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Die Traditionalisten im hl. Evangelium

Es macht einen jeweils recht nachdenklich, wenn man die Pharisäer am Werke sieht. Ihr Verhalten ist gar nicht so einfach zu begreifen, denn immerhin, sie durften mit unserem Herrn Jesus Christus zusammenleben, sie durften Seine Worte hören, Seine Wunder sehen und Seine Tugenden bewundern – man möchte sie dafür direkt beneiden – aber was hat es ihnen genützt? Nichts!

Wieso waren sie denn gar so blind? Weshalb konnten sie sich nicht von ihren Vorurteilen loslösen, obwohl unser Herr ihnen ihren Irrtum aufwies? Weshalb gelang es ihnen trotzdem nicht, ihren unberechtigten Argwohn zu überwinden? Das liegt wohl daran: Sie waren allzu sehr in ihre eigenen Gedanken verliebt und ganz und gar in ihren selbstgemachten Vorschriften gefangen. Es ist direkt etwas unheimlich, wenn man das bedenkt: Der Sohn Gottes steht vor ihnen, aber sie weisen Ihn zurück, weil Er nicht ihren Vorstellungen, d.h. ihren Traditionen entspricht.

Das heutige Evangelium erwähnt eine solch im Grunde unheimliche Situation. Unser göttlicher Erlöser geht in das Haus eines angesehenen Pharisäers, um zu speisen. Der Pharisäer hat Ihn sicherlich eingeladen, und man denkt, weil er Jesus ehren wollte und Ihn als Gast bei sich haben wollte, deswegen bittet er Ihn, doch einmal zu ihm zu kommen. Aus dem Evangelium geht zudem hervor, daß sich die anderen Pharisäer sodann sogar nach vorne gedrängt haben – jedoch nicht, weil sie gerne in der Nähe des Heilandes sein wollten, nicht weil sie Ihn so schätzten und liebten. Nein! Sie beobachteten Ihn argwöhnisch und hofften, etwas zu finden, womit sie Ihn anklagen konnten. Bei dieser Gelegenheit erwarteten sie, daß sie Ihn dabei ertappten, am Sabbat zu heilen. Nach ihrer Ansicht, nach ihrer Tradition durfte Er das nämlich nicht. Es ist darum sogar naheliegend, daß sie das Kommen des Wassersüchtigen sogar arrangiert haben. Denn wie wäre er sonst zu dem Gastmahl gekommen, wie hätte er sonst Einlaß zu dem Mahl gefunden? Der Wassersüchtige war sozusagen die Provokation zu ihrem Vorwurf: Du heilst am Sabbat!

Die Tradition der Pharisäer

Wie wir im Evangelium hören, hält sich unser göttlicher Herr nicht an die Tradition der Pharisäer. Ganz im Gegenteil, Er fordert sie sogar direkt heraus: „Ist es erlaubt, am Sabbat zu heilen?“ Natürlich weiß unser göttlicher Heiland genau, was sie denken, obwohl sie schweigen. Er erkennt ihre Halsstarrigkeit, darum heilt Er kurzerhand den Wassersüchtigen und stellt sodann den Pharisäern die Frage: „Wer von euch, dem ein Esel oder ein Ochs in die Grube fällt, würde ihn nicht sogleich herausziehen, selbst am Tage des Sabbats?“ 

Der hl. Thomas von Aquin kommentiert diese Stelle in seiner Goldenen Kette folgendermaßen: „Wenn das Gesetz verbietet, am Sabbat sich zu erbarmen, sollst du für deinen Sohn nicht sorgen, der sich am Sabbat in Gefahr befindet? Aber was sage ich: für deinen Sohn, da du selbst einen Ochsen nicht übergehst, wenn du ihn in Gefahr siehst? – Dadurch widerlegte er so die Pharisäer, welche ihn beobachteten, daß er sie auch des Geizes anklagte, weil sie durch die Befreiung eines Tieres [zwar] ihrer Habsucht folgten“ – aber aufgrund ihrer Tradition nicht dulden wollten, daß Jesus einen Menschen am Sabbat heilt. Der hl. Thomas weiter: „Durch ein entsprechendes Beispiel löste er also die Frage, um zu zeigen, daß sie, die ihn anklagten, er verletze den Sabbat durch das Werk der Liebe, den Sabbat durch das Werk der Habsucht verletzten.“

