Die Fabel vom Fuchs, der einen Brief schrieb

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Der Fuchs hatte schon länger keinen fetten Braten mehr zwischen den Zähnen gehabt. Zu gut wurden Bauernhöfe und Weiden neuerdings bewacht. Da beschloß er, schlau vorzugehen, und einen Brief an die Bauern und Hirten zu schreiben. Er holte sich Tinte und Feder und begann: „Liebe Freunde und Wohltäter“, denn so, dachte er, würden sich diese geschmeichelt fühlen. Einen “Jahresrückblick” wolle er halten, so schrieb er dann.

Um es geschickt anzufangen, kam er zunächst auf das Schicksal der armen Schafe zu sprechen. Diese hatten einen neuen „Hirten“ bekommen, und der war kein anderer als der Wolf in eigener Person – mit dementsprechenden Folgen für die Schafherden. (Nicht, daß dies wirklich neu gewesen wäre, denn schon seit längerem hatten die Wölfe das “Hirtenamt” inne; doch der alte Wolf war bereits recht zahnlos gewesen, während der neue wieder kräftig zubiß.) Darüber waren die Bauern und Hirten begreiflicherweise beunruhigt, und daran wollte er sie packen. Andererseits konnte er es sich mit dem Herrn Isegrim auch nicht verderben, denn er war auf dessen Wohlwollen für seine eigenen Beutezüge angewiesen und hätte sogar gerne einen Pakt mit diesem geschlossen. Also sprach er eher zurückhaltend von den Verheerungen unter den Schafherden, ohne den Wolf dafür als Verantwortlichen zu nennen, und stellte vorsichtig die Frage, ob denn die Maßnahmen des neuen „Hirten“ geeignet sein würden, dieser Plage Einhalt zu gebieten. Zwar bringe der „Hirte“ „viele wahre Probleme zur Sprache“, aber man könne sich „über die Wirksamkeit der ins Auge gefassten Maßnahmen fragen und an ihrer Verwirklichung zweifeln“. Es sei eben nicht leicht, sterbenskranke Herden zu pflegen, und „gewisse Behandlungen, die noch umstürzender sind als diejenigen, die schon auf dieses Ziel hin zur Anwendung gekommen sind“, könnten ihnen „den Todesstoß geben“! (Ja, unser Fuchs war schon ein ausgefuchster Tintenkleckser!) Diese Lage könne sich „nur verschlechtern durch das Abnehmen der Zahl“ der Hütehunde (zumal diese, wie der Fuchs weise verschwieg, längst selbst fast alle durch Wölfe ersetzt waren), und der Hirtenwechsel habe „an dieser verheerenden Lage nichts geändert“, im Gegenteil müßten die „Befürchtungen für die Zukunft noch anwachsen“.

Nachdem er sich so nach seiner Meinung genügend auf der Seite der Bauern und Hirten gegen den Wolf positioniert hatte, meinte er diese noch weiter für sich einzunehmen, indem er nun seinen Blick auf die Entwicklungen in der Federviehhaltung richtete, „die sich vor unseren Augen abspielen“, und die „eine Ursache der Freude, der Danksagung“ seien. Die Hühnerhöfe füllten sich mit neuen Küchlein, weltweit vermehrten sich „unsere lieben Gänse“ – wenn auch leider nicht im gewünschten Maße. Wie sehr gerade er durch seinen ungezügelten Appetit zu diesen Lücken unter den Gänsen beigetragen hatte, erwähnte er natürlich nicht. Auch sprach er nicht mit einem Wort von den nicht unerheblichen Konflikten mit einigen Bauern und Hirten, in die er vor nicht langer Zeit durch seine Raubzüge geraten war und wodurch er sich schließlich eine Ladung Schrot eingefangen hatte (was mit ein Grund dafür war, daß die Hühnerhöfe wieder so florierten), stattdessen fügte er scheinheilig ein frommes: „Herr, schenke uns Gänse!“ hinzu.

Doch nun kam er auf die großen Gefahren zu sprechen, das Einbrechen von Schädlingen auf den Geflügelhöfen – bis hin zu Räubern! –, schlechtes Futter und andere Mißstände in der Geflügelhaltung ließen viele Tiere „verbluten“. Dagegen zeigten sich seine eigenen, von ihm, dem Fuchs, betriebenen Geflügelställe „wie Oasen in der Wüste, wie kleine Inseln, die aus einem feindlichen Meer herausragen“. Er rufe daher alle Bauern und Hirten zu einem „Kreuzzug“ auf, denn wenn „der Feind einmal offen zu Tage tritt – um mit der Apokalypse zu sprechen – so müssen wir auf seine Angriffe entsprechend antworten“, so der Fuchs ganz bibelfest, und fügte sogar noch ein anfeuerndes „Gott will es!“ hinzu, so recht im Stile der Cristeros. Zwar müsse dies eigentlich ein beständiger Kreuzzug sein, doch „aufgrund der menschlichen Schwäche“ begrenze er ihn zunächst auf ein halbes Jahr, um ihn „mit dem Ziel zu beenden“, eine Summe von 5 Millionen Golddukaten zusammenzubringen, welche dazu dienen solle, erstens die Geflügelställe des Fuchses zu füllen und besonders abzusichern, zweitens ein Arrangement zwischen dem Fuchs und dem neuen „Schafhirten“ zu treffen, drittens und endlich auf diese Weise den Bauern und Hirten ihre Angst und Sorge um ihre Hühner und Gänse für immer abzunehmen.

Die Bauern und Hirten aber, als sie diesen Brief gelesen hatten, durchschauten die List des Fuchses. Sie jagten ihn mit Gabeln und Stangen davon, und einmal mehr mußte er mit einer Ladung Schrot in seinem hinteren Teil die Höhle hüten.

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