Allein und zu Fuß

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Versuch eines Lebensbildes des hl. Ignatius von Loyola

Die Heiligen sind alles andere als Massenmenschen, was der moderne Mensch eigentlich von ihnen annehmen muß, haben sie doch alle denselben Glauben und halten sich an dieselben göttlichen Gebote, leben im Gehorsam gegenüber der hl. Kirche und bemühen sich, die evangelischen Räte zu verwirklichen. Wo ist da die Freiheit? Müssen unter dieser gemeinsamen Voraussetzung nicht lauter gleiche Menschen entstehen? Das genaue Gegenteil ist der Fall, jedes Heiligenleben ist so einmalig, daß man aus dem Staunen nicht mehr herauskommt. Das liegt letztlich an den unermeßlich vielen Möglichkeiten der Gnade. Zudem gilt, je reicher jemand an Gnade ist, desto individueller, einmaliger, unvergleichlicher ist er. Der Gipfel dieser Einmaligkeit ist die allerseligste Jungfrau und Gottesmutter Maria, die Gnadenvolle, die Immakulata!

Der Heilige ist ein Mensch, der gelernt hat, sich vollkommen an der göttlichen Vorsehung zu orientieren und im Einklang mit dieser zu leben. Der Heilige schlägt ab einem bestimmten Zeitpunkt seiner inneren Reifung auch nicht mehr das kleinste Gnadenangebot Gottes aus. Dabei muß aber jeder Heilige seinen eigenen Weg zur Heiligkeit finden und gehen. So gibt es etwa stille Heilige, die ihr Leben lang im Verborgenen wirkten und immer nur in dem kleinen Kreis ihrer Gemeinschaft geblieben sind. Sodann gibt es aber auch Heilige, die wie die Propheten des Alten Bundes wortgewaltig in die Geschichte der hl. Kirche und der Völker eingegriffen haben. Sie waren die von Gott gesandten Künder der göttlichen Wahrheit und Seines Ratschlusses, die das Volk zu Umkehr und Buße mahnten. Was für ein Segen ist von ihnen ausgegangen!

Einer dieser großen, von Gott geschenkten Weltenlenker, wie man sie auch nennen könnte, war der hl. Ignatius von Loyola. Er ist einer der bedeutenden spanischen Heiligen jenes so aufgewühlten und doch auch so fruchtbaren Jahrhunderts der Reform. Je mehr man über diesen großen Mann nachforscht und nachsinnt, desto ehrfürchtiger wird man angesichts einer solch strahlenden Heiligkeit und innigen Gottverbundenheit.

Zwei vollkommen gegensätzliche Zeitgenossen

Während in Deutschland Martin Luther sein Unwesen trieb und unzählige Menschen ins Verderben riß, begab sich in Spanien ein junger Edelmann auf Abenteuersuche, wobei die Vorsehung Gottes wollte, daß aus dem weltlich begonnenen Abenteuer mit einem Mal ein geistliches wurde. Luther wurde acht Jahre vor Ignatius geboren (1483) und stirbt zehn Jahre vor ihm (1546). Beide waren also Zeitgenossen, Zeitgenossen, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Während der eine in prometeischer Selbstüberhebung gegen Gott und die hl. Kirche schimpfte, fluchte und wetterte, versuchte der andere, die verborgenen Reichtümer der hl. Kirche neu zu entdecken und einen gangbaren Weg zu Gott zu finden und diesen allmählich auch andere zu lehren. Irgendwer hat einmal bemerkt, in den Schriften des hl. Ignatius würde der Namen Luthers kein einziges Mal vorkommen. Dies wirft ein erstes, helles Licht auf den Basken, der allezeit sich bemüht, nur auf Gott zu schauen, Seinen hl. Willen zu erforschen und zu erfüllen. Seine geistlichen Söhne werden sich mit Luther beschäftigen müssen, Ignatius aber ist von Gott ausersehen, der Kirche Jesu Christi mit allen seinen Kräften und Fähigkeiten beim Wiederaufbau zu helfen. Doch greifen wir damit schon allzu weit vor. Werfen wir zunächst einen kurzen Blick auf die wichtigsten Lebensdaten.

