Fastenzeit – Gnadenzeit

image_pdfimage_print

Das Kirchenjahr hat seine besonderen Festzeiten, die jährlich wiederkehrend unser Glaubensleben prägen und lebendig halten. Im Großen und Ganzen folgt das Kirchenjahr dabei dem Leben Unseres Herrn Jesus Christus. Ist doch das Leben des Gottmenschen die Form, nach der unsere Seele durch die Erlösungsgnade geprägt werden soll, wie wir beim hl. Paulus im Epheserbrief belehrt werden:

„So sage ich denn und beschwöre euch im Herrn: Wandelt nicht mehr wie die Heiden in einer auf Vergängliches gerichteten Gesinnung. Sie sind in ihrem Denken verfinstert und dem Leben in Gott entfremdet; denn Unwissenheit hält sie umfangen, und ihr Herz ist verhärtet. Abgestumpft geworden, haben sie sich der Ausschweifung ergeben und frönen jeglicher Unreinheit in unersättlicher Gier.
Dergleichen habt ihr von Christus nicht gelernt. Ihr habt doch von ihm gehört und seid in ihm unterwiesen worden. In Jesus ist ja die Wahrheit. Legt also gegenüber eurem früheren Wandel den alten Menschen ab, der an den trügerischen Gelüsten zugrunde geht. Erneuert euch in eurer geistigen Gesinnung und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit geschaffen ist.“ (Eph. 4,17-24)

Als Katholiken stehen wir in der Nachfolge Christi. Dabei gilt, je konkreter das Vorbild uns vor Augen steht, desto anspornender wirkt es auf unser Gemüt. Je strahlender und lebendiger das Ideal uns voranleuchtet, desto konsequenter folgen wir ihm nach. Dabei werden wir ständig mit einer Grunderfahrung unseres sittlich-religiösen Lebens konfrontiert, daß wir nämlich das christliche Ideal niemals ohne Selbstüberwindung und Opfer erreichen können. Unser göttlicher Lehrmeister hat es so eindringlich gesagt: „Tretet ein durch die enge Pforte! Denn weit ist die Pforte und breit ist der Weg, der ins Verderben führt, und viele gehen auf ihm. Wie eng ist die Pforte und wie schmal der Weg, der zum Leben führt, und nur wenige finden ihn“ (Matth. 7,13 f).

Aus dieser gottmenschlichen Belehrung hat man zu allen Zeiten geschlossen, daß der Weg der Mehrheit, der Weg der Masse nicht zum Himmel führt. Unsere hl. Mutter, die Kirche, hat deswegen ihre Kinder immer ermahnt, nicht den breiten Weg der Weltmenschen mitzugehen, sondern durch die enge Pforte zum göttlichen Leben einzutreten. Als Vorbereitung auf die Fastenzeit sollen wir ganz ausdrücklich den schmalen Weg wählen. Wobei die heilige Liturgie auch hierin dem Vorbild unseres göttlichen Lehrmeisters folgt, der sein öffentliches Wirken mit einem 40-tägigen Fasten begonnen hat. Diesen heiligen Brauch wollten die Katholiken von Anfang an jedes Jahr erneuern, denn es ist dem erbsündlich geschwächten Menschen notwendig zu fasten.

Daß das Fasten eine Notwendigkeit für uns ist, möchte der moderne Mensch nicht mehr einsehen. Er verbindet den Gedanken des Fastens sofort mit dem finsteren Mittelalter, als die Menschen sich noch kasteit haben und meinten, allerlei Strengheiten auf sich nehmen zu müssen – heute ist das natürlich anders. Haben wir doch einen modernen Lebensstil und dazu paßt das Fasten nicht mehr – allerhöchstens als Heilfasten zu therapeutischen Zwecken oder als kosmetisches Fasten für eine bessere Figur. Der moderne Mensch schaut mehr auf die Güte und Barmherzigkeit Gottes als auf Seine Gerechtigkeit, die man früher in den Vordergrund gestellt und vollkommen übertrieben hat. Wir moderne Menschen haben die unendliche Barmherzigkeit erst richtig entdeckt. Der unendlich barmherzige Gott will doch den Menschen nicht durch das viele Fasten und die Abtötung quälen, er will uns erlösen.

