Modernistengeschwätz II.

Wie wir im ersten Teil unserer Arbeit gezeigt haben, ist der Umgang der Modernisten mit der Heiligen Schrift symptomatisch, er zeigt nämlich deren aus einer falschen Philosophie stammenden Unglauben, aufgrund dessen aus dem Wort Gottes ein bloßes Menschenwort wird. Der Modernist geht nicht als Glaubender an die Heilige Schrift heran, sondern als Zweifelnder. Sein ungläubiger Zweifel teilt die Texte der Heiligen Schrift in einen geschichtlichen Kern und allein dem Glauben geschuldete Zutaten ein. Je glaubensdurchdrungener ein Text ist, desto ungeschichtlicher ist er in den Augen der Modernisten.



Dieser Vorwurf trifft natürlich besonders die Schriften des Neuen Testamentes und darunter wiederum die vier hll. Evangelien. Wir haben schon die Klage des hl. Pius X. in seiner Enzyklika Pascendi gehört, daß die Modernisten durchweg ganz unbedenklich behaupten, die meisten Schriften, besonders der Pentateuch und die drei ersten Evangelien, seien allmählich aus einem kurzen ursprünglichen Bericht entstanden und durch Zusätze, erklärende theologische oder allegorische Glossen oder auch durch einfache Bindeglieder zwischen den verschiedenen Teilen von einem meist unbekannten Autor – oder auch mehreren Autoren – zusammengefügt worden, weshalb man die heiligen Schriften niemals denjenigen zuschreiben dürfe, deren Namen sie tragen.

Die „formgeschichtliche Methode“

Wir haben auch schon von den zahlreichen persönlichen Erfahrungen des Schriftstellers C.S. Lewis mit den Kritikern seiner eigenen Bücher gehört und daß deren formgeschichtliche Bemerkungen nachweislich immer falsch waren. Also nicht die Heilige Schrift, sondern vielmehr die sog. formgeschichtliche Methode ist ein Märchen, in dem jeder „Fachmann“ seine Phantastereien frei ausleben kann. Während man jedoch im Bereich der weltlichen Literatur im Urteil schon lange wieder viel vorsichtiger geworden ist, ist die formgeschichtliche Methode in der Theologie immer noch unangefochtenes modernistisches Dogma.

Das wird vor allem am Johannesevangelium deutlich, das „als Ganzes nach ihnen nichts anderes als fromme Erwägung“ ist, wie Pius X. feststellt. Im Johannesevangelium findet sich nämlich zu viel Theologie und da nach den Modernisten der geschichtliche Jesus ein ganz normaler Jude wie jeder andere war, brauchte es natürlich sehr lange Zeit, bis eine solch ausgereifte theologische Schau möglich war. Darum haben die Modernisten zunächst das Johannesevangelium gegen Ende des zweiten Jahrhunderts datiert, denn ungefähr so lange hätte es nach ihren irrigen Vorstellungen gedauert, bis so ein theologisch anspruchsvoller Text fertiggestellt worden wäre. Also erst über 150 Jahre nach dem Tod Jesu wären die Christen nach ihnen so weit gewesen, einen solchen Text, mit einem so klaren Bekenntnis der Gottheit Jesu und einer so ausgereiften Dreifaltigkeitstheologie zu schreiben.

Wie aus einem Autor viele werden

In seinem Buch „Insprirationsverständnis im Wandel“ beschreibt Helmut Gabel das Grunddogma der Modernisten so:

„Die meisten biblischen Bücher haben einen langen Entstehungsprozeß hinter sich, der sich von der Formulierung mündlicher Traditionen über erste schriftliche Fixierungen und deren wiederholte Überarbeitung bis hin zu einer oftmals sehr späten Endredaktion erstreckt. Übernommenes Material wurde in neue Sinnzusammenhänge eingefügt; alte Traditionen wurden auf neue Situationen angewandt und so in neuer Weise interpretiert. ‚So ist an die Stelle des kleinen Gremiums wohlbekannter Hagiographen eine zahlreichere, namenlosere, im Dämmer des fernen Altertums oft kaum noch Konturen annehmende Schar von vielen getreten, die alle je als einzelne mitgewirkt haben an unseren heiligen Büchern.’“

(Helmut Gabel, Insprirationsverständnis im Wandel, Matthias-Grünewald-Verlag. Mainz 1991, S. 81; Hervorhebung vom Verf.)

Es gibt sicherlich relativ wenige bedeutende Bücher in der Weltgeschichte, die von einem Kollektiv geschrieben worden sind – heutzutage sind das höchstens Sammelwerke oder irgendwelche Jubiläumsausgaben. Normalerweise werden nämlich Bücher von einem einzigen Autor geschrieben – nur die Bücher der Heiligen Schrift nicht! Wie seltsam, hier war gemäß dem Dogma der Modernisten bei jedem Buch nicht nur ein Team am Werk, sondern gleich ein ganzes Heer von Autoren, die z.T. über Jahrhunderte über den Büchern gewerkelt haben.

Wie schon angesprochen, hat man diese Theorie im Bereich der profanen Literatur weitgehend wieder fallen lassen, weil sie mit der Realität nicht übereinstimmt. In der profanen Wissenschaft ist es durchaus wieder möglich, Homer als Autor seiner Bücher anzunehmen, wohingegen die Theologiestudenten sich immer noch durch einen dichten Wald von unbekannten Autoren quälen müssen, wenn sie über ein Buch der Heiligen Schrift reden wollen.

Obwohl die Modernisten so tun, als seien die „Spuren dieser Entwicklung … so deutlich, daß man fast deren Geschichte schreiben könnte, wie Pius X. hervorhob, kommen die gelehrten Herren überraschenderweise doch ganz selten zu einer auch nur einigermaßen übereinstimmenden Meinung. Sind also die Spuren doch nicht so deutlich wie behauptet? Oder ist womöglich das wissenschaftliche Rüstzeug sogar untauglich zu einer klaren Erkenntnis über den wahren Ursprung der biblischen Bücher? Woher das Durcheinander und Gegeneinander der Meinungen? Letztlich hat jeder modernistische Exeget seine eigenen entscheidenden, heilsrelevanten Fragen und Antworten, die er in die Texte der Heiligen Schrift hineinliest und nach denen er deren Entstehungsgeschichte nachkonstruiert. Georg May weist darauf hin:

„Wer überzeugt ist, in den Evangelien lägen die echten Worte Jesu vor, den belehren die progressistischen Exegeten eines anderen. Nach ihrer Ansicht steht grundsätzlich jedes Wort, das Jesus in den Evangelien zugeschrieben wird, unter dem Verdacht, unecht zu sein, und seine Echtheit muß bewiesen werden, selbstverständlich nach den von diesen Herren aufgestellten Maßstäben. Das Hauptprinzip dieser Exegese läßt sich etwa wie folgt formulieren: Was christologisch und ekklesiologisch harmlos ist, kann der irdische Jesus gesagt haben; was theologisch gewichtig ist, ist ihm später in den Mund gelegt worden. Es wird nach der progressistischen Exegese nicht mehr viele Worte geben, die Jesus tatsächlich zu seinen irdischen Lebzeiten, also vor seinem Tode und seiner Auferstehung, gesprochen hat.“

(Prof. Dr. Georg May, Der Glaube in der nachkonziliaren Kirche, Mediatrix-Verlag, Wien 1983, S. 83)