Eine merkwürdige Prophezeiung

Der hl. Ignatius, mit bürgerlichem Namen Iñigo López Oñaz de Recalde y Loyola, kurz „Iñigo“ genannt, wurde im Jahre 1491 auf dem Stammschloß seiner Familie in Loyola in der spanischen Provinz Guipuzcoa als letztes von 13 Kindern des Beltrán de Oñas und der Doña Marina geboren. Als junger Mann diente er am Hof des Königs Ferdinand als Page. Dort eignete er sich eine höfisch-ritterliche Bildung an, hörte aber auch von fernen Ländern und großen Abenteuern. Sein Bruder Hernandos zog in die Neue Welt und kam nicht wieder zurück. Das weltliche Treiben am Hof faszinierte Iñigo, weshalb er mehrere Jahre alles andere als geistliche Manieren an den Tag legte. Er trug Waffen, den offenen Mantel, die Haare lang bis auf die Schulter und ohne jeden Anschein einer Tonsur. Seine Tante Marina de Guevara, eine Ordensschwester, sagte eines Tages zu ihm: „Iñigo, du wirst nicht gescheit und willst nicht lernen, bis daß sie dir ein Bein brechen.“ Damals ahnte aber sicher noch niemand, wie wörtlich sich diese Vorhersage erfüllen würde. Am Hof erlebte Iñigo auch, wie wankelmütig das weltliche Glück sein kann. Als nämlich sein Beschützer starb, „ohne ihn gut zu versehen“, wie ein Freund schreibt, waren plötzlich nur noch zwei Pferde und ein paar Schilde seine ganze bewegliche Habe. Als letzte Möglichkeit nach seinem Weggang blieb ihm der Heeresdienst. Er wandte sich an den Herzog von Nájera: Don Manrique de Lare, der seit 1516 Vizekönig von Navarra war.

Krieg zwischen Frankreich und Spanien

Im Jahre 1521 kommt es zum Krieg mit den Franzosen. Am 18. Mai steht das französische Heer vor Pamplona. Die Bevölkerung hatte die Gelegenheit genützt und kurzerhand das Haus des Herzogs geplündert, die Wappen Spaniens niedergerissen und gegen das spanische Militär gemeutert. Eine Verteidigung der Stadt war im Grunde ein Selbstmordunternehmen. Während Don Martin, der den Hilfstrupp aus Loyola anführt, angesichts der aussichtslosen Lage abzieht, gab Iñigo seinem Pferd die Sporen und ritt mit einer Handvoll Rittern in Pamplona ein. „Als sie in einer Festung waren, die von den Franzosen belagert wurde, und als alle meinten, daß es besser sei, sich zu ergeben, um mit dem Leben davonzukommen, da man klar sah, daß keine Verteidigung möglich war, machte er dem Kommandanten so viele Vorstellungen, daß er ihn sogar zur Verteidigung überredete, obwohl alle Ritter gegensätzlicher Meinung waren, die er aber mit seinem Mut und seiner Entschlossenheit aufrichtete.“

Der Soldat Christi

Am 19. Mai begann das Artillerieduell: „Nachdem der Beschuß eine Weile gedauert hatte, erwischte ihn ein Schuß am Bein und zerschlug es ihm völlig, und weil die Kugel zwischen beiden Beinen durchging, war auch das andere in Mitleidenschaft gezogen. Und deshalb, nachdem er gestürzt war, ergaben sich die von der Festung bald…“ Nun war es wahr geworden, was seine Tante vorausgesagt hatte – und damit begann die von Gott gewollte Wandlung des etwas seltsamen Soldaten Iñigo in einen Soldaten Jesu Christi.

Die Sieger „behandelten den Verwundeten sehr gut, höflich und freundlich zumal“. Polanco, einer seiner ersten Gefährten berichtet: Die Sieger „brachten ihn in die Stadt hinunter und die Feinde selbst sorgten sehr gut für seine Heilung, indem sie nach Ärzten und allem möglichen schickten, bis es ihnen besser schien, ihn nach Hause zu schicken, damit man in seiner Behandlung, die sehr lange werden würde, mit Bedacht vorangehen könne“.

Monatelang lag er schließlich im Schloß von Loyola auf dem Krankenlager. Weil das Bein nicht richtig zusammengewachsen war, mußte es wieder gebrochen und neu eingerichtet werden: „Und von neuem begann diese Schlächterei, während derselben, wie bei allen Vorfällen, die er davor und danach erlitt, er kein Wort verlor und kein anderes Zeichen von sich gab, als nur die Fäuste sehr fest zu ballen.“ Aber die Genesung wollte nicht voranschreiten, vielmehr zeigten sich am 24. Juni, dem Johannistag, alle Anzeichen, die „gewöhnlich den Tod bedeuten“. Iñigo beichtete und empfing die hl. Kommunion, aber sein Zustand wurde nicht besser. Die Ärzte meinten, „wenn er bis um Mitternacht keine Besserung verspüre, könne er sich für verloren halten“. Am Vorabend des Festes der hl. Apostel Petrus und Paulus, denen der Kranke eine „besondere Verehrung zu erweisen pflegte“, begann die Besserung und innerhalb weniger Tage war er außer Lebensgefahr.

