Visionen, Botschaften, Erscheinungen

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Ein Beitrag zur Unterscheidung der Geister

Apparitionismus

Der bedauernswerte Zustand unserer heiligen Mutter, der Kirche, bringt neben vielen anderen Schwierigkeiten auch ein Problem besonderer Art mit sich, den sog. „Apparitionismus“, die „Erscheinungsgläubigkeit“, d.h. die Gefahr, sich an „Erscheinungen“, „Botschaften“, Prophetien und dergleichen mehr als angemessen zu hängen. Der Grund dafür ist verhältnismäßig leicht nachzuvollziehen. Die Kirche ist es ja, die uns mit Gott und dem Himmel verbindet. Im kirchlichen Lehramt hören wir die Stimme Gottes, in den Sakramenten empfangen wir die himmlischen Gnaden, durch Anleitung der Kirche finden wir den Weg zur Vereinigung mit Gott im Gebet und in den Tugenden. Durch die Modernismus-Krise erleben wir heute einen einzigartigen Ausfall dieser Mittlerfunktion: das konziliare Lehramt lehrt uns nicht mehr, was Gottes, sondern was des Menschen ist; die Neue Messe und die Neuen Sakramente bringen das Gnadenleben zum Erliegen; die konziliaren Hirten sind zu Blinden und Führern von Blinden geworden. So suchen die hilflosen Gläubigen nach anderen Wegen und Verbindungen zu Gott und zum Himmel und meinen nicht selten, diese in sog. „Begnadeten“ und deren himmlischen Erscheinungen und Visionen zu finden.

Zwei Klippen

Dies ist jedoch keine geringe Gefahr, aus mehreren Gründen, wie wir noch sehen werden. Zunächst gilt es jedoch, zwei Klippen zu vermeiden, wie uns der gelehrte Jesuit, Volksmissionar und Theologe Giovanni Battista Scaramelli im Zweiten Teil seiner „Anleitung zur Mystischen Theologie“ (deutsche Übersetzung, Regensburg 1856) schreibt: „Die eine ist jene, an welche allzu leichtgläubige Personen anstoßen, die gleich jeder Vision, welche ihnen von einer einfältigen Frauensperson oder einem ungebildeten Manne erzählt wird, ohne vorher eine genaue Prüfung und sorgfältige Untersuchung anzustellen, Glauben schenken, sie bewundern, gutheißen und beinahe wie eine Glaubenswahrheit verehren. Die andere Klippe ist jene, an die allzu ungläubige Personen geraten, welche jede Vision und übernatürliche Erscheinung für den leeren Traum einer schwachen Phantasie halten“ (S. 4). Leider fehlt es heute nicht an Personen, die nur allzu leicht an eine dieser Klippen stoßen, seien es auf der einen Seite eben jene „Apparitionisten“ oder auf der anderen Seite die „Rationalisten“. „Die ersteren trifft der Tadel des weisen Sirach: Wer schnell traut, ist leichtsinnig. Die anderen verdienen den Vorwurf des heiligen Augustin: In einem fleischlich gesinnten Menschen reicht die Einsicht nicht weiter als sein Gesichtskreis. Er will damit sagen, daß solche Leute, welche die Vernunft nicht zu Rate ziehen, wie Tiere sind, die nur das glauben, was sie sehen“ (S. 4f). Es entbehrt nicht der Ironie, daß man letztere gerade „Rationalisten“ heißt, nach dem Lateinischen „ratio – die Vernunft“, während sie doch gerade diese „nicht zu Rate ziehen“.

Echte Erscheinungen existieren

Wenn also auch die „Visionen ein höchst schwieriger Gegenstand sind, weil sie der Hinterlist des bösen Feindes, den Täuschungen der eigenen Phantasie und auch der Falschheit scheinheiliger Personen, die sich zuweilen durch derlei erlogene Eigenschaften des Geistes den Ruf der Heiligkeit zu verschaffen suchten, ungemein ausgesetzt sind“, so soll uns doch dies alles „nicht ungläubig, sondern vorsichtig, klug, besonnen, einsichtsvoll und fleißig in der Untersuchung solcher Dinge machen“ (S. 5). „Denn es ist uns ja bekannt, daß die Heilige Schrift, die Kirchengeschichte und die Werke der heiligen Väter voll von Visionen und Offenbarungen sind, so daß sie nur von einem verkommenen Menschen, der alles Glaubens und aller Vernunft bar ist, geleugnet werden können“ (ebd.). Denken wir nur an die Erscheinungen Gottes und der heiligen Engel schon im Alten Testament, etwa die Offenbarung Gottes an Moses im brennenden Dornbusch oder am Berge Sinai, die Visionen von Engeln, welche den heiligen Propheten Ezechiel und Daniel zuteil wurde, oder den heiligen Erzengel Raphael, welcher in menschlicher Gestalt erschien, um dem gerechten Tobias zu helfen. Im Neuen Testament finden wir eine Vielzahl gerade von Engelserscheinungen, so die des heiligen Erzengels Gabriel, welcher sich sowohl dem Zacharias als auch der allerseligsten Jungfrau zeigt, Engel erscheinen bei der Geburt des Herrn auf den Feldern von Bethlehem, sie kommen und dienen Ihm nach der Versuchung in der Wüste, sie künden Seine Auferstehung am leeren Grab. So hat denn auch die Kirche zu allen Zeiten solche Offenbarungen und Erscheinungen ernst genommen, die sich im Lauf der Jahrhunderte ereigneten, wenn sie sich nur als echt erwiesen. So hielt sie die Erscheinungen des heiligen Erzengels Michael am Monte Gargano etwa ebenso für wahr wie die Visionen vom heiligsten Herzen Jesu einer heiligen Margarete Maria Alacoque, sie anerkannte die Übernatürlichkeit der Ereignisse in der Rue de Bac, in Lourdes und Fatima und sah darin echte Gnadenerweise der Himmelskönigin, um nur einige wenige Beispiele zu nennen.

