Das Konzil von Ephesus

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In unserer Reihe über die ökumenischen Konzilien beschäftigen wir uns heute mit dem Konzil von Ephesus und dem Dogma von der Gottesmutterschaft Mariens.

Im Jahre 1931 hat Papst Pius XI. das Fest der Mutterschaft der allerseligsten Jungfrau Maria eingeführt. Der Anlaß dafür war die 1500. Wiederkehr der Verkündigung des Dogmas von Maria als der Gottesgebärerin auf dem Konzil von Ephesus. Feierlich verkündete damals das Konzil, daß „der Emmanuel wahrhaft Gott und deshalb die heilige Jungfrau Gottesgebärerin ist.“

Weil die Arianer und Nestorianer überall in der Menschenmachwerkskirche auf dem Vormarsch sind, ist es durchaus angebracht, diesem Dogma unseres heiligen katholischen Glaubens und den Umständen seiner Verkündigung eine eingehendere Aufmerksamkeit zu schenken.

Die außerordentliche Würde Mariens

In seinem Buch „So feiert dich die Kirche“ schreibt Prof. Dr. Carl Feckes zum Fest der Mutterschaft Mariä am 11. Oktober:

„Den du, o Jungfrau, im Tempel wiedergefunden hast.

Maria hat auf der Reise nach Jerusalem den zwölfjährigen Jesus verloren und ihn nach dreitägigem Suchen in Jerusalem wiedergefunden. Vierhundert Jahre später hat Maria den göttlichen Sohn fast zum zweiten Mal verloren, zwar nicht in der Wirklichkeit, wohl aber im Glauben der Menschen. Es trat nämlich ein Irrlehrer auf, Nestorius mit Namen, der behauptete, daß Maria im Stall zu Bethlehem einem gewöhnlichen Menschenkind, nicht aber dem Gottessohn das Leben geschenkt habe. Das war ein abscheulicher Irrtum. Der Mann erdreistete sich, der allerseligsten Jungfrau die Krone der Gottesmutterschaft vom Haupt zu reißen. Es war eine Kühnheit und Frechheit sondergleichen, so daß sich die einfachen Gläubigen, die gewöhnlich die Klärung etwaiger Unklarheiten in Glaubenssachen vernünftigerweise den Priestern und Bischöfen überlassen, über den Schimpf, den Nestorius der Mutter Gottes antat, hell entsetzten und stürmisch verlangten, daß über den Irrlehrer der Kirchenbann ausgesprochen und daß die verletzte Ehre der Mutter Gottes wiederhergestellt werde. So geschah es auch. Im Jahre 431 wurde eine Allgemeine Kirchenversammlung aller katholischen Bischöfe nach der Stadt Ephesus in Kleinasien einberufen, wo bekanntlich die liebe Mutter Gottes, vom Lieblingsjünger Johannes treu behütet, die letzten Lebensjahre verbrachte. Zweihundert Bischöfe erschienen und in gelehrten Reden besprachen sie die Sache. Nestorius kam in den Bann und die gesunde und wahre Lehre der katholischen Kirche wurde in einem einzigen und ganz klaren Wort treffend zum Ausdruck gebracht und dieses Wort heißt ‘Gottesgebärerin’. Vordem kannte man das Wort weniger, aber seitdem ist es allen Katholiken aus dem Herzen gesprochen und im Mund geläufig. Damit war Mariens Ehre, Gott sei Dank, voll und ganz wieder hergestellt.”

(„So feiert dich die Kirche“, Prof. Dr. Carl Feckes, Maria im Kranz ihrer Feste, Steyler Verlagsbuchhandlung, 1957)

Ihre Gottesmutterschaft

In frommer Darstellung gibt Prof. Dr. Carl Feckes die katholische Sicht des Konzils von Ephesus und des Irrlehrers Nestorius wieder. Es galt damals, die gottgeschenkte Ehre und Würde Mariens zu verteidigen, die Nestorius nicht mehr anerkennen wollte. Wie das Konzil feststellte, drückte diese außerordentliche Würde der Titel „Gottesgebärerin“ allein zutreffend aus. Darum muß Maria von allen Katholiken als solche anerkannt und geehrt werden – dies war und ist der immerwährende Glaube der katholischen Kirche. Dementsprechend beten wir in der Oration des Festes der Mutterschaft Mariä:

„O Gott, Du wolltest, daß Dein Wort auf die Botschaft des Engels hin im Schoße der seligen Jungfrau Maria Fleisch annehme; so gewähre denn unsre Bitte und laß durch ihre Fürsprache bei Dir uns Hilfe finden, die wir sie gläubig als Gottesmutter bekennen. Durch Ihn, unsern Herrn…“

Der Kampf der Kirche um die Glaubenssätze

Weil der göttlich katholische Glaube die menschliche Vernunft unendlich übersteigende Geheimnisse enthält, kann es nicht anders sein, als daß diese immer wieder bezweifelt werden. Darum gab es viele stürmische Zeiten im Laufe der Kirchengeschichte, in denen katholische Glaubenswahrheit und Irrlehren aufeinanderprallten. Wir vergessen nur allzu leicht, daß die verschiedenen Glaubenswahrheiten z.T. durch schwere geistige Kämpfe gegen auftretende Irrlehren verteidigt und diesen gegenüber unmißverständlich formuliert werden mußten. Wie viel Mühe, wie viel geistiger Kampf steht letztlich hinter unseren Glaubenssätzen, den Dogmen unserer hl. Kirche. In seiner „Geschichte der Häresien und deren Widerlegung“ schreibt der hl. Alphons von Liguori:

„Kaum war die Ketzerei des Pelagius auf den afrikanischen Synoden verdammt, so sah sich die Kirche gezwungen, neuerdings eine Versammlung von Bischöfen anzuordnen, um sich der Irrlehre des Nestorius zu widersetzen, der sich erfrechte, die Mutterschaft der Gottesgebärerin zu bekämpfen, indem er derselben nicht den Namen einer Mutter Gottes, sondern nur den einer Mutter Christi erteilen wollte, welcher seiner Lästerung gemäß ein bloßer Mensch war, wie dies schon vor ihn Ebion, Paul von Samosata und Photinus behauptet, welche gelehrt, daß das Wort mit Christus nicht hypostatisch, sondern bloß äußerlich vereinigt gewesen, so daß Gott in Christus gleichwie in Seinem Tempel wohnte.“

(Alphons von Liguori, Triumph der heiligen Kirche über alle Irrlehren. Eine Geschichte der Häresien und deren Widerlegung, G.J. Manz, Regensburg 1846, S. 153f; In der Folge abgekürzt mit „Triumph“)

Nestorius hatte zur geistigen Heimat Antiochia. Er war der Neffe des vom hl. Alphons erwähnten Irrlehrers Paul von Samosata. Im nahen Germanicia geboren, wurde er im Kloster des hl. Euprepius in einer Vorstadt von Antiochia aufgezogen. Hier nahm er das umfassende Bildungsgut der Antike in sich auf, wurde in jungen Jahren Mönch, dann Diakon und schließlich von Theodoret zum Priester geweiht. Er galt als strenger Asket, als Eiferer für den rechten Glauben und vor allem als großer Prediger vor dem Herrn. Der hl. Alphons bemerkt:

„Nestorius zeichnete sich so sehr durch seine Beredsamkeit (obgleich er eitel war und nur nach Beifall strebte) und scheinbare Frömmigkeit aus, da er mager, blaß und ärmlich gekleidet erschien, daß er auf den Patriarchensitz von Konstantinopel an die Stelle des Sistinnius erhoben ward (nach Natalis im Jahre 427, nach Hermant und Orst aber erst im Jahre 428).“

(Ebd. S. 154)

Die späteren frommen Historiker versichern zudem: Es sei nicht verborgen geblieben, daß er im Denken oberflächlich war, daß heftige Leidenschaftlichkeit in ihm steckte und eitle Ruhmsucht. Kaiser Theodosius hoffte, der neue Patriarch würde den Fußstapfen seines heiligen Vorgängers, Johannes Chrysostomus, folgen, aber seine Hoffnungen wurden bitter enttäuscht, wie der hl. Alphons weiter berichtet:

„Die Tugend dieses Bischofs glich jener der Pharisäer, denn unter dem äußeren Schein der Abtötung verbarg er einen tiefgewurzelten Stolz. Es ist wahr, daß Nestorius Anfangs großen Eifer in der Verfolgung der Arianer, Novatianer und Quartodecimianer zeigte, seine Hauptabsicht dabei bestand aber, nach Vincentius von Lerins darin, auf solche Art seinen eigenen Irrtum den Weg zu bahnen.“

(Ebd. S. 155)

Eine häretische Predigt

In einer seiner ersten Predigten im Jahr 428 führte der Patriarch aus:

„Nun mögen einmal jene Leute genau zuhören, die in ihrer Blindheit für die rechte Sicht der Menschwerdung Gottes nicht verstehen, was sie reden noch wofür sie sich ereifern. Erst neulich ist uns wieder zu Ohren gekommen, wie sie sich in unserer Mitte gegenseitig die Seele aus dem Leibe fragten: ‚Ist nun Maria‘, wollen sie wissen, ‚Gottesgebärerin, hat sie also Gott geboren, oder ist sie Menschengebärerin?‘ Ja, hat denn Gott eine Mutter? Dann freilich verdient der Heide keinen Vorwurf, wenn er von Müttern der Götter redet. Und Paulus ist ein Lügner, wenn er Christi Gottheit als ‚vaterlos, mutterlos, ohne Genealogie‘ bezeichnet. Mein lieber Freund, Maria hat nicht die Gottheit geboren (denn was vom Fleisch geboren wird, ist Fleisch); das geschaffene Wesen ist nicht Mutter dessen, der unerschaffen ist; der Vater hat nicht aus der Jungfrau noch einmal Gott das Wort erzeugt (denn das Wort war im Anbeginn, wie Johannes sagt); das Geschöpf hat nicht den Schöpfer geboren, sondern den Menschen, der das Werkzeug der Gottheit war. Der Heilige Geist schuf das Wort Gottes — denn was aus Maria geboren ist, stammt vom Heiligen Geist; vielmehr ist dem Wort Gottes aus Maria ein Tempel gebildet worden, in dem Gott Wohnung nehmen konnte. Und schließlich: der fleischgewordene Gott ist nicht gestorben; vielmehr hat er den Leib, darin er Fleisch geworden war, von den Toten erweckt. Er hat sich herabgeneigt zu erheben, was dahingesunken war, er selbst aber, Gott, lag nicht tot … Gott vom ‚Himmel‘ sah auf die erloschene menschliche Natur; er hat sie, die tot war, kraft seiner Göttlichkeit an sich genommen und hat sie, da er sie hielt und doch selber blieb, der er war, emporgetragen in die Himmel.“

Nestorius verteidigt die Irrlehre des Priesters Anastasius

Diese Predigt war durch einen Priester mit Namen Anastasius veranlaßt worden, der mit Nestorius aus Antiochia nach Konstantinopel gekommen war. Als nämlich dieser bei einer Predigt sich zur der Lästerung hinreißen ließ, die allerseligste Jungfrau Maria dürfe man nicht Mutter Gottes nennen, weil sie ein bloßes Geschöpf gewesen und es unmöglich sei, daß Gott von einem bloßen Menschen geboren werde, wandte sich das Volk an Nestorius und verlangte, daß er die Verwegenheit des Predigers bestrafe. Dieser dachte jedoch gar nicht daran, sondern hieß vielmehr das Gesagte gut und verteidigte mit seiner Predigt die Irrlehre des Priesters, wie der hl. Alphons weiter berichtet:

„In dieser Predigt, welche der hl. Cyrillus ein Kompendium aller Lästerungen nennt, behandelt er die Katholiken als blinde und unwissende Menschen, weil sie sich an der Predigt des Anastasius geärgert, welcher doch nur gelehrt habe, daß die seligste Jungfrau nicht die Mutter Gottes sein könne. Als das Volk dies von seinem Bischof vernahm, geriet es in´s höchste Erstaunen, worauf derselbe die Stimme erhob und ausrief: Wie, hat Gott etwa eine Mutter? Alsdann muß man auch die Heiden entschuldigen, daß sie die Mutter ihrer Götter vor uns aufführen, und der Apostel ist alsdann ein Lügner, wenn er in Bezug auf die Gottheit Christi sagt, daß derselbe ohne Vater, ohne Mutter, ohne Geschlechtsregister sei. Nein, Maria hat keinen Gott geboren. Was vom Fleische geboren wird, ist Fleisch, was aber vom Geiste geboren wird, ist Geist. Das Geschöpf kann unmöglich seinen Schöpfer gebären, sondern es gebiert nur einen Menschen, den die Gottheit zu ihrem Werkzeuge auserwählt!“

(Ebd. S. 155 f.)