Auf diese Erklärung hin konnten sie Ihm begreiflicherweise nichts antworten – was übrigens nicht heißt, daß sie dadurch einsichtig wurden! Ganz im Gegenteil, sie werden Ihm ihre Tradition immer wieder zum Vorwurf machen: Warum heilst Du am Sabbat? Sie stellten also hartnäckig ihre Tradition über die göttliche Lehre des Sohnes Gottes. Sie nahmen dem Sohn Gottes übel, daß Er sich nicht an ihre Tradition hielt. Der Synagogenvorsteher etwa, der voll Entrüstung darüber war, daß Jesus am Sabbat geheilt hatte, sprach zum Volk: „Sechs Tage sind da, an denen man arbeiten soll. An diesen also kommt und laßt euch heilen, aber nicht am Sabbat!“ Oder als Er an einem Sabbat mit Seinen Jüngern durch die Kornfelder ging und die Ähren abrupften, mit den Händen zerrieben und aßen. Da warfen ihnen einige Pharisäer sofort vor: „Warum tut ihr, was am Sabbat nicht erlaubt ist?“ Und Er entgegnete ihnen: „Der Menschensohn ist Herr auch über den Sabbat“ (vgl. Lk. 6, 1-5). Im Johannesevangelium liest man zudem, wie die Juden zu dem Geheilten sagten: „Es ist Sabbat. Da darfst du das Bett nicht tragen!“ Und kurz darauf heißt es: „Darum verfolgten die Juden Jesus, weil er dies an einem Sabbat getan hatte“ (vgl. Joh. 5, 10-16).

Das ist bei den Pharisäern genauso wie bei unseren Traditionalisten. Diese stellen ihre Tradition über das Lehramt der Kirche – und damit ebenfalls über die göttlich verbürgte Wahrheit. Ihnen kann man noch so oft sagen, daß ihre Tradition nicht mit der göttlichen Wahrheit übereinstimmt, das kümmert diese Leute in keinster Weise, denn immer bleibt ihre eigene, menschliche Tradition das Maß aller Dinge. Auch die Pharisäer haben wie unsere Traditionalisten ihre menschliche Tradition für die Tradition Gottes gehalten und deswegen unserem Herrn wieder und wieder vorgeworfen, daß er den Sabbat nicht halte. Die heutigen Traditionalisten wiederholen nunmehr schon seit 50 Jahren ebenfalls ganz stereotyp dieselben Irrtümer um ihrer Tradition willen.

Genauso haben es, wie uns die Evangelien recht ausführlich berichten, die Pharisäer gemacht – selbst nach der Auferstehung Jesu haben die meisten von ihnen nicht geglaubt! Denn auch der Kreuzestod war gegen ihre Tradition. Der Messias ihrer Traditionen war ein Held, ein großer Krieger, der Israel wieder zur Großmacht machen würde. Darum verwarfen sie unseren göttlichen Lehrmeister. Der Mann aus Nazareth, der Sohn eines Zimmermanns war nämlich in ihren Augen kein Behüter ihrer Traditionen – nein! Er war ein falscher Prophet!

Ein Schulbubenpapst

Es ist direkt verblüffend, genauso wie die Pharisäer mit Jesus umgingen, gehen unsere Traditionalisten mit dem Stellvertreter Jesu auf Erden um, dem Papst. Sie verurteilen ihren Papst, weil er nicht mit ihrer Tradition übereinstimmt. Dabei waren die damaligen Traditionalisten, die Pharisäer, wenigstens noch so konsequent, daß sie schlußfolgerten: Wenn er mit unserer Tradition nicht übereinstimmt, dann ist er nicht unser Messias. Seltsamerweise sagen unsere heutigen Traditionalisten: Er stimmt zwar nicht mit unserer Tradition überein, aber er ist dennoch unser Papst. So verrückt waren, wie gesagt, die damaligen Traditionalisten dann doch nicht. Die Pharisäer waren zwar stolz und unglaublich stur, aber nicht so verrückt wie unsere Traditionalisten. Wenn Messias, dann so wie wir uns ihn vorstellen. Also ans Kreuz mit diesem Jesus!

Unsere Tradis dagegen behaupten: Wenn auch Papst, er kann machen, was er will, und wir machen auch, was wir wollen – und das ist gut so! Dieser Widerspruch stört uns in keiner Weise, weil wir ja unsere Tradition haben und irgendeinmal wird er sich – unser Papst! – wieder zu unserer Tradition bekehren. Dann wird sich zeigen, daß wir immer schon recht gehabt haben und Rom im Irrtum war. 