Viele Ausleger mit ganz unterschiedlichen Interpretationen

Und ein solch unsinniges Vorurteil nennt man dann Wissenschaft! Der hl. Pius X. stellt bei so viel Unvernunft fast etwas resignierend fest: „Wie kompetent ihr Urteil bei diesem Verfahren ist, das mag abschätzen, wer will.“ Es ist wahr, bei einem solch wirren Verfahren können auch nur wirre Ergebnisse erwartet werden, was wiederum Prof. Georg May kurz dokumentiert:

„Ich erinnere an die Selbstwiderlegungen fast aller Aussagen von Auslegern des Neuen Testamentes. Es dürfte kaum eine einzige Erklärung einer Stelle geben, der nicht abweichende, ja entgegengesetzte Interpretationen an die Seite gestellt werden könnten. Dafür zwei Beispiele: Ludger Schenke sieht in Mk 14, 22-24 nicht den ursprünglichsten Abendmahlsbericht, sondern eine christlich-hellenistische Kultanamnese1. Für Rudolf Pesch ist dagegen dieser Text historisch, es liegt nach ihm gerade keine Kultätiologie vor2. Während Heinz Schürmann in Lk 22, 15-18 einen ‚uralten Bericht vom letzten Mahl Jesu‘ findet3, ist dieser Text nach Josef Blank ‚eine Bildung des Evangelisten, die das Ende der Jesuszeit und der Tischgemeinschaft mit dem irdischen Jesus und den Anfang der Zeit der Kirche, für die das eucharistische Mahl gestiftet wird, noch einmal deutlich markieren soll’4. Gegensätze und Widersprüche relativieren die sogenannten Ergebnisse der progressistischen Exegeten. Die Bedeutung ihrer angeblichen Entdeckungen ist gering, in zahlreichen Fällen unbeachtlich. Die Erklärungsversuche zeigen eine beinahe unübersehbare Vielfältigkeit, ja Widersprüchlichkeit. Sie werden zwar jeweils eine Zeitlang als „Ergebnis der Wissenschaft“ mehr oder weniger allgemein akzeptiert. Aber nach einiger Zeit wird der nie ganz verstummte Widerspruch stärker und verdichtet sich seinerseits wieder zu einem andersartigen ‚Ergebnis der Wissenschaft’.“

(Ebd. S. 57 f.)

Die Wissenschaft der Eintagsfliegen

Die moderne Theologie ist die Wissenschaft der Eintagsfliegen. Man kann es kaum fassen, daß diese „Wissenschaft“ nach so vielen Jahren überhaupt noch von irgendjemandem ernst genommen wird. Aber das liegt wohl an der Arroganz des modernistischen Systems, wie man es wohl am besten ausdrückt. Der Modernismus gibt sich als das non plus ultra jeglicher theologischen Forschung aus. Deswegen ist der Modernist gezwungen, immer neue Sensationen zu liefern, sonst ist sein Stern am Himmel des Modernismus schnell erloschen. „Sensation erheischen“ heißt aber nichts anderes als immer neue Widersprüche in der Heiligen Schrift entdecken und sodann immer neue Zweifel an der Wahrheit und Göttlichkeit der Heiligen Schrift formulieren.

Die Vorherrschaft der Irrenden

Der hl. Papst Pius X. kann es kaum fassen, weshalb er bemerkt:

„Wer aber ihre Behauptungen bei ihren Arbeiten über die heiligen Bücher hört, bei denen sie soviel Unstimmigkeiten in der Bibel nachgewiesen haben wollen, der möchte fast glauben, daß vor ihnen kein Mensch sich mit diesen Büchern beschäftigt habe, und daß nicht eine fast unbegrenzte Menge von Gelehrten sie nach allen Seiten durchforscht habe, an Geist, Bildung, und Heiligkeit des Lebens viel vortrefflicher als sie. Diese hochweisen Gelehrten haben die Heilige Schrift in keiner Weise beanstandet, im Gegenteil, je tiefer ihr Forschen drang, desto mehr dankten sie Gott, daß er sich herabließ, so mit den Menschen zu reden. Freilich, o weh, Unsere Gelehrten arbeiteten nicht mit denselben Hilfsmitteln wie die Modernisten! Sie hatten nicht zum Lehrer und Führer die Philosophie, die mit der Leugnung Gottes anhebt, und sie wählten sich nicht selbst die Urteilsnorm! – So, glauben Wir, ist die Geschichtsmethode der Modernisten klar: Der Philosoph geht voran, der Historiker löst ihn ab, dann kommen der Reihe nach die innere und die Textkritik. Und sofern die erste Ursache ihre Kraft allem Folgenden mitteilt, ist offenbar diese Art Kritik nicht eine beliebige, sondern – so nennt man sie mit Recht – die agnostische, immanente, evolutionistische. Wer sie daher anwendet und sich zu ihr bekennt, wird Bekenner der in ihr enthaltenden Irrtümer und Feind der katholischen Lehre. Deshalb möchte es wunderbar erscheinen, daß bei Katholiken diese Art Kritik heut so sehr blüht. Es hat einen doppelte Ursache: zuerst den engen Verband zwischen Historikern und Kritikern dieser Art, unter Zurückschiebung der Verschiedenheit von Nation und Religion; dann die Frechheit, mit der ein Fündlein eines unter ihnen von den übrigen austrompetet und als Fortschritt der Wissenschaft gepriesen wird, bzw. ein unbefangener Beurteiler des ‚Wundertiers‘ in geschlossener Phalanx angegriffen wird. Wer leugnet, ist ihnen Ignorant; wer zustimmt und verteidigt, wird gelobt. So lassen sich nicht wenige täuschen, die zurückschaudern würden, wenn sie sich die Sache genauer ansähen. – Infolge dieser Vorherrschaft der Irrenden, dieser unvorsichtigen Zustimmung unbedachter Gemüter wird eine Art verderbter Luftschicht erzeugt, die alles durchdringt mit ihrem Pesthauch.“

Pseudowissenschaftliche Datierung

In einer aktuellen Buchbeschreibung wird das vom hl. Pius X. im Jahr 1907 Gesagte bis ins Detail bestätigt und damit zugleich gezeigt, daß sich in den letzten hundert Jahren nichts geändert hat. Christoph Bopp, lic. phil. I mit Diplom für Höheres Lehramt in Germanistik, Philosophie und Latein, schreibt über das Buch von Dr. Ralf Frisch, Professor für Systematische Theologie und Philosophie an der Evangelischen Hochschule Nürnberg „Er. Ein Zwiegespräch mit dem Mann, der Jesus erfand.“ Die Buchbesprechung findet sich im St. Galler Tagblatt vom 18. Juli 2020. Das St. Galler Tagblatt gehört der NZZ Mediengruppe an. Christoph Bopp beginnt seine Erwägungen zu dem Buch mit einer Feststellung:

„Das Christentum entsteht eindrucksvoll. Aus dem Gefolge eines galiläischen Wanderpredigers, analphabetischen [?] Fischern und Handwerkern wurde eine Weltreligion. Das für einen Beweis der ‚Wahrheit‘ dieser Lehre zu halten, wie man oft hört, ist aber falsch. Es passiert oder nicht, eine Religion entsteht nicht langsam.“

Man ist doch etwas erstaunt, daß dieser Mann sodann ganz entgegen seiner zuletzt gemachten Feststellung – „Es passiert oder nicht, eine Religion entsteht nicht langsam“ – das zu besprechende Buch nicht in der Luft zerreißt, sondern zustimmend und belobigend bespricht, denn das Buch ist natürlich ganz dem agnostischen, immanenten und evolutionistischen Dogma des Modernismus verpflichtet. Das Buch von Ralf Frisch geht ganz selbstverständlich von der modernistischen Voraussetzung aus, daß die Religion des Christentums nicht in kurzer Zeit aufgrund des Faktums des Lebens des Gottmenschen Jesus Christus in unserer Menschenwelt sozusagen passiert ist, sondern daß diese Religion über mindestens ein Jahrhundert hinweg erst erfunden werden mußte.