Die „christologischen Irrtümer“

Es ist wahr, was der hl. Cyrillus anmerkt: Diese Predigt ist ein Kompendium aller Lästerungen. Oder etwas anders ausgedrückt: In diesen wenigen Worten wird der katholische Glaube in Schutt und Asche gelegt. Hier stimmt nun wirklich gar nichts mehr. Nestorius pointiert sozusagen immer auf die falsche Seite, weil er im Grunde nicht mehr katholisch dachte. Wenn er etwa die rhetorische Frage aufwirft: Ja, hat denn Gott eine Mutter? So will er natürlich sofort ein „Nein!“ hören, Gott hat keine Mutter, keine Mutter wie es einen Vater in der Allerheiligsten Dreifaltigkeit gibt. Aber trifft diese Frage den hier in Frage stehenden Sachverhalt? Auch wenn die Heiden von Müttern der Götter reden, dann ist das natürlich etwas wesentlich anderes als wenn wir Maria Mutter Gottes nennen. Und natürlich: „Maria hat nicht die Gottheit geboren“, das hat übrigens niemals ein Katholik behauptet. Und wie ist das zu verstehen: „der fleischgewordene Gott ist nicht gestorben; vielmehr hat er den Leib, darin er Fleisch geworden war, von den Toten erweckt“? Wird hier nicht etwas vermischt, was unbedingt genauer unterschieden werden muß? Wir werden das noch sehen.

Jedenfalls war damit das theologische Kampffeld abgesteckt, man sprach von den christologischen Irrtümern, und zwar im engeren Sinne des Wortes, denn es ging nicht mehr um die Wahrheit, daß Jesus Christus wahrer Gott sei, sondern es ging um die genaue Weise, wie Christus beides sein kann: Gott und Mensch zugleich. Der hl. Alphons bemerkt dazu noch:

„Es war stets ein Kunstgriff und Brauch der Ketzer, daß sie, um ihre Irrtümer zu stützen, die Katholiken irgend einer Ketzerei beschuldigen; deshalb nannte Arius dieselben Sabellianer, weil sie [rechterweise] bekannten, daß der Sohn Gottes Gott sei gleichwie der Vater; Pelagius aber nannte sie Manichäer, weil sie die Notwendigkeit der Gnade erklärten und Eutyches nannte sie Nestorianer, weil sie in Christo zwei Naturen, eine göttliche und eine menschliche unterschieden. Nestorius aber nannte die Gläubigen seinerseits Arianer und Apollinaristen, weil sei in Christo eine Person annahmen, die zugleich Gott und wahrer Mensch sei.“

So ist es bis heute geblieben. Was muß sich ein Katholik heute nicht alles von den Menschenmachwerkskirchlern anhören! Welche vermeintlichen Irrlehren werfen sie diesem vor, um ihre unzähligen eigenen echten Irrlehren zu verdecken und zu rechtfertigen. Die modernistische „Theologie“ ist nun wirklich zu einer bloßen „Theophantasie“ geworden, in der alles möglich ist, nur kein göttlich katholischer Glaube. Das mag auch der Grund dafür sein, daß in den Augen mancher Menschenmachwerkskirchler Nestorius das unschuldige Opfer der Ketzerjagd des hl. Cyrillus von Alexandrien war. Es soll tatsächlich sogar in einer der Traditionalisten-Bruderschaften einen Priester geben, der sich diesen Unsinn zueigen gemacht hat und ihn auch „tapfer“ verficht.

Nestorius läßt seinen Zorn aus

Damals hat es freilich noch mehr Katholiken als heute gegeben, sodaß die Reaktion nicht ausblieb:

„Nachdem Nestorius aber in dieser und andern Predigten solche Lästerungen ausgesprochen, deren Hauptzweck darin bestand, die alte Lehre der Kirche zu vernichten, indem er dieselbe den Irrtümern des Arius und Apollinarius gleichstellte, so erhob sich eine große Bewegung in Konstantinopel, so daß die Menge, als sie erkannt hatte, daß ihr Hirt sich in einen Wolf verwandelt, ihn zu zerreißen und in’s Meer zu werfen drohte. Es mangelte indes dem Nestorius auch nicht an Anhängern, und obgleich die Zahl derselben klein war, so genossen sie doch die Gunst des Hofes und der Behörden, weshalb mehrmals die Gefahr entstand, die Kirche möchte ein Schauplatz von Blutvergießen werden. Als Nestorius aber eines Tages öffentlich in der Kirche predigte und die doppelte Zeugung des Vaters, nämlich die ewige und zeitliche, leugnete, so hatte einer der Zuhörer den Mut, ihm in’s Gesicht zu antworten: Dem ist nicht also, und dasselbe Wort, das vor aller Zeit vom Vater gezeugt ward, wurde neuerdings von einer Jungfrau, dem Fleische nach geboren. Über diese Worte heftig erzürnt, überhäufte Nestorius den Widersprechenden mit Beleidigungen, indem er ihn einen Elenden und einen Bösewicht nannte. Weil er denselben aber nicht tätlich mißhandeln konnte, da er, ein Laie, zugleich Gelehrter, Rechtsanwalt und Beauftragter des Fürsten war, so ließ er seine Wut an einigen armen Mönchen aus, welche bloß eine Frage an Nestorius gestellt, ob es wahr sei, daß er, wie man sagte, behauptet, Maria habe nur einen Menschen geboren, da vom Fleische nur Fleisch geboren werden könne, wozu sie bemerkten, daß solches dem Glauben zuwider sei. Ohne den armen Mönchen zu antworten, ließ Nestorius sie in die Gefängnisse der Kirche einsperren, wo seine Diener, nachdem sie ihnen die Kleider vom Leibe gerissen und sie mit Fußtritten und Faustschlägen mißhandelt hatten, dieselben an Pfähle banden, ihnen grausam die Schultern zerrissen, und sie zuletzt auf die Erde niederwarfen und auf den Bauch schlugen.“

(Ebd. S. 156 f.)

Eine drohende Gefahr für die Kirchenprovinzen

Nestorius war also notfalls bereit, seine Irrlehre mit Gewalt zu verteidigen und seine politische Macht dafür einzusetzen, die rechtgläubigen Katholiken einzuschüchtern oder gar zu mißhandeln. So konnten sich seine Irrtümer allmählich weiter verbreiten und wurden zu einer drohenden Gefahr für die ganze Kirchenprovinzen.

Dieses ungeheuerliche Verhalten des Patriarchen von Konstantinopel blieb freilich nicht verborgen, auch in anderen Patriarchaten und Bistümern wurden die irrigen Ansichten des Nestorius bekannt, weshalb sich der Widerstand formierte, wobei sich ganz besonders der hl. Cyrillus von Alexandrien hervortat.

Der hl. Cyrillus von Alexandrien

Cyrillus wurde als Kind einer angesehenen Familie zu Alexandrien geboren und war ein Neffe des Patriarchen Theophilus von Alexandrien [385 – 412], der insbesondere als Gegner und Verfolger des hl. Chrysostomus einen traurigen Ruhm erlangt hat. Über die Jugendjahre Cyrills wissen wir nur sehr wenig. Es ist jedoch sicher, daß er eine Zeitlang bei den Einsiedlern „in der Wüste“ war, sehr wahrscheinlich in der südlich von Alexandrien zwischen dem Nitrischen Gebirge und dem Nil sich hinziehenden Sketischen Wüste. Im Jahr 403 begab er sich als Begleiter seines Oheims Theophilus nach Konstantinopel, wo er der sog. Eichensynode beiwohnte, einer auf dem Landgut „Eiche“ bei Chalzedon abgehaltenen Synode, welche den hl. Chrysostomus seines Amtes als Patriarch von Konstantinopel entsetzte. Von der Schuld des Heiligen war Cyrillus damals überzeugt, was auch noch lange anhielt. Als Theophilus am 15. Oktober 412 starb, wurde Cyrillus schon am 17. Oktober als dessen Nachfolger zum Patriarchen von Alexandrien gewählt.

Die Hauptwaffe des Heiligen im Kampf gegen den Nestorianismus war die Feder. Seit Beginn des Glaubensstreites hat er beharrlich nicht bloß in Briefen, sondern auch in größeren Abhandlungen den katholischen Glauben verteidigt. Dabei bilden diese antinestorianischen Schriften nur einen verhältnismäßig kleinen Teil seines Gesamtnachlasses. Längst vor 429 hatte er in umfassenden Kommentaren eine Reihe von Büchern des Alten wie des Neuen Testamentes bearbeitet und in nicht weniger umfassenden Werken das Trinitätsdogma beleuchtet, um dem Arianismus oder Eunomianismus den Todesstoß zu versetzen. Nach dem Jahr 429 hat er gegen andere häretische Bewegungen, wie den Synusiasmus oder den Anthropomorphismus, geschrieben. Außerdem unterzog er die Bücher Julians des Abtrünnigen „Gegen die Galiläer“ einer erschöpfenden Kritik.

Deswegen kann man ohne Übertreibung feststellen, Cyrillus ist eine der ersten Größen der altkirchlichen Literaturgeschichte. In der Migneschen Vätersammlung füllen seine Schriften immerhin zehn Bände, obwohl nicht wenige verlorengegangen sind. Die hohe Wertschätzung der Schriften Cyrills wird auch dadurch greifbar, daß schon zu seinen Lebzeiten der Lateiner Marius Mercator und der Syrer Rabbula von Edessa Schriften des hochgeschätzten Griechen in ihre Sprache übertragen haben. Der hl. Cyrillus war ein geborener Philosoph, gesegnet mit reichen dialektischen und spekulativen Anlagen. Als Erklärer der Heiligen Schrift hat er weniger geleistet, denn die historisch-philologische Aufgabe eines Exegeten lag ihm nicht. Über Origenes sagt der hl. Cyrillus, dieser sei deshalb von der Wahrheit abgeirrt, „weil er nicht wie ein Christ dachte, sondern dem Geschwätz der Hellenen folgte und nun in die Irre ging“.

„Das Siegel der Väter“

Der hl. Cyrillus orientierte sich ganz und gar an den heiligen Vätern, darunter vor allem Athanasius und die drei großen Kappadozier, Basilius, Gregor von Nazianz, Gregor von Nyssa. Anastasius Sinaita nannte Cyrillus „das Siegel der Väter“, wobei er wohl besonders dessen Ausführungen über das Trinitätsdogma im Auge hatte, welche man wohl ganz zu Recht als den Abschluß der vorausgegangenen Entwicklung betrachten kann. Auch die christologischen Texte sind darauf bedacht, in engster Fühlung mit den Vätern zu bleiben. In seinem zweiten Brief an Nestorius schreibt Cyrillus: „Es wird von großem Nutzen für uns sein, wenn wir die Schriften der heiligen Väter zur Hand nehmen und ihre Worte möglichst hochschätzen und uns selber prüfen, ob wir im Glauben sind, wie geschrieben steht [2 Kor. 13, 5], indem wir unsere Ansichten mit den richtigen und untadeligen Lehren der Väter in Einklang bringen“ [Ep. 4]. Im dritten Brief an Nestorius mit den zwölf Anathematismen, die das Programm der größeren antinestorianischen Schriften darstellen, ist sich Cyrillus bewußt, „allenthalben den auf Einsprechung des Heiligen Geistes zurückgehenden Bekenntnissen der heiligen Väter zu folgen und ihren Gedankengängen sich anzuschließen und so gleichsam auf königlichem Pfade zu wandeln“ [Ep. 17]. In seinem Brief an Johannes von Antiochien, welcher den Friedensschluß mit den Antiochenern preist, will er wiederum „allenthalben den Lehren der heiligen Väter, insbesondere unseres seligen und hochberühmten Vaters Athanasius, folgen und auch nicht im mindesten von ihnen abweichen“ [Ep. 39]. Wohl kein anderer Autor des 5. Jahrhunderts verweist so häufig auf die Väter wie der hl. Cyrillus.

Der hl. Papst Cälestinus I., sein Zeitgenosse, ehrte Cyrillus mit den Namen „bonus fidei catholicae defensor“ [guter Verteidiger des Glaubens], „probatissimus sacerdos“ [bewährtester Priester], „vir apostolicus“ [apostolischer Mann]. Griechische Kirchenschriftsteller der Folgezeit, insbesondere Dogmatiker wie Eulogius von Alexandrien [gest. 607] und Anastasius Sinaita [gest. um 700], waren voll des Lobes über den hl. Cyrillus. Durch Dekret der Ritenkongregation vom 28. Juli 1882 ist ihm schließlich der Titel „Doctor ecclesiae“ [Kirchenlehrer] zuerkannt worden.