Man muß schon zugeben, unsere Tradis haben einen recht seltsamen Stellvertreter Christi auf Erden. Wie wir schon einmal festgestellt haben, haben sie ihrem Petrus einfach die Schlüssel weggenommen und ihm dafür eine Schultasche umgehängt. Der Papst dieser Tradis ist ein Schulbubenpapst. Darum gehen diese Tradis jedes Mal, wenn ihr Papst etwas gesagt oder geschrieben hat, hin und prüfen wie ein Lehrer, was ihr Schulbubenpapst da wieder von sich gegeben oder sich zusammengereimt hat. Und schließlich erteilen sie ihm eine Note von Eins bis Sechs, wobei es zur Zeit unter Bergoglio nur so Sechser hagelt. Vor ihm waren auch noch ein paar Vierer oder gar Dreier darunter – und ihrem Ratzinger haben sie sogar eine Zwei für sein Motu aller Proprios gegeben. Die Eins hatte sich Ratzinger bekanntlich dadurch vermasselt, weil er doch nicht so ganz das geschrieben hatte, was die Tradis gerne von ihm gehört hätten… 

Das eigene Urteil im Verhältnis zum Urteil Gottes

Aber kommen wir noch zum zweiten Teil unseres Evangeliums. Die innere Haltung der Pharisäer spiegelt sich in ihrem äußeren Verhalten wider. Die Pharisäer haben sich selbstverständlich die ersten Plätze ausgewählt und entsprechend selbstsicher auch eingenommen. Sie sitzen also direkt vor unserem Herrn Jesus Christus, in unmittelbarer Reichweite könnte man sagen. Wie Er sie wohl angeschaut hat – einen nach dem anderen, bevor Er mit Seiner Belehrung begann: „Wenn du zu einem Hochzeitsmahl geladen bist, so setze dich nicht auf den ersten Platz…“?

Es ist wahr, so ganz einfach ist es nicht zu verstehen: Die Letzten werden die Ersten sein und die Ersten die Letzten. Damit man diesen Grundsatz richtig versteht, muß schon genau hinsehen und aufmerksam mithören. Lassen wir uns wiederum vom hl. Thomas von Aquin belehren, um klar zu sehen:

Sodann wird die Demut gelehrt, indem bei Mahl das Streben nach einem vornehmen Platz verboten wird. Daher heißt es: Er sagte aber auch zu den Eingeladenen ein Gleichnis usw. — Denn das Streben nach Ehren, die uns nicht gebühren, zeigt an, daß wir tollkühn seien, und erfüllt unser Tun mit Tadel. Daher folgt: Damit nicht etwa ein Vornehmerer als du eingeladen wurde usw. — Und so erlangte der Ehrsüchtige auf keine Weise, was er begehrte, sondern ward zurückgewiesen, und der, welcher durch Ehren zu glänzen strebte, ward nicht geehrt. Und weil der Demut nichts gleich kommt, so leitet er den Zuhörer zum Gegenteil. Er verbietet nicht nur, nicht nach Ehren zu streben, sondern befiehlt auch, nach dem Geringsten zu streben. Daher folgt: Und wenn du eingeladen wirst, so geh und setz dich an den letzten Platz usw. — Denn wenn jemand nicht den andern vorgezogen werden will, so erlangt er diese Erhöhung durch den göttlichen Willen.“

In dem Gleichnis geht es also um das eigene Urteil im Verhältnis zum Urteil Gottes. Sobald jemand das ernsthaft bedenkt, wird er sicherlich sofort beginnen zu zögern, sobald er sich ehrlich die Frage stellt: Wie sieht eigentlich Gott mein Leben? Meine Leistungen? Meine Stellung? Welchen Platz würde Gott mir zuweisen – welchen wird Er mir zweifelsohne einmal nach meinem Tod zuweisen aufgrund meiner Werke?

Wer ist der Garant der göttlichen Wahrheit?

Hierbei geht es übrigens wenigstens indirekt wieder um unsere Pharisäer und ihren Traditionalismus. Sie stellen sich ja aufgrund ihrer Tradition über unseren Herrn. Sie wählen sich als Gesetzeslehrer den ersten Platz, weil sie ja die Tradition kennen – viel besser kennen als dieser Rabbi aus Nazareth da, der doch nicht einmal eine unserer Schulen besucht hat. Jedenfalls weiß niemand etwas davon. 

