Der heilige Vianney – Vorbild für die Weltpriester (10)

Der zehnte Teil unserer Betrachtung über den heiligen Johannes Maria Vianney, den “Pfarrer von Ars”, als Vorbild für die Weltpriester behandelt das Thema…



Heilige Priesterfreunde

Ein hl. Priester ist immer auch ein außerordentliches Gnadengeschenk Gottes an die ganze Kirche. Denn dieser wird niemals allein, also nur für sich heilig werden, sondern er wird durch sein priesterliches Wirken vielen Seelen zum Segen. Was aber wird erst alles im Reiche Gottes gewirkt werden, wenn zwei hl. Priester sich kennenlernen und einander auf dem Weg zur Vollkommenheit gegenseitig stützen und aneifern? Wie beeindruckend muß das sein! Der hl. Pfarrer von Ars hatte nicht nur hl. Freunde im Himmel, allen voran die Gottesmutter und die hl. Philomena, er hatte auch einen heiligmäßigen Priesterfreund, nämlich Pierre-Julian Eymard.

In der Bulle zur Seligsprechung Pierre-Julien Eymards am 12. Juli 1925 schrieb Papst Pius XI.: „Die Heiligkeit seines Lebens und den Nutzen der von ihm gegründeten Werke für das Wohl der Kirche bestätigte öffentlich der hl. Johannes Maria Vianney, den wir am Pfingstfest feierlich in das Verzeichnis der Heiligen aufgenommen haben. Kein Wunder, daß der Ruf der Heiligkeit, den der Diener Gottes wegen seiner glänzenden Tugenden bereits zu seinen Lebzeiten besaß, seit seinem Tode bis auf den heutigen Tag ständig wuchs.“

Pierre-Julien Eymard

Wer war Pierre-Julien Eymard? Julian Eymard, der Vater, hatte insgesamt zehn Kinder, von denen jedoch schon acht in jungen Jahren starben und er adoptierte ein elftes. Herr Eymard hatte im Jahr 1785 Johanna-Maria Caix geheiratet und ließ sich in Freney, dem Wohnort seiner Frau im Oisans-Tal, nieder. Sie bekam sechs Kinder, von denen vier sehr früh starben. Mit Fleiß und Einsatz arbeitete er in der Landwirtschaft und brachte es zu einem gewissen Wohlstand. Die im Jahr 1789 ausgebrochene Revolution hatte es nicht nur auf König und Reich, sondern auch auf die katholische Kirche abgesehen. Eymard gewährte während der Schreckenszeit verfolgten Priestern Unterschlupf, weshalb er schließlich Freney verlassen mußte.

Da drei von seinen sechs Kindern sich bereits selber ihr tägliches Brot bei anderen Bauern verdienen konnten, ließ er sie zurück und die zwei kleineren brachte er bei Verwandten unter. Mit seiner jüngsten Tochter Marianne zog er im Jahr 1804 von Freney fort und ließ sich als Scherenschleifer in La Mure, einem Marktflecken von etwa 1800 Einwohnern nahe Grenoble, nieder. Dort gab es Arbeit genug. Schon bald reparierte er nicht nur alte Scheren und Messer, sondern hatte auch als Messerschmied beachtlichen Kundenzulauf.

Am 27. November 1804 heiratete Eymard Maria Magdalena Pélorce. Diese war ein fleißiges und ehrsames Bauernmädchen, das wie seine erste Frau aus Freney stammte. Alles schien sich zum Guten zu wenden, aber dann verstarben in weniger als fünf Jahren sieben Kinder: vier aus der ersten Ehe und drei aus der zweiten. Als ihr viertes (und letztes) Kind, Pierre-Julien, am 4. Februar 1811 geboren wurde, lebten nur mehr zwei Halbgeschwister: der 17jährige Anton und die knapp 12jährige Marianne. Marianne und Anton übernahmen auch bei der Taufe des Neugeborenen am 5. Februar das Patenamt.

Die Mutter hatte die Gewohnheit, jeden Tag für ein paar Minuten in die Kirche zu gehen und niederzuknien, wobei sie in ihrer Schürze den kleinen Pierre-Julien bei sich trug. Sobald das Kind laufen konnte, begleitete es eifrig seine Mutter in die Kirche und ging bald auch allein mehrmals am Tag dorthin. Die Mutter überraschte ihren kleinen Sohn einmal hinter dem Altar auf einem Schemel mit dem Kopf gegen das Tabernakel gelehnt. „Das ist, weil ich horche, und ich höre ihn von hier aus besser“, erklärte Pierre-Julien. Von Kindheit an hatte eine ungewöhnliche Zuneigung zum Allerheiligsten Altarsakrament in seinem Herzen Wurzeln geschlagen. Da in der Gegend viele Nußbäume wuchsen, hatte sein Vater den Wunsch, daß sein Sohn Nußölhersteller würde. Darum baute er schon einmal eine Ölpresse.

Bei der Erstkommunion mit bereits 12 Jahren vernahm Pierre-Julien zum ersten Mal den Ruf zum Priesteramt. „Welche Gnade hat mir der Herr an diesem Tag erwiesen!“, rief er noch dreißig Jahre später unter Tränen aus. Als er bei der ersten Kommunion den Heiland in seinem Herzen trug, sprach er zu ihm: „Ich will Priester werden; ich verspreche es Dir.“ Der Vater wollte davon jedoch zunächst nichts wissen, brauchte er doch seinen Sohn zuhause.

Im Marien-Heiligtum Unserer Lieben Frau von Laus lernte Pierre-Julien Pater Touche, einen Oblaten der Unbefleckten Jungfrau Maria, kennen. Dieser erkannte sofort die Berufung Pierre-Juliens zum Priestertum und riet ihm, Latein zu lernen und häufiger zur hl. Kommunion zu gehen. Schließlich lernte Pierre-Julien den Pfarrer Desmoulins kennen, der von Herrn Eymard die Erlaubnis erhielt, ihn mit nach Grenoble zu nehmen und im Gegenzug für einige Dienstleistungen unentgeltlich studieren zu lassen. Während des Studiums in Marseille erkrankte er jedoch schwer, so daß man schon um sein Leben bangte. Schließlich brachte man ihn zu seinem Vater zurück, wo er sich wieder langsam erholte. Nach seiner vollständigen Genesung setzte Pierre-Julien sein Studium in Grenoble fort. Dort lernte er Eugène de Mazenod, den Gründer der Oblaten Mariä, kennen. In Grenoble wurde er auch am 20. Juli 1834 im Alter von 23 Jahren zum Priester geweiht.

