Unheilige und heilige Reformatoren (2)

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Wie wir schon im ersten Teil unserer Arbeit gezeigt haben, war der hl. Karl Borromäus einer jener Heiligen, die im öffentlichen Leben der Kirche Entscheidendes wirkten. Erst durch seinen heldenhaften Einsatz für die Reformen des Tridentiner Konzils begannen diese zu wirken und das kirchliche Leben wieder sittlich zu verbessern.

Pius X. über den hl. Karl Borromäus

Wie der hl. Pius X. in seiner Enzyklika Editae saepe schrieb, ist es das Vorbild der Heiligen, das am meisten Wirkung zeigt: „Wir sind überzeugt, daß das Beispiel christlicher Helden viel mehr die Herzen der Menschen zu ergreifen vermag als Worte und ausgesuchte Erörterungen (Rundschreiben E supremi). Daher ergreifen Wir freudig die günstige Gelegenheit, die heilsamen Vorkehrungen zu empfehlen, die Wir von einem anderen heiligen Hirten erhalten haben. Er steht der Gegenwart näher und die Bewegungen, gegen welche Gott ihn zu streiten aufgeweckt hat, waren fast die gleichen [wie jetzt]. Es ist Karl Borromäus, der Kardinal der heiligen römischen Kirche und Bischof von Mailand, den vor nunmehr 300 Jahren Paul V. in die Zahl der Heiligen aufgenommen hat. Dies ist keineswegs unzeitgemäß. Denn, um Uns die Worte Unseres genannten Vorgängers anzueignen, ‘Gott, der allein große Wunder tut, hat jüngst unter uns Großes getan. In seinen wunderbaren Gnadenakten stellte er über der apostolischen Felsenburg ein großes Licht auf, indem Er sich aus dem Schoße der heiligen römischen Kirche den heiligen Karl, den treuen Priester und frommen Knecht, erwählte, das Vorbild der Herde, das Vorbild der Hirten. Mit reichem Glanze hat er die ganze Kirche geziert und den Priestern und dem Volke voran geleuchtet wie Abel in seiner Unschuld, wie Henoch in seiner Reinheit, wie Jakob durch die Ausdauer in seinen Mühen, wie Moses durch seine Sanftmut, wie Elias durch die Glut seines Eifers. Er bewährte sich als nachahmungswürdiges Vorbild der leiblichen Abtönung inmitten üppiger Vergnügungen wie Hieronymus, der Demut in hohen Würden wie Martinus, der Hirtensorgfalt wie Gregorius, des Freimutes wie Ambrosius und der Nächstenliebe eines Paulinus. Er ließ uns mit den Augen schauen und mit unsern Händen berühren einen Mann, der inmitten der Schmeicheleien des Lebens der Welt gekreuzigt war, der im Geiste lebte, die Welt verschmähte, unaufhörlich dem Himmel diente und wie er das Amt eines Engels bekleidete, so auch auf Erden in Gesinnung und Werk das Leben der Engel nachahmte’ (Aus der Bulle Unigenitus vom 1. November 1610).“

Was wir schon mehrmals angesprochen haben, hebt der hl. Papst ebenfalls hervor: Er steht der Gegenwart näher und die Bewegungen, gegen welche Gott ihn zu streiten aufgeweckt hat, waren fast die gleichen [wie jetzt]. Die Neuerungen der Reformationszeit haben erstaunlich viele Neuerungen zur Folge gehabt, die durchaus an die Zeit nach dem sog. 2. Vatikanum erinnern. Die vollkommene Zerstörung der Liturgie etwa, oder die Masse an Priestern und Ordensleuten, die ihren Gott gegebenen Versprechen untreu geworden sind – und schließlich die vollkommene Zerstörung nicht nur des übernatürlichen Glaubens selbst, sondern auch des Glaubenssinnes.

Der göttliche Schutz der heiligen Kirche

Der hl. Pius X. hatte die Gefahren der modernistischen Infiltration ganz klar vor Augen, als er betonte: „Euch Ehrwürdige Brüder, steht es fest, daß die Kirche, mag sie auch immer angegriffen werden, niemals von Gott verlassen wird und sich alles Trostes beraubt sehen muß. Denn Christus liebt sie … und hat sich selbst für sie hingegeben, um sie zu heiligen und um selbst die Kirche herrlich darzustellen ohne Makel und Runzel oder etwas dergleichen, sondern daß sie heilig und unbefleckt sei (Eph 5, 25ff). Je mehr die Ungebundenheit sich gegen sie wendet, je schärfer der Angriff der Feinde wird, je gewandter die Nachstellungen werden, mit denen die Irrlehre ihr den Untergang zu bereiten scheinen möchte, mag es selbst in dem Maße geschehen, daß nicht wenige ihrer Söhne sich von ihr losreißen lassen und im Strudel der Sünde und Gottvergessenheit treiben, um so näher fühlt sie den göttlichen Schutz. Denn Gott sorgt dafür, daß gerade der Irrtum, mögen die Bösen es wollen oder nicht, den Triumph der Wahrheit herbeiführt, deren Hut der Wachsamkeit der Kirche anvertraut ist. Die Entartung muß der Verbreitung der Heiligung dienen, deren Förderung der Kirche als Lehrerin anvertraut ist. Die Verfolgung macht die Rettung vor unseren Feinden nur wunderbarer (Lk 1, 71). So kommt es, daß die Kirche vor den Augen des weltlich Gesinnten in härtester Bedrängnis erscheint, fast dem Untergang geweiht und doch im gleichen Augenblick schöner, kräftiger, reiner sich erhebt und leuchtet im Glanze der herrlichen Tugenden.“

