Vom guten Tod

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Die Heiligen sind die klarsichtigsten Menschen, wohingegen die Weltmenschen, die sich so klarsichtig und aufgeklärt vorkommen, erschreckend blind sind. Diese Tatsache wird offenbar, wenn es um den Tod geht. Der Tod ist nüchtern gesehen einfach eine Tatsache, denn jeder Mensch muß einmal sterben, was auch jeder Mensch weiß. Dennoch wollen die meisten Menschen diese Tatsache nicht tatsächlich anerkennen, d.h. sie leben so, als bräuchten sie niemals sterben, was doch eine große Torheit ist, ein äußerst bedauerlicher Selbstbetrug, der weitreichende Konsequenzen hat, Konsequenzen, die bis in die Ewigkeit hinüberreichen. 

Die Heiligen sind keine Toren, weshalb sie rechtzeitig an den Tod denken und sich entsprechend darauf vorbereiten. Eine solche Vorbereitung ist unbedingt notwendig, weil sich beim Tod alles entscheidet – alles, d.h. für uns als gläubige Katholiken, die wir aufgrund unseres hl. Glaubens gestützt über den Tod hinaus Bescheid wissen: Ein ewiges, nie mehr endendes Leben im Himmel oder in der Hölle.

Jeder vernünftige Mensch wird sich aufgrund dieses Wissens gut überlegen, wie er sein Leben einrichten wird, damit er den Tod nicht zu fürchten braucht. Darum hat der hl. Alphons Maria von Liguori ein Büchlein verfaßt mit dem Titel „Vorbereitung zum Tode“ in dem er den Lesern „Betrachtungen über die ewigen Wahrheiten, um fromm zu leben und selig zu sterben“ vorlegt. In seiner „Vorrede“ gibt er folgendes zu bedenken:

„Kurz, ungewiß, gefährdet ist unsere Wanderschaft hienieden. In Absicht auf sie ist nur eines gewiß, der Tod.“ (Stolberg)

Da, wie wir alle wissen, mit der Auflösung des Leibes nicht auch die Seele ihr Ende nimmt, sondern, nachdem sie aus der erstarrten Hülle geschieden ist, ihrer Bestimmung gemäß der Ewigkeit zueilt, so ist es nötig, daß man ihr Heil mit Furcht und Zittern wirke, solange sie noch in der irdischen Hütte der Heimsuchung harrt. Um nun unsere Bestimmung, unser hohes Ziel ja nicht zu verfehlen, so müssen wir alle Mittel ergreifen, die uns zu Gebote stehen, um dieses Ziel zu erringen, der ewigen Glückseligkeit teilhaft zu werden.

„Noch sind wir auf der Welt, noch stehen wir auf dem Kampfplatz, noch kämpfen wir täglich für unser Leben.“ „Ihr müßt euch Mühe geben, daß ihr nach diesem Anfang auch weiter schreitet, und das vollendet, was ihr durch einen glücklichen Anfang zu sein schon begonnen habt.“ (S. Cypr. ad Rogat.)

„Ihr tugendhaften Jünglinge, ihr gottesfürchtigen Jungfrauen, ihr eures Heiles beflissenen Männer und Frauen, die ihr den zwar mühsamen aber sicheren Weg des Heils bereits betretet, „sucht nur dem zu gefallen, für den ihr kämpft, von dem ihr auch den Sold empfangt. Keiner von euch werde als abtrünnig befunden. Die Taufe diene euch als Schild, der Glaube als Helm, die Liebe als Lanze, die Geduld als die ganze Rüstung. Eure Werke seien das Kleinod, womit ihr den Lohn empfangt. Wetteifert miteinander in Langmut und Milde, wie auch Gott gegen euch es ist.“ (S. Ign. ad Polic.) 

„Stehet also, umgürtet eure Lenden mit der Wahrheit, seid angetan mit dem Panzer der Gerechtigkeit.“ (Eph 6,14)

Ja, es gibt nur eine sanfte und zuverlässige Seelenruhe, nur eine feste, unerschütterliche und dauerhafte Sicherheit, wenn nämlich jemand diesem Wirbel der beunruhigenden Welt entrissen, und auf dem Landungsplatz des heilsamen Hafens feststehend, seine Augen von der Erde zu dem Himmel erhebt, und seinem Gott möglichst nahe, sich rühmen kann, alles, was bei den übrigen für erhaben und groß gilt, liege unter seinem Bewußtsein. Wer über die Welt erhaben ist, kann nichts mehr von der Welt wünschen, nichts mehr von ihr begehren. O welch dauerhafte und unerschütterliche Schutzwehr, welch ein unversiegbarer Schutz ist es, von den Fallstricken der verwickelnden Welt befreit, und von dem irdischen Unrat zum Licht der ewigen Unsterblichkeit gereinigt zu werden!

Doch du, welchen der Dienst unter der himmlischen Fahne im geistigen Lager schon ausgezeichnet hat, halte dich an eine durch religiöse Tugenden nüchterne Lebensweise. Beten oder lesen sollst du ohne Unterlaß. Bald rede du mit Gott, bald rede Gott mit dir. Er unterweise dich in seinen Geboten, er leite dich. (S. Cypr. ad Donat)

Vergänglich ist unser Leben; so wie das Leben unserer Genossen schwand, eben so vergeht das unsere dem Schatten gleich.

Streitet um euer Heil!

Demnach wollen wir, so lange wir in dieser gebrechlichen, den brausenden Winden, und den tobenden Stürmen des Meeres ausgesetzten Hütte weilen, unter Gottes allvermögender Obhut und Leitung niemals die Waffen hinwegwerfen, niemals Frieden schließen, und von der Religion und dem Evangelium Jesu Christi mit Heldenmut erfüllt, von Tapferkeit beseelt, im Namen des Herrn gegen den alten Feind zu Felde ziehen.

Auf also! meine Brüder und Schwestern, streitet um euer Heil, seid tapfere Kämpfer Jesu Christi; denn das Leben des Menschen ist ja ein beständiger Kampf, und jenem, der da siegt, wird verborgenes Manna gegeben.

Wer dürstet und zu diesem heftigen Streite der Labung bedarf, der schöpfe aus der Quelle des Heils; wer nach Heiligung sich sehnt, wer nach Vollkommenheit strebt, der nehme dies Buch zur Hand. Stärkung wird er da finden, und Trost, ermunternde Beispiele in Menge; und wenn auf diese Art so manche nach oben sich sehnende Seele Trost, so mancher, der aus dem Schlamme der Sünden sich erhebt, eine Stütze daran findet, um nicht mehr auszugleiten, und in den Abgrund zurückzusinken, o wie reichlich wird alsdann dieses Werk von Gott gesegnet werden! und dann erklinge ewiges Lob, und unendlicher Dank dem, der zu allem Guten das Gedeihen gibt, Jesu, unsere Liebe, Maria, unserer Hoffnung, und Joseph, unserem Fürsprecher!

Ziehet zu Felde gegen den alten Feind!

