Der Fall des Judas Iskariot

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Nun leben schon seit fast 200 Jahren mitten unter den Katholiken sog. Modernisten, also Menschen, die sich zwar noch Katholiken nennen, es aber nicht mehr sind. Von außen betrachtet sieht man es den Modernisten nicht an, daß sie anders sind als die Katholiken, denn Modernisten können durchaus fromm sein und sehr bemüht, gegen den Nächsten gut zu sein, sie können sich für ihren Glauben engagieren und besonders eifrig für alle Christen und den Frieden in der Welt beten. Ein oberflächlicher Blick reicht also in keiner Weise aus, einen Modernisten als solchen zu enttarnen und einzusehen, daß es keine Katholiken mehr sind.

Tritt ein Modernist heutzutage sogar in der Form des Postmodernismus auf, wird die Unterscheidung noch schwerer, denn dieser liebt nicht nur die modernen Formen der Frömmigkeit, er geht durchaus auch in eine „hl. Messe in der außerordentlichen Form“ oder pflegt andere nostalgische Formen religiösen Lebens, was ihn jedoch wiederum nicht daran hindert, bei irgendwelchen charismatischen Spektakeln genauso begeistert mitzumachen. Von den meisten Konservativen oder Traditionalisten der Menschenmachwerkskirche wird dieses Phänomen nicht einmal wahrgenommen. Sie betrachten sich immer noch als eine starke Bastion gegen den Modernismus, obwohl genau genommen keiner von ihnen weiß, was der Modernismus seinem Wesen nach ist und wie viele Modernisten inzwischen in ihren eigenen Reihen sich befinden.

Letztlich ist es die perfektionierte Kunst der Täuschung, die den Modernismus so gefährlich macht. Frühere Irrlehrer haben sich ausdrücklich in Gegensatz zur Lehre der römisch-katholischen Kirche gesetzt und sich sodann auch als Organisation gegen diese formiert. Sie hielten sich für die wahren Christen, die wahre Tradition, für diejenigen, die das wahre Evangelium verkünden. Der Widerspruch zum katholischen Glauben war jedem offenbar. Ein Anhänger Luthers war selbstverständlich antikatholisch, er lebte vom Protest gegen die römische Kirche und das Papsttum.

Ein Modernist ist zwar auch antikatholisch, antichristlich, ja im Grunde vollkommen glaubenslos, wenn man den Glauben im katholischen Sinne als übernatürliche Tugend versteht, aber dennoch fühlt er sich als besserer Katholik und ist überzeugt, in der katholischen Kirche bleiben zu müssen, um diese zur ihren eigentlichen Wurzeln zurückzuführen. Für einen Modernisten ist die Kirchengeschichte eine Geschichte ständigen Abfalls vom ursprünglichen Ideal. Die Päpste haben all die Jahrhunderte Christus und den Glauben verraten, also muß man sie dazu bringen, zu den urchristlichen Wurzeln zurückzukehren.

Der Modernist ist so gefährlich, weil er sich nicht mehr ausdrücklich in Gegensatz zur kirchlichen Hierarchie setzt, sondern diese heuchlerisch anerkennt, indem er so tut, als stünde diese im Grunde hinter ihm. Wenn sie nur die Sache recht verstehen würde, so bildet er sich ein, dann würde sie genau so urteilen wie er. Man muß also nur warten, bis sich die modernistische Lehre (eigentlich Irrlehre) durchgesetzt hat, dann zeigt sich allen diese Übereinstimmung – was sich seit dem sog. Konzil und dem Abfall fast der ganzen Hierarchie auch bewahrheitet.

Die Wiederentdeckung des religiösen Gefühls

Ein Modernist ist seinem Wesen nach unbelehrbar, weil er felsenfest davon überzeugt ist, den Stein der Weisen gefunden zu haben, weshalb er sich einbildet, alle belehren zu können, weil nämlich er allein das wahre Verständnis des Evangeliums besitzt. All diejenigen, die das nicht oder noch nicht einsehen wollen, sind nicht auf der Höhe der modernen Wissenschaft, sie sind hinter der modernen Entwicklung zurückgeblieben und in erstarrten Traditionen gefangen.