Beim Lesen dieser Zeilen fragt man sich: Was würde der hl. Papst heute angesichts der Menschenmachwerkskirche schreiben? Wenn Pius X. im Hinblick der damaligen modernistischen Wirren befürchtete, der Antichrist könnte schon geboren sein, wie würde er jetzt urteilen? Er wäre sicher überzeugt, daß inzwischen wenigstens die Vorläufer des Antichristen eifrig am Werk sind und er müßte zugestehen, daß Gott den Feinden der Kirche einen viel weitreichenderen Sieg gewährt hat, als wir Katholiken uns jemals vorstellen konnten. Dennoch gilt auch heute, was der hl. Papst als Grundsatz nennt: Je mehr die Ungebundenheit sich gegen sie wendet, je schärfer der Angriff der Feinde wird, je gewandter die Nachstellungen werden, mit denen die Irrlehre ihr den Untergang zu bereiten scheinen möchte …, um so näher fühlt sie den göttlichen Schutz.

Das Ausmaß des apokalyptischen Abfalls

Wie notwendig ist unser Vertrauen auf diesen göttlichen Schutz inmitten der inzwischen postmodernen Wirren. Es erscheint noch notwendiger, sobald man nüchtern bedenkt, daß nicht nur nicht wenige ihrer Söhne sich von ihr losreißen ließen, sondern fast alle! Ist doch fast die ganze hierarchische Führung während des 2. Vatikanums vom Glauben abgefallen, weshalb die Kirche nicht nur vor den Augen des weltlich Gesinnten in härtester Bedrängnis, fast dem Untergang geweiht erscheint, sondern auch uns Katholiken. Das Ausmaß des apokalyptischen Abfalls war wohl keinem wirklich vorstellbar. Und stammen die meisten Fehlurteile über die wahre kirchliche Situation nicht aus der Verweigerung, dieses Ausmaß selbst angesichts der Ruinen wahr haben zu wollen? Jedenfalls machen uns die folgenden Worte des hl. Pius X. bei allem Trost, den sie bedeuten, recht wehmütig: „So bekräftigt Gott in seiner Güte stets wieder mit neuen Beweisen den göttlichen Ursprung der Kirche, sei es, daß er bei der schmerzvollen Erfahrung, wie Irrtümer und Entartung unter ihren Mitgliedern eingeschlichen sind, sie zur Überwindung der Gefahr leitet; sei es, daß er das Wort Christi wieder bewahrheitet: Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen (Mt 16, 18); sei es, daß er durch den Erfolg das Wort bestätigt: Siehe, ich bin bei euch bis ans Ende der Welt (Mt 28, 20), sei es endlich, daß er Zeugnis von jener geheimnisvollen Kraft ablegt, in der von Christus, nachdem er vollendet in den Himmel zurückkehrte, ein anderer Tröster dauernd über sie ausgegossen wird, sie schützt und in aller Trübsal aufrichtet, der Geist, der bei ihr bleibt bis in Ewigkeit, der Geist der Wahrheit, den die Welt nicht aufnehmen kann, da sie ihn nicht sieht noch kennt, dieweil er bei euch bleibt und mit euch ist (Joh 14, 16f 26; 16, 7 ff). Er ist die Quelle der Belebung und Kraft für die Kirche. So zeigt sich die Kirche, wie das ökumenische Konzil vom Vatikan erklärt, mit offenkundigen Merkmalen ausgestattet und ‚wie ein unter den Völkern aufgestelltes Zeichen‘ von jeder anderen Gesellschaft ausgezeichnet (3. Sitzung, 3. Kapitel).“

Während zur Zeit des hl. Karl Borromäus eine ganze Reihe von Heiligen die Reform des Konzils von Trient umsetzten und auch gesellschaftlich wieder Boden unter den Füßen gewannen, ja sogar Teile der abgefallenen Länder zurückeroberten, war es auf dem Vatikanischen Konzil (8. Dezember 1869 bis 20. Oktober 1870) schon anders. Letztlich waren es nur noch wenige, die einsahen, wie notwendig die Verteidigung des übernatürlichen Glaubens gegen den herrschenden Rationalismus und Naturalismus war. Das zeigte sich deutlich an dem recht weit verbreiteten Unverständnis bezüglich der Definition der Unfehlbarkeit des kirchlichen Lehramtes – ganz besonders in Deutschland und in Frankreich. Die Reinheit des Glaubens war letztlich vielen Katholiken schon kein echtes Anliegen mehr. Mit anderen Worten: Der modernistische Geist zeigte allmählich nicht nur bei den Gelehrten, sondern auch beim Volk Wirkung.

