Weihnachtslegenden

Ist Weihnachten inzwischen nicht ein verlorenes Fest geworden, ein ganz und gar verlorenes Fest? Die große Mehrheit der Europäer verbindet mit Weihnachten nur noch den Gedanken an Geschenke, Geschenke, die dem Handel einen beträchtlichen Teil des Jahresumsatzes sichern. Wenn mit den Geschenken gedanklich noch irgendetwas Darüberhinausgehendes verbunden wird, so höchstens noch der Weihnachtsmann, durch den „dank“ dem Getränkeriesen „Coca-Cola“ der hl. Nikolaus weltweit ersetzt wurde. Damit ist der letzte sinnvolle Zugang zum Weihnachtsfest mittels Brauchtum auch noch erfolgreich verbaut. Der antichristliche Plan ist aufgegangen, Millionen von Menschen feiern Weihnachten, ohne auch nur irgendwie an Gott und das Geheimnis der Heiligen Nacht zu denken.

Weihnachten ist ein gespenstisches Fest geworden. So viel Aufwand, so viele Geschenke, so viel Weihnachtszauber für nichts – nur um dem Mammon zu dienen, denn am wichtigsten am Weihnachtsfest ist schließlich, daß der Rubel rollt. Selbst einem gläubigen Katholiken fällt es angesichts dieser gespenstischen Situation schwer, Weihnachten zu feiern. Wie kann man das Geheimnis von Weihnachten zurückerobern? Wie kann man in diese gespenstische Leere, die von einem Berg von Kitsch und Plunder zugedeckt werden soll, wieder Sinn bringen?

Die Weihnachtsgeschichte

Nun, Weihnachten – das ist eine Geschichte. Ja noch mehr, Weihnachten, das ist die Geschichte schlechthin. Es wird wohl kaum ein Ereignis der Weltgeschichte geben, um das sich so viele Geschichten ranken wie um das Geschehen in der Heiligen Nacht. Weihnachten ist ein Thema, das schon so oft wieder ganz neu zur Geschichte wurde, weil der Geist der hl. Weihnacht niemals vergeht, weil er Jahr für Jahr wieder ganz lebendig wird und immer ganz neu ist, wie in der ersten Heiligen Nacht.

Das hängt natürlich hauptsächlich mit dem Wunder zusammen, das in der Heiligen Nacht geschehen ist. Nicht umsonst sagt man, daß in dieser Nacht die Natur in einer ganz ungewöhnlichen Weise lebendig wird. Die Tiere beginnen zu sprechen, die Bäche fließen viel leiser als sonst, der Wind singt ganz wundersame Lieder, die Berge und Wälder leuchten geheimnisvoll in dieser Nacht, die Sterne funkeln viel heller und der Mond gibt noch viel freudiger seinen Schein.

Weihnachten, das ist durchaus nicht einfach irgendeine Geschichte, Weihnachten ist die Geschichte, welche die ganze Welt verändert hat. Auf eine so außerordentliche und göttliche Weise verändert hat, daß man aus dem Staunen nicht mehr herauskommt.

Um jedoch das Geheimnis der Heiligen Nacht begreifen zu können, muß man letztlich wie ein Kind sein. Das sagen auch viele Weihnachtsgeschichten. Das Weihnachtsgeheimnis fordert den Glauben eines Kindes. Nicht umsonst sagt der göttliche Herr: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, dann könnt ihr nicht ins Himmelreich eingehen.“ Gehören in der eigenen Erinnerung zum Weihnachtsfest nicht leuchtende Kinderaugen, weshalb man selbst an Weihnachten manchmal wieder wie ein Kind sein möchte – mit leuchtenden Augen und einem unbändigen Glück im Herzen?

Soll man Weihnachten kurz beschreiben, so muß man wohl sagen, Weihnachten ist Maria und Josef und ein Kind, das in einer Krippe liegt; Weihnachten, das ist ein Stall und ein Ochs und ein Esel darin; Weihnachten, das ist eine ganze Heerschar von Engeln, die auf den Fluren von Bethlehem das erste „Gloria“ singen; Weihnachten, das sind Hirten auf dem Feld, die sich auf dem Weg machen, den neugeborenen Messias zu suchen und zu finden und anzubeten. All das ist Weihnachten und noch viel mehr. Es ist schon so, alles wird zur Geschichte in der Heiligen Nacht. Alles wird vom Hauch des Wunders berührt, alles, was sich berühren lassen will – und jeder, der sich berühren lassen will, wird in dieser Wundernacht verwandelt.

Wenn ein Ereignis so viele Geschichten hervorbringt, dann muß es sicherlich etwas ganz Großes, etwas äußerst Bedeutendes und Außergewöhnliches sein. Dieses Große und Bedeutende nimmt man jedoch nicht mit den natürlichen Sinnen wahr. Darum hat es damals auf den Fluren Bethlehems auch keinen Massenauflauf gegeben. Ganz im Gegenteil, die allermeisten Menschen haben damals das Wunder der Heiligen Nacht einfach verschlafen. Wie furchtbar ist dieser Gedanke: Man hätte damals in Bethlehem gelebt und die Heilige Nacht verschlafen! Der Stall war nur ein paar hundert Meter entfernt und man ist nicht hingegangen, man hat sich gar nicht darum gekümmert, was dort in dieser hochheiligen Nacht geschehen ist. Auch heute ist es wieder so, die allermeisten Menschen verschlafen das Wunder dieser Nacht. Es hat sicherlich schon weihnachtlichere Zeiten gegeben als unsere. Es hat Zeiten gegeben, als viele Menschen auf den Herrn warteten und gemeinsam mit den Hirten Nachtwache hielten und sich voller Glauben und voller Freude aufmachten, zum Stall zogen, um vor dem Kind niederzuknien und Ihm das Herz schenkten, wie man nur Gott das Herz schenken kann und darf.