Der modernistische Lebensstil

Es ist nicht allzu schwer einzusehen, daß diese irrige Meinung über das Fasten und die Barmherzigkeit Gottes mit dem Modernismus zusammenhängt. Der Modernismus ist nicht nur ein neuer, irriger Glaube, er ist auch ein neuer, irriger Lebensstil. Es ist bezeichnend, daß in der Menschenmachwerkskirche im ganzen Kirchenjahr nur noch zwei verpflichtende Fastentage übriggeblieben sind: Aschermittwoch und Karfreitag (an die sich auch niemand mehr hält; so wurde z.B. in einer „katholischen“ Pfarrgemeinde vom dortigen Frauenverein für den Aschermittwoch ein „Heringsessen“ angekündigt mit dem Hinweis: „Für das leibliche Wohl ist bestens gesorgt“). Hier wurde offensichtlich die Grundordnung unsers Lebens umgekehrt, man bildet sich ein, der breite Weg führe in den Himmel, wohingegen der schmale in die Hölle führt, falls es eine Hölle geben sollte – und wenn ja, dann ist niemand darin. So das übliche modernistische Geschwätz.

Synthese von Fortschritt und Katholizismus?!

Vor allem in Amerika hatte sich schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Irrlehre weit verbreitet, die neue Welt solle auch im Glauben neue Wege gehen, amerikanische sozusagen. Einer der damals bekanntesten Vertreter dieses neuen Weges in der neuen Welt war P. Hecker, der Gründer der Kongregation der Paulisten. Von diesem wurde neben dem Loblied auf die Demokratie auch besonders das Loblied auf die Freiheit gesungen. Mit Freiheit meint er dabei vor allem die Freiheit, sich mit dem Fortschritt der modernen Welt auszusöhnen. Msgr. Keane nannte den Amerikanismus geradezu die „Synthese des Fortschrittes und des reinsten Katholizismus“. Sowohl in Amerika als auch in Europa zeigte der Amerikanismus trotz mannigfaltiger Unterschiede überall dasselbe Gesicht, wuchs er doch aus demselben geistigen Boden, nämlich aus der vollen Überzeugung, die Kirche komme auf dem bisherigen Weg nicht weiter und müsse sich deswegen mit der Welt versöhnen und dem Zeitgeist anpassen.

Leo XIII. zu dieser neuen Anschauung

„Ausgangspunkt (fundamentum) dieser neuen Anschauung“, so erklärt Leo XIII. in seinem Schreiben „Testem benevolentiae“, „ist folgender: Um die Dissidenten (die vom Glauben Abgefallenen) leichter für die katholische Kirche zu gewinnen, möge die Kirche der Zivilisation des fortgeschrittenen Jahrhunderts sich etwas mehr anpassen, ihre alte Strenge mildern, den neuen Einrichtungen und Theorien der Völker sich anbequemen und zwar, wie viele meinen, in bezug nicht nur auf die Disziplin, sondern auch auf die Glaubenslehre, welche das Depositum fidei bilden.“

Der Amerikanismus

Wir wollen in unserer Darstellung des Amerikanismus den Gedanken von Professor Dr. Anton Gisler folgen, der in seinem Buch „Der Modernismus“ (Verlagsanstalt Benzinger & Co. A.G., Einsiedeln 1913) dazu folgendes ausführt: „Diese Forderung zur Anpassung der Kirche an unsern Zeitgeist ist die Dominante in Heckers Hauptwerk: ‚The church und the age‘ (Die Kirche und unser Zeitalter), sowie Irelands Reden: ‚The church and modern society‘ (Die Kirche und die moderne Gesellschaft). Schon die Titel dieser Bücher sind bezeichnend. Gemeint ist vor allem die Anpassung der Kirche an die Verhältnisse und den Geist Amerikas. In der Bewunderung Amerikas fand Ireland kaum eine Grenze. Er übernimmt von Brownson den Satz: ‚Seit die Kirche aus jenem obern Saal in Jerusalem hervorging, hat sie nie einen nationalen Charakter gefunden, der so geeignet war, ihre Zivilisation auf den höchsten und edelsten Ausdruck zu bringen.‘ Also amerikanischer Lebensstil!“ (S. 158).