Aufgrund des Berichts des Kirchenhistorikers Sokrates, der den jungen Patriarchen als einen herrschsüchtigen Machthaber beschreibt, kursieren selbst heute noch äußerst kritische Darstellungen des Heiligen, die auch in katholischen Arbeiten Einlaß fanden. Dabei war der Kirchenhistoriker Sokrates anerkanntermaßen parteiisch und voreingenommen, sodaß sein Bericht eher als eine Fälschung anzusehen ist. Die wiederholten Streitigkeiten zwischen dem hl. Cyrillus und dem Präfekten oder Augustalis Orestes zu Alexandrien dürften viel weniger der Anmaßung des Patriarchen als vielmehr der Feindseligkeit des Augustalis zur Last zu legen sein. Die Behauptung, der hl. Cyrillus trage die Schuld an der Ermordung der bekannten alexandrinischen Philosophin Hypatia im Jahre 415, scheint ebenfalls jedweder tatsächlichen geschichtlichen Grundlage zu entbehren.

Die Irrlehre der Apollinaristen

Gott hatte den hl. Cyrillus von Alexandrien auserwählt, dem Irrlehrer Nestorius und seinen gottlosen Ansichten entgegenzutreten, um den göttlichen Glauben rein zu bewahren. In ihrer Entgegnung auf die Irrelehre der Apollinaristen, die lehrten, der Sohn Gottes habe nur einen unbeseelten menschlichen Leib angenommen, während die Stelle der menschlichen Seele in Christus durch den göttlichen Logos ausgefüllt worden sei, waren mehrere Vertreter der antiochenischen Theologenschule, vor allen Diodor von Tarsus und Theodor von Mopsuestia (ca. 350 – 429), so weit gegangen, nicht nur eine vollständige, aus Leib und Seele bestehende menschliche Natur, sondern auch ein eigenes menschliches Subjekt [Person] in Christus zu behaupten. Theodor von Mopsuestia vertrat die Ansicht:

„Vermischung ziemt sich nicht für die zwei Naturen; es ist ein Unterschied zwischen der göttlichen Gestalt und der Knechtsgestalt, zwischen dem angenommenen Tempel und dem, der darin wohnt … zwischen dem, der durch Leiden vollendet ward, und jenem, der ihn vollendet hat. Dieser Unterschied muß bewahrt bleiben; jede Natur bleibt unauflöslich bei sich selbst, in ihrem Wesen. Betrachten wir die Naturen in ihrem Unterschied, so bezeichnen wir als vollständig einerseits die Natur des Logos und ebenso seine Person, andererseits Natur und Person des Menschen. Blicken wir dagegen auf die Verbindung, so sagen wir, es sei eine Person, wie Mann und Weib ein Fleisch sind…“

Im ersten Abschnitt wird ganz richtig gesagt, „Vermischung ziemt sich nicht für die zwei Naturen; es ist ein Unterschied zwischen der göttlichen Gestalt und der Knechtsgestalt“. Beide Naturen, die göttliche und die menschliche existieren in Jesus Christus unvermischt „nebeneinander“. Theodor von Mopsuestia verwendet für die gottmenschlichen Einheit die theologische Bezeichnung „Verbindung“. Dies ist eine später lehramtlich verworfene Formulierung, da sie nichts weiter als ein äußerliches Zusammengeheftetsein zugesteht. Für gewöhnlich bedient sich Theodor von Mopsuestia auch noch der in Antiochia gängigen Wendungen vom Kleid, vom Tempel, von der Einwohnung.

„Wenn Gott“, so meint er, „jemandem einwohne, dann doch nicht seinem Wesen nach, sondern nach Maßgabe seines Wohlgefallens, seiner eudokia. Nie hat Gott mit größerem Wohlgefallen einen Menschen an sich gezogen als den Sohn Mariens. In ihm hat er der Menschheit ihren zukünftigen Stand der Vollendung aufgezeigt. Im Augenblick der wunderbaren Empfängnis im jungfräulichen Schoß vereinigte sich mit dem Menschen Jesus der göttliche Logos. Natürlich kam dabei keine physische Einheit zustande, sondern eine moralische, eine allerhöchste Einheit des Willens. In dieser Einigung mit Gott war auch Christus des Fortschritts fähig und bedürftig wie jeder Mensch, der nach Gerechtigkeit strebt. Christi Menschheit sah sich vom innewohnenden Logos unablässig angefeuert, gehoben, gestärkt und vor aller Verirrung bewahrt. Zeugnisse erhabenster Einswerdung sind die Zurückweisung der Versuchungen und die Ergebung ins auferlegte Leid. Zur Vollendung aber ist all dies erst nach Christi Tod gelangt, als er aus dem Stand der Erniedrigung in die Herrlichkeit der Erhöhung einging.“

Auch in diesen Gedanken finden sich verkehrte Ansichten wieder, die wir schon bei Nestorius wahrnahmen. Wenn Theodor von Mopsuestia behauptet: „Nie hat Gott mit größerem Wohlgefallen einen Menschen an sich gezogen als den Sohn Mariens“, so sieht er in Jesus Christus einen bloßen Menschen, der erst durch die Huld Gottes zum Gottessohn erhoben wurde. Darum behauptet er gleich danach: „Im Augenblick der wunderbaren Empfängnis im jungfräulichen Schoß vereinigte sich mit dem Menschen Jesus der göttliche Logos.“ Steht denn der göttliche Logos tatsächlich dem Menschen Jesus gegenüber, sodaß er sich mit diesem vereint und zwar in der Weise, daß man sagen kann: „Natürlich kam dabei keine physische Einheit, zustande, sondern eine moralische, eine allerhöchste Einheit des Willens?“ Und was ist dann zu halten von dem Gedanken: „Zeugnisse erhabenster Einswerdung sind die Zurückweisung der Versuchungen und die Ergebung ins auferlegte Leid. Zur Vollendung aber ist all dies erst nach Christi Tod gelangt, als er aus dem Stand der Erniedrigung in die Herrlichkeit der Erhöhung einging.“

Aus diesen Worten erahnt man eine recht dynamische Einheit, eine Einheit, die sich noch vollenden kann und wohl dann auch muß. Hierauf stellt sich aber sofort die Frage, wie es denn sodann mit der gottmenschlichen Einheit überhaupt bestellt ist und was sie für das Leben Jesu bedeutet – „eine moralische, eine allerhöchste Einheit des Willens“ kann jedenfalls das Geheimnis des Gottmenschen Jesus Christus nicht sein.

Die Vorläufer der Nestorianer

Wie man sieht, verirrte sich Theodor von Mopsuestia in seinem gedanklichen Labyrinth so sehr, daß er aus diesem schließlich nicht mehr herausfand. Daher auch seine lebenslange Opposition geben den Begriff „theotókos“: „Es ist Wahnsinn zu sagen, Gott sei aus der Jungfrau geboren. Nicht Gott, sondern der Tempel, in dem Gott wohnte, ist aus Maria geboren.“ Damit formuliert er aufs Wort diejenige Wendung, womit Nestorius nach Theodors Tod (428) gegen die, wie ihm schien, frömmelnde Übertreibung zu Felde zog. Man erinnert sich an das oben angeführte Zitat aus jener frühen Predigt in Konstantinopel.

Anders gesagt behauptete Theodor von Mopsuestia, daß der göttliche Logos in den Menschen Jesus eingezogen wäre, den dieser auserwählt und gesalbt hätte. Aber, wie der Heilige Mönch Johannes von Damaskus schreibt, „wurde auch König David Christus, also der Gesalbte genannt, so wie auch der Hohepriester Aaron; da sowohl die königliche Würde als auch die Priesterschaft mit der Salbung verbunden war, konnte jeder gottragende Mensch Christus, aber nicht Gott dem Wesen nach genannt werden“. Was gibt es somit noch für einen Unterschied zwischen David und Christus?

Nur zu verständlich, daß schlichtgläubige Gemüter, die sich um eine göttliche Wahrheit betrogen sahen, heftig aufbegehrten, sodaß ihre geistlichen Führer gegen den eigenen Bischof predigten und die Klage ihrer Schäflein nicht ungern hörten: „Wir haben einen Kaiser, aber keinen Bischof!“

Das Dogma der Hypostatischen Union

Wir modernen Menschen haben meist kein Verständnis mehr dafür, daß die Theologie eine wahre Wissenschaft ist, also auf rationale Erfassung der Wirklichkeit zielt und deswegen in ihren Aussagen möglichst genau sein muß. Das gilt umso mehr, als es sich hierbei um eine unsichtbare, unser Denken unendlich übersteigende Wirklichkeit handelt. Wenn unser hl. Glaube deswegen auch übervernünftig genannt wird, so heißt das nicht, daß er irrational, unvernünftig ist. Es gilt darum, immer beides zu beachten.

Wie schon bemerkt wurde, ist bei all den irrigen Ausführungen des Theodor von Mopsuestia und des Nestorius eine Grundtendenz herauszuhören: Der Christus dieser Theologie kann zwar irgendwie „Gottessohn“ genannt werden, aber ist er wirklich Gott selbst? J. B. Heinrich erklärt in seiner Dogmatik:

„Endlich verletzen alle jene das Dogma von dem Mensch gewordenen Sohne Gottes, welche zwar das Trinitätsdogma und insbesondere die ewige göttliche Persönlichkeit des Logos anerkennen, aber in irgend einer Weise dessen hypostatische Vereinigung mit der menschlichen Natur leugnen. Das gilt vor allem […] von dem Nestorianismus, dieser gefährlichsten Irrlehre gegen das Dogma von der Menschwerdung. Bei allem frommen Scheine, den sie überall um sich zu verbreiten suchte, ist diese Lehre im Grunde Leugnung der wahren Menschwerdung des Logos und folglich der wahren Gottheit und Gottessohnschaft Christi. Da nämlich nach ihr der Mensch Christus mit dem göttlichen Logos nicht in der Hypostase des letzteren, sondern nur moralisch vereinigt ist, so ist der Mensch Christus nicht wahrhaft Gott und Gottes Sohn, und ist Gottes Sohn nicht wahrhaft Mensch. Daher ist der Nestorianismus so recht eigentlich die Zerstörung des magnum pietatis sacramentum, (1 Tim 3, 16) jene Auflösung Christi, von der Johannes (1 Joh 4, 3) redet.“

Die Vereinigung von göttlicher und menschlicher Natur in einer Person

Um dieses große Geheimnis der Frömmigkeit einigermaßen fassen zu können, wollen wir nun den hl. Cyrillus etwas ausführlicher zu Wort kommen lassen. Dieser sprach jedenfalls ganz anders als Nestorius und sein Anhang:

„Aber ich weiß wohl, daß einige jetzt fragen werden: Wer ist denn nun in Wahrheit Jesus Christus? Der Mensch aus dem Weibe oder das Wort aus Gott? Es würde zwar sehr töricht sein, sich übermäßig anzustrengen und Schwätzereien und Fabeleien im einzelnen zu beantworten. Das aber will ich doch sagen, daß es gefährlich und nicht straflos ist, eine Zweiteilung vorzunehmen und den Menschen und das Wort gesondert hinzustellen, weil die Menschwerdung dies nicht zuläßt und die gotteingegebene Schrift einen Christus verkündet. Denn man darf, behaupte ich, weder das gottentstammte Wort, getrennt von der Menschheit, noch auch den aus dem Weibe geborenen Tempel, losgelöst aus der Einigung mit dem Worte, Christus Jesus nennen. Christus ist vielmehr das gottentstammte Wort, wie es gemäß der Einigung der Menschwerdung auf unaussprechliche Weise mit der Menschheit verbunden ist, erhaben über die Menschheit, insofern es von Natur aus Gott und Sohn ist, aber freiwillig sich unterordnend, mit Rücksicht auf die angenommene Menschennatur. Deshalb sagte er das eine Mal: ‚Wer mich gesehen, hat den Vater gesehen‘ (Joh 14, 9), und: ‚Ich und der Vater sind eins‘ (ebd. 10, 30); ein anderes Mal aber auch wieder: ‚Der Vater ist größer als ich.‘ (ebd. 14, 28) Er ist nicht geringer als der Vater, insofern er der Wesenheit nach derselbe und in allem ihm gleich ist; er erklärt sich aber für geringer mit Rücksicht auf die angenommene Menschennatur.“

(Aus der Bibliothek der Kirchenväter: Cyrillus von Alexandrien († 444) – Über den rechten Glauben an den Kaiser (De recta fide ad imperatorem), 28)

Aufgabe der Theologie ist es, das Geheimnis Christi recht in Worte zu fassen, d.h. es in Worte zu fassen, ohne es dadurch aufzuheben, ohne es zu verändern oder zu verfälschen. Der hl. Cyrillus erwägt darum beide Seiten des Geheimnisses ganz genau und versucht, den Sinn der Heiligen Schrift möglichst genau zu verstehen und sodann auch festzuhalten. Dabei muß man, wenn die Heilige Schrift über Jesus Christus spricht, berücksichtigen, daß sowohl Sein Menschsein als auch Sein Gottsein gleicherweise bezeugt werden muß. Es gilt darum, immer beide Seiten im Blick zu behalten, damit man nicht einseitige – und damit irrige, häretische – Schlüsse zieht.

