Ein wahrer Marienverehrer

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Jeder wahre Katholik ist selbstverständlich auch ein Marienverehrer, hat doch Gott selbst Maria über alles geehrt und über alle anderen Geschöpfe erhoben, wie der hl. Ludwig Maria Grignion v. Montfort in seinem Goldenen Buch hervorhebt:

„Gott Vater hat seinen Sohn der Welt nur durch Maria geschenkt. Mochten die Patriarchen noch so lebhaft nach der Ankunft des Messias verlangen, mochten die Propheten und Heiligen des alten Bundes 4000 Jahre lang noch so innig darum flehen, Maria allein hat diesen Schatz verdient und Gnade gefunden vor Gott durch die Kraft ihres Gebetes und die Größe ihrer Tugenden. Die Welt war nicht würdig, sagt der hl. Augustinus, den Sohn Gottes unmittelbar aus den Händen des Vaters zu empfangen; Gott der Vater hat ihn Maria geschenkt, damit die Welt ihn aus ihrer Hand erhalte. Der Sohn Gottes ist Mensch geworden, um uns zu retten, aber nur in Maria und durch Maria. Gott, der Heilige Geist, hat Jesus Christus in Maria gebildet, aber erst, nachdem er durch einen der ersten Diener seines Hofes ihre Zustimmung eingeholt hatte. Gott der Vater hat Maria teilnehmen lassen an seiner Fruchtbarkeit, soweit ein Geschöpf dessen fähig ist, um sie in den Stand zu setzen, seinen Sohn zu gebären und alle Glieder seines mystischen Leibes in sich zu bilden.“

Darum war auch die Marienverehrung zu allen Zeiten in der hl. Kirche lebendig, wenn sie auch zuweilen von einigen vernachlässigt wurde. Eine solche Zeit der Vernachlässigung war die sog. Aufklärung, während der sich viele etwas darauf einbildeten, gottlos zu denken und zu leben. Damals nannte man das Licht Finsternis und die Finsternis Licht, und auch viele Katholiken ließen sich verwirren. Die menschliche Vernunft erhob sich über alles Göttliche, d.h. über die gesamte göttliche Offenbarung und machte sich zum Maßstab aller Dinge. Diese Selbstüberhebung des Menschen nannte man fälschlicherweise Autonomie und Freiheit.

Nun steht die demütige Jungfrau von Nazareth selbstverständlich einer solchen Selbstüberhebung ganz und gar entgegen. Die Seele Mariens pries allzeit den Herrn und freute sich, weil dieser herabgeschaut hat auf seine niedrige Magd. In Maria wird es jedem greifbar, ja erlebbar: Nur im Glauben an Gott kann der Mensch wahrhaft Großes vollbringen.

Alban Stolz als Marienverehrer

Die Zeit der Aufklärung kommt unserer modernen Zeit schon recht nahe, ist sie doch deren geistiger Grund. Der Unterschied besteht allein darin, daß damals wenigstens noch viele von den höchsten kirchlichen Autoritäten sich gegen das geistige Gift der Aufklärung wandten und wie der gute Hirte ihre Schafe davor warnten und schützten, soweit sie konnten. Heute hat das geistige Gift des Modernismus fast alle Herzen eingenommen und in mancherlei Irrtümer verstrickt – die ganze ehemals katholische Welt ist modernistisch geworden!

Erwägen wir darum, um uns an diesem Vorbild zu erbauen, wie damals ein junger Mann durch Maria geführt wurde und dadurch dem Unglauben und den Schlingen des Teufels entkam. Es handelt sich um Alban Stolz, der besonders bekannt wurde durch seinen „Kalender für Zeit und Ewigkeit für das gemeine Volk und nebenher für geistliche und weltliche Herrenleute“. Wir folgen hierbei weitgehend dem Artikel aus der Zeitschrift Der Katholik: Zeitschrift für katholische Wissenschaft und kirchliches Leben, Band 21 (4. Folge) 1918, Heft 4, Seiten 234–245 und Heft 5, Seiten 309–327 von Dr. Paul Reinelt: „Alban Stolz als Marienverehrer“.

Kindheit und Jugend des Alban Stolz

Der Vater des Priesters und Schriftstellers Alban Stolz lebte in der badischen Amtsstadt Bühl und hieß Balthasar Alois. Dieser war ein äußerst wortkarger Apotheker, sodaß Alban Stolz in seiner Selbstbiographie schreibt: „Ich habe wenige Bekannte, mit denen ich verhältnismäßig so wenig und so selten gesprochen habe als mit ihm.“ Gott hatte die Ehegatten Stolz reichlich mit Kindern gesegnet, sie hatten sechzehn Kinder zu ernähren und für Gott zu erziehen. Sicherlich eine recht sorgenvolle Arbeit – und das umso mehr als die Mutter oft und lange krank war. Deswegen übernahm die älteste Tochter Salome die Erziehung der Geschwister. Später bezeugte Alban Stolz von ihr, daß sie stets ernst gewesen sei und er sie nie habe lachen sehen. Dennoch bekennt er auch, daß diese das Mittel Gottes war, um ihn auf das Priestertum vorzubereiten.

Alban Stolz wurde am 3. Februar 1808 geboren. Seine Kindheit und Jugend fielen in die Zeit der josephinischen Aufklärung, mit ihrer trockenen, herzlosen Frömmigkeit, die auch die Marienverehrung verkümmern ließ. Wie ein giftiger Reif legte sich der aufklärerische Geist auf diese schönste Blume der Menschheit. Dieser Mangel in der Erziehung wird bei Stolz auch später noch nachwirken. So findet er etwa in seiner Erziehungslehre nicht jene überzeugenden und warmen Worte, wenn er über die Verehrung der allerseligsten Jungfrau Maria spricht, wie wir sie sonst von ihm gewohnt sind. Mit zwei nüchternen Sätzen tut er die Sache ab. Dr. Paul Reinelt bemerkt: „Überhaupt macht man die Beobachtung, daß er stets in einen lehrhaften Ton verfällt, sobald er versucht, die Jugend für Maria zu begeistern, und man merkt, daß er hier nicht aus der eigenen Erfahrung spricht.“