Ein Fest für die Einfältigen

Es ist eine gewisse Tragik, das wahre Große wirkt oft nach außen hin – also für den oberflächlichen Betrachter, und das sind heute die meisten – ganz klein. Darum ist es so leicht zu übersehen, ganz besonders in der Hektik des Alltags. Da der moderne Mensch ein nur allzu oberflächlicher Betrachter ist, entschwand ihm das verborgene Große aus dem Blickfeld – und er tat es ab als Mythos. Am Anfang stand die Nüchternheit – aber nur dem Glauben gegenüber, in anderen Bereichen kann der moderne Mensch erschreckend irrational sein – der angeblich nüchterne Rationalismus des Modernisten. Es sollte nichts Wunderbares mehr geben, es sollte alles nur noch menschlich sein, so menschlich, daß es selbst der Dümmste versteht. Nun ist aber unser Gott kein Gott der Dummköpfe, sondern ein Gott der Einfältigen. Der Einfältige aber weiß, daß unsere Wirklichkeit ein Geheimnis in sich birgt und daß man dieses Geheimnis nur im Glauben fassen kann. Darum sind den Einfältigen die Legenden Wahrheit, während sie dem Dummen als Lüge erscheinen.

Die Modernisten meinten, alles an unserer hl. Religion „entmythologisieren“ zu müssen – zunächst die Heilige Schrift, sodann den Gottesdienst und schließlich den ganzen Glauben – und sie wunderten sich sodann zuweilen darüber, daß zum Schluß vom Übernatürlichen nichts mehr übrig blieb. Dabei hätte jeder Katholik beim Schlagwort „Entmythologisierung“ sofort in höchste Alarmbereitschaft versetzt werden müssen, denn mit diesem Wort ist schließlich gesagt, direkt behauptet, uns Katholiken unterstellt, wir seien Jahrhunderte lang fadenscheinigen Mythen aufgesessen. Wie ungeheuerlich diese Behauptung ist, erkennt man erst dann, wenn man sich darüber Klarheit verschafft hat, was ein Mythos eigentlich genau ist. Wir wollen uns anhand des Aufsatzes von Hilaire Belloc „Von Legenden und Mythen“ ein klares Urteil über diese Sache verschaffen.

Mythos und Legende

Zunächst stellt Belloc fest: „Unsere Zeit bedarf dringend eines erneuten Verständnisses für das, was eine Legende ist, für die in ihr beschlossenen heiligen Werte und ihren geistigen Nährwert; unsere Zeit hat die Legende so sehr vernachlässigt, daß sie aus unserem Leben fast ganz verschwunden ist. Unsere Vorfahren zehrten von den Legenden, und Legenden erfüllten das ganze Abendland mit schönster, dauernder und fruchtbringender Literatur. An die Stelle der Legende ist in unseren Tagen das getreten, was ich den Mythos nennen will, das heißt Unwahrheit, ausgegeben und hingenommen als geschichtliche Wahrheit; ich will den wesentlichen Gegensatz zwischen Legende und Mythe später erläutern“ (Alle Texte genommen aus: Hilaire Belloc, Gespräch mit einem Engel, Verlag Herold – Wien, München 1954, S. 98ff).

Der Verlust der Legende in einer Kultur ist wesentlich, denn er verändert die geistige Grundhaltung des Menschen. So seltsam das für uns moderne Menschen klingt, nur die Legende ist ganz wahr, weil in ihr die Wahrheit nicht einfach nur als Faktum, als bloße Tatsache eines geschichtlichen Ereignisses berichtet wird, sondern zugleich die in ihr beschlossenen heiligen Werte und ihr geistiger Nährwert. Nach Belloc läßt sich die Legende in folgender Weise definieren: „Legende ist eine Erzählung über eine wirkliche Person, über wirkliche Tugenden, über wirkliche geistige Erlebnisse und ist so geartet, daß sie den Hörer erleuchtet und ihm Befriedigung gewährt, während sie zugleich den Gegenstand, den sie behandelt, vertieft und in seinem Gehalte bereichert.“

„Demnach kann eine Legende durchaus der Wahrheit entsprechen, obgleich sie wunderbare Episoden enthält und in dichterische Form gekleidet ist; sie mag auch eine Menge Einzelheiten aufweisen, die auf historische Genauigkeit oder Richtigkeit gar keinen Anspruch erheben, sondern reine Dichtung sind; Dichtung allerdings, die sich — und darauf kommt es an — auf eine Wirklichkeit von bleibendem Werte bezieht, diese verklärt und dem Geiste einprägt. Es gehört geradezu zum Wesen der Legende, daß die Frage nach ihrer historischen Richtigkeit überhaupt nicht aufzuwerfen ist. Sie will ja gar nicht als ein historischer Bericht angesehen werden, sondern als ein Beispiel, oder oft sogar nur als ein Bild, das durch seine geistige Wahrheit und Schönheit allein wirkt. Wenn wir Legenden lesen, so ist es nicht unsere Absicht, historische Begebenheiten zu erfahren, sondern wir wollen eine Erzählung hören, sie genießen und aus ihr lernen; und wenn ihr sittlicher Gehalt gesund ist und ihre Wirkung die ist, daß wir zum Wahren, Guten und Schönen geführt werden, so ist dies alles, was wir von einer Legende erwarten und verlangen. Immer haben die Menschen von derartigen Erzählungen gezehrt; und wenn eine falsche Philosophie sie in Acht und Bann erklärt und verkümmern läßt, so wird die Menschheit ausgehungert.“

Natürlich kann man etwa ein Heiligenleben anhand einiger nüchterner Daten beschreiben, aber werden diese nüchternen Daten dem Leben eines Heiligen gerecht? Ganz sicher nicht! Erst eine gute Lebensbeschreibung – oder sogar noch besser eine Legende zeigen das wahre Gesicht des Heiligen. Denn die Legende faßt das Leben des Heiligen in „ein Bild, das durch seine geistige Wahrheit und Schönheit allein wirkt“. Gerade dadurch wird das Wesen der Heiligkeit begreifbar, das doch über allen rein natürlichen Erwägungen als Wirklichkeit der Gnade steht. Die Tugenden, die Worte, die Gebete, die Wunder des Heiligen wollen wir in einer solchen Erzählung hören, „sie genießen und aus ihr lernen; und wenn ihr sittlicher Gehalt gesund ist und ihre Wirkung die ist, daß wir zum Wahren, Guten und Schönen geführt werden, so ist dies alles, was wir von einer Legende erwarten und verlangen“. Sobald der Mensch die Legende durch eine falsche Philosophie in Acht und Bann legt und sie verkümmern läßt, wird die Menschheit ausgehungert. Den genügenden Beweis dafür liefert die heutige Zeit.

