Fastenzeit – Gnadenzeit

Das Kirchenjahr hat seine besonderen Festzeiten, die jährlich wiederkehrend unser Glaubensleben prägen und lebendig halten. Im Großen und Ganzen folgt das Kirchenjahr dabei dem Leben Unseres Herrn Jesus Christus. Ist doch das Leben des Gottmenschen die Form, nach der unsere Seele durch die Erlösungsgnade geprägt werden soll, wie wir beim hl. Paulus im Epheserbrief belehrt werden:

„So sage ich denn und beschwöre euch im Herrn: Wandelt nicht mehr wie die Heiden in einer auf Vergängliches gerichteten Gesinnung. Sie sind in ihrem Denken verfinstert und dem Leben in Gott entfremdet; denn Unwissenheit hält sie umfangen, und ihr Herz ist verhärtet. Abgestumpft geworden, haben sie sich der Ausschweifung ergeben und frönen jeglicher Unreinheit in unersättlicher Gier.
Dergleichen habt ihr von Christus nicht gelernt. Ihr habt doch von ihm gehört und seid in ihm unterwiesen worden. In Jesus ist ja die Wahrheit. Legt also gegenüber eurem früheren Wandel den alten Menschen ab, der an den trügerischen Gelüsten zugrunde geht. Erneuert euch in eurer geistigen Gesinnung und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit geschaffen ist.“ (Eph. 4,17-24)

Als Katholiken stehen wir in der Nachfolge Christi. Dabei gilt, je konkreter das Vorbild uns vor Augen steht, desto anspornender wirkt es auf unser Gemüt. Je strahlender und lebendiger das Ideal uns voranleuchtet, desto konsequenter folgen wir ihm nach. Dabei werden wir ständig mit einer Grunderfahrung unseres sittlich-religiösen Lebens konfrontiert, daß wir nämlich das christliche Ideal niemals ohne Selbstüberwindung und Opfer erreichen können. Unser göttlicher Lehrmeister hat es so eindringlich gesagt: „Tretet ein durch die enge Pforte! Denn weit ist die Pforte und breit ist der Weg, der ins Verderben führt, und viele gehen auf ihm. Wie eng ist die Pforte und wie schmal der Weg, der zum Leben führt, und nur wenige finden ihn“ (Matth. 7,13 f).

Aus dieser gottmenschlichen Belehrung hat man zu allen Zeiten geschlossen, daß der Weg der Mehrheit, der Weg der Masse nicht zum Himmel führt. Unsere hl. Mutter, die Kirche, hat deswegen ihre Kinder immer ermahnt, nicht den breiten Weg der Weltmenschen mitzugehen, sondern durch die enge Pforte zum göttlichen Leben einzutreten. Als Vorbereitung auf die Fastenzeit sollen wir ganz ausdrücklich den schmalen Weg wählen. Wobei die heilige Liturgie auch hierin dem Vorbild unseres göttlichen Lehrmeisters folgt, der sein öffentliches Wirken mit einem 40-tägigen Fasten begonnen hat. Diesen heiligen Brauch wollten die Katholiken von Anfang an jedes Jahr erneuern, denn es ist dem erbsündlich geschwächten Menschen notwendig zu fasten.

Daß das Fasten eine Notwendigkeit für uns ist, möchte der moderne Mensch nicht mehr einsehen. Er verbindet den Gedanken des Fastens sofort mit dem finsteren Mittelalter, als die Menschen sich noch kasteit haben und meinten, allerlei Strengheiten auf sich nehmen zu müssen – heute ist das natürlich anders. Haben wir doch einen modernen Lebensstil und dazu paßt das Fasten nicht mehr – allerhöchstens als Heilfasten zu therapeutischen Zwecken oder als kosmetisches Fasten für eine bessere Figur. Der moderne Mensch schaut mehr auf die Güte und Barmherzigkeit Gottes als auf Seine Gerechtigkeit, die man früher in den Vordergrund gestellt und vollkommen übertrieben hat. Wir moderne Menschen haben die unendliche Barmherzigkeit erst richtig entdeckt. Der unendlich barmherzige Gott will doch den Menschen nicht durch das viele Fasten und die Abtötung quälen, er will uns erlösen.

Der modernistische Lebensstil

Es ist nicht allzu schwer einzusehen, daß diese irrige Meinung über das Fasten und die Barmherzigkeit Gottes mit dem Modernismus zusammenhängt. Der Modernismus ist nicht nur ein neuer, irriger Glaube, er ist auch ein neuer, irriger Lebensstil. Es ist bezeichnend, daß in der Menschenmachwerkskirche im ganzen Kirchenjahr nur noch zwei verpflichtende Fastentage übriggeblieben sind: Aschermittwoch und Karfreitag (an die sich auch niemand mehr hält; so wurde z.B. in einer „katholischen“ Pfarrgemeinde vom dortigen Frauenverein für den Aschermittwoch ein „Heringsessen“ angekündigt mit dem Hinweis: „Für das leibliche Wohl ist bestens gesorgt“). Hier wurde offensichtlich die Grundordnung unsers Lebens umgekehrt, man bildet sich ein, der breite Weg führe in den Himmel, wohingegen der schmale in die Hölle führt, falls es eine Hölle geben sollte – und wenn ja, dann ist niemand darin. So das übliche modernistische Geschwätz.

Synthese von Fortschritt und Katholizismus?!

Vor allem in Amerika hatte sich schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Irrlehre weit verbreitet, die neue Welt solle auch im Glauben neue Wege gehen, amerikanische sozusagen. Einer der damals bekanntesten Vertreter dieses neuen Weges in der neuen Welt war P. Hecker, der Gründer der Kongregation der Paulisten. Von diesem wurde neben dem Loblied auf die Demokratie auch besonders das Loblied auf die Freiheit gesungen. Mit Freiheit meint er dabei vor allem die Freiheit, sich mit dem Fortschritt der modernen Welt auszusöhnen. Msgr. Keane nannte den Amerikanismus geradezu die „Synthese des Fortschrittes und des reinsten Katholizismus“. Sowohl in Amerika als auch in Europa zeigte der Amerikanismus trotz mannigfaltiger Unterschiede überall dasselbe Gesicht, wuchs er doch aus demselben geistigen Boden, nämlich aus der vollen Überzeugung, die Kirche komme auf dem bisherigen Weg nicht weiter und müsse sich deswegen mit der Welt versöhnen und dem Zeitgeist anpassen.

Leo XIII. zu dieser neuen Anschauung

„Ausgangspunkt (fundamentum) dieser neuen Anschauung“, so erklärt Leo XIII. in seinem Schreiben „Testem benevolentiae“, „ist folgender: Um die Dissidenten (die vom Glauben Abgefallenen) leichter für die katholische Kirche zu gewinnen, möge die Kirche der Zivilisation des fortgeschrittenen Jahrhunderts sich etwas mehr anpassen, ihre alte Strenge mildern, den neuen Einrichtungen und Theorien der Völker sich anbequemen und zwar, wie viele meinen, in bezug nicht nur auf die Disziplin, sondern auch auf die Glaubenslehre, welche das Depositum fidei bilden.“

Der Amerikanismus

Wir wollen in unserer Darstellung des Amerikanismus den Gedanken von Professor Dr. Anton Gisler folgen, der in seinem Buch „Der Modernismus“ (Verlagsanstalt Benzinger & Co. A.G., Einsiedeln 1913) dazu folgendes ausführt: „Diese Forderung zur Anpassung der Kirche an unsern Zeitgeist ist die Dominante in Heckers Hauptwerk: ‚The church und the age‘ (Die Kirche und unser Zeitalter), sowie Irelands Reden: ‚The church and modern society‘ (Die Kirche und die moderne Gesellschaft). Schon die Titel dieser Bücher sind bezeichnend. Gemeint ist vor allem die Anpassung der Kirche an die Verhältnisse und den Geist Amerikas. In der Bewunderung Amerikas fand Ireland kaum eine Grenze. Er übernimmt von Brownson den Satz: ‚Seit die Kirche aus jenem obern Saal in Jerusalem hervorging, hat sie nie einen nationalen Charakter gefunden, der so geeignet war, ihre Zivilisation auf den höchsten und edelsten Ausdruck zu bringen.‘ Also amerikanischer Lebensstil!“ (S. 158).

