Modernistengeschwätz I.

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Im Laufe der Kirchengeschichte hat es viele Irrlehren gegeben, die gekommen und auch wieder verschwunden sind. Dabei war es grundsätzlich für die Katholiken jederzeit möglich, die Irrlehre als solche zu durchschauen, weil sie gegen den wahren, katholischen Glauben stand. Alle Irrlehren zeigten sich entweder als Neuerungen – der Begriff Novatores, Neuerer war gleichbedeutend mit Irrlehrer – oder als ein Aufleben älterer, schon verurteilter Irrlehren unter einem neuen Gewand. Jedenfalls standen diese Irrlehren im direkten Widerspruch zu einer oder auch mehreren katholischen Glaubenslehren. Je ausgereifter die Irrlehre war, desto schärfer und klarer sprang dieser Widerspruch zur katholischen Glaubenslehre ins Auge. Im Laufe der Auseinandersetzung mir den kirchlichen Autoritäten kam es nämlich zu einer theologischen Klärung und schließlich zur ausdrücklichen Verurteilung durch die hl. Kirche. In diesen Verurteilungen benennt die hl. Kirche den Irrtum genau, und es heißt sodann jeweils: „Si quis dixerit, … anathema sit. Wer sagt,…. der sei [aus der kirchlichen Gemeinschaft] ausgeschlossen.“

Theologengeplänkel?

Auch bezüglich des Modernismus kann man dasselbe feststellen – jedoch mit einem entscheidenden Unterschied, wie wir noch zeigen werden. Die von den Modernisten vertretenen Irrlehren wurden von den Theologen schnell durchschaut, ihre Herkunft vom Rationalismus und liberalen Protestantismus erkannt, und schließlich wurden eine ganze Reihe dieser irrigen Sätze vom kirchlichen Lehramt verurteilt. Dennoch gibt es einen gravierenden Unterschied zu früheren Irrlehren – und auch Irrlehrern. Plötzlich – mit der Verurteilung – gab es keine Modernisten mehr!

Die kirchlichen Inquisitoren, wie man sie nannte, hatten ihre liebe Mühe und Not, auch nur ein paar Modernisten ausfindig und vor allem dingfest zu machen. Es schien fast so, als hätten die Römer, also das kirchliche Lehramt, Jagd auf eine Fata Morgana gemacht, als sei man einem bloßen Hirngespinst nachgejagt. Diesem falschen Eindruck Rechnung tragend hat dann schon Papst Benedikt XV., der unmittelbare Nachfolger Papst Pius‘ X., alle konkreten Maßnahmen gegen die Modernisten wieder ausgesetzt. Fortan erschien der Modernismus nur noch als ein Gelehrtenstreit, ein Theologengeplänkel ohne größere Bedeutung für das kirchliche Leben. Was für ein katastrophales Fehlurteil! Was für eine Naivität! Wie war so etwas möglich?

Es war nur deswegen möglich, weil das moderne Denken den klaren Blick schon soweit getrübt hatte, daß selbst viele Katholiken nicht mehr konsequent katholisch urteilen konnten. Die Bedeutung des Glaubensinhalts und damit der einzelnen Glaubenswahrheit war schon so weit gemindert, daß viele Katholiken allein mit wenigen, zentralen, unerläßlich erscheinenden Glaubenswahrheiten zufrieden waren, wohingegen sie sich einbildeten, über weniger wichtige Glaubenssätze könne jederzeit diskutiert werden, etwa im ökumenischen Dialog mit den sog. getrennten Brüdern.

Eine grundlegende Uminterpretierung des Glaubens

Etwas anders ausgedrückt: Aus der Theologie als einer strengen Wissenschaft – die im gewissen Sinne tatsächlich die schwierigste und anspruchsvolle Wissenschaft ist, wenn auch der Glaube andererseits wiederum so einfach ist, daß ihn jedes Kind verstehen kann – wurde ein bloßes Geschwätz über Gott und die Welt. Diese Wandlung hat etwas Unheimliches an sich, zeigt sie doch den großteils gar nicht mehr wahrgenommenen Verlust jeglichen übernatürlichen Glaubens jedem, der ihn sehen will. Wobei der Modernismus den göttlichen, übernatürlichen Glauben nicht so sehr durch direkte Verneinung einer Glaubenswahrheit leugnet, sondern vielmehr durch eine grundlegende Uminterpretierung des Glaubens selbst. Wörter, ja ganze Sätze eines Modernisten können immer noch gleichlautend sein wie die eines wahren Katholiken und dennoch einen ganz neuen, einen vollkommen anderen, irrigen Sinn angenommen haben.

Auch der Modernismus hat Tradition

Ein Katholik sollte es sich oft vergegenwärtigen: Der Modernismus in der Kirche ist inzwischen gut 200 Jahre alt. Während der 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts ist er allmählich zur Schultheologie geworden und mit dem sog. 2. Vatikanum zur alles beherrschenden Lehre der Menschenmachwerkskirche. Gerade diese Tatsache wird vor allem von Konservativen und Traditionalisten völlig ignoriert, denn für diese gibt es immer noch keine Modernisten – vor allem bei den verantwortlichen Autoritäten. Mag man den einen oder anderen Theologen als Modernisten beschimpfen, bei den Bischöfen wird man meist schon vorsichtiger, und bei den Pseudopäpsten setzt es gewöhnlich ganz aus. Selbst einem Bergoglio meint man auf einmal keine Häresie nachweisen zu können, was doch wohl so viel heißt: Im Grunde ist selbst Herr Bergoglio noch katholisch, auch wenn er gewöhnlich recht viel Unsinn daherredet (obwohl er doch kontinuierlich Ärgernis gibt). Und auch in den Texten des sog. 2. Vatikanums meint man höchstens einige modernistisch klingende Sätze ausfindig machen zu können – im übrigen sind, wie es einmal ein Traditionalistenbischof ausgedrückt hat, 95% annehmbar, also katholisch!

Eine solch absurde Behauptung zeigt in erschreckender Weise die weitgehende Unfähigkeit zu einem klaren, sachlichen Urteil. Deswegen zieht man sich auch gewöhnlich bei einer Kritik auf Allgemeinplätze zurück. Das Konzil sei teils zweideutig, so sagt man, teils protestantisierend und insgesamt sowieso nur pastoral gemeint, also dogmatisch nicht ernst zu nehmen. In dieser nur teilweisen Ablehnung stürzt man sich gewöhnlich auf einzelne Sätze, allen voran diejenigen über die Religionsfreiheit. Der Rest erscheint dann schon wieder nicht mehr so schlimm, ja dieser könne sogar auf der Basis der Tradition katholisch interpretiert werden! So zurechtgebogen stellt das sog. 2. Vatikanum für die Konservativen und viele Traditionalisten kein wirkliches Problem dar – was wiederum äußerst erstaunlich ist.