Das Desinteresse an der sittlichen Wahrheit

Was hat aber eigentlich den modernen Menschen dazu bewogen, die Legende in Acht und Bann zu legen? Was war geschehen, daß ihm der Wert dieser Meisterwerke nicht mehr verständlich war? Welche philosophische Verirrung gab dazu den Anstoß? Hilaire Belloc ist von folgendem überzeugt: „Der Grund, warum die Legende aus der Mode kam, warum sie verschrien, lächerlich gemacht und fast vergessen wurde, ist der, daß es den Menschen zur Gewohnheit geworden ist, alles genau zahlenmäßig feststellen und abmessen zu wollen und verächtlich bei Seite zu schieben, was immer sich solchen Messungen entzieht. Das war und das ist die große Krankheit unseres Zeitalters, die den Erfolgen entsprang, die diese Methode auf den Gebieten der Naturwissenschaften zu verzeichnen hat.“

Durch die naturwissenschaftlichen Erfolge getäuscht, bildete sich der moderne Mensch immer mehr ein, alle Wissenschaft beruhe auf exakten Messungen und zahlenmäßigem Erfassen eines Sachverhalts. Die Mathematisierung der Physik und die damit möglichen Erfolge waren einfach zu verlockend. Ganz ungewollt, oder auch nicht, wurden damit die Geisteswissenschaften entthront und dem Maß der exakten Wissenschaften unterworfen und untergeordnet. So konnten sich immer absurdere Theorien durchsetzen und allgemeine Anerkennung finden.

Belloc ist überzeugt: „Menschen, die einmal dieser mechanistischen Geisteshaltung verfallen sind, haben nichts mehr übrig für ein Stückchen Dichtung oder ein Stückchen bildhafter Wahrheit, das uns aus Zeiten und von Geschlechtern überkommen war, denen es nicht um historische Nachweise, sondern um sittliche Wahrheit und um Schönheit zu tun war. Wenn moderne Menschen von St. Georg und dem Drachen hören, so fragen sie gleich, wann und wo dieser Kampf stattgefunden habe; und ob das Bild des Drachen irgend eine Beziehung zu einem bekannten, wirklich existierenden Tiere besitze. Wenn man ihnen dann erklärt, daß weder über den Ort etwas bekannt sei, noch auch über den Drachen, und daß es sich um eine Erzählung handle, die bildhaft zu verstehen sei und eine sittliche Wahrheit ausdrücke, so interessiert sie die ganze Sache nicht weiter.“

Der hl. Georg und „sein“ Drache

Jedem Katholiken ist der heilige Georg ans Herz gewachsen – mit oder ohne Drachen, so möchte man fast sagen. Wobei der Drache auf keiner Abbildung fehlen darf und wird. Da aber der hl. Georg schon um das Jahr 305 den Martertod starb – wobei er den Namen „der große Märtyrer“, Megalomartyr, erhielt, denn je grausamere Foltern der Kaiser anwandte, desto getroster wurde Georg, so daß er tausend Tode nacheinander litt und schließlich mit dem Schwert getötet wurde –, ist von seinem Leben nicht sehr viel geschichtlich nachweisbar bezeugt. Weil er aber durch viele Wunder sich als heiliger Helfer bewährte und er sogar zu den 14 Nothelfern gezählt wird, hat sich ein Kranz von Legenden um sein Leben gewoben. Die Bekannteste ist sicherlich die mit dem Drachen:

Besondere Berühmtheit erlangte die Geschichte vom Kampf des Heiligen Georg mit einem Drachen, der in einem See bei der Stadt Beirut hauste und die Stadt mit seinem Gifthauch verpestete. Die Einwohner mussten ihm ihre Söhne und Töchter, also Menschen opfern, um seinen Grimm zu stillen. Eines Tages traf das Los die Königstochter, die nach herzzerreißendem Abschied von den Eltern an den See vor die Stadt ging. Da erschien ihr der hl. Georg, und als der Drache auftauchte, schwang er, mit dem Zeichen des Kreuzes, die Lanze und durchbohrte das Untier, das zu Boden stürzte. Er veranlaßte die Königstochter, den Drachen mit ihrem Gürtel in die Stadt zu ziehen, wo alle die Flucht ergreifen wollten. Doch der Hl. Georg sprach zu ihnen, daß er von Christus selbst gesandt wurde, den Drachen zu töten, weswegen sich nun die Leute zu Christus bekehren sollten. Und tatsächlich ließen sich daraufhin der König der Stadt und all sein Volk taufen.
(http://www.parohia-ravensburg.ro/de/der-hl-georg/)

Eine wahrlich wunderbare Erzählung, die einem so viel Licht und Kraft und Trost spenden kann wie nur wenige. Der hl. Georg als echter Ritter ohne Furcht und Tadel, der die Königstochter nicht nur vor dem Drachen rettet, sondern diesen auch noch mit dem Zeichen des Kreuzes nach einem heftigen Kampf tötet. Der Sieg über den Drachen befreit die Stadt nicht nur von Furcht und Schrecken, er schenkt dem König und allen Untertanen auch den christlichen Glauben. Wie könnte die Legende dies wahrer erzählen? Der moderne Mensch wird jedoch damit nicht zufrieden sein, sondern penetrant nachfragen, wo ist denn der genaue Ort dieses Kampfes und was war das denn für ein Drache? Wo gibt es denn noch solche Tiere und wie soll man das glauben?

Die Verkennung des Wesens der Legende und die daraus folgenden Konsequenzen

Erschüttert stellt Belloc fest: „Das Denken der Menschen kann sich so verirren und zu einer so tiefen Stufe herabsinken, daß sie nicht mehr imstande sind, das Wesen einer Erzählung zu erfassen. Der Umstand, daß in den Legenden so vieles nicht historisch genau und richtig ist, veranlaßt sie, eine Legende schlechthin als eine Unwahrheit anzusehen. Diese Verkennung des Wesens der Legende hat aber zu einer ungleich größeren Unwahrheit geführt, als es Legenden je getan haben.“ Wer den hl. Georg nicht mehr gegen einen Drachen kämpfen lassen kann, ohne sofort eine Vielzahl von rationalistischen Einwänden zu formulieren, der wird wohl kaum noch fähig sein, gegen den höllischen Drachen anzukämpfen, der heutzutage unter einer Vielzahl von Verkleidungen die Menschheit verführt.