Am Scheideweg

Da jedoch die Heilung seines Beines länger dauerte, war er ans Bett gefesselt. In Ermangelung von Ritterromanen vertrieb er sich die lange Zeit mit dem Lesen von Heiligenleben und des Lebens Jesu von Ludolf von Sachsen. Die Bücher gefielen ihm „im gewissen Maß“ und manchmal „verweilte er in Gedanken –‚ was wäre, wenn ich das machte, was der heilige Franziskus gemacht hat, und das, was der heilige Dominikus gemacht hat?‘ Und so durchdachte er viele Dinge. Er nahm sich immer für sich selbst schwierige und harte Dinge vor. Und wenn er sie sich vornahm, schien ihm, er finde Leichtigkeit in sich, sie ins Werk zu setzen.“ Iñigo beginnt das zu ahnen, was wir Heiligkeit nennen und er erkennt, daß diese Heiligkeit etwas Mühevolles und Schwieriges ist, das man tun muß. Wobei es ihm sodann doch auch wieder einfach erscheint, das zu tun.

Aber die Gedanken des Kranken bleiben noch nicht ausschließlich bei diesen heiligen Träumen, diese wechseln ab mit jenen der weltlichen Ehren im Dienste seines Königs oder auch der Königin seines Herzens. Dabei machte er eine immer deutlicher werdende Beobachtung: Diese weltlichen Träume erfreuten ihn, während er sich mit ihnen beschäftigte, aber „wenn er danach aus Ermüdung davon abließ, fand er sich trocken und unzufrieden“. Dagegen, wenn er sich in die Heldentaten der Heiligen vertiefte und sich vorstellte, diese ebenfalls zu tun, wie „barfuß nach Jerusalem zu gehen und nur Kräuter zu essen und alle übrigen Härten auszuführen, von denen er las, daß die Heiligen sie ausgeführt hatten, war er nicht nur getröstet, …sondern blieb auch, nachdem er davon abgelassen hatte, zufrieden und froh“.

Die Unterscheidung der Geister

Es zeigt sich hier nicht nur, daß Ignatius ein Meister der Vorstellungkraft war. Er verstand es auch, seine eigene Seele zu beobachten und lernte, seine wechselnden Stimmungen zu deuten, d.h. er lernte die „Verschiedenheit der Geister“ kennen und unterscheiden, die in ihm kämpften. Sein späterer Schüler Ribadeneira erklärt dazu, daß Iñigo „einsah, daß es zwei Geister gab, nicht nur verschieden, sondern ganz und gar gegensätzlich zueinander“ – und wie es in der hl. Schrift heißt, die sich wie Licht und Finsternis zueinander verhalten. Camara ergänzt: „Dies war die erste Überlegung, die er in den Dingen Gottes anstellte. Und danach, als er die Geistlichen Übungen verfaßte, begann er von hieraus Licht bezüglich der Verschiedenheit der Geister zu gewinnen.“

Iñigo war ein Mann der Tat, es konnte nicht immer nur bei Überlegungen und Träumen bleiben. Er notiert: „Alles, was er zu tun verlangte, war, sobald er gesund würde, die Reise nach Jerusalem, wie es oben gesagt ist, mit so vielen Geißelungen und solchen Enthaltungen wie sie ein großzügiger Sinn, der von Gott entzündet ist, auszuführen zu verlangen pflegt.“ Von Anfang an faszinierte ihn die heilige Stadt Jerusalem. Jerusalem ist die Stadt, in der Unser Herr Jesus Christus wirkte, es ist der Schauplatz unserer Erlösung – die ersehnte Wüste seiner Taten der Großmut im Gefolge der Heiligen. Aber noch war die Bekehrung nicht vollbracht, die verschiedenen Geister kämpften um seine Seele: „Mit dem heiligen Verlangen, das er hatte, begann er bereits, die vergangen Gedanken zu vergessen.“ Das große heilige Ideal drohte wieder zu verblassen, denn die Welt lockte mit ihren Freuden und Genüssen. In diesem Hin-und-Herschwanken wurde ihm eine innere Stärkung zuteil, eine „Heimsuchung“ wie er sie nennt:

„Eine Nacht war er wach und sah deutlich das Bild unserer Herrin mit dem heiligen Jesuskind, bei deren Anblick er über einen beachtlichen Zeitraum sehr übermäßigen Trost empfing. Und er verblieb mit solchem Ekel gegen sein ganzes vergangenes Leben und besonders gegen Fleischesdinge, daß ihm schien, ihm seien alle Vorstellungsbilder aus der Seele genommen, die er zuvor in ihr gemalt trug. Und so hatte er seit jener Stunde bis zum August des Jahres 1553, da dies geschrieben wird, niemals mehr auch nur eine geringste Zustimmung in Fleischesdingen. Und aus dieser Wirkung kann man urteilen, daß die Sache von Gott war, obwohl er nicht wagte, es zu bestimmen, und auch nicht mehr sagte, als das Obengenannte zu behaupten.“

Iñigo spricht über diese himmlische Schau sehr sachlich und zurückhaltend. Er wagt es nicht, mit letzter Sicherheit zu behaupten, daß sie von Gott stammte. Was aber ganz und gar dafür sprach war die Tatsache der wunderbaren, unmittelbaren und dauerhaften Folgen dieses Eingreifens. Daraus wuchs seine Überzeugung, daß ein so grundlegender und andauernder Wandel nicht von seinen eigenen Kräften und Neigungen herrühren konnte. In seinem Exerzitienbüchlein wird er schreiben, daß die Fleischesdinge „wie eine Wunde oder ein Geschwür (sind), aus dem so viele Sünden und so viele Schlechtigkeiten und so schändliches Gift hervorgegangen sind“ (Nr. 58).

Der bekehrte Iñigo

Nun war er ganz bekehrt, und seiner Eigenart gemäß begann er sofort, das neu Erkannte zu tun, die neu gewonnenen Erkenntnisse in der Tat zu erproben. Im Jahre 1522 verließ er „auf dem Rücken eines Maultieres“ seine Heimat mit dem Ziel Montserrat. Auf dem Weg dorthin beschloß Iñigo eine Kutte zu kaufen, die er anziehen und auf seiner Jerusalemfahrt tragen wollte: „Stoff, aus dem man Säcke zu machen pflegt, von einer Art, die nicht sehr gewebt ist und viele Borsten hat.“ Irgendjemand fertigte ihm aus dem rauhen Stoff einen Überwurf, der ihm bis auf die Füße reichte. Auch kaufte er den Stock und die Kürbisflasche, die gewöhnliche Pilgertracht, und hängte alles an den Sattelknauf seines Maultiers. Außerdem kaufte er ein Paar Hanfschuhe, da sein Bein noch ziemlich schlimm und verbunden war, behielt aber nur einen. Nachts begann nämlich das Bein anzuschwellen, obwohl er ritt, deswegen brauchte er wenigstens für das kranke Bein einen Schuh.

Auf dem Weg kommen ihm wieder die Heiligen in den Sinn: „Dabei dachte er, wie er es immer pflegte, an die Großtaten, die er aus Liebe zu Gott zu machen hatte. Und da er den ganzen Verstand voll von jenen Dingen hatte, Amadis de Gaula und ähnlichen Büchern, kamen ihm einige Dinge in den Sinn, die jenen ähnlich waren. Und so entschloß er sich, eine ganze Nacht Waffenwache vor dem Altar unserer Herrin von Montserrat zu halten, ohne sich zu setzen oder zu legen, sondern bald stehend, bald kniend. Er hatte beschlossen, dort seine Kleider zu lassen und sich mit den Waffen Christi zu kleiden.“

Ein Geschenk an die Jungfrau von Montserrrat

Im Heiligtum angekommen beichtet Iñigo, er überläßt dem Kloster sein Maultier, sein Schwert und seinen Dolch schenkt er als Votivgaben der Jungfrau von Montserrat. „Am Vortag unserer Herrin im März, bei Nacht, im Jahr 1522, ging er so geheim, wie er nur konnte, zu einem Armen und legte alle seine Kleider ab. Er gab sie einem Armen und kleidete sich mit dem ersehnten Gewand.“