Eine neue Kongregation

Zunächst war er als Weltpriester in der Diözese tätig, erkannte aber immer mehr seine Berufung zum Ordensstand. Am 20. August 1839 trat er bei den Maristen ein. Das war aber nur eine Zwischenstation, denn Gott hatte ihn für etwas anders berufen, nämlich eine Kongregation zu gründen, die sich der Anbetung des Allerheiligsten Sakraments weihte. Bei einer Audienz bei Pius IX. versicherte ihm der Papst: „Ihr Werk kommt von Gott, davon bin ich überzeugt. Die Kirche braucht es.“ Bis zur Gründung der neuen Kongregation waren zahlreiche Hindernisse zu überwinden, wobei ihm, wie wir noch sehen werden, der hl. Pfarrer von Ars besonders beistand! Schließlich wurde am 3. Juni 1863 die Kongregation Pater Eymards von Pius IX. anerkannt.

Sicherlich ganz im Sinne des hl. Pfarrers von Ars sagte Pater Eymard: „Dem Zeugnis des Wortes Jesu Christi fügt die Kirche das Zeugnis ihres eigenes Beispiels, ihrer Glaubenspraxis hinzu. All die herrlichen Kathedralen sind Ausdruck ihres Glaubens an das Allerheiligste. Die Kirche wollte keine Gräber bauen, sondern Tempel, einen Himmel auf Erden, in denen ihr Heiland, ihr Gott, einen würdigen Thron finden kann. Mit eifersüchtiger Achtsamkeit hat die Kirche den Kult der Eucharistie bis in die kleinsten Einzelheiten geregelt; sie vertraut die Sorge, ihren göttlichen Bräutigam zu ehren, niemand Anderem an: Denn alles ist groß, alles ist wichtig, alles ist göttlich, wenn es um den gegenwärtigen Jesus Christus geht. Die Kirche will, daß das Reinste in der Natur, das Kostbarste in der Welt dem königlichen Dienst an Jesus geweiht ist.“

Die Gründung seiner Kongregation war mit vielen Rückschlägen verbunden, die der Selige alle in heldenhafter Weise ertrug. Sein Landsmann und Freund Baret, der zur selben Zeit im Priesterseminar Theologie studierte, legte folgendes Zeugnis für ihn ab: „Er war ein sehr energischer Mann und trotz seines quecksilbrigen Charakters von engelgleicher Sanftmut. In seinen Kindes- und Jugendjahren gewann manchmal seine Lebhaftigkeit über seinen Willen und seine Sanftmut die Oberhand.“

Für den Aufbau seiner Kongregation verzehrte sich P. Eymard bis zur Erschöpfung. Es war am Abend des 21. Juli 1868 als er ausgemergelt, abgemagert und unfähig, auch nur die geringste Nahrung zu sich zu nehmen, in seinem Elternhaus in La Mure eintraf. Ohne ein Wort begab er sich mühsam ins Bett. Der Pater beichtete und am Samstag, dem 1. August, empfing er um ein Uhr morgens die Letzte Ölung. Gleich nach Tagesanbruch las ein Pater seiner Kongregation die hl. Messe in seinem Zimmer und reichte ihm die hl. Kommunion als Wegzehrung. Man brachte ihm das Bild U.L.F. von La Salette, das er an sein Herz presste. Am frühen Nachmittag tat er seinen letzten, kaum vernehmlichen Atemzug. Er starb mit 57 Jahren in demselben Haus, in welchem er geboren war.

Der hl. Pfarrer von Ars war 25 Jahre älter als P. Eymard. Bei der Priesterweihe Vianneys durch Bischof Simon am 13. August 1815 war Julien Eymard erst 4 Jahre alt. P. Eymard hat wohl zum ersten Mal Anfang 1838 von Vianney gehört, als er Pfarrer in Monteynard war. Damals riet ihm P. Touche O.M.I. (Oblate), den im Ruf der Heiligkeit stehenden Pfarrer von Ars zu besuchen. Er erzählte P. Eymard zudem von der eben erst neu gegründeten Kongregation der Maristen durch P. Colin am 24. September 1836. Diese Nachricht über die Maristen ließ Eymard aufhorchen, fühlte er sich doch schon seit langem zum Ordensstand hingezogen.

Wann der Pfarrer v. Ars zum ersten Mal von P. Eymard hörte, läßt sich nicht genau sagen. Aber wahrscheinlich ist es ihm nicht entgangen, als Eymard zum Spiritual des Seminars in Belley ernannt wurde (nach seinem verkürzten Noviziat kam Eymard im Febr. 1840 dorthin und blieb bis Sept. 1844). Weil Ars in derselben Diözese lag und beide Priester dort gut bekannt waren, hat der Heilige höchstwahrscheinlich auch davon gehört. Sicher ist jedenfalls, daß P. Eymard im Dezember 1845 zum Direktor des III. Ordens ernannt wurde. Als solcher war er für den gerade erst gegründeten Zweig für Priester zuständig. Nun war aber eines der ersten Mitglieder, das in den III. Orden aufgenommen wurde, Johannes Maria Vianney. Vianney war natürlich im III. Orden gern gesehen. Seinerseits hat er auch viele dazu ermuntert, ebenfalls in den III. Orden der Maristen einzutreten. „Gehen Sie zum III. Orden und lassen Sie sich aufnehmen, er ist eine Quelle des Friedens“, so das Urteil des Heiligen.

