen! So ein Rätsel zu lösen, wäre jedenfalls immer noch interessanter und sinnvoller, als die Theologie der Traditionalisten nachzuzeichnen. Zudem könnte man dann die Tradis darüber nachdenken und schreiben lassen, was denn nun eigentlich das gezeichnete „M“ mit dem Sirup zu tun habe. So wären sie eine Weile beschäftigt. Herr Kwasniewski macht sich leider darüber keine Gedanken, wie man „manches liebe Mal“ zeichnet, dafür ist er aber felsenfest davon überzeugt, daß sein Papst keine Schlüssel des Himmelreiches braucht, sondern eine Schultasche zum Umhängen. Deswegen scheint ihm die Tradition auch ohne die Hilfe des Lehramtes ganz leicht, spielend leicht zugänglich zu sein, denn immerhin fänden wir Katholiken in den alten Katechismen alles, was wir brauchen, um die Wahrheit und den Weg zum Himmel zu kennen. Seltsam, soweit uns bekannt ist, lesen zwar alle Traditionalisten denselben Katechismus, aber dennoch sind sie nicht derselben Meinung. Woran das wohl liegen mag? Diese Frage übersteigt offensichtlich den geistigen Horizont unseres Amerikaners gewaltig, denn er erwähnt sie mit keiner Silbe. Darum bildet er sich auch felsenfest ein, daß er aufgrund seines Katechismuswissens dem aktuellen Lehramt spielend das Wasser reichen und deswegen auch standhaft Widerstand leisten könne, und zwar in Form eines „respektvollen Ausdrucks unserer auf objektiven Kriterien beruhenden Gewissensüberzeugung, daß der Papst in die Irre gegangen sei“. So lautet seine Interpretation Newmans – auf die wir noch zurückkommen werden. 

Was sagte noch der Hutmacher zu Alice? „Dann solltest du auch nicht reden.“ Herr Kwasniewski hätte vielleicht doch vorher versuchen sollen „manches liebes Mal“ zu zeichnen, eher er sich an ein so umfangreiches Werk wie das Newmans wagt, um diesen sodann kurzerhand auf seine Seite zu ziehen und vor seinen Karren zu spannen. 

Ein Selbstzeugnis

Uns bleibt jedenfalls nun nicht mehr erspart, uns mit dem englischen Konvertiten ausführlicher zu beschäftigen, wollen wir zu einem vernünftigen Urteil kommen. 

Zeichnen wir zunächst anhand des Aufsatzes von P. Hermann Geißler FSO „Der heilige John Henry Newman: ein Kirchenlehrer?“ seinen Werdegang nach. 

Gleich einleitend stellt Hermann Geißler fest, was wir nicht übergehen wollen: Newman kann „nicht als Vertreter der klassischen ‚Schul-Theologie‘ bezeichnet werden. Er selber schrieb in einigen Briefen sogar, dass er sich nicht für einen richtigen Theologen hält, weil er sich nie hingesetzt hat, um einen theoretischen Traktat etwa über die Gotteslehre, die Christologie, die Ekklesiologie oder einen anderen Bereich der Theologie zu verfassen. Newmans theologisches Denken kommt aus dem konkreten Leben heraus und möchte dazu beitragen, das Leben im Glauben zu verstehen und zu bestehen. Seine Theologie ist deshalb nicht bloße Theorie, sondern immer auf das konkrete Leben ausgerichtet.“

Daraus erahnt man schon die Vorliebe der Modernisten für Newman, aber sieht auch zugleich, wie man Newman lesen muß, um ihn richtig zu verstehen. Aufgrund dieses Geständnisses Newmans, er halte sich nicht für einen richtigen Theologen,ist geradezu zu erwarten, daß seine theologische Begrifflichkeit nicht immer präzise ist, d.h. daß man manches im größeren Zusammenhang lesen und verstehen muß, will man ihn nicht mißverstehen.

Eine Anklage in Rom

Übrigens hat es schon zu Lebzeiten Newmans ein recht weitreichendes Mißverständnis geben. Als er nämlich in der katholischen Zeitschrift „Rambler“ einen längeren Aufsatz „Über das Zeugnis der Laien in Fragen der Glaubenslehre“ veröffentlichte, wurde er von Professor Gillow beschuldigt, die Lehre von der Unfehlbarkeit der Kirche zu leugnen. Hierauf übersetzte Bischof Brown von Newport Teile des Aufsatzes in die lateinische Sprache und klagte ihn in Rom bei der Kongregation der Propaganda Fide an.

Nachdem Newman von den Vorwürfen hörte, wandte er sich im Januar 1860 an Kardinal Wiseman, der sich damals gerade in Rom aufhielt. Newmans Brief wurde an die Propaganda Fide weitergeleitet. Diese verfasste wie gewohnt einige Anmerkungen zu einzelnen Stellen des Artikels, zu denen Newman Stellung nehmen sollte. Aber diese Anmerkungen bekam Newman niemals zu Gesicht. Ihm wurde vielmehr nur ein Brief zugestellt, in dem ihm mitgeteilt wurde, daß Kardinal Wiseman die Sache für ihn klären würde, was jedoch nicht stimmte. Infolgedessen hielt der Präfekt der Propaganda Fide, Kardinal Barnabò, Newman für ungehorsam.

Der gefährlichste Mann in ganz England?

Jedenfalls sahen manche Newman aufgrund dieses Mißverständnisses als einen gefährlichen Mann an. So schrieb etwa Monsignore Talbot in einem Brief an Erzbischof Manning einige Jahre später: „Es ist völlig richtig, dass in Rom eine Wolke über Dr. Newman hängt, seitdem der Bischof von Newport ihn wegen Häresie in seinem Artikel für den Rambler angezeigt hat“. Weiter meinte der Bischof, die Laien würden bald beginnen, „den Pferdefuß zu zeigen“ und „die Theorie in die Praxis umzusetzen, die Dr. Newman in seinem Artikel im Rambler gelehrt hat… Newman ist der gefährlichste Mann in ganz England“.

Der Vorstoß Newmans, den Laien in der Kirche beizuspringen, war also äußerst unglücklich und führte dazu, daß er von 1859 bis 1867 in Rom unter Verdacht stand, Irrlehren zu verbreiten. Als 1867 der Oratorianer Ambrose St. John, der ebenfalls in Birmingham lebte, und ein anderer Oratorianer bei ihrem Aufenthalt in Rom hörten, was man Newman vorwarf, stellten sie klar, Newman habe nie von diesen Schwierigkeiten erfahren. Hierauf wurde Papst Pius IX. davon informiert, der seinerseits Erzbischof Cullen bat, sich zu Newmans Rechtgläubigkeit zu äußern. Nach einem sehr positiven Bericht des irischen Erzbischofs klärte sich alles auf und Newman wurde rehabilitiert.

Es sei noch erwähnt, daß sich Newman in diesen Jahren der ungerechten Verdächtigungen vorbildlich verhielt. In einem Brief an Henry Wilberforce schrieb er: „Versucht man zu unrechter Zeit, was in sich recht ist, wird man vielleicht zum Häretiker oder Schismatiker. Vielleicht ist, was ich erstrebe, real und gut, aber es kann Gottes Wille sein, dass es erst in hundert Jahren geschieht… Wenn ich gestorben bin, sieht man vielleicht, dass mich manche abhielten, ein Werk zu tun, das ich wohl hätte tun können. Gott waltet über allem. Allerdings ist es entmutigend, keine Fühlung mit der Zeit zu haben, und sobald man zu handeln beginnt, abgewiesen und gehemmt zu werden.“

Ganz anders als die heutigen Traditionalisten sieht Newman auch in diesen Zulassungen die Fügung Gottes und wußte das ihm zugefügte Unrecht in übernatürlicher Ergebung in den Willen Gottes zu tragen. 

Newmans Jugend

John Henry Newman wurde als Sohn des Bankiers John Newman und seiner Frau Jemima, geb. Fourdrinier, einer Nachfahrin einer Hugenotten-Familie aus Nordfrankreich, am 21. Februar 1801 in London geboren. John Henry hatte noch fünf Geschwister. Er war der Älteste von sechs Kindern, drei Knaben und drei Mädchen. Durch seine Mutter, die von einfacher Frömmigkeit war, wurde er religiös erzogen. Der Vater war eher der Zeit entsprechend liberal.

Als Heranwachsender lernte er den Katechismus, und es beseelte ihn eine besondere Liebe zur Heiligen Schrift. Dennoch fehlten ihm religiöse Überzeugungen im eigentlichen Sinne des Wortes. Infolgedessen hatte er bald mit Versuchungen zum Unglauben zu kämpfen. Er wollte zwar ein Gentleman sein, aber kein Gottgläubiger: „Ich erinnere mich des Gedankens, ich möchte wohl tugendhaft sein, aber nicht religiös. Es lag etwas in der Vorstellung des letzteren, das ich nicht mochte. Auch hatte ich nicht erkannt, was es für einen Sinn hätte, Gott zu lieben.“

Als Newman die Sommerferien im Internat verbringen mußte, las er auf Anregung eines Lehrers das Buch „Die Macht der Wahrheit“ von Thomas Scott: „Ich ließ mich in dem Gedanken Ruhe finden, daß es zwei und nur zwei Wesen gebe, die absolut und von einleuchtender Selbstverständlichkeit sind: ich selbst und mein Schöpfer“. Später wird er von seiner ersten Bekehrung sprechen. Dem Buch Scotts entnahm er zwei Worte, die ihn sein ganzes Leben begleiten sollten:„Heiligkeit vor Frieden“ und „Wachstum ist der einzige Beweis des Lebens“.