Es ist doch recht befremdlich, diese Gedanken der Anhänger des Amerikanismus zu lesen, denn man fragt sich unwillkürlich, wie sollen diese Ansichten mit dem katholischen Glauben in Übereinstimmung gebracht werden können? Ist der moderne Geist nicht zutiefst durch seinen Gegensatz zum katholischen Glauben und zum katholischen Leben geprägt? Und sind nicht gerade die Vereinigten Staaten von Amerika als Freimaurergründung zutiefst auf einem antichristlichen Fundament errichtet worden? Die moderne Freiheit Amerikas ist zunächst eine Freiheit von der göttlichen Wahrheit, wie auch die moderne Toleranz zunächst und vor allem die Verpflichtung zur Wahrheit aufhebt und ihrem Wesen nach Indifferentismus ist. Wie kann ein Katholik auf die Idee kommen, in diesen modernen Irrtümern hätte die Kirche „einen nationalen Charakter gefunden, der so geeignet war, ihre Zivilisation auf den höchsten und edelsten Ausdruck zu bringen“?

Kirche und Zeitgeist

Am 18. Oktober 1893 hielt Msgr. Ireland anläßlich des silbernen Bischofsjubiläums von Gibbons in der Kathedrale von Baltimore die Predigt, in der er die allgemeinen Umrisse zur Anpassung an die moderne Welt skizzierte: „Die Mission (der Kirche) in der Welt ist keine andere als sie in den neunzehnhundert Jahren gewesen; aber die Welt hat sich geändert und ändert sich. Mit der neuen Ordnung kommen neue Bedürfnisse, neue Hoffnungen, neue Bestrebungen. Um die neue Welt für Christus zu gewinnen, muß die Kirche selbst neu sein, in der Lebensführung und Handlungsmethode den Bedingungen der neuen Ordnung sich anpassend; sie muß so sich selbst bewähren, indem sie immer alt bleibt, immer neu werden gerade wie die himmelentstammte Wahrheit es ist und immer sein muß… Heute ist Routine verhängnisvoll; was Gewöhnlich ist, bedeutet heute erschlaffte Greisenhaftigkeit. Die Krisis verlangt das Neue, das Außergewöhnliche…“

In den Ohren eines Katholiken müßte es bei diesen Worten klingeln, denn so viel Neues ist höchst verdächtig, waren doch im Laufe der Kirchengeschichte die Neuerer immer die Irrlehrer gewesen. Es ändert sich ja weder die Wahrheit noch ändern sich die Gebote Gottes, wenn sich die Welt ändert. Die Krisis verlangt doch nicht das Neue, das Außergewöhnliche, sie verlangt vielmehr die Besinnung auf das Wesentliche, auf das göttliche Erbe. Auch Ireland mußte zugeben: „Kirche und Zeitalter sind heute verfeindet.“ Aber weit davon entfernt, die richtigen Konsequenzen aus dieser Feindschaft zu ziehen, meint er: „Ich stelle die Tatsache mit Betrübnis fest. Beide, die Kirche und das Zeitalter sind schuldig… Ich tadle die Kirche. Ich spreche als Katholik. Ich kenne die göttlichen Elemente der Kirche. Ich habe das feste Vertrauen, daß diese Elemente durch die einwohnende Gegenwart des Heiligen Geistes allzeit behütet werden. Aber ich kenne auch die menschlichen Elemente in der Kirche und ich weiß, daß von diesen menschlichen Elementen die Wohlfahrt der Kirche großteils abhängt…“

Diese Worte erinnern allzu sehr an das Gerede vieler heutiger Traditionalisten, die ebenfalls angesichts der sog. nachkonziliaren Krise ständig von den menschlichen Elementen der Kirche sprechen und dem dadurch möglichen Versagen. Ja sie sprechen sogar von sich überall verbreitenden Irrtümern in der Kirche. Ohne daß man es merkt, wird dadurch aus der übernatürlichen, von Gott gegründeten Kirche eine Menschenmachwerkskirche, weil auf diese Weise das Übernatürliche letztlich eliminiert wird. Auch bei Ireland findet sich schon eindeutig diese Tendenz, wenn er fortfährt:

„Ich schrecke nicht vor der Behauptung zurück, daß im Laufe des Jahrhunderts, dessen Sonne nun sich neigt, manche Geistesführer in der Kirche den Mißgriff begingen, daß sie das neue Zeitalter (immerhin der das Zeitalter der Revolution!) nicht rasch genug erfaßten und daß sie ihm nicht rasch genug die versöhnliche Hand der Freundschaft entgegenstreckten… Es gab nur wenige Lacordaires; die meisten sahen nur die Fehler des Zeitalters, die sie unverweilt verurteilten; seine guten und edlen Bestrebungen haben sie entweder mißkannt oder bestritten. Für sie war das Zeitalter die finstere Welt, vor welcher Christus seine Jünger warnte… Die Diener Christi bezogen die Winterquartiere, die Sakristeien und Heiligtümer, wo sie, umgeben von einer kleinen Schar auserwählter Seelen, sich und ihre Freunde vor der alles ergreifenden Ansteckung bewahrten. Das Zeitalter, sich selbst und falschen Führern überlassen, durch die Abschließung und Unfreundlichkeit der Kirche erzürnt, versteifte sich in seinem Säkularismus und lernte die Kirche verachten und hassen… Die Kirche hatte ihre Schlachtenbanner, ihre Siegesbanner scheinbar zusammengerollt“ (S. 158f).

[Anm: Jean Baptiste Henri Lacordaire (* 12. Mai 1802 in Recey-sur-Ource, Département Côte-d’Or; † 21. November 1861 in Sorèze) war ein französischer Dominikaner, begabter Prediger und Theologe. Dieser tat sich zunächst mit Félicité de Lamennais zusammen, mit dem er die Zeitschrift „Avenir“ (Zukunft) begründete und herausgab. Als Lamennais aufgrund seiner liberalen Irrtümer verurteilt wurde, unterwarf sich Lacordaire, wohingegen Lamennais die katholische Kirche verließ.]

Eine „christliche Demokratie“!?

Man ist vor so viel geistesgeschichtlicher Ignoranz fast sprachlos. Da muß man wohl Amerikaner sein, um eine solch blinde Begeisterung für die moderne Zivilisation aufzubringen – und vielleicht zudem noch Freimaurer, was in Amerika leicht möglich war. Es springt hier noch eine Parallele zum heutigen Traditionalismus ins Auge, nämlich die Angst vor dem vermeintlichen Ghetto. Auch die meisten Traditionalisten meinen, die „versöhnliche Hand der Freundschaft“ der Menschenmachwerkskirche nicht zurückweisen zu dürfen, sei doch nicht alles an der modernen Kirche schlecht.

Die Begeisterung für das neue Zeitalter war selbstverständlich auch verbunden mit einer Begeisterung für die moderne Demokratie. Ireland rief seinen Zuhörern zu: „Was wir mit unseren amerikanischen Ideen wollen ist der Bund zwischen Priester und Volk… Schaffen Sie uns eine christliche Demokratie!“ Ganz nüchtern und treffend kommentiert Dr. Gisler: „Die christlichen Demokraten jubelten. Sie beachteten nicht, wenn die Gegner spotteten: die Kirche und das Jahrhundert seien geschieden nicht bloß durch ‚Mißverständnisse‘, sondern durch Grundsätze. Man denke an den Syllabus!“

Der moderne Freiheitswahn

Der moderne Freiheitswahn betraf in Amerika nicht nur die äußere Ordnung durch die Verherrlichung der Demokratie, sondern auch das innere, das geistliche Leben. Nach P. Hecker war das Mittel, um aus den gegenwärtigen Schwierigkeiten herauszukommen, die Rückkehr zu einer freieren Geistigkeit als jene, welche die Vorsehung im 16. Jahrhundert als Gegengewicht gegen den Protestantismus entwickelte – zu einer Geistigkeit, welche jetzt und allzeit das normale geistige Leben und die Innenreligion der Christen gewesen. Im 16. Jahrhundert mußte man den Gehorsam betonen, so Hecker weiter, unser Zeitalter habe nicht das Bedürfnis, eine sittliche Tugend mehr als die andere zu betonen, sondern sich im Glauben, Hoffen und Lieben neu zu begründen, sowie in der Empfänglichkeit für die inneren Anregungen des Heiligen Geistes. P. Hecker lehrte in seiner Kongregation: „Der Heilige Geist wird der Inspirator des inneren Lebens, des wiedergeborenen Menschen, sein Oberer, sein Leiter. Daß seine Leitung das ganz innere Leben immer mehr beherrsche, daß der Gehorsam der Seele immer instinktiver werde, das ist der Seinsgrund der gesamten äußeren Kirchenordnung, das Sakramentalsystem inbegriffen.“

Die Leitung der in der heiligmachenden Gnade lebenden Seele durch den Heiligen Geist ist zunächst eine Tatsache, denn der Heilige Geist ist die Seele unserer begnadeten Seele. Dabei ist jedoch immer zu beachten, daß diese Leitung gewöhnlich nicht direkt wahrgenommen werden kann, sondern vornehmlich geschieht durch Vermittlung der gottgegebenen Autorität. P. Hecker fährt dagegen weiter: „Was die Gesellschaft heute am meisten benötigt ist die Taufe des Heiligen Geistes. Vollkommen ist jene Seele, die durch den Instinkt des Heiligen Geistes sich leiten läßt. Die erste Ursache zur Heiligung der Seele ist der Heilige Geist, der in ihr wirkt; das Wirken des Seelenführers ist immer wichtig und demjenigen des Heiligen Geistes untergeordnet. Diese Grundordnung des geistlichen Lebens übersehen ist, gleichviel ob vom Führer oder vom Geführten stammend, ein großer Irrtum.“

Instinkt oder Inspiration?