Was verbirgt sich hinter dieser so weitgehenden Unbedarftheit? Eine beängstigende Verblendung des Geistes! Die überwiegende Mehrheit ist der Diktatur der Beliebigkeit verfallen, von der Joseph Ratzinger so gerne sprach, die er jedoch selbst ganz systematisch und ganz konsequent ausübte. Jedem Katholiken stellt sich somit heute die Frage: Wie kann ich mich gegen diese Verblendung des Geistes schützen? Es gibt nur einen Weg, man muß den Modernismus durchschauen.

Ein irriges Denksystem vs. …

Die grundlegendste Einsicht hierbei ist diese: Der Modernismus ist zunächst und vor allem ein philosophisches Denksystem. Etwas präziser ausgedrückt: ein irriges philosophisches Denksystem. Dem heutigen Menschen scheint dies nicht besonders bedeutsam, weil er sich daran gewöhnt hat, Gedanken nicht mehr ernst zu nehmen, kann doch heute – wenigstens theoretisch – jeder denken, was er will. Das Wissen, daß unser Denken immer auch mit der Wirklichkeit zu tun hat, gibt es nicht mehr. Früher wußte zumindest noch jeder Katholik, nur die Wahrheit erfaßt die Wirklichkeit, ist doch Wahrheit die Übereinstimmung unseres Denkens mit dem Sein, also mit der Wirklichkeit. Dagegen ist jeder Irrtum ein Nichtübereinstimmen unseres Denkens mit der Wirklichkeit. Jeder Irrtum verfehlt irgendwie die Wirklichkeit. Darum hat ein falsches, irriges Denken normalerweise auf Dauer katastrophale Auswirkungen.

… die Erfassung der Heilswirklichkeit

Die katholische Glaubenswahrheit ist nichts anderes als die Erfassung der Heilswirklichkeit. Nur in der katholischen Wahrheit kann ich die konkreten, gottgegebenen, also wirklichen Möglichkeiten menschlichen Heils richtig und vollständig verstehen. Dagegen verfehlt jede vom katholischen Glauben abweichende Irrlehre auf irgendeine Weise diese Wirklichkeit des gottgeschenkten Heils. Deswegen ist es jedem wahren Katholiken eine ganz und gar grundlegende Wahrheit, daß nur die katholische Kirche als die einzige, von Gott gegründete Kirche alleinseligmachend sein kann. Wenn darum das sog. 2. Vatikanum von den anderen Religionen als von verschiedenen Wegen zum Heil schwafelt, ist damit für jeden wahren Katholiken unwiderleglich erwiesen, daß dieses nicht mehr auf katholischem Boden steht. Es steht eindeutig auf dem Boden der modernistischen Irrlehre.

Eine Unsumme von Trugschlüssen

Im Modernismus ändert sich das Glaubensverständnis grundlegend, und zwar so grundlegend, daß der hl. Pius X. in seiner Enzyklika Pascendi feststellt: „Wahrlich eine Unsumme von Trugschlüssen, die alle Religion vernichtet und zerstört!“ Hunderte von Millionen haben im Laufe der letzten zwei Jahrhunderte aus dem Modernismus diese Konsequenz gezogen, sie haben ihren Glauben aufgegeben. Die große Gefahr des Modernismus besteht darin, daß dieser immer noch als eine Wissenschaft des Glaubens auftritt und als solche von der Mehrheit auch wahrgenommen wird.

Dabei ist in dieser „Wissenschaft“ grundlegend, systematisch alles der Beliebigkeit preisgegeben, d.h. jeder Modernist kann glauben, was er will, was anderseits heißt, er kann leugnen, was er will. Die moralische Entrüstung der Konservativen und Traditionalisten ist letztlich völlig unsinnig, weil sie im Rahmen des modernistischen Systems unbegründbar ist. Wie im Protestantismus ist nämlich grundsätzlich jede Lehre dem freien Urteil des einzelnen überlassen. Nur weil die Konsequenz dieses Irrtums zu chaotisch ist, wird sie gescheut und durch gewisse verbindliche Übereinkünfte – die sich bei den Protestanten in den verschiedenen Sekten zeigen – gemildert.

Der große antimodernistische Papst, der hl. Pius X. stellt fest: Die Modernisten sind „Blinde und Blindenführer, die aufgeblasen durch den stolzen Namen: Wissenschaft! in ihrem Wahn so weit gehen, daß sie den ewigen Begriff der Wahrheit und das echte Gefühl der Religion verkehren! Sie führen ein neues System ein, ‚in schranken- und zügelloser Begierde nach Neuerungen suchen sie die Wahrheit nicht da, wo sie wirklich und gewiß liegt, sie schieben die heiligen und apostolischen Überlieferungen beiseite und schließen sich an eine unsichere, von der Kirche nicht gebilligte Lehre eitel und nichtig an und glauben – die Toren! – dadurch die Wahrheit selbst stützen und aufrecht halten zu können.‘“

Evolutionismus der Glaubenslehre

Die „Wissenschaft“ der Modernisten stützt sich nicht mehr auf den unwandelbaren Glauben der hl. Kirche, sondern auf die menschlichen Wissenschaften mit ihrem Fortschritt. Die gedankliche Grundlage dieser Wissenschaft ist der Evolutionismus, alles entwickelt sich beharrlich von Primitiven zum Vollkommeneren. Das gilt selbstverständlich auch für die Glaubenslehre. Für den Modernisten gibt es keine absolut bindende Glaubenslehre mehr, weil sich doch der „Glaube“ genauso wie die menschliche Wissenschaft, allen voran die Naturwissenschaft ständig immer weiter und das heißt gemäß dem Evolutionismus auch notwendig immer höher entwickelt. Der hl. Papst Pius X. erklärt dazu:

„So darf es also, Ehrwürdige Brüder, nach Ansicht der Modernisten und im Sinne ihrer Tätigkeit nichts Feststehendes und nichts Unwandelbares in der Kirche geben. Ebendiese Denkweise hatten allerdings schon andere vor ihnen, und über diese hat Unser Vorgänger Pius IX. geschrieben: Diese Feinde der göttlichen Offenbarung erheben den menschlichen Fortschritt mit äußersten Lobreden, und sie möchten denselben in leichtfertiger und gotteslästerlicher Dreistheit durchaus auch in die katholische Religion einführen: gerade so, als ob diese Religion nicht von Gott, sondern das Werk von Menschen wäre oder irgendeine wissenschaftliche Entdeckung, welche mit menschlichen Mitteln zur Vollkommenheit geführt werden könnte (Enzyklika QUI PLURIBUS vom 9. November 1846).“