Es zeigte sich: Die Gnade Gottes fiel auf gutes Erdreich, der Same ging allmählich auf. Fortan bemühte sich Newman ernsthaft und dauerhaft, der Wahrheit ohne Kompromiss zu folgen. „Als ich fünfzehn Jahre alt war (im Herbst 1816) ging in meinem Denken eine große Änderung vor sich. Ich kam unter den Einfluss eines bestimmten Glaubensbekenntnisses, und mein Geist nahm dogmatische Eindrücke in sich auf, die durch Gottes Güte nie mehr ausgelöscht und getrübt wurden.“

Goldene Mitte?

Nach Abschluß seiner Studien wurde Newman Professor in Oxford und bald darauf anglikanischer Geistlicher. Als solcher erlebte er, daß der Einfluß der Religion im öffentlichen Leben immer mehr zurückgedrängt wurde. Darum rief Newman zusammen mit einigen Freunden 1833 die Oxford-Bewegung ins Leben. Diese wollte die anglikanische Kirche anhand des Studiums der Kirchenväter geistig erneuern. Dabei galt es natürlich auch im Sinne der anglikanischen Staatskirche, sich klar gegen die römisch-katholische Kirche abzugrenzen. Man positionierte sich infolgedessen in der Mitte zwischen den Protestanten und den Katholiken. Während nämlich die Protestanten Wahrheiten des ursprünglichen Glaubens verworfen hätten, hätten die Katholiken den Glauben der Alten Kirche durch mancherlei Irrtümer entstellt. Allein die Anglikaner haben als „Via Media“ [Mittelweg] das Erbe der Väter treu bewahrt.

Anders als unsere Tradis, die ebenfalls die „Via Media“ als ihren Weg sehen und als den allein richtigen wieder und wieder loben, begannen Newman und andere aus der Oxford-Bewegung sich zu fragen, ob das denn so überhaupt stimme? Liegt denn tatsächlich die Wahrheit immer in der Mitte? Newman erkannte durch eine intensive Beschäftigung mit der Irrlehre des Arianismus – das erste größere Werk Newmans aus dem Jahr 1832 hat den Titel „Die Arianer des vierten Jahrhunderts“; er schrieb es im Alter von 31 Jahren als Professor am Oriel College in Oxford –, daß diese Frage eindeutig mit „Nein!“ zu beantworten ist.

Zur Zeit des Arianismus gab es nämlich ebenfalls eine „Via Media“: die Semi-Arianer. Während die Arianer die Gottheit Jesu leugneten, lehrte Rom, Jesus Christus ist sowohl wahrer Mensch als auch wahrer Gott. Die Semi-Arianer hingegen lehren: Jesus Christus ist nicht Gott gleich, sondern nur Gott ähnlich. Es war eindeutig, die Wahrheit lag nicht in der Mitte und bei den Semi-Arianern, sondern auf der Seite Roms. Aufgrund dieses Studiums der Kirchengeschichte brach die Theorie der „Via Media“ in sich zusammen – und der Weg zum katholischen Glauben war frei.

Ein Prinzip voller Kraft

In seinem Buch aus seinem Konversionsjahr 1845, „Entwicklung der Glaubenslehre“, schreibt Newman: „Daß es also eine Wahrheit gibt; daß es nur eine Wahrheit gibt; daß religiöser Irrtum an sich unmoralischer Natur ist; daß, wer ihn vertritt – es sei denn unfreiwillig –, sich dadurch schuldig macht; dass das Forschen nach der Wahrheit keine bloße Befriedigung der Neugier ist; dass ihre Erlangung nichts von der Erregung einer Entdeckung hat; daß der menschliche Geist der Wahrheit unterworfen ist, nicht über sie herrscht; dass er verpflichtet ist, statt großspurig über sie zu reden, ihr in Ehrfurcht zu begegnen; dass Wahrheit und Falschheit uns zur Prüfung unserer Herzen vorgesetzt werden; dass unsere Wahl ein schaudererregendes Auswerfen der Lose ist, auf denen Errettung oder Verwerfung geschrieben steht; daß es vor allen Dingen notwendig ist, den katholischen Glauben zu halten, das ist das dogmatische Prinzip, ein Prinzip voller Kraft“.

Katholische Interpretation des anglikanischen Glaubens?

Mit seinen „neuen“ Einsichten machte sich Newman freilich keine Freunde unter den Anglikanern. Sein Versuch, den anglikanischen Glauben katholisch zu interpretieren, wurde selbstverständlich von der Universität Oxford offiziell verurteilt und von den anglikanischen Bischöfen heftig zurückgewiesen. Darum siedelte er zusammen mit einigen Freunden nach Littlemore, einem Dorf in der Nähe der Universität, über. Hier wollte er durch Gebet, Fasten und Studium zu einer klaren Entscheidung finden. Im Januar 1845 schrieb er: „Die Frage heißt einfach: Kann ich (ganz persönlich, nicht ein anderer, sondern kann ich) in der englischen Kirche selig werden? Könnte ich noch in dieser Nacht ruhig sterben? Ist es eine Todsünde für mich, nicht einer anderen Gemeinschaft beizutreten?“

Es zeigt sich im Leben Newmans, wer Gott ehrlichen Herzens sucht, von dem läßt Er sich auch finden: „Je weiter ich voranschritt, desto mehr klärten sich meine Schwierigkeiten auf, so daß ich aufhörte, von ‚römischen Katholiken‘ zu sprechen und sie ohne Bedenken einfach Katholiken nannte. Ehe ich zu Ende kam, entschloß ich mich zum Übertritt, und das Buch blieb in dem Zustande, in dem es damals war, unvollendet.“

Newmans Konversion

Am 8. Oktober 1845 trafen zwei Freunde Newmans in Oxford den italienischen Passionisten Pater Domenico Barberi. Bei dieser Gelegenheit teilten sie ihm um 10 Uhr am Abend spontan mit, Newman wünsche, in die katholische Kirche aufgenommen zu werden. Ohne zu zögern fuhren alle drei durch strömenden Regen mit einem Wagen nach Littlemore, wo sie um 11 Uhr ankamen. Noch am gleichen Abend legte John Henry zusammen mit den beiden Freunden im Privatoratorium das Glaubensbekenntnis ab. Außerdem empfingen sie bedingungsweise die hl. Taufe und legten hierauf ihre erste hl. Beichte ab. Gleich am folgenden Morgen empfingen sie im Rahmen einer heiligen Messe die erste heilige Kommunion. 

So endete das lange innere Ringen der drei Priester der Church of England um den wahren Glauben. Der gefeierte Theologe von Oxford, John Henry Newman, hat mit seinen Freunden die Anglikanische Kirche verlassen und ist in die Kirche der Väter eingetreten, in die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche, die einzige, wahre, makellose Braut Jesu Christi. Zeitlebens hatte er einen wachen Sinn für die Geschichte gehabt. „Die Väter haben mich katholisch gemacht“, erklärt er später. Und: „Würden der heilige Athanasius oder der heilige Ambrosius plötzlich wieder lebendig, so kann kein Zweifel darüber bestehen, welche Gemeinschaft sie für die ihre halten würden.“ Sein Übertritt in die katholische Kirche war wie eine lang gereifte Frucht. So schreibt er in seiner „Apologia pro vita sua“ 1864:

Seit der Zeit, da ich katholisch wurde, habe ich natürlich über keine weitere Entwicklung meiner religiösen Überzeugungen zu berichten. Wenn ich dies sage, behaupte ich damit nicht, mein Geist sei müßig gewesen oder ich hätte es aufgegeben, mich mit Fragen der Theologie zu befassen. Wohl aber will ich sagen, daß ich keine Veränderungen kannte und keinerlei Besorgnis im Herzen trug. Ich habe in vollkommenem Frieden und ungestörter Ruhe gelebt, ohne je von einem Zweifel heimgesucht zu werden. Daß mein Übertritt irgendeine intellektuelle oder moralische Änderung in meinem Geist bewirkt hätte, kann ich nicht sagen, auch empfand ich nichts von einer Festigung des Glaubens an die großen Offenbarungswahrheiten oder von einer größeren Fähigkeit der Selbstbeherrschung, ich hatte nicht mehr Eifer als zuvor, aber es schien mir, als hätte ich nach stürmischer Fahrt den sicheren Hafen erreicht, und das Glück, das ich darüber empfand, hat bis heute ununterbrochen angehalten.“

In einem Brief an J.B. Robertson vom 23.7.1875 liest man:

Seit dem Tag, da ich katholisch wurde, bis auf den heutigen Tag – das sind fast 30 Jahre – hatte ich niemals auch nicht einen einzigen Moment lang eine Befürchtung darüber, daß die Gemeinschaft von Rom nicht jene Kirche sei, welche die Apostel am Pfingstfest gründeten … Ich schwankte auch seit 1845 nicht einen Augenblick in meiner Überzeugung, daß es meine klarbewußte Pflicht war, zu jener katholischen Kirche überzutreten – der ich mich dann auch anschloß –, welche ich in meinem Gewissen als etwas Göttliches empfand. Personen und Orte, Ereignisse und Lebensumstände, die meinen ersten 44 Jahren zugehören, sind tief in mein Gedächtnis und Gemüt eingeprägt; überdies mußte ich als Katholik in verschiedener Hinsicht mehr Prüfung und Betrübnis erdulden denn als Anglikaner, aber niemals, auch nicht einen Augenblick lang, wünschte ich zurückzukehren; niemals hörte ich auf, meinem Schöpfer für Seine Barmherzigkeit zu danken, daß Er mich befähigte, den großen Wandel zu vollziehen, und niemals ließ Er mich empfinden, daß ich von Ihm verlassen, in Bedrängnis oder in irgendeiner Art religiöser Not sei.“

Newman – ein großer Theologe?

Ehe wir nun zu der Frage nach dem Wert des von Dr. Peter Kwasniewski schon öfter zitierten Brief Newmans zurückkommen, muß noch die andere Frage geklärt werden: War John Henry Newman ein großer Theologe?

