Modernistengeschwätz III.

Aus unseren bisherigen Erwägungen über den Modernismus können wir festhalten: Der Modernismus ist ein Irrglaube, oder noch treffender gesagt ein Unglaube – denn letztlich endet der Modernismus im Atheismus, in der Gottlosigkeit –, der unter dem Schein des Glaubens, sogar eines besonders innigen, charismatischen Glaubens daherkommt. Einerseits ist er ein geschlossenes Denk-System, das eine irrige Philosophie zur Grundlage hat, andererseits erscheint der Modernismus auch wieder völlig unzusammenhängend, sagt doch letztlich jeder Modernist, der etwas auf sich hält, wieder etwas anderes als seine Kollegen.



Zudem schwankt der Modernist zwischen Frömmigkeit und pseudowissenschaftlicher Arbeit hin und her. Wenn er Frommes schreibt, erscheint er viel konservativer als wenn er als Fachmann der Theologie in Erscheinung tritt. Viele Katholiken ließen sich von diesem zwiespältigen Auftreten täuschen, indem sie sich auf das konzentrierten, was noch scheinbar katholisch klang und sich damit beruhigten. Jeder auch nur einigermaßen katholisch klingende Satz wurde ihnen zur Bestätigung, daß im Grunde alles nicht so schlimm sei. Was für eine Kurzsichtigkeit! Hätten sie die Enzyklika des hl. Pius X. gegen den Modernismus studiert, hätten sie das Ganze sofort durchschaut. In Pascendi Dominici gregis werden wir nämlich darüber folgendermaßen belehrt:

„Noch klarer wird der Sachverhalt werden bei einem Blick auf das praktische Handeln der Modernisten, das sich ganz ihrer Lehre anpasst. Scheinbar nämlich ist vieles von ihnen widerspruchsvoll geschrieben oder gesagt, so daß man sie leicht für schwankend und unsicher halten könnte; aber das geschieht alles mit Absicht und Überlegung, auf Grund ihrer Meinung über die Trennung von Glauben und Wissen. So haben Wir in ihren Büchern Mancherlei gefunden, das ein Katholik durchaus billigen könnte; Anderes wieder; auf dem nächsten Blatte, könnte ein Rationalist geschrieben haben. Schreiben sie z. B. Geschichte, so erwähnen sie die Gottheit Christi nicht, beim Gottesdienst in der Predigt aber, verkündigen sie sie laut. Oder ihre Geschichtsdarstellung kennt keine Autorität von Konzilien und Vätern, beim Katechismusunterricht finden beide ehrenvolle Erwähnung. So trennen sie auch theologisch-erbauliche Exegese von wissenschaftlich-historischer. Ähnlich treten sie, kraft ihres Grundsatzes der völligen Unabhängigkeit der Wissenschaft vom Glauben, bei ihren Erörterungen über Philosophie, Geschichte, Kritik, ohne Scheu in die Fußstapfen Luthers, dessen These 29, verurteilt von Leo X. in der Bulle EXSURGE DOMINE vom 16. Mal 1520 lautet: Wir haben einen Weg gefunden, die Autorität der Konzilien zu schwächen, ihren Ergebnissen frei zu widersprechen, ihre Entscheidungen zu beurteilen und zuversichtlich alles auszusprechen, was immer den Schein des Wahren hat, (gleichgültig) ob es von irgend einem Konzil gebilligt oder verworfen worden ist > und tragen ihre Verachtung gegenüber den katholischen Lehren und Vorschriften, gegenüber den heiligen Kirchenvätern, gegenüber den ökumenischen Konzilien und gegenüber dem Kirchlichen Lehramt auf jede Weise offen zur Schau. Werden sie deshalb kritisiert, so klagen sie über Freiheitsberaubung. Nach ihrem Bekenntnis von der Unterordnung des Glaubens unter die Wissenschaft tadeln sie die Kirche allenthalben offen, weil sie die Unterordnung ihrer Dogmen unter die Meinungen der Philosophie und die Anpassung an sie hartnäckigst ablehne; sie selbst aber haben zu dem Zwecke die alte Theologie aufgehoben und wollen eine neue einführen, die den Wahngebilden der Philosophen gefällig ist.“

Progressisten vs. Konservative

Wer in den letzten Jahrzehnten nur einigermaßen aufmerksam den Lehrbetrieb in der Menschenmachwerkskirche beobachtet hat, findet all das, was der hl. Papst Pius X. darlegte, bestätigt. Während die Progressisten die Universitäten beherrschen, tummeln sich die Konservativen mit allen Arten von Spiritualität mehr in den Gemeinden, Wallfahrtsstätten oder Erscheinungsorten. Während die Progressisten als vollkommen glaubenslos erscheinen, wirken die Konservativen zumindest noch fromm. Während die Progressisten den „neuen“, den „ordentlichen“ Ritus bevorzugen, schwören die Konservativen auf den „alten“, den „außerordentlichen“ Ritus ihrer Menschenmachwerkskirche – so muß es eigentlich richtig heißen, denn beide Riten werden gleichermaßen von der Menschenmachwerkskirche vereinnahmt, wodurch die Frage des Ritus nicht mehr eine Frage der Theologie ist, sondern des persönlichen Geschmacks. Kein Menschenmachwerkskirchler darf letztlich zum anderen sagen: Dein Ritus ist schlecht. Jeder muß notwendigerweise den anderen Ritus als Ritus seiner Kirche (!) anerkennen.

Wunder als literarische Form

Aber kommen wir nach diesen einleitenden Gedanken zurück zu unserem schon ausführlicher behandelten Thema: die Heilige Schrift. Wie Pius X. erklärt, trennen die Modernisten „theologisch-erbauliche Exegese von wissenschaftlich-historischer“. Konkret gesprochen: Wenn etwa ein Modernist predigt, „glaubt“ er an Wunder, wenn er als Fachmann der Exegese spricht, leugnet er sie. Während für uns die Wunder unseres göttlichen Herrn selbstverständlich Tatsachen sind, sind sie für den Modernisten eine vom Glauben motivierte literarische Form, die Jesus von Nazareth als Sohn Gottes erweisen soll.

Für uns Katholiken sind die Wunder unseres göttlichen Heilandes immer beides: Wohltat und Belehrung. Wenn unser Herr ein Wunder wirkt, besonders ein Wunder an einem Menschen – etwa eine Heilung von einer schweren Krankheit – dann verlangt Er vorher immer den Glauben. Der Glaube an Jesus, den Heiland der Welt, den Sohn Gottes, der Mensch geworden ist, – also an denjenigen, der unsere Seele heilen kann, indem Er die Sünden vergibt und die Gnade neu schenkt – ist notwendig, um zur Heilung zu gelangen. Dabei ist die körperliche Heilung immer nur ein Bild, sie verweist auf das eigentliche, verborgene Wunder in der Seele.

Das Evangelium von den 10 Aussätzigen

Denken wir an die 10 Aussätzigen, die zu Jesus kommen, in der Ferne stehenbleiben und mit lauter Stimme von Ferne rufen: „Jesus, Meister, erbarme Dich unser!“ Durch ihren Ruf bezeugen die Aussätzigen ihr Vertrauen in die Wunderkraft Jesu. Sie halten Ihn tatsächlich für einen Meister, also einen wahren Herrn, dem man sich anvertrauen kann, weil Er Seine Wundermacht schon öfter erwiesen hat. Und unser Herr Jesus Christus enttäuscht sie in ihrem Vertrauen nicht – dennoch prüft Er sie und zwar in doppelter Weise. Zunächst, indem Er zu ihnen sagt: „Gehet hin und zeigt euch den Priestern.“ Denn damit verspricht Er ihnen ihre Heilung, mußten doch die vom Aussatz geheilten Juden nach dem Gesetz des Moses zum Priester gehen, um Gott ein Dank-Opfer darzubringen. Die Aussätzigen wurden jedoch nicht sogleich geheilt, sie mußten erst noch eine Wegstrecke weit gehen und ihr Vertrauen unter Beweis stellen. Dementsprechend heißt es im hl. Evangelium: „Während sie nun hingingen, wurden sie rein.“

Sodann ist noch folgendes zu bedenken: Es ist gar nicht so selbstverständlich, wie man zunächst annimmt, daß die Aussätzigen zurückkehren sollen, um sich zu bedanken. Man kann sich nämlich durchaus zurecht fragen: Ist das überhaupt notwendig? Die Aussätzigen gehen doch nach der Weisung Jesu zu den Priestern, um Gott im Tempel mit einem Dankopfer für die Heilung Dank zu sagen – und Gott ist doch der eigentliche Wohltäter! Warum sollten sie sich auch noch bei Jesus bedanken? Würde ein Heiliger, durch den Gott jemanden geheilt hat, darauf bestehen, daß der Geheilte sich bei ihm bedanken müsse? Sicherlich nicht, er würde sich dagegen entschieden verwahren und sagen: Bedanken Sie sich bei Gott und nicht bei mir! Es ist somit nur dann notwendig, zurückzukehren und sich bei Jesus zu bedanken, wenn Jesus der wahre Sohn Gottes, also wahrer Gott ist. Dann geht man natürlich nicht zu den Priestern, also zu den Stellvertretern Gottes, um sich bei diesen zu bedanken, vielmehr kehrt man um, wie es der eine getan hat, der ein Samariter war – und „er fiel Ihm zu Füßen aufs Angesicht und dankte Ihm“.

