Weihnachtslegenden

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Ist Weihnachten inzwischen nicht ein verlorenes Fest geworden, ein ganz und gar verlorenes Fest? Die große Mehrheit der Europäer verbindet mit Weihnachten nur noch den Gedanken an Geschenke, Geschenke, die dem Handel einen beträchtlichen Teil des Jahresumsatzes sichern. Wenn mit den Geschenken gedanklich noch irgendetwas Darüberhinausgehendes verbunden wird, so höchstens noch der Weihnachtsmann, durch den „dank“ dem Getränkeriesen „Coca-Cola“ der hl. Nikolaus weltweit ersetzt wurde. Damit ist der letzte sinnvolle Zugang zum Weihnachtsfest mittels Brauchtum auch noch erfolgreich verbaut. Der antichristliche Plan ist aufgegangen, Millionen von Menschen feiern Weihnachten, ohne auch nur irgendwie an Gott und das Geheimnis der Heiligen Nacht zu denken.

Weihnachten ist ein gespenstisches Fest geworden. So viel Aufwand, so viele Geschenke, so viel Weihnachtszauber für nichts – nur um dem Mammon zu dienen, denn am wichtigsten am Weihnachtsfest ist schließlich, daß der Rubel rollt. Selbst einem gläubigen Katholiken fällt es angesichts dieser gespenstischen Situation schwer, Weihnachten zu feiern. Wie kann man das Geheimnis von Weihnachten zurückerobern? Wie kann man in diese gespenstische Leere, die von einem Berg von Kitsch und Plunder zugedeckt werden soll, wieder Sinn bringen?

Die Weihnachtsgeschichte

Nun, Weihnachten – das ist eine Geschichte. Ja noch mehr, Weihnachten, das ist die Geschichte schlechthin. Es wird wohl kaum ein Ereignis der Weltgeschichte geben, um das sich so viele Geschichten ranken wie um das Geschehen in der Heiligen Nacht. Weihnachten ist ein Thema, das schon so oft wieder ganz neu zur Geschichte wurde, weil der Geist der hl. Weihnacht niemals vergeht, weil er Jahr für Jahr wieder ganz lebendig wird und immer ganz neu ist, wie in der ersten Heiligen Nacht.

Das hängt natürlich hauptsächlich mit dem Wunder zusammen, das in der Heiligen Nacht geschehen ist. Nicht umsonst sagt man, daß in dieser Nacht die Natur in einer ganz ungewöhnlichen Weise lebendig wird. Die Tiere beginnen zu sprechen, die Bäche fließen viel leiser als sonst, der Wind singt ganz wundersame Lieder, die Berge und Wälder leuchten geheimnisvoll in dieser Nacht, die Sterne funkeln viel heller und der Mond gibt noch viel freudiger seinen Schein.

Weihnachten, das ist durchaus nicht einfach irgendeine Geschichte, Weihnachten ist die Geschichte, welche die ganze Welt verändert hat. Auf eine so außerordentliche und göttliche Weise verändert hat, daß man aus dem Staunen nicht mehr herauskommt.

Um jedoch das Geheimnis der Heiligen Nacht begreifen zu können, muß man letztlich wie ein Kind sein. Das sagen auch viele Weihnachtsgeschichten. Das Weihnachtsgeheimnis fordert den Glauben eines Kindes. Nicht umsonst sagt der göttliche Herr: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, dann könnt ihr nicht ins Himmelreich eingehen.“ Gehören in der eigenen Erinnerung zum Weihnachtsfest nicht leuchtende Kinderaugen, weshalb man selbst an Weihnachten manchmal wieder wie ein Kind sein möchte – mit leuchtenden Augen und einem unbändigen Glück im Herzen?

Soll man Weihnachten kurz beschreiben, so muß man wohl sagen, Weihnachten ist Maria und Josef und ein Kind, das in einer Krippe liegt; Weihnachten, das ist ein Stall und ein Ochs und ein Esel darin; Weihnachten, das ist eine ganze Heerschar von Engeln, die auf den Fluren von Bethlehem das erste „Gloria“ singen; Weihnachten, das sind Hirten auf dem Feld, die sich auf dem Weg machen, den neugeborenen Messias zu suchen und zu finden und anzubeten. All das ist Weihnachten und noch viel mehr. Es ist schon so, alles wird zur Geschichte in der Heiligen Nacht. Alles wird vom Hauch des Wunders berührt, alles, was sich berühren lassen will – und jeder, der sich berühren lassen will, wird in dieser Wundernacht verwandelt.