Wie wir schon gehört haben, bezweifelte das Newman selbst, weil er niemals einen theologischen Traktat im eigentlichen Sinne des Wortes geschrieben hat. Zudem hörten wir, Newman war zwar sehr begabt, aber seine Begabung tendierte sehr ins Künstlerische. Diese künstlerische Ader hinterließ auch in seinen theologischen Arbeiten ihre Spuren. Newman ging es nicht so sehr um einzelne Worte oder bestimmte Begriffe. Was für ihn vor allem zählte, waren die Ideen, Gedanken. Damit war aber leider auch öfter eine Unschärfe im Ausdruck verbunden und deswegen, wie wir ebenfalls schon angesprochen haben, auch Mißverständnisse nicht unbedingt zu vermeiden. Man würde deswegen sicher einem Theologiestudenten niemals raten, zu einer ersten Vertiefung eines theologischen Themas Newman zu lesen. Somit ist es eine arge Übertreibung, Newman den größten Kirchenvater des 19. Jahrhunderts zu nennen, wie es modernistische Newmanfreunde gerne machen – und mit ihnen Herr Kwasniewski. Einen Modernisten stört freilich die Unschärfe des Begriffes bei Newman nicht, leidet doch das ganze modernistische System unter einer eklatanten Unschärfe der Begriffe. Die Modernisten lieben derart schwammige Aussagen, weil sie dann ihre jeweiligen Irrlehren dahinter leichter verbergen können. Ein Modernist ist normalerweise kein offener Häretiker, er verbirgt vielmehr seine Häresie hinter einem langen Geschwätz. Darum sind auch die allermeisten Leeramtsschreiben der menschenmachwerkskirchlichen Scheinpäpste so ausufernd lang. 

Häresieverdacht

Wie wir schon kurz dargelegt haben, wurde Newman aufgrund seines Aufsatzes „Über das Zeugnis der Laien in Fragen der Glaubenslehre“ der Häresie verdächtigt. Dieser Verdacht war nun nicht vollkommen aus der Luft gegriffen, sondern durch die z.T. ungenaue Ausdrucksweise Newmans provoziert. Da in dem Aufsatz auch auf die Bedeutung des kirchlichen Lehramtes eingegangen wird, soll hier kurz der Inhalt nachgezeichnet werden. 

Lehrende und lernende Kirche

Es war bekanntlich das Studium der Kirchenväter, das Newman zum katholischen Glauben geführt hat. In seiner Schrift geht er davon aus, daß die apostolische Tradition der Kirche als Ganzer anvertraut ist, wobei alle kirchlichen Organe und Ämter auf je eigene Weise für ihre Bewahrung und Weitergabe Verantwortung tragen. Je nach den Zeitumständen äußert sich auch die apostolische Tradition unterschiedlich: „bald durch den Mund der Bischöfe, bald durch die Kirchenlehrer, bald durch das Volk, bald durch die Liturgie, die Riten, Zeremonien und die Gewohnheiten; auch durch Ereignisse, Kontroversen, Bewegungen und all die anderen Erscheinungen, die man unter dem Namen Geschichte zusammenfaßt“. Daraus folgert Newman, „daß keiner dieser Kanäle der Tradition geringschätzig behandelt werden darf“, fügt jedoch sogleich hinzu, „daß die Gabe der Beurteilung, Unterscheidung, Definition, Verkündigung und Einschärfung irgendeines Teiles dieser Tradition einzig und allein bei der Ecclesia docens (der lehrenden Kirche) liegt“. Dabei stehe es jedem frei, mehr die eine oder mehr die andere Seite dieser Wahrheit herauszustreichen – was aber so nicht stimmt, haben doch beide Seiten ganz unterschiedliche Bedeutung, so daß die Betonung der Seite der Ecclesia discens, der lernenden Kirche, leicht zu Irrtümern führt. Daraus ergab sich wohl auch das Unwohlsein der damaligen Theologen und deren Verdacht, Newmans Darstellung der Lehre könnte die Häresie begünstigen – was übrigens heutzutage angesichts der synodalen Kirche des Herrn Bergoglio sehr gut nachvollziehbar ist. 

Newman gibt zu, er selbst habe sich daran gewöhnt, „großes Gewicht auf den consensus fidelium (also die Übereinstimmung der Gläubigen) zu legen“. Er sieht darin persönlich eine Hilfe, die Entwicklung der Dogmen besser zu begreifen, da doch daran die ganze Kirche beteiligt ist. Newman ist zudem überzeugt, daß dieser Prozess durch historische Zeugnisse objektiv greifbar ist, wobei alle Glieder der Kirche als geisterfüllte Träger der Tradition betrachtet werden müssen. 

Welche Bedeutung hat nun der Konsens der Gläubigen? Nach Newman ist er ein klares Indiz einer kirchlichen Lehre – „Weil die Gemeinschaft der Gläubigen einer der Zeugen für die Tatsache der Überlieferung geoffenbarter Wahrheiten ist und weil ihr consensus in der ganzen Christenheit die Stimme der unfehlbaren Kirche ist.“ 

Allzu sehr vereinfacht, hört sich das – Stimme der unfehlbaren Kirche – doch schon sehr verdächtig nach Bergoglios synodaler Kirche an. Hat es aber Newman tatsächlich so verstanden? 

Der Glaubenssinn der Gläubigen (sensus fidelium)

In seiner Argumentation beruft sich Newman vornehmlich auf P. Giovanni Perrone SJ, den er 1847 in Rom während seiner Vorbereitung auf die Priesterweihe in der katholischen Kirche kennengelernt hat. In seinem Werk über die Unbefleckte Empfängnis handelt P. Perrone auch über den kirchlichen Sinn (sensus Ecclesiae). Er beschreibt ihn genauer als Zusammenwirken von Hirten und Gläubigen (conspiratio pastorum ac fidelium). Der Jesuit betont sogleich, daß der Sinn der Gläubigen (sensus fidelium) in „einer vom Lehramt ihrer Hirten verschiedenen, nicht aber getrennten Sache“ bestehe. Mit Gregor von Valencia stellt er fest, „daß in einem Streit über eine Glaubensfrage die Übereinstimmung aller Gläubigen solche Beweiskraft für die eine oder die andere Seite hat, daß der Papst sich bei ihr beruhigen kann und muß, da es die Auffassung der unfehlbaren Kirche ist“, wobei dies nicht so verstanden werden darf, „als läge die Unfehlbarkeit in dem consensus fidelium, aber dieser consensus ist für uns ein indicium oder instrumentum (ein Anzeichen oder Werkzeug) des Urteils jener Kirche, die unfehlbar ist“.

Hier wird nun der Unterschied zur synodalen Kirche Bergoglios deutlich: Der consensus fidelium stellt kein unfehlbares Urteil in dem Sinne dar, wie es der römische Häretiker bzw. Apostat behauptet, sondern dieser ist wesentlich abhängig von der Unfehlbarkeit des Lehramtes und gleichsam dessen Echo. Anhand dieses consensus fidelium kann man im Nachhinein feststellen, was in der Kirche vom Lehramt immer unfehlbar gelehrt worden ist. Dieser unlösbare Zusammenhang wird gerade heute offenbar, denn mit dem unfehlbaren Lehramt hat sich auch der Glaubenssinn der Gläubigen gleichsam über Nacht in Luft aufgelöst. Ein in einer konservativen Wallfahrtsstätte tätiger „Priester“ beklagte sich etwa einmal darüber, daß mehr als 20% seiner Wallfahrer – also überwiegend sog. Konservative der Menschenmachwerkskirche! – inzwischen an die Wiedergeburt glauben. Man würde sicher einige Überraschungen erleben, wenn man den wahren Bestand dessen, was die sog. Katholiken heute alles glauben bzw. nicht glauben, einmal sauber erheben würde. Es käme sicher ein in abenteuerliches Durcheinander von Erscheinungsglaube, Esoterik und Charismatikertum zutage. 

Befragung“ der Gläubigen

Newman erwähnt in seiner Arbeit als Beweis für seine Meinung die Enzyklika Papst Pius’ IX. zur Vorbereitung des Dogmas von 1854. In dieser bat der Papst die Bischöfe um eine Mitteilung, was der Klerus und das gläubige Volk zur Lehre von der Unbefleckten Empfängnis und zur Angemessenheit ihrer Definition dachten. Auch bei der Definition des Dogmas selbst habe Pius IX. auf die singularis catholicorum Antistitum ac fidelium conspiratio [einzigartige Übereinstimmung der katholischen Bischöfe und Gläubigen] verwiesen. Damit ist gesagt: „Die conspiratio der beiden, der lehrenden und der belehrten Kirche, wird zusammen genannt als ein zwiefältiges Zeugnis; sie ergänzen einander und dürfen nicht voneinander getrennt werden“.

Es ist hierzu verdeutlichend zu erwähnen, wenn Newman von der „Befragung der Gläubigen“ spricht, meint er nicht – wie Professor Gillow fälschlicherweise dachte –, daß die Bischöfe die Gläubigen um ihren Rat fragen müßten oder daß sie von deren Urteil abhängig wären, bevor sie zu einer Frage der Lehre Stellung nehmen könnten. „Befragen“ kann, zumal in der englischen Umgangssprache, auch die Feststellung eines Sachverhalts bedeuten: „So sprechen wir vom ‚Befragen unseres Barometers’ über das Wetter; das Barometer kann nur den tatsächlichen Zustand des Luftdrucks anzeigen. Ähnlich mögen wir unsere Taschenuhr oder eine Sonnenuhr nach der Tageszeit ‚befragen’. Ein Arzt ‚befragt’ den Puls des Patienten… Der Puls ist nur ein Anzeichen seines Gesundheitszustandes“. Nur in diesem Sinn will Newman von der Befragung der Gläubigen sprechen: „Zweifellos wird ihr Rat, ihre Meinung, ihr Urteil über die Frage der Definition nicht verlangt; aber der Sachverhalt, d.h. ihr Glaube, wird berücksichtigt, und zwar als ein Zeugnis für jene apostolische Tradition, auf Grund deren allein ein Dogma irgendwelcher Art definiert werden kann.“

Sensus Ecclesiae

Sodann spricht Newman auch noch von einer „Art Instinkt“ im mystischen Leib Christi, der eine Frucht der Vereinigung der Gläubigen mit Gott sei und so etwas wie ein kirchliches Gewissen bilde, das die Gläubigen anleitet, die Wahrheit zu erfassen.