Die eine katholische Kirche, Säule und Grundfeste der Wahrheit

Der hl. Papst, der mit aller Kraft gegen diese gefährliche Entwicklung kämpfte, stellt grundsätzlich fest: „Sicher geschieht es nicht ohne ein Wunder der göttlichen Allmacht, daß die Kirche als geheimnisvoller Leib Christi niemals ihre heilige Lehre, ihre heiligen Gesetze und Ziele preisgibt, obwohl die Unbotmäßigkeit um sich griff und allenthalben der Abfall unter ihren Mitgliedern einriß; diese Allmacht bewirkt es, daß sie aus den Ursachen dieser Vorgänge gleiche Ergebnisse und Vorteile gewinnt und daß sie aus dem Glauben und der Gerechtigkeit der Mehrzahl ihrer Mitglieder die reichlichen Früchte des Heiles erntet. Kein geringeres Zeichen ihrer göttlichen Lebenskraft ist die Tatsache, daß sie inmitten des abstoßenden Wirrwarrs der Meinungen, inmitten der zahlreichen streitenden Feinde und vor der bunten Menge der Irrtümer als Säule und Grundfeste der Wahrheit unerschüttert feststeht mit dem einheitlichen Bekenntnis des Glaubens, mit der Teilnahme an den gleichen Heilmitteln, mit ihrer göttlichen Verfassung, ihrer Regierungstätigkeit und Sittenlehre.“

Die Definition der päpstlichen Unfehlbarkeit – Ein Gegengewicht gegen Rationalismus und Naturalismus

Während auf dem (ersten) Vatikanum noch durch den Einsatz bedeutender Theologen und einiger Heiligen durch die Definition der Unfehlbarkeit dem Rationalismus und Naturalismus ein Gegengewicht geschaffen wurde und die Kirche als Säule und Grundfeste der Wahrheit den Katholiken lichtvoll vor Augen gestellt wurde, war es knapp 90 Jahre später schon ganz anders. Schaut man nämlich auf der Grundlage dieser Wahrheit auf die Menschenmachwerkskirche, so kommt man aus dem Wundern gar nicht mehr heraus, denn die Kirchenführer befanden sich während des sog. 2. Vatikanums plötzlich selbst inmitten des abstoßenden Wirrwarrs der Meinungen – und machten sich mehrheitlich dieses Wirrwar des Modernismus zueigen. Nun weiß aber jeder Katholik, daß es wesensnotwendig ist, daß die Kirche als geheimnisvoller Leib Christi niemals ihre heilige Lehre, ihre heiligen Gesetze und Ziele preisgibt. Was war also geschehen? Da die Unbotmäßigkeit um sich griff und allenthalben der Abfall unter ihren Mitgliedern einriß, begann der massenhafte Abfall vom katholischen Glauben. Für den hl. Pius X. wäre es deswegen vollkommen evident gewesen, eine Gemeinschaft voller Glaubensirrtümer, mit irgendwelchen Bastardriten konnte unmöglich die katholische Kirche sein. Sie mußte eine Gemeinschaft von abgefallenen Katholiken sein wie die Protestanten zur Zeit der Reformation. Es ist nämlich eine dogmatische Tatsache, daß die Kirche Jesu Christi inmitten des abstoßenden Wirrwarrs der Meinungen, inmitten der zahlreichen streitenden Feinde und vor der bunten Menge der Irrtümer als Säule und Grundfeste der Wahrheit unerschüttert feststeht mit dem einheitlichen Bekenntnis des Glaubens, mit der Teilnahme an den gleichen Heilmitteln, mit ihrer göttlichen Verfassung, ihrer Regierungstätigkeit und Sittenlehre.

Gott wirkt durch Seine Heiligen

Der Kirche Jesu Christi bewahrt Gott durch den unfehlbaren Beistand des Heiligen Geistes ihren Glauben rein von Irrtum und Gott wirkt auch jederzeit durch Seine Heiligen zum Wohl der Gesamtheit der Gläubigen. Ganz besonders dann, wenn die übernatürlichen Güter in Gefahr sind, erweckt Gott Heilige, die an der Erneuerung der Kirche arbeiten, wie Pius X. am Beispiel des hl. Karl Borromäus weiter erklärt: „Dies wunderbare Eingreifen der göttlichen Vorsehung auf das von der Kirche ausgehende Werk der Erneuerung hat sich besonders reichlich in den Tagen gezeigt, welche zum Troste der Guten den heiligen Karl Borromäus hervorbrachten. Die Leidenschaften waren damals zur Herrschaft gelangt, der Sinn für die Wahrheit war gestört und verfinstert, der Streit mit den Irrtümern nahm kein Ende und die menschliche Gesellschaft, in die größten Übelstände versunken, schien schweres Verderben über sich selbst heraufzubeschwören. In diesen Zeitläufen erhoben sich stolze und aufrührerische Menschen, Feinde des Kreuzes Christi, die irdisch gesinnt sind, deren Gott der Bauch ist (Phil 3, 18f). Die Besserung der Sitten ließen sie außer acht, bemühten sich aber, die Hauptstücke des Glaubens zu leugnen und brachten so alles in Verwirrung, sicherten sich und andern freiere Bahn für ihre Willkür oder arbeiteten doch sicher auf die Zerstörung der kirchlichen Lehre, Verfassung und Zucht hin, indem sie sich der Autorität und Leitung der Kirche entzogen, dafür aber sich unter das willkürlich auferlegte Joch der entartetsten Fürsten oder Völker beugten. Nach dem Beispiele jener Bösen, denen die Schrift die Drohung zuruft: ‘Wehe euch, die ihr das Böse gut und das Gute bös nennet!’ (Is 5, 20) gaben sie diesem Aufruhr widerspenstiger Menschen und dieser Schädigung des Glaubens und der Sitten den Namen Erneuerung und sich selbst den Namen Wiederhersteller der alten Sitte.“