Die Zurückweisung der Legende hat weitreichende Folgen für die geistige Entwicklung einer Kultur, wie Belloc betont: „Die Legende hat sich für die Vernachlässigung, die sie erfahren hat, furchtbar gerächt. Mangels Legenden haben sich die Menschen den Mythen zugewendet und sind ihnen zum Opfer gefallen. Die Mythen aber sind dogmatische Behauptungen einer Unwahrheit. Jene Generation, die von der Geschichte des wunderbaren Vögleins nichts mehr hören wollte, bei dessen Gesang ein Jahrhundert wie eine Stunde dahinschwindet, hat begonnen, die Unsterblichkeit der Seele und die ewige Seligkeit zu leugnen. Das ist es, was geschehen muß, wenn die Menschen keine Legenden mehr haben. Wir sollten alle inständig für eine Rückkehr der Legende beten.“

Von der Legende zum Mythos

Wer die Legende zurückweist, der wird den Mythen verfallen, weil er die Wahrheit nicht mehr erkennen will. Das ist nämlich der eigentliche Grund der Zurückweisung der Legenden, die Leugnung der Wahrheit, bzw. die Leugnung, daß man Wahrheit überhaupt erkennen könne. Wer die von den Legenden erzählten und gelehrten Wahrheiten nicht mehr annehmen will, der wird einer Unwahrheit zum Opfer fallen, die er dann aber absurderweise als Dogma behaupten wird, also als unumstößliche Wahrheit. Wie viele Dogmen etwa behauptet der dogmenlose Liberalismus? Und wie fanatisch werden alle Liberalen, wenn es darum geht, die Wahrheit zu bekämpfen? Es ist wahr, die Legende hat sich furchtbar gerächt, indem sie die Menschen den Mythen überantwortet hat. „Wir sollten alle inständig für eine Rückkehr der Legende beten!“

Die Mythen sind die Feinde der Legende, weil sie die Feinde der Wahrheit sind. Belloc macht darauf aufmerksam, daß die Mythen überall lauern: „Es ist allerdings richtig, daß die Legende eine Neigung zeigt, zur Mythe zu werden, und wir müssen dagegen auf der Hut sein. Wir können darin eine Parallele erblicken zu den beschämenden Verirrungen, zu welchen die Andacht vor Heiligenbildern manchmal führt. Die in der wahren Religion tief gegründete, wunderbare Andacht vor heiligen Bildern kann durch abergläubische Entartung zu einem Götzendienst herabsinken. Wenn wir jedoch zwischen einer Verachtung der heiligen Bilder und den Ausartungen der Andacht vor ihnen zu wählen hätten, so wissen wir sehr genau, von welcher Seite die größere Gefahr droht und von welcher Seite schlimmere Folgen zu gewärtigen sind. Es ist sicherlich eine arge Verirrung, die Andacht vor einem Heiligenbild so zu übertreiben, wie es jener König von Frankreich tat, der das Muttergottesbild in Paris bestahl, um die Kostbarkeiten der Muttergottes in Tours zu geben. Den Bildnissen der Heiligen aber überhaupt keine Aufmerksamkeit zu schenken, zieht ungleich schlimmere Folgen nach sich. Genau das gleiche gilt von den Legenden.“

Der Mensch muß sein Leben lang ein Lernender bleiben, dann wird er die Legenden immer richtig zu lesen verstehen und entsprechend hochschätzen. Denn in den Legenden findet man nicht nur Wahrheit, sondern auch Weisheit. Man kann also sagen, die Fähigkeit eines richtigen Umgangs mit Legenden zeugt von einem gesunden Geist, so wie die rechte Verehrung der Heiligenbilder von einer echten, gesunden Frömmigkeit zeugt. Darum ist es immer noch besser, den Legenden irgendeine Aufmerksamkeit zu erweisen als den Mythen zu verfallen, denn letzteres „zieht ungleich schlimmere Folgen nach sich“. Wobei man hierzu ergänzen muß, daß die geschichtliche Zuverlässigkeit von Legenden meist viel größer ist, als der moderne Rationalismus und daraus folgend der Modernismus ihnen zugestehen möchte, unterwirft dieser doch alles Wunderbare vorneweg einem systematischen Zweifel, sodaß ihm jedes Wunder legendär erscheint und selbst die heiligen Evangelien zu Legenden werden.

Der Haß des Mythos auf die Legende

Wie weit hierin der Fanatismus der Gottesfeinde geht, zeigen etwa die verschiedenen Versuche, das Grabtuch von Turin unglaubwürdig zu machen. Wobei der Haß schließlich soweit ging, die Kapelle, in der die Reliquie ausgestellt wird, in Brand zu setzen, so daß wir es nur einem beherzten Feuerwehrmann zu verdanken haben, der unter Todesgefahr das Panzerglas zerschlug und die überaus kostbare Reliquie rettete, daß sie dennoch der Nachwelt erhalten blieb. Beim Muttergottesbild von Guadalupe war es der Himmel selbst, der das wunderbare Bild bei einem Bombenanschlag vollkommen unbeschädigt erhielt, obwohl die Bombe direkt auf dem Altar vor dem Bild explodierte und alle anderen Gegenstände beschädigte. Man könnte es so formulieren: Der Mythos ist vollkommen haßerfüllt gegen die Legende, wie der Irrtum gegenüber der Wahrheit.

Letztlich muß sich jeder Mensch entscheiden, wessen Geistes Kind er sein möchte, wie Belloc aus dem Gesagten schlußfolgert: „Wenn eine Legende zur Mythe wird, das heißt, wenn das, was an ihr zweifellos historisch unrichtig ist, als historische Wahrheit hingestellt und als solche praktisch in der Politik geltend gemacht wird, so ist dies zweifellos ein Übel. Ein ungleich ärgeres Übel jedoch ist zu gewärtigen, wenn das menschliche Denken sich so weit verirrt hat, daß eine Geschichte, die eine geistige Wahrheit erleuchtet und vermittelt, nur aus dem Grunde verworfen wird, weil sie vielleicht historisch nicht richtig ist. Legende reicht vom Märchen auf dem einen Flügel bis zur gut wiedergegebenen Anekdote auf dem anderen; zwischen diesen beiden Extremen liegt die ganze Masse der Legenden, die, einen größeren oder geringeren historischen Richtigkeitsgrad aufweisend, fast immer den gleichen hohen Grad eines geistigen und sittlichen Wahrheitsgehaltes enthalten.“

