Oktavtag der Himmelfahrt Mariens

Das Fest der Himmelfahrt Mariens nimmt uns hinein in den Jubel der himmlischen Heere beim Einzug der allerseligsten Jungfrau in den Himmel. Damit wir diesen Jubel einigermaßen begreifen können, wollen wir wenigstens zwei Seiten des Festgeheimnisses ein wenig erwägen. Die eine Seite, an die man eher selten denkt, ist der „Tod“ Mariens – wobei man bei Maria im eigentlichen Sinne gar nicht von einem Tod sprechen kann, keinen Tod wie bei allen anderen Menschen. Darum sprechen viele Väter nicht vom Tod Mariens, sondern von ihrer Entschlafung. Ganz sanft ist Maria in die Ewigkeit hinübergegangen, ohne jeglichen Todeskampf, ohne irgendwelche Seelennot.

Die dreifache Bitterkeit des Todes

Der hl. Alfons von Liguori verweist darauf, daß der Tod für uns Menschen durch drei Dinge bitter wird: Nämlich durch die Anhänglichkeit an die Welt, die Unruhe des Gewissens und die Ungewißheit des Heiles. Maria war aber durch die ihr geschenkte Fülle der Gnade Gottes von diesen drei Dingen vollkommen frei. Der hl. Alfons schreibt dazu:

Was nun den ersten Punkt betrifft, so besteht kein Zweifel, daß die Anhänglichkeit an die Güter dieser Erde den Tod der Weltleute bitter und elend macht, wie dies der Heilige Geist bezeugt: „O Tod, wie bitter ist dein Andenken dem Menschen, der sein Glück in seinem Vermögen findet.“ Der Tod der Heiligen aber, welche in voller Losgelöstheit von irdischen Dingen aus diesem Leben scheiden, ist nicht bitter, sondern süß, lieblich und kostbar und darum, nach den Worten des heiligen Bernhard, würdig, um jeden Preis erkauft zu werden.
(Alle Zitate aus: Hl. Alfons von Liguori, Die Herrlichkeiten Mariens, neu hrsg. v. P. Klemens Kiser, 1991)

Der Heimgang Mariens

Maria war vollkommen losgelöst von allen Geschöpfen, nichts zog sie Gott vor. Nicht die kleinste Anhänglichkeit fesselte ihre Seele an diese Welt. Ihr Wandel war ganz im Himmel, wie der hl. Paulus schreibt, denn dort war ihre Heimat – und dorthin war ihr ihr über alles geliebter Sohn seit der Himmelfahrt vorausgegangen. Was sollte sie also in dieser Welt zurückhalten? Was sollte ihren Tod bitter machen? Nichts, gar nichts! Deswegen erklärt der hl. Alfons weiter:

Der heilige Johannes erblickte Maria als „die Frau mit der Sonne bekleidet, den Mond unter ihren Füßen.“ Durch den Mond sind, nach Erklärung der Schriftausleger, die hinfälligen, wie der Mond sich ändernden Güter bezeichnet, die Maria nie begehrte, sondern nur verachtete und unter ihren Füßen hielt. Sie lebte in der Welt gleich der einsamen Turteltaube in der Wüste, ohne nach irgendeinem vergänglichen Ding zu verlangen, wie es im Hohenlied heißt. Abt Rupertus erklärt dies mit den Worten: „Wie eine Turteltaube bist du durch die Wüste heraufgestiegen, d. h. mit einer die Einsamkeit und Abgezogenheit von allen Geschöpfen liebenden Seele.“ Da Maria also in vollkommenster Losschälung von allem Irdischen und einzig und allein nur mit Gott vereinigt lebte, so wurde ihr der Tod nicht bitter, sondern überaus süß und erwünscht, da er sie durch die ewigen Bande des Himmels nur noch inniger mit Gott vereinigte.