Man will es nicht mehr recht wahrhaben, dennoch ist es eine unleugbare Tatsache: Unser irdisches Leben ist jeden Tag lebensgefährlich und eines Tages wird es ganz sicher mit dem Tod enden. Theoretisch ist das jedem Menschen klar, aber in der Praxis wollen die allerwenigsten ihr Leben gemäß dieser unumstößlichen Wahrheit einrichten. Denn sobald man diese Tatsache anerkennt, ändert sich der Blickwinkel unserer alltäglichen Urteile grundlegend – man nennt das heute Lebensgefühl. Ein Mensch, der beharrlich an den Tod denkt, wird viele seiner Gewohnheiten ändern müssen, weil sie dieser Wahrheit widersprechen:Demnach wollen wir, so lange wir in dieser gebrechlichen, den brausenden Winden, und den tobenden Stürmen des Meeres ausgesetzten Hütte weilen, unter Gottes allvermögender Obhut und Leitung niemals die Waffen hinwegwerfen, niemals Frieden schließen, und von der Religion und dem Evangelium Jesu Christi mit Heldenmut erfüllt, von Tapferkeit beseelt, im Namen des Herrn gegen den alten Feind zu Felde ziehen. Aber gerade das fällt uns Menschen äußerst schwer – heutzutage noch viel schwerer als sonst, weil die ganze Gesellschaft den Gedanken an den Tod meidet wie die Pest, weil das irdische Vergnügen überall ganz aufdringlich gegenwärtig ist und als letztes Glück sich aufspielt.

In seiner kurzen Anmerkung über den „Zweck dieses Werkes“, das nach Ansicht des hl. Alphons „Notwendig zu lesen“ ist, erklärt der Heilige, was der Leser besonders zu beachten hat:

Betet um Beharrlichkeit!

Damit es den Weltleuten zum Betrachten diene, teilte ich jede dieser Erwägungen in drei Punkte. Jeder Punkt kann für eine Betrachtung gelten und deswegen habe ich nach jedem Punkte die Anmutung und Bitten beigefügt. Ich bitte die Leser, nicht überdrüssig zu werden, wenn in diesen Bitten immer um die Gnade der Beharrlichkeit und Liebe zu Gott gebeten wird, denn diese zwei Gnaden sind uns zur Erlangung des ewigen Heils am notwendigsten.

Die Gabe der göttlichen Liebe ist jene Gnade, sagt der heilige Franz von Sales, welche alle Gnaden in sich begreift, indem die Tugend der Liebe zu Gott alle übrigen Tugenden im Gefolge hat. „Es sind mir aber mit ihr zugleich alle Güter zugekommen.“ (Weish 7,11) Wer Gott liebt, ist demütig, ist keusch, ist gehorsam, ist abgetötet, kurz er besitzt alle Tugenden. „Liebe Gott“, sagte der heilige Augustinus, „dann tue, was du willst“. Jawohl, denn wer Gott liebt, wird sich bemühen, alles ihm Mißfällige zu meiden und nichts anderes suchen, als ihm in allem zu gefallen.

Die zweite Gnade: der Beharrlichkeit, ist jene, welche die Erlangung der ewigen Krone bewirkt. „Der Himmel“, spricht der heilige Bernardus, „ist allen versprochen, die das gute Leben beginnen, doch wird er nur jenen zuteil, welche ausharren. Den Anfängern wird er zugesichert, den Ausharrenden aber wird er gegeben.“ (Sermo 6. S. Bern, de modo bene viv.)

Doch diese Beharrlichkeit gibt man, wie die heiligen Väter lehren, nur jenen, die darum bitten. Daher schrieb der heilige Thomas, um in den Himmel zu gelangen, sei beständiges Gebet erforderlich. „Nach der Taufe aber ist dem Menschen immerwährend das Gebet nötig, daß er in den Himmel eingehe.“ (3 p. qu. 39. art. 5) Und vor ihm sagte es unser Heiland: „Man muß immer beten und nicht aufhören.“ (Lk 18,1)

Und dies ist die Ursache, warum so viele elende Sünder, obschon ihre Sünden verziehen worden sind, dennoch nicht in der Gnade Gottes beharren. Sie erhalten Vergebung; weil sie jedoch unterlassen, Gott – besonders zur Zeit der Versuchungen – um Beharrlichkeit zu bitten, so fallen sie aufs neue. Obwohl hingegen die Beharrlichkeit eine ganz unverdiente Gnade ist, deren wir uns durch unsere Werke nicht würdig machen können, so sagt dennoch Pater Suarez, durch das Gebet erhalte man sie unfehlbar, und schon vor ihm sagte der heilige Augustinus: die Gabe der Beharrlichkeit könne man durch das Gebet erlangen. „Dies Geschenk Gottes kann bittweise verdient, das heißt durch Beten erlangt werden“. (De Dono Persev. C. 6) …

Meinen Leser bitte ich, mich Jesu Christo anzuempfehlen, mag ich – wenn er dies Buch lesen wird – am Leben oder tot sein, und ich verspreche eben dasselbe für jene zu tun, die mir diese Liebe erweisen werden. Es lebe Jesus, unsere Liebe, und Maria, unsere Hoffnung.

Was erwartet uns nach dem Tod?

Wer sich nur einigermaßen ernsthaft Gedanken über einen guten Tod machen möchte, der muß zunächst erwägen, was nach dem Tod auf ihn zukommt. Hierzu gibt uns unser hl. Offenbarungsglaube klarste, gottverbürgte Auskunft. Gott offenbart uns unser irdisches Leben als Prüfung, wobei den Guten, die dem Willen Gottes entsprechend leben, als Lohn der Himmel verheißen und den Bösen, die sich von Gott abkehren, als Strafe die Hölle angedroht wird – Gott ist nämlich gerecht. Dementsprechend heißt es in der Geheimen Offenbarung des hl. Apostels Johannes: „Und ich hörte eine Stimme vom Himmel sagen: ‚Schreibe: Selig sind von jetzt an die Toten, die im Herrn sterben! Fürwahr, so spricht der Geist: sie sollen ausruhen von ihren Mühen. Denn ihre Werke folgen ihnen nach‘“ (Offb 14, 13). Also durch unsere Werke, die aus dem übernatürlichen Glauben und der übernatürlichen Gottesliebe entspringen, wird unser Leben für die Ewigkeit geformt. In Seiner Gerichtsrede weist unser göttlicher Lehrmeister ebenfalls darauf hin, wenn er sagt: „Darauf wird er ihnen antworten: ‚Wahrlich, ich sage euch: Was ihr einem von diesen Geringsten da nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan.‘ Diese werden hingehen in ewige Pein, die Gerechten aber in ewiges Leben“ (Matth. 25, 45f).

