Trostbrief in einer trostlosen Zeit – Nr. 9

In unserer nach wie vor trostlosen Zeit folgt hier unser Trstbrief Nr. 9.



Wandel in der Gegenwart Gottes

Die öftere Übung der Geistlichen Kommunion läßt unwillkürlich einen anderen Gedanken aufkommen, den Gedanken an den Wandel in der Gegenwart Gottes. Jeder Katholik hat schon einmal davon gehört, daß man sich bemühen soll, den Tag über möglichst oft an die Gegenwart Gottes zu denken, um dadurch das Tagwerk zu heiligen. Es ist schließlich eine der Grundwahrheiten unseres hl. Glaubens, daß Gott uns immer gegenwärtig ist. Gott ist uns nicht unendlich fern, irgendwo und irgendwie verborgen im Himmel, Er ist allen Geschöpfen ständig gegenwärtig. Und insofern wir in der Gnade Gottes leben, ist Er in unserer Seele sogar gnadenhaft gegenwärtig, unsere Seele ist ein Tempel des dreifaltigen Gottes. Ist es nicht erstaunlich, daß uns diese Wahrheit nicht mehr anrührt? Ja ist es nicht sogar so, daß sie uns nicht nur nicht anrührt, sondern daß sie manchen sogar unangenehm ist, insofern sie einschließt, daß Gott uns immer sieht, daß Ihm auch gar nichts verborgen bleibt?

Warum ist dieser Gedanke manchem unangenehm? Weil er weiß, sein Lebenswandel ist nicht wirklich und vollständig Gott wohlgefällig. So treibt ihn die Angst vor dem ewigen Richter weg von Gott. Aber wie töricht ist dieses Verhalten, ist doch Gott allein unsere Rettung, kann uns doch allein der göttliche Erlöser von unseren Sünden befreien!

An sich ist der Wandel in der Gegenwart Gottes eine der größten Gnaden, die man von Gott erbeten kann, denn er ist schon jetzt die Vorwegnahme der Seligkeit es des Himmels, soweit es in diesem Jammertal möglich ist. Der Meister des inneren Lebens, Alphons Rodriguez S.J., spricht in seinem Buch „Übung der christlichen Vollkommenheit und Tugend“ auch ausführlich über den Wandel in der Gegenwart Gottes. Es ist die „Sechste Abhandlung“, in der man Folgendes liest:

Von der Vergegenwärtigung Gottes

1. Hauptstück. Von der Vortrefflichkeit dieser Übung und von den großen Gütern, die in ihr liegen.

1. „Suchet den Herrn und erstarket; suchet sein Angesicht allezeit!“ Ps. 104, 4. So spricht der Prophet David. „Suchet sein Angesicht allezeit!“ „Das Angesicht des Herrn ist die Gegenwart des Herrn,“ sagt der hl. Augustin. Das Angesicht des Herrn immer suchen, heißt immer in seiner Gegenwart wandeln, immer das Herz mit Verlangen und Liebe zu ihm erheben. Hesychius, den auch der heil. Bonaventura anführt, sagt hierüber: „Sich immer in der Vergegenwärtigung Gottes befinden, das ist der Anfang des Lebens der Seligen schon auf dieser Erde. Denn die Seligkeit der Heiligen besteht in dem unaufhörlichen Schauen Gottes, den sie nie aus dem Auge verlieren. Weil wir in diesem Leben Gott nicht in der Klarheit schauen können, wie Er ist, und wie dies den Heiligen gegeben ist, so wollen wir diese doch in unsrer Weise nachahmen, insoweit unsere Schwachheit es erträgt, indem wir immer auf Gott schauen, immer Ehrfurcht vor ihm haben, immerdar: ihn lieben. Gott, der Herr, hat uns erschaffen, daß wir ewig bei ihm im Himmel sein und ihn genießen wollen, und er will, daß wir hier schon ein Unterpfand und einen Vorgenuß von dieser Seligkeit haben, indem wir immer vor ihm wandeln, auf ihn schauen und ihm Ehrfurcht bezeugen, wenn auch jetzt noch im Dunkeln. „Jetzt sehen wir durch einen Spiegel, rätselhaft; einst aber von Angesicht zu Angesicht.“ 1. Kor. 13, 14, Dies klare Schauen, sagt Hesychius, ist die Belohnung, die Herrlichkeit und Seligkeit, die wir hoffen; jenes dunkle Schauen ist das Verdienst, wodurch wir das klare Schauen erlangen.