Während Iñigo mit der ganzen Sehnsucht seines ungestümen Herzens davon träumte, arm zu sein um Jesu Christi willen, träumte der Bettler wohl davon, reich und angesehen zu sein, und die kostbaren Kleider schienen das erträumte Wunder wahrzumachen. Es kommt nicht auf den äußeren Schein an, sondern auf das Herz, weshalb unser göttlicher Lehrmeister auch die Armen im Geiste selig preist. Iñigo wollte jedenfalls ernst machen mit dem neuen Leben aus dem Glauben „und ging, sich vor dem Altar unserer Herrin niederzuknien. Und die einen Male auf diese Weise und andere Male stehend, mit seinem Stock in der Hand, verbrachte er die ganze Nacht“. Es war die Nacht vom 24. auf den 25. März. Für ihn war es eine Nacht der großen Versprechen und innigen Bittgebete, eine Nacht, die in der Früh mit der hl. Messe gekrönt wurde. Er kommunizierte verloren zwischen den Pilgern in der dunklen Klosterkirche – „Und bei Tagesanbruch brach er auf.“

Manresa

Das nächste Ziel war Manresa. Eigentlich wolle er dort nur einige Tage im Hospital verbringen „und auch einige Dinge in seinem Buch notieren, das er sehr sorgfältig verwahrt bei sich trug und das ihn sehr getröstet sein ließ“. Auf dem Weg dorthin holte ihn die Vergangenheit viel schneller als erwartet wieder ein. Es folgte ihm nämlich jemand von Montserrat aus und als er ihn erkannte, fragte er aufgeregt, ob er seine Kleider einem Armen gegeben habe, wie dieser behaupte. „Ich habe sie ihm gegeben“, antwortete Iñigo trocken, aber „da sprangen ihm die Tränen aus den Augen, aus Mitleid mit dem Armen, dem er die Kleider gegeben hatte“. „Aus Mitleid“, erklärt er selbst, denn er sah ein, „daß man ihn belästigte, weil man dachte, er habe sie gestohlen.“ Es ist schon zu Herzen gehend und bezeichnend, Iñigo konnte aus Mitleid mit dem Nächsten spontan weinen, obwohl er ertragen konnte, daß man ihm die Knochen zersägte, ohne zu jammern und ohne etwas anderes zu tun, als nur die Fäuste zusammenzuballen.

Es holte ihn auf dem Weg jedoch nicht nur die Vergangenheit ein, die göttliche Vorsehung fügte sogleich eine erste Begegnung. Inés Pascual, seine spätere große Wohltäterin, war ebenfalls gerade auf dem Weg von Monserrat nach Manresa. Sie war in Begleitung ihrer Patenkinder und dreier Witwen. Während sie so dahingingen, begegneten sie einem Armen, der wie ein Pilger eine Kutte trug. „Nicht sehr groß, blaß, mit geröteten Wangen, von gutem und würdigem Gesicht, vor allem von großer Bescheidenheit in den Augen … kam er sehr müde daher und humpelnd auf seinem rechten Bein.“ Inés Pascual hatte Mitleid mit dem Pilger mit dem „etwas kahlen Kopf“, der auf kastilisch frage, ob es in der Nähe ein Hospital gebe, wohin er sich zurückziehen könne. Da eine der Witwen die Hospizmeisterin des Hospitals Santa Lucia war, konnten sie ihm zusichern, daß er in Manresa finden würde, was er suche. Sie luden ihn auch ein, ihrer kleinen Gruppe zu folgen.

Der Pilger begann im Hospital Santa Lucia ein neues Leben. Er schlief wenig und auf dem Boden, betete viel und dachte viel nach. Gekleidet in seine Kutte von grobem Stoff, erweckte er durch seine Würde im Benehmen und mit seiner Bescheidenheit im Blick unwillkürlich Aufmerksamkeit. Die Leute vermuteten in ihm einen armen Büßer, der irgendein Geheimnis verbarg. Diese Ahnung wurde durch die Nachricht von der Waffenwache am Montserrrat und den verschenkten Kleidern noch verstärkt. Inés Pascual war von den Tugenden und der Geduld des Pilgers tief beeindruckt. Sie brachte es zuwege, daß Iñigo im Konvent der Dominikaner wohnen konnte und nahm ihn wie einen Sohn auf. Fortan bettelte Iñigo jeden Tag in den Straßen von Manresa, aß außer sonntags kein Fleisch und trank keinen Wein, auch wenn man ihm einen anbot. Jeden Tag nahm er an der hl. Messe teil und betrachtete das Leiden Jesu. Nachts verbrachte er viele Stunden im Gebet, er beichtete und kommunizierte wöchentlich. Auch besuchte er das Hospital, um den Kranken Liebesdienste zu leisten. Die Kinder von Manresa liefen manchmal hinter ihm her und riefen: „l’ome sant“ – Heiliger Mann!

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