Es ist einfach wahr: Man kann die Verehrung der Gottesmutter nicht aus Büchern erlernen, man muß sie selber beharrlich üben. Nur ein echtes, tiefes Erfahrungswissen überzeugt dann auch andere. Alban Stolz selbst erzählt am 18. August 1870 ein Erlebnis aus seinem Leben, das vielsagend ist: „Im Halbtraum hörte ich eine Stimme: ‚zu der lieben Mutter Gottes‘. Ich sah niemanden und hatte doch die sichere Wahrnehmung, daß ein Kind diese Worte sprach … Es könnte auch sein, daß mir diese Worte aus Kindermund vorgesprochen worden sind, damit ich in der Schrift für Kindsmädchen, womit ich mit gerade beschäftigte, ermahne, daß sie die Kinderseelen lehren, zur lieben Mutter Gottes sich zu wenden.“ Merkwürdig, erst durch diese außergewöhnliche Aufforderung im Halbtraum kommt Stolz dazu, den Kindermädchen die Marienverehrung ans Herz zu legen, wobei dies dann dennoch in dem Buch in einer recht trockenen und knappen Weise geschieht. Darin zeigt sich deutlich, daß er selbst es nicht erlebt hat, wie schön eine fromme Mutter zu ihren Kindern von Maria zu sprechen weiß.

Schulzeit und Studium

Ein unverheirateter Vetter, ein wohlhabender Kaufmann, kümmerte sich mehr als der Vater um den Knaben und hat ihn offensichtlich ziemlich verzogen. Mit elf Jahren kam er auf das Lyceum [Gymnasium] in Rastatt, wo er acht Jahre blieb und nach eigenem Geständnis „ein ziemlich träger Student“ war. Viel zu früh las er im Hause des Vetters Schiller, Wieland, dessen Übersetzung des Shakespeare u.a. In Rastatt las er bei seinen morgendlichen Spaziergängen im Wald Goethe’s Gedichte oder den ersten Teil des Faust. Auch später als Universitätsstudent „stand er sehr früh auf, tat aber weiter nichts als sich unter das Fenster zu legen und seinen Gedanken und Phantasien zuzuschauen“. Noch als Vikar liebte er einsame Spaziergänge, auf denen er Goethe’s Iphigenie oder Uhland’s Gedichte mitnahm. Nach eigenem Geständnis hat er die angenehmsten Stunden seines Lebens in der Einsamkeit verbracht. In einer schon älteren Kurzbiographie liest man:

„Die in seinen jüngeren Jahren erworbenen dürftigen theologischen Kenntnisse hat er auch später zu vervollständigen sich nicht ernstlich angelegen sein lassen. Er erzählt selbst, er habe, nachdem er ‚seine Vorlesehefte gegründet, sich keine größere Mühe gegeben, bei bewährten Schriftstellern das beste zusammenzusuchen, um es bei den Zuhörern nützlich anzulegen, es vielmehr vorgezogen, seine eigenen Ansichten und Einfälle im Kolleg auszusäen‘. Auf seinem Zimmer hatte er zwei nicht sehr geräumige Büchergestelle, in denen mehr geschenkte, als gekaufte Bücher standen; waren sie überfüllt, so verschenkte er davon an arme Studenten; von ‚Büchergelehrten‘ pflegte er mit mitleidiger Verachtung zu sprechen. Aus purer Unwissenheit trug er mitunter Dinge vor, die mit den bei den katholischen Theologen herrschenden Ansichten im Widerspruch standen, so daß, wie er selbst sagt, hie und da seine kirchliche Gesinnung angezweifelt wurde.“

Und das zusammenfassende Charakterbild fällt darin folgendermaßen aus:

„Stolz war ein richtiges Original und gefiel sich darin, ‚nicht wie alle anderen zu sein und soviel wie möglich gegen den Strom zu schwimmen‘. Er war ein frommer und sittenstrenger Geistlicher, aber eigensinnig, ungesellig und zu allen möglichen Sondertümlichkeiten geneigt. Ein altmodischer Rock, ein sehr uneleganter Zylinderhut und große Vatermörder [Der Vatermörder ist ein hoher, nach vorne offener, steifer Hemdkragen, der zusätzlich auf das eigentlich kragenlose Hemd angeknöpft wird.] machten ihn für jedermann kenntlich. Als Professor wohnte er auf zwei einfachen Zimmern und beköstigte sich wie ein Student, bis er 1865 als Pensionär in das Mutterhaus der barmherzigen Schwestern übersiedelte.“

In Freiburg und Heidelberg

Aber begleiten wir diesen überdurchschnittlich talentierten jungen Mann ein wenig auf seinem Lebensweg, wodurch unser Urteil dann auch etwas wohlwollender ausfallen wird als das eben gehörte. Mit kaum 20 Jahren kam Alban Stolz im Herbst 1827 nach Freiburg im Breisgau an die Universität, um „provisorisch“ Theologie zu studieren. In Freiburg wirkten die meisten Professoren ganz im Geist der Aufklärung. Mancher von ihnen war dem Geist der Kirche schon vollkommen entfremdet, weshalb Stolz schrieb, er ließ sich nun drei Jahre „mit dem Stroh und den Disteln der Freiburger Theologie und entsprechender Schriften füttern“. Später wird er diese Jahre in Freiburg zu den traurigsten seines Lebens zählen. Wenn er auch damals noch nicht seinen Glauben verlor, stiegen dennoch vermehrt Zweifel in ihm auf, die durch eine unkontrollierte Vielleserei noch gefördert wurden. Jedenfalls konnte er den Zweifeln nicht mit entsprechend vertieften theologischen Kenntnissen entgegentreten.