2. In unserer Weise ahmen wir die Seligen nach, wenn wir uns bemühen, bei all unsern Werken Gott nie aus den Augen zu verlieren, gleichwie die heiligen Engel, die zu unserer Hilfe ausgesendet sind, uns zu schützen und zu verteidigen, in der Weise diese Dienstleistungen versehen, daß sie dabei Gott nie aus den Augen verlieren. So sprach der Engel Raphael zu Tobias: „Ich scheine zwar mit euch zu essen und zu trinken; jedoch unsichtbare Speise und Trank so nicht von Menschen gesehen werden kann, genieße ich.“ Tob. 14,10. So mögen auch wir mit den Leuten essen und trinken, arbeiten und verkehren, und dem Anschein nach uns ganz damit beschäftigen und uns darin aufhalten; aber wir müssen dafür sorgen, daß nicht dies unsere Hauptspeise und Unterhaltung ist, sondern jene unsichtbare, welche die Leute nicht sehen, nämlich das unaufhörliche Schauen und Lieben Gottes und die Vollbringung seines heiligsten Willens.

3. In diesem unaufhörlichen Wandel in der Gegenwart Gottes hatten die Heiligen und jene Patriarchen der Vorzeit eine ausgezeichnete Übung.“ „Ich sehe immerdar den Herrn vor meinen Augen; denn zur Rechten ist er mir, daß ich nicht wanke. Ps. 15, 8. Der königliche Prophet begnügte sich nicht damit, den Herrn sieben Mal des Tages zu lobpreisen, sondern er hatte ihn immerdar vor seinen Augen. Diese Übung war bei jenen Heiligen so ohne Aufhören, daß es ihnen zur gewohnten Redeweise wurde: „So wahr der Herr lebt, vor dem ich stehe!“ 3. Kön. 17, 1. Große Güter und Vorteile ergeben sich aus diesem unaufhörlichen Wandel vor Gott, wo man immer bedenkt, daß er uns sieht. Darum mühten sich die Heiligen so sehr darum. Dies allein reicht hin, Harmonie und Ordnung zu halten in allem, was man tut. Oder welcher Knecht wird sich nicht vor den Augen seines Herrn recht betragen? Welcher wird so vermessen sein, vor den Augen seines Herrn das Befohlene nicht zu tun, oder ihn ins Angesicht zu beleidigen? Oder welcher Räuber würde stehlen, wo er den Richter vor sich stehen und ihm zuschauen sähe? – Gott sieht uns, und er ist unser Richter. Er, der Allmächtige kann jeden Augenblick machen, daß die Erde sich öffnet, und die Hölle den verschlingt, der ihn beleidiget, wie es ja schon geschehen ist. Wer sollte so vermessen sein, ihn je noch zu beleidigen? Darum betete der hl. Augustin: „Wenn ich, o Herr, aufmerksam erwäge, daß du immer mich siehst, Tag und Nacht mit solcher Sorgfalt über mich wachest, als wäre im Himmel und auf Erden außer mir kein Geschöpf mehr zu besorgen; wenn ich recht erwäge, daß alle meine Werke, Gedanken und Begierden offen und klar vor dir liegen, so bin ich erfüllt mit Schrecken und Beschämung.“ Wahrlich, schwer verpflichtet sind wir, gerecht und rechtschaffen zu leben und wohl zu bedenken, daß wir alles vor den Augen des Richters tun, der dies Alles sieht, und vor dem man nichts verbergen kann. Wenn hier schon die Gegenwart eines Menschen uns in Ordnung erhält, wie muß erst die Gegenwart Gottes auf uns wirken?