Während der Fremdling zu Jesus zurückkommt, gehen die anderen neun, die Juden waren, hinauf zum Tempel, um dort Gott zu danken. Diese neun bleiben also dem Alten Bund verhaftet, obwohl der göttliche Gesetzgeber vor ihnen stand und ihnen die Heilung voraussagte. Wie schon gesagt, kein Katholik bezweifelt nun die Echtheit dieses Wunders der Heilung der Aussätzigen nur, weil sich an dieses eine Belehrung knüpfen läßt. Jeder Katholik weiß, daß die Heilige Schrift neben dem Wortsinn immer auch noch einen geistigen Sinn hat.

Der Wortsinn und der geistige Sinn dieser Perikope

Der hl. Augustinus macht sich in einer Predigt darüber Gedanken, wer wohl mit den 10 Aussätzigen im geistigen Sinn gemeint sei. Um die Antwort darauf zu finden, gibt er zunächst zu bedenken, daß unser Herr bei anderen Krankheiten nicht sagt: „Geh hin, zeige dich den Priestern und opfere für dich die Gabe, die Moses vorgeschrieben hat, ihnen zum Zeugnis.“ Auch erklärt der hl. Kirchenvater, der Aussatz sei, allgemein gesprochen, „ein Makel an der Hautfarbe, nicht ein eigentlicher Krankheitszustand, durch den der Gebrauch der Sinne oder Glieder behindert wird“. Denken wir etwa an Naaman, den Heerführer des Königs von Aram, der vom Propheten Elisäus geheilt wurde, indem er einen Boten zu ihm sandte und ihm sagen ließ: „Geh und bade siebenmal im Jordan! Und dein Leib sei wiederhergestellt! Geh und werde rein!“ (4 Kön. 5, 10). Naaman war zunächst unwillig und sprach: „Ich habe gedacht, er käme zu mir, träte hin und riefe den Namen des Herrn, seines Gottes, an und bewegte seine Hand gegen den Ort und entfernte den Aussatz“ (Ebd. Vers 11). Seine Diener beruhigten ihn jedoch und er befolgte schließlich doch das Wort des Propheten: „Da stieg er hinab und tauchte siebenmal im Jordan unter, nach des Gottesmannes Wort. Da ward sein Leib wieder wie der eines kleinen Knaben. Und er ward rein“ (Ebd. Vers 14).

Verschiedene Arten von Aussatz

Der hl. Augustinus zieht nun aus seinen Erwägungen folgenden Schluß:

„Unter den Aussätzigen kann man also nicht mit Unrecht diejenigen verstehen, die den wahren Glauben nicht kennen und darum sich zu mancherlei Irrlehren bekennen. Sie können ihre Unkenntnis nicht verbergen, sondern stellen sie als höchste Weisheit dar und rühmen sich ihrer mit vielem Geschwätz. Nun gibt es aber keine Irrlehre, die nicht ein Körnchen Wahrheit enthält. Wahres und Falsches wird also nebeneinander in ein und derselben Erklärung oder Erzählung eines Mannes vorgetragen, als ob es sich in der Farbe am gleichen Leibe zeigen würde. Es deutet hin auf den Aussatz, der gleichsam mit der natürlichen und mit der aufgetragenen Farbe die Körper der Menschen verschiedenartig färbt und entstellt.“

Die Irrlehrer gleichen Aussätzigen

Es ist wahr, die Irrlehrer gleichen den Aussätzigen. Indem sie Wahrheit und Lüge vermengen, Wahres und Falsches nebeneinander in ein und derselben Erklärung oder Erzählung vorgetragen, erscheinen sie „gleichsam mit der natürlichen und mit der aufgetragenen Farbe die Körper der Menschen verschiedenartig gefärbt und entstellt“. Um dennoch die Menschen täuschen zu können, stellen sie ihre vielfältigen Irrtümer „als höchste Weisheit dar und rühmen sich ihrer mit vielem Geschwätz“.

Wie wir sehen können, beklagt schon der hl. Augustinus das Häretikergeschwätz. Ein wahrer Katholik darf sich von dem Wortschwall der Häretiker nicht beeindrucken lassen – egal ob es aus der progressiven oder der konservativ-traditionalistischen Ecke kommt. Sobald man nur genauer hinschaut, erkennt man es deutlich: „Wahres und Falsches wird von ihnen nebeneinander in ein und derselben Erklärung oder Erzählung eines Mannes vorgetragen, als ob es sich in der Farbe am gleichen Leibe zeigen würde.“ Mag der Wortschwall noch so groß sein, wird dennoch der Irrtum nicht geringer! Darum fordert der hl. Augustinus:

„Solche muß die Kirche von sich weisen. Sie sollen womöglich weit wegbleiben und mit lauter Stimme zu Christus rufen, so wie diese zehn Männer von ferne stehenblieben, ihre Stimme erhoben und riefen: Jesus, Meister, erbarme Dich unser! Daß sie ihn Meister nennen, einen Titel also, mit dem sonst soviel ich weiß, keiner zum Herrn gerufen hat, um Gesundheit des Leibes zu erlangen, auch das zeigt wohl zur Genüge, daß der Aussatz die falsche Lehre bezeichnet, von der ein guter Meister abhelfen kann.“

Irrlichter aus einer glaubenslosen Philosophie

Die wahre Kirche Jesu Christi, die die Säule und Grundfeste der Wahrheit ist (vgl. 1 Tim 3, 15), ist ohne Makel des Irrtums, weshalb sie alle Irrlehrer von sich weisen muß. Die Irrlehrer müssen weit wegbleiben, und nur insofern sie einsichtig und reumütig sind, können sie mit lauter Stimme zu Christus rufen: „Jesus, Meister, erbarme Dich unser!“ Dann wird ihnen unser Herr die Gnade der Bekehrung bzw. die Gnade der rechten Belehrung zuteilwerden lassen. Durch die Lehre des Meisters verschwinden die vielen Irrlichter und die göttliche Wahrheit unseres heiligen katholischen Glaubens tritt offen zutage.

Wir haben schon oft über solch modernistische Irrlichter gesprochen. Für jeden Katholiken ist dabei entscheidend einzusehen, diese Irrlichter gehen alle aus einer glaubenslosen Philosophie hervor. Sie sind also nur Folge einer grundsätzlichen Vor-Entscheidung. Wir wollen dies nochmals am Beispiel des Johannesevangeliums verdeutlichen.

Die Pseudo-Datierung des Johannesevangeliums

Wir haben schon gezeigt, die Modernisten verlegen die Abfassungszeit des Johannesevangeliums so spät wie nur irgend möglich. Der Grund dafür ist kein sachlicher, sondern er stammt aus ihrer Ideologie, daß am Anfang der Glaube der Christen noch ganz undeutlich war, weil man nicht so genau wußte, was man von diesem Jesus von Nazareth zu halten habe. Der „Glaube“ mußte erst noch Gründe dafür (er)finden, diesen Jesus von Nazareth als Sohn Gottes verehren zu können. Da im Johannesevangelium das Bekenntnis Jesu als Sohn Gottes nicht nur eindeutig, sondern in einer theologisch kaum mehr überbietbaren Form gemacht wird, mußte es schon sehr lange Zeit in Anspruch nehmen, bis die „Theologie“ soweit fortgeschritten war, daß sie so einen Text ermöglichte.

Geistesgeschichtliche „Evolution“…

Hierdurch wird deutlich, ein ebenfalls aus ihrer falschen Philosophie stammendes Grunddogma des Modernismus ist die Evolution. Alles entsteht immer aus primitiven Anfängen und braucht sodann lange Zeit, um sich höher zu entwickeln. Dieses im modernen Biologismus inzwischen fest installierte Dogma wendeten die Modernisten auch auf die Geistesgeschichte an. Dabei störte es die Modernisten genausowenig wie die falschen Philosophen, auf die sie sich beriefen, daß es in der Geistesgeschichte durchaus nicht evolutionistisch zugeht (ebenso wenig wie in der Biologie). Die Geistesgeschichte wird vielmehr geprägt durch Genies, durch Menschen mit außerordentlicher Begabung.