Es ist doch recht befremdlich, diese Gedanken der Anhänger des Amerikanismus zu lesen, denn man fragt sich unwillkürlich, wie sollen diese Ansichten mit dem katholischen Glauben in Übereinstimmung gebracht werden können? Ist der moderne Geist nicht zutiefst durch seinen Gegensatz zum katholischen Glauben und zum katholischen Leben geprägt? Und sind nicht gerade die Vereinigten Staaten von Amerika als Freimaurergründung zutiefst auf einem antichristlichen Fundament errichtet worden? Die moderne Freiheit Amerikas ist zunächst eine Freiheit von der göttlichen Wahrheit, wie auch die moderne Toleranz zunächst und vor allem die Verpflichtung zur Wahrheit aufhebt und ihrem Wesen nach Indifferentismus ist. Wie kann ein Katholik auf die Idee kommen, in diesen modernen Irrtümern hätte die Kirche „einen nationalen Charakter gefunden, der so geeignet war, ihre Zivilisation auf den höchsten und edelsten Ausdruck zu bringen“?

Kirche und Zeitgeist

Am 18. Oktober 1893 hielt Msgr. Ireland anläßlich des silbernen Bischofsjubiläums von Gibbons in der Kathedrale von Baltimore die Predigt, in der er die allgemeinen Umrisse zur Anpassung an die moderne Welt skizzierte: „Die Mission (der Kirche) in der Welt ist keine andere als sie in den neunzehnhundert Jahren gewesen; aber die Welt hat sich geändert und ändert sich. Mit der neuen Ordnung kommen neue Bedürfnisse, neue Hoffnungen, neue Bestrebungen. Um die neue Welt für Christus zu gewinnen, muß die Kirche selbst neu sein, in der Lebensführung und Handlungsmethode den Bedingungen der neuen Ordnung sich anpassend; sie muß so sich selbst bewähren, indem sie immer alt bleibt, immer neu werden gerade wie die himmelentstammte Wahrheit es ist und immer sein muß… Heute ist Routine verhängnisvoll; was Gewöhnlich ist, bedeutet heute erschlaffte Greisenhaftigkeit. Die Krisis verlangt das Neue, das Außergewöhnliche…“

In den Ohren eines Katholiken müßte es bei diesen Worten klingeln, denn so viel Neues ist höchst verdächtig, waren doch im Laufe der Kirchengeschichte die Neuerer immer die Irrlehrer gewesen. Es ändert sich ja weder die Wahrheit noch ändern sich die Gebote Gottes, wenn sich die Welt ändert. Die Krisis verlangt doch nicht das Neue, das Außergewöhnliche, sie verlangt vielmehr die Besinnung auf das Wesentliche, auf das göttliche Erbe. Auch Ireland mußte zugeben: „Kirche und Zeitalter sind heute verfeindet.“ Aber weit davon entfernt, die richtigen Konsequenzen aus dieser Feindschaft zu ziehen, meint er: „Ich stelle die Tatsache mit Betrübnis fest. Beide, die Kirche und das Zeitalter sind schuldig… Ich tadle die Kirche. Ich spreche als Katholik. Ich kenne die göttlichen Elemente der Kirche. Ich habe das feste Vertrauen, daß diese Elemente durch die einwohnende Gegenwart des Heiligen Geistes allzeit behütet werden. Aber ich kenne auch die menschlichen Elemente in der Kirche und ich weiß, daß von diesen menschlichen Elementen die Wohlfahrt der Kirche großteils abhängt…“