Das religiöse Leben eines Volkes hat seine gewisse Eigenart und seine bestimmte Richtung, und diese zeigen sich darin, wie es den verschiedenen Anschauungen, Gewohnheiten und Einrichtungen gegenübertritt, die ihm vermittelt werden.  Wirf ein Stück Holz in einen Fluß, und du wirst gleich sehen, in welcher Richtung es fließt und mit welcher Geschwindigkeit; wirf nur einen Strohhalm in die Luft, dann siehst du, wie der Wind weht. Lass deinen häretischen oder katholischen Grundsatz in der Menge arbeiten, und du wirst sofort sagen können, ob sie mit katholischer Wahrheit oder häretischer Irrlehre durchtränkt ist.“

Newmans Buch über die Zeit des Arianismus

Newman versucht sodann, seine Sicht anhand der Zeit der Arianer zu dokumentieren. Dabei wird ersichtlich, wie schwierig es ist, kirchengeschichtliche Ereignisse theologisch richtig zu deuten. 

Newman behauptet, das vierte Jahrhundert war „das Zeitalter der Kirchenlehrer, geziert durch die Heiligen Athanasius, Hilarius und Augustinus“, aber trotzdem wurde „in jenen Tagen die der unfehlbaren Kirche anvertraute göttliche Tradition weit mehr durch die Gläubigen als durch den Episkopat verkündet und aufrechterhalten“. 

Diese Behauptung wurde vielfach beanstandet. Das Argument ist jedenfalls unter den Historikern sehr umstritten. Zudem bedarf die Darstellung einer Präzisierung in dem Sinn, daß Hirten (Ecclesia docens) und Laien (Ecclesia docta) nicht einander entgegengesetzt werden dürfen. Dies wäre theologisch unhaltbar und würde auch nicht die Ansicht Newmans richtig wiedergeben. Newman wollte vielmehr nur hervorheben, daß in den arianischen Wirren der reine Glaube von den Gläubigen unter Führung einiger weniger einflußreicher Bekennerbischöfe gewahrt wurde, während viele Hirten aufgrund des starken Einflusses des zeitweilig arianischen Kaiserhofs vom Glauben abfielen. Jedenfalls leugnet Newman nicht, „daß die Bischöfe im Großen und Ganzen in ihrem inneren Glaubensleben orthodox waren, noch daß zahlreiche Kleriker sich auf die Seite der Laienschaft stellten und als ihr Mittelpunkt und Führer handelten, noch daß die Laienschaft tatsächlich ihren Glauben in erster Linie von den Bischöfen und dem Klerus empfing, noch daß große Teile der Laienschaft unwissend waren und andere auf die Dauer von den arianischen Lehrern verdorben wurden, die von den Bischofsstühlen Besitz ergriffen hatten und durch ihre Weihen einen häretischen Klerus heranzogen“. Er behauptet jedoch, „daß in dieser Zeit der ungeheuersten Verwirrung das erhabene Dogma von der Göttlichkeit unseres Heilandes weit mehr von der Ecclesia docta als von der Ecclesia docens verkündet, bekräftigt, behauptet und (menschlich gesprochen) bewahrt wurde“.

Newman schreibt weiter, nach dem Konzil von Nicäa (325) habe es eine Periode gegeben, in der „die Funktionen der Ecclesia docens zeitweilig aufgehört hatten“. Bischof Brown beanstandete besonders diesen Satz, weil er der Unfehlbarkeit der Kirche widerspreche. Als 1871 Newman die dritte Auflage seines Buches „Die Arianer des vierten Jahrhunderts“ veröffentlichte, fügte er im Anhang eine gekürzte, überarbeitete Fassung der Studie „Über das Zeugnis der Laien in Fragen der Glaubenslehre“ an. Hierbei gab er freimütig zu, daß er sich genauer hätte ausdrücken können – eigentlich hätte er schreiben sollen „müssen“. Zudem präzisierte er manche Teile des Aufsatzes und fügte dem Originaltext einige Klarstellungen hinzu. Schließlich erklärte er, er habe nicht die Gabe der Unfehlbarkeit der Kirche leugnen wollen, sondern nur behauptet, daß das kirchliche Lehramt im vierten Jahrhundert zeitweise nicht funktionsfähig war.

Newman behauptete auch, die Bischöfe hätten „als Körperschaft“ versagt, was ebenfalls heftig angegriffen wurde. Hierzu präzisierte er später seine Meinung mit dem Hinweis, daß er hier nicht theologisch, sondern rein historisch argumentiert und nicht den Gesamtkorpus der Bischöfe, sondern „die große Mehrheit“ des Episkopats vor Augen hatte. 

Es zeigt sich in all diesen Tatsachen das Ringen Newmans um eine saubere theologische Begrifflichkeit. Aufgrund dieses Mangels könnte man seine Arbeit wohl eher als phänomenologisch denn als theologisch bezeichnen. Wobei Newman leider in seiner phänomenologischen Darstellung nicht immer den Eindruck genügend vermeiden kann, die Laien seien in ihrem katholischen Gespür genauso unfehlbar wie das kirchliche Lehramt. Gerade dieser Eindruck dürfte unseren Traditionalisten gefallen und sie anziehen, paßt er doch ausgezeichnet zu ihrem Traditionalismus. 

Am Ende seiner Studie erwähnt Newman den Freudenschrei der Gläubigen nach der Definition des Dogmas von Maria als der Gottesgebärerin beim Konzil von Ephesus (431) und meint sodann, „daß die Ecclesia docens [lehrende Kirche]sicher glücklicher ist, wenn sie solch begeisterte Anhänger um sich hat …, als wenn sie die Gläubigen vom Studium ihrer göttlichen Lehren sowie vom Mitfühlen mit ihren heiligen Betrachtungen fernhält und von ihnen nur eine fides implicita [einen eingeschlossenen Glauben] an ihr Wort haben will, was bei den Gebildeten mit Indifferenz und bei den Armen mit Aberglauben enden wird“.

Hierin muß man Newman aufgrund der vielfältigen Erfahrung mit Klerus und Volk nach dem sog. 2. Vatikanum wohl recht geben. Ein Großteil des Kirchenvolks hatte noch den Glauben, war aber schließlich den Modernisten hilflos ausgeliefert, nachdem diese die Schaltstellen der Institution eingenommen hatten. Es zeigte sich, daß das Kirchenvolk den katholischen Glauben nicht genügend kannte und daß es zudem auf ein derartiges Versagen der Hirten nicht genügend vorbereitet wurde, weshalb es plötzlich den in die Herde Christi einbrechenden Wölfen hilflos ausgeliefert war.

Die Notwendigkeit des kirchlichen Lehramtes in den Notzeiten der Kirche

Insgesamt kann man sich jedoch des Eindrucks nicht ganz erwehren, Newman unterschätzt die Wirksamkeit und Notwendigkeit des kirchlichen Lehramtes in den Notzeiten der Kirche. Die Katholiken zur Zeit der arianischen Wirren hatten nun einmal trotz des weitreichenden Triumphes der arianischen Häresie dennoch eine Anzahl heiliger Bekennerbischöfe und dazu noch einen Papst, der den wahren Glauben verteidigte. Das waren die Bollwerke gegen die Häresie, an denen sich auch die einfachen Gläubigen jederzeit orientieren und aufrichten konnten. Wir erleben heute den gewaltigen Unterschied, uns fehlen diese Bollwerke, darum fehlt uns auch dieser notwendige institutionelle Halt. Die unübersehbare Folge ist der allgemeine Abfall vom wahren katholischen Glauben, von dem der hl. Paulus im Thessalonicherbrief spricht: „Laßt euch in keiner Weise durch irgend jemand täuschen! Denn zuvor muß der Abfall kommen und offenbar werden der Mensch der Gesetzlosigkeit, der Sohn des Verderbens, der Widersacher, der sich über Gott und alles Heilige erhebt, sich in den Tempel Gottes setzt und sich für Gott ausgibt“ (2 Thess 2, 3 f).

Newmans Haltung gegenüber dem Unfehlbarkeitsdogma

Kommen wir abschließend nochmals auf die Frage der Unfehlbarkeit des kirchlichen Lehramtes und speziell des Papstes zurück, die den Anstoß zu unseren Überlegungen gab. 