… im Gegensatz zu wahrer Gelehrsamkeit

Ganz besonders in unserer hl. Religion sind es die großen Gestalten der Kirchengeschichte, Gelehrte und Heilige, hll. Päpste und Bischöfe, die den Lauf der Geschichte prägen. Über allen aber stehen die Päpste mit ihrem unfehlbaren Lehramt und die von Gott inspirierten Schreiber der Heiligen Schrift. Diese Schreiber der hll. Bücher stehen insofern über allen anderen, weil sie Gott dazu auserwählt hat, durch sie Sein heiliges Wort an die Menschen ergehen zu lassen. Die Heilige Schrift verdient nur deswegen solche Ehrfurcht und ist nur deswegen unerschöpflich, weil sie Gott zum Urheber hat. Die wahren katholischen Gelehrten haben ihr ganzes Leben lang in der Heiligen Schrift gelesen und immer wieder Neues darin entdeckt. Wir führten oben das Beispiel des hl. Augustinus an, der den geistigen Sinn der 10 Aussätzigen deutete. Mit welchem Gedankenreichtum erklärt dieser geistige Gigant etwa die hll. Evangelien! Welche Zusammenhänge werden ihm faßbar! Aber auch alle anderen Kirchenväter, welche Verehrung schenkten sie der Heiligen Schrift, weil sie wahres Wort Gottes ist!

Die Texte der Heiligen Schrift sind selbstverständlich nicht mit rein natürlichen Erwägungen begreif- und erklärbar. Einem Ungläubigen verschließt sich deren göttlicher Sinn vollkommen. Für dieses dauernde Wunder – Gotteswort im Menschenwort – haben die Modernisten keinerlei Verständnis mehr, da ihnen der übernatürliche Glaube fehlt. Die Schrifterklärung eines Modernisten ist letztlich immer so gottlos und banal wie er selber – außer wenn er ein frommes Buch schreibt, dann ist sie schwärmerisch, esoterisch oder charismatisch usw., je nachdem wie seine irrgläubige Frömmigkeit es sich zusammenstrickt.

Die Echtheit und die Abfassungszeit des Johannesevangeliums

Was läßt sich nun über die Echtheit und die Abfassungszeit des Johannesevangeliums ohne modernistisches Vorurteil sagen? Über die Papyrusfunde haben wir schon gesprochen, wenden wir uns noch anderen Fakten zu. Als äußere Gründe sind u.a. zu nennen:

1. Die wahre und katholische Tradition war immer der Überzeugung, daß natürlich der Apostel Johannes der Verfasser dieses Evangeliums war.

Tertullian, geboren um 160, stellte das Johannesevangelium an die Seite des Matthäusevangeliums, weil, wie er sagte, diese beiden Evangelien von Aposteln stammten. Den apostolischen Charakter der Evangelien verdeutlichte Tertullian in folgender Erklärung:

„Wir betonen vor allem, daß die Botschaft des Evangeliums zurückgeht auf die Apostel, denen der Herr die Aufgabe übertragen hat, das Evangelium zu verkünden. Wenn aber die Verfasser Schüler der Apostel waren, dann haben sie das Evangelium nicht aus sich allein schreiben können, sondern nur in Verbindung mit den Aposteln und gemäß der Lehre der Apostel. Denn die Verkündigung durch die Schüler könnte als eitel verdächtigt werden, wenn sie nicht von der Autorität ihrer Meister getragen würde. So haben also von den Aposteln Johannes und Matthäus uns den Glauben überliefert, von den Schülern haben ihn Markus und Lukas dargestellt.“

(Gegen Marcion IV, 2)

Dieses Zeugnis führt also eindeutig das Johannes-Evangelium auf den Apostel Johannes zurück. Auch das Muratorische Fragment erklärt: „An vierter Stelle steht das Evangelium von Johannes, einem der Jünger.“ Damit ist zweifellos der Apostel Johannes gemeint; denn ihn nennt das Fragment an anderer Stelle „einen Augen- und Ohrenzeugen der Wunder des Herrn“.

Neben diese äußeren Zeugnisse, die sich selbstverständlich noch vermehren ließen, sei hier noch ein innerer Grund angeführt, durch den uns die Eigenart des Johannesevangeliums besser begreiflich wird. Der Apostel Johannes, der von Jesus Christus nicht nur auserwählt, sondern besonders geliebt wurde, erhielt selbstverständlich auch von seinem göttlichen Meister außerordentliche Gnaden, also Erleuchtungen über das Geheimnis der Menschwerdung und Erlösung. Der hl. Johannes war davon überzeugt, daß dieses Geheimnis so tief ist, daß, wollte „man das im einzelnen niederschreiben, so könnte, glaube ich, selbst die Welt die Bücher nicht fassen, die man schreiben müßte“ (Joh. 21, 25). Nun müßte doch jeder leicht einsehen, so eine Überzeugung kann nur aus der lebendigen, persönlichen Begegnung mit diesem Geheimnis hervorgehen, war doch der hl. Johannes Augen- und Ohrenzeuge dieses gottmenschlichen Lebens. Und selbst nach vielen Jahrzehnten spürt man noch sein Erschaudern, wenn man in seinem Evangelium etwa liest: „…wir haben Seine Herrlichkeit geschaut, eine Herrlichkeit als des Eingeborenen vom Vater, voll Gnade und Wahrheit“ (Joh 1, 14).

Das Zeugnis des Apostels Johannes

In seiner „Erklärung des Johannesevangeliums“ kommentiert Dr. M. Seifenberger obigen letzten Satz desselben so:

„Dieser Schlußvers enthält keineswegs eine Übertreibung. Johannes hebt hervor, daß sein Bericht und ebenso die andern Evangelien nicht etwa die ganze Tätigkeit und Lehre Jesu in sich fassen. Es könnte darüber noch viel mehr geschrieben werden. Da nämlich die Taten und Lehren Jesu von einer göttlichen Person ausgehen, so können sie gar nicht mit menschlichem Maßstabe gemessen, nicht mit menschlichem Verstande beurteilt, nicht mit menschlichem Griffel geschildert werden. Der heilige Geist hat aber aus dem überreichen Stoffe des Lebens des Gottmenschen durch mich und die andern Evangelisten eine Auswahl herbeigeführt, welche für den Unterricht der Christen genügt. Der Ausdruck Welt ist nicht wörtlich zu nehmen; es ist nur klar gemacht, daß eine unendliche Fülle von Wahrheit und Gnade im Leben des Erlösers enthalten sei, so daß es unmöglich ist, den ganzen Inhalt des Lebens Jesu zu erschöpfen.“

(Dr. M. Seifenberger, Erklärung des Johannesevangeliums, Verlagsanstalt vorm. G. J. Manz, Regensburg 1910, S. 309)

Jeder vernünftige Mensch muß nun aber zugeben, dieser Glaube hat nur dann einen Sinn und eine Berechtigung, wenn das wirklich so ist. D.h. nur wenn das Leben Jesu Christi tatsächlich so außerordentlich und heilig und wunderbar war, daß man daraus die Herrlichkeit Gottes herauslesen kann, jene Herrlichkeit, die Er seit Ewigkeit beim Vater sein Eigen nennt, sind die Worte des Johannesevangeliums wahr. Wenn nicht, sind sie vollendeter Wahnsinn!

Der Adler unter den Evangelisten

2. Die wahre und katholische Tradition nennt den hl. Apostel Johannes den Theologen.

Johannes war ein theologisches Genie. Unser göttlicher Lehrmeister, der doch auch der Schöpfer aller Dinge ist, hat ihm eine außerordentliche Begabung gegeben, die göttlichen Geheimnisse tiefer zu verstehen als andere und besser in Worte zu fassen. Der hl. Augustinus beschreibt ihn so:

„Unter den vier Evangelien oder vielmehr in den vier Büchern eines Evangeliums hat der hl. Apostel Johannes, welcher gemäß seiner geistigen Erkenntnis dem Adler verglichen wird, höher und weit erhabener als die anderen drei seine Verkündigung erhoben und in dieser Erhebung auch unsere Herzen erheben wollen. Denn die drei übrigen Evangelien sind gleichsam mit dem Gottmenschen auf der Erde gewandelt, und haben von seiner Gottheit wenig gesagt; dieser aber, gleichsam als verschmähte er es auf der Erde zu wandeln, hat sich erhoben, nicht nur über die Erde und über alle Himmel, sondern auch über das ganze Heer der Engel und alle Ordnungen der unsichtbaren Gewalten und ist zu dem gekommen, durch den alles gemacht ist, indem er spricht: Im Anfange war das Wort, und Gott war das Wort.“

Clemens von Alexandrien, geboren um 150 n. Chr., schrieb: „Als Johannes, der letzte von allen, erkannte, daß in den anderen Evangelien mehr die äußerlich-menschliche Seite dargestellt worden war, verfaßte er auf Bitten seiner Freunde und unter dem Beistand des Heiligen Geistes ein geistliches Evangelium (evangelion pneumatikon)“ (Euseb., Kirchen-Gesch. VI, 14). Der Bitte seiner Schüler gemäß, hebt er überall die höhere Natur Jesu Christi hervor und verteidigt seine wahre göttliche Natur gegen die schon auftretenden ersten Irrlehren.