Diese Worte erinnern allzu sehr an das Gerede vieler heutiger Traditionalisten, die ebenfalls angesichts der sog. nachkonziliaren Krise ständig von den menschlichen Elementen der Kirche sprechen und dem dadurch möglichen Versagen. Ja sie sprechen sogar von sich überall verbreitenden Irrtümern in der Kirche. Ohne daß man es merkt, wird dadurch aus der übernatürlichen, von Gott gegründeten Kirche eine Menschenmachwerkskirche, weil auf diese Weise das Übernatürliche letztlich eliminiert wird. Auch bei Ireland findet sich schon eindeutig diese Tendenz, wenn er fortfährt:

„Ich schrecke nicht vor der Behauptung zurück, daß im Laufe des Jahrhunderts, dessen Sonne nun sich neigt, manche Geistesführer in der Kirche den Mißgriff begingen, daß sie das neue Zeitalter (immerhin der das Zeitalter der Revolution!) nicht rasch genug erfaßten und daß sie ihm nicht rasch genug die versöhnliche Hand der Freundschaft entgegenstreckten… Es gab nur wenige Lacordaires; die meisten sahen nur die Fehler des Zeitalters, die sie unverweilt verurteilten; seine guten und edlen Bestrebungen haben sie entweder mißkannt oder bestritten. Für sie war das Zeitalter die finstere Welt, vor welcher Christus seine Jünger warnte… Die Diener Christi bezogen die Winterquartiere, die Sakristeien und Heiligtümer, wo sie, umgeben von einer kleinen Schar auserwählter Seelen, sich und ihre Freunde vor der alles ergreifenden Ansteckung bewahrten. Das Zeitalter, sich selbst und falschen Führern überlassen, durch die Abschließung und Unfreundlichkeit der Kirche erzürnt, versteifte sich in seinem Säkularismus und lernte die Kirche verachten und hassen… Die Kirche hatte ihre Schlachtenbanner, ihre Siegesbanner scheinbar zusammengerollt“ (S. 158f).

[Anm: Jean Baptiste Henri Lacordaire (* 12. Mai 1802 in Recey-sur-Ource, Département Côte-d’Or; † 21. November 1861 in Sorèze) war ein französischer Dominikaner, begabter Prediger und Theologe. Dieser tat sich zunächst mit Félicité de Lamennais zusammen, mit dem er die Zeitschrift „Avenir“ (Zukunft) begründete und herausgab. Als Lamennais aufgrund seiner liberalen Irrtümer verurteilt wurde, unterwarf sich Lacordaire, wohingegen Lamennais die katholische Kirche verließ.]

Eine „christliche Demokratie“!?

Man ist vor so viel geistesgeschichtlicher Ignoranz fast sprachlos. Da muß man wohl Amerikaner sein, um eine solch blinde Begeisterung für die moderne Zivilisation aufzubringen – und vielleicht zudem noch Freimaurer, was in Amerika leicht möglich war. Es springt hier noch eine Parallele zum heutigen Traditionalismus ins Auge, nämlich die Angst vor dem vermeintlichen Ghetto. Auch die meisten Traditionalisten meinen, die „versöhnliche Hand der Freundschaft“ der Menschenmachwerkskirche nicht zurückweisen zu dürfen, sei doch nicht alles an der modernen Kirche schlecht.

Die Begeisterung für das neue Zeitalter war selbstverständlich auch verbunden mit einer Begeisterung für die moderne Demokratie. Ireland rief seinen Zuhörern zu: „Was wir mit unseren amerikanischen Ideen wollen ist der Bund zwischen Priester und Volk… Schaffen Sie uns eine christliche Demokratie!“ Ganz nüchtern und treffend kommentiert Dr. Gisler: „Die christlichen Demokraten jubelten. Sie beachteten nicht, wenn die Gegner spotteten: die Kirche und das Jahrhundert seien geschieden nicht bloß durch ‚Mißverständnisse‘, sondern durch Grundsätze. Man denke an den Syllabus!“

