Magnificat

Das Magnificat ist der Lobgesang Mariens bei ihrem Besuch im Hause Elisabeths (Lk 1, 46—55). Es ist ihre Antwort auf den Gruß ihrer Verwandten, die im Lichte des Hl. Geistes Maria als Gottesmutter erkennt und bekennt. Das Magnificat gehört wohl zu den bekanntesten Texten der Heiligen Schrift. Es wurde im Laufe der Jahrhunderte von den größten Musikern vertont, weil es eine wunderbare Schau der Erfüllung der messianischen Verheißungen ist. Es zeigt unübersehbar, Mariens Seele lebt von Kindheit an innig vertraut mit den hl. Überlieferungen des Alten Bundes. Darum kleiden sich ihre Gedanken und Empfindungen ganz selbstverständlich in alttestamentliche Sprüche und Bilder, die der seligen Erfahrung dieser Stunde naheliegen.



Im Ritus der lateinischen Kirche zählt das Magnificat zu den Cantica des kirchlichen Stundengebets. Es ist schon seit dem hl. Benedikt fester Bestandteil der Vesper, in der es sogar, durch die feierlichen Antiphonen und die Beräucherung des Altars hervorgehoben, den Höhepunkt bildet, bei dem man, wie beim hl. Evangelium, steht und sich zu Beginn bekreuzigt. Auch beim Exorzismus, bei der Häuserweihe an Epiphanie und bei der bischöflichen Segnung eines Marienbildes wird das Magnificat gebetet. Die Bezeichnung des Gesangs mit dem Wort „Magnificat“ kommt vom Anfang des Textes, beginnt doch der Lobgesang Mariens in der lateinischen Übersetzung mit den Worten „Magnificat anima mea Dominum“ („Hochpreiset meine Seele den Herrn“).

Im seinem Katholischen Unterrichts- und Erbauungsbuch gibt R. P. Goffine, Ord. Praem., folgende kurze „Auslegung des Lobgesanges Magnificat oder: Meine Seele preiset den Herrn.“ Er fragt: Was begreift dieser Lobgesang in sich?

„Die seligste Jungfrau und Mutter Gottes Maria preist in demselben Gott und frohlocket, daß Er die Niedrigkeit Seiner Magd angesehen, und sie zur Mutter Seines eingeborenen Sohnes gemacht habe, weshalb sie alle Geschlechter seligpreisen werden. Sie erklärt, Gottes Barmherzigkeit erstrecke sich von Geschlecht zu Geschlecht über die, so Ihn fürchten: die Entwürfe der Hoffärtigen vernichte Er, und stürze sie vom Throne, den Demütigen aber gebe Er Seine Gnade und erhöhe sie; Er erfülle Die, welche Hunger und Verlangen nach der Tugend und nach himmlischen Gütern haben, damit reichlich, Die sich aber reich daran dünken, lasse Er leer ausgehen; Er nehme Sich aller wahren Israeliten, Seiner wahren Verehrer an, und führe sie zum Heile, indem Er die Verheißungen, die Er den Vätern zu allen Zeiten gegeben habe, erfülle. – Die Kirche betet diesen Lobgesang täglich in den priesterlichen Tagzeiten, und preiset damit das Werk der Erlösung, welches in Maria sich zu vollenden anfing. Insofern jeder Christ die Gesinnungen des Heilandes annehmen, und gleichsam Christus in ihm geboren werden muß, kann jeder die Empfindungen der heiligen Jungfrau und Mutter, die sie in ihrem Lobgesang ausgedrückt hat, auch zu den seinigen machen.“

(R. P. Goffine, Ord. Praem. Katholisches Unterrichts- und Erbauungsbuch, herausgegeben von Franz Xaver Steck, kathol. Stadtpfarrer in Reutlingen, Verlag der H. Laupp’schen Buchhandlung, Tübingen 1843, S. 666; Rechtschreibung weitgehend angeglichen.)

Um den reichen Inhalt dieses Lobgesangs begreifen zu lernen und so die Empfindungen der heiligen Jungfrau und Gottesmutter, die sie in ihrem Lobgesang ausgedrückt hat, auch zu den unsrigen machen zu können, wollen wir eine etwas ausführlichere Erklärung des Magnificat folgen lassen. Diese ist der Zeitschrift für katholische Wissenschaft und kirchliches Leben, „Der Katholik“ von 1859 entnommen.

Magnificat

Groß machet meine Seele den Herrn, und frohlockt hat mein Geist in Gott meinem Heilande, weil Er hergeschaut hat auf die Niedrigkeit Seiner Magd.