Eine von abgefallenen Hirten geführte Revolution – Verführer in Tiara und Mitra

Man meint fast, der hl. Papst würde mit seinen deutlichen Worten nicht die Zeit der Reformation, sondern nach dem sog. 2. Vatikanum beschreiben. Ist doch mit dem sog. 2. Vatikanum eine mit der Reformation durchaus vergleichbare Revolution über die Kirche hinweggefegt, die alles in Schutt und Asche verwandelte, was vormals als katholisch galt: Die Besserung der Sitten ließen sie außer acht, bemühten sich aber, die Hauptstücke des Glaubens zu leugnen und brachten so alles in Verwirrung, sicherten sich und andern freiere Bahn für ihre Willkür oder arbeiteten doch sicher auf die Zerstörung der kirchlichen Lehre, Verfassung und Zucht hin. Nur eines war anders als zur Zeit der Reformation, diese Leute entzogen sich der Autorität und Leitung der Kirche nicht, sondern die abgefallenen Hirten führten plötzlich selbst die Revolution an. Der Katholik stand plötzlich ganz und gar ohne Führung da bzw. mußte sich mit aller Kraft gegen die Verführer mit Tiara und Mitra wehren!

Gott ist getreu

Für die Zeit der Reformation konnte Pius X. noch feststellen: „Der Schar betrügerischer Menschen stellte Gott Erneuerer im wahren Sinn des Wortes entgegen, hervorragende Heilige, deren Aufgabe es war, den jähen Absturz aufzuhalten und die Glut der Leidenschaften zu mäßigen oder die schon entstandenen Schädigungen wieder gut zu machen. Ihre Arbeit für die Wiederherstellung der Zucht war anhaltend und mannigfaltig und hat der Kirche um so größeren Trost gebracht, je schwerer die Sorge war, die auf ihr lastete. Sie wurde zur Bestätigung jenes Ausspruches: Gott ist getreu … er lenkt auch die Versuchung zum Vorteil (1 Kor 10, 13). Unter diesen Fügungen hat die Kirche die größte Freude gewonnen, als Gott den heiligen Karl Borromäus zu einzigartiger Wirksamkeit erweckte und zu großer Heiligkeit des Lebens.“

Die Strafe der hirtenlosen Zeit und der Ermangelung wahrer Reformatoren

Hätte es während des sog. 2. Vatikanums einen hl. Karl Borromäus gegeben, würde heute ein hl. Bischof vom Schlage dieses Heiligen leben, wie glücklich könnten wir uns preisen! Aber nichts Derartiges war uns mehr vergönnt, Gott hatte nämlich die größte Strafe über Seine Herde verhängt, die Strafe der hirten- und prophetenlosen Zeit.

Das schmerzliche Fehlen wahrer Hirten und heiliger Propheten empfindet man umso mehr, wenn man sich die damaligen Heiligen klar vor Augen hält, wie es Pius X. in seinem Schreiben macht: „Gott hat es gefügt, daß seine Amtswaltung mit einer besonderen Kraft und Eindringlichkeit ausgestattet war, die nicht allein den Trotz der Parteihäupter zu überwinden, sondern auch die Kinder der Kirche zu belehren und zu ermuntern wußte. Denn er hielt jene von ihren schädlichen Anschlägen zurück und entkräftete ihre leeren Beschuldigungen mit der eindrucksvollsten Beredsamkeit: dem Beispiel seines Lebens und seiner Werke; bei diesen aber kräftigte er die Hoffnung und nährte die Begeisterung. Die Eigenschaften eines wahren Reformators, die wir bei andern einzeln und getrennt finden, die besaß er wunderbarerweise schon in jungen Jahren alle in voller Harmonie verbunden: Mannesmut, Besonnenheit, Gelehrsamkeit, Ansehen, Arbeitskraft und Eifer. Sie wirkten wunderbar zusammen zur Verteidigung der Wahrheit des katholischen Glaubens gegen die umlaufenden Irrtümer; wie es die Absicht der gesamten Kirche war, so weckte er in vielen den abgestandenen, ja fast verlorenen Glauben wieder, schützte ihn durch kluge Maßnahmen und Verordnungen; die ins Wanken geratene Zucht stellte er wieder her und rief Klerus und Volk wieder entschieden zu einer sittlichen Haltung zurück, wie sie dem Geist des christlichen Lebens entsprach. So erprobte er sich in jeder Hinsicht als Reformator.“

So sieht eine echte Reform der Kirche aus, so wirkten die wahren katholischen Reformatoren, sie wirkten wunderbar zusammen zur Verteidigung der Wahrheit des katholischen Glaubens gegen die umlaufenden Irrtümer und weckten in vielen den abgestandenen, ja fast verlorenen Glauben wieder. Zudem schützten sie ihn durch kluge Maßnahmen und Verordnungen. Das aber reichte noch nicht, denn auch die ins Wanken geratene Zucht mußte wiederhergestellt werden, was nur möglich ist, wenn Klerus und Volk wieder entschieden zu einer sittlichen Haltung zurückfinden, wie sie dem Geist des christlichen Lebens entsprach.

