Entmythologisierung der Wirklichkeit

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Es fällt uns schwer, das, was wir mit dem Wort Modernismus bezeichnen und die ganze Menschenmachwerkskirche beherrscht, als System des Unglaubens zu durchschauen. Der Grund dafür ist ganz einfach: Auch wir sind moderne Menschen, und als solche haben wir den „common sense“, was man gewöhnlich ins Deutsche mit „gesunder Menschenverstand“ übersetzt, aber auch „Alltagsdenken“ oder „Hausverstand“ bedeuten kann, übernommen. Die allermeisten Menschen richten sich nach der Mehrheit, d.h. sie übernehmen die wichtigsten, grundsätzlichen Urteile von den anderen Menschen, weshalb es Minderheiten immer schwer haben, fallen sie doch aus dem Mehrheitsrahmen heraus. Was geschieht aber, wenn die Mehrheit irregeleitet wird? Was geschieht, wenn ein Großteil der grundlegenden, nicht mehr hinterfragten Urteile falsch sind? Eines ist dann jedenfalls ganz sicher: Die Wahrheit hat es sodann sehr sehr schwer, denn wie soll sie gegen die Diktatur der Beliebigkeit bestehen können?

Wie weit die Veränderung der selbstverständlichen Urteile inzwischen vorangeschritten ist, würden wir sofort einsehen, wenn wir auf Zeitreise gehen, also uns ganz einfach einmal etwa 250 Jahre in die Vergangenheit zurückversetzen könnten. Angekommen in der Mitte des 17. Jahrhunderts würden wir sicherlich ziemlich überrascht sein und uns entweder ganz schön blöd oder recht gescheit vorkommen, was letztlich von der Intelligenz des einzelnen abhängen wird. Wobei wir überzeugt sind, je intelligenter jemand ist, desto blöder würde er sich vorkommen und nicht umgekehrt. Fühlt sich doch der moderne Mensch der Vergangenheit gegenüber grundsätzlich überlegen, was aber ein recht bedauernswerter Irrtum ist.

Wir haben im Beitrag Weihnachtslegenden von Legenden und Mythen gesprochen und das Paradox (den scheinbaren Widerspruch) erwogen, daß der Realist die Legenden liebt, wohingegen der Demagoge sich gewöhnlich dem Mythos zuwendet. Zunächst klingt das absurd, wie wir gezeigt haben, aber je mehr man sich mit dem Sachverhalt auseinandersetzt, desto klarer erkennt man, derjenige, der die Wirklichkeit möglichst nüchtern und klar erfassen möchte, also der Realist, sieht gerade in der Legende ein ausgezeichnetes Mittel, Wirklichkeit zur Sprache zu bringen. Dies ist deswegen so, weil die Wirklichkeit Geheimnisse in sich schließt, welche durch die Legende gedeutet werden. Der Demagoge hingegen möchte seine eigene Ideologie allen anderen Menschen überstülpen, weshalb er unwillkürlich zum Mythos greift, der den Irrtum, dem er anhängt, gleichsam verklärt und damit umso verführerischer und gefährlicher macht. Wie wir gezeigt haben, können auch moderne Mythen sehr langlebig sein.

Versuchslabor Welt

Der moderne Mensch, der grundsätzlich die Tendenz hat, das Geheimnis zu leugnen, macht die ganze Welt zum Versuchslabor, um alle noch bestehenden Geheimnisse aufzulösen. Grundsätzlich ist alles erkennbar, davon ist der moderne Mensch vollkommen überzeugt – wobei erkennbar für ihn immer nur heißt, wissenschaftlich erkennbar, oder noch genauer gesagt, naturwissenschaftlich erkennbar. In seinem Versuchslabor wird deswegen auch nur all das als Wirklichkeit anerkannt, was mit seinen selbst gebauten Meßgeräten gemessen werden kann. In dieser Meßgerätewelt wird mit höchstem Geistesaufwand der Geist eliminiert, also ausgeschlossen, und infolgedessen letztlich ausgelöscht. Eine unsagbar tragische Tragödie, ein äußerst trauriges Trauerspiel ist diese moderne Wissenschaftswelt. In ihr wird jegliche Wirklichkeit gemäß Mehrheitsbeschluß (wahrheitsgemäßer gesagt: durch Elitebeschluß) dazu verdammt, nur noch Materie zu sein. Wer aus diesem Grunddogma auszuscheren wagt, der wird aus dieser Wissenschaftswelt verbannt, er wird gnadenlos exkommuniziert. Und zwar gerade von jenen Leuten, die sonst so viel über das dunkle Mittelalter schimpfen, in welchem man angeblich gleich verbrannt wurde, wenn man anderer Meinung war als – ja als wer eigentlich?