Beide Seiten des Geheimnisses Jesu Christi

„Die heiligen Schriften stellen ihn daher bald schlechtweg als Menschen dar, unter Verschweigung seiner Gottheit, auf Grund der Menschwerdung, bald aber auch wieder schlechtweg als Gott, unter Verschweigung seiner Menschheit, und hier wie dort geben sie ihm das Seinige, weil das eine mit dem andern zur Einheit verbunden ist. Der göttliche Paulus, Hebräer aus Hebräern und vom Stamme Benjamin, berufener Apostel, schreibt an diejenigen, welche mittels des Glaubens gerechtfertigt worden waren und nun die Glieder des Fleisches, ich meine Unzucht und Leidenschaft, böse Begierde und Habsucht ertötet hatten: ‚Denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist mit Christus verborgen in Gott.‘(Kol 3, 3) Er selbst aber sagt von seinen Jüngern: ‚Heiliger Vater, bewahre sie in deinem Namen, die du mir gegeben hast, damit sie eins seien, wie wir es sind. Als ich bei ihnen war, bewahrte ich sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, und ich habe sie behütet, und keiner aus ihnen ist zugrunde gegangen außer dem Sohne des Verderbens, damit die Schrift erfüllt würde. Jetzt aber komme ich zu dir, und dieses spreche ich in der Welt, damit sie meine Freude vollkommen in sich haben.‘ (Joh 17, 11-13) — Verstehst du, wie er uns an diesen Stellen anscheinend nur von Seiten der Menschheit vorgestellt wird? Denn wir dürfen keineswegs folgern, daß er sich verborgen und die Welt verlassen habe. Sagt er doch deutlich: ‚Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wo immer zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen‘ (Mt 18, 20), und wiederum: „Ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt.‘ (ebd. 28 20) Nicht selten hingegen scheint der hochheilige Paulus es ganz außer acht zu lassen, daß er auch als Mensch anerkannt werden muß. Er schreibt: ‚Paulus, Apostel nicht von Menschen her noch durch einen Menschen, sondern durch Jesus Christus‘ (Gal 1, 1), und wiederum: ‚Ich tue euch aber kund, daß das Evangelium, welches von mir verkündet worden, nicht von Menschenart ist; denn ich habe es auch nicht von einem Menschen empfangen oder gelernt, sondern durch Offenbarung Jesu Christi‘ (Gal 1, 11 f), und nochmals an einer andern Stelle: ‚Wenn wir aber Christus auch dem Fleische nach gekannt haben, so kennen wir ihn doch jetzt nicht mehr.‘ (2 Kor 5, 16) — Wer ist nun dieser Jesus Christus, der ihm die so unaussprechliche, untrügliche und göttliche Offenbarung seiner Geheimnisse aufleuchten ließ? Ist es nicht das Wort, welches Fleisch geworden und um unsertwillen die Geburt aus dem Weibe nicht verschmäht hat? Wie sollte das, was ich da sage, nicht wahr sein? Wir erinnern uns ja, daß der selige Gabriel zu der heiligen Jungfrau sagte: ‚Fürchte dich nicht, Maria, denn siehe, du wirst empfangen im Schoße und einen Sohn gebären, und du wirst seinen Namen Jesus nennen.‘ (Luk 1, 30 f) Das war, glaube ich, ein neuer Name, der von Seiten des Vaters durch die Stimme des Engels dem Worte gegeben wurde. So hatte auch ein prophetischer Ausspruch es vorhergesagt: ‚Und sie werden ihn mit einem neuen Namen nennen, den der Herr ihm geben wird.‘ (Is 62, 2) Als deshalb der dem Vater gleich ewige und vor aller Zeit existierende Sohn und Eingeborene in den letzten Zeiten der Welt Mensch geworden und aus dem Weibe geboren und als Sohn dargetan und nun auch zum ‚Erstgeborenen‘ bestellt und ‚einer unter vielen Brüdern‘ (Röm 8, 29) wurde, da bestimmt sein natürlicher Vater ihm auch einen Namen, sozusagen in Verfolg [Befolgung] der Gesetze der Vaterschaft.“

(Ebd. 29)

Der Katholik darf sich nicht durch nichtssagende Torheiten betören lassen, wenn jemand sagt, Jesus Christus sei nur Mensch gewesen wie wir — „Verstehst du, wie er uns an diesen Stellen anscheinend nur von Seiten der Menschheit vorgestellt wird?“ Das ist nur die halbe Wahrheit, und diese muß mit der anderen Wahrheit, daß er ebenso wahrer Gott war, zusammengesehen werden — „Wer ist nun dieser Jesus Christus, der ihm die so unaussprechliche, untrügliche und göttliche Offenbarung seiner Geheimnisse aufleuchten ließ?“ Er ist jener „dem Vater gleich ewige und vor aller Zeit existierende Sohn und Eingeborene, der in den letzten Zeiten der Welt Mensch geworden und aus dem Weibe geboren und als Sohn dargetan und nun auch zum ‚Erstgeborenen‘ bestellt und ‚einer unter vielen Brüdern‘ wurde, da bestimmt sein natürlicher Vater ihm auch einen Namen, sozusagen in Verfolg der Gesetze der Vaterschaft“.

Das ganze Geheimnis Jesu Christi

Das ist das Geheimnis Jesu Christi, Er ist beides, wahrer Gott und wahrer Mensch, wobei der göttliche Logos, die zweite göttliche Person sowohl die göttliche als auch die menschliche Natur vollkommen sein Eigen nennt, so daß beide unvermischt und ungetrennt in Ihm vereint sind. Die unvermischte Vereinigung der göttlichen und der menschlichen Natur geschieht in der einen Person des göttlichen Logos, der zweiten Person der Allerheiligsten Dreifaltigkeit. Damit erst haben wir den ganzen Christus vor Augen, so wie Ihn uns der Vater offenbart hat:

„Einer und derselbe also ist sowohl Eingeborener als auch Erstgeborener. Eingeborener ist er als Gott, Erstgeborener, nämlich unter uns, vermöge der Einigung der Menschwerdung, und einer unter vielen Brüdern ist er als Mensch. In ihm und durch ihn sollten auch wir Söhne Gottes sein, der Natur nach und aus Gnade, der Natur nach er und er allein, der Teilnahme nach und aus Gnade wir [alle] durch ihn in der Kraft des Geistes. Wie also der Menschheit das Eingeborensein Christi zu eigen geworden, weil sie kraft der Menschwerdung dem Worte geeint wurde, so ist es dem Worte eigen geworden, einer unter vielen Brüdern und Erstgeborener zu sein, weil es dem Fleische geeint wurde. Im festen Besitze der Gottheit nun und über allem Wandel erhaben, ist er stets geblieben, was er war, auch als er Mensch wurde, mit der Oberherrschaft über alle Dinge und der höchsten Herrlichkeit gekrönt. Deshalb ist zugleich mit uns auch der heiligen und allseligen Schar der himmlischen Geister das Gebot gegeben worden, ihn anzubeten. Es wäre ja jedenfalls durchaus begreiflich gewesen, wenn diese Geister beim Anblick der Armseligkeit der Menschheit eine Anbetung verweigert und überhaupt jede Ehrenbezeigung abgelehnt und gegen die Verherrlichung dessen, der um unsertwillen einer wie wir geworden war, sich gesträubt hätten, ohne damit auch nur im entferntesten sich einer Verirrung schuldig zu machen. Denn auch für sie war das über Christus liegende Geheimnis noch undurchdringlich, und es bedurfte einer Offenbarung von seiten des Geistes, um sie, die in der Heiligkeit befestigt waren, vor einer Gottlosigkeit zu bewahren. Darum sagt der göttliche Paulus: ‚Wenn er aber den Erstgeborenen in die Welt einführt, spricht er: Und anbeten sollen ihn alle Engel Gottes.‘1 Denn der, der durch seine natürliche Eigenart über die ganze Welt erhaben ist und als Gott außer ihr existiert, ist als Mensch in sie eingegangen und ein Teil der Welt geworden, hat aber deswegen die göttliche Herrlichkeit nicht eingebüßt. Angebetet wird er ja als Eingeborener, wenngleich er auch Erstgeborener genannt wird, wie denn der letztere Name der Menschheit wegen besonders angemessen erscheint.“

(Ebd. 30)

Die Irrlehrer haben immer wieder das eine gegen das andere ausgespielt oder das eine auf Kosten des anderen hervorgehoben, wohingegen die Katholiken das ganze Geheimnis Christi verteidigten:

„Und anbeten sollen Ihn alle Engel Gottes“

„Werden wir also den Emmanuel als Menschen anbeten? Das sei fern! Das ist leeres Gerede und Täuschung und Trug. Wir würden uns sonst in keiner Weise von denen unterscheiden, die das Geschöpf angebetet haben statt des Schöpfers und Weltenbildners, ‚die die Wahrheit Gottes vertauscht haben mit der Lüge‘, wie geschrieben steht. (Heb 1, 6) Wollten wir ebenso denken, so hätten wir jedenfalls mit ihnen zu hören: ‚Während sie prahlten, Weise zu sein, sind sie Toren geworden und haben die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes vertauscht mit der Gestalt eines Bildes von einem vergänglichen Menschen und von Vögeln und von vierfüßigen und kriechenden Tieren.‘ (Ebd. 1, 22) Oder würden wir diesen Götzendienern in Tat und Gesinnung nicht ganz an die Seite treten und die Herrlichkeit Gottes vertauschen mit der Lüge, mit der Gestalt eines Bildes von einem vergänglichen Menschen, wenn wir dem Emmanuel als bloßem Menschen und Einem der Unsrigen Anbetung widmen wollten? Und wie? Würde nicht auch das himmlische Heer der Engel den so tief in Wahnsinn Verstrickten beigesellt werden müssen? Und auch gegen den Kreis der Völker würden wir eine unentrinnbare Anklage auf Verirrung erheben können, und die Schmach der alten Sünden würde unaustilgbar sein. Denn die Völker irren, meine ich, auch jetzt noch, nicht weniger als ehedem, ohne den Pfad zum Rechten erkannt zu haben. Der selige Paulus hat, scheint es, allen Grund, ihnen vorzuhalten: ‚Allein damals zwar, als ihr Gott nicht kanntet, dientet ihr Göttern, die es in Wahrheit nicht sind. Jetzt aber, da ihr Gott erkannt habt oder vielmehr von Gott erkannt worden seid, wie kommt ihr dazu, euch wieder den schwachen und armen Anfangsgründen zuzuwenden, um ihnen von neuem zu dienen?‘ (Gal 4, 8) Denn welchen Gott kennen sie noch, wenn Christus, an den sie glauben, nicht in Wahrheit Gott ist? Beten sie aber einen Menschen an, so liegen sie noch in den Schlingen des alten Irrwahns. Oder ist es nicht wahr, was ich sage? Freilich ist es wahr. Sieh also, christusliebender Kaiser, wie wir schon allein durch zwingende Vernunftgründe zu der Folgerung gedrängt werden, daß man das aus Gott dem Vater entsprungene Wort verständigerweise als wahren Gott anbeten muß, auch wenn es in unserer Gestalt erschienen ist, da die Verbindung der zwei Naturen zur Einheit wohl geeignet ist, alles, was etwa den Verdacht bloßer Menschheit erregen könnte, aus dem Wege zu räumen. Denn wenn die Natur des Wortes das Menschliche angenommen hat, so ist sie deshalb keine bloße Menschheit, überragt vielmehr das Angenommene durch ihre eigene Herrlichkeit und verbleibt im unerschütterlichen Besitze göttlicher Hoheit. In dieser Erkenntnis haben die Jünger ihn angebetet, indem sie sprachen: ‚Wahrhaftig, du bist der Sohn Gottes!‘ (Mat 14, 33), obwohl sie ihn mit Füßen gehen sahen und in einem Fleische, wie wir es haben, denn als Gott wandelte er wunderbarerweise auf hoher Meeresflut.“

(Ebd. 31)

Es ist schon beeindruckend, wie das Geheimnis Christi jeden Menschen herausfordert. Denn der Sohn Gottes wird um unsertwillen, um unseres Heiles willen Mensch. Darum erwartet Gott zunächst unseren Glauben an Jesus Christus. Wie viele Menschen haben aber den wahren Glauben an den Gottmenschen mit menschlichen Fabeleien eingetauscht, weil sie allzu menschlich von Gott und Seinem Christus gedacht haben? Letztlich waren all diese Irrlehren immer auch ein Schritt zurück ins Heidentum. Der hl. Cyrillus fragt dementsprechend: „Oder würden wir diesen Götzendienern in Tat und Gesinnung nicht ganz an die Seite treten und die Herrlichkeit Gottes vertauschen mit der Lüge, mit der Gestalt eines Bildes von einem vergänglichen Menschen, wenn wir dem Emmanuel als bloßem Menschen und Einem der Unsrigen Anbetung widmen wollten?“