Maria ersehnte den Tod als sozusagen lautlosen Übergang in die ewige, die eigentliche, die unveränderliche Welt Gottes. Und da sie ohne jegliche Sünde war, vermochte auch nichts ihren Seelenfrieden zu stören, wie der hl. Alfons seine Gedanken weiterführend hervorhebt:

Maria aber konnte gewiß im Tod von keinen Gewissensbissen geängstigt werden, da sie immer heilig, allzeit rein und unberührt von jedem Schatten eigener oder ererbter Schuld war, weshalb von ihr gesagt ist: „Du bist ganz schön, meine Freundin, und keine Makel ist in dir!“

Mariens unbeflecktes Herz war ganz frei von Furcht, weil es ganz frei von Sünde war; daraus folgend war es jedoch vollkommen angefüllt mit Liebe zu Gott. Darum freute sie sich auf ihren Heimgang über alles, war sie doch durch ihre Liebe schon so vollkommen mit Gott verbunden wie es in dieser Welt nur möglich ist. Dazu nochmals der hl. Alfons:

Eine Ordensfrau aus dem Orden der heiligen Theresia empfand, als der Arzt ihr den Tod ankündigte, eine solch große Freude, daß sie sagte: „Wie, Sie bringen mir eine solch frohe Botschaft und verlangen dafür keinen Lohn?“ Als der heilige Laurentius Justinianus im Sterben lag und seine Hausgenossen weinen hörte, sagte er: „Laßt eure Tränen; jetzt ist keine Zeit zum weinen.“ Ihr sollt euch vielmehr mit mir freuen, wollte der Heilige sagen, da die Pforte des Paradieses sich öffnet, um mich mit meinem Gott zu vereinigen. Und ähnlich der hl. Aloysius von Gonzaga, der hl. Petrus von Alcantara und viele andere Heilige, die bei der Ankündigung des Todes in Worte des Jubels und der Freude ausbrachen. Und dennoch hatten sie keine solche Gewißheit der göttlichen Gnade, noch waren sie der eigenen Heiligkeit so sicher, wie Maria derselben sicher war.
Welchen Jubel also mußte Maria empfinden, da sie die Botschaft ihres Hinscheidens empfing, sie, welche der höchsten Gewißheit der göttlichen Gnade sich erfreute, sie, die vom Erzengel Gabriel eigens die Versicherung erhalten hatte, daß sie voll der Gnade und schon Besitzerin ihres Gottes sei. „Sei gegrüßt, voll der Gnade, der Herr ist mit dir …“

Maria gehörte ganz zu Jesus, ihrem Sohn und Gott und Erlöser. Nur um unseretwillen ist sie noch in dieser Welt geblieben – um den Aposteln beim Aufbau der hl. Kirche mit Rat und Tat und vor allem auch durch ihr wunderbares Gebet zur Seite zu stehen. Kann man nicht mit Recht sagen, daß Maria die hl. Kirche ganz besonders durch ihr Gebet mitgegründet hat? Als sie aber erkannte, daß nunmehr der Wille Gottes erfüllt war und sie nicht mehr in dieser Welt gebraucht wurde, jubelte ihre Seele über alle Maßen und nichts konnte sie zurückhalten in dieser vergänglichen Welt, diesem Tal der Tränen. Auch hierzu wollen wir hören, was der hl. Alfons uns Schönes zu sagen weiß:

Von Maria war schon im Hohenlied gesagt worden: „Wer ist diese, die aus der Wüste heraufsteigt wie eine Rauchsäule von Spezereien aus Myrrhen und Weihrauch und allerlei Gewürz des Salbenhändlers?“ Die Myrrhe versinnbildet ihre vollkommene Abtötung, der Weihrauch bedeutet ihre flammenden Gebete und alle ihre heiligen Tugenden. Vereint mit ihrer vollkommenen Liebe zu Gott entzündeten diese in ihr ein solches Feuer, daß ihre herrliche in Liebesgluten sich opfernde und ganz verzehrende Seele ohne Unterlaß zu Gott wie eine Feuersäule sich emporschwang und die Fülle süßester Wohlgerüche jeder Art ausspendete, wie dies Rupertus bezeugt. Und noch mehr sagt der heilige Sophronius: „Du bist gleich der Rauchsäule, weil innerlich durch das Feuer der göttlichen Liebe als ein Brandopfer verzehrt, woraus der süßeste Wohlgeruch ausströmt.“ Und wie die liebende Jungfrau gelebt hat, so starb sie auch. Wie die göttliche Liebe ihr das Leben gegeben, ebenso gab sie ihr den Tod, indem sie, wie insgeheim die Lehrer und heiligen Väter sagen, sie nicht an irgendeinem Leiden, sondern einzig nur aus Liebe starb. Der heilige Ildephons sagt, Maria durfte entweder gar nicht oder nur aus Liebe sterben.