Der Autor der Buchbesprechung gibt das von Pius X. genannte Grunddogma der Modernisten ganz präzise und unübersehbar in einer Zwischenüberschrift wieder: „Kein Autor der biblischen Schriften hat Jesus gekannt.“ Hierauf folgt der modernistische Kenntnisstand: „Das vom Abfassungszeitpunkt her älteste Markus-Evangelium wird um 70 datiert, das Johannes-Evangelium stammt vom Ende des 1. Jahrhunderts.“ Während die Modernisten die Spätdatierung des Johannesevangeliums auf das Ende des zweiten Jahrhunderts aufgrund eines Papyrusfundes aufgeben mußten, meinen sie, die Spätdatierung der anderen Evangelien, die sie aufgrund derselben irrigen Voraussetzungen machen, immer noch aufrechterhalten zu können.

Der britische Papyrologe Colin H. Roberts hatte im Jahr 1935 ein aus Ägypten stammendes Papyrusfragment herausgegeben, das er als Johannes 18, 31-33 bzw. 18, 37-38 auf der Rückseite identifizierte. Die Sensation war, das Fragment – mit der Nummer p 52 – wurde auf das Jahr 125 datiert! Da das Papyrus zudem aus Ägypten stammte, mußte man berücksichtigen, daß für dessen Verbreitung und Anerkennung und schließlich seine Abschrift durch dortige Christen nochmals eine zusätzliche Zeitspanne eingeräumt werden mußte, so daß man schon sehr nahe am vom Evangelisten Johannes geschriebenen Original war. In seinem Buch „Auf den Spuren Jesu“ gibt Gerhard Kroll zu bedenken:

„Es lohnt sich, über die Bedeutung einer solchen Tatsache eine kleine Betrachtung anzustellen. 1792 behauptete der englische Kritiker Evanson, das Johannesevangelium habe ein Platoniker im 2. Jahrhundert verfaßt. In seinem Buch ‚Das Leben Jesu‘ mißt David Friedrich Strauß diesem Evangelium keinerlei historischen Wert bei. Nach der Tübinger Schule war es um das Jahr 170 geschrieben worden, um Petrinismus und Paulinismus, Gnostizismus und Tradition in Einklang zu bringen. Im 19. Jahrhundert war man allgemein geneigt, die Entstehung des Johannesevangeliums erst in die zweite Hälfte des 2. Jahrhunderts zu verlegen. Heute kann das kein Wissenschaftler, der auf seinen Ruf Wert legt, mehr behaupten.“

Auch der Tübinger Theologe Ferdinand Christian Baur datierte 1847 das Johannesevangelium ins ausgehende zweite Jahrhundert. Nach ihm gehe es dem Johannesevangelium nicht um eine rein historische Erzählung, sondern um die Darstellung einer Idee, daher seien die Synoptiker die historisch treueren Evangelien – was das bei einem Modernisten auch immer heißen mag. Er folgerte, da es das „Ideal einer auf gleiche Weise aus Juden und Heiden bestehenden christlichen Gemeinde“ vertrete, sei es in einer Zeit entstanden, „in welcher das Christentum in seinem Entwicklungsgang schon über jene Gegensätze der ersten Zeit hinweggeschritten war“. Auf so eine Idee muß man erst einmal kommen. Wenn doch das Christentum einerseits aus dem Judentum herausgewachsen, anderseits aber anders als das Judentum alle Völker umfassen sollte, wie es der Taufbefehl Jesu klar zu Ausdruck bringt, warum sollte eine aus Juden und Heiden gleichermaßen bestehende christliche Gemeinde erst Ende des 2. Jahrhunderts möglich gewesen sein?

Warum haben „Wissenschaftler“ jemals solch absurde Thesen behauptet, die schließlich durch die archäologische Funde als falsch erwiesen wurden? Weil sie ihnen vom modernistischen Unglauben diktiert worden sind. Es ist nun bemerkenswert festzuhalten, daß mit der zweifelsfrei erwiesen Unmöglichkeit dieser Spätdatierung sich dennoch fast kein Modernist bekehrt hat – bis heute nicht! Wie Gerhard Kroll weiter hervorhebt, ist die handschriftliche Überlieferung des Neuen Testamentes nicht nur außerordentlich groß, sie ist auch außerordentlich gut. Während für profane Schriften des Altertums vielmals Jahrhunderte bis zur ersten Handschrift fehlen – zwischen der Niederschrift der Ilias und der Odyssee Homers und der handschriftlichen Überlieferung klafft eine Lücke von 1600–1700 Jahren! – sind die Texte des Neuen Testamentes handschriftlich bestens bezeugt.

„Die älteste Evangelien-Handschrift?“

In seinem Buch „Die älteste Evangelien-Handschrift?“ bespricht Carsten Peter Thiede den Fund des Papyrusfragments 7Q5 aus den Höhlen von Qumran. Er identifiziert dieses Fragment als eine Stelle aus dem Markusevangelium, nämlich Markus 6, 52-53. Wir wollen hier die Beweisführung nicht bis ins Einzelne nachzeichnen – wer daran Interesse hat, kann diese im Buch nachlesen – sondern nur das Resümee Carsten Peter Thiedes wiedergeben:

„Vergleicht man diesen Befund mit dem p52, so liegen dessen ‚Startvorteile‘ auf der Hand: Er hat die beschriftete Rückseite zur Kontrolle und Bestätigung des Zusammenhangs, und er verfügt über eine größere Anzahl von Buchstaben auf mehr Zeilen. Doch ist der p52 andererseits fast völlig ohne besondere Kennzeichen, während der 7Q5 gleich mehrere, ungewöhnliche und folgenreiche Besonderheiten aufweist, unter denen die Paragraphos, die kai-Parataxe, die seltene -nn?s-Abfolge und die kleinen Abstände in den Zeilen 2 und 3 die wichtigsten sind. Für ein derart kleines Fragment ist eine solche Fülle von Charakteristika absolut ungewöhnlich und an und für sich mehr als ausreichend für eine zuverlässige Identifizierung. Sehen wir uns an, wie das im einzelnen zusammenpaßt: J. O’Callaghan hatte die -nn?s-Verbindung, die schon den Herausgebern der editio princeps aufgefallen war, mit Hilfe der vorerst hypothetischen Rekonstruktion als Gennesaret genutzt, um Mk 6,52-53 zu ermitteln (s.o. S. 15). Daß es sich um diese Stelle handeln mußte, war dann sofort deutlich aufgrund der kai-Parataxe, mit der Mk 6,53 beginnt, und aufgrund der Tatsache, daß exakt zwischen den Versen 52 und 53 dieses sechsten Kapitels ein Wechsel zwischen zwei Erzähleinheiten liegt, der den Abstand, die Paragraphos, veranlaßte. Wir können nun hinzufügen, daß auch die zuvor noch unerklärbaren geringen Abstände zwischen den beiden letzten, fragmentarischen Buchstaben in Zeile 2 sowie dem -i- und dem -t- in Zeile 3 präzise zu dieser Stelle passen: Ergänzt man das Fragment nach Maßgabe des vollständigen Textes von Mk 6,52-53, dann beginnen in der Tat an beiden Stellen neue Wörter – in Zeile 2 haben wir aut?n h?, in Zeile 3 Kai tiaperásantes. Ohne daß wir uns bisher den „Rest“ des Fragments im einzelnen anzusehen brauchten, dürfte allein schon aufgrund dieses Befunds jedem klar sein, daß das Fragment gar nichts anderes sein kann als allein Mk 6,52-53.“

(Carsten Peter Thiede, Die älteste Evangelien-Handschrift?, R. Brockhaus Verlag Wuppertal und Zürich 1992, S. 39 f.)