Weil der konkrete Mensch jedoch eine solch grausam-kalte Welt der bloßen Materie nicht ertragen kann, flieht er wenigstens in seiner Freizeit umso leidenschaftlicher in den Mythos. Er hat zwar Gott, die Engel und die Dämonen aus seiner wissenschaftlichen Welt sozusagen chemisch rein herausdestilliert, aber durch die Hintertür des Gefühls und der Phantasie kommen die Kobolde, Feen, Hexen, Monster und allerlei Schreckgespenster in seine Welt zurück – inzwischen meist verkleidet als Außerirdische. Außerirdische sind ein unermeßlich großes Spielfeld für Science Fiction! Betrachten wir den heutigen Wissenschaftsbetrieb einmal ganz ehrlich, wo sind hier noch klare Grenzen? Wenn etwa Stephen Hawking eine ganze Welterklärungstheorie auf einer Strahlung aufbauen kann – der Hawkingstrahlung! – die von keinem Wissenschaftler je verifiziert wurde – also reine, bloße, vollkommene Fiktion ist! – was ist dann in dieser Wissenschaft noch Wirklichkeit?

Eine Zeitreise ins 17. Jahrhundert

Aber kehren wir nochmals ins 17. Jahrhundert zurück. Dort sind wir bei unserer Zeitreise gelandet, um das Denken der Menschen mit unserem Denken zu vergleichen. Wir sind ganz erstaunt, denn manches, was wir dort sehen, hören und erleben, erscheint uns als sehr modern, manches jedoch wiederum als sehr veraltet. Bei den sog. Freidenkern und Aufklärern finden wir fast alles, was auch heute noch als modern gilt und von allen bis heute meist unhinterfragt nachgeplappert wird, obwohl es schon so alt ist. Seltsamerweise werden diese Ideen auch heute noch so gepriesen, als wären sie erst kürzlich neu erfunden worden!

Daneben gibt es aber auch ganz rückständige, erschreckend rückständige Leute, z.B. Königstreue und Gottgläubige. Man faßt es kaum, diese Königstreuen glauben tatsächlich ganz ernsthaft, die Monarchie sei die beste aller Staatsformen und der König sei von Gottes Gnaden eingesetzt. Und die Gottgläubigen glauben ohne jeglichen Zweifel, mit vollkommener Überzeugung, Ruhe und Sicherheit an Gott. Sie glauben so an Gott, daß sie vollkommen davon überzeugt sind, die Welt könne ohne Gott gar nicht verstanden werden. Daß es so etwas Naives überhaupt geben kann? Der moderne Mensch findet solch einen Glauben äußerst primitiv, rückständig, ja fanatisch. Glauben ohne Zweifel, wie kann es denn so etwas geben? Was für ein extremer Fundamentalismus!