Jeder, der sich auch nur ein klein wenig mit der Unterscheidung der Geister beschäftigt hat, wird bei solchen Ausführungen hellhörig werden. Denn was soll der Instinkt des Heiligen Geistes konkret sein, durch den sich die Seele leiten lassen soll? Wie soll man denn wissen, ob der eigene Instinkt richtig oder falsch ist, d.h., ob man sich von Gott leiten oder vom Teufel an der Nase herumführen läßt? Weil sich hierin der Mensch so leicht täuscht, ist eine objektive Führung unerläßlich. Dem entgegen betont P. Hecker: „Die Erneuerung des Zeitalters hängt ab von der Erneuerung der Religion. Die Erneuerung der Religion hängt ab von der reicheren Ausgießung der schöpferischen und erneuernden Kraft des Heiligen Geistes, die reichere Ausgießung des Heiligen Geistes hängt ab von einer erhöhten Beachtung seiner Bewegungen und Einsprechungen in der Seele. Das grundsätzliche und umfassende Heilmittel gegen alle Übel unserer Zeit und die Quelle alles wahren Fortschrittes besteht in einer gesteigerten Beobachtung und Befolgung der Tätigkeit des Heiligen Geistes in der Seele. Du sendest aus deinen Geist, und sie werden geschaffen, und du erneuerst das Angesicht der Erde. (Ps. 103,30).“

Aber wie soll diese gesteigerte Beobachtung und Befolgung der Tätigkeit des Heiligen Geistes in der Seele konkret ermöglicht, verwirklicht werden? Begibt man sich hiermit nicht auf sehr brüchigem und für die Seele sehr gefährlichen Boden? Können die Bewegungen und Einsprechungen in der Seele so leicht und eindeutig dem Heiligen Geist zugeordnet werden? Dr. Gisler gibt ganz zurecht zu bedenken: „Erinnern wir uns, wie Hecker in den belgischen Klöstern mystische Krisen durchmachte, wie göttliche Eingebungen sein Verhalten lenkten, seine Frömmigkeit bestimmten, wie er mit den alten großen Heiligen und Mystikern geistig verkehrte als wären sie ihm nahe. Das traumhaft-visionäre seiner Naturanlage, das methodistische Muttermal seiner Seele, verschmolz mit dem echt amerikanischen Gedanken der unabhängigen freien Persönlichkeit. Von hier aus versteht man folgenden Ratschlag Heckers für eine Seele, die er unter seiner Leitung hatte: ‚Kümmere dich nicht darum, was andere sagen, folge deinem eigenen Kopf. Brauche deinen eigenen Verstand und habe daran Überfluß, wie der Apostel sagt. Versuche nicht, irgend jemand dazu zu bringen, daß er mit dir übereinstimme. Niemals sind zwei Nasen einander völlig gleich; noch viel weniger zwei Seelen. Gott wiederholt sich nicht in seinen Werken“ (S. 165).

Es ist leicht vorzustellen, welch verheerende Folge ein solcher Ratschlag in der Seele eines jungen Religiosen haben kann. Welch hohe Tugend ist notwendig, um auch nur einigermaßen vernünftig dem eigenen Kopf folgen zu können. Alle Heiligen waren in dieser Hinsicht von äußerster Vorsicht erfüllt, und ganz sicher hätte keiner seinem Beichtkind einen solch gefährlichen Ratschlag erteilt. Darum wendet Dr. Gisler ein:

„Woher wissen die Amerikanisten, daß der Heilige Geist seine Gaben den Seelen heute reichlicher spende als je in früherer Zeit, daß er sie ohne Mittelsperson durch einen geheimnisvollen Instinkt leite und führe? Das Ausmaß des Geistes, bemerkt Leo XIII., kann kein Mensch bestimmen; denn der Geist weht, wo der will (Is. 3,8); auch dürfe man im Blick auf die Apostel die Urkirche, die Martyrer, die Heiligen aller Zeiten wohl fragen, ob denn die früheren Jahrhunderte weniger Geistesgaben besessen als die Gegenwart. Niemand bestreite, daß der Heilige Geist innerlich wirke; aber die Erfahrung lehre auch, daß seine Anregungen in der Regel nicht ohne eine gewisse Mitwirkung und Vorbereitung des äußeren Lehramtes zu erfolgen pflegen. Sei es ja doch ein allgemeines Gesetz der Vorsehung, die Menschen durch Menschen zur Seligkeit zu führen. Ein sprechender Beweis dafür sei der hl. Paulus, der auf seine Frage: ‘Herr, was willst du, daß ich tun soll?‘ nach Damaskus zu Ananias gesandt wurde. Übrigens seien jene, die nach Vollkommenheit streben, gerade weil sei ungewohnte Pfade wandeln, mehr gefährdet und bedürfen dringlicher als die übrigen eines Lehrers und Leiters. Diese Anschauung habe in der Kirche bei den Geisteslehrern und Heiligen aller Zeiten stets obwaltet; davon abzuweichen sei verwegen und gefährlich.“ (S. 172)

Die Eroberung der modernen Welt im Zeichen der Freiheit

Schauen wir mit Dr. Gisler noch ganz kurz auf die Folgen dieser verwegenen und gefährlichen Geisteshaltung:

„Der Grundgedanke, daß der Wiedergeborene unmittelbar durch den Heiligen Geist geleitet werde und daher innerlich und äußerlich möglichst frei sein müsse, machte Hecker zu einem Gegner der Ordensgelübde und war ihm Leitstern, als er die Paulistenkongregation gründete. Diese sollte eine Vereinigung freier Männer sein, durch kein Gelübde gebunden. Denn die Eroberung der modernen Welt sei nur im Zeichen der Freiheit möglich, und charaktervolle Menschen bedürfen zur Sicherung ihrer Treue keines Gelübdes. Die alten Orden, so schien es Hecker, sähen mehr auf die göttliche Leitung, wie sie sich durch äußere Mittel kundgibt, die Paulistenkongregation mehr auf die Führung durch die innerliche Erleuchtung des Geistes. Sie rechnet auf die volle Entfaltung der Persönlichkeit. Sie schränkt die Individualtität nicht durch ‚mechanische‘ Seelenleitung ein. Sie sollte mit einem Wort ein Abbild der Vereinigten Staaten selber sein und wie diese eine Vielheit völlig selbständiger und unabhängiger Individualitäten zu einem lebensvollen Ganzen fest zusammenhalten. Der Obere war gleich dem Präsidenten der Konfederation“ (S. 165f).

Wenn man diese Ausführungen liest, so beginnt man sich unwillkürlich zu fragen: Hat denn der moderne Mensch eine andere Seele als die Menschen aller vergangenen Jahrhunderte? Denn die Kirche hat zwar immer ihre Seelsorge in gewissem Maße den Zeitumständen angepaßt, aber niemals die Grundsätze selber in Frage gestellt, wie es hier geschieht. Die Ordensgelübde etwa sind doch keine zeitgebundenen Erscheinungen, die Orden gehören vielmehr wesentlich zum Leben der Kirche. Dr. Gisler wendet gegen Hecker ein:

„Daß das Ordensleben der Kirche gar nicht oder nur wenig dienlich sei, kann nur behaupten, wer die Kirchengeschichte nicht kennt. ‚Haben nicht eure Vereinigten Staaten die Anfänge des Glaubens und der Zivilisation von Gliedern religiöser Orden empfangen? Ihrer einem habet ihr, und das gereicht euch sehr zur Ehre, jüngst beschlossen, ein öffentliches Standbild zu errichten‘ (Leo XIII. ‚Testem benevolentiae‘). Und was leisten die religiösen Orden gerade heute für die Kirche, und zwar nicht bloß die tätigen, sondern auch die kontemplativen Orden.
Wollte Hecker eine Gesellschaft ohne Gelübde gründen, so war es ihm unbenommen; das war weder verwerflich noch neu. Die Oratorianer, Sulpizianer und andere vor ihm hatten das gleiche mit Erfolg versucht. Aber Hecker durfte den Gehorsam nicht verächtlich machen, die religiösen Gelübde nicht als Erbteil für Schwächlinge und als einen Raub an der persönlichen Freiheit und damit als Hindernis und Schranke der Vollkommenheit hinstellen; er durfte die gelübdelosen Gesellschaften nicht höher werten als die religiösen Orden. ‚Im Gegenteil, mitten in der heutigen, so genußsüchtigen Welt sind auf viel höherer Stufe diejenigen welche, nachdem sie alles verlassen, Christo nachgefolgt‘ (Leo XIII. ‚Testem benevolentiae‘).“ (S. 171)

„Aktive Tugend“

Es sei abschließend noch auf die Tugendlehre eingegangen, die sich aus dieser neuen Geisteshaltung ergibt. Ganz im Sinne ihres demokratischen Ideals wollte Hecker und der gesamte Amerikanismus auch die Tugendlehre umgestalten. Bisher habe man viel zu sehr auf die „passiven Tugenden“ geachtet, jetzt sei es an der Zeit, die „aktiven Tugenden“ zu betonen. Unter den „passiven Tugenden“ verstand Hecker besonders jene, welche in den mönchischen Gelübden zum Ausdruck kommen, in erster Linie Demut und Gehorsam. Mit den „aktiven Tugenden“ meinte er die persönliche Tatkraft und Unternehmungslust.

Außerdem war Hecker der Meinung, daß die lange dauernden und zudem sehr heftigen Angriffe der Irrlehrer des 16. Jahrhunderts die Kirche von ihrer gewohnten Bewegungsbahn abgedrängt hätten. Nun aber sei die Gefahr beschworen und so kehre die Kirche zu ihrer normalen Bewegung zurück. Jedoch habe die Kirche in den drei letzten Jahrhunderten die menschliche Tatkraft erheblich gehemmt. Hecker schrieb: „Die Verteidigung der Kirche und die Rettung der Seelen wurde in der Regel erstrebt zum notwendigerweise erfolgenden Nachteil derjenigen Tugenden, welche eigentlich das Mark christlicher Männlichkeit ausmachen.“ Er meinte sogar, durch die Art der Aszese der letzten drei Jahrhunderte seien „die Katholiken etwas kindisch geworden, weniger männlich und weniger aktiv als die andern“. Jetzt aber und auch in Zukunft fordere die Kirche wieder zu erhöhter Tatkraft auf. Darin liege gegenwärtig das Heil, während die furchtbare Verfolgung, der Niedergang der Kirche in Österreich, Frankreich, Bayern, Spanien, Italien aus der überwiegenden Pflege der passiven, statt der aktiven Tugenden gekommen sei.

Sieberts Katechismus der Athletik – Die moderne „Aszese“

Diese falschen Ansichten fanden auch in Europa Anhänger, wie Dr. Gisler anmerkt:

„Unter dem amerikanischen Schlagwort: ‚passive Tugend‘ verstand man in Deutschland die Demut, Geduld, Sanftmut, Devotion, Aszese, kurz die ganze ‚Duckmäusermoral‘ des Christentums, die etwa für zurückgezogene Ordensleute Wert habe. Ein Bild der aktiven Tugenden entwirft uns ein Geistlicher in folgender Weise: Durch die falsche Auffassung von Aszese, die ehemals herrschend gewesen, habe sich mancher ‚selber zum moralischen Krüppel geschlagen und sein ganzes Selbst zermalmt! Heute müsse diese Aszese ganz anders aufgefaßt und betrieben werden: Spaziergang, Billard, Kegel, Lawn Tennis, Rudersport, Zimmergymnastik, ‚kräftige Aktion der Oberschenkel‘, ‚Herausarbeiten des ganzen Körpers‘, daß auch nicht ein Muskel unbeschäftigt bleibe, das sei unsere Aufgabe. Auch in der Frage der systematischen Leibesübungen müsse der Klerus das Salz der Erde werden. So erlange er erhöhtes moralisches Kraftbewußtsein, objektiv gerechtfertigtes Sichsicherfühlen, und bilde ‚eine vollkommene christliche Persönlichkeit aus‘, der ‚das Ringen nach dem Ideal der christlichen Vollkommenheit bedeutend erleichtert‘ werde. Zum Studium dieser neuen Art von Aszese empfiehlt der Verfasser den Mitbrüdern, die bisher nur die Nachfolge Christi und Rodriguez gekannt haben, Sieberts Katechismus der Athletik und Schrebens Zimmergymnastik“ (S. 176).

Bei so viel Unsinn verschlägt es einem direkt die Sprache. Wo ist da der gesunde Hausverstand geblieben, wo das katholische Urteil? Aus dem Gesagten sieht man übrigens sehr leicht, welche Art der Aszese kindisch und welche wahrhaft männlich ist, kommen einem doch die Vorschläge des Geistlichen reichlich verrückt vor. Wie Dr. Gisler richtig feststellt, faßten solche überdemokratische und übermystische Anschauungen bei P. Hecker umso leichter Wurzeln, „als er, wie bereits bemerkt, von Natur aus eigentümlichen Geisteszuständen unterworfen war; er fühlte sich oft von einem tief mystischen Zug getragen, der sich bis ins Visionäre steigerte und manchmal krankhafte Symptome darbot. Rein natürliche Phänomene belegte er mit mystischen Namen und führte seine Phantasie auf den Heiligen Geist zurück, wähnend, die recht lebhaften Antriebe bei frommen Personen könnten nur von oben stammen. Er war sich übrigens bewußt, sehr originell zu sein; es scheint auch, daß einige seiner Bekannten ihn als verrückt (crazy) bezeichneten. Freund wie Feind ist darin einig, daß er einer Psychose nicht ferne war“ (S. 172f).

Belehrungen zur Fastenzeit

Im Modernismus wurde mit den „passiven Tugenden“ auch das Fasten abgeschafft. Auch dieses erscheint dem modernen Menschen überflüssig, weshalb es in der Praxis letztlich vollkommen bedeutungslos wurde. Da es angesichts der allgemeinen Verwirrung umso wichtiger ist, sich auf das Altbewährte zu besinnen, wollen wir im Folgenden die Belehrungen und Anweisungen aus dem Katholischen Volks-Katechismus von Franz Spirago über das Fasten wiedergeben. Dabei haben wir die Sprache dem heutigen Gebrauch weitgehend angeglichen.

3) Das Fastengebot
Das Fasten ist so alt wie die Menschheit. Schon im Paradies hat Gott ein Fastengebot gegeben. Auch den Juden untersagte Gott, gewisse Speisen, z. B. Schweinefleisch, zu genießen (Lev 11,2). Am Versöhnungstag durften die Juden sogar volle 24 Stunden nichts genießen (Lev 23). Christus der Herr und vor ihm Moses und Elias fasteten 40 Tage; Johannes, der Vorläufer Christi, fastete besonders streng. Auch die katholische Kirche, die wie eine Mutter die Christen für den Himmel erzieht, hat mehrere Fastengebote gegeben, und zwar aus weiser Absicht; sie will nämlich 1) die Christen zur Selbstbeherrschung anleiten und so zu charakterfesten Menschen erziehen, 2) den Christen Gelegenheit geben, sich gehorsam zu zeigen und dadurch ewige Verdienste zu erwerben, 3) daß die Christen für ihre Sünden Buße tun. – Fast in allen Religionen finden wir Fasten vorgeschrieben, nur die Protestanten kennen kein Fasten; selbst der Karfreitag gilt ihnen als größter Festtag, wo sie Fleisch essen. Die strengste Faste haben die Mohammedaner, welche im Monate Ramadan (September) von früh bis abends nichts in den Mund nehmen dürfen.
Das kirchliche Fastengebot war früher streng; doch wurde es von der Kirche mit Rücksicht auf die Zeitverhältnisse gemildert.
Die Strenge des Fastens war ursprünglich so groß, daß man sich an Fasttagen nicht nur von Fleischspeisen enthielt, sondern auch von Milch und Eierspeisen; und daß man erst nach Sonnenuntergang aß. Wegen der zunehmenden Schwächlichkeit der Menschen und der immer mehr um sich greifenden religiösen Gleichgültigkeit wurde im Verlaufe der Jahrhunderte das Fastengebot immer mehr gemildert. Zu Anfang der Fastenzeit wird von allen Kanzeln der Diözese der sogenannte Fastenhirtenbrief verlesen; dieser gibt unter anderem an, inwieweit die Fasten in der Diözese gemäßigt ist.