Vom einfachen Wunsch zum festen Entschluß

In seiner „Philothea“ gibt der hl. Franz von Sales eine Einleitung in die christliche Frömmigkeit. Der hl. Bischof von Genf erklärt:„Mit meiner Anleitung wende ich mich also an einen Menschen, der fromm sein will und nach der Gottesliebe strebt. Im ersten Teil bemühe ich mich, durch Erwägungen und Übungen den einfachen Wunsch dieses Menschen in eine festen Entschluß umzuwandeln. … Damit gibt er sich dem Heiland hin, empfängt ihn und hat dadurch das Glück, in den Bereich seiner heiligen Liebe zu treten.“ 

Wer sich auch nur ein klein wenig Gedanken über die Ewigkeit, die nach seinem Tod auf ihn wartet, gemacht hat, der wird vom Wunsch erfüllt, so zu leben, daß er auch sicher in den Himmel kommt. Dabei genügt ein einfacher Wunsch nicht, wie die Erfahrung jedem zeigt. Der einfache Wunsch muß vertieft und gefestigt werden, er muß in einen festen Entschluß umgewandelt werden. Dazu verfaßt der hl. Franz von Sales eine ganze Reihe von Betrachtungen, also Gebetserwägungen, die den Geist erleuchten und den Willen stärken sollen. Wir möchten zwei dieser Betrachtungen herausgreifen.

Nachdem der hl. Bischof von Genf dem betrachtenden Leser die zwei Möglichkeiten vor Augen gemalt hat, die aufgrund der Freiheit des Menschen sich ergeben, nämlich die ewige Freude des Himmels und die ewige Pein der Hölle, leitet er dazu an, das gottgegebene Lebensziel ausdrücklich zu wählen. 

NEUNTE BETRACHTUNG: WAHL DES HIMMELS

Vorbereitung. Versetze dich in Gottes Gegenwart. Demütige dich. Bitte, daß er dich erleuchte.

Stelle dir vor, du seist auf weitem Felde, ganz allein mit deinem Schutzengel, wie der junge Tobias, als er nach Rages zog. Er zeigt dir in der Höhe den Himmel offen, mit allen Freuden, die du in der vorausgehenden Betrachtung erwogen hast; dann in der Tiefe die gähnende Hölle, mit allen Qualen, wie sie in der Betrachtung von der Hölle beschrieben sind.

Erwägungen. Nachdem du dich durch diese Vorbereitung zwischen Himmel und Hölle gestellt siehst, knie in Gegenwart deines Schutzengels nieder und erwäge:

1. Es ist wirklich wahr, du stehst zwischen Himmel und Hölle; beide stehen offen, dich aufzunehmen, je nach der Wahl, die du treffen wirst.

2. Die Entscheidung für Himmel oder Hölle, die du in diesem Leben triffst, gilt auf ewig im anderen.

3. Beide stehen offen, dich aufzunehmen, je nach deiner Entscheidung. Gott, der aus Gerechtigkeit mit der Hölle bestraft und aus Barmherzigkeit mit dem Himmel belohnt, wünscht mit sehnlichem Verlangen, daß du den Himmel wählst. Dein Schutzengel drängt dich dazu mächtig; er bietet dir von Gott tausend Gnaden und Hilfen an, um dir beim Aufstieg beizustehen.

4. Jesus Christus blickt dich vom Himmel her gütig an und lädt dich herzlich ein: „Komm zur ewigen Ruhe, teure Seele! Komm in die Arme meiner Güte, die dir in ihrer überreichen Liebe endlose Freuden bereitet hat.” Schau im Geiste die seligste Jungfrau; sie redet dir mütterlich zu: „Mut, mein Kind! Mißachte nicht den Wunsch meines Sohnes und meine innigen Gebete für dich! Mit ihm wünsche ich sehr dein ewiges Heil.” Betrachte die Heiligen, die dich ermutigen, die Millionen heiliger Seelen, die dir liebevoll zureden und nur das eine wünschen, eines Tages dein Herz mit den ihren vereint zu sehen im Lobpreis Gottes. Sie versichern dir: Der Weg zum Himmel ist nicht so schwer, wie die Welt vorgibt. „Mut”, sagen sie dir, „wer den Weg der Frömmigkeit, den wir emporgestiegen sind, aufmerksam betrachtet, der sieht, daß wir in diese Seligkeit durch Freuden gelangten, die unvergleichlich tiefer sind als die Freuden der Welt.”

Wahl: 1. Hölle, dich verabscheue ich jetzt und auf ewig. Ich verabscheue deine Qualen und Peinen. Ich verabscheue deine unselige, unglückliche Ewigkeit, besonders die unaufhörlichen Flüche, die du ewig gegen meinen Gott ausspeist. — Dann wende Herz und Gemüt dem Himmel zu und sprich: Glücklicher Himmel, ewige Herrlichkeit, Seligkeit ohne Ende, ich wähle unwiderruflich deine schönen und heiligen Gefilde, deine seligen und begehrenswerten Zelte zu meiner Wohnstätte. O Gott, Gott, ich preise Deine Barmherzigkeit und nehme dankbar das Geschenk an, das Du in Deiner Güte mir anbietest. Jesus, mein Heiland, ich nehme Deine ewige Liebe an. Ich weiß, daß Du mir einen Platz in der himmlischen Seligkeit bereitet hast, damit ich Dich ewig lieben und preisen kann.

2. Nimm die Gnadenerweise an, die dir die allerseligste Jungfrau und die Heiligen anbieten. Versprich ihnen, daß du ihren Weg einschlagen willst. Ergreife die Hand deines Schutzengels, damit er dich führe. Mache deiner Seele Mut zu dieser Wahl.

Die Erwählung des Himmels als ernsthaftes Lebensziel bleibt für sich gesehen noch zu theoretisch und so gesehen ist sie ungenügend. Diese Wahl zieht sofort eine weitere Wahl nach sich, wer nämlich in den Himmel kommen will, der muß notwendigerweise ein frommes Leben führen. Er muß schließlich im alltäglichen Leben seine Wahl in die Tat umsetzten, d.h. er muß alles tun, was dem ewigen Ziel dienlich ist und alles meiden, was ihm hinderlich ist. Darum folgt die

ZEHNTE BETRACHTUNG: WAHL DES FROMMEN LEBENS

Vorbereitung. Versetze dich in Gottes Gegenwart. Demütige dich vor ihm. Bitte ihn um seine Hilfe.

Erwägungen. 1. Stelle dir wieder vor, du seist auf weitem Felde, allein mit deinem Schutzengel. Zur Linken denke dir Satan auf hohem Throne, umgeben von höllischen Geistern und einer großen Schar von Lebemenschen, die ihn entblößten Hauptes als ihren Herrn anerkennen und ihm huldigen, die einen durch diese Sünde, die anderen durch jene. Beachte die Haltung der unseligen Höflinge dieses abscheulichen Fürsten: Die einen wüten in Haß, Neid und Zorn; die anderen morden sich gegenseitig; wieder andere sind bleich in sich verbohrt vor Gier nach Reichtümern; andere der Eitelkeit ergeben, nur auf unsinnige und nichtige Vergnügungen bedacht; andere gemein, pervertiert und verkommen in ihrer zügellosen Gier. Sieh, wie unruhig sie alle sind, zerfahren, unbeherrscht. Sieh, wie sie einander verachten, und Liebe nur heucheln. Mit einem Wort, du hast vor dir ein unseliges, bedauernswertes Volk, bedrückt von einem verfluchten Fürsten.