In einem Brief an Frau Helbert schrieb Newman am 30. August 1869:

Wenn jetzt [auf dem „I. Vaticanum“] die Unfehlbarkeit des Papstes als Lehrsatz definiert werden sollte, würde ich nach diesem Ereignis sagen, ohne Zweifel seien gute Gründe vorgelegen, daß dies jetzt geschah und nicht schon früher. Ich kann solche Gründe sehen, zum Beispiel, daß es in der gegenwärtigen Weltlage erforderlich ist, daß die katholische Gemeinschaft unter strenger und unmittelbarer Disziplin wie ein Heer auf dem Schlachtfeld dasteht. Ich sage Ihnen offen, daß ich nach meiner Ansicht mehr Gründe sehe zu wünschen, die Unfehlbarkeit würde durch das Konzil nicht definiert, als zu wünschen, es würde dies wohl geschehen. Ich weiß jedoch, daß ich fehlbar bin. Ich werde es ohne Schwierigkeiten annehmen können, falls das Konzil es so entscheidet. Dann gibt es einen Punkt weniger, der dem persönlichen Urteil überlassen ist. Bis dorthin aber ist es ein Punkt persönlicher Ansicht.“

Hiermit bringt Newman grundsätzlich seine Bereitschaft, dem Konzil gegenüber Glaubensgehorsam zu leisten, zum Ausdruck, auch wenn er persönlich gegen eine Definition der Lehre ist. Es ist zu befürchten, daß ihn hierin ganz besonders Ignaz von Döllinger, einer der bekanntesten, lautesten, einflußreichsten, unsachlichsten und von der liberalen Presse instrumentalisierten Kritiker des Unfehlbarkeitsdogmas entscheidend beeinflußt hat. Newman blieb bis zu seinem Tod in freundschaftlicher Beziehung zu Döllinger, beide wechselten Briefe und Grußbotschaften und führten ihr Zwiegespräch über gemeinsame Freunde sogar auch dann noch weiter, als Döllinger aufgrund seiner beharrlichen Leugnung des Dogmas von der katholischen Kirche ausgeschlossen worden war. Kurz nach dem Vatikanischen Konzil, um Jahr 1871, schrieb Newman einem anglikanischen Freund:

Im Blick auf die frühe Geschichte könnte es so aussehen, als ob sich die Kirche zur vollkommenen Wahrheit bewegte auf dem Weg über verschiedene, nacheinander folgende Erklärungen, die abwechselnd in gegensätzlichen Richtungen erfolgten, sich gegenseitig vervollkommneten, ergänzten und unterstützten. Ich sage: Laßt uns ein wenig Glauben haben. Pius IX. (der Papst unserer Zeit) ist nicht der letzte der Päpste (das Vatikanische Konzil nicht das letzte). Das vierte Konzil modifizierte das dritte, das fünfte das vierte. Bald waren Männer Häretiker, bald waren sie es nicht… Die jüngste Definition (der Papstdogmen) bedarf nicht so sehr der Rückgängigmachung als der Ergänzung. Man braucht Sicherheitsmaßnahmen gegen die möglichen Handlungen des Papstes, Erklärungen, die den Inhalt und das Ausmaß seiner Macht betreffen. Ich weiß, eine gewalttätige rücksichtslose Partei, hätte sie ihren Willen, würde in diesem Augenblick definieren, daß des Papstes Macht keine Vorsichtsmaßnahmen brauche, keine Erklärungen, aber es gibt eine Grenze für den Triumph des Tyrannischen. Laßt uns geduldig sein und Glauben haben, und ein neuer Papst und ein neu versammeltes Konzil kann das Boot wieder in die richtige Lage bringen.“ 

(Newman an Alfred Plummer, 3. 4. 1871, in:The Letters and Diaries of J. H. Newman, Bd. 25, S. 310)

Es ist schon äußerst bedenklich, wenn ein Katholik zumindest theoretisch von der Möglichkeit einer Rückgängigmachung eines Dogmas spricht – das ist zumindest eine praktische Leugnung der Unfehlbarkeit bei der Verkündigung dieser Dogmas; wenn man ein „Dogma“ rückgängig machen kann, warum nicht alle? – und von einer Modifikation des Glaubens durch spätere Konzilien! In der Darstellung Newmans erscheint es, als wären die Dogmen nicht klar genug formuliert worden, weshalb sie „modifiziert“, also nachgebessert werden mußten. In Wirklichkeit war es ganz anders. Sobald eine Lehre durch das Dogma gesichert war, wichen die Häretiker auf eine andere aus. Eine Ergänzung eines Dogmas wäre freilich möglich, aber immer im selben Sinne. 

Schutz vor dem Papst?

Es fällt an dem Brief noch die regelrechte Angst vor der Unfehlbarkeit des Papstes besonders auf. Für Newman sind die Befürworter des Unfehlbarkeitsdogmas Tyrannen – somit ist auch ihr unfehlbarer Papst ein Tyrann, vor dem man sich allezeit in acht nehmen muß! Ja der Katholik braucht Sicherheitsmaßnahmen gegen die möglichen Handlungen des Papstes, die den Inhalt und das Ausmaß seiner Macht betreffen. Dabei hat doch das Vatikanische Konzil Inhalt und Ausmaß ganz genau festgelegt. Solch übertriebene Bedenken erinnern schon sehr an die Hirngespinste Döllingers. Dieser hatte geschrieben: 

Es ist kein Geheimnis, es ist eine laute, von den Dächern verkündete Tatsache, daß in keinem Gebiet des menschlichen Wissens der Trug, die Fälschung, die Fiktion eine so große Rolle spielte als in der Kirchengeschichte. Jetzt können wir in den großen Fragen, welche die Kirche bewegen, keinen Schritt tun, ohne auf die Frage zu stoßen: Liegt hier nicht Fälschung vor, hat man nicht ein ganzes Gebäude auf der falschen Grundlage von absichtlichen tendentiösen Erdichtungen aufgebaut.“ 

(Vgl. G. Denzler, Ignaz v. Döllingers Vermächtnis an seine Hörer, in: Münchener Theol. Zschr. 21 (1977) S. 101)

Der Verlust des Glaubens an die unfehlbare Führung der Kirche durch den Heiligen Geist

Wie unschwer zu erkennen ist, hat Döllinger den Glauben an die Führung der Kirche durch den Heiligen Geist vollkommen verloren. Für ihn ist die Kirchengeschichte eine einzige Geschichte von Trug, Fälschungen und Fiktionen. Darum muß die Kirche zunächst ihn, den Kirchengeschichtler, der die wahre Geschichte der Kirche nicht von der gefälschten Geschichtsschreibung der Häretiker unterscheiden konnte, fragen, ehe sie eine Lehre verkünden kann. Er, der gelehrte und von allen Liberalen hofierte Döllinger, sagt dann den Bischöfen und dem Papst, was Sache ist. Und wehe, wenn die Bischöfe und der Papst nicht auf ihn hören, dann sind sie Ignoranten! Genauso ist es mit unseren Tradis, wenn die Bischöfe und ihr Papst nicht auf sie hören, dann sind sie liberal, sind Modernisten, wenn ja, dann sind sie wieder katholisch. Sie sind nun einmal doch weitgehend Altkatholiken, unsere Tradis. 

Newman seinerseits schreibt in einem Brief vom 17. 6. 1872:

Eine dogmatische Festlegung kann absolut wahr sein, obwohl die Gründe, die für sie in der Definition angeführt werden, die Texte, die Autoritäten der Väter, die historischen Stellen vielfach falsch sind… Sie werden sagen, Döllinger ist ein Historiker und hat ein Recht, sich an die Tatsachen zu halten. Aber in diesem Fall ist mehr als ein Historiker nötig. Er ist, mit Vorbehalt zu sagen, kein philosophischer Historiker … Er versetzt sich nicht in den Stand der Dinge, über die er liest … Er legt einen … auf den Buchstaben eines Vertrages fest, statt das zu realisieren, was auf der Bühne vor sich ging … Ich protestiere dagegen, daß offensichtlich Betrug oder Gewalt in der Kirchengeschichte die Frage der Lehre entscheiden.“ 

(Brief Newmans an Alfred Plummer vom 17. 6. 1872, zit. v. F. L. Cross, John Henry Newman (London 1933) S. 172)

Der erste Satz ist sicherlich mehr als gewagt, er ist theologisch gesprochen schon „verwegen“, das Fachwort heißt „temerär“: Eine dogmatische Festlegung kann absolut wahr sein, obwohl die Gründe, die für sie in der Definition angeführt werden, die Texte, die Autoritäten der Väter, die historischen Stellen vielfach falsch sind…

Kann ein Katholik so etwas sagen? Behaupten? Glauben? Wird hierdurch nicht der Glaube völlig irrational, wenn die Texte, die Autoritäten der Väter, die historischen Stellen – also das theologische Fundament! – vielfach falsch sind (!) und dennoch die dogmatische Festlegung absolut wahr sein soll? Zwar stimmt das, was Newman 1874 schrieb: „Weil der Prozeß, die Wahrheit zu definieren, ein menschlicher Vorgang ist, ist damit auch die Möglichkeit des Irrtums gegeben; die Vorsehung verbürgt nur, daß auf der letzten, endgültigen Stufe, in der sich ergebenden Definition oder dem Dogma, kein Irrtum sein werde“, seine Anwendung war jedoch in ihrer überzogenen Form falsch. 

Offenbar war Newman nicht genügend in der wahren Geschichte der Kirche gefestigt, um den Lügen des „Historikers“ Döllinger Paroli bieten zu können, obwohl diese z.T. schon so auffallend dumm waren, daß man eigentlich darüber hätte stolpern müssen. Es zeigt sich, wie gefährlich es für den eigenen Glauben ist, wenn man mit Häretikern regen Gedankenaustausch pflegt. Immerhin distanziert sich Newman von den vollkommen glaubenszerstörenden Schlußfolgerungen Döllingers: „Ich protestiere dagegen, daß offensichtlich Betrug oder Gewalt in der Kirchengeschichte die Frage der Lehre entscheiden.“

Kein Offenbarungsglaube ohne Autorität

Man muß also festhalten: Newman leugnet nicht wie Döllinger das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes, er glaubt daran und nimmt es als Lehre der Kirche an – aber versteht er das Dogma auch richtig? Die beiden zitierten Brief lassen durchaus begründeten Zweifel aufkommen. 

Weil es sich lohnt, dieser Frage gründlich nachzugehen, schenkt uns doch die Antwort weiterführende Einsichten über den Sinn dieses Dogmas, wollen wir noch ein wenig weiter forschen. 