Zusammenfassend stellt der Autor fest:

„Der 7Q5 ist also auch mit seinen textlichen Besonderheiten, der d/t-Lautverschiebung und dem Wegfall des epi t?n g?n, in das Erscheinungsbild der anderen ältesten Handschriften des Neuen Testaments einzuordnen. Man könnte sogar so weit gehen zu sagen, daß es gerade diese Besonderheiten sind, die für ihn sprechen: Es ist ja, wie wir immer wieder feststellen, nicht der glatte Einheitstext die Regel, sondern die Fülle kleiner Nuancen. Auch die beiden von Anfang an identifizierten Fragmente der siebten Qumranhöhle, 7Q1 und 7Q2, sind voller Besonderheiten gegenüber dem ‚Standardtext‘.“

(Ebd. S. 43)

Diesem Urteil des Autors stimmt auch Prof. Dr. Herbert Hunger, ehem. Direktor der Papyrussammlung der Österreichischen Nationalbibliothek Wien, Professor em. für Byzantinistik, zu: „Der Autor hat alle relevanten Fragen im Zusammenhang mit dem Qumran-Fragment 7Q5 sorgfältig geprüft und m. E. die möglichen Zweifel ausgeräumt. Die Identifizierung mit Markus 6, 52-53 ist überzeugend.“

Die Reaktion auf diese sensationelle Entdeckung

Nun sollte man meinen, daß sich eine solcherart sensationelle Entdeckung überall verbreiten und aufgrund ihrer Eindeutigkeit durchsetzen müßte, was aber durchaus nicht der Fall war. Nachdem O’Callaghan sein Ergebnis veröffentlichte, kamen die Reaktionen schnell…

„…und sie verliefen in den zu erwartenden Bahnen. Begeisterte Zustimmung äußerten vor allem all jene, die sich einen entscheidenden Schlag gegen die vorherrschende neutestamentliche Einleitungswissenschaft erhofften, energische Ablehnung kam vor allem von all denen, die diese herrschende Schule vertraten, und dazwischen standen einzelne renommierte Neutestamentler, Papyrologen und Qumran-Spezialisten, die sich vorsichtig zustimmend ausdrückten, vorerst aber noch keine – vielleicht gewagten -Rückschlüsse ziehen wollten. In den deutschsprachigen Ländern wurde es um die Identifizierungen still, nachdem Kurt Aland, der Leiter des Instituts für neutestamentliche Textforschung in Münster, Mitherausgeber der ‚Nestle/Aland‘-Edition des Novum Testamentum Graece und des Greek New Testament, zuerst in verschiedenen Pressemitteilungen und Interviews und schließlich in zwei größeren Aufsätzen entschieden dagegen Stellung genommen hatte. Alands unbestrittene internationale Autorität setzte sich durch; kaum ein Neutestamentler achtete darauf, daß sowohl er als auch M. Baillet und P. Benoit, auf deren Kritiken er sich im wesentlichen stützte, papyrologisch nicht mit letzter Sorgfalt gearbeitet hatten: Wie sich noch zeigen wird, waren wesentliche Kriterien O’Callaghans und entscheidende Kennzeichen der Papyri, vor allem des 7Q5 mit seiner Paragraphos, unberücksichtigt geblieben. Jüngere Versuche in den USA, an der Richtigkeit der Entzifferungen mit Nachdruck festzuhalten, wurden daher außerhalb des englischsprachigen Raums kaum noch zur Kenntnis genommen. Dennoch kann für den Textgeschichtler, der ohne fertige Prämissen das zur Kenntnis nimmt, was ein Papyrus wirklich besagt, vor allem an der einen Identifizierung, um die es auch O’Callaghan in erster Linie ging, kaum Zweifel bestehen: 7Q5 ist Markus 6,52-53.“

(Ebd. S. 16 f.)

Was nicht sein darf, das kann auch nicht sein

Auch Christoph Bopp geht in seiner Buchbesprechung ganz kurz auf den Papyrusfund in den Qumranhöhlen ein und behauptet vollkommen unkritisch und unsachgemäß:

„Es gibt Versuche, die Datierungen zu hinterfragen. Ein Papyrus-Stücklein als Markusfragment zu identifizieren und in die 30er-Jahre – also unmittelbar nach dem Tod von Jesus – zu rücken, war einer der aufsehenerregenden Versuche in den letzten Jahren. Die meisten Bibelgelehrten betrachten den Versuch mittlerweile als verfehlt.“

So werden also kurzerhand aus ein paar verbohrten, vor allem deutschen „Gelehrten“ die „meisten Bibelgelehrten“, die den Versuch mittlerweile als verfehlt betrachten. Weil nämlich nicht sein kann, was nicht sein darf! Sonst müßten ja diese „Gelehrten“ ihre ganze modernistische „Theologie“ in den Papierkorb werfen und das wollen sie ganz sicher nicht. Denn womit sollten sie denn dann ihr Geld verdienen?

Der „ganz andere Jesus“

Aber hören uns noch ein wenig an, was denn diese modernistischen „Gelehrten“ ihren Gefolgsleuten zu sagen haben. Zunächst etwas, was wir ebenfalls schon aus der Enzyklika Pius‘ X. kennen:

„Auf jeden Fall ist es für eine auch nur leise kritische Lektüre der Evangelien wichtig, zu wissen, was die Beweggründe der Autoren waren. Sie waren mehr als nur Reporter, die erzählten, was geschehen war. Sondern sie standen in einer Tradition, die einer Bewegung verpflichtet war, und sie wussten das. Auch wenn ihnen nicht bis ins Letzte klar war, worin diese Tradition schliesslich bestehen sollte.“

Es war also so: Am Anfang wußte das Autorenteam, so muß man es eigentlich benennen, noch nicht, wohin das Ganze eigentlich hinauslaufen sollte. Oder anders gesagt: Sie wußten noch nicht so recht, was sie aus diesem Wanderrabbi aus Nazareth denn nun eigentlich machen sollten. Nach seinem schändlichen Tod am Kreuz war zwar menschlich gesehen nicht mehr viel zu machen, aber mit der Phantasie vielleicht doch – also:

„Der Theologieprofessor Ralf Frisch schreibt ein fiktives Zwiegespräch mit dem Evangelisten Markus, ‚dem Mann, der Jesus erfand‘. Natürlich geht er im Text vorsichtiger vor als in der Schlagzeile. Die suggeriert: Hätte es Jesus nicht gegeben, man hätte ihn erfinden müssen! Doch das ist nicht der Punkt. Die Evangelisten schrieben über einen Menschen, von dem ihre Leser wussten, dass es ihn gab. Natürlich war der Jesus ihrer Texte eine Figur, die sie sich zurechtlegten, aber er war keine Erfindung.“