4. In der Erklärung der Stelle bei Ezechiel (22, 12), wo Gott von Jerusalem spricht: „Du hast meiner vergessen!“ sagt der heilige Hieronymus: Das Andenken an Gott weiset jede Schandtat ab. Dasselbe sagt auch der hl. Ambrosius. Und an einer andern Stelle sagt der hl. Hieronymus: „Würden wir, wo wir sündigen, daran denken, daß Gott uns sieht und uns gegenwärtig ist, so könnten wir gewiß nie tun, was ihm mißfällig ist.“ Dies Einzige bewog die Sünderin Thais (5. Abh. 19. Hptst.), ihr sündiges Leben zu verlassen, in die Wüste zu gehen und ein Büßerleben anzufangen. „Blickt er nicht hin auf meine Wege, und zählt er nicht alle meine Schritte?“ Job 31, 4. Job will damit sagen: Wie ein Augenzeuge beobachtet mich der Herr und zählt meine Schritte. Wer sollte es noch wagen, zu sündigen und eine böse Tat zu vollbringen?

5. Dagegen kommt alle Unordnung und alles Verderben der Böen von dem Nichtbedenken, daß Gott gegenwärtig ist und sie sieht, wie dies die hl. Schrift, in der Person der Gottlosen redend, öfters wiederholt: „Du sprichst: Niemand ist, der mich sieht.“ Is 47, 10. „Er sieht nicht unser Ende.“ Jer. 12, 4. Zu den Vorwürfen, welche der Prophet Ezechiel der Stadt Jerusalem wegen ihrer vielen Sünden und Laster macht, und wo er am Ende als die Ursache von dem Allem die Vergessenheit Gottes angibt, macht der hl. Hieronymus dieselbe Bemerkung. Denselben Grund gibt die hl. Schrift an vielen andern Stellen an. Wie ein Pferd ohne Zügel, und ein Schiff ohne Steuerruder zusammenstürzt und zu Grunde gehen muß; ebenso rennt der Mensch, wo er diesen Zügel verloren hat, seinen verkehrten Gelüsten und Leidenschaften nach. „Es ist kein Gott vor seinem Angesichte; seine Wege sind befleckt immerdar.“ Ps. 9, 26.

6. Der heilige Basilius erklärt an vielen Stellen die Vergegenwärtigung Gottes als das Heilmittel gegen alle Versuchungen und Mühseligkeiten, und gegen alle Anfälle und Gelegenheiten, die nur immer kommen mögen. Willst du ein alle andern Mittel in sich begreifendes, kräftiges Mittel zur Erlangung der Vollkommenheit, so ist es diese Vergegenwärtigung Gottes. Als solches hat es auch Gott dem Abraham geboten: „Wandle vor mir und sei vollkommen!“ 1. Mos. 17, 1. Hier, wie an anderen Stellen der hl. Schrift ist die befehlende Redeweise statt der zukünftigen Zeit gebraucht, um den unfehlbar sichern Erfolg anzudeuten. Denn so gewiß wirst du vollkommen sein, wenn du immer auf Gott schaust und bedenkst, daß er dir zuschaut, daß du jetzt schon als Vollkommener gelten kannst. Denn wie die Sterne von dem Anblicke der Sonne, die ihnen immer gegenwärtig ist, und die sie immer schauen, ihr Licht, um nach Innen und Außen zu glänzen, und auch die Kraft ihres Einflusses auf die Erde empfangen; ebenso empfangen die Gerechten, diese Sterne der Kirche Gottes, vom Anblicke Gottes und davon, daß sie ihn immer gegenwärtig schauen und ihr Denken und Wollen auf ihn richten, ihr Licht. Mittels dieses Lichtes erglänzen sie im Innern, das Gott schaut, von wahren und festen Tugenden, und im Äußern, das die Menschen schauen, erscheinen sie in aller Zucht und Ehrbarkeit. Daraus empfangen sie Kraft und Stärke, Andere zu erbauen und Andern zu helfen.