Denn sieh’ von nun an werden mich selig preisen alle Geschlechter, weil Großes an mir getan der Mächtige. Und Heiliger ist Sein Name, und Sein Erbarmen [währet] von Geschlecht zu Geschlecht denen die Ihn fürchten. Kraft hat Er geübt mit Seinem Arm, zerstreut Übermütige im Sinnen ihres Herzens. Machthaber hat Er gestürzt von Thronen und erhoben Niedrige. Hungrige hat er erfüllt mit Gutem und Reiche leer fortgeschickt. Er hat aufgenommen Israel, seinen Knecht, zu gedenken an Erbarmung, wie Er zu unseren Vätern gesprochen für Abraham und seinen Samen auf ewig.

Dieser einfache aber unaussprechlich erhabene Lobgesang enthält Thema, Exposition und Schluß. Das Thema liegt im ersten Versgliede: Magnificat — meine Seele macht groß den Herrn. Daran reiht sich die Exposition in zwei Sätzen: 1) weil er Großes getan an mir der Niedrigen, 2) weil er Großes tut immerfort an den Niedrigen; mit dem Schlusse: Er hat sich angenommen Israel seines Knechtes nach seiner ewigen Verheißung. Der Schluß kehrt wieder an den Anfang zurück, weil alles, was an Maria gewirkt wurde, für das Volk geschah, nicht um einer einzelnen Person willen.

Das Lied zerfällt in zwei Strophen von drei und vier Versen: die erste Strophe enthält das Thema mit dem ersten Satz der Exposition; die zweite den zweiten Satz mit dem Schluß. Die erste Strophe hat zwei dreigliedrige Verse, die zweite Strophe einen viergliedrigen; es gleicht sich also das Maß des Umfanges beider Teile nach dem Verhältnisse der Verszahlen vollkommen aus. Wir bekommen die Zahlen 3 und 4 für die Strophen und die Zahlen 8 und 10 für die Versglieder, und somit zweimal 3+3+3. Da der Morgenländer viel auf Zahlen hält, war ihm auch dieses nicht bedeutungslos oder bloß zufällig. Es lag für ihn eine symbolische Poesie in Zahl und äußerem Bau der Verse.

Groß machet meine Seele den Herrn, und frohlockt hat mein Geist in Gott meinem Heilande, weil er hergeschaut hat auf die Niedrigkeit seiner Magd.