Augen- und Ohrenzeuge

Hierzu noch ein weiterer Gedanke: Ist nicht eine Biographie über einen Menschen, die von einem Augen- und Ohrenzeugen geschrieben wurde, etwas ganz Besonderes, weil darin die erlebte Eigenart ganz anders beschrieben werden kann? Wenn jemand seinen Helden mehrere Jahre persönlich gekannt und bewundert hat, dann wird er ihn selbstverständlich in viel lebendigeren Farben schildern können als ein Fremder. Dementsprechend kann man sich durchaus fragen: Kann überhaupt jemand anderer als ein Augen- und Ohrenzeuge dieses Evangelium geschrieben haben? Ist es nicht eine vollkommene Verkennung dieses Evangeliums, wenn man es als eine bloße theologische Arbeit, ohne jeglichen geschichtlichen Wert abstempelt, wie es die Modernisten getan haben und immer noch tun? Führt nicht tatsächlich das Johannesevangelium am meisten an die Grenze zum unergründlichen Geheimnis des dreifaltigen Gottes, weil sich im hl. Johannes in ganz hervorragender Weise verwirklicht hat, was der hl. Paulus den Ephesern sehnlichst wünscht:

„Möge er euch nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit verleihen, daß ihr durch seinen Geist am innern Menschen mit Kraft gefestigt werdet, damit Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in Liebe festgewurzelt und gegründet seid. Dann werdet ihr mit allen Heiligen erfassen können die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe. Dann werdet ihr die Liebe Christi erkennen, die jede Erkenntnis weit überragt, und werdet übervoll von Gottes Fülle werden.“

(Eph 3, 16-19)

Sobald man all das nur einigermaßen erkannt hat, drängt sich einem die Frage auf: Schreibt überhaupt irgendjemand auf diese Weise, in diesem Stil des hl. Apostels Johannes bloße Theologie?

Die Überlieferung des hl. Irenäus

3. Nach der katholischen Tradition hat der Apostel Johannes sein Evangelium in Ephesus geschrieben.

Der hl. Bischof Irenäus von Lyon überliefert, daß Johannes „bis zur Zeit Trajans“ (Gegen die Här., II, 22,5) gelebt und in Ephesus sein Evangelium veröffentlicht hat. Irenäus, geboren um 130 nach Christus, schrieb um das Jahr 180: „Danach (d. h. nach Matthäus, Markus und Lukas) hat auch Johannes, der Jünger des Herrn, der an seiner Seite gelegen hatte (Joh. 13, 23), ebenfalls ein Evangelium herausgegeben während seines Aufenthaltes zu Ephesus in Asien“ (Gegen die Här., III, 1,1). Derselbe schreibt auch: „So hat er die evangelische Lehre begonnen: Im Anfang war das Wort…“ Da Irenäus noch persönliche Verbindung mit Polykarp, dem Bischof von Smyrna, einem Zeitgenossen des Apostels Johannes, hatte, ist natürlich sein Zeugnis besonders glaubwürdig. Polykarp starb als Märtyrer im Jahre 155. Er war 86 Jahre davor getauft worden. Irenäus schrieb über Polykarp:

„Ich könnte noch den Ort beschreiben, an dem der selige Polykarp zu sprechen pflegte, seinen Gang, seine Lebensart, seine Gestalt und sein Aussehen, die Reden, die er dem Volke hielt; wie er von seinem vertrauten Beisammensein mit Johannes erzählte und mit den anderen, welche den Herrn gesehen hatten, und wie er sich ihrer Worte erinnerte. Und was er von ihnen über den Herrn gehört hatte, über seine Wunder und seine Lehren; das alles erzählte Polykarp, so wie er es in Übereinstimmung mit der Schrift empfangen hatte von denen, die noch selbst als Augenzeugen das Leben des Logos gesehen hatten. Das alles habe ich dank dem mir zuteil gewordenen göttlichen Erbarmen mit Eifer gehört, ich habe es sorgfältig nicht dem Papier, sondern meinem Herzen eingeprägt und mich immer wieder mit Gottes Gnade getreu daran erinnert.“

Mit diesen eindringlichen Worten bezeugt Irenäus (in seinem Brief an Florinus, Euseb.: Kirchengesch. V, 20), daß Polykarp eine unmittelbare Verbindung zu Johannes hatte, dem Augenzeugen und Apostel des Herrn. Von Polykarp konnte Irenäus also persönlich erfahren, daß der Apostel sein Evangelium in Ephesus herausgegeben hatte. Dadurch ist die Zeugenkette bis zum Apostel Johannes lückenlos geschlossen.

4. Es ist einstimmiges Zeugnis des ganzen Altertums, daß Johannes unter allen Evangelisten zuletzt geschrieben hat.

Im römischen Martyrologium wird unter dem 27. Dezember neben mehreren anderen Heiligen der „Tod des heiligen Apostels und Evangelisten Johannes“ verzeichnet mit dem Zusatz: „Nachdem er das Evangelium niedergeschrieben und in der Verbannung die Geheime Offenbarung von Gott empfangen hatte, lebte er noch bis in die Zeit des Herrschers Trajan…“ Der hl. Augustinus etwa nimmt an, daß das Johannesevangelium zwischen 96 und 98 in Ephesus geschrieben wurde.

Die Zerstörung Jerusalems 70 nach Christus

Wir wollen nun noch auf ein inneres Kriterium zu sprechen kommen, das nicht nur ganz entschieden für die Echtheit des Johannesevangeliums spricht, sondern auch überraschende Einblicke in die Zuverlässigkeit des Berichteten gibt.

Was war – neben dem Leben unseren Herrn Jesus Christus! – das bedeutendste und einschneidendste Ereignis im Land Juda? Was hat alles so grundlegend verändert, daß danach nichts mehr so war wie vorher? Es war die Zerstörung Jerusalems und des Tempels durch Titus im Jahre 70! Durch einen der wichtigsten Geschichtsschreiber der damaligen Zeit, Flavius Josephus, haben wir genaue Kenntnis über diese gewaltige Tragödie. In seinem Buch „Der Jüdische Krieg“ (De Bello Judaico) berichtet er nämlich ausführlich von der Belagerung und dem Untergang Jerusalems. Flavius Josephus wurde 37 oder 38 n. Chr. in Jerusalem geboren. Er war Jude hochadliger Abstammung, hoch gebildet und Anhänger der Pharisäer. Von 66 bis 70 n. Chr. hatte er sich am Aufstand beteiligt, schlug sich schließlich aber auf die Seite der siegreichen Römer.

Der Jüdische Krieg

Man muß das damalige Geschehen schon etwas eingehender in Erinnerung rufen, will man dieses weltgeschichtliche Ereignis und seine weitreichenden Konsequenzen einigermaßen richtig beurteilen. Skizzieren wir also ein wenig diesen erbarmungslosen Krieg. Wir folgen dabei dem Text von Gerhard Kroll in seinem Buch „Auf den Spuren Jesu“, Verlag katholische Bibelwerk Stuttgart, S. 387 ff, mit Ergänzungen aus Flavius Josephus „Der Jüdische Krieg“.