Wie sollte man einen bloßen Menschen Anbetung schenken – selbst wenn man diesen ob seiner Heiligkeit „Sohn Gottes“ nennen würde, wie es die Arianer getan haben – ohne dadurch in Götzendienst zu verfallen? Nur dann gebührt unserem Herrn Jesus Christus göttliche Anbetung, wenn er wahrer Gott ist, vollkommen gleich dem Vater und eins mit Ihm im Heiligen Geist. Darum faßt der hl. Cyrillus seine Gedanken nochmals zusammen:

„Sieh also, christusliebender Kaiser, wie wir schon allein durch zwingende Vernunftgründe zu der Folgerung gedrängt werden, daß man das aus Gott dem Vater entsprungene Wort verständigerweise als wahren Gott anbeten muß, auch wenn es in unserer Gestalt erschienen ist, da die Verbindung der zwei Naturen zur Einheit wohl geeignet ist, alles, was etwa den Verdacht bloßer Menschheit erregen könnte, aus dem Wege zu räumen. Denn wenn die Natur des Wortes das Menschliche angenommen hat, so ist sie deshalb keine bloße Menschheit, überragt vielmehr das Angenommene durch ihre eigene Herrlichkeit und verbleibt im unerschütterlichen Besitze göttlicher Hoheit. In dieser Erkenntnis haben die Jünger ihn angebetet, indem sie sprachen: ‚Wahrhaftig, du bist der Sohn Gottes!‘, obwohl sie ihn mit Füßen gehen sahen und in einem Fleische, wie wir es haben, denn als Gott wandelte er wunderbarerweise auf hoher Meeresflut.“

Darin besteht nun einmal das Geheimnis Christi, daß Er, der wahre Sohn Gottes, in unserer Menschenwelt im Fleisch einhergeht. Auch als Mensch verbleibt Er in Seiner Herrlichkeit und im unverbrüchlichen Besitz Seiner göttlichen Hoheit. In seinem 433 geschriebenen ersten Brief (PG 77,228-237) an den Bischof Succensus bekräftigt der hl. Cyrillus:

„Einer ist der Sohn, einer der Herr Jesus Christus, sowohl vor als auch nach der Fleischwerdung. Denn der aus dem Vater geborene Logos war nicht der eine Sohn, und der aus der heiligen Jungfrau geborene ein anderer; sondern wir glauben, daß gerade der, der vor aller Zeit ist, auch dem Fleisch nach von einer Frau geboren worden ist.“

Ein Brief des Nestorius an Papst Cölestinus I.

Von Anfang an hatte also der hl. Cyrillus ganz klar gesehen, daß die vom neuen Patriarchen von Konstantinopel vertretene Lehre nicht mit dem katholischen Glauben übereinstimmte, weshalb er 429 begann, gegen die in Umlauf gekommenen Predigten des Nestorius Stellung zu beziehen, ohne jedoch zunächst seinen Namen zu nennen. Die gerade fälligen Osterfestbriefe [Hom. pasch. 17], mit denen die Patriarchen von Alexandrien von alters her die Katholiken des Nillandes zur würdigen Feier des Osterfestes ermunterten, wie auch ein ausführliches Rundschreiben an die ägyptischen Mönche [Ep. 1] gab ihm die Gelegenheit, die überlieferte Lehre von dem einen Christus, welcher wahrer Gott und wahrer Mensch zugleich ist, darzulegen. Die Schlußfolgerung aus der überlieferten Glaubenslehre war unausweichlich: Die Einheit der Person rechtfertigte, ja forderte geradezu den Namen „Gottesgebärerin“.

Im Januar oder Februar 430 schrieb der hl. Cyrillus einen zweiten längeren Brief, die sog. Epistola dogmatica [Ep. 4], an Nestorius, worauf dieser am 15. Juni 430 eine weitläufigere Erklärung verfaßte, welche in den Worten gipfelte, daß es heidnisch, apollinaristisch und arianisch sei, zu sagen, Gott sei geboren worden, Gott habe gelitten, Gott sei gestorben. Noch bevor er dieses zweite Antwortschreiben an Cyrillus absandte, wandte sich Nestorius an Papst Cölestinus I., um ihn auf eine neue Häresie aufmerksam zu machen, nämlich die Lehre des hl. Cyrills, von welcher er behauptete, sie würde den Apollinarismus und Arianismus wieder einführen. In dem Brief schreibt er u.a.:

„2. Auch wir gebrauchen, deshalb, weil wir eine geringe Verderbnis des wahren Glaubens hier vorfanden, täglich teils Strenge teils Milde gegen die Kranken. Denn es ist keine geringfügige Krankheit, sondern eine mit der Fäulnis des Apollinaris und Arius verwandte. Einige machen aus der Vereinigung der Gottheit mit der Menschheit eine Art von Vermischung, so daß bei uns selbst einige Kleriker teils aus Unwissenheit teils in lang verhehlter häretischer Tücke, welche auch schon zur Zeit der Apostel sehr viel Unheil stiftete, an Häresie kranken und ganz offen Gott, das dem Vater wesensgleiche Wort, lästern, als ob es seinen Anfang erst aus der Jungfrau, der Christusgebärerin, genommen hätte, mit seinem Tempel zugleich aufgebaut und mit dem Fleische zugleich begraben worden wäre; das Fleisch, sagen sie, ist nach der Auferstehung nicht Fleisch geblieben, sondern in die Gottheit übergegangen. Mit einem Worte: sie ziehen die Gottheit des Eingebornen auf den Ursprung des (mit ihm) verbundenen Fleisches herab und töten sie zugleich mit dem Fleische. Das mit der Gottheit verbundene Fleisch, lästern sie, sei in die Gottheit übergegangen und gebrauchen dabei selbst das Wort ‚Vergötterung.‘ Das aber ist nichts anderes, als beides verderben.

3. Sie wagten es aber auch, die jungfräuliche Christusgebärerin in gewissem Sinne Gottesgebärerin zu nennen; sie scheuen sich nämlich nicht, sie Gottesgebärerin zu nennen, da doch jene heiligen und über alles Lob erhabenen Männer in Nicäa über die heilige Jungfrau sonst Nichts gesagt hatten, als daß unser Herr Jesus Christus Mensch geworden sei aus dem heiligen Geiste und aus Maria der Jungfrau. Ich schweige von der heiligen Schrift, welche überall sowohl durch die Engel als durch die Apostel die Jungfrau als Mutter Christi, nicht als die Mutter Gottes, des Wortes verkündigte.“

(Bibliothek der Kirchenväter, Briefe des heiligen Cölestinus I., 6. Brief des Nestorius an den Papst Cölestinus, S. 401 f.)

Die Rede Cölestinus‘ I. vom August 430

Erst später hatte sich der hl. Cyrillus ebenfalls nach Rom gewandt und den Stand der Frage genauer dargelegt. Auch bat er um eine autoritative Entscheidung der umstrittenen Frage [Ep. 11] durch den Papst. Hierauf rief der hl. Cölestinus I. im August 430 in Rom eine Synode zusammen, welche den Titel „Gottesgebärerin“ und überhaupt die Lehre des hl. Cyrill guthieß und bestätigte. Es ist ein Bruchstück der Rede, welche Papst Cölestinus auf dieser Synode gegen die Häresie des Nestorius hielt, erhalten:

„1. Ich erinnere mich, daß Ambrosius seligen Andenkens am Feste der Geburt unseres Herrn Jesus Christus das ganze Volk einstimmig Gott also lobsingen ließ: „Komm, Erlöser der Völker, zeige die Geburt der Jungfrau; staunen soll die ganze Welt; solch eine Geburt geziemet Gott.“ Sagte er etwa: „Solch’ eine Geburt geziemt einem Menschen?“ Daher stimmt der Sinn unseres Bruders Cyrillus, wenn er Maria Gottesgebärerin nennt, ganz mit den Worten überein: Solch’ eine Geburt geziemet Gott. Die Jungfrau hat Gott aus ihrem Schoße geboren, durch die Macht Desjenigen, welcher voll der Allmacht ist.

2. Hilarius, ein scharfer Denker, schreibt an den Kaiser Constantius über die Menschwerdung des Herrn also: „Der Sohn Gottes ist, obwohl er Mensch geworden ist, (doch) Gott.“ Und umgekehrt sagt er abermals. „Gott ist Menschensohn geworden (denn der Mensch ward Gott, nicht (aber) ist Gott ein Mensch [mit menschlicher Person] geworden), und der Menschensohn ist der Sohn Gottes geworden. Denn die Größe des Herrn überwand die Geringfügigkeit der Knechtsgestalt, so daß die Knechtsgestalt selbst, welche er annahm, aufhörte, eine Knechtsgestalt zu sein, durch den Herrn, welcher sie annahm. Denn wenn die, welche von Natur nicht Kinder Gottes sind, durch ihn zu Kindern Gottes werden, um wie viel mehr hat er selbst, der von Natur Sohn Gottes ist, den, mit welchem er durch seinen Willen im Schoße der Jungfrau empfangen und geboren wurde, so zu Gott erhöht, daß ‚in seinem Namen sich alle Kniee beugen, Derer, die im Himmel, auf der Erde und unter der Erde sind und alle Zungen bekennen, daß der Herr Jesus Christus in der Herrlichkeit Gottes des Vaters ist.‘

3. Ebenso sagt mein Vorgänger Damasus im Briefe an Paulinus, den Bischof der Kirche von Antiochia, unter anderem: ‚Wir belegen mit dem Banne Diejenigen, welche zwei Söhne Gottes lehren, den einen, welcher vom Vater von Ewigkeit her gezeugt ist, und den andern, welcher seit der Fleischesannahme aus der Jungfrau geboren ist.“ Ferner sagt derselbe Damasus apostolischen Andenkens im zweiten Schreiben an Paulinus: „Wir belegen mit dem Banne diejenigen, welche im Erlöser zwei Söhne bekennen, einen vor der Menschwerdung und den andern nach der Fleischesannahme aus der Jungfrau, und nicht bekennen, daß derselbe Sohn Gottes sowohl vorher als nachher Christus, der Herr, der Sohn Gottes sei, welcher aus der Jungfrau geboren wurde.‘“

(Ebd. S. 417-420)

Ein Ultimatum und 12 Anathemismen

Die irrige Lehre des Nestorius wurde von der römischen Synode schließlich verdammt, Nestorius für einen Ketzer erklärt und aus der Kirchengemeinschaft ausschlossen, falls er nicht binnen zehn Tagen nach Empfang des Urteilsspruches seine Irrlehre widerrufe. Der Papst sandte entsprechende Schreiben, datiert auf den 11. August 430, an Nestorius, an den Klerus und das Volk zu Konstantinopel, an Cyrillus und an die angesehensten Bischöfe des Morgenlandes und Mazedoniens. Der hl. Cyrillus wurde damit beauftragt, im Namen des Papstes das Anathem über Nestorius auszusprechen, falls dieser sich nicht bereit erklären würde, nunmehr so zu lehren, wie es der Glaube der römischen und der alexandrinischen Kirche und überhaupt der gesamten Christenheit verlange. Eine vom hl. Cyrillus im November 430 zu Alexandrien abgehaltene Synode stellte Nestorius ein Ultimatum, indem sie die katholische Lehre darlegte, die er annehmen sollte und schließlich in zwölf Anathematismen seine Irrtümer zusammenfasste, denen er abschwören mußte [Ep. 17].