Eine trügerische Erneuerung …

Schaut man von diesem vom Papst kurz skizzierten Reformplan des hl. Karl Borromäus auf die sog. Reform nach dem sog. 2. Vatikanum, so springt zunächst in die Augen, daß diese in keiner Weise der katholischen Reform nach dem Trienter Konzil, sondern vielmehr der protestantischen Glaubenszerstörung wie ein Ei dem anderen gleicht. Schlagartig gab es nach dem sog. 2. Vatikanum weltweit fast keine Bekehrungen, sondern nur noch den massenhaften Abfall vom katholischen Glauben. Was sich heute, 60 Jahre danach noch „katholisch“ nennt, hat mit einem echten Katholiken nichts mehr gemein. Wie damals die Protestanten, bastelt sich jeder seinen eigenen Glauben zusammen. Was Pius X. von den Reformatoren geschrieben hatte, das gilt auch hier: „Nach dem Beispiele jener Bösen, denen die Schrift die Drohung zuruft: ‚Wehe euch, die ihr das Böse gut und das Gute bös nennet!‘ (Is 5, 20) gaben sie diesem Aufruhr widerspenstiger Menschen und dieser Schädigung des Glaubens und der Sitten den Namen Erneuerung und sich selbst den Namen Wiederhersteller der alten Sitte.“ Wie heuchlerisch wurde da vom neuen Geist des Konzils und von einem neuen Pfingsten geschwafelt, um den Leuten Sand in die Augen zu streuen. Es war wahrlich ein neues, noch nie dagewesenes Pfingsten, nämlich eine Erneuerung in der modernistischen Irrlehre, dem unheiligen Geist der Gottlosigkeit und der sittlichen Verderbnis. Die vielen sog. Mißbrauchsfälle sind nichts anderes als der späte Widerhall dieser „Erneuerung“ im unheiligen Geist des „Konzils“.

… im Gegensatz zur wahren Reform nach dem Konzil von Trient

Wie anders schaute die wahre Reform nach dem Trienter Konzil durch den hl. Karl Borromäus aus: „Aber nicht minder bewährte er sich in den Obliegenheiten des treuen und guten Knechtes und dann im Amt des Hohenpriesters, der in seinen Tagen Gott gefallen hat und als gerecht erfunden worden ist. Er verdient es also wohl, daß die Menschen aller Verhältnisse, Kleriker und Laien, Reiche und Arme, zu ihm wie zu einem Vorbild aufblicken. Seine Vorzüge sind darin zusammenzufassen, was das Lob des Bischofs und Vorstehers ist, nämlich daß er, den Worten des Apostels Petrus gehorsam, das Vorbild der Herde von Herzen geworden ist (1 Petr. 5, 3). Zur Bewunderung aber reißt uns Karolus ebenso hin, da er, noch nicht zwanzig Jahre alt, die höchsten Ehrenstellen erlangte und mit bedeutsamen und schwierigen kirchlichen Angelegenheiten betraut, durch die Betrachtung der göttlichen Dinge in heiliger Zurückgezogenheit zur geistlichen Erneuerung täglich mehr der vollen reichen Tugendhaftigkeit zustrebte und als Schauspiel leuchtete für die Welt, Engel und Menschen.“

Ein Vorbild des bischöflichen Hirten

Der hl. Karl Borromäus war seiner Herde ein vollkommenes Vorbild zunächst im Bekenntnis des hl. Glaubens und sodann in der Übung der Tugenden. Wer auf ihn blickte, der hatte den Guten Hirten vor Augen, der Seine Herde weidet und allseits beschützt gegen die Gefahren, die der Seele besonders in solch wirren Zeiten drohen. Der hl. Papst Pius X. erinnert an die Worte des hl. Petrus in seinem ersten Brief: „Die Ältesten also unter euch ermahne ich als Mitältester und Zeuge der Leiden Christi sowie Teilhaber der Herrlichkeit, die offenbar werden soll: Weidet die Herde Gottes, die euch unterstellt ist, nicht gezwungenermaßen, sondern freiwillig, wie Gott es will; nicht aus schnöder Gewinnsucht, sondern bereitwillig. Tretet nicht als Herren der Gemeinden auf, sondern als Vorbilder für die Herde. Wenn dann der Oberhirte erscheint, werdet ihr den unverwelklichen Kranz der Herrlichkeit empfangen“ (1 Petr. 5,1-4).