Wenn es also um den Glauben geht, dann darf man durchaus lügen, betrügen, Geschichten erfinden – und dann dennoch dreist behaupten, das ist die göttliche Wahrheit! Wenn das nicht geschmacklos ist! Früher, als die Menschen noch nicht durch den Modernismus vollkommen verrückt geworden waren, haben sie noch gedacht, daß der christliche Glaube nur dann einen Wert hat, wenn unser Herr Jesus Christus wirklich der Sohn Gottes ist und wenn dies auch durch die damals lebenden Augenzeugen soweit bezeugbar ist, daß man es vernünftigerweise glauben kann und muß. Nur wenn etwa Jesus von Nazareth wirklich gesagt hat: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater als durch mich“ (Joh 14, 6), und nur wenn das tatsächlich, also vernünftigerweise nachweisbar so ist, dann ist auch der Glaube vernünftig. Wenn aber die sog. Evangelisten der Modernisten dies alles nur erfunden haben, dann ist dieser Glaube nur Unfug, wie es der hl. Paulus so unmißverständlich darlegt:

„Wenn aber verkündet wird, daß Christus von den Toten auferstanden ist, wie können dann einige von euch behaupten, es gäbe keine Auferstehung der Toten? Gibt es keine Auferstehung der Toten, so ist auch Christus nicht auferweckt worden. Ist aber Christus nicht auferweckt worden, ist unsere Predigt hinfällig, hinfällig auch euer Glaube! Dann stehen wir auch als falsche Zeugen Gottes da, weil wir gegen Gott bezeugt haben, er habe Christus auferweckt, – den er ja nicht auferweckt hat, wenn die Toten nicht auferweckt werden. Denn wenn die Toten nicht auferweckt werden, ist auch Christus nicht auferweckt worden. Ist aber Christus nicht auferweckt worden, ist euer Glaube nichtig; dann seid ihr noch in euren Sünden. Und auch die in Christus Entschlafenen sind verloren. Wenn wir in diesem Leben unsere Hoffnung nur auf Christus gesetzt haben, sind wir die beklagenswertesten unter allen Menschen.“

(1 Kor. 15, 12-19)

Wie vernünftig ist das, was der hl. Paulus an die Korinther schreibt und wie folgerichtig! Unser christlicher Glaube fußt ganz und gar auf den Tatsachen des Lebens Jesu. Wenn diese Tatsachen nicht wahr, sondern nur von den Schreiberlingen, die wir fälschlicherweise Evangelisten nennen, erfunden worden sind, dann „sind wir die beklagenswertesten unter allen Menschen“. Wer das nicht wahrhaben will, der verfällt dem Wahnsinn. Er baut seinen Glauben auf „falsche Zeugen Gottes“ auf und verlangt sodann, daß man aus diesem Lügengebäude Hoffnung auf ein ewiges Leben schöpfen soll!

Hören wir weiter, was uns Christoph Bopp und Ralf Frisch noch alles weismachen wollen. Etwa ein weites modernistisches Apriori:

„Dass dieser Mensch glaubte oder dass von ihm gesagt wurde, er sei ‚der Sohn Gottes‘, macht die Sache nicht einfacher. Die Theologie hat Jesus ‚vergöttlicht‘, er ist im Himmel, bei seinem ‚Vater‘. Es gibt immer wieder Versuche, diesen Aussagen den Skandal zu nehmen. ‚Nicht so gemeint‘, nur ‚ein besonders tugendhafter Mensch‘ sei Jesus gewesen. Diese Ausflüchte ergreift Frisch nicht. Nicht dass er der Theologie folgen würde, aber Jesus war ‚ganz anders‘.“

Also der echte Jesus, derjenige, der wirklich gelebt hat, war nicht der Sohn Gottes, sondern erst die „Theologie“ hat ihn vergöttlicht und kurzerhand zum Vater in den Himmel hinauf versetzt. Nun meint man doch, der Skandal besteht darin, daß man aus dem Jesus, der nicht der Sohn Gottes war, fälschlicher- und betrügerischerweise den Sohn Gottes gemacht hat, was nun wirklich eine äußerst dreiste Lüge und ein gewaltiger Betrug wäre. Nein, der Skandal soll nur das Sprechen über Jesus als Sohn Gottes sein. Warum soll dieses Sprechen einen skandalisieren, wenn es doch eine Lüge ist? Dieser Skandal entsteht doch erst dann, wenn ich die Lüge ernst nehme. Wenn ich sie nicht ernst nehme, dann handelt es sich einfach nur um Modernistengeschwätz. Und übrigens: Obwohl Jesus nur ein Mensch wie jeder andere war, war er dennoch „ganz anders“. Da fragt man sich spontan: Wie rechtfertigt Christoph Bopp diese Behauptung? Denn seine, also die von ihm als historisch anerkannten Quellen, geben das doch in keiner Weise her! Somit ist auch das Sprechen vom ganz anderen Jesus wiederum nur ein weiteres, dummes Modernistengeschwätz.

Markus wider Paulus?

Ganz in diesem Stil geht es auch munter weiter:

„Paulus, der erste christliche Theologe und deshalb auch der ‚erste Verräter‘ am Leben Jesu, kriegt sein Fett weg. Markus lässt durchblicken, dass ihm dieses Gebäude oder Gehäuse aus Begriffen nicht recht geheuer ist.“

Was würde der hl. Markus erst durchblicken lassen, wenn er das Buch von Herrn Prof. Frisch lesen würde? Es ist schon seltsam, der hl. Paulus mit seiner Theologie soll der erste Verräter am Leben Jesu sein, was aber sind dann erst Herr Bopp und Herr Frisch mit ihrer „Theologie“? Herr Bopp behauptet einfach:

„Auch für Frisch hat die paulinische und andere Theologie den Zugang zum Leben von Jesus, wie er ‚wirklich‘ war, mehr verbaut als geöffnet.“

Während also der hl. Apostel Paulus den Zugang zum Leben Jesu verbaut, soll Ralf Frisch diesen öffnen – obwohl seine „Theologie“ keinerlei Fundament in der Wirklichkeit hat, sondern bloßes Modernistengeschwätz ist? Wie unheimlich ist es, wenn man solche Phantastereien liest. Ist so etwas überhaupt möglich, so fragt man sich unwillkürlich.
Wohl aufgrund dieses völligen Wirklichkeitsverlustes schaffen es die Modernisten fast nie, wenigstens in ihrem System konsequent zu bleiben. Nachdem also Jesus seiner Gottheit beraubt und zum Menschen wie jeder andere gemacht worden ist, der aber dennoch ganz anders ist als alle anderen, heißt es auf einmal wieder:

„Die Wirkung, die Jesus auf die Menschen hatte, die ihm folgten, zu Lebzeiten [!!!], aber auch später, war etwas Besonderes. Markus beginnt mit Wundern und Exorzismen, um dieses Besondere herauszustellen. Eine Bewegung, aus der etwas werden soll, braucht einen Helden.“

Seltsam, es steht wirklich da: zu Lebzeiten! – und es steht da: Wunder und Exorzismen. Nun können das aber zu Lebzeiten keine bloß erdachten Wunder und Exorzismen gewesen sein, denn dann wäre nichts Besonderes geschehen und die Leute hätten diesen Jesus einfach einen guten Mann sein lassen bzw. ihn gar nicht erst kennengelernt, weil er in der Masse untergegangen wäre. Wie war es also in der Wirklichkeit und nicht nur in der Phantasie irgendwelcher Modernistenköpfe? War Jesus wirklich etwas Besonders – hat er tatsächlich Wunder gewirkt und Teufel ausgetrieben? Oder hat man ihn das nur nachträglich angedichtet, um ihn dadurch zu etwas Besonderem zu machen, weil man einen Helden brauchte? Das ist doch die Gretchenfrage – die sich jeder Leser selber beantworten muß.