Der Ausdruck „groß machen den Herrn“ kommt im Alten Testament nur zweimal vor. Ps. 33,4: „machet groß mit mir den Herrn“ und Ps. 68,31: „groß will ich ihn machen mit Lobpreisung.“ Der nächste und unmittelbare Sinn ist: Gott als den Großen (Ps. 3, 1.) bekennen, sowie „heilig machen (heiligen)“, Gott als den Heiligen bekennen, und „entheiligen“ heißt Ihn als den Heiligen verleugnen, geschehe es durch Wort oder Tat, vergl. Is. 8, 13. 4. Mos. 20,12 u.s.w. Die Lobpreisung ist also mit einbegriffen, doch enthält unsere Redensart insofern mehr, als sie zugleich den Gegenstand des anbetenden Lobes bezeichnet: die Größe, Macht und unvergleichliche Herrlichkeit Gottes. Maria aber meint nicht ein Bekenntnis der göttlichen Macht im Allgemeinen und Unbestimmten, sondern jener Macht und Größe, welche sich an seinem Volke zu seiner Erlösung geoffenbart hat, wie das zweite Versglied diese Größe bezeichnet durch „in Gott meinem Heilande.“ Man kann die Größe der göttlichen Werke mit Zittern bekennen oder mit Freude; eines muß gerade das andere nicht ausschließen, „frohlocket mit Zittern !“ ruft der Psalmist (2,11.); aber im Gläubigen herrscht beim Anblicke der göttlichen Größe und Macht immer die Freude vor; er spricht: „Du erfreuest mich Herr durch dein Wirken, über die Werke deiner Hände frohlocke ich“ (Ps. 91,5.) oder mit den Worten unseres Liedes : „mein Geist frohlockt in Gott.“ Der Ausdruck „in Gott sich freuen“ mit oder ohne Beisatz, kommt sehr oft vor, 1 Sam. 2,1. Ps. 5, 12. 31,11; 31,1. Is. 61, 10. Zech. 10, 7 u.s.w. Am nächsten steht Hab. 3,18: „ich will frohlocken im Herrn, jubeln in dem Gotte meines Heiles.“ Die griechische Übersetzung hat hier: „in Gott meinem Heilande,“ und der heil. Hieronymus, der das hebräische Wort wie einen Eigennamen behandelte, geradezu: „in Gott meinem Jesus (in Deo Jesu meo).“ Gott ist dem Volke Israel von Beginn an eine unversiegbare Quelle und ein unerschöpflicher Gegenstand der Freude geworden, immer konnte und sollte es sich freuen in Gott, in dem es atmete und lebte wie in einem unendlichen Heilsmeere, dessen Tiefe noch kein Mensch ergründet und erschöpft hat. Nie gab es jemanden, der auf Gott vertraut hätte und zu Schanden geworden wäre; allezeit bewährte sich der alte Spruch: „nur gut gegen Israel ist Gott, gegen die, so geraden Herzens sind (Ps. 72, 1).“ Die Fülle aber der Freuden in Gott, welche aus solchen Erinnerungen in jedem Gläubigen aufsproßten, empfand Maria, als sie ihr Magnificat anstimmte, denn der Tag des Heiles, nach dem alle Propheten und Gerechte sich gesehnt hatten, war angebrochen. Jetzt galt der Ruf: „Auf werde Licht Jerusalem, denn dein Licht kommt, denn die Herrlichkeit des Herrn geht auf in dir (Is. 60, 1).“ Diesen Grund der Freude in Gott gibt das dritte Versglied nun selbst an in einem Satz, den das Folgende dann noch näher bestimmt, wie schon die lebhafte Übergangspartikel zeigt: „Denn siehe!