Briefwechsel zwischen Heiligen

Sobald P. Eymard begann, den III. Orden auch auf andere Pfarreien auszudehnen, war Johannes Maria Vianney der Erste, der P. Eymard um die Erlaubnis dafür bat, die zur Gründung eines solchen Zweiges notwendig war. Im folgenden Brief, der im Kirchenarchiv von Ars gefunden wurde, heißt es:

„Lyon, 25. September 1854 Guter Pfarrer und teurer Mitbruder in Maria! Mit Freuden sende ich Ihnen das Diplom, das Ihnen alle Vollmachten erteilt zur Aufnahme von Anwärtern in den III. Orden Mariens vom Innerlichen Leben. Unser Generaloberer hat es mit einer wahren Genugtuung unterschrieben. Verlangen Sie von den aufzunehmenden Personen, soweit es möglich ist, wenigstens eine Viertelstunde Betrachtung. Heute fahre ich nach La Seyne bei Toulon ab. Segnen Sie mich und beten Sie für mich. Ich habe Vertrauen, daß die hl. Philomena meinen empfindsamen Kopf heilen wird; aber seit dem Ende der Novene ging es mir gut. Leben Sie wohl, guter Pfarrer und verehrter Bruder! Im Herrn verbleibe ich Ihr ergebenster EYMARD Maristenpater“

(Unveröffentl. Briefe P. Eymard’s, Teil A, S. 151)

In dem Brief fällt uns natürlich der Hinweis auf die Novene zur hl. Philomena auf, welche P. Eymard offensichtlich wegen eines Kopfleidens anrief. Wie unser Biograph Trochu schreibt, war es der Pfarrer von Ars, der P. Eymard gelehrt hatte, diese kleine Heilige besonders zu lieben. Zudem kannten beide das Fräulein Pauline Jaricot sehr gut, die uns ebenfalls schon als große Verehrerin der hl. Philomena begegnet ist. Von dieser erhielt höchstwahrscheinlich auch P. Eymard eine Reliquie der hl. Philomena. Später schenkte er diese Reliquie der Familie Guillot – und zwar kurz bevor er die Gesellschaft der Maristen verließ.

Erst im Jahr 1974 wurde ein Brief gefunden, der vom Pfarrer v. Ars geschrieben wurde und an P. Eymard adressiert war. Herr Robert Morel, ein Experte von Vianney’s Briefen, prüfte das Schreiben und erklärte, der Brief sei Ende 1854 oder Anfang 1855 geschrieben worden.

„Mein sehr geehrter P. Superior!
Wie haben Sie darunter leiden müssen, wenn ich an diese große Liebe denke. Daß ich beinahe zu Ihren Kindern gehöre, läßt mein Herz vor Freude überlaufen; dies vermittelt mir eine tiefe Hochachtung Ihrer Demut, wo ich doch so armselig bin, wie Sie wissen.
Ich wünsche Ihnen also zusammen mit allen Ihren Kindern ein schönes Fest, nicht nur, um Ihnen ein langes Leben zu wünschen, sondern auch eine Liebe gleich jener des Aloisius von G. und einen ausgedehnten Seeleneifer wie jener des hl. Paulus. Was mich betrifft, so habe ich nur den einen Wunsch, mich in einen Winkel zu verkriechen, um mein armes Leben zu beweinen und zu versuchen, Gottes Vergebung für meine Unwissenheit, Scheinheiligkeit und Gaumenlust zu erlangen. Wie viel Arbeit! Wie viel Buße bleibt noch zu tun, wie viel Tränen zu vergießen! Verzeihen Sie, verehrter Pater Superior, daß ich Ihre Zeit in Anspruch nehme; sie ist für das Heil der Seelen kostbar. Nehmen Sie lediglich aus Nächstenliebe meine innigsten Glückwünsche und Gebete entgegen. Möge mir Jesus verzeihen, und preisen wir Maria, die sündenlos Empfangene.
Joh. M.B. Vianney
armer und alter Pfarrer von Ars“

Der heilige Pfarrer von Ars und Maximin von La Salette

Im September 1846 war in La Salette, das zur Diözese Grenoble gehört, die hl. Jungfrau Maria zwei Kindern, Maximin und Melanie, erschienen. Die Ereignisse von La Salette erhitzten damals die Gemüter sehr, und groß war der Widerstand gegen die Erscheinung – auch unter dem Klerus. P. Julien Eymard war von der Echtheit der Erscheinung vollkommen überzeugt und wurde ein eifriger Verteidiger derselben. Wie wir wissen, glaubte anfangs auch Johannes Vianney sehr fest daran. Das änderte sich jedoch im Jahr 1850. Wie uns Dr. Francis Trochu berichtet, kam das so:

„In den Dienstagabendstunden des 24. September 1850 fuhr der Arser Wagenhalter Franz Pertinand am Kirchensteig seine Ladung Reisende an. Der Postkutsche entstiegen fünf Personen — drei Männer: von Brayer, Verrier und Thibaut; dazu ein junges Mädchen, Angelika Giraud, und ein Knabe von fünfzehn Jahren, Maximin, Angelikas Bruder. Die Fremden — außer Thibaut — suchten sofort ins enge Schiff vorzudringen und verlangten nach dem Pfarrer. ‚Schmächtig, zart, mit seinem Vollgesicht und der gesunden Hautfarbe, mit seinen großen, schönen, ausdrucksvollen Augen‘, schaute Maximin Giraud jünger aus, als er wirklich war. Dieses Kind gehörte zu den Sehern von La Salette. … Seit vier Jahren hatten kluge und auch zudringliche Leute die beiden Kinder tausende Male mit Fragen bestürmt,- aber weder Melanie Mathieu noch Maximin Giraud waren auch nur ein einziges Mal von ihren Aussagen abgekommen; nie hatten sie sich widersprochen. Beide atmeten den guten Glauben derer, die schlichten Herzens sind. So stieß ihr Zeugnis in ihrer Umgebung auf wenige Zweifler. Bereits mit der Schneeschmelze des Frühlings 1847 pilgerten Menschen nach La Salette hinauf. Und seither hatten viele aus ihnen ihren Heimweg über Ars genommen. Durch sie hatte Vianney schon bald von den Wunderdingen vernommen. ‚Von Anfang an‘, versichert Graf des Garets, ‚hatte er an die Erscheinung geglaubt, allerdings mit einer gewissen Zurückhaltung, denn er verwies bei derartigen Dingen stets auf die Autorität der Bischöfe.‘ Nun war sein eigener Bischof Devie, den er in einer so wichtigen Sache sicher um Rat angegangen, bis 1851 ‚eher für ein gewisses Abwarten‘. So hatte der Pfarrer von Ars seine eigene Haltung auf die seines kirchlichen Obern eingestellt. Personen, die nach La Salette zu gehen wünschten, riet er zur Wallfahrt. Er sprach von der Erscheinung in seinen Christenlehren. Er unterschrieb Bilder von La Salette und weihte die Wallfahrtsmedaillen. Selber hatte er an der Wand seines Zimmers einen Stich aufgehängt. Er besaß Wasser aus der Wunderquelle und verteilte davon an seine Freunde. Und das alles trotz der Einwendungen seines Hilfspredigers Raymond. Dieser glaubte nicht an La Salette. Er hatte den Berg an einem Tage bestiegen, an dem auch Maximin Giraud hinaufgeklommen war. Und Maximin hatte sich geweigert, die Fragen des Arser Vikars zu beantworten. Raymond, mit seinem galligen Temperament, hatte das dem Kinde nicht vergessen, und diese Kleinigkeit scheint ihn gegen die ganze Geschichte eingenommen zu haben.“

(Dr. Francis Trochu, Der heilige Pfarrer von Ars, Otto Schloz Verlag, Stuttgart Degerloch, S. 314f – im Folgenden mit „Trochu“ abgekürzt.)