Der moderne Freiheitswahn

Der moderne Freiheitswahn betraf in Amerika nicht nur die äußere Ordnung durch die Verherrlichung der Demokratie, sondern auch das innere, das geistliche Leben. Nach P. Hecker war das Mittel, um aus den gegenwärtigen Schwierigkeiten herauszukommen, die Rückkehr zu einer freieren Geistigkeit als jene, welche die Vorsehung im 16. Jahrhundert als Gegengewicht gegen den Protestantismus entwickelte – zu einer Geistigkeit, welche jetzt und allzeit das normale geistige Leben und die Innenreligion der Christen gewesen. Im 16. Jahrhundert mußte man den Gehorsam betonen, so Hecker weiter, unser Zeitalter habe nicht das Bedürfnis, eine sittliche Tugend mehr als die andere zu betonen, sondern sich im Glauben, Hoffen und Lieben neu zu begründen, sowie in der Empfänglichkeit für die inneren Anregungen des Heiligen Geistes. P. Hecker lehrte in seiner Kongregation: „Der Heilige Geist wird der Inspirator des inneren Lebens, des wiedergeborenen Menschen, sein Oberer, sein Leiter. Daß seine Leitung das ganz innere Leben immer mehr beherrsche, daß der Gehorsam der Seele immer instinktiver werde, das ist der Seinsgrund der gesamten äußeren Kirchenordnung, das Sakramentalsystem inbegriffen.“

Die Leitung der in der heiligmachenden Gnade lebenden Seele durch den Heiligen Geist ist zunächst eine Tatsache, denn der Heilige Geist ist die Seele unserer begnadeten Seele. Dabei ist jedoch immer zu beachten, daß diese Leitung gewöhnlich nicht direkt wahrgenommen werden kann, sondern vornehmlich geschieht durch Vermittlung der gottgegebenen Autorität. P. Hecker fährt dagegen weiter: „Was die Gesellschaft heute am meisten benötigt ist die Taufe des Heiligen Geistes. Vollkommen ist jene Seele, die durch den Instinkt des Heiligen Geistes sich leiten läßt. Die erste Ursache zur Heiligung der Seele ist der Heilige Geist, der in ihr wirkt; das Wirken des Seelenführers ist immer wichtig und demjenigen des Heiligen Geistes untergeordnet. Diese Grundordnung des geistlichen Lebens übersehen ist, gleichviel ob vom Führer oder vom Geführten stammend, ein großer Irrtum.“

Instinkt oder Inspiration?

Jeder, der sich auch nur ein klein wenig mit der Unterscheidung der Geister beschäftigt hat, wird bei solchen Ausführungen hellhörig werden. Denn was soll der Instinkt des Heiligen Geistes konkret sein, durch den sich die Seele leiten lassen soll? Wie soll man denn wissen, ob der eigene Instinkt richtig oder falsch ist, d.h., ob man sich von Gott leiten oder vom Teufel an der Nase herumführen läßt? Weil sich hierin der Mensch so leicht täuscht, ist eine objektive Führung unerläßlich. Dem entgegen betont P. Hecker: „Die Erneuerung des Zeitalters hängt ab von der Erneuerung der Religion. Die Erneuerung der Religion hängt ab von der reicheren Ausgießung der schöpferischen und erneuernden Kraft des Heiligen Geistes, die reichere Ausgießung des Heiligen Geistes hängt ab von einer erhöhten Beachtung seiner Bewegungen und Einsprechungen in der Seele. Das grundsätzliche und umfassende Heilmittel gegen alle Übel unserer Zeit und die Quelle alles wahren Fortschrittes besteht in einer gesteigerten Beobachtung und Befolgung der Tätigkeit des Heiligen Geistes in der Seele. Du sendest aus deinen Geist, und sie werden geschaffen, und du erneuerst das Angesicht der Erde. (Ps. 103,30).“