“ Der Satz: „er hat hergeschaut auf die Niedrigkeit seiner Magd“ ist nicht minder hochpoetisch als einfach. „Magd des Herrn“ ist wie „Knecht des Herrn“ ein israelitisches Ehrenprädikat. Moses, Josua, David, ja selbst der Messias heißen mit Auszeichnung „Knechte Gottes.“ „Siehe mein Knecht!“ benennt der Herr den Messias durch den Mund des Propheten. Von Maria ausgesprochen hatte allerdings dieses Wort noch die Bedeutung ihrer unbedingten und demutsvollen Unterwürfigkeit; aber doch liegt an unserer Stelle nicht darauf der Nachdruck, sondern auf „Niedrigkeit.“ Gott schaute her zu dieser seiner Magd, weil sie die Niedrigste ist; ihre Niedrigkeit hat Ihn bewogen, sie in Gnade heimzusuchen. Darin eben zeigt sich die Macht Gottes, daß Er das Niedrige ansieht und erhöht, und das Hohe nicht ansieht und erniedrigt. Maria sah kraft der Demut ihres Herzens als einzig denkbaren Grund ihrer gnadenreichen Erwählung ihre Niedrigkeit. Am Hohen geht er vorüber, das Niedrige erwählt er; alle Ehre gebührt also allein Ihm, nicht dem Er erwählte. Es bedarf hier keiner historischen Nachweisung der wirklichen Niedrigkeit Maria, daß also etwa andere aus dem davidischen Geschlechte ihr vorgingen, worüber uns auch alle Nachrichten fehlen: es genügt, daß sie in ihren Augen die Niedrigste war, und darin allein den Beweggrund ihrer Erwählung fand. Das ist die Sprache der wahren und vollkommenen Demut. Das erste Versglied bildet, wie gesagt, das Thema, steht also in gewissem Sinne gleichsam wie eine inhaltangebende Überschrift für sich allein, das zweite und dritte Versglied gehören eng zusammen und enthalten die Auseinandersetzung und Begründung des Themas. „Meine Seele macht groß den Herrn“ tönt durch den ganzen Psalm und könnte wie das Responsorium eines Chores bei jedem Vers wiederholt werden.

Denn sieh’ von nun an werden mich selig preisen alle Geschlechter, weil Großes an mir getan der Mächtige.

An den Obersatz: „er hat hergeschaut“ schließt sich: „denn siehe“ als Sacherklärung des Herschauens an, und diesem hinwiederum folgt als zweite Sacherklärung: „Großes hat Er mir getan.“ Wir könnten die Ordnung der einzelnen Sätze geradehin umstellen: Großes hat er mir getan, so daß mich selig preisen alle Geschlechter, darum frohlocket mein Geist in Gott. Die Sacherklärung bewegt sich in indirekten und umschreibenden Worten, wie es schon die dichterische Form mit sich brachte, zumal Maria ihren Lobgesang vor Gott sprach, dem ja Alles offen und klar ist. Denn mit „siehe“ redete Maria nicht die Elisabeth an, sondern Gott. Wir haben ein Gebet, keine Unterredung mit Menschen. Als die Mutter Jesu Christi ist sie ein Gegenstand der Seligpreisung für alle Geschlechter. Mutter aber ward sie durch Großes (Großartiges), d. i. durch große (großartige) Werke, die Gott ihr und in ihr dem Volke getan hat. Diese großen Werke sind die unserer Erlösung durch Jesus Christus. Maria meint nicht, was an ihr gewirkt wurde zunächst, also z.B. die wunderbare Empfängnis des Sohnes Gottes, sondern alles was Gott für sie und das Volk getan und forttut.