Auch in Ars hörte man schon bald von den Erscheinungen auf dem Berg von La Salette und natürlich fragten manche Pilger auch den hl. Pfarrer, was er von den Erscheinungen hielt. Bis zu diesem Tag der Ankunft Maximin Girauds gab der Heilige stets eine zustimmende Antwort. Als die fünf Besucher in Ars ankamen, saß der Heilige wie gewöhnlich im Beichstuhl. Sie wendeten sich deswegen an den Vikar Vianneys, Raymond, der Maximin sofort wiedererkannte und zu ihm sagte: „Du siehst, ich nehme dich auf, und daheim hast du dich geweigert, mit mir zu sprechen … Aber hier wirst du es mit einem Heiligen zu tun haben, und Heilige kann man nicht täuschen.“

Der sogenannte „Zwischenfall von La Salette“

Unser Biograph berichtet weiter:

„Maximin, bereits von der Reise ermüdet und von dem Gerede dieser Fremden aufgeregt, gab darauf Raymond ‚die Antwort, die er gewöhnlich gab, wenn man seine Wahrhaftigkeit in Zweifel zu ziehen schien‘. ‚Ah‘, erzählte er im folgenden Jahr einer Person aus Nantes, dem Fräulein Brulais, ‚der Herr Vikar aus Ars sagte, ich habe nur eine Geschichte gemacht und habe die seligste Jungfrau überhaupt nicht gesehen; darauf habe ich — ich war sowieso nicht in bester Stimmung — erwidert: ,Nehmen Sie an, wenn Sie wollen, ich lüge und habe nichts gesehen! … Und dann bin ich gegangen.‘ ‚Ich meinerseits‘, sagte Raymond, ‚setzte Vianney von dem Vorgefallenen in Kenntnis. Er dankte mir mit Wohlwollen. Am nächsten Morgen gegen 8 Uhr sah er dann Maximin allein in der Sakristei. Was ging bei dieser Unterredung vor? Der Herr Pfarrer hat nie ein Wort davon verlauten lassen. Uns, dem Bruder Hieronymus und mir, fiel es nur am nächsten Tage auf, daß er das Bild von La Salette nicht mehr mit seinem Namen versehen und auch die Medaillen nicht mehr weihen wollte.‘ Woher kam dieser Wechsel in des Heiligen Haltung? Das Einfachste ist, hierüber Maximin selber zu hören. Seine Worte widersprechen den Aussagen anderer Zeugen nicht und klingen sehr aufrichtig. Am 27. September 1851 traf die Person aus Nantes, von der wir soeben gesprochen, in La Salette mit dem Knaben zusammen. Von der zweiten Begegnung mit dem heiligen Pfarrer — zum ersten Male hatten sie sich hinter dem Altar ganz kurz gesprochen — erzählte Maximin der Fremden: ‚Diesmal ging ich in seinen Beichtstuhl in der Sakristei. Man versteht den Pfarrer von Ars nicht allzugut, weil ihm viele Zähne fehlen. Er fragte mich, ob ich die allerseligste Jungfrau gesehen habe. Ich antwortete ihm: ,Ich weiß nicht, ob es die allerseligste Jungfrau ist; ich habe etwas gesehen … eine Dame. Aber Sie, Herr Pfarrer, wenn Sie wissen, daß es die allerseligste Jungfrau ist, müssen Sie es allen Pilgern sagen, damit sie an La Salette glauben.‘ Frage: ‚Man behauptet, mein liebes Kind, du hattest dich beim Pfarrer von Ars angeklagt, gelogen zu haben. Ist das wahr?‘ Antwort: ‚Ja, ich habe gesagt, den Pfarrer von Corps einige Male angelogen zu haben.‘ — ,Das mußt du zurücknehmen‘, erklärte mir Vianney. ,Aber nein, ich kann das nicht widerrufen, es ist nicht der Mühe wert.‘ — Er bestand darauf, ich müsse es tun. Worauf ich bemerkte: ,Es ist doch schon so lange her, ich kann es nicht zurücknehmen, es ist eine zu alte Geschichte!‘ Frage: ‚Aber was hast du denn damit sagen wollen?‘ Antwort: ‚Ich, ich meinte damit meine kleinen Lügen gegenüber dem Pfarrer von Corps, wenn ich ihm nicht sagen wollte, wohin ich ging, oder wenn ich meine Aufgaben nicht lernen wollte.‘ Frage: ‚So hat also, wie ich sehe, der Pfarrer von Ars die Lügen, von denen du ihm gesprochen hast, auf die Erscheinung bezogen.‘ Antwort: ‚Ja, so hat er es verstanden, wenigstens hat man es so in den Zeitungen geschrieben.‘ Frage: ‚Aber du hast doch nicht gebeichtet?‘ Antwort: ‚Nein! Ich war zwar im Beichtstuhl; aber ich hatte mein Confiteor nicht gebetet, und ich war nicht zum Beichten nach Ars gekommen.‘ Die Besprechung mit dem Pfarrer von Ars hatte ungefähr zwanzig Minuten gedauert. Die fünf Reisenden verließen noch am gleichen Tag Ars, geräuschlos. Ihr Kommen und Gehen scheint den Pilgern nicht weiter aufgefallen zu sein. Hätte Raymond in der Folge die gleiche Zurückhaltung geübt wie sein heiliger Pfarrer, so wäre es jedenfalls nie zum sogenannten Zwischenfall von La Salette gekommen. Erst im Augenblick, als der Generalvikar Rousselot und der Pfarrer von Corps im Auftrag des Bischofs von Grenoble und mit einem Brief Maximins, der ihn frei zu reden ermächtigte, bei ihm erschienen, verstand sich der Pfarrer von Ars dazu, sich über den Zwischenfall von La Salette auszusprechen. Alles, was er bei dieser Gelegenheit äußerte, läßt sich in folgende Worte zusammenfassen, die durch die zweideutige Haltung Maximins bedingt waren: „Wenn das, was dieses Kind mir gesagt hat, wahr ist, dann hat es die allerseligste Jungfrau nicht gesehen.” Man kennt Maximins Antwort an Raymond: „Nehmen Sie an, ich lüge und habe nichts gesehen.” Ist der Gedanke, diese Worte seien in ihrer ungünstigsten Deutung dem Pfarrer von Ars hinterbracht worden, eine Vermessenheit? Andererseits erinnerte sich Vianney, daß der Knabe unmittelbar auf den Bericht von einer schönen Dame, in dem er die allerseligste Jungfrau nicht ausdrücklich genannt hatte, das Wort Lügen erwähnt hatte. Dem Pfarrer von Ars, dem die Gabe der Hellsichtigkeit nicht bei jeder Gelegenheit beistand, kam der Gedanke, das Kind habe mit dieser Anklage seine vorausgegangenen Aussagen über die Erscheinung widerrufen wollen. Und ein banger Zweifel schlich sich in seine Seele …“