„Die Belagerung begann mit den üblichen Formalitäten: Die Römer forderten die Stadt zur Übergabe auf, die Juden lehnten stolz und voller Hohn ab. Genau wie Nebukadnezzar rund 600 Jahre zuvor die Belagerung Jerusalems im Norden begonnen hatte, so eröffnete auch Titus seinen Angriff von dieser Seite. Die Gärten vor der Stadtmauer, die Olivenhaine und Obstbäume wurden niedergehauen und das ganze Gelände für die großen Belagerungsmaschinen planiert. Die Juden kämpften mit dem Mut der Verzweiflung. Dem ständigen Beschuß der Bogenschützen ausgesetzt, warfen die Verteidiger Feuerbrände auf die hölzernen Mauerbrecher und Belagerungsmaschinen und störten immer wieder die militärischen Absichten der Angreifer. Nach zwei Wochen gelang es aber den Römern, eine Bresche in die dritte Mauer zu schlagen. In der Vorstadt Bezeta tobte der Straßenkampf. Haus um Haus mußte erobert werden. An der nächsten Stadtmauer, hinter der die Juden eine neue Verteidigungslinie aufbauten, kam der Kampf vorläufig zum Stehen. Diese sogenannte zweite Stadtmauer lag nur 350 m vor der letzten Verteidigungslinie der Stadt, der »Davidsmauer«. Die zweite Stadtmauer begann beim Herodesschloß in der Nähe des Gartentores und lief dann im rechten Winkel auf die Burg Antonia zu. Aber schon nach fünf Tagen war auch die zweite Stadtmauer bezwungen, und die Römer standen vor der letzten Mauer. Vor den Augen der kampfgeschwächten Verteidiger und der ausgehungerten Bevölkerung veranstaltete Titus eine viertägige Truppenparade. Am Schluß dieser machtvollen Demonstration machte der Römer sein letztes Kapitulationsangebot. Die Juden lehnten ab. Bisher war es den Verteidigern noch möglich gewesen, sich durch geheime Zugänge und unterirdische Gänge vom Lande her mit Lebensmitteln versorgen zu lassen. Als Titus davon hörte, ließ er die ganze Stadt mit einem hohen Erdwall umgeben, der von den Legionären in der Rekordzeit von drei Tagen aufgeschüttet wurde.“

Die Belagerung Jerusalems durch die Römer – Ein schier unüberwindlicher Erdwall

„Ein wahrhaft dämonischer Eifer beseelte die Soldaten. Nachdem die Umwallungslinie festgelegt war, suchten nicht nur die Legionen, sondern sogar die einzelnen Kohorten und Zenturien im gleichen Legionsverband einander zu übertreffen; der Gemeine suchte dem Dekurio, der Dekurio dem Zenturio, der Zenturio dem Tribun aufzufallen; zwischen den Tribunen und Legaten war der gleiche Wetteifer entbrannt, und diesen Wetteifer belohnte der Cäsar, der selber oft am Tage die Arbeit besichtigen kam. Der Wall lief vom Lager der Assyrer [2 Kön 18,17], wo das Hauptquartier war, gegen die tiefer gelegene Neustadt, von dort über den Kidron zum Ölberg, umfaßte, nach Süden gewandt, den Berg bis zum Taubenschlagfelsen und die ihm benachbarte Höhe, die das Tal der Schiloachquelle überragt, und zog sich dann nach Westen in das Tal der Quelle hinein. Dann stieg der Wall wieder bergauf nach dem Grabmal des Hohenpriesters Hannas zu, umgab die Höhe, auf der des Pompeius Lager gestanden hatte, ging wieder nach Norden über den Erbsenhof, schloß dann das Grabmal des Herodes ein und gewann endlich am Hauptquartier Anschluß an seine Ausgangsstelle. Der Erdwall war 39 Stadien [ca. 8,2 km] lang; von außen waren ihm 13 Kastelle eingefügt. Das ganze Werk ward in drei Tagen vollendet – unglaublich schnell, da es die Arbeit von Monaten gefordert zu haben schien« (Jüd. Krieg V, 12, 1 ff.). Dieser Erdwall machte eine Flucht aus der Stadt fast unmöglich.“

Beim Evangelisten Lukas werden die Worte Jesu überliefert: „Denn es wird eine Zeit über dich kommen, da deine Feinde einen Wall gegen dich aufwerfen, dich ringsum einschließen und dich von allen Seiten bedrängen werden“ (Lk 19, 43). Josephus Flavius berichtet:

„Titus […] gab auch Anweisung, daß eine Reitereinheit die Juden auffangen sollte, die die Stadt verließen, um in den Abgründen ringsum nach Lebensmitteln zu suchen. […] Wurden sie ergriffen, dann verteidigten sie sich, wie es ihnen die Not eingab; denn wenn es bereits zu Kampfhandlungen gekommen war, dann schien es doch nicht mehr am Platz, um Milde zu flehen. So wurden sie dann gegeißelt und auf jede Art gequält, ehe man sie tötete, und zuletzt wurden sie im Angesicht der Mauer ans Kreuz geschlagen. […] Die Soldaten waren so wütend und haßerfüllt, daß sie ihre Opfer noch verspotteten und jeden in einer anderen Weise kreuzigten, und schließlich war gar kein Platz mehr vorhanden für die Kreuze, und auch die Kreuze reichten nicht mehr aus für die Menge an Körpern.“

Die Schlacht um den Tempel

Gerhard Kroll schildert weiter:

„Anfang Juli erstürmten die Römer die Burg Antonia. Der Kampf um das Tempelgelände begann, auf das sich Johannes von Gischala mit seinen todbereiten Männern zurückgezogen hatte. Aus der Schilderung der folgenden Kämpfe geht hervor, daß sich zwischen der Antonia und der Tempelhofmauer ein freies Gelände befand, das etwas niedriger als der eigentliche Tempelplatz lag und nach der Eroberung der Burg Niemandsland war. Fast einen ganzen Monat dauerte die Schlacht um den Tempel. Zuerst versuchte Titus, durch einen nächtlichen Angriff die Wachen am Tor des Tempelhofes zu überraschen. Er konnte nur eine kleine Truppe einsetzen, da der Raum nicht mehr faßte. Aber die jüdische Wache war auf der Hut und bemerkte das Vorhaben. Auf ihr Geschrei hin kam aus dem Tempelhof sofort Verstärkung herbei. Es entspann sich ein heftiger Kampf »auf einem engen Platz«, wo »kein Teil Raum hatte, weder zum Fliehen noch zum Verfolgen«. Nach acht Stunden wurde der Kampf abgebrochen; es war den Römern nicht gelungen, den Zugang zum Tempelhof zu erzwingen. So mußten sie zur Belagerung schreiten. Zunächst bahnten die römischen Legionäre einen breiten Zugang durch die Antonia zu dem Gelände, das unmittelbar vor der Tempelmauer lag. Während sie dann vier Wälle gegen die höher stehende Mauer des Tempelhofes aufwarfen, steckten sowohl die Verteidiger als auch die Angreifer die Verbindungshallen von der Antonia zum Tempel in Brand, dem dann die ganze Nordsäulenhalle bis an den Kidron zum Opfer fiel. Als die Wälle fertig waren, begannen die Mauerbrecher ihre Arbeit. Aber selbst die schwersten Belagerungsmaschinen versagten an den gewaltigen Quaderblöcken der Tempelfundamente. Darum befahl Titus, die silberbeschlagenen Außentore in Brand zu schießen.“

Der Bürgerkrieg in der Stadt

Währenddessen tobte in der Stadt ein Kampf zwischen den verschiedenen, unter sich verfeindeten Parteien. Wie Flavius Josephus schreibt, kannte man keinerlei Rücksicht mehr auf lebende Angehörige und die Toten begrub man nicht mehr: „Die Freunde des Friedens mordeten sie als gemeinsame Feinde, sodaß das Einzige, worin sie übereinstimmten, die Niedermetzelung derer war, die eine Rettung verdient hätten … keine Art von Grausamkeit ließen sie ungeschehen.“ Die Endphase des Kampfes beschreibt Josephus Flavius als Augenzeuge im 6. Buch des „Jüdischen Krieges“:

„Unterdessen hatten die Soldaten bereits Feuer an die Tore gelegt, und das überall schmelzende Silber eröffnete den Flammen den Zugang zu dem hölzernen Gebälk, von wo sie prasselnd hervorbrachen und die Hallen ergriffen. Als aber die Juden ringsum den Brand auflodern sahen, da entsank ihnen mit der Leibeskraft auch der Mut; vor lauter Schrecken getraute sich niemand, Widerstand zu leisten, sondern wie gelähmt standen sie da und sahen zu. So niederschlagend übrigens der Brand auf sie einwirkte, so dachten sie doch nicht im entferntesten daran, ihren Sinn zu ändern; vielmehr zeigten sie sich nur um so erbitterter gegen die Römer. Den ganzen Tag und die folgende Nacht hindurch wütete das Feuer; denn die Römer konnten die Hallen nur einzeln und nicht alle zugleich in Brand setzen.“