Und Heiliger ist Sein Name, und Sein Erbarmen von Geschlecht zu Geschlecht denen die Ihn fürchten.

Es ist Sitte des Orientes, mit der Benennung Gottes eine Lobpreisung zu verbinden. Dies kommt nicht bloß in der feierlich gehobenen Sprache der heiligen Dichtung vor, sondern auch in der einfachen, täglichen. Der Araber setzt zu „Gott“ gerne ein Prädikat: „der barmherzige“ oder „der erhöht werde“ u.s.w. Einen solchen lobpreisenden Zusatz haben wir im obigen Vers: „Er der Mächtige, und Heiliger ist sein Name,“ aber nicht mit einer, wie man gewöhnlich sagt, oft vorkommenden Unterbrechung der Construction, so daß es gleichbedeutend wäre mit: „und dessen Name heilig ist.“ Nein, wir haben eine Pause zu setzen, ein wirklich neuer Vers beginnt; das Lied gewinnt dadurch an Kraft und Feierlichkeit. Als Gottesname kommt Heiliger im Alten Testamente so oft vor, daß es selbst die Eigenschaft eines Nomen propium (Eigennamen) angenommen hat, wie im neuen Testamente „heiliger Geist“ oder „der Gesalbte“ (Christus), d. h. daß es ohne Determination (ohne Artikel) steht; vergl. Hab. 3, 3.: „Gott kommt von Theman und (der) Heilige vom Berge Pharan;“ Ezech. 39. 7.: „ich Jahve (der) Heilige;“ Is. 57, 15.: „Heiliger ist sein Name“; Is. 6,3 u. s. w. Dieser Prophet vor allen liebt dieses Wort und hat nicht weniger als zweiundzwanzigmal „der Heilige Israels“ oder „der Heilige Jakobs“ für „der Gott Israels“ im Gegensatze zu den heidnischen Göttern, welche „Greuel“ und „Scheusale“ (Unheilige) genannt werden. Werfen wir nun einen Blick auf den Zusammenhang, wo er geeignet scheint, die Bedeutung des Wortes „heilig“ zu bestimmen, so kann uns nicht entgehen, daß es in erster Reihe bei solchen Prädikaten steht, welche die Macht und Herrlichkeit Gottes zu ihrem Gegenstande haben, und erst in zweiter Reihe bei jenen, welche unserm gewöhnlichen Begriffe von „heilig“ entsprechen; vergl. Is. 6, 3.; 57, 15: „also spricht der Hohe und Erhabene, der ewig Thronende, dessen Name der Heilige.“ Ps. 98, 3: „preisen will ich deinen Namen, den großen und furchtbaren, heilig ist er.“ 110, 9: „Erlösung sandte er seinem Volke, heilig und furchtbar ist sein Name.“ Damit steht in engster logischer Verbindung, wenn dieser Name als Gegenstand des Lobes und des Vertrauens für Israel erscheint. „Du bist heilig,“ sagt der Psalmist. „thronend unter den Lobliedern Israels (21, 4.)“ und wiederum: „es freut sich unser Herz, weil wir auf seinen heiligen Namen vertrauen (32, 21).“ Dieser Gebrauch kommt von der Wurzelbedeutung, welche das Wort „heilig“ im Hebräischen hat, indem es daselbst zunächst glänzend heißt, also rein; aber wie die Sonne rein ist, in der Reinheit und Herrlichkeit vereinigt sind; es ist jene Reinheit, die von keiner Unvollkommenheit berührt wird, die über allen irdischen Wechsel erhaben ist, die nichts von Vorliebe, nichts von Abneigung weiß, der sich nichts, was ihren Glanz trübte, nähern kann; hoch und heilig wohnet er. Das trifft allein bei Gott zu, die Götzen sind unrein, ein Greuel, voller Flecken und Mängel, in ihrem Können wie in ihrem Wollen ist nichts Heiliges, d. i. Reines, Unberührbares, von irdischen Einflüssen Freies. Der eine, also heilige ist darum mit Recht ein Gegenstand des Lobes, des Vertrauens, endlich der Furcht. Die „Heiligkeit“ im engeren Sinne des Wortes nach unserem katechetischen Begriffe als Abscheu vor dem Bösen und Liebe zum Guten ist ein Teil des biblischen Begriffes, erschöpft ihn aber nicht. Halten wir am biblischen Sinne von „heilig“ fest, dann erkennen wir leicht den Grund und innigen Zusammenhang der hier gewählten drei Prädikate Gottes: „mächtig, heilig, barmherzig.“ Sie haben sich in dem bewährt, was an Maria geschah, schon nach den Worten des Engels: Gottes Macht: „bei ihm ist kein Ding unmöglich;“ seine Heiligkeit: „er wird ihm (dem verheißenen Sohne der Jungfrau) den Thron seines Vaters David geben;“ seine Barmherzigkeit: „du wirst seinen Namen Jesus nennen.“ Unsere Erlösung ist ein Werk der Barmherzigkeit, die Erfüllung der göttlichen Verheißungen ein Werk der Heiligkeit, d. i. Seines reinen unantastbaren Wesens in treuer Güte und Wahrhaftigkeit, denn alles dieses umfaßt seine Heiligkeit, als der Heilige ist er wahrhaftig gütig und treu. Zum zweiten Versgliede, das keiner Erklärung bedarf, vergl. Ps. 102, 17.: „Des Herrn Erbarmen währet von immer und ewig über die, so ihn fürchten, 77, 38: „er ist barmherzig und vergibt Sünde,“ Unser Vers enthält das danksagende Bekenntnis der Erfüllung dessen, wonach Ethan der Sänger seufzte, als er ausrief: „Wo sind deine früheren Erbarmungen, o Herr, wie du David geschworen in deiner Wahrheit?“ Ps. 88, 50.)