(Ebd. S. 315 ff.)

Die Vorsehung Gottes ist etwas Geheimnisvolles

Die Vorsehung Gottes ist stets etwas Geheimnisvolles. Dem hl. Priester und Beichtvater, der in so vielen Seelen wie in einem aufgeschlagenen Buch lesen konnte, blieb die Seele des Seherkindes von La Salette verborgen. Ja noch mehr, der Heilige ließ sich durch seinen gegen das Seherkind voreingenommenen Vikar in die Irre führen. Er glaubte diesem, daß Maximin zugab, gelogen zu haben – und zudem bezog er dessen Anklage, zuweilen den Pfarrer von Corps in Kleinigkeiten angelogen zu haben, auf die Erscheinung. Hätte Gott das nicht alles leicht dadurch verhindern können, daß Er dem Heiligen wie in unzähligen anderen Fällen den Seelenzustand Maximins offenbarte? Natürlich hätte Gott das tun können, aber Er hat es in diesem Fall nicht getan. Er ließ es zu, daß der hl. Pfarrer von Ars jahrelang von Zweifeln über die Echtheit der Erscheinung von La Salette gequält wurde.

Schmerzliche Zweifel

Natürlich hatte Vianney auch eine besondere Verantwortung gegenüber den Pilgern. Denn sein Urteil zählte sehr viel und wenn es sich herumsprach, daß der hl. Pfarrer von Ars nicht mehr an die Erscheinungen von La Salette glaubte, so entstand daraus ein großer Schaden. Viele würden daraufhin La Salette, Unserer Lieben Frau von La Salette und ihrer Botschaft den Rücken zukehren. Trochu berichtet:

„Acht lange Jahre litt er darunter, und die Prüfung ward ihm zur zweifachen Qual: er zweifelte, und die Masse der Pilger, die nicht davon hätte wissen sollen, wußte, daß er zweifelte. ‚Die Erregung um ihn her war groß; die Tatsachen wurden aufgebauscht, entstellt, wie es fast immer bei solchen Gelegenheiten zu geschehen pflegt.‘ Die Gegner von La Salette ‚schlachteten den Namen und die Autorität des Pfarrers von Ars aus‘. Und auch die frommen Seelen wußten nicht mehr ein und aus, als sie erfuhren, die allerseligste Jungfrau sei überhaupt nicht erschienen, da Vianney nicht mehr länger daran glaubte.“

Nochmals: Geheimnis der göttlichen Zulassungen! Der ansonsten so hellsichtige hl. Pfarrer tappte acht lange Jahre im Dunkeln. Freilich leugnete Vianney die Echtheit der Erscheinung nicht öffentlich. Er versuchte bei Fragen nach La Salette auszuweichen. Dem Pfarrer von Fareins, Dubouis, gab er etwa auf seine Frage nach seiner Meinung über La Salette nur die Antwort, man müsse die allerseligste Jungfrau sehr lieb haben. Dreimal stellte Dubouis die gleiche Frage und dreimal gab ihm der Pfarrer von Ars die gleiche Antwort.

Solange die kirchlichen Obern noch nicht über die Erscheinung entschieden hatten, war es für Vianney noch relativ leicht, seine reservierte Haltung zu erklären. Das änderte sich aber, nachdem im September 1851 der Erlaß des Bischofs Bruillard erschienen war. Jetzt, so fährt Trochu fort, „fühlte der Pfarrer von Ars seine entsetzliche Unruhe sich steigern. Der Kirchenfürst, dem La Salette unterstand und der sich über die Erscheinung auszusprechen hatte, war für die Anerkennung der Tatsachen eingetreten: die beiden Hirtenkinder sind nicht getäuscht worden und haben sich nicht geirrt. Vianney hätte sich nur allzu gern ohne Einschränkung vor diesem Urteil beugen mögen … Aber in seinem Erinnern klangen gewisse Worte Maximins nach. Der Pfarrer von Ars leugnete nicht. Aber er konnte auch nicht zu seinem ersten Glauben zurückfinden.“

Der Meinungsumschwung Vianneys

Auch P. Eymard hörte vom Meinungsumschwung Vianney’s und wurde darüber ärgerlich. Am 6. März 1851 schrieb Eymard seinem Freund, dem Kanonikus Rousselot, Direktor des Seminars in Grenoble, folgendes:

„Ich habe in Lyon viele Leute gesehen, die stöhnen über all diese Leichtfertigkeit in Ars; da man die Haltung des Herrn Pfarrers und sein Zaudern kennt, ging man von der Wahrheit über La Salette ab. Heute aber glaubt man daran wie vorher, ich würde sogar sagen, noch stärker als früher. Die Sieger von Ars schweigen oder mißachten die Tatsache. Jetzt kann ich sagen, daß das Feuer erloschen ist und lediglich ein wenig Rauch übrigbleibt… Ich habe mich über die Reise nach Ars informiert; die Ergebnisse stimmen haargenau mit denen überein, die bereits bekannt sind; die Schlußfolgerung der öffentlichen Meinung ist folgende: der gute Pfarrer von Ars sagt ja und nein; im übrigen legt man der Meinung des Pfarrers von Ars bei weitem zu große Bedeutung bei: hier ist seine Ansicht hinsichtlich der Beurteilung bedeutungslos, und häufig mißt man ihr eine noch geringere Bedeutung bei. Ich kann Ihnen keinen schriftlichen Bericht eines Zeugen in Ars senden, hier sind solche nicht aufzutreiben. Herr Thibault hat sich an der Reise nicht beteiligt, sondern nur die zwei Personen aus Paris.“

