Revolution der Sinnlichkeit

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Eine ganze Flut von Revolutionen hat unsere Kirche in den letzten Jahrzehnten überschwemmt. Einige dieser Revolutionen wurden von klarsichtigeren Katholiken noch wahrgenommen, einige vollzogen sich jedoch beinahe unbemerkt. Von einer solchen soll im folgenden gehandelt werden.

1. Unbemerkte Revolutionen

Die meisten Revolutionen gehen heutzutage relativ unbemerkt vonstatten, denn es können inzwischen ganz grundlegende Werte in Frage gestellt werden, ohne daß sich noch jemand bemüßigt fühlt, irgendetwas dagegen zu unternehmen, weil letztlich die Gleichgültigkeit in den meisten Herzen festen Fuß gefaßt hat. Aus diesem Grunde tun sich die Revolutionäre immer leichter. Wofür sie früher noch Jahrhunderte gebraucht haben, das erreichen sie heute in wenigen Jahrzehnten.

Eine dieser Revolutionen, die kaum von jemand so recht wahrgenommen worden ist, ist die sog. sexuelle Revolution. Dabei ist die geistige Tragweite gerade dieser Revolution kaum zu überschätzen, denn die Revolution des menschlichen Verhaltens in seinem geschlechtlichen Leben hat tiefgreifende Auswirkungen auf viele andere Lebensbereiche. Denken wir nur beispielsweise an Ehe und Familie. Aber nicht diese, die natürliche Keimzelle allen Lebens verheerende Wirkung der sexuellen Revolution soll uns hier beschäftigen, sondern die Auswirkung dieser Revolution auf die Übernatur, auf den wahren Glauben also.

Stefan Meetschen hat in der Tagespost vom 05.06.2007 zu unserem Thema mit dem Artikel „Glaube und Sinnlichkeit“ Stellung genommen. Darin beschreibt er ganz besonders den ungeheuren Einfluß von Johannes Paul II. bei der Neuinterpretation der Leiblichkeit innerhalb der modernen Kirche. Er stellt fest: „Einer der engagiertesten Förderer eines neuen Sexualverständnisses in der Kirche war zweifellos Papst Johannes Paul II. Gleich zu Beginn seines Pontifikats versuchte der sportliche und gegenüber Frauen völlig unbefangene Pole eine ‚sexuelle Revolution’ zu starten“ – Wir wollen dieser Revolution ein wenig nachspüren.

2. Der katholische Glaube und die Sinnlichkeit

2.1. Die Erbsünde und ihre Folgen für den Menschen

Bevor wir uns jedoch direkt der von Johannes Paul II. vorangetriebenen Revolution zuwenden können, ist es notwendig, zuerst einmal die katholische Lehre hierzu zu erarbeiten. Stefan Meetschen fragt in seinem Artikel: „Beginnt man in der Kirche nicht wieder das Inkarnationsprinzip (Gott wurde Mensch und hat den menschlichen Körper somit bejaht) ernster zu nehmen und damit den Katholizismus als eine der sinnlichsten und sinnenfreudigsten Religionen der Welt wiederzuentdecken?“

Es ist zunächst schon etwas seltsam, wenn man angeblich „in der Kirche … das Inkarnationsprinzip“ wieder anfängt, ernst zu nehmen – immerhin ist es das Zentraldogma unseres hl. Glaubens und ohne dieses löst er sich in nichts auf! – und sodann ist man ebenfalls nicht wenig überrascht, wenn der Katholizismus als eine der sinnlichsten und sinnenfreudigsten Religionen der Welt bezeichnet wird. Ist das wirklich so? Ist der Katholizismus… eine der sinnlichsten und sinnenfreudigsten Religionen der Welt?

Dem heutigen Sprachgebrauch nach zu urteilen sicherlich nicht! Die katholische Religion ist wesentlich eine übernatürliche Religion und im Bereich der Übernatur vermögen die Sinne bekanntlich wenig, um nicht zu sagen nichts. Die menschlichen Sinne sind kein direkter Weg zu Gott und die Sinnlichkeit ist überhaupt keiner. Um in die Welt des Geistes zu gelangen, muß der Mensch bekanntlich die sinnlich erfahrbare Welt hinter sich lassen. Das gilt schon ganz allgemein. Mehr noch gilt dies natürlich von der Welt der Gnade, die nur durch den übernatürlichen Glauben erschlossen werden kann. Die Gnade ist den Sinnen nicht zugänglich, sie ist nicht erfahrbar, spürbar, sichtbar.

Hinzu kommt noch ein Weiteres: Der Mensch hat seit der Sünde der Stammeltern im Paradies eine Erblast zu tragen. Zum Modernismus gehört vor allem auch die Leugnung dieser Erblast, der Erbsünde und ihrer Folgen. Wenn diese auch nicht immer direkt – so ehrlich sind die wenigsten Modernisten – geleugnet wird, so doch immer indirekt. Für den Modernisten ist die Erzählung über den Sündenfall nichts weiter als ein Versucht, das Böse in der Welt zu erklären. Die Erbsünde ist für den Modernisten kein geschichtliches Faktum, sie ist keine konkrete Tat, durch die sich das Leben des Menschen maßgeblich geändert hat. Dabei hat die Leugnung der Erbsünde äußerst weitreichende Auswirkungen auf die ganze Theologie. Wer die Erbsünde leugnet, muß notwendiger Weise ein ganz neues Menschenbild entwickeln, weil man den Menschen, wie er heute lebt, nur unter der Berücksichtigung der Folgen der Erbsünde richtig verstehen kann.

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