Ein Martyrium der Gottesliebe (der Sehnsucht nach Gott)

Wie sehr brannte das Feuer der göttlichen Liebe im unbefleckten Herzen Mariens? Das könnte wohl nur der recht ermessen, der ein ebenso reines Herz hat wie die Immaculata. Wenn schon der hl. Philipp Neri zuweilen seine Soutane öffnen mußte, weil er die Glut der Liebe zu Gott nicht mehr ertragen konnte, welches Martyrium der Gottesliebe mußte da erst Maria erleiden? Heute, an diesem Festtag, fand dieses Martyrium sein Ende. Maria fuhr begleitet von ihrem göttlichen Sohn, den Engeln und Heiligen in den Himmel auf. Der Lohn für eine solche Liebe war unermeßlich. Lassen wir uns diesen Triumphzug ebenfalls vom hl. Alfons etwas näher beschreiben.

Der Triumphzug Mariens in die himmlische Heimat

Nun hält Maria den Einzug. Die himmlischen Chöre singen im Anblick ihrer herrlichen Schönheit den mit ihr kommenden Scharen entgegen: „Wer ist die, die da aufsteigt aus der Wüste, von Freude überfließend und auf ihren Geliebten gelehnt?“ Wer ist die majestätische Kreatur, die von der Wüste der Erde kommt, dem Ort der Dornen und Disteln? Diese kommt so rein, so reich an Tugenden, gestützt auf ihren geliebten Herrn selber, der sich würdigt, sie mit so viel Ehre zu begleiten. Wer ist sie? Die begleitenden Engel erwidern: „Es ist die Mutter unseres Königs; es ist unsere Königin und die Gebenedeite unter den Weibern, die Gnadenvolle, die Heilige der Heiligen, die Geliebte Gottes, die Unbefleckte, die Taube, die Schönste aller Kreaturen!“ Hierauf stimmen alle seligen Geister zusammen Lob- und Preisgesänge an, Maria mit besserem Recht als einst die Israeliten der Judith zurufend: „Du bist der Ruhm Israels, du die Freude Israels, die Ehre unseres Volkes bist du!“
Ach, Herrin und unsere Königin, du bist der Ruhm des Paradieses, die Freude unseres Vaterlandes, die Ehre für uns alle. Sei immer willkommen, sei immer gepriesen; siehe dein Reich, siehe uns deine Vasallen, bereit, deine Befehle entgegenzunehmen.

Eine unvorstellbare Freude erfüllt alle Geschöpfe des Himmels beim Anblick ihrer Königin und Herrin – Engel und Heilige. Endlich nimmt ihre Königin Platz auf dem ihr seit Ewigkeit bereiteten Thron der Herrlichkeit. Gott hatte alle Schönheit in ihre Seele gelegt, aller Gnade Fülle ruhte auf ihr. Keine einzige Gnade, auch nicht die kleinste, hatte sie in ihrem Leben zu Boden fallen lassen. Jeder Augenblick ihres Lebens war ein vollkommener Akt der Gottesliebe. Wenn der Erzengel Gabriel sie schon bei der Verkündigung die „Gnadenvolle“ nannte, was sollte er erst jetzt sagen, jetzt bei ihrem Einzug in den Himmel?! Fehlten da nicht alle Worte, die Herrlichkeiten Mariens zu beschreiben?!

Die Krönung Mariens im Himmel

Nun nahen alle heiligen Engel zur Huldigung! Und sie, die erhabene Königin, dankt allen für deren Beistand, den sie ihr auf Erden geleistet haben. Ganz besonders dankt sie dem heiligen Erzengel Gabriel, dem glücklichen Botschafter ihrer Auserwählung, daß sie Mutter Gottes werden sollte.
Sofort betet die demütige, heilige Jungfrau die Majestät Gottes auf den Knien an, und ganz vertieft in die Erkenntnis ihres Nichts, dankt sie für alle aus reiner Güte ihr verliehenen Gnaden, insbesondere für ihre Erhebung zur Mutter des ewigen Wortes.
Endlich begreife, wer es begreifen kann, mit welcher Liebe die Allerheiligste Dreieinigkeit sie segnete, welchen Empfang der ewige Vater seiner Tochter, der Sohn Seiner Mutter, der Heilige Geist Seiner Braut bereitete. Der Vater krönt sie mit der Teilnahme an Seiner göttlichen Macht, der Sohn an Seiner Weisheit, der Heilige Geist an Seiner Liebe. Und alle drei göttlichen Personen erklären Maria, ihren Thron zur Rechten Jesu setzend, als die Königin des Himmels und der Erde, und befehlen den Engeln und allen Kreaturen, sie als ihre Königin zu erkennen und ihr zu dienen und zu gehorchen.