(Briefe A, 155)

Der hl. Pfarrer von Ars kehrte erst im Oktober 1858 zur früheren rückhaltlosen Überzeugung zurück. Das folgende Ereignis bekräftigt seinen wiedergefundenen Glauben: Fräulein Adele Julhien, welche im Jahr zuvor (25. Okt. 1857) U. lb. Frau v. La Salette von einer Rückenmarkskrankheit wunderbar geheilt hatte, machte ihre versprochene Wallfahrt zu diesem Heiligtum und ging dann nach Ars. Mit ihren eigenen Worten schildert sie:

„Es wurde mir die seltene Gnade zuteil, mit dem hl. Pfarrer von Ars zu sprechen; dieser rief mich gleich zu sich, obwohl er mich zuvor nie gesehen hatte, und sagte: ‚Also, mein liebes Kind, du bist von Unserer Lb. Frau von La Salette verwöhnt worden…‘ Er hatte meine wunderbare Heilung erkannt und unterhielt sich mit mir eine ganze Weile darüber. Dann fügte er hinzu: ‚Es ist P. Eymard, der für dich diese Novene gehalten hat. Er ist ein Heiliger‘. Wie glücklich war ich, eine so schöne Lobrede über den Pater zu hören, den ich verehren und lieben gelernt hatte.“ Unser Biograph weiß darüber noch mehr zu berichten: „Endlich nahm die Prüfung ihr Ende. Im Oktober 1858, d. h. zehn Monate vor seinem Heimgang, fand Vianney zu seiner ersten Ansicht über La Salette zurück. Hier folgt sein eigener Bericht über die Umstellung, wie ihn uns Toccanier übermittelt hat: ‚Seit ungefähr vierzehn Tagen fühlte ich mich innerlich sehr bedrückt, und meine Seele schleppte sich wie über Sand hin. Da erweckte ich einen Akt des Glaubens an die Erscheinung, und sofort stellte sich die Ruhe wieder ein … Hernach wünschte ich einen Priester aus Grenoble zu sprechen, um ihm, was in mir vorgegangen war, anzuvertrauen. Am folgenden Tag traf ein hochgestellter Geistlicher dieser Stadt bei mir ein. Er trat in die Sakristei und fragte mich, was von La Salette zu halten sei. Ich antwortete ihm: ‚Man kann daran glauben.‘ ‚Mir fehlte‘, fuhr der Pfarrer fort, ‚eine Summe, mit der ich eine Missionsstiftung hätte ergänzen sollen. Ich flehte Unsere Liebe Frau von La Salette an, sie möge mir diese Summe gewähren. Ich fand genau das Geld, dessen ich bedurfte. Ich habe darin etwas Wunderbares gesehen.‘ Von nun an trat Vianney für die Wallfahrt nach La Salette ein, ‚wahrte allerdings auch fernerhin eine große Zurückhaltung‘ bei allen Auseinandersetzungen über diese Frage. Er ermunterte jene seiner Pönitenten, die den Wunsch aussprachen, den heiligen Berg besteigen zu wollen, die Wallfahrt auszuführen. Wieder segnete und verteilte er Medaillen und Bilder von der weinenden Gottesmutter. Es ist nicht bekannt, ob er auch wieder in seinen Christenlehren darauf zu sprechen kam; in den letzten Monaten seines Lebens konnte sich der Pfarrer von Ars nur schwer verständlich machen, und zudem war sein Wort nur noch ein einziger Lobhymnus auf die Liebe Gottes und auf die wirkliche Gegenwart im Sakrament. Wo es sich sonst traf, ist er für die Erscheinung eingestanden. ‚Ich nahm eines Tages an einer Versammlung teil, zu der auch der Pfarrer von Ars erschienen war‘, erzählt Kanonikus Oronte Seignemartin, Pfarrer der Kathedrale von Belley. ‚Das Gespräch fiel auf La Salette. Ich fragte Vianney, was er von der Erscheinung halte. Er antwortete mir, und dabei nahm sein Gesicht einen ernsten Ausdruck an: ,lch glaube fest daran.‘ ‘ ‚Ende 1858 wurde meine Mutter krank‘, berichtet Magdalena Mandy-Scipiot, ‚und ich erbat vom Pfarrer die Erlaubnis, sie Unserer Lieben Frau von La Salette weihen zu dürfen. Er gab mir zur Antwort, es sei nicht nötig, man solle sie Unserer Lieben Frau von Fourviere weihen. ‚Aber betreffs La Salette‘, fügte er bei, ‚können Sie ruhig daran glauben; ich persönlich glaube fest und mit ganzem Herzen daran.‘“

(Trochu, S. 319 f.)

Die Kongregation vom heiligsten Sakrament

Wie wir schon kurz angesprochen haben, waren die Schwierigkeit bei der Gründung der Kongregation vom heiligsten Sakrament groß und ein Scheitern aller Bemühungen mehr als wahrscheinlich. In dieser schwierigen Zeit hat der hl. Pfarrer von Ars P. Eymard dazu ermutigt und bestärkt weiterzumachen. Der Heilige hat viel für die Kongregation gebetet und deren Erfolg vorausgesagt. Nur 4 Monate nach der Gründung seiner Gesellschaft, im September 1856, schrieb P. Eymard dem hl. Pfarrer von Ars folgenden Brief:

„Alles aus Liebe zu Jesus in der Hostie Paris, rue d’Enfer 114, 24. September 1856. Verehrter Mitbruder im Herrn! Ich glaube, Ihre Verehrung unseres Herrn in der hl. Eucharistie mit der Mitteilung zu erfreuen, daß der Gedanke, von dem Ihnen P. Hermann erzählt hat, den Sie gesegnet und wofür Sie gebetet haben, heuer verwirklicht werden konnte. Die Gesellschaft vom hlst.Sakrament ist vor vier Monaten in Paris gegründet worden; ihr Ziel ist es, Jesus im hlst. Sakrament bekanntzumachen, zu lieben und ihm von ganzen Herzen zu dienen; es geht darum, ihm einen Hofstaat von treuen Anbetern und eine Ehrenwache heranzubilden, die ohne Unterlaß zu seinen Füßen wacht. Gott segnet diese kleine Gesellschaft. Ich habe vor zwei Jahren das Glück und die Ehre gehabt, Sie in den III. Orden Mariens aufzunehmen. Ich bitte Sie also, zu Ehren unseres guten Meisters Ihre Gebete um den Segen dieses kleinen Senfkorns fortzusetzen und für uns beten zu lassen. Der Hl. Vater hat uns mit großem Wohlwollen ermutigt und er nennt unsere Gesellschaft das Werk der Gnade für die heutige Zeit. Der vorzügliche Herr Mit Hochachtung verbleibe ich in der göttlichen Liebe Ihr ergebenster EYMARD Priester vom hlst. Sakrament An Herrn Vianney, Pfarrer von Ars, Ain“