In einem Text aus dem Jahre 1845, also im Jahr von Newmans Konversion zum katholischen Glauben und noch lange vor dem Vatikanischen Konzil, heißt es:

Die einleuchtendste Antwort auf die Frage, warum wir uns der Autorität der Kirche in den Fragen und Entwicklungen des Glaubens fügen, ist die, daß es irgendeine Autorität geben muß, wenn überhaupt eine Offenbarung gegeben worden ist, und daß es eine andere Autorität als diese nicht gibt. Es wäre überhaupt keine Offenbarung gegeben worden, wenn es keine Autorität gäbe, die zu entscheiden hätte, was denn eigentlich geoffenbart wurde. … die Hl. Schrift bestätigt dies, wenn sie ausdrücklich von der Kirche spricht als dem ‚Pfeiler und der Grundsäule der Wahrheit‘ (1 Tim 3, 15) und ihr durch einen Bund verheißt: ‚Der Geist des Herrn, der bei ihr ist, und Seine Worte, die er in ihren Mund gelegt hat, sollen nicht von ihrem Munde weichen, noch vom Munde ihrer Nachkommenschaft, noch vom Munde der Nachkommenschaft ihrer Nachkommenschaft von nun an bis in Ewigkeit.‘ (Js 59, 21)“ 

(An Essay on the Development of Christian Doctrine, Christian Classics Inc., Westminster, Md., 1968, S. 88 – 89)

Es ist eine grundlegende Einsicht, die hier Newman formuliert: Ein göttlicher Offenbarungsglaube ist ohne eine entsprechende Autorität nicht möglich. Denn ohne diese würde sich jeder seinen eigenen Glauben zusammenfabulieren, ist doch der Inhalt der Offenbarung nicht jedem gleich zugänglich und verständlich. Es muß darum eine von Gott beglaubigte Autorität geben, die entscheidet, was nun eigentlich geoffenbart wurde, d.h. was tatsächlich zum göttlichen Offenbarungsgut gehört oder nicht. Diese Autorität kommt allein der Kirche Jesu Christi zu, welche deswegen in der Heiligen Schrift „Pfeiler und Grundsäule der Wahrheit“ genannt wird. Allein die Kirche Jesu Christi bewahrt allezeit die göttliche Offenbarung unverfälscht. 

Damit ist jedoch noch nicht geklärt, in welcher Weise die Kirche diese Autorität konkret ausübt. Daran hängt doch letztlich der ganze persönliche Glaube, wie Pius IX. in seiner Enzyklika „Qui pluribus” vom 9. November 1846 klarstellt:

Damit nun die menschliche Vernunft nicht in einem Geschäft von so großer Bedeutung getäuscht werde und irregehe, muß sie die Tatsache der göttlichen Offenbarung gewissenhaft untersuchen, damit für sie mit Gewißheit feststeht, daß Gott gesprochen hat, und ihm, wie der Apostel sehr weise lehrt, ‚vernünftigen Gehorsam’ zu leisten [Röm 12,1]. Wer wüßte nämlich nicht oder könnte verkennen, daß Gott, wenn er spricht, aller Glaube entgegenzubringen ist, und daß nichts mehr mit der Vernunft selbst im Einklang ist, als dem zuzustimmen und getreu anzuhangen, von dem feststeht, daß es von Gott geoffenbart wurde, der weder sich täuschen noch (andere) täuschen kann?“ 

(DH 2778)

Das Dogma von der Unfehlbarkeit des kirchlichen Lehramtes gibt die Antwort auf diese alles entscheidende Frage. Was nützt es dem Katholiken, wenn er an die Unfehlbarkeit der Kirche glaubt, aber nicht weiß, wie und wann genau die Kirche unfehlbar lehrt? Es nützt ihm gar nichts, weil alles nur Theorie bleibt. Es waren die Jansenisten – die Vorfahren unserer Traditionalisten –, die zwar von der Unwandelbarkeit der kirchlichen Lehre sprachen, aber die kirchliche Autorität ablehnten. Mathias Joseph Scheeben bemerkt dazu:

Die Jansenisten und ihre Nachfolger haben in offenem Widerspruch mit ihrer Ansicht von einer ungebundenenen und durch rein natürliche Faktoren sich fortpflanzenden und darum allen menschlichen Zufällen preisgegebenen Tradition zugleich den Vinzentinischen Kanon in exklusivem Sinne auf die aktuelle und ausdrückliche Tradition bezogen. Damit aber behaupten sie einerseits ein höchst seltsames Wunder, andererseits machen sie dadurch auch die ihrer Geschichtskenntnis zugeschriebene Bedeutung für den kirchlichen Glauben der Gegenwart illusorisch. Kurz, bezüglich der Tradition tun sie zu gleicher Zeit dasselbe, was die neuen und die alten Protestanten mit der Heiligen Schrift: sie zerbröckeln und versteinern dieselbe in einem Atemzuge. Allerdings blieb ihnen auch nichts anderes übrig, da sie notwendig in das eine oder andere Extrem verfallen mußten. Übrigens ist diese Forderung der strengen Katholizität so wenig ernst gemeint, daß die betreffenden für ihre Dogmen dieselbe gar nicht in Anspruch nehmen und behaupten, es könne jahrhundertelang nicht bloß eine partielle Verdunklung, sondern völlige und allgemeine Verfinsterung der notwendigen Wahrheiten in der Kirche eintreten.” 

(Scheeben, Handbuch der kath. Dogmatik, I. Buch: Theologische Erkenntnislehre n. 317)

Die Grundfeste der Wahrheit

Wir sehen, die Jansenisten redeten genau wie Döllinger, auch ihnen erschien die Kirchengeschichte wie eine ständige Fälschung der wahren Lehre, nach ihnen konnte ebenfalls eine völlige und allgemeine Verfinsterung der notwendigen Wahrheiten in der Kirche eintreten – was letztendlich auch unsere Tradis behaupten, wenn sie vom liberalen, modernistischen, schismatischen, götzendienerischen Rom sprechen! Es wäre jedenfalls für Newman relativ leicht gewesen, die gedanklichen Vorfahren der Irrlehren Döllingers ausfindig zu machen und sie somit zu durchschauen. Der hl. Papst Pius X. erklärte in einer Ansprache an Studenten klipp und klar: 

Das erste und bedeutsamste Kriterium des Glaubens, die oberste und unerschütterliche Richtschnur der Rechtgläubigkeit ist der Gehorsam gegenüber dem immerzu lebendigen und unfehlbaren Lehramt der Kirche, die von Christus als ‚columna et firmamentum veritatis‘, als ‚Säule und Grundfeste der Wahrheit‘ eingerichtet wurde.“

(Ansprache „Con vera soddisfazione“ an Studenten, am 10. Mai 1909, EPS/E n.716)

Eine phänomenologische Darlegung der Unfehlbarkeitslehre

In einem Brief vom 24. April 1875, also 5 Jahre nach der Dogmatisierung des Dogmas von der Unfehlbarkeit des Papstes, schreibt Newman:

Das Wort ‚Unfehlbarkeit‘ wurde der Kirche bis zum Vatikanischen Konzil nie in irgendeinem maßgebenden Dokument zugeschrieben … Doch von Anfang an handelte die Kirche als unfehlbar und wurde als unfehlbar angenommen. Was für die Kirche gilt, gilt auch für den Papst. Der exakte und wahre Inhalt der Lehre lautet nicht, daß er unfehlbar ist, sondern daß seine Entscheidungen ‚irreformabilia‘ [unwandelbar] und wahr sind. So kam es, daß die Frage im Geist der Christen sich nicht in formeller Gestalt erhebt: ‚Ist er unfehlbar, und worin und wie weit?‘ denn alles, was sie empfanden, war: Was er sagte, war ‚die Stimme der Kirche‘, ‚denn er sprach für die Kirche‘, ‚die Kirche sprach in ihm‘, und was die Kirche sprach, war wahr. Und demgemäß wurde sein Wort, (um einen allgemeinen Ausspruch zu verwenden,) ‚als Evangelium angenommen‘, und er nahm es ‚als Evangelium‘, er legte das Gesetz fest und war überzeugt, daß er das Gesetz festlegte – und er war sicher, daß er recht hatte, und niemand hegte irgendeinen Zweifel, daß er recht hatte – er war ‚die richtige Person, um zu sprechen und die Angelegenheit zu ordnen‘. Dies war seine Empfindung und die der ganzen christlichen Welt in dieser Sache (mit einigen zufälligen Ausnahmen, die auch vorgekommen sein mochten). So wie jeder gewöhnliche Mensch jetzt … sagt ‚Ich weiß, ich habe recht‘, so würde der Papst sagen: ‚Ich weiß, es ist so, und es ist meine Pflicht, der Herde Christi es so zu sagen‘, ohne zu analysieren, ob eine moralische Sicherheit oder eine Inspiration oder eine formelle, begrenzte Unfehlbarkeit oder welch anderes Mittel auch immer der Grund für seine bedingungslose und absolute Bestimmtheit sei. Honorius oder die anderen Päpste jener Zeiten, als sie wählten, handelten als unfehlbar und es wurde ihnen gehorcht als unfehlbar, ohne ein klares Konzept darüber zu haben, daß ihr ipse dixit der Gabe der Unfehlbarkeit entspringt.“ 

(The Letters und Diaries of John Henry Newman, edited at the Birmingham Oratory by Ian Ker and Thomas Gornall (Vol. I-IV) und Charles Stephen Dessain (Vol. XI-XXXI) Clarendon Press, Oxford 1961-1980) XXVII S. 286)

Wenn man diese Ausführungen liest, kann man nur bestätigen: Newman war kein Theologe! Seine Darlegung der Unfehlbarkeitslehre ist wiederum eher phänomenologisch denn theologisch. Von der Lehre her gesehen ist sie recht vage, ungenau, man könnte sogar sagen, Newmans Ausführungen klingen irgendwie gesucht. Streng theologisch betrachtet fehlt ihnen das Wesentliche! Der eigentliche theologische Grund der Unfehlbarkeit wird nicht thematisiert, irgendwie vermißt man das übernatürliche Fundament der Lehre. Wenn das Wort des Papstes von den Gläubigen ‚als Evangelium angenommen‘ wird, dann aufgrund einer „Empfindung“, welche der Papst und die ganze christliche Welt in dieser Sache hatten. Das klingt schon sehr modern, um nicht zu sagen modernistisch. Wird ein „Dogma“ nur als eine absolut sichere Lehre empfunden oder ist es durch die unfehlbare Verkündigung der Kirche eine durch übernatürlichen Glauben verbürgte und darum auch von jedem Katholiken sicher erkennbare Tatsache? Und mußte diese Tatsache nicht schon allezeit genügend bekannt sein, wenn die kirchliche Lehre schon vor der Dogmenverkündigung des Vatikanischen Konzils mit übernatürlichem Glauben geglaubt werden sollte? Das Vatikanische Konzil verkündete doch keine neue Lehre, sondern stellte nur fest, was in der Kirche Jesu Christi immer schon geglaubt wurde. 