7. Nichts in der Welt erklärt die Notwendigkeit, immer in der Gegenwart Gottes zu wandeln, so treffend, wie nachstehender Vergleich mit dem Mond. Denk die die Abhängigkeit des Mondes von der Sonne und seine Notwendigkeit, immer vor ihr zu wandeln. Der Mond hat kein Licht aus sich, sondern nur, was er von der Sonne empfängt, und zwar nur, insofern ihn die Sonne anblickt. Auf die niederen Geschöpfe wirkt er je nach dem Lichte, das er von der Sonne empfängt, und darum wachsen sie, wo er wächst, und wo er abnimmt, da geht es auch mit ihrem Wachstum langsam. Stellt sich irgendetwas vor den Mond hin, so daß es ihm den Blick und Antlitz der Sonne entzieht, so wird er augenblicklich an dieser Stelle verfinstert und verliert sein Licht und seinen Glanz, und damit geht zugleich ein großer Teil seiner Einwirkung auf die Geschöpfe, die er kraft des Lichtes hatte, verloren. Gerade so verhält es sich zwischen der Seele und Gott, der ihre Sonne ist.

(Alphons Rodriguez S.J., Übung der christlichen Vollkommenheit und Tugend, Band 1, Verlag Pustet, Regensburg, S. 227-229, Rechtschreibung angeglichen.)

Das Erste, was uns bewegen muß, wenn wir in der Gegenwart Gottes zu leben wünschen, ist die Einsicht in die Glaubenswahrheit Seiner Allgegenwart. Immer und überall ist Gott seinen Geschöpfen gegenwärtig. Bedenken wir noch, daß dieser überall gegenwärtige Gott unsere himmlischer Vater ist, so wird der Wunsch lebendig werden, immer öfter an Gottes Gegenwart zu denken und sich daran zu erfreuen. Denn gibt es eine größere Freude als die: Gott bei sich zu wissen! Wie segensreich wird sich aber dieser Gedanken auswirken, wenn er auch wirklich festgehalten wird. Darum befiehlt uns Gott, wie gehört haben direkt: „Wandle vor mir und sei vollkommen!“

Sobald man die Glaubenswahrheit von der Allgegenwart Gottes erfaßt hat, stellt sich einem die Frage: Wie aber ist es möglich, immer in der Gegenwart Gottes zu leben? Um dieser Frage zu beantworten, erklärt Alphons Rodriguez, was man unter dem Wandel in der Gegenwart Gottes genau zu verstehen hat.

2. Hauptstück. Wozu die Übung des beständigen Wandels in der Gegenwart Gottes bestehe.

1. Zur besseren Vornahme dieser Übung ist vor allem die Erklärung notwendig, worin sie bestehe. Sie besteht in zwei Stücken, in einem Akt des Verstandes, und in einem Akt des Willens. Das Erste ist der Akt des Verstandes, weil dieser, wie die Philosophie nachweist, die notwendige Voraussetzung eines jeden Willensaktes ist. Das Erste muß also eine Erwägung des Verstandes sein, daß Gott hier und überall gegenwärtig ist, daß er die ganze Welt erfüllt und Alles in Allem, und daß er, ganz in jedem Teil, in jedem, auch dem kleinsten Geschöpf gegenwärtig ist. Man muß also zuerst einen Akt des Glaubens erwecken, denn es ist dies eine Wahrheit, die uns der Glaube vorhält, daß wir sie glauben. „Er ist nicht ferne von einem jeden aus uns; denn in ihm leben und weben und sind wir.“ Apg. 17, 27. So spricht der Apostel, und der hl. Augustin bekennt: „Außer mir suchte ich den Herrn, ihn, den ich in mir habe.“ In dir ist er. Gott ist mir innerer und inniglicher, als ich mir selber. In ihm leben und weben wir; in ihm haben wir das Sein. Er ist’s, der alles belebt, was Leben hat. Er gibt allem Kraft, was eine Kraft hat. Er gibt Allem, was Sein hat, das Sein. Würde nicht er durch seine Gegenwart die Dinge in ihrem Sein erhalten, so hörten sie auf zu sein und verfielen wieder in das Nichts. Erwäge ferner, daß du ganz von Gott erfüllt bist, umgeben, umringt von Gott, schwimmend in Gott. Das sprechen die Worte aus: „Himmel und Erde sind deiner Herrlichkeit voll.“ Is. 6, 3.