(Brief im Band A, S. 151)

Eine prophetische Predigt

Es gibt keine schriftliche Antwort vom hl. Pfarrer auf diesen Brief, da dieser als damals 70jähriger aufgehört hat, Briefe zu beantworten. Aber von seiner Kanzel aus hat Vianney uns bedeutsame Worte hinterlassen, wie Rémy Rajeaut bezeugt. Dieser berichtet:

„Ich wohnte in der Nähe von Ars und setzte alles in Bewegung, den hl. Pfarrer aufzusuchen. Ich trat in die Kirche und nahm in seiner Nähe Platz, um seine Unterweisung um 11 Uhr zu hören. Während er über die Werke sprach, die zur Ehre Gottes unternommen werden, sagte er: ‚Der liebe Gott bereitet seine Werke lange früher vor. Er geht dabei bedächtig, aber stets sicher vor. Er scheut vor Prüfungen nicht zurück; wir haben dafür einen Beweis bei einem heiligmäßigen Priester, der Ordensmann ist. Der Herr hat damit begonnen, daß er ihm eine große Liebe zum hlst. Sakrament geschenkt hat. Diese Liebe folgt ihm überallhin, er kann sich nicht von ihr lösen. Er wird gewiß das erreichen, was unser Herr von ihm wünscht.
Dieser Ordensmann ist P. Eymard. Er wird viel zu leiden haben, selbst von seiten seiner größten Freunde. Er soll sich jedoch nicht entmutigen lassen: dies ist ein Beweis dafür, daß Gott sein Werk will; und was es auch kosten mag, er wird ans Ziel gelangen.
Die Kongregation, die er gründen wird, wird eine große Blüte erleben. Sie wird sich allen und jedem zum Trotz in allen Ländern ausbreiten… Aber es bedarf stets großer Geduld und Ergebenheit, denn diese braucht es, wenn man ein Werk Gottes ins Leben ruft; die Freunde werden nämlich zu Feinden. Sobald diese jedoch merken, daß Gott trotz allem das Werk gelingen läßt, kommen sie zurück. Das wird auch ihm passieren.“

Leider hat P. Eymard erst viel später von dieser prophetischen Ansprache des Heiligen erfahren, so daß sie ihm in seiner damaligen Not nicht zum Trost und zur Ermutigung werden konnte. Anders war es mit Fräulein Margarete Guillot. Diese kam im Februar 1858 nach Ars, um unter der Leitung des hl. Pfarrers Exerzitien zu machen. Fräulein Guillot hatte nur selten über Eymard und sein Werk gesprochen, als der gute Pfarrer ausrief: „Wie schön ist dieses Werk! Wie groß ist es!… Die Anbetung durch die Priester!… O wie schön!…“ Er wiederholte diese letzten Worte und begann zu weinen. Dann sprach er weiter: „Er wird sogar von jenen Leuten verfolgt werden, die das Werk unterstützen sollten; der Welt ist es unbekannt.“ (Troussier, II, 115). Dann wandte er sich Fräulein Guillot zu und sprach: „Und was Sie anbelangt, mein Kind, so ist es Gottes Willen, daß Sie sich P. Eymard in Paris anschließen, denn Ihre Berufung ist es, eine Schwester vom hlst. Sakrament zu werden. Da darf nicht gezögert werden: Sie sollen sich beim ersten Zeichen, das Ihnen mein heiligmäßiger Freund gibt, auf den Weg machen.“

Schon drei Monate später (im Mai 1858) erhielt Margarete Guillot dieses Zeichen, weshalb sie wiederum nach Ars kam, um vor ihrer Abreise nach Paris noch den Segen des hl. Pfarrers zu erhalten. Der Heilige frage sie gleich: „Wie geht es P. Eymard?“. – „Danke, Herr Pfarrer, es geht ihm gut“. – „Und wie schreitet sein Werk voran?“ – „Ich höre, daß es nicht gut geht.“ – „Die Welt behindert es“, erwiderte Vianney, „aber es wird gelingen, es wird überleben. Oh, was für eine Gnade und welchen Segen bedeutet es für Sie, daß Sie Gott dorthin ruft. P. Eymard, mein Kind, ist ein großer Heiliger. Sobald Sie ihn sehen, erzählen Sie ihm in meinem Namen alles, was man sich unter Freunden sagen kann, und daß wir uns alle im Himmel wiedersehen werden. Alle Tage werde ich für das Werk beten… Nur Mut, gehen Sie vertrauensvoll auf den Herrn zu. Ich will Ihre Reise segnen, und Gott ebenso. Die gute Mutter wird Sie ermutigen. Jesus will, daß Sie sich seiner Liebe und allem, was ihm gefällt, weihen…“ (Troussier, II, 117).