Auf dem Vatikanischen Konzil hatte Bischof Gasser von Brixen als Sprecher der Glaubensdeputation folgende Erklärung zu dem Dogma von der Unfehlbarkeit des ordentlichen und außerordentlichen Lehramts abgegeben.

Zum ordentlichen Lehramt sagte er:

…Alles, was die allgemeine Kirche in ihrer gegenwärtigen Verkündigung übereinstimmend als geoffenbart empfängt und verehrt, ist gewiß wahr und katholisch.“ 

(Mansi 52, 1217 A 17 – B 5)

Zum außerordentlichen bemerkte er:

…Jedenfalls ist die Glaubensdeputation nicht der Auffassung, daß dieses Wort (definire) im forensischen Sinn genommen werden darf, so daß es nur die Beendigung einer Kontroverse bedeutete, die bezüglich einer Häresie oder einer eigentlichen Glaubenslehre aufgeworfen wurde; vielmehr bedeutet das Wort ‚definit‘, daß der Papst sein Urteil über eine Lehre bezüglich Glaube und Sitten direkt und abschließend vorträgt, so daß nunmehr ein jeder Gläubige bezüglich der Auffassung des Apostolischen Stuhles, bezüglich der Auffassung des römischen Papstes gewiß sein kann; und zwar so, daß er mit Gewißheit weiß, vom römischen Papst werde diese oder jene Lehre für häretisch, für der Häresie nahe, für gewiß oder für irrig usw. gehalten. Dies also ist der Sinn des Wortes ‚definit‘…“

(Mansi 52, 1316 A 14 – B 5)

Was soll es also theologisch genau heißen, wenn Newman fabuliert: So wie jeder gewöhnliche Mensch jetzt … sagt ‚Ich weiß, ich habe recht‘, so würde der Papst sagen: ‚Ich weiß, es ist so, und es ist meine Pflicht, der Herde Christi es so zu sagen‘, ohne zu analysieren, ob eine moralische Sicherheit oder eine Inspiration oder eine formelle, begrenzte Unfehlbarkeit oder welch anderes Mittel auch immer der Grund für seine bedingungslose und absolute Bestimmtheit sei? Ist nicht gerade der Einleitungssatz recht verwirrend, spricht er doch allein von einer menschlichen Sicherheit, mit der eine unfehlbare Entscheidung des kirchlichen Lehramtes letztlich nichts gemein hat. Der Papst entscheidet doch eine Lehre nicht wie ein gewöhnlicher Mensch aufgrund einer subjektiv empfundenen Gewißheit, sondern aufgrund der theologischen Vorarbeit, die sich über Jahrhunderte erstrecken kann, welche er schließlich aufgrund des ihm geschenkten Charismas der Unfehlbarkeit endgültig entscheidet. Was meint also Newman, wenn er behauptet, der Papst entscheidet ohne zu analysieren, ob eine moralische Sicherheit oder eine Inspiration oder eine formelle, begrenzte Unfehlbarkeit oder welch anderes Mittel auch immer der Grund für seine bedingungslose und absolute Bestimmtheit sei? Will er damit nur sagen, das Urteil des Papstes sei davon unabhängig? Seine Formulierungen sind schon sehr unglücklich!

Selbst ernannte Richter über das Dogma

Zusammenfassend muß man feststellen: Fünf Jahre nach der Verkündigung des Dogmas von der Unfehlbarkeit würde man eine theologisch klarere Darlegung der kirchlichen Lehre erwarten. Nein, Newman war kein Theologe! Wäre er einer gewesen, hätte er sicherlich den Brief „Inter gravissimas“ Papst Pius’ IX. vom 28. Oktober 1870 an die Bischofskonferenz von Fulda gelesen und berücksichtigt:

Wie alle Begünstiger der Häresie und des Schismas rühmen sie sich fälschlich, den alten katholischen Glauben bewahrt zu haben, während sie doch gerade das Hauptfundament des Glaubens und der katholischen Lehre umstürzen.  Sie anerkennen sehr wohl in der Schrift und in der Tradition die Quelle der göttlichen Offenbarung; aber sie weigern sich, das allzeit lebendige Lehramt der Kirche zu hören, obwohl es sich doch klar aus der Schrift und Tradition ergibt und von Gott eingesetzt ist als ständiger Hüter der unfehlbaren Darlegung und Erklärung der durch diese Quellen überlieferten Dogmen. Demzufolge erheben sie sich – mit ihrem falschen und beschränkten Wissen, unabhängig und sogar im Gegensatz zur Autorität dieses von Gott eingesetzten Lehramtes,- ihrerseits selbst zu Richtern über die in diesen Quellen der Offenbarung enthaltenen Dogmen. Tun sie denn etwas anderes, wenn sie in bezug auf ein von uns mit der Approbation des hl. Konzils definierten Glaubensdogma leugnen, daß dies eine von Gott geoffenbarte Wahrheit ist, die eine Zustimmung katholischen Glaubens verlangt, ganz einfach deswegen, weil sich dieses Dogma ihrer Ansicht nach nicht in der Schrift und in der Tradition findet? Als ob es nicht eine Ordnung im Glauben gäbe, die von unserem Erlöser in seiner Kirche eingerichtet und immer bewahrt worden wäre, wonach die Definition eines Dogmas selbst für sich allein schon als ein hinreichender, sehr sicherer und für alle Gläubigen geeigneter Beweis dafür gehalten werden muß, daß die definierte Lehre in der doppelten, nämlich der schriftlichen und der mündlichen, Glaubenshinterlage enthalten ist. Das ist im übrigen der Grund dafür, daß solche dogmatischen Definitionen immer eine unveränderliche Regel für den katholischen Glauben und die katholische Theologie gewesen sind und es notwendigerweise sind, der die sehr vornehme Sendung zukommt, zu zeigen, wie die Lehre in eben dem Sinn der Definition in der Offenbarungshinterlage enthalten ist.“

Was ist da für einen Katholiken noch unklar? Nichts! Das gilt freilich nicht für einen Döllinger und seine Altkatholiken, genauso wenig wie für unsere Tradis, die auch den sichersten kirchlichen Lehren meinen Widerstand leisten zu können, weil sich dieses Dogma ihrer Ansicht nach nicht in der Schrift und in der Tradition findet – nicht in ihrer Tradition findet.

Leo XIII. – Ein Papst mit Schlüssel

Hören wir nochmals als Kontrast zu den rein phänomenologischen und reichlich unklaren Erwägungen Newmans, was Leo XIII. in seiner Kirchenenzyklika „Satis cognitum“ zu dem Thema zu sagen weiß: 

Dazu (d.h. zum Zweck der Einheit im Glauben) hat Jesus Christus in der Kirche ein lebendiges, authentisches und ebenso immerwährendes Lehramt eingesetzt, das er mit seiner eigenen Vollmacht bereicherte, mit dem Geist der Wahrheit ausstattete und durch Wunder bestätigte; und er wollte und befahl nachdrücklich, daß dessen Lehrvorschriften ebenso angenommen würden wie seine eigenen. – Sooft also durch das Wort dieses Lehramtes verkündet wird, daß dies oder jenes zum Bereich der von Gott überlieferten Lehre gehöre, muß jeder gewiß glauben, daß dies wahr ist: wenn es in irgendeiner Weise falsch sein könnte, würde <daraus> folgen – was offensichtlich widersinnig ist -, daß Gott selbst der Urheber des Irrtums im Menschen ist: „Herr, wenn es ein Irrtum ist, sind wir von dir getäuscht worden” (Richard von St. Viktor, De trinitate I 2 (PL 196,891D). Wenn also so dem Zweifel jeder Grund entzogen ist, wie kann es dann noch jemandem erlaubt sein, auch nur einen Punkt von diesen Wahrheiten zurückzuweisen, ohne daß er ebendadurch in die Häresie stürzt, ohne daß er sich von der Kirche trennt und mit diesem einen Punkt die ganze christliche Lehre verwirft? Derart nämlich ist die Natur des Glaubens, daß ihm nichts so widerspricht als das eine anzunehmen und das andere zurückzuweisen. Denn wie die Kirche bekennt, ist der Glaube „eine übernatürliche Tugend, durch die wir mit Hilfe und der Gnade Gottes alles von Ihm Geoffenbarte für wahr halten, nicht weil wir die innere Wahrheit der Dinge mit dem natürlichen Licht der Vernunft durchschauten, sondern (allein) wegen der Autorität des sich offenbarenden Gottes, der weder betrügen noch betrogen werden kann”. (I. Vat. Konzil, sess. III, cap. 3) Wenn man also weiß, daß etwas von Gott geoffenbart ist, und es nicht glaubt, dann glaubt man überhaupt nichts mit göttlichem Glauben. Was der Apostel Jakobus von der Sünde auf dem Gebiet der Sittlichkeit sagt, das muß auch und noch viel mehr von dem Abirren in Sachen des Glaubens gesagt werden: ‚Wer … nur ein einziges Gebot übertritt, der ist in allen (Punkten) schuldig.‘ Man kann nun aber nur uneigentlich sagen, daß jemand, der bloß eine Sünde begeht, sich der Übertretung des ganzen Gesetzes schuldig gemacht habe, die gesetzgeberische Autorität Gottes überhaupt verachtet zu haben scheint, es sei denn daß man seinen Willen so deutet. Im Gegensatz dazu aber legt derjenige, der auch nur in einem Punkt von den von Gott empfangenen Wahrheiten abweicht, in voller Wahrheit den Glauben von Grund auf ab, da er ja Gott, insofern er der die höchste Wahrheit und der eigentliche Beweggrund des Glaubens ist, zu respektieren sich weigert. ‚In vielem sind sie mit mir, in wenigem sind sie nicht mit mir; aber bei diesem wenigen, in dem sie nicht mit mir sind, nützt ihnen das viele, in dem sie mit mir sind , nichts.‘ (St. Augustin, In Ps 54, n.10) Und das mit Recht; denn wer aus der christlichen Lehre eben nur das herausnimmt, was ihm beliebt, der stützt sich auf sein eigenes Urteil, nicht auf den Glauben; und ebendiese sind weit entfernt, ‚den ganzen Verstand gefangen zu nehmen zum Gehorsam Christi‘ (2 Kor 10, 5) und gehorchen eher sich selbst als Gott. ‚Die ihr im Evangelium bloß glaubet oder nicht glaubet, was ihr wollt, ihr glaubet eigentlich nicht dem Evangelium, sondern vielmehr euch.‘ (St. Augustin, Contra Faustum Man. Lib. XVII, cap. 3). Daher haben die Väter auf dem Vatikanischen Konzil nichts Neues aufgestellt…, wenn sie folgendes beschlossen: ‚Mit göttlichem und katholischem Glauben muß alles geglaubt werden, was im schriftlichen oder überlieferten Wort Gottes enthalten ist und von der Kirche als von Gott geoffenbart – sei es durch feierliches Urteil sei es durch das ordentliche und allgemeine Lehramt – zu glauben vorgelegt wird.‘ (sess. III, Dogmatische Konstitution ‚Dei Filius’ cap. 3 = DS 3011).“