Es gab also schon 1846 genügend Leute – von Pius IX. „Feinde der göttlichen Offenbarung“ genannt! – denen es ein hauptsächliches Anliegen war, die göttliche Offenbarungsreligion durch menschliche Wissenschaft zu ersetzen. Der hl. Papst nennt ein solches Ansinnen eine „gotteslästerliche Dreistheit“. Nun, diese gotteslästerliche Dreistheit ist in der Menschenmachwerkskirche zur Regel geworden. Darum wundert es einen nicht, daß etwa ein Karol Wojtyla, alias Johannes Paul II., vollkommen unangefochten lehren konnte, durch das 2. Vatikanum seien durch den Beistand des Heiligen Geistes neue Glaubenslehren „offenbart“ worden, also Glaubenslehren, die vorher ungekannt waren. Was freilich nicht stimmt, findet man diese „Glaubenslehren“ doch durchaus bei den Irrlehrern. Es gibt letztlich nichts Neues unter der Sonne, woran auch Papst Pius X. erinnert:

„Besonders die Lehre der Modernisten über Offenbarung und Dogma ist nichts Neues. Es ist die gleiche Lehre, welche Pius IX. im SYLLABUS verurteilt hat: er drückt dieselbe so aus: Die Göttliche Offenbarung ist unvollkommen und deshalb einem beständigen und unbegrenzten Fortschritt unterworfen, der dem Fortschritt der menschlichen Vernunft entspricht (SYLLABUS, Prop. 5). Noch feierlicher lauten die Worte des Vatikanischen Konzils: Die Glaubenslehre, welche Gott geoffenbart hat, ist nämlich nicht dem Scharfsinn der Menschen wie etwa eine wissenschaftliche Entdeckung übergeben, um dieselbe zu vollenden und abzuschließen; sondern (sie ist) als von Gott hinterlegter Schatz der Braut Christi anvertraut zur treuen Bewahrung und unfehlbaren Erklärung. Deshalb ist auch für die heiligen Dogmen unwandelbar der Sinn festzuhalten, den die Heilige Mutter Kirche einmal erklärt hat, und niemals darf man unter dem Schein oder dem Vorwand eines tieferen Verständnisses von diesem Sinn abweichen (Konstitution DEI FILIUS. Kap. IV). Die genauere Deutung unserer Begriffe und Vorstellungen, auch in Glaubensdingen, wird dadurch keineswegs behindert, sondern vielmehr unterstützt und gefördert. Deshalb fährt das Vatikanische Konzil fort: Es mögen also im Laufe der Zeiten und Jahrhunderte Verständnis, Wissenschaft und Weisheit wachsen und vielfach und mächtig fortschreiten, sowohl bei den Einzelnen als bei der Gesamtheit; sowohl bei jedem Menschen, als auch in der ganzen Kirche: aber in der ihnen zukommenden Art und Weise: nämlich in der gleichen Glaubenslehre, im gleichen Sinne und in der gleichen Denkweise.“

Die Wissenschaft vom göttlichen Offenbarungsglauben

Im Rahmen der katholischen Glaubenslehre gibt es niemals neue Lehren, sondern immer nur ein vertieftes Verstehen dessen, was immer schon geglaubt wurde. Weil aber darüber, was schon immer geglaubt wurde, nicht einfach Übereinkunft herrscht, wie die Kirchengeschichte allenthalben beweist, ist die gesamte Glaubenslehre „als von Gott hinterlegter Schatz der Braut Christi anvertraut zur treuen Bewahrung und unfehlbaren Erklärung“. Darum unterscheidet sich die Theologie als Wissenschaft von allen anderen Wissenschaften. Diese ist immer gebunden an das unfehlbare Urteil der hl. Kirche. Und es kann auch gar nicht anders sein, soll die katholische Theologie die Wissenschaft vom göttlichen Offenbarungsglauben sein. Eine theologische Wissenschaft, welche diese Bindung auflöst bzw. ablehnt wie der Modernismus, ist nur noch eine menschliche Wissenschaft, die keinen göttlichen Glauben mehr verbürgen kann, sondern nur noch menschliche Meinungen darbietet.

Theologie als rein menschliche Wissenschaft

Diese Entwicklung der Theologie zur rein menschlichen Wissenschaft ist in der Menschenmachwerkskirche schon längst abgeschlossen. Die Modernisten haben ihren Marsch durch die Institutionen beendet und die obersten Leitungsposten bis hin zum „Papstamt“ eingenommen, weshalb aus dem unfehlbaren kirchlichen Lehramt ein Leeramt geworden ist, wie wir in unserer Broschüre „Vom Lehramt zum Leeramt“ ausführlich dargelegt haben. Jeder wahre Katholik muß dies anerkennen, weil es ganz einfach eine unübersehbare Tatsache ist, hat doch ganz folgerichtig Jorge Mario Bergoglio die Menschenmachwerkskirche zur synodalen Kirche erklärt, also zur „Kirche“, in der die Unfehlbarkeit vom Papst und vom kirchlichen Lehramt auf die Gesamtheit der Gläubigen übergeht. (Siehe „Synodale Kirche“.)

Das modernistische Leeramt

Die Konservativen und Traditionalisten haben sich selbstverständlich deswegen wieder sehr über Herrn Bergoglio moralisch entrüstet, jedoch in keiner Weise eingesehen, daß diese synodale Kirche eine unmittelbare und notwendige Folge der modernistischen Irrlehren ist. In seiner Enzyklika über den Modernismus erklärt der hl. Papst Pius X. das modernistische Leeramt so:

„Über die Lehr- und dogmatische Autorität denken sie noch viel Schlimmeres und Verderblicheres. Über das Lehramt der Kirche nämlich lehren sie so: Eine religiöse Genossenschaft kann nur dann wirklich zur Einheit zusammenwachsen, wenn ein gemeinsames Bewußtsein, eine Lehrformel sie beherrscht. Diese doppelte Einheit aber erfordert gleichsam einen Gemein-Verstand, der die für das gemeinsame Bewußtsein am besten passende Formel finden und festsetzen muß. Dieser Verstand muß genügend Autorität besitzen, um die Gemeinschaft an die von ihm festgesetzte Formel zu binden. In dieser Verbindung und gleichsam Verschmelzung des die Formel aussuchenden Verstandes und der sie anbefehlenden Autorität sehen die Modernisten den Begriff des kirchlichen Lehramtes. Da also das Lehramt seinen Ursprung im Bewußtsein der einzelnen besitzt, ebenso sein öffentliches Amt zum Nutzen des Bewußtseins der einzelnen auszuüben hat, so muß es notwendig von ihm abhängen und den Formeln der Gesamtheit sich fügen. Deshalb ist eine Hemmung des Bewußtseins der einzelnen Menschen, so daß sie ihre Empfindungen nicht frei und offen kundtun können, und eine Behinderung der Kritik, die das Dogma der notwendigen Entwicklung unterwerfen möchte, nicht ein Gebrauch, vielmehr ein Mißbrauch der zum gemeinsamen Nutzen anvertrauten Gewalt.“