Blasphemische Exegese

Der Dogmatiker Heinrich führt treffend aus:

„Es kann daher nur zu den traurigsten Verirrungen führen, wenn man die heilige Schrift nicht wie Ein göttliches Buch [Denn obwohl die heiligen Schriften zahlreich und aus verschiedenen Zeiten sind, so bilden sie doch alle zusammen Ein Buch, weil Ein Heiliger Geist aus allen redet], sondern wie menschliche Schriften der jüdischen und hellenischen Literatur betrachtet, und demgemäß Moses und die Propheten, die Evangelisten und Apostel, unter systematischem Absehen von ihrer göttlichen Erleuchtung, lediglich aus dem menschlichen Sprachgebrauch, aus der Geschichte und Altertumskunde, aus Ethnographie und Psychologie zu erklären sucht. Zur äußersten Unwahrheit und Blasphemie führt eine solche Exegese, wenn sie auf das fleischgewordene Wort selbst angewendet wird. Allerdings war Christus auch wahrer Mensch und gehörte als solcher einer bestimmten Zeit und einem bestimmten Volke an und es ist in so fern bei der Auslegung seiner Reden und Handlungen nicht bloß gestattet, sondern geboten, auch seine menschliche Natur … zu erforschen und zu berücksichtigen. Allein wenn man dabei vergißt, daß dieser Jesus von Nazareth zugleich wahrer Gott ist, daß seine göttliche Person seine menschliche Natur in all‘ ihren Reden und Handlungen, wie auch in ihren Gefühlen und Absichten, vollkommen und allseitig beherrscht, … – so kann das nur zu einer durch und durch falschen Auslegung derselben führen. Nicht das ist also die Aufgabe der echten Exegese, die göttlichen Worte Christi möglichst zu vermenschlichen, ihren Sinn zu erniedrigen, ihre Fülle zu entleeren, ihren Horizont zu verengen, sondern vielmehr umgekehrt die ganze Höhe und Tiefe, Länge und Weite [Vgl. Eph. 3, 14ff. An diese Worte schließt der heilige Bonaventura die herrliche Auseinandersetzung über das rechte theologische Verständnis der heiligen Schrift und überhaupt, wie er es dort nimmt, der geoffenbarten Wahrheit an, welche das Prooemium zu seinem Breviloquium bildet. Das Prinzip aller wahren theologischen Erkenntnis überhaupt, und des Verständnisses der heiligen Schrift insbesondere, ist die aus dem übernatürlichen Glauben entspringende Erkenntnis Jesu Christi] dieser Worte der ewigen Weisheit, des welterschaffenden und welterlösenden Logos zu erfassen, der, wie er selbst in Knechtsgestalt die Fülle der Gottheit in sich barg und offenbarte, so in der schlichten Einfalt menschlicher Sprache und menschlicher Handlungen und in einfachen Parabeln und Gleichnissen, aber auch offen und ohne Bild, die ganze Fülle der göttlichen Wahrheit und Wissenschaft [Diese wunderbare Verbindung göttlicher Erhabenheit und Tiefe mit demütiger Einfalt (admirandae altitudinis saluberrima humilitas. Aug. de chatech. Rud. 1,8), welche in den Worten Christi in eminenter Weise sich findet, ist der ganzen Heiligen Schrift eigen] aussprach und, wie er am Anfang die ganze natürliche Welt ins Dasein gerufen, so der ganzen übernatürlichen Welt des Christentums bis zu ihrer Vollendung in der Ewigkeit durch kurze und einfache Worte, aber Worte voll unendlichen Inhaltes und schöpferischer Kraft, das Dasein gab und sie fort und fort erhält, auch in diesem Sinne Alles tragend durch das Wort seiner Kraft [Vgl. Hebr. 1, 3]. Aber derselbe, der in der letzten Zeit in heiliger Sprache zu uns geredet hat, hat auch bereits zuvor durch Moses und die Propheten zu den Vätern, und durch sie auch zu uns und zu allen Zeiten gesprochen [Vgl. Hebr. 1, 1 f.]. Daher ist auch das Wort der Propheten und Hagiographen nicht lediglich als Wort dieser Männer zu erklären, sondern principaliter als Wort Gottes, das höher und tiefer und weitertragender ist, als der Gesichtskreis dieser Werkzeuge Gottes selbst und der ganzen vorchristlichen Zeit gewesen.“

(Heinrich, Dogmatische Theologie, Erster Band, Mainz, Verlag von Franz Kirchheim 1881, S. 741 ff.)

Der echte und der unechte Schluß des Markusevangeliums

Tauchen wir nach diesem glänzenden theologischen Höhenflug wieder in den Morast modernistischer Exegese ab. Christoph Bopp endet seine Buchbesprechung mit folgendem Kuriosum:

„Oder die Frauen, denen er viel Platz einräumt. Auch sie lässt er nur wenig später wieder hängen. Sie finden zwar das leere Grab und einen weiss gekleideten jungen Mann, der ihnen sagt: ‚Er ist nicht hier. (…) er ist euch vorangegangen nach Galiläa, dort werdet ihr ihn sehen.‘ Das Evangelium endet: ‚Aber sie sagten niemandem etwas. Denn sie ängstigten sich nämlich.‘“

Da womöglich nicht alle Leser gleich bibelfest sind, sei hier darauf hingewiesen, daß das echte Markusevangelium natürlich nicht so endet. Herr Bopp und wohl auch Herr Frisch, auf den er sich bezieht, unterschlagen ganz einfach die Verse 9-20 des 16. und letzten Kapitels des Markusevangeliums. Darin wird nämlich berichtet, daß der Auferstandene Herr zuerst der Maria Magdalena erschienen ist:

„Hierauf erschien er in einer anderen Gestalt zweien von ihnen unterwegs, als sie aufs Land gingen. Auch sie gingen hin und berichteten es den übrigen. Selbst ihnen glaubten sie nicht. Später erschien Jesus auch den Elf, als sie zu Tisch saßen; er tadelte ihren Unglauben und ihre Herzenshärte, weil sie denen nicht geglaubt, die ihn als Auferweckten gesehen hatten.“

(Mk. 16, 12-14)

Aber diese Sätze scheinen der modernistischen Zensur beider Herren zum Opfer gefallen zu sein, diese haben sie kurzerhand als unauthentisch erklärt, irgendein böser, von der Theologie des Paulus verdorbener Schreiber muß sie erst viel später hinzugefügt haben. Man ist doch immer wieder verblüfft festzustellen, daß die Modernisten schließlich ihr überaus phantastisches Geschwätz doch für Wirklichkeit nehmen. Dementsprechend endet Christoph Bopp:

„Markus lässt vieles schweben. Er zeigt Jesus den Wunderheiler, den Wundertäter, der Sturm und Wellen gebietet. Er zeigt Jesus als Einsamen, der im Gebirge oder in der Wüste betet. Und er zeigt den zweifelnden Jesus am Kreuz. Dafür wäre er von Paulus gefeuert worden.“

Richtig muß es natürlich heißen: Der von Ralf Frisch frei erfundenen Markus läßt vieles schweben. Denn der echte Markus, der hl. Evangelist, macht das keineswegs. Übrigens endet dessen Evangelium so:

„Nachdem nun der Herr Jesus zu ihnen gesprochen hatte, wurde er in den Himmel aufgenommen und setzte sich zur Rechten Gottes. Sie aber zogen aus und predigten überall. Der Herr wirkte dabei mit und bekräftigte das Wort durch beglaubigende Zeichen.“

(Mk. 16, 19 f.)