Kraft hat er geübt mit seinem Arm, zerstreut Übermütige im Sinne ihres Herzens.

Haben wir eine geschichtliche Erinnerung an eine oder mehrere Großtaten Gottes in der Vergangenheit, oder im prophetischen Tone gehaltene Beschreibung der messianischen Zukunft, oder eine poetische Schilderung dessen, was Gott allzeit und immer tut? Alle drei Ansichten fanden Verteidiger. Doch gegen die erste spricht die zu allgemeine Haltung. Man erwartete eine Hindeutung auf das hier gemeinte Ereignis in der israelitischen Geschichte, auf Joseph oder David oder Gedeon oder Ezechias in seinem Kampfe mit der Weltmacht Assyrien; anderer Beispiele, der Esther, des Nabuchodonosor u.s.w. nicht zu gedenken. Das hätte mit einem Wort geschehen können und würde den poetischen Eindruck nur erhöht, nicht vermindert haben. Gegen das Zweite ist wie ich glaube die Meinung der Betenden, selbst der Inhalt. Maria nährte in sich keine solche, man möchte sagen, weltstürmende Erwartungen vom Messias; sie kannte Höheres und was mehr nottat als Throne stürzen und Reiche leer ausgehen machen, d. h. plündern. Der Lobgesang des Simeon gibt uns einen Einblick in die messianischen Hoffnungen derer, die vom Heiligen Geiste erfüllt waren, und auch Zacharias stellt die Erlösung und Heiligung des Volkes an die Spitze seiner Lobpreisung. Dieser kräftige Gesang wäre aber nur das Girren der Taube entgegen dem Brüllen des Löwen in unserm blutigen Deboraliede, wenn es die messianische Zukunft schilderte. Aber zugegeben die Schilderung sei messianisch, was wäre damit gesagt? nicht lauter Dinge, die Gott schon hundert Mal getan hatte und immerfort tut, wozu er eines Messias nicht bedurfte noch bedarf? Man übersehe nicht, daß die Verse dieser zweiten Strophe des Magnificat lauter Reminiszenzen aus nichtmessianischen Psalmen enthalten. Auch steht der Annahme einer prophetischen Schilderung kommender Zustände der Gebrauch des Perfekts („er hat geübt, zerstreut u.s.w.“) im Wege, denn auf das Futurum („selig werden, preisen“) und das Präsens („der mächtig ist“) würden Präsens oder Futurum folgen. Die allerdings richtige Bemerkung „der Prophet schildere Zukünftiges wie bereits geschehen,“ findet doch nicht überall Anwendung. Ohne Zwang bleibt also nur das Dritte, es empfiehlt sich durch Einfachheit, Wahrheit und den Zusammenhang des ganzen Liedes, worin sich die Demut der Betenden in ihrer reinsten Glorie offenbart: wie mir, so hat Gott von jeher getan: er hat den Niedrigen seine Kraft gezeigt. In dieser allgemeinen Fassung können wir buchstäblichen und geistigen (bildlichen) Sinn leicht miteinander ausgleichen; sie gehen wie Geschwisterte Hand in Hand. Wir haben dieselbe Einteilung wie in der ersten Strophe: Obersatz mit der Sacherklärung, die dann in zwei Beispielen veranschaulicht wird. Eines Weiteren bedurfte es nicht, als die Sache in Beispielen konkret vor Augen zu stellen. Letztere sind der Art, daß sie einen sprichwörtlichen Charakter haben, also für alle andere ähnliche Fälle stehen. Der Obersatz heißt: „Kraft hat er geübt,“ die Sacherklärung: „zerstreut hat er Übermütige.“ Das erste Versglied lautet in wortgetreuer Übersetzung: „eine Kraft hat er gemacht;“ es ist ähnlich aber doch nicht gleichbedeutend mit dem acht bis zehnmal im A. T. vorkommenden „eine Macht schaffen (Vermögen machen).“ Beide Redensarten verhalten sich zueinander wie die beiden Worte Kraft und Macht selbst, von denen das erste eine allgemeinere und darum unbestimmtere, das zweite eine bestimmtere reale Bedeutung hat, gleich in: eine Macht schaffen. Wir müssen aber beim Allgemeineren bleiben: Kraft hat Gott gemacht, d. h. Kräftiges bat er gewirkt; daran schließt sich enge: „mit seinem Arm,“ denn im Arm liegt die K r a f t. Was nun sein Arm gemacht hat; folgt: „er hat zerstreut.“ Man zitiert gerne Ps. 118, 15. (nach dem Hebr.): „die Rechte des Herrn schaffet ein Macht,“ als gleichbedeutend mit: die Rechte des Herrn wirket mächtig (mit Kraft), aber dies ist nicht der nächste Sinn, sondern es ist wie gleich Vers 16 lehrt: „die Rechte des Herrn erhöht,“ eine Macht und ein Vermögen gemeint, das Gott andern schafft und verschafft, woran sich enge schließt: „ich werde nicht sterben sondern leben.“ Diese Stelle ist daher nicht ganz der unsrigen gleich, wohl aber jene in Ps. 89, 9—14: „Herr Gott der Heerscharen, wer ist wie du mächtig? Du herrschest über den Stolz des Meeres. … Du hast zermalmt den Stolzen, mit dem Arm deiner Kraft hast du zerstreut deine Feinde. … Dir ist dein Arm mit Kraft, stark ist deine Hand, erhaben deine Rechte.“ Diese herrliche Psalmstelle erklärt vollständig das zweite Glied unseres Verses. Dem „zerstreuen“ geht das „zermalmen“ vorher, das Bild von der Spreu genommen, die in alle Winde zerstreut wird. Die Hochmütigen im Sinnen ihres Herzens sind die Feinde Gottes, also zunächst die Ungläubigen, die Freidenker, wofür der Hebräer eine Bezeichnung hat, die ganz unserm „starke Geister“ entspricht. Daß der geistige Hochmut des Unglaubens und der Überhebung vor und gegen Gott gemeint ist, lehrt schon der Ausdruck „Herz“ als Sitz des Denkens, daher die Redensart: ein weises Herz, ein törichtes Herz u. s. w. Der weitere Sinn des Wortes hoffärtig, wie es auch im N. T. vorkommt (Röm. 1, 30.) von jeder Art Überhebung ist in dem der Überhebung gegen Gott mit einbegriffen. Unser Vers klingt an Ps. 1,4: „Nicht so die Gottlosen, sondern wie Spreu, die der Wind verweht.“ Zur Sacherklärung vergleiche noch Ps. 114, 2—3: „Du Richter der Erde, vergilt den Stolzen, — sie reden Freches, es prahlen alle Übeltäter, — dein Volk, Herr, zermalmen sie — und sagen: „der Herr siehet nicht u. s. w.“ Sprüche 3, 5 gibt der griechische Text den Satz : „der Spötter spottet Gott,“ erklärend durch: „den Hochmütigen widerstehet Gott.“ Vergleiche dazu noch 15, 25: „das Haus des Hoffärtigen wird niederreißen der Herr.“

Machthaber hat er gestürzt von Thronen und erhoben Niedrige. Hungrige hat er erfüllt mit Gutem und Reiche leer fortgeschickt.