Der geistige und sittliche Wahrheitsgehalt der Legende

Der Legende geht es darum, den geistigen und sittlichen Wahrheitsgehalt anhand einer lebendigen Erzählung aufleuchten zu lassen, ist doch das Eigentliche, Wesentliche, das Lebensentscheidende unsichtbar. Die Legende wirkt dem Vergessen des Geistigen, ja Übernatürlichen, Göttlichen entgegen. Sie hilft uns, das geistige Auge zu schärfen und nicht ganz im Diesseitigen, Materiellen zu versinken. Dabei ist die historische Wahrheit zweitrangig. Belloc zeigt am Beispiel des hl. Ludwig von Frankreich, das ein Zeitgenosse des Königs, der ihn gut kannte, niedergeschrieben hat, wie eine geschichtliche Tatsache zu einer Legende werde könnte:

„Die Erzählung berichtet, wie der König mit den Seinen auf der Reise zu einem Kreuzzug in der Kabine eines Schiffes sitzend plötzlich fühlte, wie sich das Schiff unter einem heftigen Stoß zur Seite legte und zu kentern drohte. Er eilte an Deck und fragte den Kapitän, was dieser plötzliche gewaltige Windstoß zu bedeuten habe? Der Kapitän antwortete: ‚Dies war keiner der vier großen Himmelswinde, sondern nur der Stoß eines närrischen kleinen Windes, den wir hier in diesen Gewässern wohl kennen und den wir den kleinen Guerbin nennen.‘ Worauf der König in tiefem Erstaunen zu den Seinen sagte: ‚Sehet die Größe Gottes! Wenn Er den König von Frankreich und all sein königliches Blut in Gefahr bringen will, so schickt Er nicht seine großen Himmelswinde, sondern den armseligen, kleinen Guerbin, von dem nie jemand etwas gehört hat.‘
Mit Leichtigkeit hätte aus der Begebenheit eine Legende werden können. Ganz geringfügige Änderungen hätten genügt. Die Legende könnte etwa berichten, daß der König gerade über Gottes Größe zu den Seinen gesprochen hätte, als sich mitten in seiner Rede der Zwischenfall ereignete, und dies allen als eine wunderbare Bestätigung seiner Worte erschienen wäre. Eine solche Legende hätte die Erzählung leicht abgerundet und wäre doch in den wesentlichsten Ereignissen historisch richtig geblieben und völlig wahr in ihrem moralischen und theologischen Gehalt; und doch hätten die, die Legenden belächeln, die historische Wahrheit vergessen und die geistig sittliche Wahrheit nicht der Beachtung wert gefunden.“

Wer keine Legenden mehr verstehen kann, der verliert beides: Einen bedeutenden Zugang zur Geschichte und zum Reich der Wahrheit, ganz besonders der göttlichen Wahrheit. Es wäre darum von höchster Wichtigkeit gewesen, das Verständnis für Legenden wach zu halten und gegen den modernen Rationalismus zu verteidigen, der uns im Bereich der Religion als Modernismus begegnet. Weil dies nicht geschehen ist, haben die Mythen überhandgenommen und die Wahrheit fast ganz verdrängt.

Für einen Katholiken ist es überlebensnotwendig, daß er die Mythen durchschaut. Dabei soll uns wiederum Hilaire Belloc mit seinen erhellenden Ausführungen zur Seite stehen: „Das Wort Mythe wird in verschiedenen Bedeutungen gebraucht. Es wird zur Bezeichnung einer bloß symbolischen Erzählung, wie es etwa die Geschichte des Mithras ist, gebraucht, von der niemand erwartet, daß sie als wahrer Bericht angesehen wird; das Wort wird auch manchmal als Äquivalent für Legende benutzt. Ich gebrauche das Wort hier in einem ganz bestimmt begrenzten Sinne und verstehe darunter ‚geschichtlich Unwahres, das als wahr ausgegeben wird‘. In diesem Sinne ist Mythe ein Übel, und zwar ein um so gefährlicheres, da es zu Irrwegen verführt.“

Die Entstehung eines Mythos

Das gefährliche an Mythen ist ihre Verführungskunst, den Mythengläubigen auf Irrwegen zu führen, aus denen er meist nur noch schwer herausfindet. Je nach Art des Mythos braucht es schon eine solide Allgemeinbildung, will man ihm entkommen. Denn nicht auf den ersten Blick ist die Unwahrheit des Mythos zu erkennen, weshalb es Mythen gibt, die über Jahrhunderte am Leben erhalten und von Millionen von Menschen geglaubt werden. Mythen können entstehen über Personen, Theorien oder Begebenheiten. Will man die Mythen rechtzeitig erkennen, muß man ihrer Entstehung nachgehen. Belloc führt dazu aus:

„Zuerst einmal erscheint öffentlich eine Behauptung, die eine Person, oder ein Ereignis oder eine Theorie betrifft; etwa über die Schuld oder Unschuld einer Person in irgendeinem großen, aufsehenerregenden Prozeß, dem Dreyfus-Prozeß zum Beispiel, oder über die Richtigkeit oder Unrichtigkeit einer Begebenheit, wie etwa der Galilei in den Mund gelegte Ausspruch: ‚Und sie bewegt sich doch‘; oder über die wahren Umstände bei einem Ereignisse, wie etwa die wahren Ursachen eines Krieges; oder aber die Verkündigung, diese oder jene neue Theorie habe ein bisher ungelöstes Problem endgültig gelöst, wie zum Beispiel die Lehre von einer (tatsächlich überhaupt nicht existierenden) nordischen Rasse, deren Herrschaft endgültig auf dieser Erde Ordnung schaffen werde.
Eine längere oder kürzere Zeit hindurch findet die Behauptung bei einem kleineren Kreise von Leuten Anklang. Sie geraten in Begeisterung für die Sache und beginnen sie mit aller Macht zu propagieren. Wenn auch die ganze Sache unrichtig und falsch ist, glauben sie doch ganz fest an ihre Richtigkeit. Bewußte und geplante Unwahrheit in einer kühnen und schlauen Verschwörung einer ganzen Schar von Menschen zu propagieren und jeden Gegenbeweis zu unterdrücken, entspricht in der Regel nicht der menschlichen Natur; das Diabolische ist selten, wie auch das Heilige selten ist.
Die falsche Behauptung wird daher von ihren Vertretern ehrlich geglaubt, und das zweite Stadium der Mythenbildung beginnt mit ihrer weiteren Verbreitung und dem Einsetzen der Angriffe gegen sie. Sie widerstrebt dem gesunden Menschenverstand und verstößt gegen die Erfahrung und ruft daher allgemein Widerspruch hervor. Meistens werden daher auf diese Weise Mythen gleich im Keime erstickt, so daß sie gar nicht dazukommen, Wurzel zu schlagen; soweit sie überhaupt weiterleben, bleiben sie auf einen kleinen Kreis von Fanatikern beschränkt.“