Drei Arten des Fastens

Es gibt gegenwärtig in der katholischen Kirche drei Arten des Fastens: 1) Die Enthaltung von Fleischspeisen, 2) die einmalige tägliche Sättigung oder Abbruch, 3) das sogenannte strenge Fasten, wenn beides zugleich vorgeschrieben ist.
Die Enthaltung von Fleischspeisen nennt man auch kurzweg Enthaltung oder Abstinenz. Dieses Fasten ist vorgeschrieben an den Freitagen des Jahres. – Die einmalige Sättigung nennt man gewöhnlich Abbruch. Dieses Fasten besteht an allen Wochentagen der 40-tägigen Fastenzeit bis zum Karsamstag mittags. – Das strenge Fasten besteht am Heiligen Abend, am Samstag vor Pfingsten, am Aschermittwoch und an den Quatemberfreitagen. Die Freitage der 40-tägigen Fastenzeit sind auch strenge Fasttage; denn am Freitag ist man zur Enthaltung von Fleisch und in der 40-tägigen Fastenzeit noch überdies zum Abbruch verpflichtet. Nach dem Kirchengesetzbuch (CIC 1252,2) sollten auch die Samstage in der 40-tägigen Faste und die Vortage vor Maria Himmelfahrt und Allerheiligen strenge Fasttage sein, doch werden sie in der Regel von den Bischöfen kraft apostolischer Vollmacht in Abbruchstage umgewandelt. (Der Gründonnerstag ist kein strenger Fasttag mehr, sondern nur ein Abbruchstag.)
Die Kirche gebietet uns, an folgenden Tagen zu fasten: am Freitag, in der 40-tägigen Faste, an den Quatembertagen und an den Vigilien mancher Feste.
1) Wir sollen am Freitag kein Fleisch essen, weil an einem Freitage Christus für uns gestorben ist. Zu dieser Faste ist jeder verpflichtet, der über sieben Jahre alt ist (CIC 1254,1).
Auch solche Speisen darf man am Freitag nicht essen, die vom Fleische zubereitet sind, wie z. B. Würste. Doch sind Eier, Milch (Butter) und Zutaten von Tierfett erlaubt (CIC 1250). Wassertiere, wie Fische und Krebse, darf man essen, weil diese in manchen Ländern die Nahrung des armen Volkes sind; auch Frösche, Schnecken, Schildkröten, Fischottern, Biber hält man am Freitag zu essen für erlaubt. – Die Kirche hat gerade den Fleischgenuß verboten, weil Christus sein Fleisch für uns hingegeben hat, weil Fleisch am leichtesten entbehrt werden kann, und weil es gewöhnlich die liebste Speise des Menschen ist. Auch sollen wir dadurch erinnert werden, daß wir die Begierden unseres Fleisches (Gal 5,19) bekämpfen sollen, die gerade am meisten durch den Fleischgenuß erregt werden (hl. Thomas von Aquin). – Es ist bemerkenswert, daß in jüngster Zeit berühmte Mediziner vor übermäßigem Fleischgenuß warnen, wie dadurch faule Stoffe im Leibe entstehen, welche Gicht, Zuckerkrankheit, Herzleiden, Arterienverkalkung u. dgl. zur Folge haben. Manche Ärzte verlangen zur Erhaltung der Gesundheit wenigstens zwei fleischlose Tage in der Woche. Sieh, wie das Kirchengebot auch die Beförderung der Gesundheit anstrebt! – Manche Leute sprechen: „Christus hat gesagt: Was zum Munde eingeht, verunreinigt den Menschen nicht (Mt 15,11), also dürfe man Fleisch essen!“ Allerdings hat Christus so gesprochen; aber er hat auch gesagt: „Was aus dem Herzen kommt, das verunreinigt den Menschen.“ (Mt 15,18). Ungehorsam gegen die Anordnungen der Kirche kommt aber aus dem Herzen, und dieser verunreinigt den Menschen; die Speise an sich macht allerdings den Menschen nicht unrein. Daher sagt der hl. Augustinus: „Nicht der Apfel hat den Adam, sondern Adam den Apfel verunreinigt.“ – Wenn Fisch am Freitag zu essen erlaubt ist, so kommt das wohl zunächst daher, weil Küstenbewohner zumeist nur von Fisch leben. Den Christen galt der Fisch, der geschlachtet und gegessen wird, seit jeher als Sinnbild des Heilandes, der sich für uns hinopferte und in der hl. Kommunion unsere Speise ist; daher in den ersten Jahrhunderten das Bild des Fisches auf Kelchen und Tabernakeln.
Wenn ein Feiertag (außerhalb der 40-tägigen Fastenzeit) auf einen Fasttag fällt oder ein Fasttag auf einen Sonntag, so entfällt das Fasten.
In einem solchen Falle ist nicht nur der Fleischgenuß erlaubt, sondern auch überdies die mehrmalige Sättigung (Pius X., 2. Juli 1911). Christus will, daß man nicht faste, wenn man Ursache hat, sich zu freuen (Mt 9,15). Daher war es schon seit jeher in der Kirche üblich, daß an einem Weihnachtsfest, das auf einen Freitag fiel, nie gefastet wurde. Fiele der Heilige Abend auf einen Sonntag, so entfällt das Fasten; es wird auch nicht auf den Vortag verlegt (CIC 1252,4). Das Fest des hl. Josef (19. März) ist Abbruchstag, weil es in die 40-tägige Fastenzeit fällt (CIC 1252,4).
In früheren Zeiten war auch am Samstag der Fleischgenuß verboten.
Die Kirche wollte durch dieses Verbot zumeist die unter vielen Christen fortwährend bestehende Sabbatfeier verdrängen. Trotzdem aber sollen sich die Christen mit Rücksicht auf die bestehende Sonntagsfeier manche Enthaltungen auferlegen; sie sollen insbesondere am Samstag abends nicht so lange in Unterhaltungen bleiben, daß sie am Sonntag außerstande wären, den Gottesdienst zu besuchen.
2) Wir sollen uns in der 40-tägigen Fastenzeit nur einmal des Tages sättigen, um das 40-tägige Fasten Christi teilweise nachzuahmen und dadurch die Gnade der Reue für die Osterbeichte zu erlangen.

Die 40-tägige Fastenzeit

Die 40-tägige Fastenzeit beginnt mit dem Aschermittwoch und dauert bis zum Karsamstag mittags. Nur die Sonntage in dieser Zeit sind keine Fasttage, wohl aber die Feiertage (CIC 1252,4).
Der Aschermittwoch ist der 46. Tag vor Ostern. Rechnet man die sechs Fastensonntage ab, so bleiben 40 Fasttage. Die 40-tägige Faste ist von den hl. Aposteln eingeführt worden (hl. Hieronymus) zum Andenken an die 40-tägige Faste des Heilandes in der Wüste. Die Fastenzeit ist eine Zeit der Buße und Trauer über unsere Sünden. (Daher erscheint der Priester im violetten Messgewande am Altare.) Es liegt schon in der menschlichen Natur, zu fasten, wenn man traurig ist (Mt 9,15). Doch sollen wir in dieser Zeit außer dem Fasten noch das Leiden Christi betrachten, das uns die Kirche in der Karwoche vorstellt. Daher sind in dieser Zeit gewöhnlich Predigten über das Leiden Christi, die so genannten Fastenpredigten. Durch das Fasten und durch Betrachtung des Leidens Christi erwirken wir uns am sichersten die Gnade der Reue und der Erkenntnis unserer Sünden. Die 40-tägige Fastenzeit ist also die beste Vorbereitung auf die Osterbeichte und Osterkommunion. – In den früheren Jahrhunderten war das 40-tägige Fasten weit strenger. Die ersten Christen aßen in der ganzen Fastenzeit kein Fleisch, ja überhaupt nichts von warmblütigen Tieren, also keine Butter, keine Milch, keinen Käse; außerdem aßen sie früh gar nichts und sättigten sich erst am Abend. Noch im Mittelalter war der Fleischgenuß in der 40-tägigen Fastenzeit verboten; wer in dieser Zeit Fleisch aß, wurde von der österlichen Kommunion ausgeschlossen (Konzil von Toledo 653). Ja, weltliche Regenten, wie Kaiser Karl der Große, hielten die, welche in der Fastenzeit Fleisch aßen, für Verächter der Religion und verhängten körperliche oder Geldstrafen über sie. – Nun wie leicht ist heute dieses Fastengebot! Die Kirche verlangt nur von uns, daß wir uns einmal des Tages sättigen. Es ist nicht vorgeschrieben, daß diese Sättigung gerade mittags stattfinden müsse. Man kann die Hauptmahlzeit auch abends einnehmen. Es ist auch erlaubt, früh und abends eine Stärkung zu sich zu nehmen und zwar hinsichtlich der Menge und Art der Speise nach der ortsüblichen Gewohnheit (CIC 1251,1). Es ist nicht verboten, bei der Mahlzeit Fleisch zu genießen; auch ist nicht verboten, bei einer und derselben Mahlzeit Fleisch- und Fischspeisen zu essen (CIC 1251,2). Nur am Aschermittwoch und selbstverständlich an den Freitagen ist der Fleischgenuß verboten. Einem vollkommen gesunden Menschen ist nicht erlaubt, außerdem noch tagsüber zu essen. Wer auch noch tagsüber ist, bricht die Faste (Alex. VII. Satz 39). Gabelfrühstück und Jause sind also nicht zulässig. Trinken darf man mehrmals; jedoch nicht solche Getränke, die eine Art Nahrung sind, wie Milch und Honig. Kaffe, Tee, Bier, Wein werden als erlaubt betrachtet, wenn sie nicht in großer Menge genossen werden. Das Gebot der 40-tägigen Faste ist gar nicht streng, wenn man bedenkt, daß eigentlich nur verboten ist, mehr zu genießen, als zur Erhaltung der notwendigen Körperkraft notwendig ist. Zum Abbruch ist nicht verpflichtet: Wer das 21. Lebensjahr noch nicht zurückgelegt hat und wer das 60. Lebensjahr bereits erreicht hat (also über 59 Jahre alt ist). Diese dürfen sich an Abbruchstagen öfters im Tage sättigen, auch durch Fleischgenuß (CIC 1254,2).