Wenn ein Ereignis so viele Geschichten hervorbringt, dann muß es sicherlich etwas ganz Großes, etwas äußerst Bedeutendes und Außergewöhnliches sein. Dieses Große und Bedeutende nimmt man jedoch nicht mit den natürlichen Sinnen wahr. Darum hat es damals auf den Fluren Bethlehems auch keinen Massenauflauf gegeben. Ganz im Gegenteil, die allermeisten Menschen haben damals das Wunder der Heiligen Nacht einfach verschlafen. Wie furchtbar ist dieser Gedanke: Man hätte damals in Bethlehem gelebt und die Heilige Nacht verschlafen! Der Stall war nur ein paar hundert Meter entfernt und man ist nicht hingegangen, man hat sich gar nicht darum gekümmert, was dort in dieser hochheiligen Nacht geschehen ist. Auch heute ist es wieder so, die allermeisten Menschen verschlafen das Wunder dieser Nacht. Es hat sicherlich schon weihnachtlichere Zeiten gegeben als unsere. Es hat Zeiten gegeben, als viele Menschen auf den Herrn warteten und gemeinsam mit den Hirten Nachtwache hielten und sich voller Glauben und voller Freude aufmachten, zum Stall zogen, um vor dem Kind niederzuknien und Ihm das Herz schenkten, wie man nur Gott das Herz schenken kann und darf.

Ein Fest für die Einfältigen

Es ist eine gewisse Tragik, das wahre Große wirkt oft nach außen hin – also für den oberflächlichen Betrachter, und das sind heute die meisten – ganz klein. Darum ist es so leicht zu übersehen, ganz besonders in der Hektik des Alltags. Da der moderne Mensch ein nur allzu oberflächlicher Betrachter ist, entschwand ihm das verborgene Große aus dem Blickfeld – und er tat es ab als Mythos. Am Anfang stand die Nüchternheit – aber nur dem Glauben gegenüber, in anderen Bereichen kann der moderne Mensch erschreckend irrational sein – der angeblich nüchterne Rationalismus des Modernisten. Es sollte nichts Wunderbares mehr geben, es sollte alles nur noch menschlich sein, so menschlich, daß es selbst der Dümmste versteht. Nun ist aber unser Gott kein Gott der Dummköpfe, sondern ein Gott der Einfältigen. Der Einfältige aber weiß, daß unsere Wirklichkeit ein Geheimnis in sich birgt und daß man dieses Geheimnis nur im Glauben fassen kann. Darum sind den Einfältigen die Legenden Wahrheit, während sie dem Dummen als Lüge erscheinen.

Die Modernisten meinten, alles an unserer hl. Religion „entmythologisieren“ zu müssen – zunächst die Heilige Schrift, sodann den Gottesdienst und schließlich den ganzen Glauben – und sie wunderten sich sodann zuweilen darüber, daß zum Schluß vom Übernatürlichen nichts mehr übrig blieb. Dabei hätte jeder Katholik beim Schlagwort „Entmythologisierung“ sofort in höchste Alarmbereitschaft versetzt werden müssen, denn mit diesem Wort ist schließlich gesagt, direkt behauptet, uns Katholiken unterstellt, wir seien Jahrhunderte lang fadenscheinigen Mythen aufgesessen. Wie ungeheuerlich diese Behauptung ist, erkennt man erst dann, wenn man sich darüber Klarheit verschafft hat, was ein Mythos eigentlich genau ist. Wir wollen uns anhand des Aufsatzes von Hilaire Belloc „Von Legenden und Mythen“ ein klares Urteil über diese Sache verschaffen.