Der Modernismus verdankt seine Entstehung einer vermeintlichen Entdeckung, bzw. Wiederentdeckung: Der Entdeckung des religiösen Gefühls. Dabei tun sie so, als hätte es in der hl. Kirche nicht seit ihrem ersten Anfängen eine mystische Theologie gegeben, durch welche der übernatürliche Glaube immer schon mit dem Gnadenleben verbunden und gezeigt wurde, wie notwendig und oft schwierig gerade bei den mystischen Erfahrungen die rechte Unterscheidung der Geister ist.

Der modernistische „Prozess vitaler Immanenz“

Die Modernisten sprechen gerne von einer Rationalisierung des Glaubens durch die Verbindung mit der griechischen Philosophie, womit sie eine Überbetonung der Vernunft gegenüber dem religiösen Gefühl meinen. Wer sich auf deren sophistischen Einwände einläßt, der verliert schnell jeglichen übernatürlichen Grund seines Glaubens aus den Augen und vertauscht seinen übernatürlichen göttlichen Glauben mit einem Menschenmachwerksglauben. In seiner Enzyklika „Pascendi Dominici gregis“ gegen die Modernisten hat der hl. Pius X. ausdrücklich auf diese Gefahr hingewiesen:

„Das religiöse Gefühl also, das durch vitale Immanenz aus dem verborgenen Quell des Unterbewusstseins hervorbricht, ist der Keim jeglicher Religion und zugleich der Grund von allem, was in irgendeiner Religion war oder sein wird. Anfänglich roh und fast ungestaltet, ist dieses Gefühl allmählich unter dem Einfluss jenes geheimnisvollen Prinzips, von dem es herstammt, gewachsen zugleich mit dem Fortschritt des menschlichen Lebens, von dem es ja, wie gesagt, eine Art Form ist. So haben wir also hier den Ursprung jeder Religion, mag sie auch übernatürlich sein; denn die Religionen sind alle nur Entfaltungen des religiösen Gefühls. Und man glaube nicht, die katholische Religion sei ausgenommen; sie steht vielmehr den übrigen vollkommen gleich; ist sie doch im Bewusstsein Christi, des auserlesenen Mannes, dem niemand gleich war noch sein wird, durch den Prozess vitaler Immanenz, und nicht anders, entstanden. – Wahrlich, man staunt über die Kühnheit solcher Behauptung, über solchen Frevel am Heiligen! Aber, ehrwürdige Brüder, das ist nicht nur verwegenes Geschwätz der Ungläubigen, nein Katholiken, ja mehrere Priester sogar, haben das öffentlich gelehrt, sie brüsten sich mit solchem Wahnsinn die Kirche zu reformieren!“

Wenn der Glaube durch vitale Immanenz aus dem Unterbewußtsein hervorbricht, so ist er einerseits ganz und gar natürlich, nämlich eine Gefühlsregung oder –empfindung, und anderseits inhaltlich nicht mehr zu bestimmen, also nicht mehr von einem falschen Glauben zu unterscheiden. Jeder hat sodann letztlich berechtigterweise seinen eigenen Glauben. Für den Modernisten ist jeweils das „wahr“, was er fühlt und denkt und meint und empfindet und erlebt, – „denn die Religionen sind alle nur Entfaltungen des religiösen Gefühls“.

Im Grunde gilt das auch schon für den Glaubensbegriff des Protestantismus. Der sog. „Fiduzialglaube“ (Vertrauensglaube) ist nichts anderes als das Gefühl, daß ich von Christus gerettet bin. Ob das nun wirklich, also objektiv richtig ist oder nicht, das kann keiner mehr nachprüfen. Ein Protestant kann noch so sehr in der Sünde leben – und sich dennoch einbilden, er sei gerettet, wofür Luther selbst das beste und zugleich abschreckendste Beispiel ist. Wobei die Protestanten aber noch meinten, diesen im Grunde vollkommen blinden Gefühlsglauben an das Wort Gottes binden zu müssen und zu können, was aber ebenfalls nicht mehr als ein Gefühl ist und sein kann, denn jeder soll die Heilige Schrift durch Erleuchtung des Heiligen Geistes recht verstehen können.