Das Quatemberfasten

3) Wir sollen an den Quatembertagen fasten, um den lieben Gott um würdige Priester zu bitten und ihm für die im verflossenen Vierteljahr verliehenen Wohltaten zu danken.
Quatembertage sind je drei Tage: Mittwoch, Freitag und Samstag zu Anfang der vier Jahreszeiten; zu diesen Zeiten wurden früher die Priester geweiht.
Papst Leo der Große bezeichnet die Apostel als Urheber dieser Bet- und Fasttage. Schon die Juden fasteten zu den vier Jahreszeiten (Zach 9,19). Bei den heidnischen Römern fanden zu drei Zeiten des Jahres religiöse Bittgänge zu Heiligtümern statt; man bat im Juni um eine gute Getreideernte, im Sept. um eine gute Weinernte, im Dez. um eine gute Olivenernte. Die christliche Kirche in Rom hat frühzeitig diese heidnischen Bräuche in christliche umgewandelt und zu den drei Feiern noch eine vierte im Frühjahr festgesetzt. – Da vom Einfluß der Sonne alles Leben und Gedeihen in der Natur abhängt, so werden wir jedes Mal, wenn der Tag zu- oder abzunehmen beginnt (also zur Zeit der beiden Sonnenwenden im Juni und Dezember und zurzeit der Tag- und Nachtgleiche im Frühling und im Herbst), in besonderer Weise an die Wohltaten Gottes erinnert und zur Dankbarkeit gemahnt, durch die wir uns neuer Gnaden würdig machen. Auch soll dieses Fasten eine Buße für den Missbrauch der Gaben der Natur sein. Daher kehrt in den Messgebeten an Quatembertagen immer wieder die Bitte um Vergebung der Sünden und die Bitte um Gottes Segen über die Natur. Da zu den genannten Zeiten früher die Priester geweiht wurden, die das Licht des wahren Glaubens verbreiten sollten, so pflegte man um diese Zeit zu danken und um würdige Priester zu bitten. Das Gebet um würdige Priester hat Christus anbefohlen, da er sagt: „Die Ernte ist zwar groß, aber der Arbeiter sind wenige. Bittet daher den Herrn der Ernte, daß er Arbeiter in seinen Weinberg sende.“ (Mt 9,37). – Die Quatembertage (Quatuor Tempora, d. h., die vier Jahreszeiten) fallen in folgende Wochen: Im Winter in die 3. Woche des Advents. Im Frühling in die 2. Woche der 40-tägigen Fastenzeit, im Sommer in die Pfingstwoche, im Herbst in die 3. Woche im September. – Die Quatemberfasten heißen auch „Weihfasten“, weil sie zu jenen Zeiten gehalten werden, an denen die Priester geweiht wurden. Leider hat die Wertschätzung des Quatembers im Volke sehr abgenommen.
In vielen Diözesen wird nur am Quatember-Freitag streng gefastet.
In früheren Zeiten bestand an allen drei Tagen der Quatemberwoche strenge Fastenpflicht. Hernach wurde in vielen Diözesen am Quatembersamstag der Fleischgenuß bei Abbruch erlaubt und seit 1914 mit Zustimmung der Konzilskongregation für einzelne Diözesen (so z. B. für die Prager am 31.3.1914, Z. 17914) den Bischöfen weitere Milderungen für alle Quatembertage zu bewilligen erlaubt. Die Bischöfe dispensieren nun in der Regel für Mittwoch und Samstag ganz vom Fasten und verlangen nur Fasten für den Freitag, und zwar strenges Fasten. (Der Codex laut § 1252,2 befiehlt zwar für alle Quatembertage strenge Faste, lässt aber laut § 1253 die örtlichen Milderungen weiter bestehen.)

Fasten an Vigilien

4) Wir sollen an den Vigilien (Vortage mancher Feste) strenge fasten, um uns auf die Feste in würdiger Weise vorzubereiten und dadurch reichliche Gnaden von Gott zu erlangen.
Die ersten Christen kamen an den Vorabenden hoher Feste zusammen, wachten, beteten die ganze Nacht und wohnten nachts dem hl. Messopfer bei. Dies alles geschah deswegen, weil der Gottesdienst am Tage von den Heiden gestört worden wäre. Übrigens hat auch Christus oft die ganze Nacht im Gebet zugebracht (Lk 6). Als späterhin die Christenverfolgungen aufhörten, konnte der Gottesdienst ungestört am Tage abgehalten werden. Daher verlegten die Päpste die nächtlichen Feierlichkeiten auf den Tag. Nur die Vigil des hl. Weihnachtsfestes (die Christnacht) hat sich noch bis heute erhalten; von den anderen Vigilien blieben nur die Fasten zurück.
Solche Vigilien sind der Hl. Abend, der Samstag vor Pfingsten, die Tage vor Maria Himmelfahrt und vor Allerheiligen (CIC 1252,2).
An den Tagen vor Maria Himmelfahrt und vor Allerheiligen wird in manchen Diözesen von den Bischöfen kraft apostolischer Vollmacht nur Abbruch verlangt. – Der Karsamstag ist kein strenger Fasttag mehr, zumal überhaupt am Karsamstag mittags die 40-tägige Fastenzeit schließt (CIC 1252,4).