Noch etwas würde uns auffallen, wenn wir am Leben vor 250 Jahren teilnähmen: Auch in der wissenschaftlichen Welt wird ganz selbstverständlich von Gott gesprochen. Ja die allermeisten Gelehrten sind sicher, ohne Gott könne die Welt gar nicht erklärt werden, d.h. nicht wissenschaftlich erklärt werden. Selbst die Freidenker und Aufklärer getrauen sich noch nicht, Gottes Existenz einfach zu leugnen. Sie schieben Ihn zwar so weit wie irgend möglich an den Rand ihrer Welt, was sie dann Deismus nennen, aber eine Welt ganz ohne Gott, nein! Das wäre doch zu ungeheuerlich, zu gewagt, zu wahnsinnig! Wie ist es nun eigentlich soweit gekommen, daß die Mehrheit heute gerade dies für selbstverständlich hält? Nun, man hat die Wirklichkeit systematisch entmythologisiert…

Ein Christbaum …

Ein protestantischer Student saß in einer Vorlesung über Liturgie. Der protestantische Professor wollte den jungen Leuten begreiflich machen, warum der protestantische Gottesdienst gar so armselig geworden war. So hat er es natürlich nicht gesagt, weil er als Protestant überzeugt war, diese Form des Gottesdienstes entspräche derjenigen der Urkirche und damit dem Willen Christi. Demgegenüber sei der katholische Gottesdienst ein barocker Überschwang mit vielerlei unnötigen und überflüssigen Zutaten. Um das Ganze in ein leicht faßbares Bild zu kleiden, sagte er: Der katholische Gottesdienst gleiche einem Christbaum. Die Protestanten haben nichts anderes getan, als die künstlichen Verzierungen wie Kugeln und Lametta zu entfernen, um den wahren Baum wieder zum Vorschein zu bringen. Da kam von einem Studenten die Frage: Was ist aber, Herr Professor, wenn der katholische Gottesdienst der Baum war? Der Professor überging diese Frage geflissentlich mit Schweigen.

Ja, was ist nun wirklich, wenn der wahre Gottesdienst der katholische ist? Welcher Art ist dann der protestantische? Um im Bild des Herrn Professors zu bleiben: Es ist der Baum ohne Nadeln, der Baum als bloßes Gerippe, als dürres, elendes Skelett! Das ist der entmythologisierte „katholische Gottesdienst“ der Protestanten. Er ist kein Geheimnis des Glaubens mehr, keine geheimnisvolle Erneuerung des Kreuzesopfers Jesu Christi, in ihm gibt es keine Wesensverwandlung, keine Kommunion des Leibes und Blutes Christi, er ist nur eine Theaterveranstaltung, eine Erinnerungsfeier. In den protestantischen Kirchen brennt deswegen ganz zurecht kein Ewiges Licht mehr, ist doch die Gegenwart Jesu Christi erloschen – wie übrigens auch in der sog. Neuen Messe Montinis. Diese Entmythologisierung des Geheimnisses der Wirklichkeit ist jedoch nicht beim Gottesdienst stehengeblieben, sie wurde auf die ganze Wirklichkeit ausgeweitet.

Die entmythologisierte Wirklichkeit

Was ist die Wirklichkeit ohne Gott? Ohne Geist? Das ist die moderne, entmythologisierte Wirklichkeit, gleichsam ein seinsmäßiges Skelett. In diesem seinsmäßigen Skelett lebt der moderne Mensch und arbeitet der moderne Wissenschaftler. Diese von Gott befreite, entmythologisierte Wirklichkeit ist die wissenschaftliche Voraussetzung seiner Arbeit, sie ist das grundlegende Dogma der Moderne. Die moderne Wissenschaft beansprucht, die Welt ohne Gott erklären zu können. Das ist eine Tatsache, die von den modernistischen Theologen (ob progressiv oder konservativ) geflissentlich übersehen wird. Bei der Vorstellung seines neuen Buches vom „Großen Entwurf“, das Stephen Hawking zusammen mit Leonard David Mlodinow herausgab, gesteht der inzwischen verstorbene Hawking in einem Interview mit der BBC: „Geplant haben wir diese Debatte sicher nicht. Gott wäre nicht nötig gewesen in meinem Buch, aber es hätte nicht so viel öffentliche Aufmerksamkeit erregt, wenn ich nicht wieder auf ihn eingedroschen hätte.“ Man kann somit noch etwas präzisieren: Die moderne Wissenschaft ist nicht einfach nur Wissenschaft ohne Gott, sondern gegen Gott. Und das sicher nicht nur als werbewirksamer Gag.