Das Konzil von Ephesus unter dem Vorsitz des hl. Cyrillus

Inzwischen hatte jedoch der Kaiser auf Veranlassung des Nestorius am 19. November 430 ein allgemeines Konzil zum Pfingstfest des nächsten Jahres nach Ephesus einberufen. Folgen wir nun hierzu weiter dem hl. Alphons in seinem Bericht:

„Da der heilige Cölestin nicht persönlich beim Konzil erscheinen konnte, so sandte er die Bischöfe Arcardius und Projectus und den Priester Philippus dahin, welche in Gemeinschaft mit dem heiligen Cyrillus, der den Vorsitz führen sollte, die Stelle des Papstes zu vertreten hatten. Der Papst trug denselben ausdrücklich auf, daß sie es durchaus nicht zulassen sollten, daß der von ihm wider Nestorius erlassene Urteilsspruch auf der Synode in Zweifel gesetzt werde, sondern daß sie alles Mögliche tun sollten, um seine Ausführung zu bewirken; dasselbe schrieb der Papst auch an das Konzil, welchem er den, den Legaten gegebenen Auftrag mitteilte, und daß er nicht daran zweifle, daß die Väter seiner Meinung beistimmen, und durchaus nicht in Zweifel ziehen würden, was er bereits entschieden habe. Auf solche Art gelang alles glücklich, wie wir später sehen werden. Nach vollendeter Osterfeier standen die Bischöfe nicht länger an, sich nach Ephesus zu begeben, um zu dem, auf den 7. Juni festgesetzten Konzil einzutreffen. Nestorius war einer der ersten, die sich daselbst einfanden, begleitet von vielen seiner Anhänger; nach ihm kam Cyrillus mit fünfzig ägyptischen Bischöfen zu Ephesus an, worauf die andern Bischöfe, die an zweihundert and der Zahl, eintrafen, welche meist Metropoliten und sehr erfahrene Männer waren. Man kann keinen Zweifel darein setzen, daß der heil. Cyrillus auf dem Konzil von Ephesus als Stellvertreter des Papstes Cölestin den Vorsitz führte, da ihm in den Akten dieser Synode mehrfach dieser Titel erteilt wird, selbst nach der Ankunft der apostolischen Legaten, wie dies namentlich aus der vierten Verhandlung hervorgeht, wo die genannten Legaten unmittelbar nach Cyrillus und vor den übrigen Bischöfen genannt werden. Da aber der heil. Cyrillus vor der Ankunft der Legaten die Stelle des heil. Cölestin vertreten, geht deutlich aus der ersten Verhandlung des Konzils hervor, wo wir ausdrücklich lesen, daß er die Stelle des Erzbischofs von Rom vertreten habe. Deshalb schreibt Graveson, daß diejenigen weit von der Wahrheit sich entfernen, welche leugnen, daß Cyrillus als Stellvertreter des Papstes Cölestin beim Konzil von Ephesus den Vorsitz geführt habe. Als Vorsitzer des Konziliums sagte Cyrillus die erste Sitzung der Synode auch auf den 22. Juni in der Kirche der heil. Maria, der Hauptkirche von Ephesus, an; am Tage vorher aber wurden vier Bischöfe an Nestorius abgesandt, die ihn aufforderten, am folgenden Tage vor der Kirchenversammlung zu erscheinen. Er antwortete, daß er kommen werde, wenn er seine Gegenwart für notwendig erachte; aber am 21. Juni noch ließ Nestorius eine von sechzig Bischöfen unterschriebene Protestation gegen das Konzil einreichen, weil die zu erwartenden Bischöfe noch nicht angelangt seien. Deßungeachtet gingen der heil. Cyrillus und seine Anhänger nicht von dem Beschlusse ab, sich am folgenden Tage zu versammeln.“

Die Verurteilung des Nestorius

„Am 22. Juni ward dann auch wirklich das Konzil eröffnet; obgleich der von Theodosius abgesandte Comes Candidianus sich bemühte, die erste Sitzung zu verhindern, so beschlossen dennoch die Väter, jedenfalls die Eröffnung der Synode zu beginnen, nachdem sie sich davon versichert hatten, daß der Comes nur den Auftrag und die Vollmacht empfangen habe, die gute Ordnung aufrecht zu erhalten, und Unordnungen zu verhindern, worauf derselbe dann auch sein Unternehmen selbst aufgab. Bevor die Väter die Eröffnung der Synode begannen, hielten sie es für geziemend, den Canones gemäß, den Nestorius ein zweites- und drittesmal durch andere, an ihn abgesandte Bischöfe zu zitieren, welche indes nur Beleidigungen und Mißhandlungen von den Soldaten zu erdulden hatten, welche Nestorius als Wache bei sich führte. Nachdem die Väter sich hierauf am 22. Juni versammelt hatten, hielten sie an diesem Tage die erste Sitzung, wo vor allem der zweite Brief des heil. Cyrillus an Nestorius, und hierauf dessen Antwort an den Heiligen verlesen ward, worauf sämtliche Väter einstimmig ausriefen: Wer den Nestorius nicht in den Bann tut, der sei in den Bann getan (anathema sit). Ihn bannt der rechte Glaube! Wer mit Nestorius Verbindung hat, der sei im Banne! Wir verdammen alle Briefe und Lehren des Nestorius! Hierauf ward der Brief des heil. Cölestin vorgelesen, worin die Absetzung des Nestorius verhängt ward, falls derselbe nicht in zehn Tagen widerrufe. Endlich ward gegen Nestorius selbst vom Konzil das Urteil gefällt, worin die Väter, nachdem sie gesagt, daß man seine gottlose Lehren, die in seinen Predigten und Schriften ausgesprochen seien, sorgfältig untersucht, folgende Erklärung abgaben: Nicht ohne Tränen sind wir dahin gelangt, von den heiligen Canones sowohl als auch durch den Brief unseres heiligen Vaters und Kollegen Cölestin, Bischofs der römischen Kirche, gezwungen, diesen traurigen Urteilsspruch über ihn zu fällen. Unser Herr Jesus Christus, Den er durch seine Lästerungen beleidigt hat, ist es also selbst, Der ihn mittels dieses heiligen Konzils der bischöflichen Würde beraubt, und ihn von einer jeden Versammlung und Gemeinschaft von Priestern ausgeschlossen erklärt. Diese Entscheidung ward von 188 Bischöfen unterschrieben. Die Sitzung selbst dauerte vom Morgen bis in die dunkle Nacht, obgleich damals einer der längsten Tage war. Vom Morgen bis zum Abend wartete das Volk auf die Entscheidung des Konzils, und als es erfuhr, daß Nestorius abgesetzt und seine Lehre verdammt, die allerseligste Jungfrau dagegen als die wahre Mutter Gottes erklärt worden, da priesen alle, wie aus einem Munde, das Konzil, und lobten Gott dafür, daß der Feind des Glaubens und der göttlichen Mutter unterlegen sei. Als aber die Bischöfe die Kirche verließen, begleitete sie das Volk mit brennenden Fackeln in ihre Wohnungen, während die Frauen Weihrauchgefäße vor ihnen schwenkten, und die Straßen zum Zeichen der gemeinsamen Freude hell erleuchtet wurden. Am folgenden Tage ward das besagte Urteil dem Nestorius durch untenstehende Zuschrift mitgeteilt, worin er von seiner Absetzung in Kenntnis gesetzt wurde. Zugleich ward dieser Ausspruch am hellen Tage beim Trompetenschalle in der ganzen Stadt Ephesus bekannt gemacht, und auf dem öffentlichen Platze angeheftet. Candidianus ließ aber hierauf die Anzeige abreißen, und gab eine Erklärung heraus, wodurch diese Sitzung des Konzils als nichtig erklärt wurde; hierauf schrieb derselbe an den Kaiser, daß die Entscheidung der Synode durch Empörung und Gewalt erlangt worden sei, dasselbe schrieb auch der verschmitzte Nestorius an Theodosius, bei dem er sich über die ihm durch die Synode zugefügten Ungerechtigkeiten bitter beklagte und bat, daß ein anderes allgemeines Konzil zusammenberufen werde, von welchem alle ihm feindlich gesinnten Bischöfe ausgeschlossen würden.“

Eine Aftersynode mithilfe des Kaisers Theodosius

„Hierauf geschah es, daß viele Bischöfe vom Anhange des Nestorius, welche früher die Protestation desselben mitunterschrieben hatten, da sie die Gottlosigkeit desselben und seine rechtmäßige Verurteilung erkannt hatten, sich an die Synode anschlossen. Als man aber hoffen durfte, die Angelegenheiten hätten sich beruhigt, so ward durch den Bischof Johannes von Antiochia ein neuer Sturm erregt. Dieser wagte es nämlich, nebst vierzig andern schismatischen Bischöfen, begünstigt durch Chrisaphius, den ersten Minister des Kaisers und innigen Freund des Nestorius, weil es ihn schmerzte, seinen Mitbürger und Freund Nestorius verurteilt zu sehen, eine Aftersynode in Ephesus selbst zu versammeln, wo man den heil. Cyrillus und den heiligen Bischof Memnon von Ephesus absetzte, und alle übrigen Bischöfe der Synode exkommunizierte, weil dieselben (wie es daselbst hieß) die kaiserlichen Befehle verachtet und mit Füßen getreten hätten. Der heil. Cyrillus und die übrigen ließen sich indes durch diese verwegenen Versuche nicht beirren, und das Konzil sandte, auf sein Ansehen fußend, alsbald drei Bischöfe ab, um den Johannes als das Haupt des Afterkonzils zu berufen, damit der vor den Vätern Rechenschaft über seine Unverschämtheit ablege; worauf er noch zweimal zitiert wurde und endlich, da er auch in der fünften Sitzung nicht erschien, nebst seinen Kollegen auf so lange von der kirchlichen Gemeinschaft ausgeschlossen erklärt wurde, bis er seinen Fehltritt erkenne; auch wurde hinzugesetzt, daß, wenn jene in ihrer Verhärtung blieben, man, den Canones gemäß, zum letzten Urteilsspruche vorschreiten werde. Im Jahre 433 unterschrieben indes sowohl Johannes, als die andern Bischöfe endlich noch die Verurteilung des Nestorius, worauf der heil. Cyrillus sie in seine Gemeinschaft wieder aufnahm, und der Friede zwischen den beiden Metropolen Alexandria und Antiochia wieder hergestellt wurde.“

(Triumph, S. 162-167)

Gefangene Bischöfe und ein wandernder Mönch

Wie jedoch zu erwarten war, gaben Nestorius und sein Anhang den Widerstand nicht einfach auf. Sie verstanden es, ihren politischen Einfluß dahingehend geltend zu machen, den Kaiser durch allerlei Lug und Betrug gegen das Konzil einzunehmen.

„Nachdem das Concilium dies alles zu Ende geführt, schrieben die Väter an Theodosius und baten ihn, in ihre Kirchen heimkehren zu dürfen; aber sowohl diese, als alle übrigen nach Constantinopel geschickten Bischöfe wurden durch den Comes Candidianus aufgefangen, welcher deshalb Wachen am Wege aufgestellt hatte. Dagegen waren schon seit längerer Zeit die mit Lügen und Verleumdungen gegen das Verfahren des Conciliums angefüllten Briefe des Johannes von Antiochia und der ihm anhängenden schismatischen Bischöfe in Constantinopel angelangt. Es geschah deshalb, daß der Kaiser, der einerseits durch falsche Nachrichten betrogen und andererseits gegen die Väter des Conciliums aufgebracht war, weil er meinte, daß sie ihm noch gar keinen schriftlichen Bericht über das, in der Angelegenheit des Nestorius Geschehene abgestattet, ein Schreiben einschickte, worin er erklärte, daß alle Verhandlungen der Synode, als gegen seinen Willen geschehen, für ungültig anzusehen seien, und daß alles neuerdings untersucht werden müsse; weshalb Palladius, der den Brief des Theodosius nach Ephesus gebracht, den Vätern strenge verbot, diese Stadt zu verlassen. Die Väter wurden von Schmerz erfüllt, da sie sich so schändlich verleumdet, und zugleich verhindert sahen, dem Kaiser die Wahrheit über das, in der Angelegenheit gegen Nestorius und des Johannes von Antiochia Geschehenen mitzuteilen, weshalb sie beschlossen, einen zuverlässigen Mann im Bettelkleid abzusenden, welcher die Briefe der Väter in einem Rohr verborgen trug, welches einem Wanderstocke glich, und auf solche Weise gelang es ihnen, dem Kaiser die Abschriften der schon früher an ihn gerichteten, aber von den Gegnern unterschlagenen Briefe zuzusenden; zugleich schrieben die Väter an andere Personen in Constantinopel. Als man dort das Benehmen der Feinde gegen das Concilium erfuhr, so waren alle Gutgesinnten der Stadt darauf bedacht, sich beim Kaiser zu Gunsten desselben zu verwenden. Unter andern zog der heilige Mönch Dalmatius, der seit achtundvierzig Jahren sein Kloster nicht mehr verlassen hatte, von all seinen Mitbrüdern und einer großen Menge Volkes begleitet, Hymnen und Psalmen singend vor den Palast des Kaisers, welcher erklärte, daß er den Heiligen in der Kirche anhören wolle. Als man daselbst angelangt war, bestieg der heil. Dalmatius die Kanzel und richtete voll Kraft folgende Worte an den Kaiser: Mache, o Kaiser, dem Elende und Betruge der Ketzerei doch ein Ende; möge endlich einmal die gerechte Sache der Katholiken den Sieg davon tragen! Hierauf erklärte er die Rechtmäßigkeit der Verhandlungen des Conciliums und die Unverschämtheit der Schismatiker. Von diesen Gründen erschüttert rief Theodosius die bereits erteilten Befehle wieder zurück, indem er sich vorbehielt, in Bezug auf die Streitigkeiten zwischen Cyrillus und Johannes von Antiochia selbst die beiden Teile zu vernehmen und anordnete, daß ein jeder abgeordnete Bischöfe nach Constantinopel sende.“

(Ebd. S. 169 f.)

Das Ende des Nestorius

Eine neuerliche Wendung nahm die Sache, als der Comes Irenäus, der die Schismatiker begünstigte, in die Stadt kam. Diesem gelang es zunächst, den Kaiser nochmals gegen die Heiligen, Cyrillus und Memnon, einzunehmen, sodaß dieser sowohl den Nestorius als auch die beiden Heiligen in Ephesus gefangen nehmen ließ.