Wie ergreifend ist diese Schilderung des hl. Alfons! Es ist die Schilderung des Festgeheimnisses von Mariä Himmelfahrt, das wir in der hl. Liturgie mitfeiern dürfen. Auch wir schauen auf das große Zeichen, das am Himmel erschien – „eine Frau, mit der Sonne umkleidet, zu ihren Füßen den Mond, auf ihrem Haupte ein Kranz von zwölf Sternen“, wie es im Introitus hieß. Auch wir haben Maria in Judith in der hl. Lesung gepriesen: „Du bist Jerusalems Ruhm, du Israels Freude, die Krone unseres Volkes bist du!“

Und sodann haben wir im Graduale gehört, welche Sehnsucht Gott nach Seiner Immaculata hat: Höre, o Tochter, sieh und neige dein Ohr: nach deiner Schönheit sehnt Sich der König. Stockt einem da nicht der Atem ob eines solchen Geheimnisses? Und wir haben weiter gehört: „Die Königstochter, festlich bereitet, hält ihren Einzug; von Gold gewoben sind ihre Gewande.“ Solch eine Gnadenfülle konnte nur die Allmacht und Weisheit Gottes ersinnen! Eine solche Würde war göttlich zu nennen, denn wahrhaft ist Maria die Mutter Gottes! Im Wissen dieser unerhörten Gnadenbevorzugung haben wir voller Staunen im hl. Evangelium dem Magnificat gelauscht, das in der Communio nachklingen wird: „Selig preisen mich alle Geschlechter, denn Großes hat mir getan der Allmächtige.“ Wenn man bedenkt, wie wunderbar Maria schon in diesem Leben zu beten verstand, versteht man den hl. Alfons noch besser, der, wie wir schon gehört haben, geschrieben hat:

Endlich begreife, wer es begreifen kann, mit welcher Liebe die Allerheiligste Dreieinigkeit sie segnete, welchen Empfang der ewige Vater seiner Tochter, der Sohn Seiner Mutter, der Heilige Geist Seiner Braut bereitete. Der Vater krönt sie mit der Teilnahme an Seiner göttlichen Macht, der Sohn an Seiner Weisheit, der Heilige Geist an Seiner Liebe. Und alle drei göttlichen Personen erklären Maria, ihren Thron zur Rechten Jesu setzend, als die Königin des Himmels und der Erde, und befehlen den Engeln und allen Kreaturen, sie als ihre Königin zu erkennen und ihr zu dienen und zu gehorchen.

Wird man da nicht selbst auch mit Himmelssehnsucht erfüllt und den festen Willen, Maria ebenfalls als Königin zu erkennen, ihr zu dienen und ihr möglichst vollkommen zu gehorchen? Wenn doch Gott so unendlich gut zu uns Menschen ist, daß ER Maria – unsere Herrin und Königin – mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen hat, so daß unser göttlicher Erlöser und Seine heiligste Mutter jetzt schon mit Leib und Seele im Himmel thronen, muß man das nicht auch hoffen, daß ER auch mit uns gnädig ist und uns einst den Himmel schenkt, wenn wir dieses sterbliche Leben hinter uns lassen müssen?

In der Postcommunio beten wir: „Nach dem Empfang der heilbringenden Sakramente bitten wir Dich, o Herr, gibt, daß wir durch die Verdienste und Fürbitte der seligen Jungfrau Maria, die aufgenommen ward in den Himmel, zur Herrlichkeit der Auferstehung gelangen. Durch unseren Herrn Jesus Christus…“

Ja, möge unser göttlicher Erlöser uns die Gnade schenken, daß wir durch die Verdienste und Fürbitte der seligen Jungfrau Maria, die aufgenommen ward in den Himmel, zur Herrlichkeit der Auferstehung gelangen.