Kriegsrat um den Tempel

„Tags darauf beorderte Titus einen Teil des Heeres zum Löschen und ließ zugleich bei den Toren einen regelrechten Weg anlegen, um den Legionen den Aufstieg zu erleichtern. Dann beschied er die sechs vornehmsten Offiziere zu sich… und hielt mit ihnen allen Kriegsrat wegen des Tempels. Die einen meinten, man solle dem Kriegsrecht freien Lauf lassen; denn solange der Tempel, dieser Sammelpunkt aller Juden, noch stehe, würden sie niemals aufhören, an Empörung zu denken. Andere äußerten ihre Ansicht dahin, daß man, wenn die Juden den Tempel räumten und niemand mehr zu seiner Verteidigung das Schwert ziehe, ihn erhalten, wenn sie dagegen bei ihrem Widerstand beharrten, ihn verbrennen solle; denn dann sei er eben eine Festung und kein Tempel. Auch würden im letzteren Falle nicht die Römer sich einer Gottlosigkeit schuldig machen, sondern lediglich die, welche sie dazu genötigt hätten. Titus aber hielt dafür, man solle, selbst wenn die Juden vom Tempel herab sich wehren würden, seine Rache nicht an leblosen Dingen statt an Menschen auslassen und unter keinen Umständen ein so herrliches Bauwerk den Flammen preisgeben … Darauf entließ der Cäsar [Titus] die Versammlung und befahl den Offizieren, ihren Truppen Ruhe zu gönnen, damit sie in den kommenden Gefechten desto kräftiger losschlagen könnten; nur aus den Kohorten las er eine bestimmte Anzahl Leute aus, die den Weg durch die Trümmer bahnen und das Feuer löschen sollten. An jenem Tage wagten die Juden vor Ermattung und Bestürzung keinen Angriff; am folgenden aber sammelten sie ihre Streitkräfte und machten mit frischem Mut um die zweite Stunde durch das östliche Tor einen Ausfall gegen die Wachen des äußeren Tempelhofes. Diese setzten dem Angriff nachdrücklichen Widerstand entgegen, und indem sie sich vorn mit ihren Schilden deckten, standen sie dicht gedrängt wie eine Mauer. Der Cäsar jedoch, der von der Antonia aus zusah, kam den Seinigen mit einer auserlesenen Reiterschar zu Hilfe. Deren Angriff hielten die Juden nicht auf, sondern sie flohen, nachdem die Vordersten gefallen waren, größtenteils davon. Sobald die Römer abgezogen waren, machten die Juden kehrt und fielen ihnen in den Rücken; daraufhin wandten sich nun auch die Römer wieder um und schlugen ihre Gegner abermals in die Flucht, so daß um die fünfte Stunde des Tages alle überwältigt und in das Innere des Tempels eingeschlossen waren …“

Der Brand des Tempels

„Am folgenden Tage kam es zu einem Handgemenge zwischen der Besatzung des Tempels und denjenigen Mannschaften, die das Feuer in den Gebäuden des inneren Vorhofes löschen sollten [vgl. Abb. 100, S. 169]. Als nun die letzteren den zurückweichenden Juden nachsetzten und bis zum Tempelgebäude vorgedrungen waren, ergriff einer der Soldaten, ohne einen Befehl dazu abzuwarten oder die schweren Folgen seiner Tat zu bedenken, wie auf höheren Antrieb einen Feuerbrand und schleuderte ihn, von einem Kameraden em­porgehoben, durch das goldene Fenster, wo man von Norden her in die den Tempel umgebenden Gemächer eintrat, ins Innere. Sowie die Flammen aufloderten, erhoben die Juden, entsprechend der Größe des Unglücks, ein gewaltiges Geschrei und rannten, ohne der Gefahr zu achten oder ihre Kräfte zu schonen, von allen Seiten herbei, um dem Feuer zu wehren: denn es drohte unterzugehen, was sie bisher vor dem Äußersten zu bewahren gesucht hatten. Ein Eilbote meldete es dem Titus. Schnell sprang dieser von seinem Lager im Zelt, wo er eben vom Kampfe ausruhte, auf und lief, wie er war, zum Tempel hin, um dem Brande Einhalt zu tun – ihm nach die sämtlichen Offiziere und die durch den Wirrwarr erschreckten Legionen. Wie bei der ungeordneten Bewegung einer solchen Menschenmenge leicht erklärlich, entstand nun ein fürchterliches, mit betäubendem Lärm untermischtes Getümmel. Der Cäsar wollte durch Schreien und Handbewegungen den Kämpfenden zu verstehen geben, man solle löschen; sie aber hörten sein Rufen nicht, da es von dem noch lauteren Geschrei der anderen übertönt wurde, und die Zeichen, die er mit der Hand gab, beachteten sie nicht, weil sie teils von der Aufregung des Kampfes, teils von ihrer Erbitterung völlig eingenommen waren. Keine gütlichen Vorstellungen, keine Drohungen vermochten den stürmischen Andrang der Legionen aufzuhalten: die Wut allein führte das Kommando. An den Eingängen kam es zu einem so schrecklichen Gedränge, daß viele von ihren Kameraden zertreten wurden; viele auch gerieten auf die noch glühenden und rauchenden Trümmer der Hallen und teilten so das Schicksal der Besiegten. In die Nähe des Tempels gekommen, stellten sie sich, als hörten sie nicht einmal die Befehle des Feldherrn, und schrien ihren Vordermännern zu, sie sollten Feuer in den Tempel werfen. Die Empörer hatten übrigens die Hoffnung, den Brand noch eindämmen zu können, völlig aufgegeben; denn allenthalben wurden sie nie­dergemetzelt oder in die Flucht getrieben. Auch ganze Haufen von Bürgern, lauter schwache, wehrlose Opfer, fielen, wo der Feind sie traf, dem Schwert zum Opfer. Besonders um den Altar her türmten sich die Toten in Massen auf: stromweise floß das Blut an seinen Stufen, und dumpf rollten die Leichen derer, die oben auf ihm ermordet wurden, an seinen Wänden herunter. Als nun der Cäsar dem Ungestüm seiner wie rasend gewordenen Soldaten nicht mehr zu wehren vermochte und die Flammen immer weiter um sich griffen, betrat er mit den Offizieren das Allerheiligste und beschaute, was darin war. Alles fand er weit erhaben über den Ruf, den es bei den Fremden genoß, und ganz entsprechend der fast prahlerisch hohen Meinung, welche die Einheimischen davon hatten. Da übrigens das Feuer bis in die innersten Räume noch nicht vorgedrungen war, sondern nur erst die an den Tempel anstoßenden Ge­mächer verzehrte, glaubte er, und zwar mit Recht, das Werk selbst könne noch gerettet werden. Er sprang also hervor und suchte nicht nur persönlich die Soldaten zum Löschen anzuhalten, sondern befahl auch dem seiner Leibwache angehörenden Centurio Liberalis, die Widerspenstigen durch Stockschläge zu zwingen. Aber Erbitterung, Judenhaß und die allgemeine Kampfwut erwiesen sich stärker als die Rücksicht auf den Cäsar und die Furcht vor seiner Strafgewalt. Die meisten freilich feuerte die Aussicht auf Raub an, da sie der festen Überzeugung waren, es müsse, weil sie außen alles von Gold gefertigt sahen, das Innere erst recht von Schätzen aller Art strotzen. Während nun der Cäsar heraussprang, um die Soldaten zurückzuhalten, hatte schon einer von denen, die in das Innere eingedrungen waren, im Dunkel Feuer unter die Türangeln gelegt, und da jetzt auch von innen plötzlich die Flamme hervorschoß, zogen sich die Offiziere mit dem Cäsar zurück, und niemand gab sich mehr die Mühe, die außen um das Heiligtum streitenden Soldaten von weiterer Brandlegung abzuhalten. Auf diese Weise ging der Tempel gegen den Willen des Titus in Flammen auf.“

(Jüd. Krieg VI, 4,1-7)

Die völlige Erfüllung der Voraussage Jesu

Diejenigen Bewohner, die aufgrund der monatelangen Belagerung Jerusalems nicht bereits den Hungertod gestorben oder in den Kämpfen umgekommen waren, hatten sich in die ringsum abschüssige Oberstadt in drei mächtige Türme zurückgezogen. Nach Flavius Josephus war es am Ende auch noch etwas Glück, das den Römern half, die demoralisierten Juden endgültig zu besiegen:

„Sie stiegen freiwillig von den Türmen herab, wo sie niemals durch Gewalt, sondern allein durch den Hunger hätten bezwungen werden können… Denn die drei Türme… waren jeder für sich stärker als die römischen Belagerungsmaschinen… Als Titus später die restliche Stadt vollends zerstörte und die Mauern niederriß, ließ er die Türme als Wahrzeichen seines Glücks stehen, mit dessen Hilfe er bezwang, was uneinnehmbar war.“