Ein wissenschaftlicher Pantheismus …

Was geschieht jedoch, wenn die Wissenschaft Gott aus der Forschung ausschließt? Sie muß notwendigerweise einen Ersatz für Gott schaffen. Denn alles geschöpfliche Sein trägt das „ab alio esse – von einem anderen sein“ als Siegel an sich. Alles geschöpflich Seiende ist nämlich ganz und gar, durch und durch von einem anderen, es ist allein von Gott her und nur als ein solches, von einem anderen Geschaffenes, zu verstehen und richtig zu erklären.

Wird nun die Wirklichkeit von Gott befreit oder „entmythologisiert“, also Gott aus der wissenschaftlichen Forschung systematisch ausgeschlossen, dann entsteht für die wichtigsten Existenzfragen ein Erklärungsnotstand. Deswegen entwirft der atheistische Wissenschaftler trotz allem Bemühen gar kein rein atheistisches System, also ein System, in dem Gott nicht mehr vorkommt, sondern meist eine Art von Pantheismus. Gott wird sozusagen durch die Hintertüre unerkannt wieder in die Welterklärung eingeführt, stillschweigend integriert, aber so, daß nunmehr Gott und Welt eins sind. D.h. die Welt ist Gott und Gott ist die Welt. Dieser Pantheismus wird jedoch in keiner Weise mehr thematisiert, sondern wissentlich und willentlich übersehen, bzw. vertuscht.

… oder der „Ersatzgott“ Evolution

Es ist jedenfalls eine Tatsache: Jedes atheistische System muß letztlich bei seiner Welterklärung irgendeinen „Ersatzgott“ einbauen, der das leistet, was Gott in der Schöpfung allein zukommt, sonst kann es nämlich die Wirklichkeit nicht erklären. Aber natürlich wird dieser „Ersatzgott“ aufgrund der atheistischen Voraussetzung umbenannt und sachlich möglichst unkenntlich gemacht. Nehmen wir etwa den Evolutionismus. Im System des Evolutionismus ist es zuweilen kaum mehr zu fassen, was nach den Wissenschaftlern die Evolution alles leisten, d.h. machen, oder genauer müßte man sagen: schaffen können soll. Sobald man nur ein klein wenig nüchtern darüber nachdächte, müßte man sofort zweifelnd zurückfragen, woher denn die Evolution das alles kann – daß sie etwa neue Organe entwickelt, weil das Tier beschlossen hat, vom Wasser ans Land zu gehen. Die Evolutionstheoretiker verraten sich zuweilen dadurch, daß sie die Evolution auch rein sprachlich verpersönlichen, also sie zu einem jemand machen. „Da hat sich die Evolution etwas ausgedacht“, lautete z.B. so eine Formulierung. Da wird der „Ersatzgott“ direkt greifbar, wenn man ihn nur sehen will.

Das Ende der theoretischen Physik?

Als Stephen Hawking 1980 nach Cambridge auf den berühmten Lukasischen Lehrstuhl für Mathematik berufen wurde, den einst Sir Isaac Newton innehatte, stellte er in seiner Antrittsrede die Frage: „Ist das Ende der theoretischen Physik in Sicht?“ Er selbst glaubte nämlich, mit der vereinheitlichten Theorie der Quantengravitation alle physikalischen Phänomene beschreiben zu können – und versprach deswegen, bis Ende des 20. Jahrhunderts würde die Weltformel, mit der man restlos alles erklären könne, zur Verfügung stehen. Damit wäre auch das Ende der theoretischen Physik gekommen, denn fortan gäbe es nichts Neues mehr zu sagen – und Gott endgültig für die Welterklärung als überflüssig erwiesen. In einem späteren Interview mit der Zeitschrift FOCUS mußte er sein voreiliges Versprechen freilich wieder revidieren: „Ich glaube immer noch, dass wir es bis zum Ende des Jahrhunderts schaffen, diesmal aber zum Ende des 21. Jahrhunderts.“ So einfach ist das in der modernen Physik, was bedeutet da schon ein Jahrhundert?!