Mit Beendigung seiner theologischen Studien trat er nicht ins bischöfliche Konvikt ein, sondern siedelte nach Heidelberg über, wo regelrecht eine Atmosphäre des Unglaubens und der Zweifelsucht herrschte. In seinen Schriften kommt er öfter auf diese Jahre zu sprechen, so schrieb er etwa 1848: „Ich denke zurück nach Heidelberg, an das unendlich qualvolle Ringen meiner Seele dort, an die höllischen Schmerzen und himmlischen Funken, wie sie in wildem Geistesfieber über mich hinwogten.“ Erst viel später ist ihm eine tiefere Einsicht in die geheimen Wege der göttlichen Vorsehung gegönnt gewesen. So schreibt er zwanzig Jahre später in seinem Tagebuch: „Der liebe Gott schenkte mir heute die Gnade, mich an viele große Wohltaten zu erinnern, womit er mein bisheriges Leben ausgestattet hat. Alle Gnaden, welche in seiner wahren Kirche zu finden sind, hat er mir zugewandt. Nachdem eine verderbende Theologie und heillose Lektüre in Zweifel und innerlichen Abfall geführt hatte, hat mir Gott gleichsam Gewalt angetan und mich durch schwere Beängstigungen in Heidelberg zurückgeführt in seine Kirche.“

Die adventliche Gnade der Umkehr

Womöglich sind diese Erlebnisse in Freiburg und Heidelberg der Grund dafür, daß er Zeit seines Lebens von Büchergelehrten mit mitleidiger Verachtung zu sprechen pflegte. Diese notvollen Jahre trieben ihn in selbstquälerische Gedanken, die mit selbstgefälligen wechselten. Erst der 1. Adventsonntag 1831, es war der 28. November, brachte einen völligen Umschwung. In der Lesung der hl. Messe heißt es: „Die Nacht ist vorgerückt und der Tag hat sich genaht; lasset uns also ablegen die Werke der Finsternis und anziehen die Werke des Lichts“ (Röm. 13, 12). Wir wissen nicht genau, was damals in der Seele des jungen Studenten geschehen ist, doch notiert er zwei Tage später in seinem Tagebuch: „Am Sonntag in der Kirche faßte ich den Entschluß und brachte es über mich, wieder katholisch zu sein. Seitdem haucht bisweilen eine ganz wundersame leise Freude mich an, wie wenn ich meine Seele jetzt gerettet in sichern Hafen geführt hätte.“

Etwas später nennt er diese Verwandlung im Tagebuch eine „unermeßliche Gnade Gottes“. Betrachtet man dieses Ereignis vom weiteren Verlauf seines Lebens her, so wird man sicherlich sagen können, daß es Maria war, die ihm diese Gnade der Umkehr erwirkte. Aufgrund der Hilfe der Gottesmutter „faßte er auf einmal den Entschluß, alles Suchen und Grübeln für immer abzutun, sich einfach der Autorität der katholischen Kirche zu unterwerfen und, wenn das Ungeziefer der Zweifel wieder in die Seele krieche, es einfach zu zertreten, statt damit zu disputieren“. Seit dieser Zeit sei er „nie mehr in Glaubenssachen von der katholischen Kirche abgewichen“.

Ein Priesterleben unter dem Schutz Mariens

Eine unmittelbare Folge dieser adventlichen Gnade war der feste Entschluß, seine theologischen Studien in Freiburg zu beenden und Priester zu werden. Die Priesterweihe empfing er am 10. August 1833 von Weihbischof Hermann von Vicari. Mit zwei Neupriestern zusammen unternahm er nach seiner Primiz eine Reise in die Schweiz, wo er auch den Wallfahrtsort Einsiedeln besuchte und sich dem Schutz Mariens empfahl. In einer viel späteren Tagebuchaufzeichnung liest man:

„Nun sind es gerade zwanzig Jahre, daß ich diesen Weg gemacht habe, und ich blicke jetzt zurück auf die abgelaufenen. Ich las heute die heilige Messe in der Kapelle, daß die heilige Jungfrau mich wieder aufnehmen möge als ihren Schützling, daß mir die zwanzig Priesterjahre vergeben werden und später noch schönere, gottgefällige Jahre nach diesen fehlerhaften kommen mögen.“

Kalender für Zeit und Ewigkeit für das gemeine Volk und nebenher für geistliche und weltliche Herrenleute

Unter den Schutz Mariens stellt also Alban Stolz sein Priesterleben, und er wird niemals enttäuscht. Maria führt und begleitet ihn auf seinem ereignisreichen Lebensweg. Auch sein wohl bedeutendstes Werk, den Kalender, verdankt er der Gottesmutter. Er selbst schildert es so: „Im Jahr 1849 erblickte beim Aufwachen meine Seele in sich eine eigentümliche Forderung, fast mit Worten geschrieben. Es war am Tag von Mariä Empfängnis; der Inhalt war ganz präzis: ich solle einen Kalender für das Volk schreiben. Mit dem Gedanken war auch der Antrieb und Wille dazu gegeben.“ Womöglich spielte er in dem Kalender für 1853 auf dieses Ereignis an, wenn er schreibt: „Wenn dir die himmlisch verklärte Gestalt der heiligen Jungfrau in einem süßen Traum erschienen wäre, oder wenn du die Sonne am blauen Himmel flammen siehst, und man würde dir viele Farben hinlegen, du solltest Maria oder die strahlende Sonne malen: würdest du da nicht kleinmütig verzagen und sprechen: Ich kann nicht?“

Das Zeichen für eine wahre, also wirklich von Gott geschenkte Gnade ist die beharrliche Bewegung des Willens zur Tat, zur Ausführung. Alban Stolz spürte diese Gnade auch noch nach Jahren, wie er selbst berichtet: „Ich möchte gern den Kalender ernstlich beginnen für das nächste Jahr – es will aber nicht recht gehen, so daß ich gedachte, für heute denselben auf die Seite zu legen – da fiel mir aber ein, daß es eben doch ein Muttergottestag sei, der Samstag, und daß sie es sei, die mich schon zum ersten Kalender erweckt habe.“ Es ist leicht einzusehen, daß die Abfassung des Kalenders für Stolz sehr bedeutsam war, denn durch diesen wurde er weithin bekannt, was wiederum ganz neue Wirkmöglichkeiten eröffnete.