Klugheit vonnöten

Es wäre also wahrhaft töricht, wollten wir uns verhalten wie jener Mensch im Vergleich von Scaramelli, welcher „wissend, daß es unter wahren Edelsteinen und echten Münzen auch gefälschte gibt, alle seine Münzen und Kostbarkeiten gleich für falsch hielte und sie ohne alle weiteren Umstände ins Wasser würfe“. „Gleichwie also aus der Kenntnis, daß falsche, den echten ähnliche Münzen in der Stadt kursieren, nicht folgt, daß wir alle für verfälscht halten sollen, sondern bloß, daß wir recht vorsichtig sein und sie genau untersuchen müssen; ebenso darf uns auch die Erfahrung, daß es unter den übernatürlichen und göttlichen Visionen teuflische und menschliche gibt, nicht ungläubig machen oder auf den Gedanken bringen, es gebe in der Kirche Gottes gar keine wahren Visionen, sondern muß vielmehr in uns das Verlangen nach einer genauen Kenntnis dieser Dinge erregen und uns zur Untersuchung der selben aneifern, um uns ein richtiges Urteil bilden zu können“ (S. 5f). Davon also wollen wir im folgenden handeln.

Drei Arten von Visionen

Zunächst unterscheidet Scaramelli drei Arten von Visionen: die körperlichen, die imaginären und die intellektuellen. Er merkt an, daß „die erste Art der Visionen die niedrigste ist, weil sie im äußeren Sinne des Auges gebildet wird. Edler ist die zweite Art, denn sie entsteht in der Phantasie, die eine vollkommenere Kraft ist. Die dritte ist unstreitig die vornehmste, weil sie sich im Verstande mittelst reiner Erkenntnis bildet, und die Seele, der solche Visionen zu Teil werden, nach der Weise der Engel und jener Seelen handelt, die von den Leibern getrennt, im himmlischen Vaterlande wohnen, wie der englische Lehrer [der hl. Thomas von Aquin] sagt“ (S. 9). Wir beschäftigen uns hier vornehmlich mit der ersten Art der Visionen, der körperlichen, da diese in den Fällen, um die es uns geht, die häufigste ist. An zweiter Stelle mögen auch imaginäre Visionen eine Rolle spielen, für diese gelten jedoch dieselben Regeln, weshalb wir sie nicht eigens behandeln müssen.

Körperliche Visionen

Zu den körperlichen Visionen zählt Scaramelli im Anschluß an den hl. Bonaventura und andere Geisteslehrer nicht nur jene, die sich den Augen, sondern auch solche, welche sich dem Gehör, Geschmack, Geruch oder Gefühl präsentieren. „Daraus folgt, daß man zur körperlichen Vision auch gewisse angenehme Stimmen, liebliche Gesänge oder Melodien der Himmelsbewohner rechnen muß, die zuweilen in den Ohren der Diener Gottes erklingen, ferner gewisse Wohlgerüche, die sie hie und da in ihre Nase dringen fühlen und die sich mit keinem irdischen Blumen- und Balsamduft vergleichen lassen, ebenso einen zarten und lieblichen Wohlgeschmack, den sie in ihrem Gaumen empfinden, besonders wenn sie die heilige Kommunion empfangen, im Vergleiche mit welchem ihnen selbst die feinsten Speisen wie bittere Eicheln vorkommen, mit denen sich unreine Tiere sättigen, endlich gewisse höchst reine und geistige Freuden und Ergötzungen, von denen sie sich in allen Gliedern durchdrungen und gleichsam neu aufgefrischt fühlen“ (S. 25f).