Zwei oft vorkommende Beispiele der Demütigung des Stolzes: in den Gewalthabern und den Reichen, also in denen, welche sagen: die Welt gehört u n s. Denn immer bleibt das Wort: „mein ist die Erde und ihre Fülle (Ps. 60, 12) und „er hilft dem armen, des stolzen Blick demütigt er (Ps. 17, 28) ; denn „erhaben ist der Herr und stehet auf das Niedere und kennt das Hohe von ferne (Ps. 137, 6). Dem Stolzen bleibt Gott ferne, im Himmel, aber er kennt ihn; dem niedrigen kommt er nahe; zu ihm steigt er herab auf Erden, nach ihm umzusehen d.i. ihm zu helfen. „Hoch ist Gott“, sind die Worte des heil. Augustinus, „demütigest du dich, so läßt er sich zu dir herab, richtest du dich auf, so flieht er vor dir.“ Es würde kein Ende nehmen, wenn wir die hierher gehörigen Stellen sammeln wollten; denn das ist gerade der Grundton der heiligen Schriften und der Grundzug der göttlichen Geschichte, den Stolzen niederzuwerfen und den Niedrigen aufzurichten. Unserm ersten Verse stehet am nächsten Sir. 10, 14: „Throne von Herrschern hat gestürzt der Herr und Demütige eingesetzt statt ihrer,“ mit einer weiteren Ausführung, welcher gleichsam als Thema vorausgeht (V. 5): „verhaßt vor Gott und Menschen ist der Hochmut.“ Zum zweiten Vers vergleiche Ps. 34, 11: „Reiche (nach dem Hebr. Löwen) verarmen und hungern, die aber den Herrn suchen, leiden nicht Mangel an allem Guten,“ d. h. an dem, was gut und eben nur gut ist. Die Übersetzung: „mit Gütern“ entspricht nicht ganz, weil „Güter“ ein Name ist, wir aber das Adjektiv beibehalten müssen. Mit „gutem“ erfüllen, sagt mehr aus als mit „einem Gute“ oder mit „Gütern.“ Güter können letztendlich dem Menschen nichts desto weniger schädlich werden, das „Gute“ nie. Die Ausdrücke „erfüllen“ und leer fortschicken, fortgehen machen“ sind vom Hausvater hergenommen, der die einen leer hinausstoßt aus seinem Hause, sie hinweggeschickt wie z. B. Abraham die Hagar (aber nicht leer), die andern teilnehmen läßt an der Fülle der Güter seines Hauses. Der Gegensatz: reich und hungrig, ist absichtlich beibehalten gegen den zunächst vermuteten satt und hungrig; denn beide werden als hungernd gedacht, aber der Reiche glaubt, es fehle ihm nicht, da er nur von dem seinigen zu nehmen habe. Dies tritt besonders stark im Hebräischen heraus, indem dort in der treffenden Psalmstelle „Löwen hungern“ steht. Löwen in Mitte einer Herde hungern; der Herr schickt sie leer hinweg.

Er hat aufgenommen Israel seinen Knecht, zu gedenken an Erbarmung, wie er zu unseren Vätern gesprochen für Abraham und seinen Samen auf ewig.