2. Um sich in dieser Betrachtung nachzuhelfen, denken sich Manche die ganze Welt voll von Gott, und sich selber mitten in diesem unermeßlichen Meere Gottes, umgeben und eingeschlossen von ihm wie ein Schwamm mitten im Meer, ganz getränkt und gefüllt mit Wasser, und auch von Außen allerseits von Wasser umgeben und eingeschlossen. Es ist dies für unsern kurzsichtigen Verstand ein trefflicher Vergleich; allein immer bleibt er noch weit zurück und vermag bei weitem nicht zu erklären, was wir sagen wollen. Denn wo dieser Schwamm mitten im Meer aufwärtssteigt, so findet er ein Ausgehen des Wassers; sinkt er hinunter, so findet er den Grund, und bewegt er sich von einer Seite zur andern, so findet er eine Begrenzung. Bei Gott aber ist dies alles nicht. „Steig ich zum Himmel auf, so bist du da; steig ich hinab zum Totenreich, so bist du da; nähm‘ ich als Flügel mir die Morgenröte, und wohnte ich an des Meeres Grenzen; selbst da geleitet mich deine Hand und erfaßt mich deine Rechte.“ Ps. 138,8. In Gott gibt es kein Ende und keine Grenze; denn er ist unendlich und unermeßlich. Der Schwamm kann als Körper vom Wasser, das auch ein Körper ist, nicht ganz durchdrungen werden; wir aber sind ganz und durchweg durchdrungen von Gott, der ein purer Geist ist. Übrigens verhelfen diese und andere Vergleiche, so dürftig sie auch sein mögen, dennoch gar wohl zu einiger Erfassung der unendlichen Unermeßlichkeit Gottes, und seiner innerlichsten Gegenwart in uns und in allen Dingen. Darum wendet sie auch der hl. Augustin an.

(Ebd. S. 230)

Es ist sicherlich nicht ganz einfach in einer fast vollkommen atheistisch geprägten Umwelt von der Wahrheit durchdrungen zu sein, Gott erfüllt ganz selbstverständlich die ganze Welt, weil sie Seine Schöpfung ist und er durchdringt zudem jedes einzelne Geschöpf, weil es ohne Ihn nicht im Sein beharren könnte. Hinzu kommt noch die Einsicht, die der hl. Augustin so wunderbar beschreibt, daß Gott mir innerer und inniglicher, als ich mir selber. Man sollte es tatsächlich wieder und wieder beherzigen: „Erwäge ferner, daß du ganz von Gott erfüllt bist, umgeben, umringt von Gott, schwimmend in Gott.“

Unser jesuitischer Meister des inneren Lebens macht nun auf eine Schwierigkeit aufmerksam, die man unbedingt meiden sollte:

3. Zu dieser Übung in der Vergegenwärtigung Gottes ist es, was wir hier bemerken wollen, nicht notwendig, sich mittelst der Einbildungskraft ein Bild oder eine Vorstellung von Gott zu machen, indem wir uns denken, er sei eben da, uns zur Seite, oder an einem bestimmten Orte, oder indem wir ihn in irgend einer Form oder Gestalt uns vorstellen. Manche stellen sich Jesum Christum, unsern Erlöser, derart gegenwärtig vor, als wäre er ihnen zur Seite, als wandelte er mit ihnen, als schaute er ihnen bei Allem zu, was sie nur immer tun; und so wandeln sie immer in der Gegenwart Gottes. Die Einen stellen sich Christum am Kreuze hängend vor, die Andern, wie er an die Säule gebunden ist, wieder Andere, wie er im Garten betet und Blut schwitzet. Wieder Andere, wie er im Garten betet und Blut schwitzet. Andere denken sich ihn in einem andern Akte seines Leidens oder in einem freudenreichen Geheimnisse seines Lebens, wie es gerade auf sie einen besonderen Eindruck macht. Sie stellen sich ihn bald so, bald wieder anders vor. Oder sie stellen sich ihn vor, wie er eben ein Wunder wirkt.

