Der Modernismus und die modernen Wissenschaften

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Einleitung

Angesichts des unvorstellbaren Glaubensabfalles im einstmals christlichen Abendland seit Mitte des 20. Jahrhunderts stellt sich die Frage nach dem tieferen Grund für diese Entwicklung. Was veranlaßt die Mehrheit der heute lebenden Menschen, den Glauben aufzugeben und sich von Gott abzuwenden? Was führt sie zu der Überzeugung, man könne auch ohne Glauben, man könne ohne Gott leben? Oder was begründet in ihnen schließlich die Überzeugung, es gebe überhaupt keinen Gott?

Forscht man nach den Gründen für diesen großen Glaubensabfall, so begegnen einem viele unterschiedliche Meinungen. Eines aber durchtönt die Vielfalt der Anschauungen, nämlich die Überzeugung, daß der Fortschritt in den Wissenschaften einen entscheidenden Einfluß auf diese Entwicklung hatte. Dies wird allein schon daraus ersichtlich, daß die große Mehrheit der heutigen Wissenschaftler nicht mehr an Gott glaubt, die meisten also Atheisten geworden sind. Geschichtlich betrachtet hatte die Auseinandersetzung zwischen dem Glauben und der Wissenschaft viele Gesichter. Diese reichen von einer ungetrübten Einmütigkeit bis hin zur offenen Feindschaft. Dabei ist das Verhältnis von Glauben und Wissenschaft für das Denken des Menschen entscheidend, denn dem Menschen ist es ein grundlegendes Bedürfnis, sein Wissen in ein System einzubinden. Aus diesem Grund muß er den Glauben mit der Wissenschaft vereinen, denn nur so ist eine universale Weltdeutung möglich. Der wissenschaftlich denkende Mensch ist gezwungen sich zu fragen, welchen Stellenwert der Glaube in seinem System hat, denn sowohl der Glaube als auch die Wissenschaft beanspruchen, universale Weltdeutung zu sein. Seit der Aufklärung nun verschärften sich die Differenzen zwischen Glauben und Wissenschaft, und das Verhältnis beider wurde allmählich zu einem Gegensatz. Die moderne Wissenschaft begann, ausschließlich für sich eine geschlossene, allgemeine, vor den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen vertretbare Welterklärung zu beanspruchen, wobei sie allein die Materie und ihre Wirkweise als genügenden Grund der Weltwerdung postulierte, also Gott ganz ausschloß. Dieses Postulat versuchte man im Laufe der Zeit wissenschaftlich weiter zu untermauern und damit den eigenen Anspruch in der Öffentlichkeit zu festigen.

Man hätte aufgrund dieser Entwicklung in den modernen Wissenschaften eigentlich erwarten müssen, daß es für jeden katholischen Wissenschaftler fortan zu einer Existenzfrage geworden sei, ob er auf dieser Basis überhaupt mit der modernen Wissenschaft zusammenarbeiten könne. Aber offensichtlich war (und ist) das nicht der Fall, vielmehr hat man den Eindruck, diese Problematik wurde (und wird) nur von sehr wenigen wahrgenommen und vor allem seit dem “Zweiten Vatikanischen Konzil” kaum noch ernst genommen. Darum soll in dieser Arbeit der Versuch gemacht werden, anhand der Auseinandersetzung des kirchlichen Lehramtes mit dem ersten Modernismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts diese Problematik zu erarbeiten. Dabei beispielhaft die Auseinandersetzung mit dem ersten Modernismus heranzuziehen, bietet sich insofern besonders an, als wir zu Beginn des 20. Jahrhunderts einerseits schon eine vehemente Auseinandersetzung zwischen Wissenschaft und Glaube feststellen können – man denke nur an Ernst Haeckel und seinen monistischen Bund – andererseits aber auch noch auf eine klare Stellungnahme des Lehramtes, die wahre Orientierung im Kampf mit dem Modernismus gewährt, zurückgreifen können, was man später immer mehr wird vermissen müssen.