2. Sieh, zur Rechten Jesus am Kreuz, wie er mit herzlicher Liebe für diese armen Untertanen Satans betet, damit sie sich von seiner Tyrannei befreien; wie er sie zu sich ruft. Um ihn versammelt siehst du eine große Schar Frommer mit ihren Schutzengeln. Betrachte die Schönheit dieses Reiches der Frömmigkeit: Wie herrlich ist diese Schar jungfräulicher Männer und Frauen anzusehen, weißer als Lilien; diese Witwenschar, geschmückt mit heiliger Selbstüberwindung und Demut. Sieh die Eheleute, die so herzlich miteinander leben und einander mit einer Ehrfurcht begegnen, die nicht denkbar ist ohne eine große Liebe. Sieh, diese Frommen verbinden die Sorge um das Hauswesen mit der Sorge um ihr Innerstes, die Liebe zum Gatten mit der Liebe zum himmlischen Bräutigam. Sieh dich um: Du findest sie alle in heiliger, gütiger, liebevoller Haltung; sie hören auf unseren Herrn und alle möchten ihn in ihrem Herzen tragen. Sie freuen sich, aber ihre Freude ist schön, liebevoll, geordnet. Sie lieben einander, aber ihre Liebe ist heilig und ganz rein. Wer unter diesen Frommen ein Leid trägt; quält sich nicht viel damit und verharrt in beherrschter Haltung. Sieh, wie der Anblick des Heilands sie erfreut, wie alle einmütig zu ihm hinstreben.

3. Satan und seinen traurigen, unseligen Anhang hast du bereits verlassen durch die guten Vorsätze, die du gefaßt hast. Du bist aber noch nicht zu Christus, dem König, gelangt, du hast dich noch nicht der glücklichen und heiligen Schar seiner Frommen beigesellt. Du stehst immer noch zwischen beiden Lagern.

4. Die allerseligste Jungfrau, der hl. Josef, der hl. Ludwig, die hl. Monika und hunderttausend andere, die ebenfalls inmitten der Welt gelebt haben, laden dich ein, sprechen dir Mut zu.

5. Dein gekreuzigter König ruft dich bei deinem Namen: Komm, geliebte Seele! Komm, ich will dich krönen (HL 4,8).

Wahl: 1. Abscheuliche Schar, niemals sollst du mich unter deiner Fahne sehen! Auf ewig entsage ich deinen Narreteien und Torheiten. Unseliger Fürst des Hochmuts, höllischer Geist, ich entsage dir und allem eitlen Gepränge, das du entfaltest. Ich verabscheue dich und deine Werke.

2. Mein guter Jesus, seliger König der ewigen Herrlichkeit, Dir wende ich mich zu; ich umfange Dich mit der ganzen Kraft meiner Seele. Ich bete Dich von ganzem Herzen an, ich erwähle Dich heute für immer zu meinem König. Dir will ich unverletzliche Treue bewahren. Ich gebe mich Dir ohne Widerruf hin und verpflichte mich zum Gehorsam gegen Deine heiligen Gesetze und Anordnungen.

3. Seligste Jungfrau, Unsere liebe Frau, ich erwähle Dich zu meiner Führerin, stelle mich unter Deine Fahne und komme in heiliger Ehrfurcht zu Dir. Heiliger Schutzengel, führe mich in diese heilige Gemeinschaft. Verlaß mich nicht, bis ich inmitten dieser heiligen Schar stehe. Mit ihr rufe ich zum Zeugnis meiner Wahl, die ich getroffen habe, jetzt und immer: Es lebe Jesus! Es lebe Jesus!

Die beiden Heerlager

In solchen Erwägungen festigt sich unser Entschluß, Gott aus ganzem Herzen zu lieben und Ihn allein zu lieben. Der hl. Franz von Sales greift hierbei wohl auf die Betrachtung des hl. Ignatius in seinem Exerzitienbüchlein zurück. Es gilt, sich darüber Rechenschaft abzulegen, daß man tatsächlich immer in einem dieser beiden Heere geistigerweise Dienst tut. Indem man die beiden Heerlager betrachtet – Zur Linken denke dir Satan auf hohem Throne, umgeben von höllischen Geistern und einer großen Schar von Lebemenschen, die ihn entblößten Hauptes als ihren Herrn anerkennen und ihm huldigen, die einen durch diese Sünde, die anderen durch jene. … Sieh, zur Rechten Jesus am Kreuz, wie er mit herzlicher Liebe für diese armen Untertanen Satans betet, damit sie sich von seiner Tyrannei befreien; wie er sie zu sich ruft. – erkennt der Betrachtende betend seinen eigenen Standpunkt, den er im Herzen vielleicht ganz gedankenlos eingenommen hat. Solchermaßen die beiden Heerführer und ihr Reich erwägend, wird er Satan den Rücken zukehren und sich Jesus Christus und Seinem Kreuz zuwenden, indem er spricht: Ich bete Dich von ganzem Herzen an, ich erwähle Dich heute für immer zu meinem König. Dir will ich unverletzliche Treue bewahren. Ich gebe mich Dir ohne Widerruf hin und verpflichte mich zum Gehorsam gegen Deine heiligen Gesetze und Anordnungen.

Betrachtung über den Tod

Kehren wir zurück zum hl. Alphons und seinen Erwägungen über einen guten Tod. Der Heilige bemüht sich darum, den Leser dazu anzuleiten, sich mit dem Tod ernsthaft auseinanderzusetzen, d.h. sich darüber Gedanken zu machen, wie der Tod tatsächlich sein wird. Weil das Leben unterschiedlich enden kann, je nach den unterschiedlichen Gesinnungen und den daraus vollbrachten Werken, beschreibt er den jeweiligen Tod eines Sünders und sodann den eines Gerechten.

6. Betrachtung

Tod des Sünders

Wenn das Bedrängnis über sie kommt, werden sie den Frieden suchen und ihn nicht finden: dann wird Schrecken über Schrecken kommen.“

(Ez 7,25)

