Reform ohne Ende

image_pdfimage_print

Am 4. Dezember feierte die Liturgiekonstitution des “II. Vatikanums”, “Sacrosanctum Concilium“, ihren 50. Geburtstag – oder ihr Goldenes Jubiläum. Zur Oktav dieses Jubeltages bringen wir hier eine kleine Würdigung.

50 Jahre Liturgiekonstitution „Sacrosanctum Concilium

Es ist sicher kein Zufall, sondern vielmehr eine von den führenden Kräften auf dem Zweiten Vatikanum gewollte ausdrückliche Entgegenstellung gewesen, daß gerade am 4. Dezember 1963, also genau 400 Jahre nach dem Abschluß des Konzils von Trient, die Liturgiekonstitution „Sacrosanctum Concilium“ zur endgültigen Abstimmung vorgelegt und mit 2147 Ja- gegen vier Nein-Stimmen angenommen wurde. Mit diesem Dokument wollte man sich offensichtlich von der eigenen „tridentinischen“ Vergangenheit verabschieden, um ein neues Kapitel in der Kirchengeschichte aufzuschlagen, was sich auch in der nachfolgenden Sprachregelung von der vor- und der nachkonziliaren Liturgie, bzw. der vor- und der nachkonziliaren Kirche deutlich widerspiegelt. Wenn dann 40 Jahre später Johannes Paul II. in dem Apostolischen Schreiben „Spiritus et Sponsa“ sagte: „Die Verkündigung der Liturgiekonstitution hat für das Leben der Kirche einen Abschnitt fundamentaler Bedeutung für die Förderung und Entwicklung der Liturgie dargestellt“, dann ist im Folgenden zu prüfen und zu erläutern, inwieweit diese Behauptung den geschichtlichen Tatsachen gerecht wird, zumal heute im Rückblick von weiteren 10 Jahren.

1. Das Ziel der Liturgiekonstitution

Papst Paul VI. faßte, unmittelbar bevor die endgültige und förmliche Abstimmung über das Schema über die Liturgie stattfand, das Anliegen des Konzils noch einmal wie folgt zusammen: Das erste Schema sei das der heiligen Liturgie und der Gegenstand sei auch „in gewissem Sinn der erste nach seiner inneren Vorzüglichkeit und seiner Bedeutung für das Leben der Kirche.“ Es gehe dem Konzil darum, den liturgischen Ritus zu vereinfachen und dem Volk verständlicher zu machen und auch die liturgische Sprache der von dem jeweiligen Volk gesprochenen anzupassen. Es gehe aber nicht darum, die Liturgie ärmer zu machen – „im Gegenteil, wir wünschen uns die Liturgie reiner, treuer, mehr in Übereinstimmung mit der Quelle der Wahrheit und Gnade und geeigneter, in ein spirituelles Erbe des Volkes verwandelt zu werden.“

Was hier so fromm und beinahe einleuchtend gesagt wird, ist genauer betrachtet etwas in der katholischen Kirche ganz Unerhörtes und Neues. Um das zu sehen, muß man das von Paul VI. Gesagte jedoch vom nicht ausgesprochenem Gegenteil her formulieren. Wenn er nämlich sagt, es gehe nicht darum, die Liturgie ärmer zu machen – „im Gegenteil, wir wünschen uns die Liturgie reiner, treuer, mehr in Übereinstimmung mit der Quelle der Wahrheit und Gnade und geeigneter, in ein spirituelles Erbe des Volkes verwandelt zu werden“, so behauptet er damit andererseits, daß die Liturgie der katholischen Kirche bisher weniger rein oder gar unrein, weniger treu oder gar untreu, weniger in Übereinstimmung mit der Quelle der Wahrheit und Gnade und weniger geeignet war, in ein spirituelles Erbe des Volkes verwandelt zu werden! Eine solche Behauptung ist nun freilich aus dem Munde eines Papstes etwas recht Erstaunliches. Eine Liturgie, die sich immerhin 400 Jahre hindurch als äußerst anpassungsfähig erwiesen hat und einen geradezu unglaublichen missionarischen Elan entwickelte, die zudem 400 Jahre hindurch durchaus eine ständige Quelle der Wahrheit und der Gnade war, indem sie ungezählte Generationen von Katholiken aller Sprachen und Nationen im Glauben formte und stärkte und zudem eine Unzahl von Heiligen hervorbrachte, sollte mit einem Mal nicht mehr gut genug sein, so daß jetzt eine neue, bessere Liturgie geschaffen werden müsse? Eine Liturgie, von der das Konzil von Trient sagte: „Und weil es sich ziemt, daß das Heilige heilig verwaltet werde, und dieses das heiligste aller Opfer ist, so hat die katholische Kirche, damit dasselbe mit Würde und Ehrfurcht dargebracht und aufgenommen werde, vor vielen Jahrhunderten den hl. Kanon festgesetzt, welcher so von allem Irrtum rein ist, daß sich in ihm nichts befindet, was nicht in höchstem Maß eine bestimmte Heiligkeit und Frömmigkeit erkennen läßt und die Herzen der Darbringenden zu Gott emporrichtet…“, sollte nun nicht mehr rein genug, nicht mehr treu genug und nicht mehr in Übereinstimmung mit der Quelle der Wahrheit und der Gnade sein?