Ein neues, vernunftloses System

Hiermit stehen wir nun wirklich vor zwei ganz und gar verschiedenen Welten, einer Welt des übernatürlichen Glaubens und Gottvertrauens und einer Welt des vielfältigen, gottlosen Irrtums. Darum ruft der hl. Papst Pius X. aus:

„Freilich, o weh, Unsere Gelehrten arbeiteten nicht mit denselben Hilfsmitteln wie die Modernisten! Sie hatten nicht zum Lehrer und Führer die Philosophie, die mit der Leugnung Gottes anhebt, und sie wählten sich nicht selbst die Urteilsnorm!“

Letztlich kann man mit einem Modernisten gar nicht vernünftig sprechen, weil es in seinem System keine Vernunft mehr gibt. Umso erstaunlicher ist es, daß viele Konservative und Traditionalisten den meisten Menschenmachwerkskirchlern noch den katholischen Glauben zubilligen. Das zeigt letztlich, daß sie sich die modernistischen Prinzipien schon selber angeeignet haben – auch sie wählten sich selbst die Urteilsnorm und meinen darum, allzeit dem kirchlichen Lehramt Widerstand leisten zu können. Wobei die progressiven Modernisten viel ehrlicher sind, denn sie stehen wenigstens in gewisser Weise zu ihrem Irrtum und lehnen deswegen den „alten“, den „dogmatischen“ Glauben ab. Für den Modernisten bedeutet ja „lebendiger Glaube“ einen „sich ständig ändernden und dem Leben sich anpassenden“ Glauben. Während für die Progressisten die Dogmen festgefahrene Meinungen, fundamentalistische Verfehlungen sind – sind sie für die Konservativen und Traditionalisten Zufallstreffer ihres allzeit irrenden Lehramtes. Da kann man also nur wählen zwischen Pest und Cholera. Der hl. Pius X. beschriebt es so:

„Da so Kraft und Schicksal der dogmatischen Formeln unbeständig ist, nimmt es kein Wunder, daß die Modernisten so sehr darüber spotten und sie verachten; sie ihrerseits kennen und preisen nur das religiöse Gefühl und religiöse Leben. Deshalb greifen sie auch verwegen die Kirche an, als wenn sie auf falschem Wege wäre, weil sie von der äußeren Formel nicht die religiöse und sittliche Kraft zu unterscheiden wisse, sich in eitlem Mühen hartnäckig auf inhaltleere Formeln versteife und dabei die Religion selbst fahren lasse. – Blinde und Blindenführer, die aufgeblasen durch den stolzen Namen: Wissenschaft! in ihrem Wahn so weit gehen, daß sie den ewigen Begriff der Wahrheit und das echte Gefühl der Religion verkehren! Sie führen ein neues System ein, ‚in schranken- und zügelloser Begierde nach Neuerungen suchen sie die Wahrheit nicht da, wo sie wirklich und gewiss liegt, sie schieben die heiligen und apostolischen Überlieferungen beiseite und schließen sich an eine unsichere, von der Kirche nicht gebilligte Lehre eitel und nichtig an und glauben – die Toren! – dadurch die Wahrheit selbst stützen und aufrecht halten zu können.‘ [ Leo XIII., Litt. Ap. In magna, 10. Dezember 1889.]“

Wahre Schriftauslegung

Die Modernisten sind zutiefst angesteckt von der „Begierde nach Neuerungen“, entspricht das doch ihrer Auffassung von „Wissenschaft“. Sie sind nichts anderes als „Blinde und Blindenführer“, was eigentlich jedem wahren Katholiken unmittelbar einsichtig ist. Denn an sich ist für jeden wahren Katholiken, der sich mit der göttlichen und damit natürlich unveränderlichen Wahrheit beschenkt weiß, jede „Begierde nach Neuerungen“ äußerst verdächtig. Denn was soll sich eigentlich am „depositum fidei“ am „göttlichen Glaubensgut“ ändern? Was soll da neu werden können? Ändern kann sich höchstens die Einsicht in das durch das Dogma verbürgte Glaubensgeheimnis. Der Glaube selber aber kann sich selbstverständlich wie die Wahrheit niemals ändern. Dies läßt sich sehr gut an der Heiligen Schrift dokumentieren, d.h. am rechten Umgang des Katholiken mit der Heiligen Schrift. J.B. Heinrich erklärt ins seiner Dogmatischen Theologie:

„Die Wahrheit, daß die heilige Schrift ganz und in all ihren Teilen Wort Gottes ist, ist von entscheidender Wichtigkeit für die Auslegung derselben. Vor allem folgt daraus, daß die heilige Schrift, wie sie durch den heiligen Geist eingegeben ist, auch nur vom heiligen Geiste durch sein Organ, die Kirche, unfehlbar ausgelegt werden kann… Aber auch bei der wissenschaftlichen Auslegung der heiligen Schriften dürfen wir, um nicht von den echten Prinzipien der theologischen Wissenschaft abzuweichen, niemals vergessen, daß Gott selbst durch das Organ der heiligen Schriftsteller in menschlicher Form zu uns spricht. Wir müssen daher, vom Glauben geleitet und von der Gnade erleuchtet, darnach trachten, in den Worten der heiligen Schrift den Sinn vollkommen zu erkennen, den Gott in diese Worte gelegt hat.“

(Heinrich, a.a.O., S. 741)

Diese vom übernatürlichen Glauben geprägte Grundhaltung kommt bei allen Vätern zum Ausdruck. Daher ließen sie bei all ihrem Bemühen, die Heilige Schrift zu erforschen, diese immer unangetastet in ihrem Wort und Sinn und orientierten sich zudem stets an der allgemeinen Lehre der heiligen Kirche. Deswegen hebt auch Leo XIII. hervor:

„Das Vatikanische Konzil hat die Lehre der Väter aufgegriffen, als es das Dekret von Trient über die Auslegung des geschriebenen göttlichen Wortes erneuerte und erklärte, sein Sinn sei der, daß ‚in Fragen des Glaubens und der Sitten, soweit sie zum Gebäude christlicher Lehre gehören, jener als der wahre Sinn der heiligen Schrift anzusehen sei, den die heilige Mutter Kirche festgehalten hat und festhält, deren Aufgabe es ist, über den wahren Sinn und die Auslegung der heiligen Schriften zu urteilen; und deshalb ist es niemandem erlaubt, die heilige Schrift gegen diesen Sinn oder auch gegen die einmütige Übereinstimmung der Väter auszulegen’.“

(DH 3281)

In diesen wenigen Sätzen ist das antiprotestantische – so muß man rückwärtsblickend sagen – Prinzip der katholischen Schriftauslegung erklärt. Gott erklärt nicht jedem einzelnen die Heilige Schrift, wie Luther behauptet hat – wobei er dies dann selber nicht ernst genommen hat, denn zweifelsohne war für Luther seine eigenen Interpretation die einzig richtige – sondern er bindet jeden an das Urteil des unfehlbaren Lehramtes der Kirche und die übereinstimmende Interpretation die Kirchenväter. Nur dadurch ist der wahre Sinn der Heiligen Schrift erkenn- und bewahrbar, wenn man weiß, daß „in Fragen des Glaubens und der Sitten, soweit sie zum Gebäude christlicher Lehre gehören, jener als der wahre Sinn der heiligen Schrift anzusehen sei, den die heilige Mutter Kirche festgehalten hat und festhält, deren Aufgabe es ist, über den wahren Sinn und die Auslegung der heiligen Schriften zu urteilen; und deshalb ist es niemandem erlaubt, die heilige Schrift gegen diesen Sinn oder auch gegen die einmütige Übereinstimmung der Väter auszulegen’“.