4. Dies Alles ist sehr gut, wenn man es recht anzuwenden weiß; aber im Grunde genommen ist es doch noch nicht das Beste; denn all diese Bilder und Vorstellungen leiblicher Dinge verleiden und ermüden und verursachen oft Kopfleiden. Der hl. Bernard und der hl. Bonaventura verstanden dies freilich besser als wir. Sie bewegten sich darin mit größter Leichtigkeit und Ruhe. So verbargen sie sich in die Wundenhöhlen Christi, in seine hl. Seite und fanden darin ihren Schutz, ihre Zuflucht, ihre Ruhe. Hier glaubten sie die Worte des Bräutigams im hohen Liede zu vernehmen: „Stehe auf, meine Freundin, meine Holde, und komme! Meine Taube in des Felsen Ritzen, in der Höhlung des Gesteins.“ Hohl. 2, 13, 14. Ein andermal dachten sie sich den Fuß des Kreuzes in ihr Herz gepflanzt, und mit ihrem Munde faßten sie in innigster Wonne die den Wunden des Heilandes entspringenden und herabfließenden Blutstropfen auf. „In Freuden werdet ihr Wasser schöpfen aus den Quellen des Heilandes.“ Is. 12, 3. Diese Heiligen haben darin wohlgetan und dadurch viel gewonnen. Wolltest aber du den ganzen Tag in solchen Betrachtungen dir Gott vergegenwärtigen, so könntest du leicht an einem Tag oder in einem Monat, den du damit zubrächtest, das Gebet für ein ganzes Jahr verlieren, weil du dabei den Kopf zu sehr anstrengen müßtest.

(Ebd. S. 230f.)

Was den Heiligen möglich und nützlich war, ist nicht unbedingt für uns auch gut. Eine dauernde Konzentration auf solche Bilder und Vorstellungen überfordert unseren Geist. Man würde also viel, ja womöglich alles verlieren, wenn man sich auf diese Weise ständig an die Gegenwart Gottes erinnern würde. Man müßte nämlich dabei den Kopf zu sehr anstrengen und darum womöglich an einem Tag oder in einem Monat das Gebet für ein ganzes Jahr verlieren. Die Übung der Gegenwart Gottes darf niemals zwangshaft werden. Der Heilige Geist führt die Seele immer ruhig und sanft. Solche Vorstellungen und Bilder können bei ganz bestimmten Situationen helfen, sie sind jedoch nicht als dauernde Hilfsmittel zu gebrauchen. Unser Jesuit legt großen Wert darauf, das nochmals hervorzuheben:

5. Wie wohlbegründet diese Bemerkung sei, läßt sich leicht einsehen. Bekanntlich ist die Vorstellung der Ortsverhältnisse, wodurch wir uns den Betrachtungsgegenstand vergegenwärtigen, indem wir uns denselben als vor unseren Augen denken, eine Vorbereitung zum Gebet. Allein selbst hier sollen wir nach Anleitung der hl. Lehrer unsere Einbildungskraft nicht zu sehr mit der Gestalt und Auffassung der leiblichen Gegenstände, die wir uns denken, abmühen, damit wir nicht uns Kopfleiden verursachen, und nicht allerlei Täuschungen daraus entspringen. Ist eine solche Bemerkung und Vorsicht schon bei der Vorbereitung zum Gebete notwendig, die doch nur kurz in Ruhe und Muße vorgenommen wird, ohne daß man auf etwas anderes zu denken hätte; um wie viel mehr wird dies der Fall sein, wo man einen ganzen Tag lang, mitten unter andern Beschäftigungen an einer solchen Vorstellung festhalten wollte.