Aber wie soll diese gesteigerte Beobachtung und Befolgung der Tätigkeit des Heiligen Geistes in der Seele konkret ermöglicht, verwirklicht werden? Begibt man sich hiermit nicht auf sehr brüchigem und für die Seele sehr gefährlichen Boden? Können die Bewegungen und Einsprechungen in der Seele so leicht und eindeutig dem Heiligen Geist zugeordnet werden? Dr. Gisler gibt ganz zurecht zu bedenken: „Erinnern wir uns, wie Hecker in den belgischen Klöstern mystische Krisen durchmachte, wie göttliche Eingebungen sein Verhalten lenkten, seine Frömmigkeit bestimmten, wie er mit den alten großen Heiligen und Mystikern geistig verkehrte als wären sie ihm nahe. Das traumhaft-visionäre seiner Naturanlage, das methodistische Muttermal seiner Seele, verschmolz mit dem echt amerikanischen Gedanken der unabhängigen freien Persönlichkeit. Von hier aus versteht man folgenden Ratschlag Heckers für eine Seele, die er unter seiner Leitung hatte: ‚Kümmere dich nicht darum, was andere sagen, folge deinem eigenen Kopf. Brauche deinen eigenen Verstand und habe daran Überfluß, wie der Apostel sagt. Versuche nicht, irgend jemand dazu zu bringen, daß er mit dir übereinstimme. Niemals sind zwei Nasen einander völlig gleich; noch viel weniger zwei Seelen. Gott wiederholt sich nicht in seinen Werken“ (S. 165).

Es ist leicht vorzustellen, welch verheerende Folge ein solcher Ratschlag in der Seele eines jungen Religiosen haben kann. Welch hohe Tugend ist notwendig, um auch nur einigermaßen vernünftig dem eigenen Kopf folgen zu können. Alle Heiligen waren in dieser Hinsicht von äußerster Vorsicht erfüllt, und ganz sicher hätte keiner seinem Beichtkind einen solch gefährlichen Ratschlag erteilt. Darum wendet Dr. Gisler ein:

„Woher wissen die Amerikanisten, daß der Heilige Geist seine Gaben den Seelen heute reichlicher spende als je in früherer Zeit, daß er sie ohne Mittelsperson durch einen geheimnisvollen Instinkt leite und führe? Das Ausmaß des Geistes, bemerkt Leo XIII., kann kein Mensch bestimmen; denn der Geist weht, wo der will (Is. 3,8); auch dürfe man im Blick auf die Apostel die Urkirche, die Martyrer, die Heiligen aller Zeiten wohl fragen, ob denn die früheren Jahrhunderte weniger Geistesgaben besessen als die Gegenwart. Niemand bestreite, daß der Heilige Geist innerlich wirke; aber die Erfahrung lehre auch, daß seine Anregungen in der Regel nicht ohne eine gewisse Mitwirkung und Vorbereitung des äußeren Lehramtes zu erfolgen pflegen. Sei es ja doch ein allgemeines Gesetz der Vorsehung, die Menschen durch Menschen zur Seligkeit zu führen. Ein sprechender Beweis dafür sei der hl. Paulus, der auf seine Frage: ‘Herr, was willst du, daß ich tun soll?‘ nach Damaskus zu Ananias gesandt wurde. Übrigens seien jene, die nach Vollkommenheit streben, gerade weil sei ungewohnte Pfade wandeln, mehr gefährdet und bedürfen dringlicher als die übrigen eines Lehrers und Leiters. Diese Anschauung habe in der Kirche bei den Geisteslehrern und Heiligen aller Zeiten stets obwaltet; davon abzuweichen sei verwegen und gefährlich.“ (S. 172)

Die Eroberung der modernen Welt im Zeichen der Freiheit

Schauen wir mit Dr. Gisler noch ganz kurz auf die Folgen dieser verwegenen und gefährlichen Geisteshaltung:

„Der Grundgedanke, daß der Wiedergeborene unmittelbar durch den Heiligen Geist geleitet werde und daher innerlich und äußerlich möglichst frei sein müsse, machte Hecker zu einem Gegner der Ordensgelübde und war ihm Leitstern, als er die Paulistenkongregation gründete. Diese sollte eine Vereinigung freier Männer sein, durch kein Gelübde gebunden. Denn die Eroberung der modernen Welt sei nur im Zeichen der Freiheit möglich, und charaktervolle Menschen bedürfen zur Sicherung ihrer Treue keines Gelübdes. Die alten Orden, so schien es Hecker, sähen mehr auf die göttliche Leitung, wie sie sich durch äußere Mittel kundgibt, die Paulistenkongregation mehr auf die Führung durch die innerliche Erleuchtung des Geistes. Sie rechnet auf die volle Entfaltung der Persönlichkeit. Sie schränkt die Individualtität nicht durch ‚mechanische‘ Seelenleitung ein. Sie sollte mit einem Wort ein Abbild der Vereinigten Staaten selber sein und wie diese eine Vielheit völlig selbständiger und unabhängiger Individualitäten zu einem lebensvollen Ganzen fest zusammenhalten. Der Obere war gleich dem Präsidenten der Konfederation“ (S. 165f).

Wenn man diese Ausführungen liest, so beginnt man sich unwillkürlich zu fragen: Hat denn der moderne Mensch eine andere Seele als die Menschen aller vergangenen Jahrhunderte? Denn die Kirche hat zwar immer ihre Seelsorge in gewissem Maße den Zeitumständen angepaßt, aber niemals die Grundsätze selber in Frage gestellt, wie es hier geschieht. Die Ordensgelübde etwa sind doch keine zeitgebundenen Erscheinungen, die Orden gehören vielmehr wesentlich zum Leben der Kirche. Dr. Gisler wendet gegen Hecker ein:

„Daß das Ordensleben der Kirche gar nicht oder nur wenig dienlich sei, kann nur behaupten, wer die Kirchengeschichte nicht kennt. ‚Haben nicht eure Vereinigten Staaten die Anfänge des Glaubens und der Zivilisation von Gliedern religiöser Orden empfangen? Ihrer einem habet ihr, und das gereicht euch sehr zur Ehre, jüngst beschlossen, ein öffentliches Standbild zu errichten‘ (Leo XIII. ‚Testem benevolentiae‘). Und was leisten die religiösen Orden gerade heute für die Kirche, und zwar nicht bloß die tätigen, sondern auch die kontemplativen Orden.
Wollte Hecker eine Gesellschaft ohne Gelübde gründen, so war es ihm unbenommen; das war weder verwerflich noch neu. Die Oratorianer, Sulpizianer und andere vor ihm hatten das gleiche mit Erfolg versucht. Aber Hecker durfte den Gehorsam nicht verächtlich machen, die religiösen Gelübde nicht als Erbteil für Schwächlinge und als einen Raub an der persönlichen Freiheit und damit als Hindernis und Schranke der Vollkommenheit hinstellen; er durfte die gelübdelosen Gesellschaften nicht höher werten als die religiösen Orden. ‚Im Gegenteil, mitten in der heutigen, so genußsüchtigen Welt sind auf viel höherer Stufe diejenigen welche, nachdem sie alles verlassen, Christo nachgefolgt‘ (Leo XIII. ‚Testem benevolentiae‘).“ (S. 171)

„Aktive Tugend“

Es sei abschließend noch auf die Tugendlehre eingegangen, die sich aus dieser neuen Geisteshaltung ergibt. Ganz im Sinne ihres demokratischen Ideals wollte Hecker und der gesamte Amerikanismus auch die Tugendlehre umgestalten. Bisher habe man viel zu sehr auf die „passiven Tugenden“ geachtet, jetzt sei es an der Zeit, die „aktiven Tugenden“ zu betonen. Unter den „passiven Tugenden“ verstand Hecker besonders jene, welche in den mönchischen Gelübden zum Ausdruck kommen, in erster Linie Demut und Gehorsam. Mit den „aktiven Tugenden“ meinte er die persönliche Tatkraft und Unternehmungslust.