Aber wie soll dieses „rechte Verstehen“ wiederum überprüfbar sein? Wenn zwischen der Schriftinterpretation von Protestanten Widersprüche auftreten – und wie hat schon Martin Luther gegen all jene gewettert, gepoltert und unflätig geschimpft, die seinem Evangelium, also seiner Schrifterklärung widersprochen haben – wer soll dann Schiedsrichter sein? Die fast 3000 offiziellen protestantischen Sekten auf der Welt beweisen, daß es einen solchen Schiedsrichter nicht gibt und auch nach deren Irrlehre nicht geben kann.

Wenn man einmal diesen irrigen Pfad des Modernismus betreten hat, wird alles von dieser grundlegenden Lehre her geformt, bzw. verformt. Pius X. mußte schon damals voller Erstaunen feststellen: „Und man glaube nicht, die katholische Religion sei ausgenommen; sie steht vielmehr den übrigen vollkommen gleich; ist sie doch im Bewusstsein Christi, des auserlesenen Mannes, dem niemand gleich war noch sein wird, durch den Prozess vitaler Immanenz, und nicht anders, entstanden. – Wahrlich, man staunt über die Kühnheit solcher Behauptung, über solchen Frevel am Heiligen!“

Nach den Modernisten gilt selbst für den Gottmenschen Jesus Christus diese Grunderfahrung allen religiösen Wissens. Auch Sein Glaube war ein Prozess vitaler Immanenz. Mit anderen Worten: Sein Gottessohnbewußtsein, wie es die Modernisten nennen, floß allein aus seiner Gebetserfahrung. Dementsprechend erklärt einmal Joseph Ratzinger: „Das Grundwort des Dogmas ‚wesensgleicher Sohn‘, in dem sich das ganze Zeugnis der alten Konzilien zusammenzufassen läßt, überträgt einfach das Faktum des Betens Jesu in philosophisch-theologische Fachsprache“ (Schreiben der „Kongregation für die Glaubenslehre“ über einige Aspekte der Meditation 1989, Deutsche Tagespost vom 20. April 1989).

Jesus Christus wird also „Sohn Gottes“ durch seine Gebetserfahrung – und auch wir werden „Gott“ durch unsere Gebetserfahrung, die sich an derjenigen Jesu anlehnt: „Wir werden Gott in der Teilhabe an der Gebärde des Sohnes. Wir werden Gott, indem wir ‚Kind‘, indem wir ‚Sohn‘ werden; das heißt, wir werden es im Hineingehen in Jesu Reden mit dem Vater und im Hineintreten dieses unseres Gesprächs mit dem Vater in das Fleisch unseres täglichen Lebens: ‚Einen Leib hast du mir bereitet…‘“ (Joseph Ratzinger, Der Gott Jesus Christi. Betrachtungen über den Dreieinigen Gott, München 1976, S. 55).

Diese wenigen Worte des wohl zur Zeit bekanntesten Modernisten zeigen uns, der Modernismus geht über alle früheren Irrlehren hinaus, wie ebenfalls schon der hl. Pius X. feststellt: „Hier handelt es sich nicht mehr um den alten Irrtum, durch den man der menschlichen Natur gleichsam das Recht einer übernatürlichen Ordnung zuschrieb. Darüber ist man weit hinausgegangen: man gibt unserer allerheiligsten Religion in dem Menschen Christus und in uns einen durchaus natürlichen Ursprung aus sich selbst. Das ist aber das beste Mittel, jede übernatürliche Ordnung abzuschaffen. Daher wurde vom vatikanischen Konzil mit Recht bestimmt: ‚Wenn einer sagt, der Mensch könne zu einer Kenntnis und Vollkommenheit, die die Natur übersteigt, nicht von Gott erhoben werden, sondern könne und müsse zum Besitz des Wahren und Guten von sich selbst aus in wachsendem Fortschritt gelangen, der sei im Banne!‘“

Das modernistische religiöse Glaubensgefühl

Sobald man die modernistische Art des Glaubens übernommen hat – wissentlich oder unwissentlich, das ist gleichgültig – sind letztlich alle Glaubensaussagen dem eigenen religiösen Gefühl unterworfen. Der Glaube wird nicht mehr von der Sache her beurteilt – also von der Glaubenslehre her – sondern vom eigenen Erleben. Diese Tatsache wird jedoch nicht bei allen Glaubenslehren gleich greifbar. Solange etwa eine katholische Glaubenslehre dem eigenen Geschmack eines Modernisten entspricht, fällt es gar nicht auf, daß er diese nicht aufgrund der Autorität Gottes und Seiner Kirche glaubt, sondern aufgrund der eigenen Glaubenserfahrung, dem eigenen Glaubensempfinden, dem eigenem religiösen Gefühl.