Beim Evangelisten Markus wird die Prophezeiung Jesu überliefert: „Als Jesus aus dem Tempel hinausging, sagte einer der Jünger zu ihm: Meister, sieh, was für Steinblöcke und was für Bauten! Jesus entgegnete ihm: Siehst du diese mächtigen Bauten? Kein Stein wird auf dem andern bleiben, der nicht niedergerissen wird“ (Mk 13, 1 f). Flavius Josephus endet seinen Bericht über die Zerstörung Jerusalems folgendermaßen: „Dies war das Ende der prächtigen, weltberühmten Stadt Jerusalem infolge des Wahnsinns der Fanatiker.“

Das Ende der Tempel-Opfer und des jüdischen Staates

Mit der Stadt und dem Tempel wurden zudem die religiösen Einrichtungen des Judentums zerstört – das Tempel-Opfer endete für immer. Hohepriester und Pharisäer verschwanden ebenso wie Zeloten und Essener. Die Zukunft der mosaischen Religion sollte in den Händen der Rabbiner liegen. Auf der jüdischen Internetseite hagalil.com/ liest man:

„Ein von national-religiösen Eiferern angeführter Aufstand gegen die römische Besatzung führte im Jahr 70 allg. Z. zu einer der grössten Katastrophen der gesamten jüdischen Geschichte. Der Zweite Tempel, der unter den Römern sogar noch deutlich ausgebaut und ausgeschmückt worden war, wurde völlig zerstört, der Tempeldienst, der bis dahin fast unbehelligt fortgeführt werden konnte, wurde für immer eingestellt. Die Hauptstadt Jerusalem wurde bis auf die Grundmauern geschliffen und der jüdische Staat, bis dahin ein Königreich im Rahmen des Römischen Reichs, wurde aufgelöst…“

Über die Opfer dieses grausamen Krieges schreibt Flavius Josephus:

„Im Ganzen waren in diesem Kriege 97.000 Juden in die Gefangenschaft geraten, während 1.100.000 im Verlauf der Belagerung ihr Leben lassen mußten. Die Mehrzahl davon waren der Herkunft nach Juden, doch stammten sie zumeist nicht aus Jerusalem. Anläßlich des Festes der ungesäuerten Brote waren nämlich die Menschen aus dem ganzen Lande in die Hauptstadt gekommen, und weil sie hier jählings vom Krieg überrascht wurden, war es nicht zu vermeiden, daß bei den eng zusammengedrängten Volksmassen die Pest ausbrach, zu der sich später noch der Hunger als das noch größere Übel gesellte.“

Der Beginn der jüdischen Diaspora

Eine weitere Folge dieses Aufstandes der Juden gegen die Römer war deren Vertreibung aus dem Land und die Zerstreuung in viele andere Länder.

Das Schweigen der Evangelien über diese weltgeschichtliche Katastrophe und die Präzision der Ortsangaben im Johannesevangelium

Sobald man sich diese Katastrophe nur einigermaßen realistisch vergegenwärtigt, begreift man auch die weitreichenden Folgen. Der Tempel wurde zerstört, der alttestamentliche Opferdienst hörte auf und die ganze Stadt Jerusalem wurde bis auf die Grundmauern geschliffen. Das alte Jerusalem ist damit untergegangen und konnte nie mehr so wiederhergestellt werden, wie es damals war. So gesehen war es ein weltgeschichtliches Ereignis, das sogar bis heute nachwirkt.

Gerade diese Tatsache ist auch für uns interessant, denn die Evangelien sprechen mit keinem Wort von dieser Katastrophe. Ganz im Gegenteil, sie gehen einfach davon aus, daß jeder zur Zeit der Abfassung ihre Schriften lebende Jude genau verstehen kann, wovon gesprochen wird. Dabei wußte nach dem Jahr 70 sicherlich sehr bald niemand mehr so recht, wo dieser oder jener Ort der Stadt genau gelegen war, den die Evangelisten so selbstverständlich angeben – so als könnte jeder, wenn er nur wollte, jederzeit hingehen, nachschauen und das Gesagte überprüfen.

Dasselbe Phänomen gilt auch für das Johannesevangelium. Wenngleich es wohl nach dem Jahr 70 abgefaßt worden ist, stehen dem Verfasser die Verhältnisse vor der Zerstörung so lebendig vor Augen, daß er sie aus eigener Erfahrung genau gekannt haben muß. Wenn man es nüchtern erwägt, so muß man sich angesichts der modernistischen Phantastereien nur verwundert fragen: Wie kann ein vernünftiger Mensch auf die Idee kommen, dieses wäre erst Ende des 2. Jahrhunderts geschrieben worden? Zu dieser Zeit wären ganz sicher all die genauen Ortsangaben unmöglich gewesen, weil diese so gar nicht mehr existierten, wurde doch Jerusalem durch die Römer tatsächlich dem Erdboden gleich gemacht. Michael Hesemann bemüht sich in seinem Buch „Die Jesus-Tafel“ aufzuzeigen, daß der Schreiber des Johannesevangeliums Augenzeuge dessen gewesen sein muß, was er beschreibt:

„Mehr als das spricht auch das eindeutige Jerusalemer Lokalkolorit für eine Entstehung vor der Zerstörung der Stadt im Jahre 70. Die große Präzision, mit der der Evangelist angibt, wo Jesus was gesagt und getan hat, läßt sich dadurch erklären, daß er selber dabei war. Nur einige Beispiele: ‚In Jerusalem gibt es beim Schaftor einen Teich, zu dem fünf Säulenhallen gehören; dieser Teich heißt hebräisch Betesda. In diesen Hallen lagen viele Kranke, darunter Blinde, Lahme und Ausgezehrte‘ (5,2f) – ‚Diese Worte sprach er bei der Schatzkammer, als er im Tempel lehrte‘ (8,20) – ‚Geh und wasch dich in dem Teich Schiloach‘ (9,7) – ‚Jesus ging im Tempel in der Halle Salomos umher‘ (10,23) – ‚Betanien war nahe bei Jerusalem, etwa fünfzehn Stadien entfernt‘ (11,18) – ‚ging Jesus mit seinen Jüngern … auf die andere Seite des Baches Kidron; dort war ein Garten‘ (18,1) – ‚er setzte sich auf den Richterstuhl an dem Platz, der Lithostrotos, auf hebräisch Gabbata, heißt‘ (19,13) – ‚Platz, der Schädel genannt wird; auf hebräisch heißt er Golgota‘ (19,17). So farbig berichtet kein Theologe, sondern ein Augenzeuge. Wäre das Evangelium tatsächlich Anfang des 2. Jahrhunderts und unabhängig von Johannes entstanden, ‚wäre schwer erklärlich, wie historische, topographische und sonstige Begleitumstände so zahlreich ins 4. Evangelium hätten eingehen können … Zudem waren manche der Angaben zur Topographie des Wirkens Jesu in Jerusalem nach dem Jahre 70 überhaupt nicht mehr anders als von Zeitzeugen der Jahre vor 70 zu erbringen.‘ Das vierte Evangelium spielt nicht in einem mythischen Jerusalem, sondern an präzise beschriebenen Orten und Stätten, die der Evangelist kannte und deren Kenntnis er beim Leser teilweise voraussetzt. Die Genauigkeit seiner Schilderungen konnten durch archäologische Ausgrabungen verifiziert werden, so etwa seine Beschreibung des Betesda-Teiches und des Phänomens des ‚aufwallenden Wassers‘.“

(Michael Hesemann, Die Jesus-Tafel, Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 1999, S. 305 f)

Weitere Zeugnisse für die Abfassung des Johannesevangeliums durch einen Augenzeugen

Jedem unvoreingenommen Leser müßte das spontan einleuchten: Nur ein Augenzeuge der damaligen Geschehnisse kann nach dem Jahre 70 so detailliert über die verschiedenen Örtlichkeiten in Jerusalem berichten. Ein „Theologe“ im modernistischen Sinne, der erst mindestens ein Jahrhundert später alles nur frei erfindet, weil er damit seinen Glauben zum Ausdruck bringen möchte, hätte Mitte des 2. Jahrhunderts kaum noch die Möglichkeit, die Ortsangaben so detailtreu zu rekonstruieren. Ganz anders der hl. Apostel Johannes, von dem Michael Hesemann noch weitere Detail hervorzuheben weiß, die sein Urteil noch erhärten:

„Eine solche Präzision und Ortskenntnis finden wir im vierten Evangelium nicht nur für Jerusalem, sondern auch für andere Stationen auf Jesu Wanderungen: ‚So kam er zu einem samaritischen Ort, der Sychar hieß und nahe bei dem Feld lag, das Jakob seinem Sohn Josef gegeben hatte. Dort war der Jakobsbrunnen. Jesus war ermüdet von der Wanderung und ließ sich darum am Brunnen nieder; es war um die sechste Stunde‘ (4,5f). Der Verfasser des vierten Evangeliums wußte genau, wann Jesus wo was tat. Das legt den Schluß nahe, daß er stets dabei war. Er muß einer der Zwölf gewesen sein, wie er selbst ausdrücklich betont: ‚Er, der es gesehen hat, hat es bezeugt, und sein Zeugnis ist zuverlässig, und er weiß, daß er die Wahrheit sagt, damit auch ihr glaubt‘ (19,35) – ‚Das ist der Jünger, der von diesem Geschehen Zeugnis ablegt und der dies geschrieben hat, und wir wissen, daß sein Zeugnis wahr ist‘ (21,24). Er hat sogar Insiderwissen über die Verhaftung Jesu, das wir sonst nirgendwo finden. So enthüllt er nicht nur das peinliche Detail, daß es Petrus war, der dem Diener des Hohepriesters das Ohr abschlug – bei den Synoptikern war es bloß ‚einer von den Begleitern Jesu‘ (Mt 26,51), sondern nennt auch den Namen des Opfers, nämlich ‚Malchus‘ (Joh 18,10). Dieser Name ist als Eigenname öfter bei Josephus belegt, und fast immer sind seine Träger nabatäische Araber. Zudem ist Johannes der einzige, der das Paschafest des Jahres 30 historisch korrekt auf einen Sabbat legt, mit der Kreuzigung Jesu am ‚Rüsttag‘ oder Freitag und dem letzten Abendmahl eben nicht in der Paschanacht, sondern am Donnerstag. Damit löst er die scheinbaren Widersprüche der synoptischen Chronologie logisch auf. Auch von der Passion enthüllt uns der vierte Evangelist entscheidende Details, die teilweise archäologisch verifiziert werden konnten, und die seine Augenzeugenschaft bestätigen: 1. das Würfeln um die Kleider Jesu 2. das Sterben mit geneigtem Haupt, das durch die Diagnose der Todesursache (und das Turiner Grabtuch, vgl. Anhang) bestätigt wird 3. den Brauch des ‘Brechens der Beine’, der durch den Skelettfund von Giv’at ha-Mivtar bestätigt wird 4. den Lanzenstich in die Seite und das Herausfließen von Blut und Wasser, bestätigt durch die medizinische Rekonstruktion der Todesursache (vgl. auch Turiner Grabtuch) 5. die Benutzung von Aloe und Myrrhe bei der Bestattung Jesu, bestätigt durch den zeitgenössischen archäologischen Befund bei jüdischen Gräbern (vgl. auch Turiner Grabtuch) 6. die Kreuzigung mit Nägeln, bestätigt durch Giv’at ha-Mivtar (vgl. auch Turiner Grabtuch). Intime Details von dem Vorgehen der Sanhedrinmitglieder [Mitglieder des Hohen Rates] gegen Jesus erfuhr die Jüngergemeinschaft möglicherweise aus eben jenen Quellen, die das vierte Evangelium beim Namen nennt: den Ratsmitgliedern Nikodemus und Josef von Arimathäa. Vielleicht war es zwei so respektierten ‚Stadträten‘ sogar möglich, Einblick in die Prozeßakten des Pilatus mit den Verhörprotokollen Jesu zu nehmen.“

(Ebd. S. 306 f)

Es gibt also eine Fülle von Indizien, die das Johannesevangelium als Text eines Augenzeugen des Lebens und Leidens und Sterbens und Auferstehens Jesu erweisen. Und in der Tat ist das auch der einzige Grund, der das so rasche Entstehen des Christentums und dessen Vorbereitung erklären kann. Michael Hesemann wenigstens ist sich sicher:

„Nichts spricht gegen eine Identifikation des Verfassers mit Johannes, dem Sohn des wohlhabenden Fischers Zebedäus. Wenn wir am Ende seines Evangeliums lesen, daß die Jünger exakt 153 Fische fingen (Joh 21,11), so sieht zumindest Thiede darin die Routine des Fischers widergespiegelt, bei dem Zählen, Sortieren und schnelles Verkaufen zum Alltag gehören. Zudem verwendet Johannes für Fisch hier nicht das allgemeine griechische Wort ‚ichthys‘, wie die Synoptiker, sondern ‚opsárion‘, einen Begriff aus der Sprache der Fischhändler.“

(Ebd. S. 307)

Es ist einfach eine Tatsache, je intensiver man sich mit den Details des Johannesevangeliums befaßt, desto klarer wird die Einsicht, dieser Johannes war bei all dem, was er uns berichtet, selber dabei. Und was für ein aufmerksamer Beobachter und Zuhörer war dieser Johannes, einer der Donnersöhne, wie Jesus die Brüder nannte. Mit seiner ganzen so überaus begeisterungsfähigen Seele ist er Jesus nachgefolgt. Und Jesus hat ihn so geliebt, daß Er ihm unter dem Kreuz das Kostbarste anvertraute, was Er auf dieser Welt hatte, Seine heiligste Mutter. Origenes gewinnt daher die Überzeugung: „Wir wagen es also, zu sagen, daß aller heiligen Schriften Erstling das Evangelium ist. Der Evangelien Erstling aber das von Johannes. Dessen Sinn aber vermag nur der zu erfassen, der auch gelegen ist am Herzen Jesu und von Jesus Maria empfangen hat, daß sie auch ihm Mutter sei“ (Origenis Commentarii in Evangelium secundum Joannem, tom. I, n. 6 (MG 14, 32)).

Das Wort vom Logos

Wir beenden unsere Gedanken mit dem Schlußwort aus Josef Dillersbergers Buch „Das Wort vom Logos“, in dem es u.a. heißt:

„Das Wort über den Logos ist hiemit zu Ende. Aber es braucht nicht viel Aufmerksamkeit, um zu sehen, daß dieses Ende nun erst der Anfang ist. Denn wozu wohl stünde das letzte Wort so breit und nachdrücklich da: exegesalo — er hat erzählt, er hat geredet. Ist’s nicht aller Verheißungen voll, trägt es nicht alle Spannung in die Seele, richtet sich nicht alles in uns auf in überseliger Freude? Jener — der da der Logos heißt, das Wort —, der hat geredet! Es ist nicht so, daß ein Mensch oder ein zweiter von ihm künden und sagen — Johannes, der Zeuge, und Johannes, der schreibt. Nicht ist das so wie bei tausend anderen vor ihnen, die auch zu stammeln versuchten von einem Logos, durch den das All gebildet worden sei — aber sie redeten das bloß so, sie wußten nichts. Sie hatten sich das nur so gedacht. Der aber, der da schreibt, war anders und anders war Johannes, der Zeuge. Der Zeuge wies mit dem Finger auf ihn! Der Schreiber hatte ‘gesehen’ und geschaut, ‘getastet und gehört’. Ihr Wort über das Wort war also viel mehr als alle Bücher der Welt, in denen bisher von einem Logos die Rede ging. Denn über alle andere Sage ging die sichere Kunde, daß er da war, ‘unter uns’, daß man sein Angesicht gekannt und ihn gehört. Denn er erzählte ja, ‘er hat geredet’! Wie ganz anders muß es sein gegen alle Wörtlein, gegen alles Stammeln und Stottern der Menschen — dieses Wort zu hören, das Wort vom Worte selber, das da aus seinem Munde kommt! Muß es nicht alles andere Reden übertönen, durch seine kristallene Klarheit, durch seine helle Schärfe sich ausweisend als das Wort, das nur von dem sein kann, der schon von Ewigkeit her das Wort ist, der da redet — ‘zu Gott’. Und muß es nicht sein, wenn es hervorgeht aus seinem Munde, wie ein schneidiges Schwert, auf beiden Seiten schneidend, daß er mit ihm schlage die Völker? Muß es nicht ertönen wie die Stimme vieler Wasser und der Hall vieler Donner? Muß es nicht sein lebendig und mächtig und schneidend über jedes zweischneidige Schwert und durchdringend bis zur Scheidung von Seele und Geist und Mark und Bein? Und muß es nicht alle Schönheit und Anmut der Menschenrede auch übertreffen und uns aufjauchzen machen vor Entzücken und Wonne, ihn, das Wort selber zu hören?“