Aber zu dieser schon so befremdenden Feststellung kommt noch eine weitere hinzu: Paul VI. hat sich mit dieser Zielsetzung der Liturgiekonstitution im Wesentlichen die Grundforderung der Reformatoren und Aufklärer aller Zeiten nach einer Liturgie zu eigen macht, die einfacher sein und dadurch dem apostolischen Ursprung mehr entsprechen soll als die bisherige Liturgie der Kirche. Schon Martin Luther hat 1520 in seiner Schrift „Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche“ geschrieben: „Die Messe nun, je näher und gleichförmiger sie ist der allerersten Messe, die Christus nach dem Nachtmahl gehalten, desto christlicher ist sie.“ Seither wurde dieses spezifisch protestantische Prinzip der Ursprungsnähe der Liturgie immer wieder von allen „Reformern“ wiederholt und als Hauptargument für eine Legitimation einer Veränderung der katholischen Liturgie verwandt. Ende des letzten Jahrhunderts schrieb der zu den freimaurerischen Rosenkreuzern übergetretene Ex-Abbé Roca (1830 – 1893) in seinem Buch „L’ Abbé Gabriel“ in prophetischer Voraussicht oder vielleicht auch mit dem geheimen Wissen eines Eingeweihten: „Ich glaube, daß der Gottesdienst, wie ihn die Liturgie, das Zeremoniale, das Rituale und die Vorschriften der Römischen Kirche regeln, in naher Zukunft auf einem ökumenischen Konzil eine Umwandlung erfährt, die ihn – indem sie ihm die ehrwürdige Einfachheit des goldenen, apostolischen Zeitalters zurückgibt – mit dem neuen Stand des Bewußtseins und der modernen Zivilisation in Einklang bringt.“ Wenn man auf dem Hintergrund dieser Aussage Rocas den ersten Satz der Liturgiekonstitution liest, in dem es heißt: „Das Heilige Konzil hat sich zum Ziel gesetzt, das christliche Leben unter den Gläubigen mehr und mehr zu vertiefen, die dem Wechsel unterworfenen Einrichtungen den Notwendigkeiten unseres Zeitalters besser anzupassen, zu fördern, was immer zur Einheit aller, die an Christus glauben, beitragen kann, und zu stärken, was immer helfen kann, alle in den Schoß der Kirche zu rufen“, so erscheint das durchaus ganz dem Gedankengut von Herrn Roca zu entsprechen. Die Zielrichtung jedenfalls ist vollkommen identisch und klar: Die „Notwendigkeiten unseres Zeitalters“ und „zu fördern, was immer zur Einheit aller, die an Christus glauben, beitragen kann, und zu stärken, was immer helfen kann, alle in den Schoß der Kirche zu rufen.“ – Also Aggiornamento und Ökumene! So heißen nunmehr die neuen Schlagwörter, mit denen man die Liturgie verzwecken und die eigene Tradition totschlagen wird! Der Rosenkreuzer Roca wäre sicher begeistert gewesen!

Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.