Das sog. Higgs-Teilchen

Damit es nicht mehr gar so lange dauern sollte, bis die alles erklärende Weltformel zusammengebastelt werden konnte, gingen die Wissenschaftler in erster Linie auf die Jagd nach dem sog. Higgs-Teilchen. Im Rahmen der modernen physikalischen Theorien war es immer noch ein Rätsel, wie die Materie zu einer Masse kam. Nach vielem Nachdenken schlug Peter Higgs 1964 ein neues Teilchen und einen Mechanismus vor, wie das von ihm entdeckte Teilchen anderen Teilchen Masse verleihen könnte. In den Medien wurde dafür der Begriff „Gottesteilchen“ geprägt.

Der Begriff stammte vom Physiker Leon Max Lederman. Dieser hatte in seinem Buch das Teilchen ursprünglich eher etwas launisch als „goddamn particle“ – als „gottverdammtes Teilchen“ bezeichnet und wollte damit nur das Teilchen und „seine schurkische Natur und den Aufwand, den es verursacht“ beschreiben. Dem Verleger war diese Bezeichnung noch zu wenig prägnant oder auch nicht provokativ genug, und daher verkürzte er den Begriff einfach auf „god particle“ – „Gottesteilchen“. Diese Anspielung war sicherlich genauso wie bei Hawking mehr als nur ein Werbegag.

Es ist auch interessant, daß Lederman noch einen zweiten Grund für die Wahl des Begriffs „Gottesteilchen“ angibt. Er zieht in seiner Erklärung einen Vergleich zur Geschichte der babylonischen Sprachverwirrung, die in der Heiligen Schrift (Genesis 11, 1-9) berichtet wird. Lederman meint nun, die Materie im Universum habe ein ähnliches Schicksal erfahren, wie die Menschen, die in dieser Geschichte ihre gemeinsame Sprache verloren. Hätte er ein wenig weiter gelesen und etwas tiefer nachgedacht, so wäre ihm wohl aufgefallen, daß der Grund für die babylonische Sprachverwirrung die Selbstüberhebung der Menschen war, die sich mit ihrem Turmbau bis zu Gott erheben wollten. Womöglich ist die wissenschaftliche Sprachverwirrung tatsächlich ganz einfach eine Strafe Gottes für den Hochmut der Wissenschaftler?

Es dauerte bis zum 4. Juli 2012, da konnten die Wissenschaftler des zig Milliarden an Steuergeldern verschlingenden Cern-Forschungszentrums in Genf endlich im Beisein von Francois Englert und Peter Higgs verkünden, daß ihnen die Entdeckung des gesuchten Teilchens mit hoher Wahrscheinlichkeit geglückt sei. Wir wollen hier nicht auf das wissenschaftliche Ritual eingehen, wie aus einer hohen Wahrscheinlichkeit eine Sicherheit wird. Die Schwierigkeit ist jedenfalls enorm, sobald man bedenkt, die Forscher müssen, um des Teilchens habhaft zu werden, ganz präzise messen, mit welcher Rate das Boson in andere Partikel zerfällt und die Ergebnisse mit den Vorhersagen vergleichen. Erschwerend kommt hinzu, daß das Higgs-Boson bei den Teilchenzusammenstößen in der 27 Kilometer langen Beschleunigerröhre des Genfer Teilchenbeschleunigers nur äußerst selten auftritt. Man stelle sich einmal vor: Die Forscher müssen im Durchschnitt rund eine Billion Mal Protonen zusammenstoßen lassen, um ein einziges Higgs-Boson beobachten zu können! Man kann sich durchaus leicht vorstellen, was dabei alles passieren kann. Jedenfalls sind noch viele weitere Versuche notwendig, um alle möglichen Zerfallsarten des Teilchens zu erfassen.

Wenn die hausgroßen Detektoren Bruchstücke aufgefangen haben, die auf das Higgs-Teilchen hindeuten könnten, so bleibt immer noch die Arbeit, die von den Detektoren gelieferte Datenflut zu bewältigen. Diese liefern nämlich pro Tag rund 40.000 Gigabyte an Daten – so viel, wie auf rund 8.000 DVDs passt! Bei einer solchen Menge an Daten drängt sich einem freilich die Frage auf, was ist da schließlich noch Meßergebnis und was Interpretation?