Eine „vorzügliche“ Pfarrkonkursprüfung

Nur wenige Monate nach der eben geschilderten Gnade griff die Gottesmutter erneut in sein Leben ein. Damals wurde in Freiburg die Pfarrkonkursprüfung eingeführt, die jeder Pfarrer ablegen mußte. Zwar bereitete sich Stolz gewissenhaft auf diese Prüfung vor, war aber dennoch nicht ohne Besorgnis, wie er berichtet:

„Als mich bei dem mündlichen Examen die Reihe traf, ging ich auf dem Gange vor dem Examinationszimmer auf und ab und betete mit Vertrauen den englischen Gruß. Unter den Examinatoren waren auch Hirscher und Staudenmaier, welche ich vorher nie gesehen hatte, wohl aber durch ihre Schriften kannte. Als ich schon geraume Zeit nach Haus zurückgekehrt war und von dem Resultat der Prüfung noch nichts wußte, erfuhr ich durch einen andern Geistlichen zu meiner Verwunderung, daß von allen, welche den Pfarrkonkurs mitgemacht hatten, ich der einzige sei, welcher die Note ‚Vorzüglich‘ bekommen habe. Diese Nachricht bestätigte sich dann wirklich. Einesteils schrieb ich diesen Erfolg bei er Prüfung der Fürbitte der seligsten Jungfrau zu, zumal da ich vielleicht das schlechteste Gedächtnis unter allen Examinanden hatte. Andererseits war derselbe insofern von großer Bedeutung für meine Zukunft, indem diese Note Veranlassung wurde, daß ich später eine Stelle in Freiburg bekam, die der Übergang wurde zu meiner jetzigen Professur.“

Vertrauen auf die Führung Mariens

Für jeden wahren Marienverehrer bewährt sich die Andacht zu Maria durch das Vertrauen in ihre persönliche Führung. Durch Maria findet er zu Jesus und durch Jesus zum himmlischen Vater, der im unzugänglichen Licht wohnt. Dabei wird die himmlische Mutter jederzeit darauf achten, daß ihre Verehrer auch ihre Tugenden nachahmen. Im Tagebuch von Alban Stolz findet sich am 12. Mai 1842 folgende Aufzeichnung:

„Gestern nach der Morgenschule ging ich auf die Höhe hinter der Kaserne müde von den Anstrengungen des Unterrichts. Eine melancholische Stimmung, die mir aber lieb war, hatte ihre Flügel brütend über meine Seele ausgebreitet. Vieles erwog ich in religiösem Sinne, – und es schwebte still und fast traurig der bittende Wunsch zur heiligen Jungfrau, daß ich sie auch gern von Herzen verehren möchte, wie schon so viele es getan hätten, ich wisse aber nicht, wie ich es anstellen solle: da gab es mir Antwort in die Seele hinein. Es ging mir die Erkenntnis auf, still und lieblich, wie der Mond nachts hinter dem Gebirge heraufkommt: die Jungfrau sei die heiligste und herrlichste vor Gott unter allen Menschen, und doch war ihr Leben nur einfach und ohne Glanz. So sei es also ein Wahn von mir gewesen, daß ich bisher geglaubt habe, nur als Missionar oder starker Eiferer durch gewaltige Erfolge meines Wirkens etwas vor Gott werden zu können; und als sei meine jetzige Stelle nicht die rechte, welche für mich bestimmt sei und für mein Streben; das sei Verblendung und Wahn gewesen, vielleicht aus Hochmut entsprungen. Ich solle ruhig und getreu die Pflichten meiner jetzigen Stellung erfüllen, nicht über Träumen von künftigen Taten die Gelegenheit der Gegenwart vergeuden.“

Diese Einsicht formuliert eine Grundlehre bezüglich unseres Wandels in der göttlichen Vorsehung. Nur in der Gegenwart können wir den Willen Gottes erfüllen, nur im jeweiligen gegenwärtigen Augenblick des Tages ist es möglich, konkret mit der Gnade Gottes mitzuwirken – alles andere sind nutzlose Träume. Damit das aber einigermaßen gelingen kann, damit man die göttliche Ewigkeit im jeweiligen Augenblick zu finden vermag, muß man Maria zum Leitstern des eigenen Lebens erwählen. Alban Stolz nahm sich diese Einsicht zu Herzen und dankte fortan der allerseligen Jungfrau für alle empfangenen Wohltaten und ermutigte auch eifrig seine Leser, allzeit dasselbe zu tun. Das Vertrauen in die gütige Führung Mariens war in ihm im Laufe der Jahre so gefestigt, daß er jeweils an Marientagen neue Gedanken erwartete, weshalb er gerne seine Tagebücher hervorholte, um darin zu lesen, was er an vorherigen Festen erlebt hatte. Einmal schrieb er: „Die Bitte ging dahin, daß Maria von der Erkenntnis und der Liebe zu Jesus mir gebe, die sie selbst besitzt.“

Die Hilfe Mariens in verschiedenen Prüfungen

Durch die verschiedenen Prüfungen reifte seine Marienverehrung. Am Abend vor dem Fest Maria Verkündigung 1843 notiert er: „Ich bin nun so überzeugt von dem Schutz Marias und den eigenen Geschenken, die sie mir an ihren Tagen erbittet, daß ich selbst heute in fast kühner Hoffnung mich auf morgen freue, daß auch an den morgigen Tag ein eigenes Ereignis oder eine Gabe des Geschickes sich knüpfen werde, z.B. ein Brief, den ich längst erwartete.“