6. Die Vergegenwärtigung Gottes, von der wir hier handeln, schließt alle Einbildungen und Erwägungen dieser Art aus und ist denselben ganz ferne, denn wir reden hier von der Vergegenwärtigung Gottes, insofern er Gott ist, und da brauchen wir uns nicht erst vorzustellen, daß er gegenwärtig ist, sondern wir haben dies als eine Glaubenswahrheit zu glauben. Christus unser Erlöser in seiner menschlichen Natur ist im Himmel und im heiligsten Altarssakrament. In dieser Weise ist er nicht an jedem Orte. Wenn wir uns somit Christum in seiner menschlichen Natur denken, so ist dies eine Vorstellung, die wir uns selber machen. Als Gott ist er mir gegenwärtig und ist in mir und an jedem Orte, Alles erfüllend. „Der Geist des Herrn erfüllt den Erdkreis.“ Weish. 1, 7. Es ist nicht notwendig, daß man sich vorstelle, was nicht ist; sondern wir sollen in der Tat glauben, was in Wahrheit ist. Die Menschheit Christi kann man sich mittels der Einbildungskraft vergegenwärtigen und vorstellen, denn als Mensch hat er einen Leib, eine Gestalt. Gott als Gott kann man sich nicht vorstellen oder darstellen; denn er hat keinen Leib, keine Gestalt; er ist ein purer Geist. Auch einen Engel und selbst unsere Seele können wir uns nicht vorstellen, denn es sind geistige Wesen. Um wie viel weniger könnten wir uns eine Vorstellung oder einen Begriff davon machen, wie Gott sei.

7. Wie müssen wir uns denn Gott als gegenwärtig denken? Antwort: Durch Erweckung eines Aktes des Glaubens, festhaltend, daß Gott hier gegenwärtig ist, weil der Glaube es lehrt. Wie und in welcher Weise er gegenwärtig sei, brauchen wir nicht zu erforschen. Der hl. Paulus sagt von Moses: „Er hielt sich an den Unsichtbaren, als sähe er ihn gegenwärtig.“ Hebr. 11, 27. Er wollte nicht wissen oder sich vorstellen, wie er gegenwärtig ist. – Wenn man des Nachts mit einem Freunde redet, kümmert man sich nicht darum und denkt nicht daran, wie er eben aussieht, sondern man freut sich und ist froh des Umganges und der Gegenwart des Freundes, weil man weiß, daß er wirklich gegenwärtig ist. Ebenso müssen wir auch Gott als gegenwärtig uns denken. Es genügt uns, zu wissen, daß er als unser Freund uns gegenwärtig ist, um uns seiner zu freuen. Wir brauchen nicht nachzuforschen, wie er gegenwärtig ist; denn wir kämen doch nicht darauf, weil es jetzt Nacht ist. Warten wir, bis es Tag wird, bis die Morgenröte des zukünftigen Lebens anbricht, wo er sich uns enthüllet, und wir ihn in Klarheit schauen können, wie er ist. „Wenn er erscheinen wird, dann werden wir ihm ähnlich sein; denn wir werden ihn schauen, wie er ist.“ 1. Joh. 3, 2. Darum erschien der Herr auch dem Moses im Nebel und im Dunkel, damit auch du ihn nicht zu schauen verlangest, sondern nur allein glaubest, daß er dir gegenwärtig ist. – Was wir bisher gesagt haben, gehört zum ersten Akt, des Verstandes nämlich, welcher dem andern vorausgehen muß. Aber darin besteht noch nicht das Hauptsächliche dieser Übung; denn wir haben nicht allein den Verstand zu beschäftigen, indem wir uns Gott gegenwärtig denken. Wir müssen auch mit dem Willen tätig sein – durch Verlangen nach ihm, durch Liebe zu ihm, durch Vereinigung mit ihm. In diesen Akten des Willens besteht das Hauptsächliche dieser Übung. Davon werden wir im folgenden Hauptstück handeln.

(Ebd. S. 231f.)

Gott überall und immer gegenwärtig zu wissen genügt nicht. Denn unser Gott ist ein lebendiger Gott, ER wünscht, daß wir Ihn als unseren Herrn und Schöpfer anerkennen, also Ihn aus ganzem Herzen auch loben und preisen und alles Gute von Ihm erbitten und erwarten. Nicht nur unser Verstand muß sich Gott unterwerfen, sondern auch unser Wille. Aber das wollen wir erst im nächsten Trostbrief erwägen. Zunächst gilt es einmal, sich Seiner wunderbaren und heiligenden Gegenwart inne zu werden, indem wir lernen, Ihn überall gegenwärtig zu sehen – ganz umgeben, umringt von Gott, gleichsam schwimmend in Ihm!