Der Menschenmachwerks-“Papst” als Moderator der Unfehlbarkeit der Volksmeinung

Mit diesen Worten beschreibt der hl. Papst unmißverständlich das modernistische Leeramt und erklärt den philosophischen Grund für die lehrmäßige Leere dieses Amtes. Herr Bergoglio zieht nur die Konsequenzen aus den modernistischen Irrtümern und erklärt kurzerhand das Kirchenvolk für unfehlbar, wohingegen er seine Aufgabe darin sieht, diese Unfehlbarkeit der Volksmeinung zu moderieren, denn: „In dieser Verbindung und gleichsam Verschmelzung des die Formel aussuchenden Verstandes und der sie anbefehlenden Autorität sehen die Modernisten den Begriff des kirchlichen Lehramtes.“

Es mutet schon recht seltsam an, sehen zu müssen, daß es tatsächlich immer noch viele Leute gibt, die nicht einsehen wollen, daß dieses Leeramt der synodalen Kirche mit dem unfehlbaren Lehramt der katholischen Kirche rein gar nichts mehr zu tun hat. Es ist evidentermaßen das genaue Gegenteil! Bergoglio stellt das Lehr-System einfach auf den Kopf, aus der hörenden wird die lehrende und aus der lehrenden wird die hörende Kirche. Unüberbietbar treffend karikiert Gerhard Mester dies, wie wir in unserem Beitrag „Karikaturen (1)“ schon erwähnt haben:

Herr Bergoglio sitzt unter der (Lehr-)Kanzel, auf dem das Volk sich drängt und ihn belehrt! Prägnanter hätte man nicht ins Bild bannen können, was die synodale Kirche eigentlich ist. In dieser wird das pseudokirchliche Leeramt mit den Meinungen der modernen Pseudokatholiken gefüllt, welche sodann zur kirchlichen Leere erklärt werden, weil im Grunde doch wieder niemand daran glauben muß. Damit wird der Glaube zur Geschmacksache gemacht! Dabei gibt die Karikatur zugleich die Wahrnehmungsstörung der heutigen Pseudokatholiken wieder, denn in dem Untertitel heißt es: „Der Papst hört zu, die Basis redet: Franziskus hat das Image seiner Kirche in wenigen Monaten radikal gewandelt. Katholisch bleibt er trotzdem. (Zeichnung: Mester)“

Der zuletzt formulierte Eindruck ist in der Menschenmachwerkskirche unausrottbar: „Katholisch bleibt er trotzdem.“ In diesem Zusammenhang ist diese Behauptung doch zumindest frappierend, wenn doch „Franziskus … das Image seiner Kirche in wenigen Monaten radikal gewandelt“ hat. Immerhin heißt „radikal“ wurzelhaft, also von der Wurzel her, was doch nur heißen kann: ganz und gar, wesentlich!

Das modernistische Postulat der Dezentralisierung und Demokratisierung

Halten wir dieser radikalen Verwandlung der Kirche noch einmal sozusagen die gedankliche, modernistische Blaupause entgegen, wie sie der hl. Pius X. in seiner Enzyklika Pascendi schon 1907 entworfen hat:

„Das kirchliche Regiment soll in jeder Beziehung, besonders nach der disziplinären und dogmatischen Seite, reformiert werden. Es hat sich innerlich und äußerlich ihrem modernen Bewußtsein, das ganz und gar zur Demokratie neigt, anzupassen. Der niedere Klerus und ebenso die Laienwelt müssen deshalb ihren Anteil am Regiment, also am Mitspracherecht, erhalten. Die über alle Maßen zentralisierte Autorität muß dezentralisiert werden. Die römischen Kongregationen für die verschiedenen kirchlichen Bereiche, besonders die Bereiche des heiligen Offiziums und des Index, müssen gleichfalls geändert werden. Dies betrifft auch die Haltung der Kirchenbehörde in politischen und sozialen Fragen. Sie soll sich nicht in bürgerliche Verhältnisse einmischen, sondern sich ihnen anpassen, um sie so mit ihrem Geiste zu durchdringen. Innerhalb der Moral eignet man sich den Grundsatz des Amerikanismus an. Dabei gehen die aktiven Tugenden den passiven voran. Ihre Übung muß vor den anderen gefördert werden. Vom Klerus verlangt man Demut und Armut, wie dies in der Vorzeit herrschte. Dabei soll er in Tat und Gesinnung den modernistischen Ideen folgen. Es gibt sogar solche, die als gelehrige Schüler der Protestanten wünschen, den Zölibat des Priesters aufzuheben. In der Kirche bleibt nichts übrig, das nicht reformiert werden müßte, und zwar nach ihrem Rezept.“

Im Jahre 2020 liest sich das wie die Arbeitsanweisung für die modernistischen Erneuerer seit dem sog. 2. Vatikanum. Man kann nur feststellen: Plan erfüllt! Es sei nochmals daran erinnert: Ein irriger Glaube zeugt eine irrige Vorstellung von der Wirklichkeit. Die Kirche der Modernisten, also Montinis, Wojtylas, Ratzingers und Bergoglios, hat mit der Kirche unseres Herrn Jesus Christus nichts mehr gemein. Sie ist demokratisch, dezentralisiert, dem Staat unter- oder allerhöchstens beigeordnet, ihre Tugend ist die Geschäftigkeit, der Klerus ist im modernen Sinne „demütig“ und „arm“, hat also nichts zu melden und ist verheiratet. Es ist wahr: „In der Kirche bleibt nichts übrig, das nicht reformiert werden müßte, und zwar nach ihrem Rezept.“

Während die Progressisten sich über solch radikale Verwandlungen der „Kirche“ durch Bergoglio freuen, ignorieren die Konservativen und Traditionalisten sie oder entrüsten sich darüber wenigstens kurz moralisch. Das Ergebnis ist gleich: Dennoch ist Bergoglio natürlich kein Modernist und man kann ihm keine einzige Irrlehre nachweisen! – Was wollen wir mehr: Katholisch bleibt er trotzdem! So einfach ist das im Modernismus, jeder denkt und glaubt und macht, was er will und bleibt dennoch katholisch. Das scheint tatsächlich ein permanentes Wunder in der Menschenmachwerkskirche zu sein, ein ganz und gar neuartiges Wunder: Lauter Kirchenzerstörer, die dennoch katholisch sind.