Die Bewilligung von Dispensen

5) Die Kirche will keineswegs, daß wir durch das Fasten Schaden leiden an der Gesundheit oder an der Erfüllung unserer Berufspflichten verhindert werden. Daher bewilligt sie viele Dispensen.
a) Es dürfen daher an Freitagen Fleisch essen: Leute von schwächlicher Gesundheit, denen das Fasten schädlich wäre.
Hierzu gehören also: Kranke und Genesende, die nach ärztlichem Gutachten der Fleischnahrung bedürfen, ferner Kinder unter sieben Jahren. Zu den Kranken gehören auch Greise, die schon ziemlich schwach sind. In einzelnen Diözesen wird von Kranken und Greisen, die das Fastengebot andauernd nicht erfüllen können, gefordert, daß sie um Dispens nachsuchen.
b) Daher sind vom Gebot der nur einmaligen Sättigung (vom Abbruch) befreit: Personen, die nicht über 21 Jahre oder schon über 59 Jahre sind; ferner Leute von schwächlicher Gesundheit; und Leute, die geistig oder körperlich viel arbeiten müssen.
1) Wer noch wächst, bedarf öfters des Tages der Nahrung. Das ist in der Regel der Fall bei Personen, die noch nicht das 21. Lebensjahr zurückgelegt haben. 2) Leute von schwächlicher Gesundheit sind: Kranke und Genesende, die aber bei längerer Dauer um Dispens nachsuchen sollen. – 3) Zu den Leuten, die geistig oder körperlich viel arbeiten müssen, können hinzu gerechnet werden alle, die in angestrengter Weise für das geistige oder körperliche Wohl ihrer Mitmenschen sorgen, als Beichtväter, Prediger, Katecheten, Lehrer, Krankenwärter, Ärzte, Richter u. dgl., und deshalb öfters am Tage sich stärken müssen. – Das Gebot, unsere Gesundheit zu erhalten, ist in unser Inneres geschrieben, also uns von Gott selbst gegeben. Wir dürfen aber durch Erfüllung des Gebotes der Kirche das Gebot Gottes keineswegs verletzen. Das will auch die Kirche nicht. – Wer nicht fasten kann, soll trachten, dafür andere gute Werke zu verrichten. Ein Bischof ermahnt seine Gläubigen zum „Fastenalmosen“ und spricht: „Was du dem Leibe entziehst, das teile den Hungrigen mit. Dein Fasten wird geheiligt sein, wenn du die Pflichten der Barmherzigkeit erfüllst. Die im Geiste des Glaubens gespendeten Almosen werden unsere unvollkommene Buße ergänzen.“ (Bisch. Schulte von Paderborn). In Diözesen, wo infolge starker Bevölkerungszunahme zu wenig Kirchen sind (besonders in Großstädten), sollte das Almosen dem Bau von Kirchen gewidmet werden. – Die Pfarrer haben das Recht, in einzelnen Fällen aus rechtmäßigem Grunde vom Fasten zu dispensieren (CIC 1245,1).
c) Fabrikarbeiter, Reisende und Personen weltlichen Standes, die ihre Kost aus Gasthäusern beziehen, sind in vielen Diözesen an allen Fasttagen dispensiert mit Ausnahme des Aschermittwochs, des Karfreitags, des Hl. Abends und des Samstags vor Pfingsten. (Oder es gilt für sie überhaupt nur der Karfreitag als Fasttag.)
Fabrikarbeiter sind deswegen dispensiert, weil sie schwere körperliche Arbeiten verrichten müssen. Dazu gehören auch Bergwerksarbeiter und Feldarbeiter beim Großbetrieb. – Reisende (daher auch Zugbegleiter, Stations- und Bahnarbeiter, ferner das Schiffspersonal) sind dispensiert, weil sie bei der anstrengenden Fahrt auf der Eisenbahn oder zu Schiff nahrhafte Kost nötig haben und Fastenspeisen auch nicht leicht erhalten können. Wer am Familientisch anderer teilnehmen muß (Kinder, Dienstboten, Studierende, Gäste), muss das nehmen, was er bekommt; und die im Gasthause oder sich von dort Speisen holen lassen, können in der Regel Fastenspeisen gar nicht oder nur schwer bekommen. – Daher sind meistens auch alle dispensiert, die sich auf Jahr- und Wochenmärkten oder bei einer Festlichkeit, bei der viel Volk zusammenströmt, befinden und deshalb in Gasthäusern zu essen genötigt sind; die sich zur Kräftigung ihrer Gesundheit in Badeorten aufhalten (sind samt ihrer Begleitung dispensiert); schließlich Arme, die Fleischspeisen als Almosen bekommen. Auch sei erwähnt, daß in manchen Diözesen während der Dauer ansteckender Krankheiten, so z. B. der Influenza und während der Kriegszeit, eine allgemeine Dispens vom Fastengebot erteilt wurde. Die Bischöfe sind nämlich (laut CIC 1245,2) berechtigt, in besonderen Fällen, wenn viel Volk zusammenströmt oder die allgemeine Volksgesundheit in Frage kommt, die gesamte Diözese oder eine Ortschaft von jeder Art des Fastens zu dispensieren. Doch soll man durch das Fleischessen den Mitmenschen kein Ärgernis geben. Der hl. Paulus ermahnt: „Sehet aber zu, daß diese eure Freiheit etwa den Schwachen nicht zum Anstoß werde.“ (1 Kor 8,9). Und von sich selbst sagt er: „Wenn eine Speise meinen Bruder ärgert, will ich kein Fleisch essen in Ewigkeit.“ (1 Kor 8,13).
d) Am meisten gemildert wurde das Fastengebot allen, die beim Militär dienen.
Alle Katholiken, die beim Militär, bei der Gendarmerie und Grenzwache dienen, sind in den meisten Ländern nur am Heiligen Abend und am Karfreitag zur Enthaltung von Fleischspeisen verpflichtet; sonst besteht für sie kein Fasten. (Zur Kriegszeit entfielen auch diese Feiertage.) Diese große Milde geschieht mit Rücksicht auf die ihnen obliegenden schweren Dienste. (Die Familienmitglieder genannter Personen sind in vielen Diözesen auch vom Fleischgenuß dispensiert, doch sollen sie nach vollendetem 21. und vor begonnenem 60. Lebensjahre an kirchlichen Fasttagen Abbruch halten.)

6) Das Fasten ist unserem Leib und Geist sehr nützlich. Es kräftigt die Gesundheit, erleuchtet den Verstand, stärkt den Willen, erwirbt uns Tugenden, Verzeihung der Sünden, Erhörung des Gebetes, außerordentliche Gnaden und ewigen Lohn.
Das Fasten ist eine Art Arznei. Wer fastet, vermehrt seine Gesundheit und verlängert sein Leben. Fast alle Mitglieder des strengen Trappistenordens erreichen ein sehr hohes Alter (gegen 90 Jahre); und sie haben täglich nur eine Mahlzeit, bei der die gesunden Ordensmitglieder nie Fleischspeisen erhalten (Spirago, Beispiele Nr. 1443). Hippokrates, der Vater der Ärzte, der 400 J. vor Chr. in Athen lebte, wurde 140 Jahre alt und blieb stets gesund: gefragt, wie er so alt geworden sei, sagte er: „Ich habe mich nie vollständig satt gegessen.“ Auch die Ärzte verordnen manchen Kranken strenge Diät, damit sie bald gesund werden. Wer sein Kleid schont, erhält es lange Zeit; dasselbe gilt vom Leibe. „Wer mäßig isst, verlängert sein Leben (Sir 37,34).“ Halte Maß in Speis’ und Trank, so wirst du alt und selten krank. Hofrat Dr. Krämer (München), durchaus kein Freund der Kirche, weist darauf hin, daß das Fasten den Stoffwechsel befördert und den Magen kräftigt, und bemerkt: „Es sterben mehr Menschen an zu vielem Essen als an Hunger“ (siehe Krämer „Chronischer Magenkatarrh“). Manche fürchten, daß sie durchs Fasten die Kräfte verlieren. Doch das ist ein Vorurteil. Ein gesunder Mensch hält mehrere Tage ohne Essen aus, ohne zu entkräften. Man beachte, daß sich die Natur zuweilen das Fasten erzwingt; denn nach üppigen Mahlzeiten schmeckt längere Zeit kein Essen. Zur Zeit des Weltkrieges sind unzählige Kranke, namentlich Magenleidende, infolge des gezwungenen Fastens gesund geworden. – wer fastet erlangt viele Vorzüge des Verstandes. Daniel genoß am Hofe des Nebukadnezar nur Hülsenfrüchte und Wasser; er übertraf an Weisheit die gelehrtesten Männer des Reiches (Dan. 1). Alle Leute, die viel zu studieren haben, wissen aus Erfahrung, daß man besser auffaßt, wenn man mäßig ist im Genuß von Speise und Trank. Als Moses 40 Tage gefastet hatte, kam er mit strahlendem Angesichte vom Berge herab (Ex 34,29), wodurch die große Erleuchtung, die er empfangen hatte, angedeutet wurde. „Wir gewinnen am Geiste, wenn wir am Fleische verlieren (Bischof Bossuet).“ – Durch Fasten wird der Wille gestärkt. „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark“ (2 Kor 12,10). Wer fastet, unterdrückt leichter alle bösen Begierden des Leibes (1 Kor 9,27) und überwindet leichter die Versuchungen des Teufels. „Durch Hunger gezwungen, ergibt sich die Festung; so auch der Leib durch Hunger bezwungen, in den Willen und in die Vernunft des Menschen“ (hl. Albert der Große). – Wer fastet, gelangt zu hohen Tugenden. In demselben Maße, wie der tierische Mensch abnimmt, nimmt der geistige zu. Es verhält sich hier wie bei einer Waage; wenn die eine Schale sinkt, steigt die andere. – Wer fastet, erlangt von Gott die Verzeihung der Sünden. Gott verzieh den Niniviten, weil sie fasteten (Jon. 3). Durch eine Speise ist Gott beleidigt worden, durch Fasten wird er wieder besänftigt (hl. Zeno). Durch Fasten kürzt man sich demnach die Strafen des Fegfeuers ab. – Wer fastet, erlangt von Gott schnelle Erhörung des Gebetes. Der heidnische Hauptmann Kornelius zu Cäsarea fastete bis 3 Uhr nachmittags (Apg 10,30); da erhörte Gott seine Bitten und sandte ihm einen Engel. Als Holofernes Bethulien belagerte, nahmen die Einwohner der Stadt zum Beten und Fasten ihre Zuflucht; Gott errettete sie wunderbar durch Judith (Jud 4). Fasten und Almosen sind die beiden Flügel des Gebetes (h. Augustinus). – Gott belohnte das Fasten stets durch außerordentliche Gunstbezeigungen. Nachdem Moses gefastet hatte, wurde er auf dem Berge Sinai der Unterredung Gottes gewürdigt. Nachdem Elias gefastet hatte, hatte er die Erscheinung am Berge Horeb (3 Kg 19). Die wunderbare Beschützung der 3 Jünglinge im Feuerofen war sicher der Lohn des Fastens; ebenso die Sendung des Engels zu Kornelius. „Wer fastet, vergeistigt sich und wird dadurch gewissermaßen Gott ähnlich; daher gefällt es Gott, mit ihm in Verkehr zu treten.“ (Nodr.) – Wer fastet, wird von Gott hierfür nach dem Tode belohnt. Moses und Elias erschienen bei der Verklärung auf Tabor, weil sie unter den Altvätern die einzigen waren, die wie der Heiland 40 Tage gefastet haben. (Hl. Vinzenz Ferrerius, Dominikaner 1406) Die Kirche singt bei der Präfation in der Fastenzeit: „Durch Fasten werden die Laster unterdrückt, der Verstand erleuchtet, Tugenden und Belohnungen erworben.“