Für ihre theoretischen Vorarbeiten zu dieser Entdeckung erhielten Peter Higgs und Francois Englert den Physik-Nobelpreis 2013. Doch brauchen die Wissenschaftler trotz dieser Jahrhundertentdeckung, wie man es nannte, keinerlei Angst haben, daß man ihre Milliarden verschlingende Forschungsmaschine nun stilllegen könnte. Wie nämlich Englert sofort betonte, sei die Physik nach der Entdeckung des Higgs-Teilchens durchaus nicht an ihrem Ende angelangt: „Es gibt noch mehrere große Fragen zu klären.“ Zu diesen großen Fragen der modernen Physik gehört es etwa zu entschlüsseln, was eigentlich die Natur der Dunklen Materie und der Dunklen Energie ist. Das könnte wirklich interessant werden, gibt es doch Verschwörungstheoretiker – und nicht nur diese –, die Angst haben, die ganze CERN-Anlage könnte in ein schwarzes Loch fallen, das es vorher selbst erzeugt hat. Dann wären sie einfach weg, die Milliarden Forschungsgelder mit all den vielen Wissenschaftlern. Jedenfalls mahnt der Physiker Stephen Hawking bei der weiteren Erforschung des lange gesuchten Teilchens zur Zurückhaltung, denn im schlimmsten Falle drohe der Untergang des gesamten Universums. Auf einem sehr hohen Energieniveau könnte nämlich das Higgs-Teilchen einen plötzlichen Kollaps von Raum und Zeit verursachen. Dabei würde die Katastrophe ohne erkennbare Vorzeichen hereinbrechen. Hawking gab aber auch gleich wieder Entwarnung, denn ein Teilchenbeschleuniger, der solch hohe Energie erzeugen kann, müsste größer als die Erde sein.

Eine zweite babylonische Verwirrung

Aber kommen wir zurück zur Entmythologisierung der Wirklichkeit. Nachdem die Wissenschaftler Gott aus ihrem System verbannt haben, mit anderen Worten die ihnen zugängliche Wirklichkeit entmythologisiert haben, verfallen sie tatsächlich zur Strafe in eine babylonische Sprachverwirrung. Zuweilen möchte man beim Lesen entsprechender Artikel zum Thema Teilchenphysik oder auch Weltraumforschung den Autor gerne fragen: Sind Sie mal ganz ehrlich, wissen Sie überhaupt noch genau und präzise, wovon sie reden? Weil nun einmal die konkrete Wirklichkeit ohne Gott nicht erklärt werden kann, müssen sich die atheistischen Wissenschaftler mit „Gottesteilchen“ zufriedengeben, die ihnen dabei helfen sollen, sich einbilden zu können, sie könnten nun die Welt ohne Gott erklären. Was für ein kümmerlicher Gottesersatz! Und was für eine kümmerliche Welt ergibt sich daraus! Diese Leute wissen tatsächlich nicht mehr, was die Wörter bedeuten, welche genauen Inhalte die verschiedenen Begriffe haben und was eigentlich ein konkretes Seiendes zu dem macht, was es ist. Ganz sicher nicht ein „Gottesteilchen“! In dem Interview der Tagesschau mit Ranga Yogeshwar zur möglichen Entdeckung des lange vorhergesagten Higgs-Bosons oder „Gottesteilchens“ am 05.07.2012 sagte dieser abschließend, auf den Begriff „Gottesteilchen“ möchte er lieber verzichten. Wäre das nun ehrlicher oder nicht?