Mythos und Legende

Zunächst stellt Belloc fest: „Unsere Zeit bedarf dringend eines erneuten Verständnisses für das, was eine Legende ist, für die in ihr beschlossenen heiligen Werte und ihren geistigen Nährwert; unsere Zeit hat die Legende so sehr vernachlässigt, daß sie aus unserem Leben fast ganz verschwunden ist. Unsere Vorfahren zehrten von den Legenden, und Legenden erfüllten das ganze Abendland mit schönster, dauernder und fruchtbringender Literatur. An die Stelle der Legende ist in unseren Tagen das getreten, was ich den Mythos nennen will, das heißt Unwahrheit, ausgegeben und hingenommen als geschichtliche Wahrheit; ich will den wesentlichen Gegensatz zwischen Legende und Mythe später erläutern“ (Alle Texte genommen aus: Hilaire Belloc, Gespräch mit einem Engel, Verlag Herold – Wien, München 1954, S. 98ff).

Der Verlust der Legende in einer Kultur ist wesentlich, denn er verändert die geistige Grundhaltung des Menschen. So seltsam das für uns moderne Menschen klingt, nur die Legende ist ganz wahr, weil in ihr die Wahrheit nicht einfach nur als Faktum, als bloße Tatsache eines geschichtlichen Ereignisses berichtet wird, sondern zugleich die in ihr beschlossenen heiligen Werte und ihr geistiger Nährwert. Nach Belloc läßt sich die Legende in folgender Weise definieren: „Legende ist eine Erzählung über eine wirkliche Person, über wirkliche Tugenden, über wirkliche geistige Erlebnisse und ist so geartet, daß sie den Hörer erleuchtet und ihm Befriedigung gewährt, während sie zugleich den Gegenstand, den sie behandelt, vertieft und in seinem Gehalte bereichert.“

„Demnach kann eine Legende durchaus der Wahrheit entsprechen, obgleich sie wunderbare Episoden enthält und in dichterische Form gekleidet ist; sie mag auch eine Menge Einzelheiten aufweisen, die auf historische Genauigkeit oder Richtigkeit gar keinen Anspruch erheben, sondern reine Dichtung sind; Dichtung allerdings, die sich — und darauf kommt es an — auf eine Wirklichkeit von bleibendem Werte bezieht, diese verklärt und dem Geiste einprägt. Es gehört geradezu zum Wesen der Legende, daß die Frage nach ihrer historischen Richtigkeit überhaupt nicht aufzuwerfen ist. Sie will ja gar nicht als ein historischer Bericht angesehen werden, sondern als ein Beispiel, oder oft sogar nur als ein Bild, das durch seine geistige Wahrheit und Schönheit allein wirkt. Wenn wir Legenden lesen, so ist es nicht unsere Absicht, historische Begebenheiten zu erfahren, sondern wir wollen eine Erzählung hören, sie genießen und aus ihr lernen; und wenn ihr sittlicher Gehalt gesund ist und ihre Wirkung die ist, daß wir zum Wahren, Guten und Schönen geführt werden, so ist dies alles, was wir von einer Legende erwarten und verlangen. Immer haben die Menschen von derartigen Erzählungen gezehrt; und wenn eine falsche Philosophie sie in Acht und Bann erklärt und verkümmern läßt, so wird die Menschheit ausgehungert.“

Natürlich kann man etwa ein Heiligenleben anhand einiger nüchterner Daten beschreiben, aber werden diese nüchternen Daten dem Leben eines Heiligen gerecht? Ganz sicher nicht! Erst eine gute Lebensbeschreibung – oder sogar noch besser eine Legende zeigen das wahre Gesicht des Heiligen. Denn die Legende faßt das Leben des Heiligen in „ein Bild, das durch seine geistige Wahrheit und Schönheit allein wirkt“. Gerade dadurch wird das Wesen der Heiligkeit begreifbar, das doch über allen rein natürlichen Erwägungen als Wirklichkeit der Gnade steht. Die Tugenden, die Worte, die Gebete, die Wunder des Heiligen wollen wir in einer solchen Erzählung hören, „sie genießen und aus ihr lernen; und wenn ihr sittlicher Gehalt gesund ist und ihre Wirkung die ist, daß wir zum Wahren, Guten und Schönen geführt werden, so ist dies alles, was wir von einer Legende erwarten und verlangen“. Sobald der Mensch die Legende durch eine falsche Philosophie in Acht und Bann legt und sie verkümmern läßt, wird die Menschheit ausgehungert. Den genügenden Beweis dafür liefert die heutige Zeit.