Im Lateinischen heißt es: „sed formae facti gregis“ – d.h. der Hirt ist die Wesensform seiner Herde, er ist erstes Vorbild und direkter Ansporn, unmittelbares Beispiel und ernsteste Mahnung für die Herde. Das bewahrheitete sich voll und ganz beim hl. Karl, wie Pius X. in seinen Gedanken weiter ausführt: „Damals wahrlich begann Gott, um die Worte Unseres schon erwähnten Vorgängers Paul V. zu gebrauchen, in Karl seine Wunderwerke zu offenbaren: die Weisheit und Gerechtigkeit, den glühenden Eifer für die Förderung der Ehre Gottes und des Ansehens der Katholischen Kirche, vor allem die Sorge für die Erneuerung des Glaubens und der gesamten Kirche, eine Aufgabe, welche in dem erhabenen Konzil von Trient zur Lösung stand. Die Ehre, die Abhaltung des Letzteren angeregt zu haben, wird von dem gleichen Papste und der ganzen späteren Zeit Karl zuerkannt. Er gilt als der Mann, der nicht nur der treueste Vollstrecker desselben einst gewesen ist, sondern auch sein entschiedener Vorkämpfer. Ohne seine vielen Nachtwachen, seine Sorgen und Anstrengungen aller Art wäre jener Erfolg nicht erreicht worden.“

Das Fundament der katholischen Wahrheit und Moral

Nur auf dem soliden Fundament der katholischen Wahrheit und Moral konnte der hl. Karl sein Reformwerk durchführen. Darum war er es auch, der mit Nachdruck dieses Konzil angeregt und auch immer wieder dazu ermuntert hat, es zu vollenden. Wenige haben sich die Lehren und Anweisungen des Tridentinums so zu eigen gemacht wie er. Zusammen mit einer ganzen Reihe von Heiligen hat er schließlich an der Verwirklichung der Reform gearbeitet, ja ohne seine vielen Nachtwachen, seine Sorgen und Anstrengungen aller Art wäre jener Erfolg nicht erreicht worden. Denn die Kirche Jesu Christi ist nicht Menschenwerk, sondern Gotteswerk. Die Gnade aber muß erbetet, eropfert und im mühsamen Alltag erkämpft werden. Nur so gibt Gott dem eigenen Bemühen auch den Erfolg. Und nur so war eine von der Gnade getragene Erneuerung der hl. Kirche möglich. Die Katholiken rafften sich durch den Heiligen angespornt wieder auf, den Weltgeist zu überwinden, die Ordensleute nahmen ihre Ordensregeln wieder ernst und erkannten darin wieder eine wunderbare Schule der Heiligkeit. Wie notwendig war diese Reform an Haupt und Gliedern damals gewesen.

Der Zustand der Erzdiözese Mailand zur Zeit des heiligen Karl Borromäus und die Bemühungen ihres heiligen Bischofs

Zeichnen wir diesen mühsamen Weg ein wenig nach. Als der hl. Karl 1565, nach dem Tod seines päpstlichen Onkels Pius IV., endgültig nach Mailand ging, um nun seine Diözese persönlich zu leiten, hat ein Biograph den religiösen Zustand der Erzdiözese Mailand damals so geschildert: „Für fromm wurde angesehen, wer einmal im Jahr die Sakramente empfing; für unterrichtet, wer das Vaterunser und die zehn Gebote Gottes hersagen konnte; für witzig, wer den Priester während des Gottesdienstes verhöhnte… Vom geistlichen Stand war es damals sprichwörtlich geworden: wer sich die Hölle verdienen wolle, müsse Geistlicher werden.“

Das klingt doch recht modern. Der Heilige ließ sich von all dem aber in keiner Weise entmutigen. Er hatte inzwischen gelernt, auf Gott zu vertrauen und nicht auf die Menschen. Wie wir schon gehört haben, übte er deswegen an sich selber die größte Strenge. Nur so konnte er der unvorstellbar großen Aufgabe gerecht werden. Die Zeit, die ihm neben der Verwaltung seiner Diözese übrigblieb, verwandte er vor allem auf den Besuch der Kirchen. Zudem spendete er reichlich Almosen und gab große Summen Geldes zum Schmuck seiner Kathedralkirche. Selber aber führte er immer mehr ein ärmliches, einfaches Leben, um seinen göttlichen Meister nachzuahmen. Was damals durchaus nicht selbstverständlich war, er unterließ es keinen Morgen, das heilige Meßopfer darzubringen. Auf dieses bereitete er sich nicht nur durch inbrünstiges Gebet, sondern auch jedesmal durch die hl. Beichte vor. Wenn ihn einmal eine schwere Krankheit von der Feier heiligen Messe abhielt, empfing er wenigstens die hl. Kommunion. Wie er selbst erklärte, bestand seine größte Wonne darin, am Fuß der Altäre vor dem Tabernakel zu beten. Das war nicht nur einfach so dahingesagt, sondern der Heilige brachte oft ganze Nächte in der Kirche zu und war mit allen Kräften darauf bedacht, die Kirchen von Mailand und die seines ganzen Bistums dem Geheimnis des allerheiligsten Altarsakramentes entsprechend würdig auszustatten.

Die glühende Liebe des hl. Karl zum allerheiligsten Altarsakrament

Besonders sah er auch darauf, daß in den Kirchen Reinlichkeit und Ordnung herrschte und der Gottesdienst mit entsprechender Feierlichkeit abgehalten wurde. Wie beeindruckend war es zu sehen, mit welcher Andacht und inneren Sammlung er selbst die heilige Messe las und mit welch glühender Liebe er das allerheiligste Altarsakrament behandelte? Seine Danksagung nach der heiligen Messe dauerte zuweilen Stunden. Bei der Austeilung der heiligen Kommunion, war er gewöhnlich so ergriffen, daß gar nicht merkte, was um ihn herum vorging. Letztlich muß man festhalten: Aus der Liebe zum allerheiligsten Altarsakrament schöpfte er jene übermenschliche Kraft für sein immenses apostolisches Wirken.