Außerdem war Hecker der Meinung, daß die lange dauernden und zudem sehr heftigen Angriffe der Irrlehrer des 16. Jahrhunderts die Kirche von ihrer gewohnten Bewegungsbahn abgedrängt hätten. Nun aber sei die Gefahr beschworen und so kehre die Kirche zu ihrer normalen Bewegung zurück. Jedoch habe die Kirche in den drei letzten Jahrhunderten die menschliche Tatkraft erheblich gehemmt. Hecker schrieb: „Die Verteidigung der Kirche und die Rettung der Seelen wurde in der Regel erstrebt zum notwendigerweise erfolgenden Nachteil derjenigen Tugenden, welche eigentlich das Mark christlicher Männlichkeit ausmachen.“ Er meinte sogar, durch die Art der Aszese der letzten drei Jahrhunderte seien „die Katholiken etwas kindisch geworden, weniger männlich und weniger aktiv als die andern“. Jetzt aber und auch in Zukunft fordere die Kirche wieder zu erhöhter Tatkraft auf. Darin liege gegenwärtig das Heil, während die furchtbare Verfolgung, der Niedergang der Kirche in Österreich, Frankreich, Bayern, Spanien, Italien aus der überwiegenden Pflege der passiven, statt der aktiven Tugenden gekommen sei.

Sieberts Katechismus der Athletik – Die moderne „Aszese“

Diese falschen Ansichten fanden auch in Europa Anhänger, wie Dr. Gisler anmerkt:

„Unter dem amerikanischen Schlagwort: ‚passive Tugend‘ verstand man in Deutschland die Demut, Geduld, Sanftmut, Devotion, Aszese, kurz die ganze ‚Duckmäusermoral‘ des Christentums, die etwa für zurückgezogene Ordensleute Wert habe. Ein Bild der aktiven Tugenden entwirft uns ein Geistlicher in folgender Weise: Durch die falsche Auffassung von Aszese, die ehemals herrschend gewesen, habe sich mancher ‚selber zum moralischen Krüppel geschlagen und sein ganzes Selbst zermalmt! Heute müsse diese Aszese ganz anders aufgefaßt und betrieben werden: Spaziergang, Billard, Kegel, Lawn Tennis, Rudersport, Zimmergymnastik, ‚kräftige Aktion der Oberschenkel‘, ‚Herausarbeiten des ganzen Körpers‘, daß auch nicht ein Muskel unbeschäftigt bleibe, das sei unsere Aufgabe. Auch in der Frage der systematischen Leibesübungen müsse der Klerus das Salz der Erde werden. So erlange er erhöhtes moralisches Kraftbewußtsein, objektiv gerechtfertigtes Sichsicherfühlen, und bilde ‚eine vollkommene christliche Persönlichkeit aus‘, der ‚das Ringen nach dem Ideal der christlichen Vollkommenheit bedeutend erleichtert‘ werde. Zum Studium dieser neuen Art von Aszese empfiehlt der Verfasser den Mitbrüdern, die bisher nur die Nachfolge Christi und Rodriguez gekannt haben, Sieberts Katechismus der Athletik und Schrebens Zimmergymnastik“ (S. 176).

Bei so viel Unsinn verschlägt es einem direkt die Sprache. Wo ist da der gesunde Hausverstand geblieben, wo das katholische Urteil? Aus dem Gesagten sieht man übrigens sehr leicht, welche Art der Aszese kindisch und welche wahrhaft männlich ist, kommen einem doch die Vorschläge des Geistlichen reichlich verrückt vor. Wie Dr. Gisler richtig feststellt, faßten solche überdemokratische und übermystische Anschauungen bei P. Hecker umso leichter Wurzeln, „als er, wie bereits bemerkt, von Natur aus eigentümlichen Geisteszuständen unterworfen war; er fühlte sich oft von einem tief mystischen Zug getragen, der sich bis ins Visionäre steigerte und manchmal krankhafte Symptome darbot. Rein natürliche Phänomene belegte er mit mystischen Namen und führte seine Phantasie auf den Heiligen Geist zurück, wähnend, die recht lebhaften Antriebe bei frommen Personen könnten nur von oben stammen. Er war sich übrigens bewußt, sehr originell zu sein; es scheint auch, daß einige seiner Bekannten ihn als verrückt (crazy) bezeichneten. Freund wie Feind ist darin einig, daß er einer Psychose nicht ferne war“ (S. 172f).

Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.