Ihr Grund

Gott bedient sich solcher Phänomene, um den Menschen, der ja ein vernunftbegabtes Sinnenwesen ist und bei dem deshalb alle Erkenntnis in den Sinnen beginnt, nach der ihm entsprechenden Weise langsam von den „falschen und trügerischen Gestalten“, von welchen seine Sinne und seine Phantasie gefüllt sind, loszulösen und ihn zu den übernatürlichen, göttlichen Dingen zu erheben sowie zum Dienst Gottes anzuspornen. Der heilige Johannes vom Kreuz sagt, „Gott würde niemals jemandem diese sinnlichen Gunstbezeigungen erweisen, wenn er es nicht in der Absicht täte, sich nach unserer menschlichen Handlungsweise und nach unserer schwachen und gebrechlichen Natur zu richten. Denn obwohl mittels solcher Gnaden der Geist Gottes der Seele mitgeteilt wird, so erhält sie ihn doch nur nach und nach und gleichsam tropfenweise, während er ihr mittels des Glaubens allein in Strömen eingegossen würde“ (S. 27).

Drei praktische Wahrheiten

Daraus leitet Scaramelli einige praktische Wahrheiten ab, nämlich erstens, „daß die körperlichen Visionen Gnaden sind, welche den Anfängern zukommen, die auf dem Pfade des Geistes zu wandeln beginnen“. Zwar würden sie bisweilen auch Personen zuteil, die schon große Fortschritte in der Vollkommenheit gemacht haben, doch in der Regel kämen sie den Anfängern zu, „teils weil sie für höhere und mehr geistige Mitteilungen noch nicht fähig sind, teils weil es für sie mehr als für alle übrigen notwendig ist, daß sie mittels solcher sinnlicher Gnaden von den hinfälligen Dingen dieser Erde losgetrennt und zur Liebe der unsichtbaren Dinge des anderen Lebens angespornt werden“ (S. 28). Daher ergibt sich die zweite Wahrheit, nämlich „daß diese Visionen kein Zeichen sind, daß die Seele Gott schon ganz wohlgefällig geworden sei“. Im Gegenteil „sind sie meistens Zeichen der Schwäche oder Härte jener Seele, die sie empfängt; denn starke und wohlgefällige Seelen pflegt Gott auf dem Wege des Glaubens zu führen, welcher der sicherste ist, und nicht auf dem der sinnlichen Wahrnehmungen, welcher trügerisch ist“ (ebd.). Ja, in der dritten Wahrheit betont Scaramelli sogar, daß „dergleichen körperliche Visionen auch Sündern zuteil werden können, wie es in der Tat bei Balaam, Pharao, Baltassar und anderen gottlosen Menschen der Fall war, die keineswegs nach solchen Visionen von ihrer Gottlosigkeit abließen“ (ebd.). Somit warnt er uns, uns von einer Seele, die Gott mit solchen Gnaden bedenkt, eine allzu hohe Meinung zu machen und es nicht dem „ungebildeten Volke“ gleichzutun, „das gleich, wenn es erfährt, daß eine Person mit derlei Gnaden von Gott begünstigt wird, eine große Achtung gegen diese hegt und sie mit einem Blicke voll Ehrfurcht betrachtet, in der Meinung, sie sie schon auf den Gipfel der Heiligkeit gelangt“ (S. 29). Vielmehr ist darauf zu achten, welchen Gebrauch eine Person von solchen Gnaden macht, „welchen Nutzen sie daraus zieht und welche Fortschritte sie in den Tugenden macht; denn Heiligkeit besteht nicht in Tröstungen, Freuden und sinnlichen Visionen, sondern in der Erwerbung heroischer Tugenden und christlicher Vollkommenheit“ (ebd.).

Zwei Gefahren

Das also wäre die erste Gefahr, daß man eine solche Person überschätzt, sie im geistlichen Leben viel erfahreneren und in der Vollkommenheit weit fortgeschritteneren Seelen vorzieht und ihr daher mehr vertraut als etwa einem kundigen und verständigen Priester, der zur Zurückhaltung und Vorsicht mahnt. Damit aber gerät man automatisch in die zweite Gefahr, nämlich Opfer falscher Offenbarungen und Erscheinungen zu werden. So fährt Scaramelli fort: „Da aber nicht alles Gold ist, was glänzt, wie das Sprichwort sagt, und da es nicht immer ein Engel des Lichtes ist, der in körperlichen Visionen erglänzt, sondern zuweilen der Vater der Finsternis unter einem glänzenden Gewande sich verbirgt, um unsere Sinne zu täuschen und unseren Verstand zu hintergehen, so muß ich notwendig, nachdem ich die Absicht Gottes bei der Verleihung solcher Visionen erklärt habe, einige Merkmale angeben, damit man erkennen kann, wann in denselben Gott, Jesus Christus, Maria, die Heiligen und Engel des Himmels zu dem Zwecke erscheinen, um uns sanft zur Vollkommenheit zu führen, und wann hingegen der Teufel in der schlechten Absicht sich zeigt, uns unter dem Vorwande der Vollkommenheit zu verführen, da es keine Gunst und Gnade, die Gott den äußeren Sinnen erweist, gibt, welche der Feind Gottes nicht auf irgendeine Weise nachmachen könnte“ (S. 30). Hier also nun die sehr wichtigen Zeichen oder Regeln unseres Theologen, um falsche von wahren Erscheinungen oder Offenbarungen unterscheiden zu können.

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