„Von Menschen für Menschen“

Um die Vorgehensweise der Modernisten noch deutlicher zu machen, hilft es besonders, ihren Umgang mit der Heiligen Schrift ins Auge zu fassen. Für einen wahren Katholiken ist die Heilige Schrift das Wort Gottes, weswegen die Bücher des Alten und Neuen Testaments eine einmalige Stellung einnehmen, haben sie doch Gott selber zum Autor. Selbstverständlich ist diese Autorschaft Gottes nur im Glauben erfaßbar, wenn dieser Glaube auch durch mancherlei Angemessenheitsgründe gestärkt werden kann. Die notwendige Folge der Autorschaft Gottes ist: Die Heilige Schrift ist irrtumsfrei und deswegen letzte Instanz, wenn es um Fragen des Glaubens und der Sitte geht. Das kirchliche Lehramt begründet darum auch jeden Glaubenssatz aus der Heiligen Schrift und der Tradition, den beiden Quellen der göttlichen Offenbarung.

Auch die Modernisten sprechen natürlich von einer heiligen Schrift, aber für sie ist nicht Gott der Heilige Geist derjenige, der die hl. Schriftsteller so bewegt und inspiriert hat, daß Er als wahrer Autor dieser Schriften genannt werden kann. Nach den Modernisten unterscheidet sich jedoch die Inspiration der Heiligen Schrift „höchstens durch ihre Stärke von dem allgemeinen Antrieb, welche den Glaubenden dazu veranlaßt, seinen Glauben in Wort und Schrift darzulegen“, wie der hl. Pius X. betont. „Ähnliches finden wir bei der poetischen Inspiration. Dadurch konnte der Dichter sagen: Es wohnt ein Gott in uns. Von seinem Hauch wird die Begeisterung wach. Gerade so ist der Ursprung der Schriftinspiration in Gott zu suchen. Nach den Modernisten findet man nichts in der Heiligen Schrift, was nicht auf diese Weise inspiriert wäre.“

Das hört sich doch richtig toll an: „Es wohnt ein Gott in uns. Von seinem Hauch wird die Begeisterung wach.“ Ist damit nicht eine echte Inspiration gegeben, wie doch auch der Dichter von den Musen geküßt wird und gleichsam göttliche Worte von sich gibt, die einem gewöhnlichen Menschen für immer versagt bleiben? Schon, so muß man antworten, dennoch ist mit diesem Wort „Inspiration“ etwas ganz und gar anderes gemeint als bei der Inspiration der Heiligen Schrift. Diese wird nicht nur göttlich genannt, sie ist es tatsächlich, wirklich. Der hl. Pius X. gibt zu bedenken:

„Wenn man diese Meinung hört, sollte man sie für orthodoxer halten, als bei so manchen neueren Autoren, die zum Beispiel sogenannte stillschweigende Zitationen annehmen, und darauf die Inspiration beschränken. Diese Worte sind allerdings nur Trug und Schein. Bei der Beurteilung der Bibel nach den Prinzipien des Agnostizismus kann natürlich von Einschränkungen der Inspiration die Rede sein, da es sich doch um ein reines Menschenwerk handelt, von Menschen für Menschen geschrieben, auch wenn es der Theologe im Sinne der Immanenz göttlich nennen mag. So bleibt der Modernist bei einer allgemeinen Inspiration der Heiligen Schrift. Von einer Inspiration im katholischen Sinne läßt er allerdings nichts übrig.“

Bei den Modernisten gibt es z.T. noch erstaunlich viel frommes Geschwätz, aber hinter diesem frommen Geschwätz steht kein übernatürlicher Glaube mehr, keine katholische Glaubenswahrheit. Für einen Modernisten ist die Heilige Schrift eine religiöse Schrift wie jede andere auch, sie ist reines Menschenwerk, von Menschen für Menschen geschrieben. Es mag sich in diesen Schriften manch „Göttliches“ finden, aber solches findet sich auch in den religiösen Schriften aller andern Religionen. Kurzum: „Von einer Inspiration im katholischen Sinne läßt er allerdings nichts übrig.“

Falsche Philosophie unter dem Namen Wissenschaft

Es ist notwendig, das modernistische System etwas genauer zu analysieren, wenn man die Täuschung aufdecken möchte. Zunächst geben sich die Modernisten erhebliche Mühe, als seriöse Wissenschaftler angesehen zu werden, die ganz objektiv an die Sache herangehen. Der hl. Pius X. weist darauf hin:

„Einigen Modernisten scheint es große Sorge zu bereiten, daß man sie bei ihren geschichtlichen Arbeiten als Philosophen ansehen könnte. Sie erklären sogar, daß sie mit Philosophie nichts zu tun haben. Das ist äußerst schlau. Man könnte sonst glauben, sie wären durch ihre philosophischen Meinungen voreingenommen und deshalb nicht objektiv.“

Obwohl der Modernismus im Grunde eine Philosophie, genauer eine völlig irrige Religionsphilosophie ist, bemühen sich die Modernisten ihren Anhängern vorzugaukeln, das sie mit Philosophie nichts zu tun haben, was an sich schon merkwürdig genug ist, denn ohne irgendeine Philosophie kommt nun einmal kein Mensch aus. Aber bei den Modernisten findet sich dieses Anliegen, weil ihre Philosophie sie als grundsätzlich Befangene entlarven würde, wie auch der hl. Papst in seiner Enzyklika präzise herausarbeitet:

„Trotzdem bleibt es wahr, daß ihre ganze Geschichte und Kritik nichts als Philosophie ist. Ihre Schlußfolgerungen ergeben sich konsequent aus ihren philosophischen Prinzipien. Um das zu erkennen, muß man nur die Augen aufmachen. Die ersten drei Kanones dieser Historiker zeigen gerade diese Prinzipien, die wir bereits oben bei ihren Philosophen vorgefunden haben – der Agnostizismus, der Satz von der Verklärung der Dinge durch den Glauben und der andere, den wir meinten, als Satz von der Entstellung bezeichnen zu können.“

Agnostizistische Geschichtsverfälschung

Die Philosophie des Agnostizismus verbietet es, irgendeinen Beweis oder Erweis von etwas Göttlichen in unserer Menschenwelt anzunehmen. Darum fällt alles, was einen solchen Beweis oder Erweis von etwas Göttlichen darbieten sollte, aus ihrer wahren Geschichte heraus, es wird deswegen nicht der Wirklichkeit zugeordnet, sondern dem Glauben.