Ist das nicht überaus erfrischend, einfach ein Papst mit Schlüssel, eine gottgeschenkte Autorität, die wirklich einen übernatürlichen, göttlichen Glauben zu schenken und zu erhalten vermag! Wie armselig kommt doch dagegen der „Papst“ der Tradis daher. 

daß seine Entscheidung Evangelium ist.

Kommen wir abschließend nochmals zurück zu unserm amerikanischen Tradi-Doktor. Inzwischen kann der Leser wohl ganz gut nachfühlen, warum Herr Kwasniewski John Henry Newman zusammen mit den Modernisten als einen „der brillantesten und heiligmäßigsten Theologen der modernen Zeit“ lobt. Wenn es um das kirchliche Lehramt geht, beeindruckte Herrn Kwasniewski ganz gewiß das tiefe Mißtrauen Newmans vor der päpstlichen Tyrannei und auch, daß man Sicherheitsvorkehrungen treffen müsse, um dieser Tyrannei nicht blindlings zu verfallen. Während jedoch Herr Kwasniewski und seine Tradis infolgedessen dem Petrus kurzerhand die Schlüssel weggenommen und ihm eine Schultasche umgehängt haben, bemühte sich Newman redlich, seinem Petrus die Schlüssel zu belassen. Unser Tradi-Doktor hätte durchaus von Newman lernen können, welche Bedeutung die Unfehlbarkeit für die Kirche hat und wie sie genauer aufgrund der Sündhaftigkeit der Träger einzugrenzen ist. Im Jahr 1877 notierte Newman: 

Indem Christus Seiner Kirche Unfehlbarkeit in ihrer ausdrücklichen Lehre verhieß, schützte er sie indirekt auch vor schweren Irrtümern in der Gottesverehrung und im öffentlichen Handeln. So groß diese Hilfe auch ist, so sichert sie dennoch nicht vor allen Gefahren im Hinblick auf das Problem, das sie [die Kirche] zu lösen hat. Nur wenn die Gabe, nicht sündigen zu können, jenen gewährt wäre, die Autorität auszuüben haben, würden sie vor aller Neigung zu Fehlern in ihrem Verhalten, in ihrem öffentlichen Handeln, in ihren Worten und Entscheidungen, in ihrer gesetzgebenden und ausführenden Gewalt, in kirchlichen und disziplinarischen Detailfragen gesichert sein; eine solche Gabe haben sie aber nicht empfangen.“

Auch wenn die Formulierung theologisch wiederum nicht ganz exakt ist, hätte diese Bemerkung unseren Tradi doch zum Nachdenken bringen können und müssen, denn hier steht immerhin, daß Christus seine Kirche indirekt auch vor schweren Irrtümern in der Gottesverehrung und im öffentlichen Handeln schütze. Und es heißt auch, daß die Kirche allein in kirchlichen und disziplinarischen Detailfragen nicht durch die Unfehlbarkeit gesichert sei, woraus doch folgt, in allgemeinen, die ganze Kirche betreffenden Entscheidungen ist der Papst durchaus unfehlbar. Das glaubt keiner dieser Tradis mehr. Denn wie könnte er dann noch die sog. Neue Messe ablehnen, solange er die Autorität als legitim anerkennt?

Auch wenn Herr Kwasniewski vom Argwohn gegen seinen „Papst“ allzu sehr geplagt von „Hyperpapalisten“ und „Antipapalisten“ spricht, könnte er auf Newman verweisen, der, wie wir schon gelesen haben, am 3. 4. 1871 an Alfred Plummer schrieb: „Ich weiß, eine gewalttätige rücksichtslose Partei, hätte sie ihren Willen, würde in diesem Augenblick definieren, daß des Papstes Macht keine Vorsichtsmaßnahmen brauche.“ Trotz dieses Fehlurteils hat Newman jedoch Zurückhaltung geübt und sich ernsthaft bemüht, die Lehre der Kirche zu verstehen und sich anzueignen. Am 24.4.1875 schreibt er in einem Brief:

Um darauf zurückzukommen: wenigstens die Kirche handelte von Anfang an als unfehlbar, z.B. in Konzilien, usw. – Und der Papst handelte immer in Gemeinschaft mit der Kirche, einige Male vor der Hierarchie, einige Male nach ihr, manchmal gleichzeitig mit ihr. Er zeigte sich immer als die Stimme der Kirche. Das Vatikanische Konzil hat entschieden, daß er nicht nur das instrumentale und ministeriale Haupt oder Organ der Kirche ist, nicht nur die Macht des ‚Veto‘ besitzt, nicht nur eine mitwirkende, handelnde Person in de fide Entscheidungen ist, sondern daß in ihm selbst die Wurzel für die Tatsache liegt, daß seine Entscheidung – sogar getrennt von den Bischöfen betrachtet – Evangelium ist.“

Wir meinen: Wenn Newman anstatt weiter mit Döllinger zu korrespondieren, sich etwa an Mathias Joseph Scheeben gewandt hätte, wären die restlichen anglikanischen Schuppen noch vollends von seinen Augen gefallen. Womöglich hat ihm Gott diese Gnade auch tatsächlich geschenkt…

Echter Glaubensgehorsam

Noch etwas ist zu bedenken: Newman ist mehr zu entschuldigen als unsere Tradis. Diese könnten im theologischen Rückblick problemlos auf eine ganze Reihe von lehramtlichen Äußerungen zurückgreifen und dazu noch ausgezeichnete theologische Arbeiten hinzuziehen, um das Dogma richtig zu verstehen – wenn sie nur wollten. Sich im Eifer des Gefechts zu orientieren, wie es für Newman notwendig war, ist dagegen viel schwieriger. 

Es erscheint uns darüber hinaus schon aufgrund der wenigen, von uns zitierten Texte Newmans intellektuell ziemlich unredlich zu sein zu versuchen, Newman vor den eigenen Tradi-Karren zu spannen. Newman leistete nach der Verkündigung des Dogmas dem Papst echten Glaubensgehorsam und bemühte sich weiterhin um das rechte Verständnis des Dogmas, wohingegen unsere Tradis schon lange Jansenisten oder Altkatholiken geworden sind, ohne es sich eingestehen zu wollen. Es wäre deswegen viel ehrlicher gewesen, wenn sich Herr Kwasniewski in seinem Kampf gegen den Ultramontanismus anstatt auf Newman auf Cornelius Jansen (auch Jansenius genannt) oder Ignaz von Döllinger berufen hätte. Das sind die wahren Ahnherren seiner Gedanken, aber nicht Kardinal Newman. Aber leider fehlt unserem Streiter für die Tradition der Mut zu so viel Offenheit und Ehrlichkeit, und deswegen zieht er es vor, weiter in seinem Tradiland zu bleiben, um dort tapfer für die Gültigkeit des „abgefallenen Papsttums“ zu streiten…

Bei Alice im Wunderland geschah folgendes: 

Ich stimme dir vollkommen bei,“ sagte die Herzogin, „und die Moral davon ist: Sei was du zu scheinen wünschest! — oder einfacher ausgedrückt: Bilde dir nie ein, verschieden von dem zu sein was anderen erscheint daß was du warest oder gewesen sein möchtest nicht verschieden von dem war daß was du gewesen warest ihnen erschienen wäre als wäre es verschieden.“

Ich glaube, ich würde das besser verstehen,“ sagte Alice sehr höflich, „wenn ich es aufgeschrieben hätte; ich kann nicht ganz folgen, wenn Sie es sagen.“

Das ist noch gar nichts dagegen, was ich sagen könnte, wenn ich wollte,“ antwortete die Herzogin in selbstzufriedenem Tone.

Bitte, bemühen Sie sich nicht, es noch länger zu sagen!“ sagte Alice.

(Fortsetzung folgt)