Es geht also bei dieser Frage auch darum: Wer ist denn nun der Garant der göttlichen Tradition, d.h. der göttlichen Wahrheit? Die Pharisäer oder Jesus? Wiederum auf heute übertragen: Die Traditionalisten oder der Papst? – Insofern er wirklich Papst ist, fügen wir hinzu. Würden die Pharisäer das bedenken – wie es etwa Nikodemus getan hat – dann würden sie sofort vorsichtiger werden in ihrer Wahl des Platzes und ihrem Urteil über Jesus. Sie würden nämlich unterscheiden lernen zwischen ihren menschlichen, hinzugemachten Traditionen und der göttlichen Wahrheit. Sie würden etwa wie Charles de Foucault denken: „Ich kehre zu meinem Leben als ‚Arbeiter, Sohn Marias’ zurück, in dem ich mich niederwerfe und klein mache, mehr bete als lese, mich aus allen Kräften an den geliebten letzten Platz zurückstelle, als Aschenbrödel arbeite, diene, arm und unbeachtet.“

Das ist zweifelsohne der Geist des hl. Evangeliums. Ja, das ist die Gesinnung unseres göttlichen Erlösers selbst, der sich an den letzten Platz gestellt hat, um uns zu erlösen! Hat Er doch die Herrlichkeit des Himmels verlassen, um sie mit dem Holz des Kreuzes zu vertauschen. Wenn da nicht der erste zum allerletzten Platz geworden ist! Und viele Jahrhunderte hindurch hat dieses Vorbild unseres göttlichen Erlösers viele viele Menschen derart fasziniert, daß sie Heilige geworden sind. Immer wieder wurden durch diese Frohbotschaft vom letzten Platz Helden erweckt, Helden, die Ihm nachfolgten, die den letzten Platz suchten und nicht den ersten, weil sie Jesus nachfolgen wollte. Ein hl. Augustinus, ein hl. Benedikt, ein hl. Franziskus, ein hl. Dominikus und eine hl. Scholastika, eine hl. Klara, eine hl. Magdalena Sophie Barat und noch viele viele andere mehr. Sie liebten ihren letzten Platz über alles, deswegen konnte sie auch Gott schließlich an den ersten Platz stellen. Denn nur denjenigen, der in seinen eigenen Augen ganz klein ist, den kann Gott groß machen durch Seine alles vermögende Gnade.

Eine Zeit der letzten Plätze

Aber wie schaut es heute in der Welt aus? Jeder kann es täglich erleben, besonders im Berufsleben: Heute ist das ganz anders! Heute in dieser Ellenbogengesellschaft! Wenn es um den eigenen Vorteil, das eigene berufliche Vorankommen geht, da gibt es normalerweise keine Gutmenschen. Die 68er Revolutionäre, die es doch so gut meinten mit ihrer neuen Freiheit, waren als Chefs sämtlich Tyrannen, so sagt man wenigstens und sicherlich zurecht. 

Der hl. Ignatius von Loyola beschreibt es in seinen Exerzitien so: Der Teufel führt die Menschen über Reichtum und Ehre zum Hochmut und von da aus zu allen übrigen Lastern. Da gibt es keine Gebote mehr, keine Fairness, da zählt dann nur der Erfolg – der erste Platz! 

Wir können ganz sicher sagen: Der Reichtum ist unserer Welt sicherlich nicht zum Segen, sondern letztlich zum Fluch geworden. Wenn alle nur noch den ersten Platz suchen, werden nach dem hl. Evangelium schließlich alle auf den letzten Platz verwiesen werden. Wir leben jetzt – auch weltlich gesehen! – in einer Zeit der letzten Plätze. Das kann jeder ganz nüchtern feststellen, der noch Augen hat zu sehen: Es ist aus mit den ersten Plätzen, das hat nämlich der Teufel mit seinem Anhang beschlossen. Im Reich des Teufels gibt es selbstverständlich kein Paradies, da gibt es nur die Hölle. Wo der Teufel regiert, da wird die Welt zur Hölle. Das müßte eigentlich jeder Katholik wissen. 

Ein Mann der ersten Plätze

Lope de Vega war ein großer spanischer Schriftsteller. Er hatte in seinem Leben viel Erfolg gehabt, die Menschen jubelten ihm zu und überschütteten ihn mit Beifall. Mit mehr als tausend Theaterstücken hatte er geglänzt und diese hatten seinen Ruhm in die Welt hinausgetragen. Heute würde man sagen, Lope de Vega war ein Megastar, dem die ganze Welt zu Füßen lagt. Lope de Vaga hatte seinen Erfolg genossen. Er liebte das Theater, er liebte den Beifall, er war stolz auf seine Theaterstücke – er konnte mit seinem Schriftstellerleben vollauf zufrieden sein, da er alles erreicht hatte, was er sich irgendwie erträumen konnte. 