Der Verlust der Wahrheitsliebe in der Zeit des Antichristen

Normalerweise haben moderne Mythen nur eine kurze Lebensdauer und werden schließlich nur noch von einer kleinen Minderheit von Fanatikern ernst genommen. Der Grund dafür ist die Wahrheitsliebe des Menschen: „Bewußte und geplante Unwahrheit in einer kühnen und schlauen Verschwörung einer ganzen Schar von Menschen zu propagieren und jeden Gegenbeweis zu unterdrücken, entspricht in der Regel nicht der menschlichen Natur; das Diabolische ist selten, wie auch das Heilige selten ist“, wie Belloc hervorhebt. Doch ist es auch durchaus denkbar, daß die Wahrheitsliebe so weit und so allgemein verloren geht, daß das Diabolische, nämlich die Lüge, die Oberhand gewinnt, wie der hl. Paulus ganz bestimmt für die Zeit des Antichristen vorausgesagt hat: „Deshalb schickt Gott ihnen die Kraft der Verführung, daß sie der Lüge Glauben schenken, damit alle, die der Wahrheit nicht geglaubt, sondern an der Gottlosigkeit ihr Wohlgefallen hatten, dem Gericht anheimfallen“ (2 Thess. 2, 11f). Da wir sicherlich inzwischen dieser Zeit sehr nahe stehen, ist umso größere Vorsicht und Umsicht geboten. Folgen wir deshalb Belloc weiter, um das Entstehen einer modernen Mythe noch besser verstehen zu lernen:

„Wenn aber bei einer Mythe gewisse Begleitumstände vorhanden sind, die klares Denken von der übrigen Sache säuberlich trennen sollte und die an sich logisch mit der Sache gar nichts zu tun haben, wenn die Auseinandersetzung Leidenschaften und Ressentiments auslöst, dann ist der rechte Boden für ein üppiges Gedeihen einer Mythe gegeben und die günstige Atmosphäre für sie geschaffen. In diesen Fällen ist dann das nächste Stadium eine ans Wunderbare grenzende Ausbreitung und Festsetzung der Mythe in weitesten Kreisen. Die Mythe ist nun sozusagen gewappnet, den Kampf um ihre Existenz aufzunehmen. Aber auch in diesem Stadium ist sie noch nicht ganz gesichert und kann immer noch vernichtet werden.
Das war zum Beispiel der Fall mit der Mythe vom Diamantenhalsband der Königin Marie Antoinette kurz vor Ausbruch der französischen Revolution. Die Feinde der Königin hatten diese des Betruges und des Diebstahls bezichtigt und behauptet, die für die Tat bestraften Leute seien unschuldige Sündenböcke und Opfer ihrer Verleumdung gewesen. Es bildeten sich zwei Parteien, und die politischen Leidenschaften der Revolution förderten die Verbreitung der Mythe mit aller Macht. Der Kampf währte volle siebzig Jahre; nach hundert Jahren jedoch war die Mythe endgültig abgetan und der Sieg der Wahrheit gesichert; im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts herrschte über die Unschuld der Königin nach übereinstimmender Ansicht aller Historiker vollste Gewißheit.“

Es ist leicht einzusehen, je mehr sich in die Auseinandersetzung Leidenschaften und Ressentiments mischen, desto schwieriger wird es für die Wahrheit. Wenn aber Leidenschaften und Ressentiments in der Gesellschaft das Feld zu beherrschen beginnen, dann ist eine furchtbare Zeit für die Wahrheit angebrochen, wird diese doch immer mehr in die Katakomben gedrängt, wie Belloc zu bedenken gibt: „Ziemlich oft aber ereignet sich das Gegenteil. Der Begeisterungssturm der Anhänger ist zu heftig und die Opposition wird überschrien, bis schließlich die wenigen, die in der Verteidigung der Wahrheit fest geblieben sind, nicht mehr gehört oder als Narren verrufen werden. Dann ist die Mythe zur Vollreife gekommen und mag manchmal durch Jahrhunderte das Feld behaupten.“

Am Beginn einer solchen mythenfreundlichen, aber legendenfeindlichen Zeit steht immer eine falsche Philosophie, ein falsches Gedankensystem. Denn erst wenn das Denken des Menschen soweit verdreht ist und das Urteilsvermögen dementsprechend ideologisiert ist, kann die Lüge dominieren:

„Sehr oft zeigt es sich auch, daß die Verbreitung einer Unwahrheit durch das Schwinden der Interessen oder den Verfall jener Philosophie, die für Wahrheit eingetreten war, eine mächtige Förderung erfährt oder aber durch eine Verbreitung der Philosophie, die die Wahrheit bekämpft. So mögen etwa Patriotismus oder Nationalismus einer Mythenbildung Vorschub leisten, die dann bei dem Erstarken internationaler Strömungen wieder verschwindet; mit dem Anwachsen nationalistischer Bewegungen wird die Entstehung und Verbreitung von Mythen ganz allgemein, und man kann beobachten, daß die durchschnittliche Lebensdauer einer Generation mit der Lebensdauer einer Mythe in enger Beziehung steht. Wenn eine Generation ausstirbt, so stirbt mit ihr gewöhnlich auch eine Partei im Kampfe um eine Mythe aus, und nur eine schwache kleine Gruppe der einen oder der anderen Seite bleibt übrig, die genügend Überzeugungsfestigkeit besitzt oder genügend Interesse an der Sache hat, um ihre Stellungnahme aufrechtzuerhalten.
Schließlich und endlich — manchmal erst nach einigen Jahrhunderten — fliegt die Mythe auf. Sie explodiert, und nach der Explosion kann man eine höchst interessante Beobachtung machen. Mitten unter den Trümmern der Mythe entdeckt man ganz unerwartet einige kleine Bruchstücke der Wahrheit.“

Hinter jeder Lüge steckt meist immer auch noch ein Körnchen Wahrheit, denn die direkte, die blanke Lüge würde letztlich niemand glauben. Dabei weiß wohl jeder aus eigener Erfahrung, gerade die Halbwahrheiten sind die gefährlichsten Lügen, weil sie eine gewisse Überzeugungskraft in sich tragen und somit umso besser zu täuschen vermögen. Dabei ist immer auch eines zu bedenken, daß zwar die Lügen Legion sein können, die Wahrheit aber immer nur eine ist. Darum wird es umso schwieriger, die Wahrheit zu verteidigen, je verbreiteter der Liberalismus ist, der seinem Wesen nach Wahrheit und Lüge auf eine Ebene stellt. Wenn aber hundert Lügner einem entgegentreten, der die Wahrheit sagt, dann kann man sich leicht ausmalen, wie dieser ungleiche Kampf endet.