Wie alle echten Marienverehrer klagt natürlich auch Alban Stolz immer wieder darüber, daß er Maria zu wenig liebe. Spürt man doch die eigene Schwachheit umso mehr, je inniger man sich der Gottesmutter naht. Insofern man nur der Gottesmutter treu bleibt, wirkt sie all jene stillen Wunder der Gnade in der Seele und hilft ihr, die Schwachheiten mehr und mehr zu überwinden. So war es auch bei Alban Stolz. Auf einer Reise nach München im Jahr 1843 etwa kam es mit seinem Begleiter zu einem Streit, der beide gegeneinander aufbrachte. In München besuchte Stolz die Leuchtenbergsche Sammlung und während er ein schönes Marienbild betrachtete „löste sich der Unwille auf wie Nebel im Sonnenstrahl; und ich konnte unschwer den Entschluß fassen, die Empfindlichkeit ganz abzutun und durch zuvorkommende Freundlichkeit auch ihm zur Beruhigung verhelfen. Ja, ich faßte den Willen, der Jungfrau zu Ehren jede, auch künftige Empfindlichkeit zu zerstören; ich will, so oft eine üble Laune gegen andere aufsteigt, an ihr schönes Bild denken, und im Andenken daran freundlich werden gegen jedermann, und so ihr meinen Dank für ihre Fürbitte und mein Verehrungsopfer darbringen.“

Am 8. Dezember 1843 faßt er den Vorsatz, „jetzt auch täglich Jesus und Maria in meinem Zimmer zu verehren – oh erbitte es mir, du Holde und mir fremd Gewordene, daß ich es tue“. Immer mehr wollte er in seinem Innern Jesus und Maria zugewandt sein. Immer mehr wollte er alle seine Bemühungen und vor allem seine priesterlichen Dienste für Jesus und Maria vollbringen. Zwei Jahre später jubelte seine Seele: „Ja, wie ein See in Italien bei schönstem Sonnenschein, beim leichten, leisen Spiel der Luft darüber, so ist jetzt meine Seele sanft und still und heiter, und in ihrer ruhigen Tiefe spiegelt sich das himmlische Doppelgestirn Jesus und Maria.“

Professor der Pastoral und Pädagogik

Eine besondere Prüfung für seine Marienverehrung und ganz besonders sein Vertrauen in die Fürbitte Mariens war seine vorgesehene Ernennung als Professor an der Universität in Freiburg. Seine Feinde setzten nämlich alles daran, diese zu verhindern. Für kurze Zeit schien es, als könnten die Feinde triumphieren, hatte doch die liberale Presse eine regelrechte Hetzjagd gegen ihn veranstaltet. In seinem Tagebucheintrag vom 21. Juni 1847 berichtet Stolz vom unerwarteten Umschwung:

„Da ich gestern erfahren mußte, wie arg und heftig die Feinde gegen mich redeten, um mich für beide Stellen, für Direktion und Professur, unmöglich zu machen, so wurde ich inne, was das heißt: ‚Wer seinen Bruder haßt, der ist ein Mörder‘; denn diese Leute möchten mich moralisch morden und vertilgen, so daß ich und meine Wirksamkeit vor ihnen weggeschafft, etwa in ein fremdes Dorf vergraben würde. Ich habe in diesem Andrang wilder Gehässigkeit mich selbst nicht zum Haß versucht gefühlt, sondern habe meine Seele zu Gott vertrauend und flehend gewendet. Da kam nachts ein Diener, welcher mich aufforderte, zu Minister Bekk zu kommen, er erwarte mich in Schwörers. Als ich vor dem Haus war, fühlte ich einige Verlegenheit. Nun fiel es mir ein, wie ich bei meinem für mich so entscheidenden Pfarrkonkurs auch, bevor ich in das Zimmer der Examinatoren trat, die seligste Jungfrau angerufen habe, worauf dann der wunderbar glückliche Erfolg folgte. Und so rief ich sie vor der Tür wieder an. Als ich im Haus war, wurde ich von Bekk in ein Seitenzimmer genommen, wo sodann die Besprechung vorging, welche sehr lange andauerte. Ich redete mit ganz besonderer Unbefangenheit, ja Freudigkeit, und meine gut auf ihn eingewirkt und fast alle Wolken des Mißtrauens zerstreut zu haben.“

Der Eindruck hatte Alban Stolz nicht getäuscht, Minister Bekk stand seit dem Gespräch zu seiner Ernennung, wenn es auch noch einige Monate dauerte, bis er schließlich im August 1848 als Professor der Pastoral und Pädagogik angestellt wurde.

Wen Gott liebt, den prüft Er

Bei den großen Entscheidungen seines Lebens stand ihm also die Gottesmutter immer zur Seite, und auch weiterhin wird sie ihn selbstverständlich begleiten, die getreue Jungfrau, denn Gott erspart Seinen Söhnen die Prüfungen nicht. Schließlich reift nur im Leid die Liebe zu Gott. Dementsprechend schreibt er am Karfreitag 1860 in sein Tagebuch:

„Ich bin gegenwärtig von mancherlei Leid umgarnt. Zuerst kamen wochenlang die wütenden Zeitungsartikel gegen mich; die Verfolgungssucht und Grimm, welcher vorher gegen das abstrakte Konkordat ging, hatte in mir eine konkrete Person gefunden – dann kam die höchst bösartige, beleidigende Erklärung der Professoren gegen mich – dann wurde ich vom Staatsanwalt in Anklagezustand versetzt – einige Zeit vorher ängstigte mich die Todeskrankheit meines Bruders – monatelang schon quält mich ein krummes Auge, welches mir die Gegenstände verzerrt und die Gesichter als Karikatur zeigt – nun kam noch das gemeinsame Leid für alle gläubigen Katholiken des Landes schroff nach den besten Hoffnungen, die Nachgiebigkeit des Großherzogs in der Konkordatsangelegenheit. All diese Plagen würden mich wahrscheinlich weniger affizieren [berühren], wenn ich nicht zugleich müde wäre an Leib und Seele. Der ungewöhnlich lange Winter, die Fastenzeit und eine Art Welkheit, vielleicht infolge anrückenden Alters, benehmen mir jene Spontanität, welche ich in früheren Jahren gehabt haben mag. Dafür ist mir in gewisser Qualität Gott näher geworden, ich meine für ihn und sein Einstrahlen durchsichtiger geworden zu sein.“