„Die Geistlichkeit von Constantinopel war indes sehr tätig zu Gunsten der rechtgläubigen Bischöfe, worin ihnen die hl. Pulcheria beistand, indem sie ihrem Bruder Theodosius die Betrügereien aufdeckte, welche sich der nestorianische Comes erlaubt hatte. Endlich befahl der Kaiser, nachdem er sich selbst von der Gottlosigkeit der Schismatiker und von dem guten Rechte der Katholiken überzeugt hatte, daß man die Heiligen Cyrillus und Memnon in Freiheit setze, und erlaubte zugleich den katholischen Bischöfen in ihre Diözesen zurückzukehren. Dem Nestorius dagegen ward, nachdem seine Absetzung bestätigt worden, befohlen, sich wiederum in sein früheres Kloster zu begeben, in der Hoffnung, daß er sich bessern werde; da er aber statt dessen die Mönche mit seinen Irrlehren zu verpesten suchte, so war der zuerst nach eine Oase zwischen Lybien und Ägypten verbannt, worauf er nach Panopolis, von dort nach Elephantine, und endlich wieder in die Nähe von Panopolis gebracht ward, wo der Unglückselige, von Alter und Krankheit niedergebeugt, elendiglich starb. Einige behaupten dagegen, er habe sich aus Verzweiflung den Kopf gespalten, andere dagegen, die Erde habe sich unter seinen Füßen geöffnet und ihn verschlungen; noch andere behaupten, er sei an einem Krebsschaden gestorben, der sogar die Zunge ergriff, welche von den durch die Krankheit erzeugten Würmer verzehrt worden sei, was eine verdiente Strafe für jene Zunge gewesen wäre, die so viele Lästerungen wider Jesus Christus und Seine göttliche Mutter ausstoßen hatte.“

(Ebd. S. 171)

Die Hartnäckigkeit der Irrlehrer

Soweit der hl. Alphons in seinem Buch „Triumph der heiligen Kirche über alle Irrlehren“ zu den Geschehnissen während und nach dem Konzil von Ephesus. Es zeigt sich darin wiederum in aller Deutlichkeit, daß die Irrlehrer meist nicht nur im Glauben irren, sondern darüber hinaus ihren Irrtum mit allen Mitteln verbreiten wollen, wobei sie selbst vor allerlei Lug und Betrug nicht zurückschrecken. Wie der hl. Alphons schon eingangs erwähnt hat, verleumden sie die Katholiken ganz besonders dadurch, daß sie diese ihrerseits einer Irrlehre bezichtigen, um damit deren Ruf zu schädigen und somit die eigene Irrlehre als katholisch erscheinen zu lassen. Genauso machen es auch die heutigen Irrlehrer, die sich Traditionalisten nennen. Sie beschuldigen die Katholiken allerlei Irrlehren, wobei sie selber es sind, die die Glaubenslehren allenthalben verdrehen und hartnäckig der göttlichen Wahrheit widerstreiten.

Der hl. Alphons macht noch auf etwas anderes aufmerksam, was man ebenfalls heutzutage vermehrt feststellen kann: Mag eine Lehre noch so klar und noch so lange als katholisches Dogma anerkannt worden sein, die Irrlehrer finden immer Gründe, aus einer vermeintlichen Tradition heraus diese dennoch zu bezweifeln, selbst wenn sie dafür die Geschichte fälschen müssen. Auch darin bewegen sich viele heutige Traditionalisten in den Fußstapfen der alten Häresiarchen.

Die „Rehabilitierung“ der Nestorianer durch die Kalivinisten

Hierzu bringt der hl. Alphons ein Beispiel aus der näherliegenden Vergangenheit, nämlich der Zeit der Reformation. Natürlich behaupteten auch die sog. Reformatoren, daß sie die eigentlichen Erben der christlichen Tradition sind, die Erneuerer des Urchristentums. Dementsprechend sahen sie in den Entwicklungen der letzten Jahrhunderte lauter Fehlentwicklungen, die es wieder rückgängig zu machen galt. In bezug auf die Marienverehrung distanzierte sich Calvin am weitesten und am heftigsten von der katholischen Lehre. Für ihn ist die Anrufung Mariens um Fürbitte bei Gott zur Erlangung göttlicher Gnade eine „verabscheuenswürdige Gotteslästerung“ (exsacrabilis blasphemia). Darum war ihm natürlich auch das Konzils von Ephesus ein Dorn im Auge, sodaß er und seine Anhänger sich bemühten, dieses Konzil und damit zusammenhängend den hl. Cyrillus von Alexandrien in Verruf zu bringen und den Irrlehrer Nestorius als denjenigen hinzustellen, der im Grunde Recht hatte und rechtschaffen handelte. Lassen wir also nochmals den hl. Alphons zu Wort kommen:

„Wer sollte aber wohl glauben, daß, nachdem, wie wir gesehen haben, Nestorius von einem von so vielen Bischöfen feierlich abgehaltenen Konzil verdammt worden, wo mit so großer Genauigkeit alles geprüft, und dessen Beschlüsse von der ganzen Kirche angenommen worden, es dennoch jemanden geben könne, der den Nestorius als unschuldig verteidigt, und seine Verurteilung töricht und ungerecht nennt. Wer so redet, gehört notwendigerweise zur Zahl der Ketzer, deren Hauptsorge stets dahin gegangen ist, das Ansehen der Konzilien und Päpste herabzuwürdigen, um ihre eigenen Irrtümer verteidigen zu können. Zur Vervollständigung der Geschichte des Nestorius wird es dienlich sein, daß man jene kennenlerne, welche ihn verteidigen und zugleich sehe, auf welche Weise sie dies tun. Der Fahnenträger dieser Verteidiger des Nestorius war Calvin, später seine Schüler Albertinus, Aegydius Gaillard, Johannes Crojus und David Radone. Im Jahre 1645 schloß sich diesen noch ein anderer Calvinist an, welcher in einer anonym erschienen Schrift zu beweisen suchte, daß Nestorius nicht unter die Ketzer, sondern unter die Zahl der Kirchenväter gestellt zu werden verdiene, und als Martyrer verehrt werden müsse, – dagegen müsse man die Väter des Konzils von Ephesus, und namentlich die Heiligen: Cyrillus, Gregorius den Wundertäter, Dionysius von Alexandria, Athanasius, Chrysostomus und Hilarius als Eutychianer betrachten. Der Gelehrte Dionysius Petavius hat dieses Werk im Jahre 1646 im sechsten Buche seiner dogmatischen Schriften widerlegt. Endlich hat Samuel Basnage sich in seinen Annalen dem Calvin und den übrigen genannten Irrgläubigen durch die Verteidigung des Nestorius anschließen wollen, indem er die Behauptung gewagt, das Konzil von Ephesus habe die Welt mit Tränen erfüllt.“

Samuel Basnage verteidigt erneut Nestorius

„Vernehmen wir also jetzt die Gründe des Basnage. Vorerst behauptet er, die Synode von Ephesus sei kein allgemeines Konzil gewesen, weil die daselbst versammelten Bischöfe weder auf die Legaten noch auf die anderen morgenländischen Bischöfe warten wollten. Was die Legaten anbelangt, so habe ich bereits gezeigt (siehe Nr. 28), daß der heil. Cyrillus, der vom Papste zum Vorsitzer des Konzils bestimmt war, vom Anbeginn demselben beiwohnte, und daß wenige Tage später die anderen Legaten eintrafen, welche die Beschlüsse der Synode guthießen. Freilich ist es wahr, daß im Anfange nicht alle morgenländischen Bischöfe beim Konzil gegenwärtig waren, da neunundachtzig Bischöfe sich damals von den Vätern trennten, und mit dem Patriarchen Johannes von Antiochia ein Afterkonzilium in derselben Stadt Ephesus hielten, wo sie den heil. Cyrillus absetzten; wenige Tage darauf schmolzen diese neunundachtzig aber auf siebenunddreißig zusammen, unter denen sich überdies mehrere pelagianische und auch andere bereits abgesetzte Bischöfe befanden; die übrigen aber schlossen sich, nachdem sie ihren Irrtum erkannt, den Vätern der Synode von Ephesus an, so daß Theodoret, der sich anfangs der Partei des Johannes angeschlossen, dem Andreas von Samosata schrieb, daß nur wenige sich der Bekämpfung des rechtmäßigen Konzils, das er seine Feinde nennt, angeschlossen. Nachdem aber später Johannes und derselbe Theodoret, sowie alle übrigen ihren Irrtum eingesehen, unterschrieben auch sie das Konzil, welches die ganze Kirche stets als ökumenisch betrachtet hat. Wie kann aber nach dem allen Basnage noch behaupten, daß die Synode von Ephesus kein allgemeines Konzil gewesen sei? Basnage behauptet ferner, es sei unbegründet, daß, nach der Behauptung des Natalis, Nestorius in Christo zwei Personen angenommen und geleugnet habe, daß Maria wahrhaft die Mutter Gottes sei, und besteht darauf, daß man den Nestorius verdammt, weil man ihn mißverstanden habe. Welche Beweisgründe führt er aber an? In Bezug auf die göttliche Mutterschaft Marias sagt er, Nestorius habe in einem Brief an den Johannes von Antiochia erklärt, daß er damit einverstanden sei, daß man die allerseligste Jungfrau die Gottesgebärerin nenne. Ich bemerke aber, daß Nestorius diese Worte auf seine Weise auslegte, und daß es nichts nützen würde, sich bei der Erklärung dieser eben so dunklen, als zweideutigen Worte aufzuhalten, nachdem Nestorius mehrfach ausdrücklich erklärt hat, daß Maria nicht die Mutter Gottes sei, da, wie er sagte, man sonst die Heiden entschuldigen müßte, welche die Mutter ihrer Götter anbeteten, worauf er ausdrücklich hinzufügte, daß Maria nicht Gott, sondern einen Menschen geboren, welcher ein Werkzeug Gottes war. Diese Ausdrücke des Nestorius führt Basnage selbst an, worauf er noch berichtet, daß die Basilianermönche in ihrer Bittschrift an den Kaiser Theodosius erklärten, Nestorius habe gesagt, daß Maria nichts anderes geboren, als einen Menschen, da aus dem Fleisch nur Fleisch geboren werden könne. Deshalb baten sie, es möge durch ein allgemeines Konzil die Grundlage des Christentums rein dargestellt werden, daß nämlich das Wort mit dem, von Maria entnommenen Fleische gelitten habe und gestorben sei, um die Menschen zu erlösen. Überdies lesen wir, daß Nestorius selbst sich in seinem Brief an Papst Cölestin beklagte, daß die Kleriker lästernd zu behaupten gewagt, die seligste Jungfrau, welche Christus geboren, sei eine Gottesgebärerin, da doch die Väter von Nicäa bloß in Bezug auf die allerseligste Jungfrau festgestellt, daß Jesus Christus Mensch geworden und aus dem Heiligen Geist, von Maria der Jungfrau geboren sei, worauf er noch hinzufügt, daß das Wort Theotocon der allerseligsten Jungfrau nur insofern zukommen könne, als der Tempel des göttlichen Wortes aus ihr genommen sei, nicht aber, als ob sie die Mutter des göttlichen Wortes sei, da niemand den gebären könne, der älter als er selbst ist. Worauf Papst Cölestin dem Nestorius zurückschrieb, daß er seine Briefe empfangen, welche eine offenbare Gotteslästerung in sich schließen, und hinzufügt, daß diese Wahrheit, daß der eingeborene Sohn Gottes aus Maria geboren sei, uns alle Hoffnung des Lebens und des Heiles verheiße.“

(Ebd. S. 174 ff.)

Die Herabwürdigung der Konzilien durch die Irrlehrer

Auch wenn von der hl. Kirche eine Irrlehre noch so genau geprüft und verworfen worden ist, es gibt dennoch immer wieder neue Irrlehrer, die alles auf den Kopf stellen und die katholische Wahrheit anstatt der Irrlehre verwerfen. Damit einhergehend müssen sie auch die Konzilien und die Päpste, die diese Irrlehre bekämpft haben, zurückweisen wie der hl. Alphons feststellt:

„Wer sollte aber wohl glauben, daß, nachdem wie wir gesehen haben, Nestorius von einem von so vielen Bischöfen feierlich abgehaltenen Konzil verdammt worden, wo mit so großer Genauigkeit alles geprüft, und dessen Beschlüsse von der ganzen Kirche angenommen worden, es dennoch jemanden geben könne, der den Nestorius als unschuldig verteidigt, uns seine Verurteilung töricht und ungerecht nennt. Wer so redet, gehört notwendigerweise zur Zahl der Ketzer, deren Hauptsorge stets dahin gegangen ist, das Ansehen der Konzilien und Päpste herabzuwürdigen, um ihre eigenen Irrtümer verteidigen zu können.“

Aber nicht nur dies, auch selbst die Heiligen entgehen nicht dem Haß der Irrlehrer. Mit einem Mal wird Nestorius zum Verteidiger des rechten Glaubens und zum Martyrer, der für diesen Glauben sein Leben eingesetzt hat, wohingegen die Heiligen Cyrillus, Gregorius den Wundertäter, Dionysius von Alexandria, Athanasius, Chrysostomus und Hilarius als Eutychianer betrachtet werden müssen. Es kann nun wirklich nichts so absurd sein, daß es nicht von den Irrlehrern behauptet würde.