Die Mythe von der natürlichen Auslese

Unser englischer Schriftsteller kann jedenfalls aus seiner eigenen reichen Lebenserfahrung von diesem Kampf berichten:

„Ich darf wohl sagen, daß ich in meinem Leben Zeit und Gelegenheit gehabt habe, das Entstehen und Gedeihen einer ganzen Anzahl von Mythen zu verfolgen, und ich gestehe, daß mich die ganze Sache immer traurig gestimmt hat. Es ist kein erfreulicher Anblick, zu sehen, wie Unwahrheiten aufkommen und sich festsetzen, die überdies in ihrer Mehrzahl mit den modernen Angriffen gegen den Glauben in engem Zusammenhange stehen. In der ganzen Komödie aber, die sich da vor unseren Augen abspielt, ist doch auch ein tröstliches Element enthalten.
Angesichts der Überspanntheiten der gläubigen Anhänger einer Mythe kann man sich eines gewissen grimmigen Lächelns nicht erwehren. Ihr possenhaftes Verhalten ist immer unterhaltlich.
Ich habe in meinem Leben eine ganz ungeheuerliche Mythe erblühen und Vollreife erlangen gesehen und habe mit eigenen Augen ihre Explosion beobachten können. Das war die Mythe von der natürlichen Auslese. Die Begeisterung, mit der diese Mythe gepredigt wurde und die ganze Atmosphäre, die sie umgab, war die der Freidenkerei. Man glaubte, mit dieser Theorie die Notwendigkeit überwunden zu haben, an einen Schöpfer zu glauben. Obgleich viele, die an die Theorie glaubten, es in voller Unschuld taten und von den tieferen Hintergründen keine Ahnung hatten, war doch dies das eigentlich treibende Motiv. Schließlich ist auch diese Mythe explodiert, und es war eine große Erleichterung, sie losgeworden zu sein. Sie wird nicht mehr ernst genommen. In England führen ihr noch nationaler Stolz und die Abneigung, Irrtümer zuzugeben, einige Jünger zu, aber im allgemeinen ist man diese Sache los.“

Die Ideologisierung der öffentlichen Meinung

Würde Hilaire Belloc heute noch leben, so könnte er sein Staunen wohl kaum in Grenzen halten, denn die Mythe von der natürlichen Auslese ist wieder von den Toten erstanden und lebendiger als je zuvor. Es ist schon sehr erstaunlich, wenn der moderne, überaus aufgeklärte Mensch, der mehrheitlich an keine Wunder mehr glaubt, dieses Wunder mit aller Macht verteidigt. Gerade diese Tatsache führt jedem, der es noch sehen will, vor Augen, wie weitgehend die öffentliche Meinung inzwischen ideologisiert ist. Das unheimliche Interesse daran, mit dieser Theorie sich einzureden und sogar zu meinen, wissenschaftlich beweisen zu können, die Notwendigkeit überwunden zu haben, an einen Schöpfer zu glauben, kann einem direkt Furcht einflößen. Die Freunde der Wahrheit sind nur noch eine kleine Minderheit, die auf verlorenem Posten gegen eine immer noch wachsende Übermacht kämpfen.

Unser englischer Schriftsteller weist uns darauf hin: „Das sicherste Lösemittel, in dem die Mythen zergehen, ist der beharrliche, ständig wiederholte Nachweis ihrer Unwahrheit; das Schutzmittel aber gegen die Entstehung neuer Mythen ist die Legende und der Glaube. Nie hat es eine Zeit gegeben, in der zahlreichere und ungeheuerlichere Mythen von der großen Masse kritiklos hingenommen und geglaubt wurden, als die Zeit, in der wir leben; der Grund ist der, daß diese Zeit den Glauben verloren hat.“

Endlich wird es Weihnacht…

So wollen wir uns zum Schluß nochmals der Legende zuwenden, natürlich der Zeit entsprechend der weihnachtlichen Legende. Werden wir still im Herzen, aufmerksam auf jede Gnade, selbst auf die leisesten Winke der göttlichen Vorsehung. Und dann hören wir eine Weihnachtsgeschichte, eine jener Erzählungen, die ein gläubiges Herz geschrieben hat.