Immer wieder bewahrheitet es sich: Wen Gott liebt, den prüft Er. Dabei sollen aber dem Menschen all diese göttlichen Prüfungen zum Segen werden, sie sollen die Seele fester und tiefer mit Gott verbinden, wie es auch bei Alban Stolz der Fall war. Den äußeren Anfeindungen und den inneren Prüfungen folgte die Gnade der immer vollkommeneren Ergebung in den Willen Gottes. Was die innere Größe dieser Seele wohl am deutlichsten offenbart, ist die Tatsache, daß ihn der Ruhm nicht ruhmsüchtig und aufgebläht machte. Auch in den Zeiten des Ruhmes gab er sich ganz Gott und Maria zu eigen. Dabei spürte der begabte und erfolgreiche Schriftsteller Alban Stolz natürlich durchaus die daraus sich ergebende Versuchung in sich. In seinem Tagebuch findet sich am 6. Mai 1848 folgender Eintrag: „Signatur meines gegenwärtigen Lebens sei: Ich bin äußerlich und innerlich reichlicher begabt als Millionen Menschen und fühle mich dennoch weniger glücklich.“ Einige Tage später liest man: „Ein großes, mächtiges Verlangen zu Gott regt sich in mir; es ist kein Heimweh zu sterben, es ist ein Drängen, noch einmal aufzustehen und einen neuen Lauf zu beginnen nach kräftiger Tugend und tüchtiger Tat für Gottes Reich.“ Zuweilen riß ihn seine Begeisterung sogar ganz mit sich: „Heute predigte ich von Gottes Größe. Es ergriff mich ein wundersames Strömen in die Höhe, wie wenn aller Nervengeist oder die Seele sich vom Leibe losrisse, oder wie wenn ein fremder gewaltiger Geist mich packte mit Leib und Seele. Es war ein schauderhaftes, nicht angenehmes und nicht unangenehmes Gefühl; ich konnte nicht fortreden, die Stimme wurde unterbrochen und dumpf. Eine Stille herrschte, ich war fast wörtlich außer mir.“

Jede große Begabung, jede Genialität hat ihre eigenen Gefahren. Das zeigt sich auch im Leben und in den Schriften des Alban Stolz. Zu denken ist etwa an seine einseitigen Urteile über Kunst und Mystik und seine übertriebene Vorliebe für das Düstere, Traurige oder selbst das Gewöhnliche und Abstoßende. Womöglich spiegelt sich darin auch seine Erziehung wider, hat doch seine Mutterstelle vertretende Schwester, wie wir gehört haben, niemals gelacht. So fehlt auch seinen Schriften oft jener heitere Zug lachender Freude und heiliger Fröhlichkeit.

Schönste Schriftstellerei

Wobei man dem Priester und Schriftsteller zugestehen muß, daß er niemals ein bloßer Stubengelehrter wurde, der sich hinter seinen Büchern verkroch. In einer Betrachtung aus dem Jahr 1847 schreibt er: „Es ist viel wert, ein schönes Buch zu schreiben, und es ist dieser Gedanke und diese Lust mir schon manchmal ein Abhalt gewesen, in meinem Berufsgeschäft so entschieden und fleißig zu sein. Ist es aber nicht auch ein schönes Buch geschrieben: einen Menschen, einen künftigen Geistlichen mit guten Gedanken, Gesinnungen und Gewohnheiten gleichsam vollgeschrieben zu haben? Und kann je das beste Buch so viel Gutes in der Welt ausrichten, als ein wahrer Christ und Geistlicher es kann und wird? Darum ist gewiß das die schönste Schriftstellerei: gute Christen und gute Geistliche bilden.“ Als Professor an der Universität hatte er jedenfalls zu dieser schönsten Schriftstellerei viele Gelegenheiten.

Ignatianische Exerzitien 1854

Eine besondere Gnadenzeit wurden dem Priesterschriftsteller die Jahresexerzitien 1854. Nur mit Widerwillen hatte er sich zunächst dazu entschlossen, in das Jesuitenkolleg nach Issenheim zu gehen, um dort in der Weltabgeschiedenheit mit seiner Seele zu Rate zu gehen und eine Generalbeichte abzulegen. Die arbeitsvollen Jahre hatten ihn ins Grau des Alltags hinabgezogen und unmerklich innerlich lau werden lassen. Da wurde ihm der hl. Ignatius mit seinen Exerzitien ein hl. Begleiter zur Wiedererlangung der wahren Seelenfreude. Im Tagebuch hallen diese Gnadentage selbstverständlich besonders nach:

„Hier machte ich die Erfahrung: ‚es schauert mich vor Freude‘ – und heute strahlt Hoffnung in meine Seele wie noch nie. Freilich ist es heute ein religiöses Freudenmahl, was mir Gott vorsetzt; zu anderen Zeiten wird mich Gott auch zur Arbeit rufen und Werktage kommen lassen … Oh Gott, dich lieb‘ ich vieltausendmal! Und es kam mir im Abendgottesdienst die wunderliche Bitte: Laß mich ein Narr werden vor der Welt – Gott möge mich so seine Liebe nachahmen lassen, daß mich die Welt für verrückt ansieht … O Gott, dich lieb ich vieltausendmal! so klingt es heute in der Seele, wie wenn sie eine Saite wäre, durch welche der Odem eines himmlischen Geistes weht. Wie reich hat mir Gott die bitteren Augenblicke der Karwoche bezahlt! Gott hat mir gezeigt, wie wohl er es mit dem Menschen meint, dessen ganzes Leben er zu einer Karwoche macht, um dann den ewigen Ostertag darauf folgen zu lassen. Wie mir Gott gestern den glückseligsten Tag meines Lebens geschenkt, so zeigte er mir heute in wahrer Mannigfaltigkeit, wie väterlich auch für meine äußeren Verhältnisse er alles bestens leitet…“

Hierzu noch eine recht interessante Bemerkung, die Alban Stolz im „Nachtgebet“ anführt: „Die nächste Folge dieser Erneuerung bestand darin, daß ich gewissenhafter kirchliche Vorschriften beobachtete, die mir früher lästig vorkamen. Ich glaube auch, daß ich von dieser Zeit an bisweilen auch an Werktagen die heilige Messe las.“ Da wird der Eiseshauch der Aufklärungszeit deutlich: Viele Priester lasen nicht jeden Tag die hl. Messe, sondern nur sonntags! So wenig bedeutete ihnen das hl. Meßopfer.