Bei einer so tiefen Frömmigkeit und einer so großen Verehrung des Allerheiligsten wundert es einen nicht zu sehen, welch große Mühe sich der Heilige gab, auch die Gläubigen zum fleißigen und andächtigen Besuch des Gottesdienstes und zum würdigen Empfang der heiligen Sakramente anzueifern! Besonders bei seinen bischöflichen Visitationen ermahnte er immer wieder die Gläubigen, dem heiligen Meßopfer mit großer Andacht beizuwohnen. Er hob dabei vor allem die feierlich gestaltete Sonntagsmesse an jedem dritten Sonntag im Monat hervor und wünschte, daß die Gläubigen dann auch die heilige Kommunion empfingen und an der eucharistischen Prozession teilnähmen.

Die Gründung der Bruderschaft vom heiligsten Altarsakrament

Um die Gläubigen zur eifrigen Anbetung des allerheiligsten Altarsakraments anzueifern, gründete er in seiner Erzdiözese die Bruderschaft vom heiligsten Altarssakrament, für die er selbst die Satzungen verfaßte. Darin heißt es u.a.: „Je größer die Gnade ist, die uns unser Herr Jesus Christus erweist, indem Er in der Heiligen Eucharistie beständig bei uns bleiben wollte, desto größer ist auch unsere Pflicht, immer und durch alle möglichen Mittel dieses erhabenste Sakrament zu ehren und zu verherrlichen.“

Ganz von diesem Geist der Anbetung durchdrungen förderte er auch, so viel er nur konnte, das 40-stündige Gebet vor dem Allerheiligsten und die Ewige Anbetung. Dazu ordnete er das 40-stündige Gebet so, daß das ganz Jahr über das allerheiligste Altarsakrament immer in einer Kirche der Diözese öffentlich zur Anbetung ausgesetzt wurde. In allem bewegte ihn seine Liebe zum göttlichen Erlöser. Sein Wunsch war derselbe wie derjenige des hl. Pius X., nämlich alles in Christus zu erneuern.

Das große Werk der Erneuerung des kirchlichen Lebens durch die Andacht zur Gottesmutter Maria

Der Heilige wußte freilich nur zu gut, daß für dieses große Werk der Erneuerung des kirchlichen Lebens die himmlische Hilfe unerläßlich war. Darum wandte er sich ganz besonders an die Königin der Heiligen und Mittlerin aller Gnaden, Maria. Ganz selbstverständlich pilgerte er zu den großen Marienheiligtümern. Wo immer es möglich war, förderte er die Andacht zu Maria. Dazu gründete er 130 marianische Gruppen, 556 Bruderschaften vom Heiligsten Sakrament und 133 für die christl. Disziplin. Diese Bruderschaften sollten ein Bollwerk gegen die neuen irrigen Strömungen und ein Motor der Geisteserneuerung sein.

Die Mobilmachung der persönlichen Kräfte für die Reform der heiligen Kirche

Wie wir schon gehört haben, sah der hl. Karl durch den überraschenden Tod seines Bruders Federigo die Kurzlebigkeit weltlichen Ruhmes ein. Damals schrieb er: „Dieser Schlag ist so schrecklich, daß keine menschliche Erwägung mich trösten kann … Mehr als sonst etwas hat dieses Ereignis mich unser Elend und die wahre Seligkeit der ewigen Heimat fühlen lassen.“

Diese Einsicht in die Vergänglichkeit allen irdischen Glücks vertiefte er noch durch die geistlichen Übungen des hl. Ignatius von Loyola, denen er sich unter Leitung des Jesuiten Ribera unterzog. Während der Exerzitien übte er seine Seele „dazu hin, sich selbst zu überwinden und sein Leben zu ordnen, ohne sich durch irgendeine Neigung, die ungeordnet wäre, bestimmen zu lassen“, wie es im Exerzitienbüchlein heißt. Dadurch erst wurde er fähig, alle seine Begabungen und Kräfte ganz für die Reform der hl. Kirche einzusetzen. Sein Leben sollte fernerhin ganz der größeren Ehre Seines Herrn Jesus Christus dienen, weshalb er sich täglich mehr durch Gebet, Sühne und Buße in der Hingabe an Gott übte. Dabei war ihm vor allem die wahrlich erdrückende Arbeitslast eine wahre Buße. Man kann nur bewundernd feststellen, mit welchem heldenhaften Einsatz er sich nebst seiner Arbeit für das Erzbistum Mailand auch noch als enger Vertrauter von drei Päpsten restlos für die Umsetzung der Konzilsbeschlüsse von Trient verausgabte. Man bedenke, allein die noch vorhandene Korrespondenz zählt 35.000 Briefe! Diese hat er zwischen 1560 und 84 entweder selbst geschrieben oder aus ganz Europa empfangen. Bei einer solch großen Arbeitslast wurde nicht selten die Nacht zum Tag. Seine Antwort an besorgte Mahner war gewöhnlich: „Bischöfe müssen wie Heerführer im Kriege sitzend auf einem Stuhl schlafen.“ Um sich während der Nacht wach zu halten, hielt er eine Eisenkugel in der Hand. Fiel sie beim Einschlafen zu Boden, weckte ihn das Geräusch, sodaß er mit der Arbeit weiterfahren konnte. Diese Kugel wird noch als Reliquie in der Kirche des hl. Barnabas in Mailand aufbewahrt.