HEILIGE NACHT

Wenn das Jahr seinen Ausklang singt und die Tage immer mehr zur Nacht werden, kann es geschehen, daß die Dunkelheit einem zur Bedrängnis wird und man sich fragt, ob sie nicht die Herrschaft vollkommen an sich reiße, um den Tag ganz zu verdrängen. So geschieht es ja zu­weilen in Märchen, eine Nacht beginnt endlos zu werden…
Es geschah vor vielen Zeiten, den Menschen klangen noch die Worte des Anfangs in den Ohren nach, jene Worte, mit welchen Gott die Welt erschaffen hatte. Auch wußten die Menschen noch um die Verfehlung, die Fluch und Strafe auf sie geladen hatte, daß sie nun in Bangen und Hoffnung auf den Erlöser warten mußten, der Fluch und Strafe von ihnen nehmen sollte.
Es war Winter geworden, die Berge hatten sich schon vor Tagen in Jungfräulichkeit gekleidet und nun schneite es auch im Tal. Leise flüsterte der Schnee bei seinem Fallen und sein Flüstern wuchs zu einem laut vernehmbaren Rauschen, wenn die Flocken dicht gedrängt niederschwebten. Der kurze Wintertag war beinahe vollendet, es dunkelte schon draußen und man konnte die ersten Schatten erkennen, welche bald alles in Besitz nehmen würden. Aber durch das leuchtende Weiß wurde das Dunkel gemindert, der Abend legte sich darob mit einer schüchternen Verzagtheit auf die winterliche Welt.
Drunten im Tal, in einem Haus nahe eines Baches, hinaufschauend zu den Hügeln, die den Bergen vorangingen, saß ein Junge am Fenster, die Ellenbogen auf das breite Fensterbrett gestützt und den Kopf in den Händen bergend. Er beobachtete die Schneeflocken, die er so sehr ersehnt hatte, vor allem die letzten Tage, und er sah voller Freude wie sie tanzten im leichten Wind und miteinander spielten, herniedergleitend vom Himmel. Manchmal begann er leise mit ihnen zu sprechen, und er meinte in ihrem Flüstern eine Antwort erlauschen zu können. Wie es nun anhob Nacht zu werden, befiel den Jungen eine ungekannte Angst, eine seltsame Bangnis. Die Schneeflocken verbargen sich allmählich in der Dämmerung und ebenso die Hügel, welche nur noch schemenhaft zu ahnen waren. Wie er da so ins Dunkel hineinsann, hörte er mit einem Mal eine undeutliche Stimme aus der Ferne, aber er verstand die Worte nicht. Erschrocken suchte er etwas zu erkennen draußen in der Finsternis, aber da war nur die Nacht. Sein Bangen mehrte sich darauf noch mehr, und es war ihm, als würde die kommende Nacht nie mehr enden, als würde jeder folgende Tag nun vergeblich erwartet. Flehentlich blickte er dem letzten Schimmer des Tages nach und bat inständig das Licht, ihn doch nicht allein zu lassen mit der finstern Nacht – das Licht jedoch erstarb einfach, als würde es ihn gar nicht hören, ganz ruhig, wie es jeden Tag getan. Schließlich stand nur noch die Nacht vor seinem Fenster und griff unmerklich in das kleine Zimmer, daß auch dieses ganz dunkel wurde. Der Junge schloß seine Augen, er wollte wenigstens in der Erinnerung das Leuchten dieses letzten Tages bewahren. Leise hörte er, wie der Schnee das Fenster berührte und das Dach, unter dem sich sein Zimmer befand.
Nach langer Zeit der Angst erst wagte der Junge es wieder aufzuschauen, bereit dem Grauen der endlosen Nacht zu begegnen. Aber, was war das? Sanft leuchteten die Hügel vor dem Fenster im jungfräulichen Weiß des Schnees. Alles war anders, als es der Junge erwartet hatte, nicht nur Finsternis war der Nacht eigen, es gab auch in ihr das Licht. Sein Bangen verlor sich darum langsam und wich einem immer lebendiger werdenden Staunen: „Wie schön ist diese Nacht“, flüsterte er, „das hätte ich nicht erwartet.“ Die Nacht aber legte ihren Schatten auf den kleinen Jungen und sagte zu ihm: „Ja, ich bin schön, denn ein Geheimnis ist mir seit Ewigkeit geschenkt. Ich nämlich bin wahrhaft die Nacht, die endlose, die dennoch ewig beendet ist.“ Der Junge vernahm – ein wenig überrascht – deutlich diese Worte, deren Sinn er jedoch nicht verstand. Während er die Worte zu deuten suchte, verloren sich seine Gedanken im Anblick der waldbedeckten Hügel, die immer klarer hervortraten aus der sich verlierenden Düsternis und in ihrem neuen weißen Gewande wie verzaubert glänzten. Einzelne Bäume auch ließen ihre Umrisse erkennen, lange Schatten werfend, da das blaue Licht des Mondes sie berührte. Der Bach plätscherte durch das Tal, von weißen Gestalten begleitet und verlor sich irgendwo in der Ferne. Noch nie hatte der kleine Junge eine solche Schönheit gesehen, weshalb er voller Freude und Dankbarkeit für diese Nacht war, die ihm wie ein Märchen erschien, oder vielmehr noch schöner als alle Märchen, weil sie keine Dichtung, sondern Wirklichkeit war. In seiner Freude sagte der Junge zur Nacht: „Du hast meine Heimat verzaubert, noch nie habe ich sie so schön geschaut. Du besitzt eine seltsame Macht über die Dinge, Nacht, die Du gleich einer Offenbarung berührst. Dein Geheimnis verbirgt sich nicht in Deinem Dunkel, sondern vielmehr in der Eigenart Deines geheimnisvollen Lichts.“
Die Nacht schwieg einen Augenblick nach diesen Worten, dann rief sie den Wind, der anhob zu dröhnen und die Schneeflocken vor sich herjagte, den Himmel aufreißend mehr und mehr, bis zur Mitternacht auf das weite Tal ein Himmel voller Sterne herabsah. Daraufhin verstummte der Wind und die Nacht nahm wieder das Wort an sich, zu dem kleinen Jungen sprechend: „Mein Geheimnis hast Du immer noch nicht erkannt. Dieses ist nun erschienen den Menschen. Alle Hoffnung der Welt stammt aus IHM und alle Menschen sollen kommen und es anbeten. Siehe, drunten im Stall, dem alten Bretterverschlag am Bach, dort ist es verborgen. Komme mit mir, ich will Dich hinbegleiten, Du sollst es schauen, alle Worte versagen ja, es zu beschreiben. Ich bin die Heilige Nacht, ich habe es Dir offenbart.“
Der Junge zögerte nicht –hatte er doch zu dieser Nacht vollkommen Vertrauen gewonnen – er faßte ihre Hand und ließ sich über die schneebedeckten Wiesen hinführen zum alten Stall. Der Schnee lag sehr hoch, er hatte sich selbst in die Fugen der Bretter gelegt und zierte das Dach mit einer wundersamen, weißen Krone. Dadurch war der alte Stall ganz verwandelt und der kleine Junge wollte von Staunen und Ehrfurcht ergriffen schon stehen bleiben, aber die Nacht zog ihn weiter an der Hand und führte ihn bis vor die knarrende Tür des Stalles, die sich vor ihm auftat. Schüchtern schaute er in den Stall hinein, und, da er einen Schritt voranging, gewahrte er das Geheimnis der Heiligen Nacht, welches das Geheimnis der Welt ist und war seit Anbeginn. Und nun verstand er auch, warum sich die Nacht endlos geheißen hatte, weil ihr Geheimnis ewig ist, aber dennoch ewig beendet, weil es fortan keine Nacht der Sünde mehr geben sollte für die, welche ihrem Geheimnis glauben – dem Geheimnis des Kindes in der Krippe, das unser Gott ist. Der Junge glaubte und er kniete nieder und betete das Kind an.
Gegen Morgen, als sich der Junge aufmachte heimzugehen, war es ihm, als sängen vom Himmel her zahllose Chöre der Engel ein neues Lied. Es hieß:
„Als alles in tiefem Schweigen lag und die Nacht in ihrem Laufe die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte, da kam, o Herr, Dein allmächtiges Wort vom königlichen Thron, alleluja.“