1. Punkt: Die Pein des bösen Gewissens

Jetzt schlagen die Sünder die Erinnerung und den Gedanken an den Tod sich aus dem Sinne, und suchen so Frieden zu finden, obwohl sie ihn, solange sie in der Sünde leben, nicht finden. – Sind sie aber in Todesängsten und ganz nahe daran, in die Ewigkeit zu gehen, kommt Bedrängnis über sie: so werden sie auch den Frieden suchen und nicht finden, und alsdann können sie der Pein ihres bösen Gewissens nicht entgehen. Ruhe werden sie suchen; doch welche Ruhe kann eine Seele finden, welche sich mit Schulden belastet findet, die sie zernagen werden, wie ebensoviele Ottern! Welche Ruhe, wenn sie bedenken, daß sie über wenige Augenblicke vor Jesus Christus erscheinen müssen, dessen Gebote und Freundschaft sie bisher verachteten? Dann wird Schrecken über sie kommen. Die schon erhaltene Ankündigung des Todes; der Gedanke, von allem in der Welt Abschied nehmen zu müssen; die Gewissensbisse; die verlorene Zeit; die Kürze der Zeit; die Strenge des göttlichen Gerichtes; die unglückliche auf den Sünder wartende Ewigkeit: dies alles wird einen fürchterlichen Sturm erregen, das Mißtrauen vermehren, und so wird der Sterbende verwirrt und hoffnungslos ins andere Leben schreiten. Abraham hoffte mit großem Verdienst gegen alle menschliche Hoffnung auf Gott, indem er dem göttlichen Versprechen glaubte: Er hat wider alle Hoffnung gehofft und geglaubt. (Röm 4,18) Allein die Sünder hoffen zu ihrer großen Strafe und fälschlich zu ihrem Verderben nicht nur gegen die Hoffnung, sondern auch gegen den Glauben; denn sie verachten auch die Drohungen, welche Gott den Hartnäckigen macht. Sie haben Furcht vor dem Tode, doch fürchten sie sich nicht, ein schlechtes Leben zu führen. Wer aber gibt ihnen die Versicherung, daß sie nicht vom Blitz getroffen, durch Gift oder Blutsturz plötzlich dahin sterben? Und hätten sie auch Zeit zur Besserung, wer versichert sie, daß sie sich wahrhaft bekehren werden? Der heilige Augustinus hatte zwölf Jahre zu kämpfen, um seine bösen Gewohnheiten zu überwinden: wie wird nun ein Sterbender, welcher immer beschmutzten Gewissens war, in Mitte seiner Schmerzen, bei den Betäubungen des Kopfes und der Verwirrung des Todes so leicht sich wahrhaft bekehren? Ich sage „wahrhaft“; denn zu jener Zeit genügt es nicht, es nur zu sagen und zu versprechen, sondern man muß es sagen und versprechen mit dem Herzen. O Gott! von welchen Schrecken wird dazumal der arme Kranke, der um sein Gewissen sorglos war, ergriffen und verwirrt werden, wenn er sich von den Sünden und von Furcht vor dem Gerichte, der Hölle und Ewigkeit daniedergedrückt sieht! In welche Verwirrung werden ihn diese Gedanken bringen, wenn er den Verstand verlieren, verfinsterten Sinnes von den Schmerzen des schon nahen Todes angefallen werden wird! Er wird beichten, er wird versprechen, er wird weinen, er wird zu Gott um Barmherzigkeit flehen, ohne sich recht bewußt zu sein. Und während dieses Sturmes von Verwirrung, von Gewissensbissen, Angst und Schrecken wird er in das ewige Leben übergehen: Es wird ein Aufruhr unter den Völkern entstehen und sie werden durchdringen. (Job 34,20) Mit Recht sagt ein Schriftsteller: Das Weinen und Versprechen des sterbenden Sünders ist geradeso, wie das Weinen und Versprechen eines solchen, der sich von seinem Feinde angegriffen sieht, welcher ihm den Dolch an die Brust setzt, um ihn ums Leben zu bringen.

Anmutungen und Bitten

O Wunden Jesu, ihr seid meine Hoffnung! Ich würde an der Verzeihung meiner Sünden und an meinem ewigen Heile verzweifeln, wenn ich nicht auf euch schauen würde, ihr Quellen der Barmherzigkeit und Gnade, welche Gott dazu vermochten, all sein Blut zu vergießen, um meine Seele von so vielen gemachten Schulden zu waschen. Ich liebe euch demnach, o heilige Wunden! und vertraue auf euch. Ich verfluche tausendmal und vermaledeie jene unerlaubten Vergnügen, wegen welcher ich meinen Erlöser beleidigt und auf elende Weise seine Freundschaft verloren habe. Indem ich also auf dich hinsehe, will ich all meine Hoffnung und meine Zuneigung dir zuwenden. Ach mein Erlöser! gib nicht zu, daß ich ferner dich beleidige und verdammt werde! O Gott! welche Qual wäre in der Hölle für mich der Anblick deines Blutes, deiner so großen Barmherzigkeit, die du gegen mich übtest! Ich liebe dich und verlange dich immerdar zu lieben. Gib mir die heilige Beharrlichkeit. Reiß mein Herz, los von jeder Liebe, die nicht zu dir gerichtet ist, und begründe in mir ein aufrichtiges Verlangen und einen wahren Entschluß, von nun an nur dich, mein höchstes Gut zu lieben. – O Maria, meine Mutter, ziehe mich zu Gott und mache, daß ich, ehe ich sterbe, ganz sein Eigentum werde.

2. Punkt: Verfinsterter Verstand und verstocktes Herz

Nicht bloß eine, sondern mehrere und viele Ängste wird der sterbende Sünder haben. Einerseits werden ihn die bösen Geister quälen. Beim Tode bieten diese fürchterlichen Feinde alle Gewalt auf, um die Seele zu Grunde zu richten, da sie im Begriff steht, aus diesem Leben zu scheiden. – Sie wissen es, daß ihnen wenig Zeit übrigbleibt, um sie zu gewinnen, und daß sie, wenn sie selbe jetzt verlieren, sie für immer verlieren. Der Teufel kommt zu euch mit einem großen Zorne herauf, weil er weiß, daß er wenig Zeit mehr hat. (Offb 12,12) Und nicht bloß ein einziger Teufel wird es sein, der dann versuchen wird, sondern unzählige, die den Sterbenden umgeben werden, damit er zu Grunde gehe. Ihre Häuser werden voll Drachen sein. (Jes 13,21) Der eine wird zu ihm sagen: Fürchte dich nicht, du wirst gesund werden. Der andere wird sagen: Wie, du warst so viele Jahre hindurch taub gegen die Stimme Gottes, und jetzt soll er deiner sich erbarmen? Ein dritter wird sagen: Wie kannst du jetzt machen, daß jener Schaden, den du andern zufügtest, der gute Namen, um den du manchen brachtest, wieder gutgemacht werde?

Andererseits wird man den Sterbenden von seinen Sünden umgeben sehen. Der ungerechte Mann wird vom Unheil zu seinem Untergang überfallen werden. (PS 139,12) Seine Sünden werden ihn, sagt der heilige Bernhard, wie ebensoviele Häscher ergreifen, festhalten und zu ihm sagen: Wir sind deine Werke, wir werden dich nicht verlassen. Wir sind dein Anteil, wir wollen dich nicht verlassen, wir werden dich ins andere Leben geleiten und uns mit dir dem ewigen Richter vorstellen. Der Sterbende wird sich zwar von diesen Feinden losmachen wollen; um sich aber davon loszumachen, wäre vonnöten, sie zu hassen, und sich vom Herzen zu Gott zu bekehren; allein der Verstand ist verfinstert, das Herz verhärtet: Einem verstockten Herzen wird es am Ende übel gehen; und wer die Gefahr liebt, der wird darin umkommen. (Eccl 3,27) Das Herz, sagt der heilige Bernhard, welches zu Lebzeiten hartnäckig war, wird sich anstrengen, um aus dem Stande der Verwirrung zu kommen; allein es wird nicht davon loswerden, und von seiner Bosheit unterdrückt wird es im nämlichen Zustande das Leben beschließen. Weil der Sünder bisher die Sünde liebte, liebte er zugleich die Gefahr seiner Verdammung; billigerweise also wird es der Herr zugeben, daß er in jener Gefahr umkomme, in der er bis zum Tode leben wollte. Der heilige Augustinus sagt: Wen die Sünde verläßt, ehe er sie verläßt, der wird sie schwerlich verabscheuen, wie sich’s gebührt; denn damals wird das, was er tun wird, gezwungen geschehen. Wer von der Sünde verlassen wird, bevor er sie verläßt, verachtet sie nicht freiwillig, sondern nur notgedrungen.