Sobald jedoch eine Glaubenslehre dem eigenen Geschmack nicht entspricht, wird der Widerspruch greifbar. Doch hat der Modernist sodann immer noch die Möglichkeit, sich selbst zu täuschen, indem er die konkrete Glaubensverpflichtung durch die Kirche herunterspielt und relativiert, ja letztlich negiert, aber ein gewisser Widerspruch bleibt dennoch zurück.

Die letzten Dinge

Eine Lehre, die dem Geschmack der Menschen sehr entgegensteht, ist die Lehre vom Fegfeuer und ganz besonders von der Hölle. Der Gedanke einer ewigen Hölle, also eines Zustandes ewiger Strafverfallenheit mit nie endenden Schmerzen fällt jedem Menschen schwer. Deswegen haben die Modernisten auch schon sehr früh die Existenz der Hölle geleugnet – oder wenigstens geleugnet, daß sich jemand in der Hölle befindet. Wenn es eine Hölle gibt, dann ist sie leer.

Der Gedanke einer ewigen Hölle scheint ihnen mit dem Gedanken eines Gottes, der die Liebe ist, nicht vereinbar zu sein. Die bekanntesten neueren Vertreter dieser Irrlehre sind sicherlich Hans Urs von Balthasar und in dessen geistiger Nachfolge Karol Wojtyla, alias Johannes Paul II. In seiner „Theodramatik“ empfindet es Balthasar nicht nur als für den Menschen allzu dramatisch, wenn dieser wirklich sein Heil verscherzen könnte, sondern auch für Gott. Nach ihm verstößt das „Verstoßen-müssen“ des Sünders durch Gott gegen Gottes Liebe und er bezeichnet dieses „Verstoßen-müssen“ als eine „Niederlage Gottes, der in seinem eigenen Heilswerk scheitert“. Dazu kann man mit dem hl. Pius X. nur bemerken: „Wahrlich, man staunt über die Kühnheit solcher Behauptung, über solchen Frevel am Heiligen!“

Das Ende der menschlichen Willensfreiheit

Solch mahnende Worte fechten jedoch einen Meister in der modernistischen Theologie wie Hans Urs von Balthasar nicht an, er meint vielmehr allen Ernstes: „Die Frage ist, ob Gott im Letzten bei seinem Heilsplan von der Wahl des Menschen abhängig ist, abhängig sein will oder ob seine nur das Heil wollende Freiheit, die absolut ist, der menschlichen, geschöpflichen und deshalb relativen, nicht überlegen bleibt” (aus: Johannes Rothkranz, Die Kardinalfehler des Hans Urs von Balthasar, Verlag Pro Fide Catholica 1988, S. 346).

Wenn es so wäre, wie Balthasar hier vermutet, gäbe es natürlich keine wahre Freiheit des Menschen mehr, denn das ist damit implizit ausgesagt. Nach Balthasar muß Gott alle Menschen zum Heil führen – ob sie wollen oder nicht, wobei er damit zugleich suggeriert, daß letztlich doch alle gerettet werden wollen – und die Hölle muß leer sein, wenn Gott sich nicht sagen lassen wolle, er sei mit Seinem Heilswerk gescheitert. Die diesem absurden Konstrukt entgegenstehende kirchliche Lehre umschreibt Balthasar folgendermaßen: „Dort also, wo das Erbarmen Gottes (das hier offenbar als endlich angesetzt wird) überstrapaziert wird, bleibt der ‚reinen‘ Gerechtigkeit‘ zu handeln übrig“ (Ebd. S. 351). Wenn er zu seinem Ergebnis – also zur Allerlösungslehre – kommen will, dann nur, wenn „eine solche Endlichsetzung göttlicher Eigenschaften nicht angeht“.

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