„Dem Modernisten ist daher die Unterscheidung zwischen dem Christus der Geschichte und dem Christus des Glaubens ganz geläufig, ebenso zwischen der Kirche der Geschichte und der Kirche des Glaubens, den Sakramenten der Geschichte und den Sakramenten des Glaubens, und in ähnlicher Weise noch vieles andere. Jedoch auch das menschliche Element selbst, das sich der Historiker aneignet, ist – wie es in den Dokumenten auftritt – vom Glauben durch die Verklärung über die historischen Bedingungen hinausgehoben. Deshalb sind die Zusätze, die der Glaube gemacht hat, auszuscheiden und an den Glauben und die Geschichte des Glaubens abzuliefern. Bei Christus zum Beispiel alles, was über die menschlichen Verhältnisse, über die Natur, wie sie die Psychologie darlegt, oder über die Verhältnisse, wie sie Ort und Zeit bestimmen, in welchen er gelebt hat, hinausgeht.“

Da in der wahren Geschichte der Modernisten nichts Göttliches vorkommen kann, muß der geschichtliche Jesus Christus ein bloßer Mensch gewesen sein, ein Mensch wie jeder andere auch. Alles, was über dieses allgemeine, rein menschliche Maß hinausgeht, ist eine spätere Zugabe zur Geschichte, die aus dem Glauben stammt. Der Glaube verklärt sozusagen nach den Modernisten die tatsächliche Geschichte, bzw. nüchterner und richtiger gesagt, er verfälscht sie. „Danach darf Christus das nicht gesagt haben, was die Fassungskraft des zuhörenden Volkes überstieg. Alle Allegorien, die in seinen Reden stehen, werden daher aus seiner wirklichen Geschichte gestrichen und dem Glauben zugeteilt.“

Natürlich sind sich die Modernisten selbst niemals ganz einig, was denn nun authentische Geschichte ist und was nicht, weil jeder Modernist seine eigenen Vorlieben und Abneigungen hat, die er in seinen Jesus der Geschichte hineininterpretiert. Letztlich ist das Auswahlverfahren rein subjektiv und hängt sozusagen von der Sozialisation und dem Grad des Unglaubens des einzelnen Gelehrten ab. Der hl. Papst fragt sich deswegen auch:

„Man möchte wohl das Gesetz kennen, wonach diese Ausscheidung vorgenommen wird. Nach dem Charakter des Menschen, nach seiner bürgerlichen Stellung, nach seiner Erziehung, nach der Gesamtheit der Umstände einer jeden Tatsache – kurz, wenn man genauer hinsieht, nach einer Norm, die schließlich rein subjektiv ist. Man versucht, sich in die Rolle Christi selbst hineinzudenken und sie gleichsam durchzuspielen. Was man selbst unter den gleichen Umständen getan hätte, überträgt man ohne Ausnahme auf Christus. Schließlich behaupten sie a priori und nach philosophischen Prinzipien, die sie wohl annehmen, jedoch gar nicht zu kennen vorgeben, in ihrer sogenannten wirklichen Geschichte, daß Christus nicht Gott ist und auch durchaus nichts Göttliches getan hat. Als Mensch hat er jedoch das getan und gesagt, was sie ihm zu tun und zu sagen erlauben, wenn sie sich in seine Zeiten zurückversetzen.“

Es ist klar, daß bei einem Dummkopf als historischer Jesus ein Dummkopf herauskommt, bei einem in Unmoral Versunkenen ein moralisch verdorbener Betrüger, bei einem Witzbold ein Scharlatan, usw. Man bedenke nun einmal ganz nüchtern: Solche Unsinnigkeiten gelten in der Menschenmachwerkskirche als allseits anerkannte Wissenschaft!

Das Apriori der Textkritik

Der hl. Papst Pius X. verweist noch auf ein anderes Apriori der modernistischen Zerstörungsarbeit. Eines steht für diese immer schon von vorneherein fest:

„Aus der Verteilung und Anordnung der Quellen nach den verschiedenen Zeiträumen ergibt sich von selbst, daß man die heiligen Schriften nicht denjenigen zuschreiben darf, deren Namen sie tragen. Die Modernisten behaupten deshalb durchweg ganz unbedenklich, daß diese Schriften, besonders der Pentateuch und die drei ersten Evangelien, allmählich aus einem kurzen ursprünglichen Bericht entstanden sind, durch Zusätze, erklärende theologische oder allegorische Glossen oder auch durch einfache Bindeglieder zwischen den verschiedenen Teilen. Kurz und eindeutig ausgedrückt bedeutet dies, daß für die Heilige Schrift eine vitale Entwicklung anzunehmen ist, entstanden aus der Entwicklung des Glaubens und mit ihr gleichen Schritt haltend. Die Spuren dieser Entwicklung erscheinen ihnen so deutlich, daß man fast deren Geschichte schreiben könnte. Sie wird sogar wirklich geschrieben, und zwar mit einer solchen Sicherheit, daß man glauben könnte, die Schreiber hätten die Männer mit ihren eigenen Augen bei der Arbeit gesehen, welche zu den verschiedenen Zeiten ihre Zusätze zu den biblischen Büchern gemacht haben sollen. Zur Bestätigung ihrer Ergebnisse wird dann die Textkritik zu Hilfe gerufen. Es wird versucht, Beweise zu finden, daß dieses oder jenes Diktum oder Faktum nicht am rechten Platz steht, und noch mehr Beweise dieser Art. Man könnte zu der Annahme geneigt sein, daß für sie gewisse Typen von Erzählungen und Reden von vorneherein feststehen, nach denen sich mit aller Sicherheit nachweisen läßt, was am rechten Platz steht und was nicht. Wer möchte sich auf diese Art etwas von ihnen beweisen lassen?“

Man hat tatsächlich bei den Modernisten den Eindruck, daß sie viel besser wissen als der jeweilige Autor selbst, was er gedacht, gewollt, wie er gearbeitet und was er schließlich und endlich in dem Niedergeschriebenen wirklich sagen wollte. Eine solche Selbstsicherheit erstaunt doch im höchsten Maße, sobald man nur einigermaßen erwägt, wie schwierig es ist, die Entstehungsgeschichte eines Textes zu rekonstruieren, wenn man darüber keine zuverlässigen Quellen hat. Noch viel schwieriger wird dies bei einem alten Text, der aus einer fremden Zeit und Kultur stammt. Um das Gesagte zu verdeutlichen, möchten wir hier wieder einmal auf einen Abschnitt aus C.S. Lewis Buch „Geblök eines Laien“ verweisen. C.S. Lewis kann aus eigener leidvoller Erfahrung sprechen, wie wir gleich hören werden, was die formgeschichtlichen Arbeiten der Kritiker wert sind:

Ein Beispiel aus eigener Erfahrung

„Aber mein viertes Blöken – zugleich das lauteste und längste – steht noch bevor. Diese ganze Art von Kritik versucht, die Entstehungsgeschichte der Texte zu rekonstruieren, die sie erforscht; welche verschwundenen Urkunden jeder Autor benützt, wann und wo er geschrieben hat, in welcher Absicht, unter welchen Einflüssen – den ganzen „Sitz im Leben“ der Texte. Dies geschieht mit enormer Gelehrsamkeit und viel Scharfsinn. Und auf den ersten Blick ist das alles sehr überzeugend. Vermutlich ließe ich mich selbst davon überzeugen, falls ich nicht ein Zaubermittel dagegen auf mir trüge – das Wunderkraut „Moly“. Entschuldigen Sie, wenn ich jetzt eine Weile von mir selbst rede. Was ich sagen werde, erhält sein Gewicht nur dadurch, daß Sie es aus meinem eigenen Mund hören. Ich bin gegen diese Art von Rekonstruktionen gefeit, weil ich sie am eigenen Leib erfahren habe. Ich habe zugesehen, wie Rezensenten die Entstehungsgeschichte meiner eigenen Bücher auf genau dieselbe Weise rekonstruiert haben. Wer noch nie erfahren hat, wie seine eigenen Bücher besprochen werden, der würde kaum glauben, wie wenig Raum in einer gewöhnlichen Besprechung die Kritik im eigentlichen Sinn einnimmt, die Wertung durch Lob oder Tadel des wirklich geschriebenen Buches. Den größten Teil nehmen erfundene Geschichten über den Entstehungsvorgang ein. … Den Wert solcher Rekonstruktionen lernte ich schon sehr früh in meiner Laufbahn kennen. Ich hatte einen Band Aufsätze veröffentlicht, und einer davon, der mir am meisten aus dem Herzen geschrieben war, einer, an dem mir wirklich lag und in dem ich meiner Begeisterung freien Lauf ließ, handelte von William Morris. Und beinahe in der ersten Besprechung schon sagte mir einer, dies sei offensichtlich der einzige Aufsatz im Buch, den ich ohne innere Anteilnahme verfaßt hätte. Nun darf man dies nicht falsch verstehen. Der Rezensent hatte, wie ich heute glaube, ganz recht mit seiner Ansicht, es sei der schlechteste Aufsatz des Buches; wenigstens stimmte jedermann mit ihm überein. Vollkommen unrecht aber hatte er mit der Entstehungsgeschichte, die er sich ausgedacht hatte, um die Schwäche dieses Artikels zu erklären. Nun, dies ließ mich die Ohren spitzen. … Im folgenden muß ich unterscheiden zwischen meinem persönlichen Eindruck und dem, was ich mit objektiver Sicherheit zu sagen vermag. Mein Eindruck ist, daß, solange ich mich erinnern kann, keine einzige dieser Mutmaßungen in irgendeinem Punkt richtig war, daß die Methode hundertprozentig versagt hat. Man hätte erwarten können, sie hätten aus reinem Zufall ebensooft das Rechte getroffen wie es verfehlt. Aber dies entspricht in keiner Weise meiner Erfahrung. Ich kann mich an keinen einzigen Treffer erinnern. Da ich jedoch darüber nicht sorgfältig Buch geführt habe, kann ich mich irren. Jedenfalls darf ich mit Sicherheit sagen, daß sie für gewöhnlich im Unrecht sind. Und doch würden sie oft – wenn man die Wahrheit nicht wüßte – äußerst überzeugend klingen. …“

Die Kritiker haben einen entscheidenden Vorteil, den sie den Lesern gegenüber rücksichtslos ausspielen können: Die Leser kennen die wahre Geschichte genausowenig wie sie. Einem Unwissenden aber kann man alles Mögliche vormachen. Dabei hätten diese Kritiker noch die Möglichkeit, beim Autor nachzufragen, da dieser gewöhnlich zur Zeit ihrer Kritik noch lebt. Aber das wäre dann viel zu einfach und würde wohl auch nicht genügend Stoff liefern. Also muß man die Phantasie zu Hilfe nehmen, und dieser sind bekanntlich keine Grenzen gesetzt. Der Leser wird diese Phantasiegebilde sicherlich für wahr halten, solange er auf keine andere Arbeit stößt, die dem Behaupteten widerspricht.

Man muß nun bedenken: Wenn schon die Rekonstruktion der Entstehungsgeschichte eines Textes der Gegenwart so schwierig ist, wie schwierig wird es dann erst sein, einen alten oder gar sehr alten Text zu rekonstruieren? C.S. Lewis hat ganz recht:

„Die Rekonstruktion der Entstehungsgeschichte eines Textes tönt sehr überzeugend, wenn es sich um einen alten Text handelt. Aber eigentlich ist es reine Theorie; man kann das Ergebnis nicht anhand von Tatsachen prüfen. Um zu entscheiden, wie zuverlässig die Methode ist, kann man sich nichts Besseres wünschen als einen Fall, in dem sie angewendet und nachher anhand von Tatsachen nachgeprüft wurde. Nun, das habe ich getan und herausgefunden, daß, wenn diese Kontrolle möglich ist, die Ergebnisse immer oder wenigstens fast immer falsch sind. Die ‚gesicherten Ergebnisse moderner Forschung‘ in bezug auf die Art, wie ein altes Buch geschrieben wurde, sind nur ‚gesichert‘, so dürfen wir schließen, weil die Menschen, denen die Tatsachen bekannt waren, tot sind und den Schwindel nicht aufdecken können. Die riesigen Abhandlungen auf meinem eigenen Gebiet über die Entstehungsgeschichte von ‚Piers Plowman‘ oder ‚The Faerie Queen‘ enthalten aller Wahrscheinlichkeit nach nichts anderes als schiere Illusionen.“

Die sachliche Überprüfung der Ergebnisse moderner Textkritik führt also zu einem äußerst ernüchternden Ergebnis, sie sind immer oder wenigstens fast immer falsch. Daraus muß man schließen, daß auch die Einsichten der Modernisten, die mit derselben Methode bezüglich der Heiligen Schrift gewonnen werden immer oder wenigstens fast immer falsch sind. Sie haben gegenüber ihren Kollegen aus der Literaturkritik nur den Vorteil, ihre Verfasser sind schon lange tot und können sich nicht mehr wehren. C.S. Lewis geht noch auf einen naheliegenden Einwand ein:

„Aber setze ich mich damit nicht dem Vorwurf aus, jeden Schreiberling, der in einer heutigen Wochenzeitung eine Besprechung veröffentlicht, mit großen Gelehrten zu vergleichen, die ihr ganzes Leben dem gründlichen Studium des Neuen Testamentes gewidmet haben? Wenn jene immer irren, muß es diesen unbedingt ebenso ergehen? Darauf gibt es zwei Antworten. Zunächst folgt aus meinem Respekt vor der Gelehrsamkeit dieser großen Exegeten noch nicht, daß ich vor ihrem Urteilsvermögen denselben Respekt empfinden muß. Zweitens muß man die günstigen Umstände in Betracht ziehen, unter denen die Bücherrezensenten von vorneherein arbeiten. Sie rekonstruieren die Geschichte eines Buches, dessen Verfasser dieselbe Muttersprache hat wie sie selbst; eines Zeitgenossen mit derselben Bildung wie sie, der in einer Art von ähnlichem geistigen Klima lebt wie sie. Alles kommt ihnen zu Hilfe. So müßte die Überlegenheit an Urteilskraft und Anstrengung auf seiten der Exegeten beinahe übermenschlich sein, um die Tatsache wettzumachen, daß sie es dauernd mit Bräuchen, Sprachen, Rassen- und Klasseneigentümlichkeiten, einem religiösen Hintergrund, Kompositionsarten und Grundvoraussetzungen zu tun haben, in denen sich ein heute lebender Mensch trotz aller Gelehrsamkeit niemals mit der Sicherheit, Vertrautheit und dem Instinkt auskennen kann, wie ein Kritiker in den meinen. Und aus genau demselben Grund kann man, wie gesagt, den Exegeten nie auf den Kopf zusagen, daß sie sich mit einer von ihnen erdachten Rekonstruktion geirrt haben. Markus ist tot. Mit Petrus werden sie Dringenderes zu besprechen haben, wenn sie ihm einmal begegnen. Sie, meine Zuhörer, werden vermutlich einwenden, es sei töricht von jenen Rezensenten, erraten zu wollen, wie jemand ein Buch geschrieben hat, da sie selbst noch nie ein solches verfaßt haben. Sie setzen voraus, man hätte eine Geschichte so geschrieben, wie sie selbst versuchen würden, eine solche zu schreiben, und die Weise, auf die sie das täten, erklärt, daß sie nie eine verfaßt haben. Aber sind die Bibelkritiker denn besser daran? Bultmann hat nie ein Evangelium geschrieben. Hat ihn die Erfahrung seines ohne Zweifel verdienstlichen Lebens als Gelehrter, als Spezialist, ihn wirklich zur Einsicht in den Geist jener längst verstorbenen Männer befähigt, die von dem Ereignis ergriffen wurden, das in jeder Hinsicht als das zentrale religiöse Erlebnis des ganzen Menschengeschlechtes betrachtet werden muß? Es ist keine Unhöflichkeit zu behaupten – Bultmann würde es selbst zugeben -, die Schranken, die ihn von den Evangelisten trennen, seien auf jeden Fall viel gewaltiger als jene, die zwischen meinen Kritikern und mir bestehen.“

Das Ergebnis der modernen Exegese

Nochmals sei es festgehalten: Der Befund unserer Hinterfragung der modernen Exegese ist somit mehr als ernüchternd. Ratlos steht der wahre Katholik vor einer derartigen Wissenschaft, die ganz aus dem modernen Unglauben geboren wurde und die ganze Menschenmachwerkskirche beherrscht. Wie groß muß jedoch die ideologische Verblendung sein, wenn man eine Forschungsmethode, die fast immer zu falschen Ergebnissen führt, dennoch als wissenschaftlich akzeptiert!

Skeptizismus gegenüber dem Skeptizismus

Zum Schluß seiner Erwägungen geht C.S. Lewis nochmals auf die Entwicklung der Kritik bei Texten der profanen Literatur ein. Dort ist nämlich durchaus ein Erkenntniszugewinn festzustellen:

„Mit Profantexten geht man längst nicht mehr so selbstsicher um wie gegenwärtig mit dem Neuen Testament. Es gab einmal englische Gelehrte, die bereit waren, ‚Heinrich VI.‘ unter ein halbes Dutzend Autoren aufzuteilen und jedem sein Stück zuzusprechen. Wir tun das jetzt nicht mehr. Als ich ein Knabe war, hätte man über jeden gelacht, der an die Existenz Homers glaubte. Die Annahme einer Vielzahl von Verfassern schien für immer gesiegt zu haben. Aber Homer scheint sich wieder einzuschleichen. Sogar der Glaube der alten Griechen, die Bewohner von Mykene seien ihre Vorfahren und hätten griechisch gesprochen, hat überraschend Unterstützung gefunden. An den historischen König Artus dürfen wir heute glauben, ohne zu erröten. Überall, außer in der Theologie, hat ein wachsender Skeptizismus dem Skeptizismus selbst gegenüber eingesetzt. Wir können es nicht unterlassen zu murmeln: ‚multa renascentur quae jam cecidere‘ [Das Zitat stammt aus Q. Horatius Flaccus Ars Poetica und lautet vollständig: Multa renascentur quae iam cecidere, cadentque quae nunc sunt in honore vocabula, si volet usus, quem penes arbitrium est et ius et norma loquendi. Res gestae regumque ducumque et tristia bella quo scribi possent numero, monstravit Homerus. Viele Worte, die schon untergingen, werden wiedergeboren und die Worte fallen, die nun in Ehre stehen, wenn der Gebrauch das will, denn in ihm wohnt der Schiedsrichter und Recht und Sitte des Sprechens. Die Taten der Könige und Feldherren und die traurigen Kriege: in welchen Versen sie geschrieben werden können, zeigte Homer.]“

(Aus: C.S. Lewis, Was der Laie blökt. Christliche Diagnosen, Johannes Verlag Einsiedeln, 1985)

Es ist schon auffallend, in anderen Wissensbereichen hat man die Theorien der modernen skeptizistischen Kritik inzwischen wieder aufgegeben, nur die modernistischen Theologen hängen ihnen noch unbeeindruckt von allen neueren Erkenntnissen nach – denn letztlich ist ein Modernist unbelehrbar, d.h. er muß sich zuerst bekehren, denn erst dann wird er wieder fähig, den wahren Sachverhalt einzusehen.

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