Elend ist also der Sünder, welcher hartnäckig ist und dem göttlichen Zurufen widersteht. Sein Herz wird wie ein Stein hart werden und so fest wie der Amboß eine Schmiedes. (Job 41, 15) Er, der Undankbare – wird, anstatt sich auf die Stimme Gottes hin zu ergeben und zu erweichen, desto verhärteter, so wie der Amboss durch die Schläge des Hammers härter wird. Zur Strafe dafür wird er auch im Tode so sein, wenn er schon im Begriff steht, in die Ewigkeit überzugehen. Ein hartes Herz wird er am letzten Tage haben. Die Sünder, sagt der Herr, haben aus Liebe zu den Geschöpfen mir den Rücken zugekehrt; Sie haben mir den Rücken und nicht das Angesicht zugekehrt und sie werden zur Zeit ihrer Trübseligkeit sagen: Stehe auf und rette uns. – Wo sind deine Götter, die du dir gemacht Hast? Laß sie aufstehen und dich retten. (Jer 2,27) Die Elenden werden sich im Tode zu Gott wenden und Gott wird zu ihnen sagen: Kommt ihr jetzt zu mir? Rufet die Geschöpfe nun zu Hilfe, denn diese waren eure Götter. Also wird der Herr sprechen, denn sie werden bei ihm Zuflucht nehmen, aber ohne rechten Ernst sich zu bekehren. Der heilige Hieronymus sagt, er halte es fast für gewiß und er habe es aus Erfahrung gelernt, daß nie einer ein gutes Ende haben wird, der bis zum Ende ein schlechtes Leben führte: „Das halte ich dafür, das lernte ich durch vielfältige Erfahrung, daß jener kein gutes Ende hat, der einen schlechten Lebenswandel führte“. (In ep. Eus. ad Dam.)

Anmutungen und Bitten

Mein geliebter Heiland! Hilf mir, verlasse mich nicht. Ich sehe meine Seele von Sünden ganz verwundet; die Leidenschaften, die bösen Gewohnheiten drücken mich zu Boden; ich werfe mich dir zu Füßen, habe Erbarmen mit mir. Auf Dich, O Herr, habe ich gehofft, ich werde ewig nicht zu Schanden werden. Lasse meine Seele nicht zu Grunde gehen, die auf dich vertraut. „Übergib nicht die auf dich vertrauende Seele den Bestien!“ Es reuet mich, dich beleidigt zu haben. Ich habe böse gehandelt. Ich bekenne es; ich will mich bessern, mag es kosten, was es wolle; wenn du aber mit deiner Gnade mir nicht zu Hilfe kommst, bin ich verloren. Nimm auf o Jesu! diesen Anführer, der dich so beschimpft hat. Bedenke, daß ich Dir Blut und Leben kostete. Nimm mich also um der Verdienste deines Leidens und Sterbens willen in deine Arme auf und gib mir die heilige Beharrlichkeit. Ich war verloren, du hast mich gerufen, siehe, ich will nicht mehr widerstehen; dir weihe ich mich; binde mich mit den Banden deiner Liebe und laß nicht zu, daß ich dich neuerdings durch Verlust deiner Gnade verliere. Mein Jesu! gib es nicht zu. – Maria, meine Königin! gestatte dies nicht; erlange mir den Tod und lieber tausend Tode, als daß ich die Gnade deines Sohnes wieder verlieren sollte.

3. Punkt: Wer in der Sünde lebt, wird in der Sünde sterben

O wichtige Sache! Gott bedroht die Sünder so oft mit einem bösen Tode.

Alsdann werden sie Mich anrufen; Ich werde sie aber nicht erhören. (Spr 1,19) Wird Gott sein Geschrei erhören, wenn Angst über ihn kommt? (Job 27,6) Ich will zu eurem Untergang lachen und eurer spotten.(Das Lachen Gottes heißt so viel, als sich nicht erbarmen wollen. S. Greg.) Mein ist die Rache und Ich will vergelten zu seiner Zeit, auf daß ihr Fuß wanke. (Dtn 32,35) Und in so vielen anderen Stellen droht er ihnen – und die Sünder leben so ruhig und sicher dahin, als hätte ihnen Gott für die Sterbezeit die Verzeihung und den Himmel ganz gewiß versprochen! Es ist wahr, in was immer für einer Stunde der Sünder sich bekehrt, hat ihm Gott Vergebung verheißen; allein er sagte nicht, daß sich der Sünder im Tode bekehren würde, er beteuerte vielmehr öfters, wer in der Sünde lebt, werde in der Sünde sterben. – Ihr werdet in eurer Sünde sterben. (Joh 8,21) Sterben werdet ihr in euren Sünden. (Joh 8,24) Er sagte, wer ihn erst im Tode suchen wird, werde ihn nicht finden. Ihr werdet Mich suchen und nicht finden. (Joh. 7, 34) Daher muß man Gott aufsuchen, wenn man ihn auffinden kann: Suchet den Herrn, da man Ihn finden kann. (Jes 55,6) Jawohl; denn es wird eine Zeit geben, wo man ihn nicht wird finden können. Arme Sünder! Arme Blinde! die ihr es auf die Sterbestunde verschiebet, euch zu bekehren, wo nicht mehr Zeit sein wird zur Bekehrung! Oleaster sagt: Nie lernten die Gottlosen Gutes tun, außer wenn es nicht mehr Zeit ist, Gutes zu tun. Alle will Gott retten; doch die Hartnäckigen straft er!

… Ist es nicht furchtbar, jemand jählings sterben zu sehen? und begeben sich nicht dennoch so viele freiwillig in die Gefahr eines solchen Todes, eines Todes in der Sünde!

Ein Gewicht und eine Waage sind des Herrn Gerichte. (Spr 16,11) Wir berechnen nicht die Gnaden, die der Herr uns erweist; der Herr aber führt Rechnung darüber und wiegt sie, und wenn er sie bis auf eine gewisse Zeit gering geschätzt sieht, so überläßt er den Sünder seinen Sünden und läßt ihn so sterben. O wie armselig ist jener, der die Buße bis auf den Tod verschiebt! „Die Buße, die von einem Kranken verlangt wird, ist krank!“ sagt der heilige Augustinus. (Sermo 57, de temp.) Der heilige Hieronymus sagt: „Von hunderttausend Sündern, die bis zum Tode in der Sünde verbleiben, wird kaum EINER selig werden; von Hunderttausenden, deren Leben schlecht war, verdient kaum ein einziger von Gott die Verzeihung“. (S Hieronymus in Ep. Eus. de morte ejus.)