Hierzu sei noch ein philosophischer Gedanke eingeflochten: Für einen Philosophen ist es doch recht befremdlich, sehen zu müssen, wie die modernen Wissenschaftler meinen, zutiefst metaphysische Fragen physikalisch lösen zu können. Diese Verwechslung der beiden Wissenschaften ist auch der eigentliche Grund für die neue babylonische Sprachverwirrung. Einem Philosophen erscheint jedenfalls allein schon die Tatsache reichlich komisch, wie ein vernünftiger Mensch auf die Idee kommen kann, durch Zertrümmerung von Elementarteilchen dem Bauplan der Welt auf die Spur zu kommen. Diese Idee allein zeigt zur Genüge, welch geistig verheerende Auswirkung eine falsche Philosophie haben kann. Denn ohne daß die hochdotierten Wissenschaftler sich auch nur die geringste Rechenschaft ablegen, überschreiten sie ihre, durch ihre eigenen Vorgaben eingeschränkten, eigenen Wissensmöglichkeiten himmelweit. Sie betreiben großteils Philosophie (eine dilettantische obendrein), bilden sich jedoch dabei ein, es sei höchste Physik.

Ab und zu stößt diese Tatsache einem Physiker noch auf, weshalb er sich genötigt fühlt anzumerken, man müsse erst einmal grundsätzliche erkenntnistheoretische Fragen klären, ehe man an diese höchst anspruchsvolle Arbeit einer allumfassenden Welterklärung gehen könne. Da aber erkenntnistheoretische Fragen allein philosophisch zu beantworten sind, also nur außerhalb des Fachbereiches der Physik sinnvoll erörtert werden können, und diese zudem sich recht schwierig und aufwendig gestalten, lassen es die allermeisten wieder bleiben – und sind hocherfreut über die Entdeckung ihrer „Gottesteilchen“, die für sie ein weiterer Beweis sind, daß sie Gott für die Erklärung der Welt nicht brauchen. Mit anderen Worten: Es ist gelungen, die zugleich kindlich-einfache und äußerst anspruchsvolle Legende der biblischen Schöpfungsgeschichte durch den Mythos der „Gottesteilchen“ zu ersetzen. Wie sollen da die Menschen jemals wieder verstehen können, wie wunderbar schön unsere Welt ist und wie tragisch ernst unsere Erlösungsgeschichte?

Entmythologisierung der Gesellschaft und der Kirche

Hand in Hand mit der Entmythologisierung der Naturwissenschaften ging die Entmythologisierung der Gesellschaft und der Kirche. Auch hier war es schon das erklärte Ziel der Freigeister und Aufklärer gewesen, Gott möglichst an den Rand zu drängen, damit sie tun und lassen konnten, was sie wollten, nämlich ungezügelt ihren Leidenschaften frönen. Nach ihrer Meinung gehört Gott in die Sakristeien eingesperrt, denn Gott ist Privatsache. Staat und Kirche müssen getrennt werden, denn die Gottesfrage muß jeder mit sich selbst ausmachen, damit hat der Staat nichts zu tun und darum hat er auch nicht in die Religion dreinzureden. Der Staat hat sich neutral zu verhalten.

Das war freilich nur so dahingesagt, denn die ideologische Elite wußte natürlich, daß diese Neutralität nur ein Zwischenstadium sein kann. Wenn es nämlich um den Gott der Offenbarung geht, gibt es keine Neutralität, wie auch unser göttlicher Lehrmeister betont: „Eure Rede soll sein: Ja, ja – nein, nein. Was darüber hinausgeht, ist vom Bösen“ (Mt 5, 37). Ein neutraler Staat wird letztlich zu einem gottlosen Staat werden, der notwendigerweise zu einem antichristlichen Staat entarten wird, wie man es heute überall beobachten kann. Der Gott der Offenbarung, der menschgewordene Sohn Gottes fordert nämlich keine Neutralität, sondern das Bekenntnis: „Wer immer sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen. Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, den werde auch ich vor meinem Vater im Himmel verleugnen“ (Mt 10, 32f). Das gilt natürlich nicht nur im Privaten, das gilt selbstverständlich auch für den Wissenschaftler in seiner Wissenschaft und den Politiker in seiner Politik. Ein Wissenschaftler kann keine gottlose Wissenschaft betreiben und sich hernach wundern, wenn er und immer mehr andere Menschen den Glauben verlieren.

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