Nun – Lope de Vega war alt geworden und lag auf dem Sterbebett. Konnte er nicht freudig auf sein so erfülltes und erfolgreiches Leben zurückblicken? Er war immer ein Mann der ersten Plätze gewesen! Immer stand er vorne, immer wurde er anderen vorgezogen – er der Meister des Wortes, der Meister der Bühne! Als jedoch seine letzte Stunde nahte, sah er die Dinge plötzlich anders, denn die Gnade Gottes hatte ihn innerlich angerührt. Als der Arzt, der ihn pflegte, bewundernd zu ihm sagte: „Sie können glücklich sterben. Die Welt wird Sie nicht vergessen, Sie werden als Großer in die Geschichte eingehen.“ Was für ein Trost ist das angesichts des Todes: …als Großer in die Geschichte eingehen? Der Sterbende entgegnete: „Herr Doktor! Ich sehe es jetzt ein: Vor Gott ist nur der groß, der ein gutes Herz hat. Wie gerne würde ich jetzt allen Beifall meines ganzen Lebens hergeben, wenn ich dafür nur eine einzige gute Tat mehr tun könnte.“

Die Ersten werden die Letzten sein!

Das ist ganz und gar wahr. Was ist der erste Platz in dieser Welt wert, wenn man ihn im Angesicht der Ewigkeit erwägt? Die Ersten werden die Letzten sein! Dieser erste Platz ist nichts wert, wenn er nicht von Jesus Christus selber anerkannt wird, wenn es nicht ein Platz ist, der in einem guten, einem heiligen Herzen begründet ist, denn vor Gott ist nur der groß, der ein gutes Herz hat. Darum mahnt unser göttlicher Lehrmeister: „Solange es Tag ist, müssen wir die Werke dessen vollbringen, der mich gesandt hat. Es kommt die Nacht, da niemand mehr wirken kann“ (Joh. 9, 4) Lope de Vega hatte keine Zeit mehr zu wirken, weshalb er bekannte: Wie gerne würde ich jetzt allen Beifall meines ganzen Lebens hergeben, wenn ich dafür nur eine einzige gute Tat mehr tun könnte. Aller Beifall seines ganzen Lebens war mit einem Mal nichts mehr wert – weniger wert als auch nur eine einzige gute Tat um Jesu willen! Es ist also eine ganz tiefe Lehre, die uns unser Herr hier vorlegt. Der hl. Thomas von Aquin erklärt hierzu noch folgendes:

Weil aber der Evangelist diese Ermahnung ein Gleichnis nennt, so ist kurz der mystische Sinn zu betrachten. Wer zur Hochzeit der Kirche Christi eingeladen kommt, und mit den Gliedern der Kirche durch den Glauben verbunden ist, der erhebe und rühme sich nicht wegen seiner Verdienste, so als sei er vorzüglicher als die übrigen. Denn er wird einem Angeseheneren, der nachher eingeladen wurde, seinen Platz abtreten, wenn die, welche in Christus ihr Heil suchen, durch ihren Eifer ihm voraneilen. Und er nimmt mit Schande den letzten Platz ein, wenn er den Vorzug der andern erkennt und das, was er von seiner Tätigkeit Hohes dachte, erniedrigt sieht. Aber es sitzt jemand am letzten Platz nach den Worten (Sir 3, 18): Je größer du bist, desto mehr demütige dich in allem. Wenn aber der Herr kommt, preist er den, welchen er als demütig findet, durch die Benennung eines Freundes selig und heißt ihn weiter hinaufzurücken. Denn wer sich wie ein Kind demütigt, der ist der Größte im Himmelreich.“

Lernen wir also aus diesem Gleichnis vom ersten und letzten Platz. Bemühen wir uns, vor Gott einfach, bescheiden, demütig zu werden wie ein Kind – aber zugleich auch immer großmütig, wenn es darum geht, Ihm zu dienen. Dieser Großmut ist nämlich notwendigerweise die Rückseite der wahren Demut! Wie wunderschön wird es dann sein, wenn Er kommt und sagt: „Freund, rücke hinauf!“ Umso schöner, weil wir das gar nicht erwarten, sind wir doch tatsächlich mit dem letzten Platz zufrieden, wenn wir nur bei Jesus sein dürfen. Dabei ist wohl zu vermuten, wir werden unserem Heiland einst so nahe sein, wie nahe Er jetzt unserem Herzen ist. Suchen wir also in allem Jesus – immer Jesus, Jesus, Jesus…