Wirrwarr der Meinungen

Kein Modernist ist bereit, dieser Forderung nachzukommen. Er pocht vielmehr wie der Protestant auf seine eigenen Einsichten, mögen sie noch so gottlos und blasphemisch sein. Infolgedessen können solche „Einsichten“ niemals als mit dem katholischen Glauben übereinstimmend angesehen werden, selbst wenn sie sich zufälligerweise einmal damit decken würden. Das Prinzip bliebe dennoch falsch und die Einsicht bliebe immer nur freie Meinung des „Fachmannes“. Jeder hätte jederzeit das Recht, es anders zu sehen.

Gerade bei den Konservativen und Traditionalisten ist dieser Irrtum weit verbreitet. Sobald irgendein modernistischer Amtsträger irgendetwas katholisch Klingendes äußert, sehen sie darin sofort den katholischen Glauben bestärkt, was doch völliger Unsinn ist. Denn eine derartige Äußerung etwa eines Kardinals oder Bischofs ist letztlich immer nur seine persönliche Meinung. Jeder kann jederzeit etwas anderes meinen – und bleibt in der Menschenmachwerkskirche dennoch „katholisch“! Verbindlich ist nur die Unverbindlichkeit.

Ein Labyrinth von Hypothesen

Versuchen wir abschließend nochmals den modernistischen Trick, mit dem sie die ganze Heilige Schrift aushebelten, ein wenig besser zu durchschauen. In der Zeitschrift „Rom-Kurier“ veröffentlichte Mgr. Francesco Spadafora 1996 eine Artikelserie über die moderne Exegese. Darin stellt er die traditionelle Art der Literaturkritik oder auch „hohe Kritik“ genannt, der modernistischen gegenüber:

„Um die Echtheit, die Vollständigkeit und die Geschichtlichkeit einer Schrift festzustellen, bedient sich die Literaturkritik oder hohe Kritik einer zweifachen Ordnung von Argumenten: die äußeren Argumente (bestehend aus den historischen Zeugnissen, welche sich auf ein gegebenes Werk beziehen) und die inneren Argumente, die von der Prüfung des Textes selbst abgeleitet sind (Schreibart, Sprache, Ideen, historische und geographische Einzelheiten usw.). Es ist offenkundig, daß die äußeren Beweisgründe die inneren Argumente entscheidend bestimmen, da deren Beurteilung allzu oft von der subjektiven Bewertung des individuellen Kritikers abhängt. Die inneren Schlußfolgerungen sind nützlich, um die äußeren Argumente zu bestätigen. Daher gilt im Bereich der Bibelkritik das Prinzip: ‚Wenn eine Tradition den Autor eines inspirierten Buches als sicher angibt, dann muß dies in erster Linie berücksichtigt werden, und es ist nicht erlaubt, sie mit Argumenten der inneren Kritik zu verwerfen.’ Der „durch den Namen der hohen Kritik beschönigte listige Kunstgriff“ (Leo XIII.) Genau an diesem Punkt befindet sich einer der grundlegenden Irrtümer, den die falsche Kritik oder der Kritizismus der rationalistischen Protestanten begeht (die Formgeschichte und Redaktionsgeschichte). Sie weisen die Angaben der Tradition zurück und legen den Hauptakzent auf die inneren Argumente. Da sie sich von der Kontrolle durch die äußeren, objektiven Daten gelöst haben, welche die historischen Dokumente bieten, überlassen sie sich einem recht zügellosen Subjektivismus, der zu willkürlichen Interpretationen führt und zu Luftschlössern, die natürlich überhaupt keine Festigkeit aufweisen; deshalb verirren sie sich in einem Labyrinth von mutmaßlichen und wahrscheinlichen Hypothesen. Auf diesen Irrtum hat Leo XIII. in Providentissimus Deus in lichtvoller Weise hingewiesen: ‚Diese katholischen Professoren müssen aus demselben Grund äußerst gelehrt sein und große Erfahrung in der wahren Wissenschaft der kritischen Kunst haben. Zu Unrecht und zum Schaden der Religion wurde ein System eingeführt und mit dem Namen der hohen Kritik bemäntelt; danach müßte nur aufgrund von inneren Argumenten, wie sie sagen, der Ursprung, die Vollständigkeit und die Urheberschaft eines jeden Buches hervorgehen. Demgegenüber ist es klar, daß in historischen Fragen, wie es der Ursprung und die Bewahrung der Bücher darstellen, vor allem die geschichtlichen Zeugnisse Geltung haben und in erster Linie diese mit möglichst großer Wichtigkeit, daß sie für den (eigentlichen) Beweis geltend gemacht werden dürfen, es sei denn, daß sie den anderen Argumenten eine gewisse Bestätigung verleihen. Wird anders verfahren, so ergeben sich daraus mit Sicherheit große Nachteile. Die Feinde der Religion werden in der Tat immer kühner, indem sie die Authentizität der hl. Bücher angreifen und bekämpfen. So erhaben ihre Art der Kritik auch sein mag, sie wird schließlich die Willkür gestatten, daß bei der Auslegung jedermann seiner eigenen Neigung und seiner vorgefaßten Meinung folgen darf. Daraus resultiert dann, daß von oben keine Erleuchtung kommt, die zum Verständnis der hl. Schriften nötig wäre und zum Vorteil für die Lehre; im Gegenteil, es wird jenes sichere Zeichen des Irrtums erscheinen, das in der Vielfalt und Unähnlichkeit der Denkweisen besteht, wie es die Hauptvertreter dieser neuen Wissenschaft bescheinigen. Daher wird es tatsächlich so weit kommen, daß die Anhänger des Rationalismus, welche diese hohle Philosophie und deren Lehre aufgegriffen, keine Bedenken tragen, die Prophezeiungen, Wunder und jegliche die natürliche Ordnung übersteigenden Aspekte aus den heiligen Büchern zu entfernen’.“

(Rom-Kurier; Deutsche Ausgabe der römischen Zeitschrift sì sì no no, Februar 1996, S. 2)

Man meint, Mgr. Francesco Spadafora habe unsere beiden oben erwähnten Autoren im Sinne, wenn er schreibt: „Sie weisen die Angaben der Tradition zurück und legen den Hauptakzent auf die inneren Argumente.“ Aber nein, es handelt sich hier nicht um Einzelfälle, sondern hinter all den Ausführungen von Christoph Bopp und Ralf Frisch steht das modernistische Grundprinzip der freien Forschung, wie wir schon gezeigt haben und dahinter wiederum steht die Philosophie des Agnostizismus. Sobald die Modernisten aber den Hauptakzent auf die inneren Argumente legen und die Zeugnisse der Tradition zurückweisen, „welche die historischen Dokumente bieten, überlassen sie sich einem recht zügellosen Subjektivismus, der zu willkürlichen Interpretationen führt und zu Luftschlössern, die natürlich überhaupt keine Festigkeit aufweisen; deshalb verirren sie sich in einem Labyrinth von mutmaßlichen und wahrscheinlichen Hypothesen“.