Eine heilige Priesterfreundschaft

Sind die beiden Priester sich auch einmal persönlich begegnet? Anfang Mai 1859 begab sich P. Eymard zum hl. Pfarrer von Ars. Er hatte damals große Probleme, neue Berufe für seine Kongregation zu finden. In einem Brief an eines seiner Beichtkinder (Frau Gourd), geschrieben im Mai 1859 in Paris, berichtet P. Eymard:

„… Ich habe Lyon um 10.45 Uhr verlassen und kam glücklich um 1.15 Uhr in Ars an; ich kehrte um ca. 5 Uhr zurück…Ich danke Gott für meine Reise; er hat seine Pläne und seine Zeitpunkte der Barmherzigkeit,“

(Briefe,V,41)

Zwar hat P. Eymard in seinem Brief an Frau Gourd nichts über das Gespräch mit Pfarrer Vianney geschrieben, P. Tesnière gab jedoch aufgrund seiner vertraulichen Gespräche mit P. Eymard das Gespräch sinngemäß wieder. Nach dieser Rekonstruktion soll P. Eymard zum hl. Pfarrer folgendes gesagt haben:

„Ich fürchte, daß wir uns in der Gründung dieses Werkes getäuscht haben, und daß uns dies Gott dadurch anzeigt, daß er uns keine Berufe schickt, die das Werk stützen und wachsen lassen. Oh, Herr Pfarrer, Sie haben mich zu diesem Unternehmen gedrängt, das so heilig schien: bitten Sie doch unseren Herrn, er möge selber zahlreiche und gute Anbeter für sein göttliches Sakrament schicken.“

Dabei sprach P. Eymard mit Rührung und meist unter Tränen. Als Pfarrer Vianney diese Klagen der Entmutigung vernahm, entgegnete er mit Entschiedenheit: „Mein Freund, mein Freund, du möchtest, daß ich den guten Meister für dich bitten soll; aber du hast ihn doch allzeit vor dir!“ P. Eymard, der selber wiederum durch die Tränen des hl. Pfarrers gerührt war, versuchte nun seinerseits, diesen zu trösten, indem er erwiderte: „Verzeihen Sie mir, Herr Pfarrer, bitte, vergeben Sie mir!“ Und sie umarmten sich. (Nach: Troussier, II, 165).

Diese rührende Szene fand in der kleinen Sakristei von Ars statt. Es war die letzte Umarmung, denn schon 3 Monate später (am 4. Aug.1859) starb der Pfarrer v. Ars. Ohne Zweifel brachte er die Bitte seines lieben Freundes, den er zurückgelassen hatte, vor den Thron Gottes. Dies scheint die einzige persönliche Begegnung gewesen zu sein. Man kann wirklich sagen: Die beiden Priester blieben ihr Leben lang ganz fest in Jesus Christus und Maria verbunden. Beim Tod des hl. Pfarrers von Ars schrieb P. Eymard an einem Bekannten:

„Paris, 17. Aug. 1859 „…Sie wissen sicher, daß dieser gute Pfarrer von Ars gestorben ist; wir müssen viel für ihn beten.“

(Eymard’s Briefe I, 59: Brief 46 an de Cuers)

Sieben Jahre später, als der Ruf der Heiligkeit des verstorbenen Pfarrers von Ars sich schon weit verbreitet hat, am 11. Mai 1866, schriebt er aus Paris an Fr. v. Grandville: „Ich segne Ihre Leiden und lege Ihnen sehr nahe, eine Novene zum hl. Pfarrer von Ars zu halten; ich lege Ihnen ein Stückchen Wäsche von ihm bei.“

Der Glasschrein des hl. Pfarrers von Ars

Unsere Geschichte einer hl. Priesterfreundschaft hat noch eine besonders schöne Pointe: Die Freundschaft zwischen Johannes Maria Vianney und Pierre-Julien Eymard zeigte sich über Tod hinaus. Der hl. Pfarrer v. Ars starb 1859. Seit dessen Seligsprechung im Jahr 1905 (genauer vom April 1905 bis Sept. 1925) ruhte sein Leichnam in einem Glasschrein. Nach seiner Heiligsprechung im Jahr 1925 wurde er umgebettet und erhielt einen neuen Sarkophag.

Als P. Eymard im August 1868 starb, wurde er in La Mure begraben. Im Juli 1877 erhielt er in der neuen Kirche der Kongregation in Paris (Avenue Friedland) ein neues Grab. Nach seiner Seligsprechung im Jahr 1925 wurde er in den Glasschrein gelegt, der vorher Vianney gedient hatte. Dieser steht jetzt in dieser Kirche in Paris auf der rechten Seite. Trochu hat treffend erklärt: „Ein Freund hat von seinem Freund geerbt.“

Laßt die Sorgen vor der Tür…

Wir wollen unseren kurzen Bericht über diese Freundschaft mit einem Auszug aus einer Ansprache P. Eymards beschließen, der uns zeigt, wie geistesverwandt beide Priester waren:

„Wer Glauben hat, weiß, wohin er geht: er geht zur Kirche, zu unserem Herrn Jesus Christus. Er tritt ins Gotteshaus ein und sagt dabei wie der hl. Bernhard zu seinen Sorgen und Problemen: ihr bleibt hier an der Tür stehen, ich muß zu Gott hin, um mich zu stärken! Tut auch ihr so! Wenn ihr in die Kirche geht, um zu beten, so kommt ihr nicht, um über eure Geschäfte zu verhandeln. Und sollten euch die Sorgen und Zerstreuungen plagen, verweist all das an die Tür, ohne euch zu beunruhigen… Nach eurem Eintritt bleibt einen Moment ruhig. Das Schweigen ist das größte Zeichen der Ehrfurcht. Und die beste Voraussetzung für das Gebet ist die Ehrfurcht. Der Großteil unserer Trockenheiten und unandächtigen Gebete kommt davon, daß wir es beim Eintritt in die Kirche an Ehrfurcht vor unserem Herrn fehlen lassen, oder uns in der Kirche respektlos benehmen. Euer Körper soll demnach beten, anbeten… Denkt daran: der Meister ist hier; prägt euch das gut ein! Schenkt eure volle Aufmerksamkeit unserem Herrn! “

„Bietet dann Jesus Christus die Huldigung von euch selbst dar und macht diese Huldigung mit jeder einzelnen Fähigkeit eurer Seele: Schenkt Ihm euren Geist, um Ihn besser zu erkennen; schenkt Ihm euer Herz, um Ihn besser zu lieben; schenkt Ihm euren Willen, um Ihm zu dienen; schenkt Ihm euren Leib und seine verschiedenen Sinne, damit Ihn jeder auf seine Weise verherrliche. Bietet Ihm vor allem die Huldigung eurer Gedanken, indem ihr den Willen habt, dass die göttliche Eucharistie der königliche Gedanke eures Lebens sei; bringt Ihm eure Gefühle dar, indem ihr Jesus als den König und Gott eures Herzens nennt; opfert Ihm euren Willen, indem ihr kein anderes Gesetz und keinen anderen Zweck wollt, als Seinen Dienst, Seine Liebe und Seine Ehre; bringt Ihm euer Gedächtnis dar, um euch nur mehr an Ihn zu erinnern und so nur mehr von Ihm und für Ihn zu leben.“