Der heilige Vincentius Ferrerius sagt (Sermo 1, de Nat. Virg.): „Ein größeres Wunder ist es, wenn solche, die einen schlechten Lebenswandel führen, gut sterben, als wenn man Tote erwecken würde. Welchen Schmerz, welche Reue wird jener im Tode über die Sünde empfinden, der bis dahin die Sünde geliebt hat?“ Bellarmin erzählt, daß er einst zu einem Sterbenden kam, um ihm beizustehen, und da er ihn zu einem Akte der Reue ermahnte, so habe ihm jener geantwortet, er wüßte nicht einmal, was Reue wäre. Bellarmin suchte es ihm zu erklären; allein der Kranke sagte: „Pater, ich verstehe Sie nicht, solche Sachen begreife ich nicht“. Und so starb er mit offenbaren Zeichen seiner Verdammung, wie Bellarmin schriftlich hinterließ. „Ganz billig wird der Sünder damit bestraft – sagt der heilige Augustinus – daß er sterbend sich selbst vergesse, da er lebend auf Gott vergessen hat.“ (Sermo 10, de sanct.) 

Irret nicht, Gott läßt Seiner nicht spotten. Denn was der Mensch säen wird, das wird er auch ernten; wer im Fleische säet, der wird von dem Fleisch das Verderben ernten, ermahnt uns daher der Apostel. (Gal 6,7) Das hieße Gott verspotten: In Verachtung seiner Gebote leben und dann Lohn und ewige Herrlichkeit von ihm ernten wollen. Gott läßt seiner nicht spotten! Was man in diesem Leben sät, erntet man im andern. Wer verbotene Fleischeslust sät, den trifft nichts anderes, als Verderben, Elend und ewiger Tod.

Mein Christ, was man für andere sagt, sagt man auch für dich. Sage mir, wenn du nun auf dem Punkte wärest, wo die Ärzte alle Hoffnung für dich bereits schon aufgegeben hätten; wenn du der Sinne beraubt und schon in der Todesangst wärest: wie sehr würdest du dann Gott bitten, er möchte dir noch einen Monat, noch eine Woche Zeit lassen, um dein Gewissen in Ordnung zu bringen! Und Gott gibt dir jetzt diese Frist; danke ihm und mache sogleich das begangene Böse gut, ergreife alle Mittel, um dann im Stande der Gnade zu sein, wann der Tod kommt; denn alsdann wird keine Zeit zur Abhilfe mehr sein.

Anmutungen und Bitten

Ach mein Gott! wer hätte wohl so viel Geduld mit mir gehabt, als du gehabt hast? Wäre deine Güte nicht unendlich, so würde ich an der Verzeihung verzweifeln. Doch ich habe es mit einem Gott zu tun, der darum gestorben ist, um mir zu verzeihen und mich selig zu machen. Du befiehlst mir, daß ich hoffe, und ich will hoffen. Wenn mich meine Sünden schrecken und verdammen, so geben mir deine Verdienste und deine Verheißungen neuen Mut. Du sichertest dem, der zu dir wiederkehrt, das Leben deiner Gnade zu: Bekehrt euch und lebet. (EZ 18,52) Du versprachst den zu umarmen, der zu dir sich wendet. Bekehrt euch zu Mir, so will Ich Mich zu euch kehren. (Zach 1,7) Du sagtest, du könntest den nicht verschmähen, der sich verdemütigt und reuig ist. Gott! Du wirst ein zerknirschtes und gedemütigtes Herz nicht verachten. (Ps 50) Siehe mich, o Herr! ich kehre zu dir zurück, zu dir wende ich mich; ich bekenne, tausendmal die Hölle zu verdienen und bereue es, dich beleidigt zu haben. Ich verspreche dir, dich nicht mehr beleidigen und dich immer lieben zu wollen. Ach, laß mich für so viele Güte nicht mehr undankbar sein! Ewiger Vater! um der Verdienste Jesu Christi willen, der da starb, um dir zu gehorchen, mache, daß ich bis zum Tode deinem Willen gehorsam sei. Ich liebe dich, o höchstes Gut! und aus Liebe, die ich zu dir fasse, will ich in allem dir Gehorsam leisten. Gib mir die heilige Beharrlichkeit; schenke mir deine Liebe, und nichts anderes verlange ich mehr. – Maria, meine Mutter, bitte für mich!

Gott muß uns Menschen viele Gnaden schenken, damit wir fähig werden, unser Leben im Licht der Ewigkeit zu sehen, also täglich im Angesicht der ewigen Wahrheiten zu wandeln. Denn wie leicht läßt sich das erbsündlich verletzte Menschenherz durch die Freuden der Welt betören. Die Betrachtungen über den Tod des Sünders erhellen unseren Geist und helfen uns, den inneren Zusammenhang und die innere Notwendigkeit einzusehen: So wie man lebt, wird man auch sterben, wie der heilige Vincentius Ferrerius so eindrücklich zu bedenken gibt: „Ein größeres Wunder ist es, wenn solche, die einen schlechten Lebenswandel führen, gut sterben, als wenn man Tote erwecken würde. Welchen Schmerz, welche Reue wird jener im Tode über die Sünde empfinden, der bis dahin die Sünde geliebt hat?“

Deswegen ist es töricht, die wichtigste Lebensentscheidung aufzuschieben und zu denken: Darum kümmere ich mich später. Keiner weiß doch, ob es dieses „Später“ überhaupt geben wird. Wie gefährlich und wie dumm ist es letztlich, unvorbereitet in den Tod zu gehen und somit die ewige Glückseligkeit aufs Spiel zu setzen. Welche Not wird die Seele durchmachen, wenn sie das Ende kommen sieht, jedoch auf ein gottfernes Leben zurückschauen muß! Fassen wir also einen herzhaften Entschluß, jetzt zu beginnen, Gott aus ganzem Herzen zu dienen: „Siehe mich, o Herr! ich kehre zu dir zurück, zu dir wende ich mich; ich bekenne, tausendmal die Hölle zu verdienen und bereue es, dich beleidigt zu haben. Ich verspreche dir, dich nicht mehr beleidigen und dich immer lieben zu wollen.“

Um diesen Entschluß, jetzt schon ein gottverbundenes Leben zu führen, noch zu festigen, stellt der hl. Alphons dem Leser nunmehr als Kontrast den Tod des Gerechten vor Augen.