4) Die gänzliche und teilweise Enthaltung von Alkohol entspricht dem Geiste des Christentums und ist heutzutage ein Zeitbedürfnis.
Christus fordert Selbstverleugnung, indem er sagt: „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich lebst.“ (Mk 8,24) Deshalb soll sich jeder in der Selbstbeherrschung üben. Dies kann auch dadurch geschehen, dass er sich gewisser Speisen oder Getränke enthält. Die Enthaltung vom Alkohol ist demnach ein echt christliches Werk. Schon der Vorläufer des Erlösers, der hl. Johannes der Täufer, enthielt sich nach dem Willen Gottes des Weines und berauschender Getränke. (Lk 1,15) – Der Kampf gegen den Alkohol ist heutzutage notwendig infolge der Zeitverhältnisse; denn der Alkoholgenuß nimmt in erschreckender Weise überhand. Es wird bei jedem Anlaß getrunken: beim Abschied und beim Wiedersehen, bei freudigen und bei traurigen Anlässen, bei Taufen und bei Beerdigungen. Am schlimmsten steht es in dieser Richtung oft unter Studierenden der höheren Schulen. Wer von ihnen die kostbare Studienzeit durch Trinkgelage nicht totschlägt, fällt der Verachtung anheim. Das darf nicht so fortgehen, soll die Menschheit nicht geistig und leiblich zugrunde gehen. Daher kommt es, daß hervorragende Priester (z. B. der irische Kapuziner P. Theobald Mathew, 1856) und Bischöfe (wie Kardinal Manning in England, Bischof Egger in der Schweiz) laut ihre Stimmen erhoben zum Kampf gegen den Alkohol. Weil diese Männer sahen, daß Belehrungen wenig nützten, so gründeten sie Mäßigkeits- und Abstinentenvereine, um durch sie den Zwang der Trinksitten zu brechen. Diesen Vereinen gehören in England und in Nordamerika bereits viele Millionen Menschen an. Die Mitglieder verpflichten sich, daß sie sich innerhalb einer gewissen Zeit vom Alkohol entweder gänzlich oder wenigstens an einem bestimmten Tage der Woche enthalten. – Doch wird nicht gefordert, und das wäre auch für die Gesundheit sehr schädlich, daß sich ein „Abstinent“ überhaupt der Flüssigkeit, die unser Körper so dringend braucht, enthalte. Denn unser menschlicher Leib, der aus etwa 63 Prozent Wasser besteht, verliert täglich beiläufig 3 Liter Wasser, die wieder ersetzt werden müssen. (An heißen Tagen ist der Verlust noch größer.) Da unsere täglichen Nahrungsmittel zum größten Teil aus Wasser bestehen (trockenes Brot enthält 40 Prozent, saftige Früchte über 80 Prozent Wasser, Suppe enthält fast lauter Wasser), so sind Flüssigkeiten nicht in großer Menge notwendig.

5) Die Osterpflicht des Katholiken.
1. Im 4. Kirchengebote gebietet uns die Kirche, in der österlichen Zeit die Sakramente der Buße und des Altars zu empfangen.
Die hl. Kommunion darf nicht zu selten empfangen werden, weil sie die Nahrung unserer Seele ist. Eine Seele, die lange Zeit diese Nahrung nicht bekommt, müßte Hungers sterben. Daher sagt der Heiland: „Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht essen und sein Blut nicht trinken werdet, so werdet ihr das Leben nicht in euch haben.“ (Joh 6,56) Die ersten Christen empfingen täglich die hl. Kommunion; späterhin kommunizierte man nur noch an den 3 größten Festen, zu Weihnachten, Ostern und Pfingsten. Als im Mittelalter große Lauheit einriß, verordnete das Konzil zu Lateran (1215), daß alle Christen, die bereits das Gute vom Bösen zu unterscheiden imstande sind, ihre Sünden jährlich wenigstens einmal beichten und wenigstens zu Ostern das Sakrament des Altars ehrfurchtsvoll empfangen sollen. (Kan. 21) Das Konzil von Trient wünscht, daß auch die Beichte zu Ostern abgelegt werde; denn es sagt: „In der ganzen Kirche besteht der heilsame Gebrauch, in jener heiligen und am meisten geeigneten Zeit des 40-tägigen Fastens zu beichten, welchen Gebrauch das hl. Konzil als einen frommen und mit Recht beizubehaltenden genehmigt und annimmt.“ (14. Kap. 5) Die Beichte muß übrigens stets der hl. Kommunion vorausgehen. Eine Ausnahme besteht nur bei jenen, die täglich kommunizieren und sich keiner schweren Sünde bewußt sind. – Durch eine gottesräuberische Kommunion würde das Kirchengebot nicht erfüllt (CIC 861); auch nicht durch eine ungültige Beichte. (Alexander VII.) Wer in der österlichen Zeit seine Osterpflicht nicht erfüllt hat, bleibt trotzdem weiter verpflichtet, sobald als möglich die hl. Sakramente zu empfangen. (CIC 859,4)
2) Die österliche Zeit dauert eigentlich nur 2 Wochen, nämlich vom Palmsonntag bis zum Weißen Sonntag; doch wird sie von den Bischöfen verlängert.
Sie kann ausgedehnt werden vom 4. Sonntag in der 40-tägigen Fastenzeit bis zum Dreifaltigkeitssonntag. (CIC 859,2) In mehreren Diözesen dauert die österliche Zeit 6 Wochen: 3 Wochen vor und 3 Wochen nach Ostern. In anderen, z. B. in der Prager, dauert sie (mit päpstlicher Erlaubnis) vom Aschermittwoch bis zum Dreifaltigkeitssonntag, d. i. bis zum 1. Sonntage nach Pfingsten, also 46 (vor Ostern) + 57 (nach Ostern) = 103 Tage. Deshalb kann niemand mit der Entschuldigung kommen, er habe nicht gut Zeit gehabt, die hl. Sakramente zu empfangen. Manche Bischöfe haben vom Apostolischen Stuhl die Ermächtigung erhalten, zu jeder Zeit im Jahre zu bewilligen, daß in Kirchengemeinden, wo Missionen oder andere fromme Übungen abgehalten werden, die Gläubigen ihre Osterpflicht erfüllen können. (Für die Prager Diözese durch Apostolisches Indult vom 1. Okt. 1917) Auch die an manchen Wallfahrtsorten, so in Maria Zell, nach würdiger Beichte empfangene hl. Kommunion gilt als Osterkommunion. (Pius X. 7.4.1907.)
Es ist geziemend, daß wir zu Ostern den Leib des Herrn empfangen, weil Christus zu Ostern das hl. Altarssakrament eingesetzt hat.
Auch ist es geziemend, daß wir zu Ostern unsere Sünden beichten. Denn Christus ist zu Ostern von den Toten auferstanden. Wenn der Sünder die hl. Beichte würdig verrichtet, so steht er geistig von den Toten auf. Wie Christus von den Toten auferstanden ist, so sollen auch wir in einem neuen Leben wandeln. (Röm 6,4) Und wie sich die Leute zu Ostern neue Kleider anschaffen, so sollen sie auch trachten, daß ihre Seele mit dem Kleide der heilig machenden Gnade geschmückt werde.