Der hl. Alphons weist auch noch auf die Geschichtsverdrehungen hin, welche die Irrlehrer machen müssen, um ihren Irrsinn behaupten zu können. Auch hier gibt es nichts, was es nicht gibt. Übrigens werden von vielen Modernisten und Traditionalisten diese Geschichtsverdrehungen bedenkenlos nachgebetet, um damit ihre eigenen Irrlehren stützen zu können, wie wir in unseren Beiträgen schon oft gezeigt haben.

Ein weiteres Standardargument der Irrlehrer ist, daß sie mißverstanden wurden. Natürlich wird das auch von Nestorius behauptet, obwohl es genügend klare Aussagen desselben gibt, die seine Irrlehre unzweifelhaft bezeugen. Weil die Irrlehrer jedoch so penetrant auf diesen Irrtum beharren, geht der hl. Alphons nach seinen Darlegungen nochmals kurz auf die Lehren dieses Ketzers ein.

„Vernehmen wir aber jetzt, was Nestorius von Jesus Christus sagt. Er behauptet vor allem, daß die Natur nicht ohne eine eigene Subsistenz bestehen könne, woraus sein Irrtum entsprang, daß zwei Personen in Christo seien, eine göttliche und eine menschliche, weshalb er auch lehrte, daß das göttliche Wort sich mit Christus verbunden habe, nachdem Derselbe schon ein vollkommener Mensch mit eigener Persönlichkeit und menschlicher Subsistenz geworden war. Überdies lehrte er auch noch, daß die Vereinigung der zwei Naturen geschehe, indem der Person Christi die Gnade, oder die Würde, oder die Ehre zuteil geworden, zur göttlichen Sohnschaft erhoben zu werden, weshalb er diese Vereinigung gewöhnlich nicht eine Vereinigung, sondern eine Annäherung oder Einwohnung nannte. Nestorius nahm also zwei mit einander verbundene Personen, nicht aber eine wahre Einheit der Personen an. Unter den zwei Naturen verstand er zwei Persönlichkeiten, weshalb er es nicht leiden konnte, wenn man, in Bezug auf Jesus Christus sagte, Gott sei geboren, Er habe gelitten und sei gestorben; so daß er denn auch an den heil. Cyrillus (wie Basagne selbst berichtet) schreibt, daß es heidnisch oder wenigstens apollinaristisch sei, wenn man vom göttlichen Wort sage, es sei geboren, habe gelitten und sei gestorben. Diese Worte geben uns Gewißheit darüber, daß Nestorius nicht zwei in Einer Person verbundene Naturen annahm. Daher geschah es denn auch, daß, als sein Priester Anastasius dem Volk verkündigte, daß niemand Maria eine Gottesgebärerin nennen dürfe, da es unmöglich sei, daß Gott aus dem Menschen geboren werde, und dieses, über solch eine irrgläubige Lästerung aufgebracht, zu Nestorius seine Zuflucht nahm, damit er die Behauptungen des Anastasius widerlege, er die Kanzel bestieg, und auf solche Weise Abhilfe zu bringen bedacht war: Ich erkläre, daß ich niemals denjenigen Gott nennen würde, der zwei oder drei Monate alt geworden ist, deshalb nannte er denn auch Jesus Christus nicht Gott, wie er dies ausdrücklich an den heil. Cyrillus schrieb. Das sind also die Aussprüche des Nestorius selbst, in denen er nicht deutlicher hätte dartun können, daß Christus bloß ein Tempel Gottes gewesen, welche durch die Gnaden so eng mit Gott vereinigt ward, daß man sagen konnte, die göttliche Natur habe sich Eigenschaften zu getan, die sonst nur der Menschheit zukommen. Wie kann aber Basnage, da er doch selbst zugibt, daß diese Briefe und die Ausdrücke dem Nestorius angehören, noch behaupten, daß derselbe in wahrhaft katholischen Sinne gelehrt habe, indes das Konzil von Ephesus, durch dessen Verdammung, die Welt mit Tränen erfüllt habe? Wie kann er dies nur sagen, nachdem Sixtus III., Leo der Große, das fünfte allgemeine Konzil und so viel Väter und Gelehrte das Konzil von Ephesus als ökumenisch angenommen, und den Nestorius stets einen Ketzer genannt und als solchen betrachtet haben? Es hat indes Basagne mehr zugesagt, dem Calvin und anderen Genossen desselben als dem Konzil von Ephesus, dem fünften Konzil, so wie den Päpsten und den katholischen Kirchenlehrern zu folgen. Man lese über diesen Gegenstand Selvaggius in seiner achtundachtzigsten Bemerkung zur Kirchengeschichte von Mosheim, wo er sechs schöne Erwägungen macht und mehrere nützliche Aufschlüsse in Bezug auf Luther und andere neuere Irrgläubige gibt, die sich bemüht haben, das Konzil von Ephesus und den heil. Cyrillus in Mißachtung zu bringen. Übrigens muß allen Ketzern daran liegen, das Ansehen der Konzilien herabzusetzen, damit niemand sie verurteilen und der Welt ihre Irrtümer kund tun könne. Ich mache indes noch die Bemerkung, daß der Teufel ganz besonders Sorge getragen hat, mittels dieser seiner Anhänger das Ansehen des Konzils von Ephesus zu vernichten, damit unseren Augen jener große Beweis der unendlichen Liebe unseres Gottes entzogen werde, wie derselbe aus Liebe zu uns Mensch werden und sterben wollte. Denn bloß deshalb tragen die Menschen so wenig Liebe zu Gott, weil sie nicht darauf denken, daß dieser Gott, aus Liebe zu ihnen gestorben ist; – der Teufel aber trägt nicht nur Sorge, daß sie ihre Gedanken nicht dahin richten, sondern er ist auch noch darauf bedacht, ihnen dies unmöglich zu machen.“

(Ebd. S. 178 ff.)

Irrlehre und Geschichtsfälschung

Wie wir gezeigt haben, finden die Irrlehrer immer Scheingründe für ihre verwegenen Behauptungen, mag die katholische Lehre noch so klar formuliert und mögen die geschichtlichen Tatsachen noch so lückenlos überliefert sein, um beides bezweifeln zu können. So ist es auch mit den modernen Irrlehrern, die sich genau so wie Calvin mit seinen Anhängern einbilden, ihre Irrlehre aus einer gefälschten Geschichte rechtfertigen zu können. Ja, einen Irrlehrer ficht es nicht einmal an, wenn ein Konzil schon jahrhundertelang von der ganzen Kirche als ökumenisches Konzil anerkannt wurde, er ist dennoch felsenfest davon überzeugt, daß dem nicht so ist, weil es nämlich seiner Irrlehre widerspricht und ihn verurteilt. Er schrickt auch davor nicht zurück, die Heiligen zu kritisieren und sie in schlechten Ruf zu bringen, weil diese die katholische Glaubenslehre verteidigt haben, wohingegen sie die gott- und sittenlosen Häretiker, die ihrer Meinung sind, zu Tugendhelden hochstilisieren.

Wie weitreichend solche Geschichtsfälschungen nachwirken, zeigt etwa „Das Ökumenische Heiligenlexikon“, das von Joachim Schäfer, evangelischer Pfarrer i.R., verantwortet wird. Darin findet sich der Satz: „Cyrills Verehrung beruht weniger auf seinen Taten als auf seiner theologischen Klarheit und seiner fundierten Bibelauslegung, die in seinen Schriften belegt ist.“ Fast gleichlautend heißt es in dem Beitrag „Cyrill von Alexandrien – Christus wahrer Gott und wahrer Mensch“ auf „sacerdos-viennensis.blogspot.com“: „Cyrill ist in den Augen der Kirche heilig, freilich weniger aufgrund seiner Taten denn aufgrund seiner Theologie.“

Während man einem ev. Pfarrer i.R. nicht übelnehmen darf, wenn er nicht weiß, was ein Heiliger ist, so müßte doch von einem „katholischen“ „blogspot“ mehr erwarten. Aber nachdem in der Menschenmachwerkskirche ein Roncalli, Montini und Wojtyla bedenkenlos heiliggesprochen wurden und nunmehr als „Heilige“ verehrt werden, darf einen auch nicht mehr wundern, wenn die Menschenmachwerkskirchler nicht mehr wissen, was ein Heiliger ist. In diesem Fehlurteil wird jedenfalls greifbar, welch weitreichende Auswirkung eine Irrlehre haben kann. Man ist doch recht erstaunt: Die Heiligkeit der Kirche löst sich einfach in nichts auf und diese „Katholiken“ nehmen es nicht einmal mehr wahr!

Aber kehren wir abschließend nochmals zum hl. Cyrillus zurück und hören wir, was er auf dem Konzil von Ephesus über die Gottesmutter zu sagen wußte.

Predigt des hl. Cyrill von Alexandria beim Konzil von Ephesus zum Lobpreis Marias, der Gottesgebärerin

Ich sehe hier eine frohe Gemeinschaft von christlichen Männern, die hier in bereitwilliger Antwort auf den Ruf Marias, der heiligen und immer jungfräulichen Mutter Gottes, zusammengekommen sind. Der große Kummer, der auf mir gelastet hat, hat sich durch eure Anwesenheit – ehrbare Väter – in Freude umgewandelt. Nunmehr ist das großartige Wort des Psalmisten David für uns wahr geworden: „Seht doch wie gut und schön ist es, wenn Brüder miteinander in Eintracht wohnen“ (Psalm 133). Darum grüßen wir dich, du heilige und unfaßbare Dreifaltigkeit, auf deren Ruf wir in dieser Kirche Marias, der Mutter Gottes, zusammengekommen sind. O Maria, du Mutter Gottes, wir grüßen dich! O Mutter und Jungfrau, du kostbares Gefäß, das der Ehrfurcht der ganzen Welt würdig ist, du bist ein immer strahlendes Licht, die Krone der Jungfräulichkeit, das Sinnbild der Rechtgläubigkeit, ein unzerstörbarer Tempel, die Wohnung, die ihn beherbergte, den kein Ort umfassen kann. Deinetwegen konnten die heiligen Evangelien sagen: „Selig ist er, der im Namen des Herrn kommt.“ Wir grüßen dich, denn in deinem heiligen Leib wurde Er, der jenseits aller Begrenzung ist, begrenzt. Deinetwegen wird die Heilige Dreifaltigkeit angebetet und verherrlicht; das Kreuz wird als kostbar bezeichnet und auf der ganzen Welt verehrt; die Himmel jubeln; die Engel und die Erzengel sind vergnügt und die Dämonen werden in die Flucht geschlagen; der Teufel, jener Versucher wird aus dem Himmel hinabgeworfen; das gefallene Menschengeschlecht wird mit in die Höhe genommen; alle Geschöpfe, die durch den Wahnsinn der Götzenverehrung besessen waren, haben nun von der Wahrheit Kenntnis erlangt; die Gläubigen empfangen die heilige Taufe, das Öl der Freude wird ausgegossen; die Kirche wird auf der ganzen Welt errichtet; die Heiden werden zur Buße bekehrt. Was gibt es noch mehr zu sagen? Deinetwegen hat das Licht des einzig gezeugten Sohnes von Gott über jenen geleuchtet, die in der Finsternis und im Schatten des Todes saßen; die Propheten haben das Wort Gottes angekündigt; die Apostel predigten den Heiden die Erlösung; die Toten werden zum Leben auferweckt und die Könige herrschen durch die Macht der Heiligsten Dreifaltigkeit. Wer kann die hohe Ehre Marias in Worte fassen? Ich bin in Erstaunen versetzt über dieses Wunder. Gewiß könnte niemand daran gehindert werden, in dem Haus zu wohnen, das er für sich gebaut hat, wer würde sich dennoch zum Gespött machen, indem er seine eigene Magd bittet, seine Mutter zu werden? Seht alsdann die Freude des ganzen Weltalls! Möge uns die Vereinigung zwischen Gott und dem Menschen im Sohn der Jungfrau Maria mit Ehrfurcht und grenzenloser Liebe erfüllen. Laßt uns die ungeteilte Dreifaltigkeit fürchten und anbeten, während wir den Lobpreis der immerwährenden Jungfrau Maria, des heiligen Tempels Gottes und Gottes selbst, ihres Sohnes und makellosen Bräutigams singen. Ihm sei Ruhm und Ehre für immer und ewig. Amen.

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