1. Die Prinzipien bezüglich des Verhältnisses von Wissenschaft und Glaube nach dem (I.) Vatikanischen Konzil

Bevor wir die Auseinandersetzung zwischen der modernen Wissenschaft und dem Glauben darstellen können, ist es zunächst notwendig, den Grundsatz in Erinnerung zu rufen, den die Kirche in bezug auf das Verhältnis von Glaube und Wissenschaft immer vertreten und verteidigt hat. Das (I.) Vatikanum sagt dazu in der Dogmatischen Kostitution über den Glauben „Dei Filius“, Kap. 4, Glaube und Vernunft (3. Sitzung 24. April 1870): „Auch dies hielt und hält das fortwährende Einverständnis der katholischen Kirche fest, daß es eine zweifache Ordnung der Erkenntnis gibt, die nicht nur im Prinzip, sondern auch im Gegenstand verschieden ist: und zwar im Prinzip, weil wir in der einen Ordnung mit der natürlichen Vernunft, in der anderen mit dem göttlichen Glauben erkennen; im Gegenstand aber, weil uns außer dem, wozu die natürliche Vernunft gelangen kann, in Gott verborgene Geheimnisse zu glauben vorgelegt werden, die, wenn sie nicht von Gott geoffenbart wären, nicht bekannt werden könnten [Kan. 1].“

Die Väter des Konzils betonen, daß eine zweifache Ordnung des Erkennens existiert. Einerseits sind wir fähig mit unserer natürlichen Vernunft diese Welt in ihrem besonderen Sein zu erkennen, um daraus „durch das, was gemacht ist“, Gott als Schöpfer aller Dinge zu erschließen. Anderseits können wir durch den übernatürlichen, göttlichen Glauben so in unserer Seele erleuchtet werden, daß uns der natürlichen Vernunft an sich verborgene Einsichten in die Geheimnisse Gottes gewährt werden. Dabei ist jedoch zu beachten: „Zwar erlangt die vom Glauben erleuchtete Vernunft, wenn sie fleißig, fromm und nüchtern forscht, sowohl aufgrund der Analogie mit dem, was sie auf natürliche Weise erkennt, als auch aufgrund des Zusammenhanges der Geheimnisse selbst untereinander und mit dem letzten Zweck des Menschen mit Gottes Hilfe eine gewisse Erkenntnis der Geheimnisse, und zwar eine sehr fruchtbare; niemals wird sie jedoch befähigt, sie genauso zu durchschauen wie die Wahrheiten, die ihren eigentlichen Erkenntnisgegenstand ausmachen. Denn die göttlichen Geheimnisse übersteigen ihrer eigenen Natur nach so den geschaffenen Verstand, daß sie, auch wenn sie durch die Offenbarung mitgeteilt und im Glauben angenommen wurden, dennoch mit dem Schleier des Glaubens selbst bedeckt und gleichsam von einem gewissen Dunkel umhüllt bleiben, solange wir in diesem sterblichen Leben ‘ferne vom Herrn pilgern: im Glauben nämlich wandeln wir und nicht im Schauen’ [2 Kor 5,6f]“ (DH 3016).

Der Glaube schenkt uns ein besonderes, gottgegebenes Wissen über Gott und andere Wahrheiten. Dieses Wissen bleibt für uns jedoch, solange wir in diesem Leben weilen, immer dunkel. Die Glaubenswahrheit ist uns nicht in derselben Weise einsichtig wie Erkenntnisse über die natürlichen Dinge. „Denn die göttlichen Geheimnisse übersteigen ihrer eigenen Natur nach so den geschaffenen Verstand, daß sie, auch wenn sie durch die Offenbarung mitgeteilt und im Glauben angenommen wurden, dennoch mit dem Schleier des Glaubens selbst bedeckt und gleichsam von einem gewissen Dunkel umhüllt bleiben, solange wir in diesem sterblichen Leben ‘ferne vom Herrn pilgern: im Glauben nämlich wandeln wir und nicht im Schauen’.“ Trotz des Dunkels des Glaubens ist aber immer zu beachten und festzuhalten, daß der Glaube dennoch ein wahres Wissen verleiht! Beide, Glaube und Vernunft, sind wahre Erkenntnismöglichkeiten des Menschen, wenn sie auch der Art nach verschieden sind. Der Glaube steht sogar grundsätzlich über der Erkenntnis der Vernunft, weil er auf die Autorität des sich offenbarenden Gottes gegründet ist.