Die enorme Arbeitslast des heiligen Erzbischofs

Ludwig Freiherr von Pastor schreibt in dem uns schon bekannten Buch, „Charakterbilder katholischer Reformatoren des XVI. Jahrhunderts“, darüber: „Daß auch mit diesen Gründungen Borromeos Arbeitskraft und Arbeitslust noch nicht erschöpft war, daß man auch von ihm sagen konnte, die Grenzen seiner bischöflichen Wirksamkeit seien so weit wie die ganze katholische Kirche, beweist der riesenhafte Briefwechsel, den er führte, und der jetzt noch in der Ambrosianischen Bibliothek in etwa 300 Folianten aufbewahrt wird. Alle Menschenklassen, alle Rangstufen vom Kaiser bis zum letzten Schweizer Landschreiber, vom Papst bis zum armen Seminaristen sind unter den Absendern dieser Briefe und Berichte vertreten; im Erzbistum Mailand, im Tessin und Veltlin lassen sich wenige Orte nennen, aus denen nicht Briefe eingelaufen wären, und außerdem finden sich solche aus Lissabon und Madrid, aus Paris und London, Amsterdam und Köln, Wien und Prag, Krakau und Wilna, Malta und Kairo. Diese Berichte aber wurden regelmäßig vom Erzbischof persönlich durchgesehen und die Antworten nach seinen Weisungen fertiggestellt. Alle, die sich einen Einblick in diese Werkstätte eines von verzehrendem Eifer entbrannten Geistes und Herzens verschafften, sind denn auch von Bewunderung hingerissen, und das Staunen muß sozusagen ins Ungemessene wachsen, wenn man bedenkt, daß dieser Briefwechsel gleichsam nebenher besorgt werden mußte, daß Borromeos Zeit außerdem in Anspruch genommen war durch die täglichen Audienzen und Besuche, durch zahlreiche Predigten und Ansprachen, durch Visitationen des eigenen und fremder Bistümer, durch die Vorbereitung seiner siebzehn Konzilien und überhaupt durch die laufenden Geschäfte der bischöflichen Verwaltung. Eine so großartige Arbeitsleistung wäre unbegreiflich, wüßte man nicht, daß Borromeo in den letzten Lebensjahren nur mehr wenige Stunden dem Schlafe widmete und der Tag für ihn vielleicht doppelt soviel Arbeitsstunden zählte als für andere. Durch die fortgesetzte Strenge seines Lebens, die er in vorsichtiger Weise bis zuletzt noch steigerte, schien er dem Geistigen in ihm eine fast wunderbare Herrschaft über den Körper errungen zu haben, so daß er beinahe eine unumschränkte Gewalt über ihn besaß.“

Aus diesen Zeilen wird der Unterschied zwischen einer gewöhnlichen und einer heldenhaften, heroischen Tugend greifbar. Eine solche Arbeitsleistung, zu der eine ungeheure Selbstdisziplin gehört, ist nur mit Hilfe der göttlichen Gnade möglich. Letztlich war der hl. Karl Werkzeug in den Händen des gütigen Gottes, der sich Seines Volkes erbarmte und ihm inmitten der Wirren einen solch heiligen Hirten schenkte.

Die tiefgreifende Wirkung der Gnade in einer mit Gott verbundenen Seele

Damit aber die Gnade so tiefgreifende Wirkungen in der Seele erzielen kann, muß diese vollkommen mit Gott verbunden leben. Zu dieser unlösbaren Gottverbundenheit führte ihn, wie wir schon gezeigt haben, einerseits die Verehrung des allerheiligsten Altarsakramentes, aber auch eine ganz lebendige Marienverehrung. Auch hierin gab der hl. Karl Borromäus dem Klerus und seinem Diözesanvolk das beste Beispiel. Der wahren und wirklichen Mutter des menschgewordenen Wortes Gottes brachte er im täglichen Beten der „Kleinen Marianischen Tagzeiten“, des „Engel des Herrn“, sowie des hl. Rosenkranzes seine besondere Verehrung dar. Sobald die Ave-Glocken geläutet wurden, kniete der Erzbischof nieder und betete den ihn umgebenden Menschen den „Engel des Herrn“ vor. Selbst auf Reisen ließ er den Wagen anhalten, stieg aus, kniete nieder und betete den englischen Gruß. Den hl. Rosenkranz betete der hl. Karl täglich in der Hauskapelle kniend zusammen mit allen Angestellten des Hauses.

Der hl. Karl hat also selbst ganz ernst genommen und beharrlich in die Tat umgesetzt, was er einmal gesagt hat: „Unter allen Heilsmitteln, die uns Jesus Christus im Evangelium empfohlen hat, nimmt das Gebet den ersten Platz ein.“ In den gegenwärtigen geistigen Wirren ist natürlich auch für uns dieses Hilfsmittel des Gebetes von höchster, ja entscheidender Bedeutung. Da regt uns sicherlich das Beispiel des hl. Karl zur eifrigen Nachahmung an.

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