8. Betrachtung

Tod der Gerechten

„Kostbar ist vor dem Angesicht des Herrn der Tod seiner Heiligen.“

(Ps 115, 15)

1. Punkt: Selig sind die Toten, die im Herrn sterben

Den Sinnen nach betrachtet ist der Tod schreckbar und fürchterlich; doch dem Glauben nach ist er tröstlich und wünschenswert. Furchtbar erscheint er den Sündern, liebenswürdig aber und kostbar zeigt er sich den Heiligen. „Kostbar“, sagt der heilige Bernhard, „weil das Ende der Mühsale, die Vollendung des Sieges, die Tür des Lebens“. (Trans. Malach.) „Das Ende der Drangsale.“ Jawohl ist der Tod das Ende der Mühseligkeiten und Trübsale. Der vom Weibe geborene Mensch lebt kurze Zeit und ist voll Elend. (Job 14,1) Siehe, wie unser Leben beschaffen ist: kurz ist es und voll von Elend, Krankheiten, Furcht und Leiden. Was suchen die Weltkinder, die ein langes Leben wünschen, wohl anderes, sagt Seneca, als eine lange Pein? „Durch den Wunsch der Lebensverlängerung verlangt man gleichsam die Verlängerung der Pein.“ (Ep 10,1) Was heißt das Leben fortsetzen anders, als fortfahren zu leiden, sagt der heilige Augustinus. „Was heißt lange leben anders, als lange gepeinigt werden?“ (Senn. 17 de verbo Dom.) Und so ist es; nach der Lehre des heiligen Ambrosius ist uns das Leben nicht gegeben um zu ruhen, sondern damit wir uns bemühen und durch die Bemühungen das ewige Leben uns verdienen. „Dies Leben ist dem Menschen nicht zur Muße, sondern zur Arbeit verliehen.“ (Serm. 43) … Obwohl also der Tod den Menschen zur Strafe für die Sünde gegeben ist, so sind die Armseligkeiten dieses Lebens dennoch so groß, daß der Tod, wie der heilige Ambrosius sagt, uns zur Erleichterung, nicht zur Strafe gegeben zu sein scheint, somit der Tod eine Hilfe, nicht eine Strafe zu sein scheint. Gott nennt jene selig, die in seiner Gnade sterben; denn es enden ihre Arbeiten und sie gehen zur Ruhe. Selig sind die Toten, die im Herrn sterben, von nun an, spricht der Geist, sollen sie von ihren Arbeiten ruhen. (Offb 14, 13) Die Peinen, welche die Sünder im Tode bestürzen, beängstigen die Gerechten nicht: Die Seelen der Gerechten sind in der Hand Gottes und die Pein des Todes wird sie nicht berühren. (Weish 31) Die Heiligen betrübten sich nicht ob jenem: „Reise ab“, welches die Weltkinder so sehr erschreckt. Die Heiligen werden nicht traurig, wenn sie die Güter dieser Welt verlassen müssen; denn sie haben ja ihr Herz davon losgerissen. Immer gingen sie mit diesen Worten einher: Gott ist in Ewigkeit der Gott meines Herzens und mein Anteil! O, ihr Seligen, schrieb der Apostel seinen Jüngern, die ihr Jesu Christi wegen eurer Güter beraubt wurdet! Ihr habt den Raub eurer Güter mit Freuden ertragen, wohl wissend, daß ihr ein besseres und bleibendes Gut habt. (Hebr 10)

Sie betrüben sich nicht, daß sie die Ehren verlassen müssen; denn sie verachteten sie vielmehr und hielten sie für das, was sie sind, für Rauch und Eitelkeit; sie schätzten nur die Ehre Gott zu lieben und von Gott geliebt zu werden. Sie betrüben sich nicht, indem sie die Verwandten verlassen müssen: denn sie liebten solche in Gott; sterbend überlassen und empfehlen sie solche jenem himmlischen Vater an, der dieselben mehr liebt, als sie, und in der Hoffnung, selig zu werden, denken sie, ihnen besser helfen zu können vom Himmel aus, als auf dieser Welt. Kurz, die im Leben immer sagten: „Mein Gott und mein Alles!“ wiederholen es im Tode mit desto größerem Tröste und umso zärtlicher.

Wer in der Liebe zu Gott stirbt, beunruhigt sich nicht wegen der Schmerzen, die der Tod mit sich bringt, sondern sie sind ihm vielmehr lieb, indem er denkt, sein Leben sei am Ende und es bleibe ihm keine Zeit mehr übrig, für Gott zu leiden und andere Beweise seiner Liebe ihm zu geben; daher opfert er mit Liebe und in Freuden diese letzten Überreste seines Lebens ihm auf und tröstet sich, indem er das Opfer seines Todes mit jenem Opfer vereint, welches Jesus Christus einst am Kreuze seinem ewigen Vater dagebracht. Und so stirbt er glücklich mit den Worten: Im Frieden will ich entschlafen und ruhen. O, welcher Friede, mit Ergebenheit und in den Armen Jesu Christi ruhend, zu sterben, der bis in den Tod uns liebte und eines bitteren Todes sterben wollte, um einen süßen und fröhlichen Tod uns zu erlangen!

Anmutungen und Bitten

O, mein geliebter Jesus! der du am Kalvarienberg eines so bitteren Todes sterben wolltest, um mir einen sanften Tod zu erhalten, wann werde ich dich sehen? Das erste Mal, da ich dich zu sehen bekommen werde, werde ich dich eben da sehen als Richter, wo ich sterben werde. Was werde ich alsdann sagen? was wirst du zu mir sagen? Ich will es nicht verschieben, erst dann an dich zu denken, ich will jetzt schon daran denken. Ich werde zu dir sagen: Mein lieber Erlöser, du bist es also, der für mich gestorben ist! Es war eine Zeit, wo ich dich beleidigte und dir undankbar war, und nicht Verzeihung verdiente, doch nachher, von deiner Gnade unterstützt, ging ich in mich und beweinte in meinen übrigen Lebenstagen meine Sünden, – und du hast mir verziehen. Verzeihe mir neuerdings, da ich jetzt vor deinen Füßen liege und erteile mir selbst die Lossprechung von allen meinen Schulden. Ich verdiente es nicht mehr, dich zu lieben, weil ich deine Liebe verachtet habe; doch du hast in deiner Barmherzigkeit mein Herz an dich gezogen, welches, wenn es gleich nicht nach deinem Verdienst dich liebte, dich doch über alles liebte, indem es alles verließ, um dir zu gefallen. Was sagst du nun zu mir? Ich sehe ein, daß der Himmel und der Besitz deiner in deinem Reich für mich ein allzu großes Gut ist; allein ich getraue mich nicht entfernt von dir zu leben, umsomehr jetzt, da du mir dein liebenswürdiges und schönes Antlitz zu erkennen gabst. Ich bitte dich daher um den Himmel; nicht um mich mehr zu erfreuen, sondern um dich besser zu lieben. … Wohlan, mein geliebter Richter! erhebe deine Hand und segne mich und sage zu mir, daß ich dein sei, und daß du immer mein seiest und sein werdest. Stets werde ich dich lieben; immer wirst du mich lieben. Siehe, nun gehe ich weit von dir; ins Feuer gehe ich; aber ich gehe gern, weil ich hingehe, um dich, meinen Erlöser, meinen Gott, mein Alles zu lieben. So gehe ich gern, aber wisse, daß in jener Zeit, wo ich so fern von dir sein werde, meine Entfernung von dir meine allergrößte Qual sein wird. Ich gehe, o Herr, und werde alle Augenblicke zählen, bis du mich abberufest. Erbarme dich über eine Seele, die dich aus ganzem Herzen liebt und sich seufzend nach dir sehnt, um dich besser lieben zu können.

Also hoffe ich, mein Jesus, mit dir alsdann sprechen zu können. Daher bitte ich dich um die Gnade, so zu leben, daß ich sodann zu dir das sagen kann, was ich jetzt gedacht habe. Gib mir die heilige Beharrlichkeit; gib mir deine Liebe und komme mir zu Hilfe. – O Mutter Gottes, Maria! bitte Jesum für mich.

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