Zerlegen wir vorerst diesen Vers nach seinen einzelnen Bestandteilen. Der Hauptsatz ist: „er hat aufgenommen Israel, zu gedenken an Erbarmung auf ewig“; daran schließt sich als wiederholte Angabe des Objektes, welchem das Erbarmen gilt: „für Abraham und seinen Samen,“ endlich folgt noch der Grund: „wie er gesprochen zu unseren Vätern.“ Gott hat Israel aufgenommen, er hat es erwählt und zu seinem Volke gemacht, um Erbarmen zu üben auf ewig von Abraham an fort und fort, weil Er also verheißen hat, d.i. nach seinem freien gnädigen Ratschlusse, dem er als der Heilige unerschütterlich treu bleibt. Gott bat so gesprochen, Israel hat es sich nicht etwa verdient. Hat diese Auffassung ihre Richtigkeit, dann ergibt sich in der Tat, wie wir schon oben sagten, daß Maria auf den Anfang ihres Lobgesanges zurückkehre. Sie faßt, was Gott an ihr getan, unter dem Gesichtspunkte der Barmherzigkeit auf, welche er an seinem Volke übt immer und ewig; und was ihr geschehen, faßt sie auf unter dem Gesichtspunkt ihrer Niedrigkeit. Es ist also unrichtig, unsern Vers mit dem vorhergehenden der Art, eng zu verbinden, daß er gleichsam dessen Summarium ausmache; etwa wie wir sagen würden „mit einem Worte: er hat Israel aufgenommen.“ Denn die zweite Strophe bis hierher enthält keineswegs eine Gegenüberstellung von Heidentum und Judentum. Die stolzen Heiden hat Gott zerstreut, die demütigen Juden erhöht, sondern den ganz allgemeinen, ich möchte sagen unendlich tiefer greifenden von hoch und niedrig, d.i. stolz und demütig; denn nur das Stolze vor Gott ist hoch, daß es erniedrigt wird, und das demütige vor Gott niedrig, daß es erhöht wird. Dieser Gegensatz waltet im ganzen Menschengeschlecht, im Judentum und im Heidentum, und der Grundsatz des göttlichen Handelns bleibt sich hier ganz gleich an Juden und an Heiden. Wir sollten doch etwas auf der Hut sein, aus allgemeinen Wahrheiten und ewigen Gesetzen bloß nationale Privilegien zu machen. Es läßt sich kaum etwas Einfacheres und Würdigeres denken als der leitende Gedanke in unserm Liede: „ich bin erhöht worden, weil Gott Barmherzigkeit übt an seinem Volke ewiglich nach seiner Verheißung.“ Das erste Verslied erinnert an Is. 41, 8—10, wo sich zugleich die Erklärung des Ausdruckes „aufnehmen“ findet, nämlich: „Du aber Israel (spricht Gott) mein Knecht, Jakob den ich erwählt, Same Abrahams meines Freundes: du, den ich aufgenommen (ergriffen) von den Enden der Erde; von ihren Säumen rief ich dich und sprach zu dir: mein Knecht bist du, erwählt hab ich Dich, nicht verschmäht: fürchte dich nicht.“ Aufnehmen also oder ergreifen weiset hin auf die Vorgänge in Ägypten, woselbst Gott mit mächtigem Arm nach Israel griff, es aufnahm und zu seinem Knecht (Volke) machte. Damit steht in engem Zusammenhang auch die andere Bedeutung des Wortes „aufnehmen,“ wonach es von einem Irrenden oder Fremden oder Verstoßenen steht, der in ein Haus aufgenommen und als Gastfreund behandelt und beschützt wird, vergl. Ps. 27. 10: „Vater und Mutter haben mich verlassen, der Herr aber hat mich aufgenommen.“ Jos. 20, 4: „Er soll fliehen in eine von diesen Städten und sich stellen an den Eingang des Stadttores und sie sollen ihn aufnehmen — daß er bei ihnen bleibe.“ Die großartigste Schilderung der Aufnahme Israels nach dieser Bedeutung findet sich bei Ezech. 16, 1—14: „Am Tage, da du geboren wurdest, wardst du nicht gebadet und nicht in Windeln gewickelt. Kein Auge blickte schonend auf dich, dir eines von diesen zu tun. — Und ich ging an dir vorüber und sah dich und sprach zu dir: Lebe! — Zu Myriaden, wie des Feldes Sprößlinge ließ ich dich werden, und du nahmst zu und wurdest groß — aber du warst nackt. — Da breitete ich mein Gewand über dich und schwur dir und trat in einen Bund mit dir und du wurdest mein. — Und ich kleidete dich in bunt Gewirktes — und du warst geschmückt mit Gold und Silber, — Weizen und Honig und Öl aßest du und warst gar schön und gelangtest zur Herrschaft, und ausging dein Ruf über alle Völker wegen deiner Schönheit.“ Das „aufnehmen“ bezeichnet also die Erwählung Israels einschließlich aller jener Gnadenwerke, welche damit verbunden waren, und die sich fortsetzten und erneuerten von Jahrhundert zu Jahrhundert. Doch enthält nicht dieses Wort den Ton in unserm Vers, sondern das folgende: „zu gedenken an Erbarmung auf ewig.“ Denn dies war die Absicht und der Endzweck der Erwählung Israels, daß Gott an ihm auf immer und ewig Erbarmen übe; er hatte sich in ihm einen Gegenstand seines Erbarmens ausersehen. Und wahrlich bezeugt es die ganze Geschichte Israels. Auch wenn er den starren Nacken des Volkes züchtigte, geschah es „mit Maß“, und gleich wandte sich sein Herz zu Erbarmung. Nun aber ist der Augenblick gekommen, wo Gott, wie er den Vätern verheißen hat, nur mehr Erbarmen kennt. „Jauchzet ihr Himmel, und frohlocke Erde, und brechet aus ihr Berge in Jubel! denn der Herr tröstet sein Volk und seiner Armen erbarmt er sich. Vergißt ein Weib ihres Säuglings, daß sie sich nicht erbarmte des Sohnes ihres Schoßes? Und wenn sie vergäße, ich vergesse deiner nicht.“ (Is. 60, 13. 15.) Ich verlobe mich dir auf ewig, ich verlobe mich dir in Recht und Gerechtigkeit, in Gnade und Erbarmung. Und es wird geschehen: erhören werde ich die Himmel und sie erhören die Erde, und die Erde erhöret den Weizen und den Wein und das Öl und sie erhören den Jezrahel (den Gott säet): und ich säe sie mir im Lande und begnadige die Nichtbegnadigte und sage zu nicht-mein-Volk: mein Volk bist du , und es spricht: mein Gott bist du.“ (Os. 2, 19—24.)

(Der Katholik, Zeitschrift für katholische Wissenschaft und kirchliches Leben, herausgegeben von Dr. J.B. Heinrich und Ch. Moufang, Erster Band, Verlang Franz Kirchheim, Mainz 1859, Seite 323ff.; Rechtschreibung weitgehend angeglichen.)