Daraus schließt nun das Vatikanische Konzil für das Verhältnis von beiden: „Aber auch wenn der Glaube über der Vernunft steht, so kann es dennoch niemals eine wahre Unstimmigkeit zwischen Glauben und Vernunft geben [vgl. 2776; 2811]: denn derselbe Gott, der die Geheimnisse offenbart und den Glauben eingießt, hat in den menschlichen Geist das Licht der Vernunft gelegt; Gott aber kann sich nicht selbst verleugnen, noch kann jemals Wahres Wahrem widersprechen. Der unbegründete Anschein eines solchen Widerspruchs aber entsteht vor allem daraus, daß entweder die Lehrsätze des Glaubens nicht im Sinne der Kirche verstanden und erläutert wurden oder Hirngespinste für Aussagen der Vernunft gehalten werden. ‘Wir definieren’ also, ‘daß jede der Wahrheit des erleuchteten Glaubens entgegengesetzte Behauptung völlig falsch ist’ [5. Konzil im Lateran: 1441]“ (DH 3017).

Wenn also beide, Glaube und Vernunft, wahre Erkenntnis gewähren, so ist es unmöglich, daß zwischen diesen ein Widerspruch entstehen kann, „denn derselbe Gott, der die Geheimnisse offenbart und den Glauben eingießt, hat in den menschlichen Geist das Licht der Vernunft gelegt; Gott aber kann sich nicht selbst verleugnen, noch kann jemals Wahres Wahrem widersprechen.“ Kommt es aber trotzdem zu einem Widerspruch zwischen Glaube und Vernunfterkenntnis, dann liegt dies an der mangelnden Einsicht des Menschen in eine dieser beiden Quellen der Erkenntnis. Es ist nämlich möglich, „daß entweder die Lehrsätze des Glaubens nicht im Sinne der Kirche verstanden und erläutert wurden oder Hirngespinste für Aussagen der Vernunft gehalten werden.“ Dabei ist aber immer zu beachten, daß der (durch die Göttliche Autorität verbürgte und darob unfehlbare) Glaube über der (so leicht irrtumsfähigen) menschlichen Vernunft steht. Aus diesem Grunde definieren wir also, schließt darum das Konzil, „daß jede der Wahrheit des erleuchteten Glaubens entgegengesetzte Behauptung völlig falsch ist“ [5. Konzil im Lateran: 1441].

„Weiter hat die Kirche, die zusammen mit dem apostolischen Amt der Lehre den Auftrag empfangen hat, die Hinterlassenschaft des Glaubens zu hüten, von Gott auch das Recht und die Pflicht, ‘Erkenntnis’, die fälschlich diesen Namen trägt [vgl. 1 Tim 6,20], zu ächten, damit keiner durch Philosophie und eitlen Trug getäuscht werde [vgl. Kol 2,8; Kan. 2]. Deswegen ist nicht nur allen gläubigen Christen verboten, solche Meinungen, von denen man erkennt, daß sie der Lehre des Glaubens entgegengesetzt sind – vor allem, wenn sie von der Kirche verworfen wurden -, als rechtmäßige Folgerungen der Wissenschaft zu verteidigen, sondern sie sind vielmehr durchaus verpflichtet, sie für Irrtümer zu halten, die den trügerischen Schein von Wahrheit vor sich hertragen“ (DH 3018).

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