Der Rosenkranz

Eine weitere Folge der ignatianischen Exerzitien in Issenheim war eine größere Liebe zum hl. Rosenkranz. „Ich habe schon zwei höhere Beamte kennen gelernt“, so schreibt er 1859, „welche allmählich dazu kamen, daß ihnen das Rosenkranzgebet das liebste Gebet wurde – nachdem beide früher demselben wenig geneigt waren, wahrscheinlich aus Vorurteil. So ging und geht es auch mir.“ Damals war es wie heute: Die Vorurteile des Modernismus gegen Maria lassen den Rosenkranz verschwinden. Es kam sogar schon vor, daß in einem modernistischen Seminar allein das Beten des Rosenkranzes ein Grund für die Entlassung war. Auch bei Alban Stolz klingt dieser Geist zuweilen noch nach, wenn er etwa feststellt: „Zu meiner Verwunderung fand ich selbst Geschmack an dem Rosenkranzgebet: dieses einfache, wiederkehrende Grüßen, Andenken und Bitten wirkt auf die Seele wie das anhaltende Läuten einer schönen Glocke.“

Es brauchte lange, bis alle Vorurteile überwunden waren. Gegen Ende seines Lebens jedoch wurde der Rosenkranz immer mehr sein liebster Begleiter. Aufgrund seiner fast vollständigen Erblindung war es ihm nicht mehr möglich, das kirchliche Stundengebet zu verrichten, weshalb er am 24. April 1876 in sein Tagebuch schreibt: „Ich bin durch die Unmöglichkeit das Brevier zu lesen genötigt, statt dessen täglich drei Rosenkränze zu beten. Zunächst sehe ich wohl ein, daß ich damit besonders der Mutter Gottes zugewiesen bin; allein das Bedenken kam mir schon, ob denn dieses einförmige Gebet ein Genüge sei für den reichen Inhalt des Breviers. Nun kommt mir eine befriedigende Einsicht über die Bedeutung des Rosenkranzes, insoweit ich als Priester in kirchlichem Gehorsam denselben bete…“ Etwa ein Jahr früher notiert er das ergreifende Eingeständnis: „Ich habe heute wohl den besten Rosenkranz gebetet. Es gelang mir zum erstenmal, oder wurde mir vielmehr geschenkt, daß der Englische Gruß und die Geheimnisse großenteils begleitet und vergeistigt waren durch Gedanken und Stimmungen der Liebe Gottes. Dieser Rosenkranz ist mir gleichsam ein neues, bisher unbekanntes Geschenk der Gnade Gottes – es ist mir beinahe unbegreiflich, wie Gott einen alten Menschen, der so zahllose Gnaden ungenutzt verwahrlost hat, immer wieder aufs neue noch mit so großer Güte, als wäre ich ein unschuldiges Kind, behandeln mag.“

Wer sich Maria völlig geschenkt hat, dem gehört auch Maria ganz an

Erst spät war Alban Stolz zu einer wahren und tiefen Marienverehrung gekommen. Sobald diese jedoch in seiner Seele Wurzel gefaßt hatte, wuchs sie stetig zu einer schönen Blume der Andacht empor. Der hl. Ludwig Maria Grignion von Montfort gibt im Goldenen Buch zu bedenken:

„Die allerseligste Jungfrau läßt sich als Mutter der Güte und Barmherzigkeit selbstredend niemals an Liebe und Freigebigkeit übertreffen. Wenn sie nun sieht, daß man sich ihr ganz schenkt, um sie zu ehren und ihr zu dienen, daß man sich des Liebsten, was man hat, entäußert, um sie selber damit zu schmücken, so schenkt sie sich auch ganz und gar demjenigen, der ihr alles schenkt. Sie versenkt ihn in den Abgrund ihrer Gnaden, schmückt ihn mit ihren Verdiensten, stützt ihn mit ihrer Macht, erleuchtet ihn mit ihrem Lichte und umfängt ihn mit ihrer Liebe; sie teilt ihm ihre Tugenden mit, ihre Demut, ihren Glauben, ihre Reinheit usw.; sie macht sich zu seinem Unterpfand, ersetzt alle seine Mängel und Fehler, und wird ihm sein ein und alles bei Jesus. Kurz, wer sich Maria völlig geschenkt hat, dem gehört auch Maria ganz an. Von einem solch vollkommenen Diener und wahren Kind Mariä gilt daher, was der Evangelist Johannes von sich sagt, daß er für alle seine Güte Maria ganz und gar zu eigen empfangen habe. Accepit eam discipulus in sua (Joh 19, 27).”

Alban Stolz‘ marianisches Vermächtnis

Diese Erfahrung spiegeln auch viele Aufzeichnungen Alban Stolz‘ wider. Mit dem Jahr 1871 werden seine Worte an und seine Ausführungen über Maria immer herzlicher und lassen eine innige Liebe erkennen. Anstatt den Namen zu nennen, spricht er gewöhnlich von der „lieben Mutter Gottes“, welche sozusagen die Hausmutter der ganzen Welt ist, und der darum von allen höchste Verehrung gebührt. Immer tiefer erfaßt er auch den eigentlichen, den theologischen Grund für unsere Marienverehrung. „Es ist wahrhaft merkwürdig“, so schreibt er, „wie groß der Unverstand der Protestanten und solcher Katholiken ist, welche gleichsam mit Unbehagen und Abneigung betrachten, wie allgemein und innig die Mutter Gottes in der katholischen Kirche verehrt und angerufen wird. Dieser Mangel an der Hochschätzung der seligsten Jungfrau kommt offenbar daher, weil sie die unermeßlich tiefe Bedeutung von der Glaubenswahrheit nicht kennen, daß die zweite Person in Gott nicht nur die menschliche Natur angenommen hat, sondern sie auch beibehält in alle Ewigkeit: daß aber die menschliche Natur entnommen ist der heiligsten Jungfrau und sie daher nicht nur die Mutter Gottes geworden, sondern auch Mutter Gottes bleibt in aller Hoheit und Würde in Ewigkeit, d.h. solange Christus Gottmensch bleibt. Er sagt auch selbst, daß der Menschensohn auf den Wolken des Himmels kommen werde, womit ausgesprochen ist, daß er selbst in der höchsten Verherrlichung vollständig, wie Gott, so auch Mensch bleibt, sonach auch der Sohn Mariä es ist, der die Welt richten wird.“ Was er am Ende seines Lebens den Mitgliedern der Marianischen Priesterkongregation ans Herz legt, kann man sicherlich ganz zurecht sein marianisches Vermächtnis nennen:

„Vergessen wir nicht, daß außer der Förderung unseres eigenen Seelenheiles auch die Förderung der Verehrung und Anrufung der seligsten Jungfrau Maria Aufgabe und Zweck der Kongregation ist. Die Lage und die persönlichen Verhältnisse des einzelnen der Mitglieder sind verschieden, somit auch die Art und Weise, wie und inwieweit er für die wahre Verehrung der Jungfrau Maria wirksam sein kann. Wenigstens aber müssen alle das Bestreben in sich immer wieder auffrischen, das Mögliche hierin zu tun. Die Liebe macht auch hierin erfinderisch, während Lauheit oder Kälte in solchen Dingen blind und lahm macht.“

Um die Ehre der lieben Gottesmutter zu verbreiten, war Alban Stolz auch bereit, Hohn und Spott dafür zu erdulden. In seinem Kalender für Zeit und Ewigkeit des Jahres 1858 wollte er über das „Gegrüßet seist du Maria“ schreiben. „Allein Hirscher“, so berichtet er, „riet mir dringend davon ab, indem meine Gegner auch dieses zum Hohn benützen würden, daß ein Universitätsprofessor sich mit Marienkalendern abgebe. Dazu kam noch, daß ich eben durch meine alle Zeit und Kräfte fordernde Aufgabe, Kolleghefte anzufertigen, gehindert war, nebenher noch einen rechtschaffenden Kalender zu verfassen.“ Aber das Kind Mariens schlug alle menschlichen Einwände und kleinlichen Bedenken in den Wind. Tatsache ist: Trotz der vielen Arbeit und der widrigen Umstände gehört dieser Kalender für das Jahr 1858 mit zu seinen besten Schriften. Ja, Maria hat ihrem Sohn den Mut gedankt, mit dem er für sie eingetreten ist.

Die Verehrung der Gottesmutter eröffnete dem Priester Alban Stolz nicht nur immer neue und tiefere Einsichten in die Geheimnisse unseres hl. Glaubens, sondern auch ein tieferes Verständnis der geheimnisvollen Zusammenhänge der verschiedenen Glaubenslehren. So formt sich in seinem religiösen Leben immer mehr eine neue, eine irdische Trinität: Der Heilige Geist, das Altarsakrament und Maria. In einer Betrachtung zum Dreifaltigkeitsfest 1876 heißt es:

„Für mich hat sich ein anderes religiöses Dreigebild gestaltet, das mich andächtig und tröstend anspricht, gleichsam eine Dreifaltigkeit für das irdische Leben, bevor die allerhöchste Dreifaltigkeit zu schauen ist. Diese besonders tröstliche und liebliche Dreiheit, welche aufs innigste ineinander verflochten und doch wesentlicher noch als die drei Personen in der Gottheit von einander verschieden ist, sind: der Heilige Geist, die heilige Jungfrau Maria und das allerheiligste Altarsakrament. – Eigentümlich, gleichsam wunderbar, sind diese drei heiligsten Wesen, wie ein von zwei Zweigen geflochtener Kranz ineinandergewoben in dem ersten Rosenkranz. Alle Worte davon sind Ausprägungen der drei Ideen: der Heilige Geist, die Mutter Gottes und der Menschensohn.“

Schluß

Übergeben wir zum „Schluß“ unserer Gedanken das Wort dem Autor unserer Vorlage, Dr. Paul Reinelt:

„Die Verehrung Mariens nimmt also in dem Leben des Alban Stolz einen breiten Raum ein und hat hinter der Verehrung des Altarsakramentes den ersten Platz in der Skala seiner Gefühle. Nur diese beiden Andachten vermochten schließlich allein die Tiefe seiner gemütvollen Seele auszufüllen. Mehr als andere Menschen hatte Stolz die Hilfe Mariens erfahren und deutlicher als andere erkannte er auch ihre leitende Hand. Anfangs ließ er sich willenlos führen; dann wandte er sich mit seinem scharf forschenden Verstande dem Quell seiner Hilfe zu und begann auch in der Öffentlichkeit durch Predigt und Schrift lautes Zeugnis für seine Verehrung Mariens abzulegen. Diese Andacht zu ihr war seinem Herzen um so teurer, weil er durch eigene Erfahrung dazu gelangt war, nachdem die Erziehung im Elternhause und seine Studien ihn ohne Kenntnis der Bedeutung Mariens gelassen hatten. Schon in der zweiten Periode seines Lebens fand er in seinen Tagebüchern herzliche Worte für sie, und als das letzte von seinen Tagebüchern der Öffentlichkeit die Liebe des Verfassers zu Maria kundtat, war Stolz selbst schon ein einsamer Mann, in dessen Herzen das Fünklein Liebe zu Maria aus der ersten Periode seines Lebens zur lodernden Flamme geworden war. Maria war ihm nun Trost und Hilfe und das Bindeglied zwischen beiden war der Rosenkranz, das letzte der großen Gnadengeschenke Gottes an ihn. Willig stellte er seine reichen Talente in den Dienst Mariens. Um auch nach dem Tode noch ein Herold ihres Ruhmes zu sein, ließ er auf dem Stein über seinem Grabe in der Friedhofskapelle zu Bühl die Worte meißeln:

Alban Stolz

Wer das Glück hat, ein gläubiger katholischer Christ zu sein, der möge hier Gott zu Ehren und Ihm zum Danke das liebe Vaterunser beten und den Englischen Gruß und dabei auch meiner armen Seele gedenken.”

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