Das Desinteresse an der sittlichen Wahrheit

Was hat aber eigentlich den modernen Menschen dazu bewogen, die Legende in Acht und Bann zu legen? Was war geschehen, daß ihm der Wert dieser Meisterwerke nicht mehr verständlich war? Welche philosophische Verirrung gab dazu den Anstoß? Hilaire Belloc ist von folgendem überzeugt: „Der Grund, warum die Legende aus der Mode kam, warum sie verschrien, lächerlich gemacht und fast vergessen wurde, ist der, daß es den Menschen zur Gewohnheit geworden ist, alles genau zahlenmäßig feststellen und abmessen zu wollen und verächtlich bei Seite zu schieben, was immer sich solchen Messungen entzieht. Das war und das ist die große Krankheit unseres Zeitalters, die den Erfolgen entsprang, die diese Methode auf den Gebieten der Naturwissenschaften zu verzeichnen hat.“

Durch die naturwissenschaftlichen Erfolge getäuscht, bildete sich der moderne Mensch immer mehr ein, alle Wissenschaft beruhe auf exakten Messungen und zahlenmäßigem Erfassen eines Sachverhalts. Die Mathematisierung der Physik und die damit möglichen Erfolge waren einfach zu verlockend. Ganz ungewollt, oder auch nicht, wurden damit die Geisteswissenschaften entthront und dem Maß der exakten Wissenschaften unterworfen und untergeordnet. So konnten sich immer absurdere Theorien durchsetzen und allgemeine Anerkennung finden.

Belloc ist überzeugt: „Menschen, die einmal dieser mechanistischen Geisteshaltung verfallen sind, haben nichts mehr übrig für ein Stückchen Dichtung oder ein Stückchen bildhafter Wahrheit, das uns aus Zeiten und von Geschlechtern überkommen war, denen es nicht um historische Nachweise, sondern um sittliche Wahrheit und um Schönheit zu tun war. Wenn moderne Menschen von St. Georg und dem Drachen hören, so fragen sie gleich, wann und wo dieser Kampf stattgefunden habe; und ob das Bild des Drachen irgend eine Beziehung zu einem bekannten, wirklich existierenden Tiere besitze. Wenn man ihnen dann erklärt, daß weder über den Ort etwas bekannt sei, noch auch über den Drachen, und daß es sich um eine Erzählung handle, die bildhaft zu verstehen sei und eine sittliche Wahrheit ausdrücke, so interessiert sie die ganze Sache nicht weiter.“

Der hl. Georg und „sein“ Drache

Jedem Katholiken ist der heilige Georg ans Herz gewachsen – mit oder ohne Drachen, so möchte man fast sagen. Wobei der Drache auf keiner Abbildung fehlen darf und wird. Da aber der hl. Georg schon um das Jahr 305 den Martertod starb – wobei er den Namen „der große Märtyrer“, Megalomartyr, erhielt, denn je grausamere Foltern der Kaiser anwandte, desto getroster wurde Georg, so daß er tausend Tode nacheinander litt und schließlich mit dem Schwert getötet wurde –, ist von seinem Leben nicht sehr viel geschichtlich nachweisbar bezeugt. Weil er aber durch viele Wunder sich als heiliger Helfer bewährte und er sogar zu den 14 Nothelfern gezählt wird, hat sich ein Kranz von Legenden um sein Leben gewoben. Die Bekannteste ist sicherlich die mit dem Drachen:

Besondere Berühmtheit erlangte die Geschichte vom Kampf des Heiligen Georg mit einem Drachen, der in einem See bei der Stadt Beirut hauste und die Stadt mit seinem Gifthauch verpestete. Die Einwohner mussten ihm ihre Söhne und Töchter, also Menschen opfern, um seinen Grimm zu stillen. Eines Tages traf das Los die Königstochter, die nach herzzerreißendem Abschied von den Eltern an den See vor die Stadt ging. Da erschien ihr der hl. Georg, und als der Drache auftauchte, schwang er, mit dem Zeichen des Kreuzes, die Lanze und durchbohrte das Untier, das zu Boden stürzte. Er veranlaßte die Königstochter, den Drachen mit ihrem Gürtel in die Stadt zu ziehen, wo alle die Flucht ergreifen wollten. Doch der Hl. Georg sprach zu ihnen, daß er von Christus selbst gesandt wurde, den Drachen zu töten, weswegen sich nun die Leute zu Christus bekehren sollten. Und tatsächlich ließen sich daraufhin der König der Stadt und all sein Volk taufen.
(http://www.parohia-ravensburg.ro/de/der-hl-georg/)

Eine wahrlich wunderbare Erzählung, die einem so viel Licht und Kraft und Trost spenden kann wie nur wenige. Der hl. Georg als echter Ritter ohne Furcht und Tadel, der die Königstochter nicht nur vor dem Drachen rettet, sondern diesen auch noch mit dem Zeichen des Kreuzes nach einem heftigen Kampf tötet. Der Sieg über den Drachen befreit die Stadt nicht nur von Furcht und Schrecken, er schenkt dem König und allen Untertanen auch den christlichen Glauben. Wie könnte die Legende dies wahrer erzählen? Der moderne Mensch wird jedoch damit nicht zufrieden sein, sondern penetrant nachfragen, wo ist denn der genaue Ort dieses Kampfes und was war das denn für ein Drache? Wo gibt es denn noch solche Tiere und wie soll man das glauben?

Die Verkennung des Wesens der Legende und die daraus folgenden Konsequenzen

Erschüttert stellt Belloc fest: „Das Denken der Menschen kann sich so verirren und zu einer so tiefen Stufe herabsinken, daß sie nicht mehr imstande sind, das Wesen einer Erzählung zu erfassen. Der Umstand, daß in den Legenden so vieles nicht historisch genau und richtig ist, veranlaßt sie, eine Legende schlechthin als eine Unwahrheit anzusehen. Diese Verkennung des Wesens der Legende hat aber zu einer ungleich größeren Unwahrheit geführt, als es Legenden je getan haben.“ Wer den hl. Georg nicht mehr gegen einen Drachen kämpfen lassen kann, ohne sofort eine Vielzahl von rationalistischen Einwänden zu formulieren, der wird wohl kaum noch fähig sein, gegen den höllischen Drachen anzukämpfen, der heutzutage unter einer Vielzahl von Verkleidungen die Menschheit verführt.

Die Zurückweisung der Legende hat weitreichende Folgen für die geistige Entwicklung einer Kultur, wie Belloc betont: „Die Legende hat sich für die Vernachlässigung, die sie erfahren hat, furchtbar gerächt. Mangels Legenden haben sich die Menschen den Mythen zugewendet und sind ihnen zum Opfer gefallen. Die Mythen aber sind dogmatische Behauptungen einer Unwahrheit. Jene Generation, die von der Geschichte des wunderbaren Vögleins nichts mehr hören wollte, bei dessen Gesang ein Jahrhundert wie eine Stunde dahinschwindet, hat begonnen, die Unsterblichkeit der Seele und die ewige Seligkeit zu leugnen. Das ist es, was geschehen muß, wenn die Menschen keine Legenden mehr haben. Wir sollten alle inständig für eine Rückkehr der Legende beten.“

Von der Legende zum Mythos

Wer die Legende zurückweist, der wird den Mythen verfallen, weil er die Wahrheit nicht mehr erkennen will. Das ist nämlich der eigentliche Grund der Zurückweisung der Legenden, die Leugnung der Wahrheit, bzw. die Leugnung, daß man Wahrheit überhaupt erkennen könne. Wer die von den Legenden erzählten und gelehrten Wahrheiten nicht mehr annehmen will, der wird einer Unwahrheit zum Opfer fallen, die er dann aber absurderweise als Dogma behaupten wird, also als unumstößliche Wahrheit. Wie viele Dogmen etwa behauptet der dogmenlose Liberalismus? Und wie fanatisch werden alle Liberalen, wenn es darum geht, die Wahrheit zu bekämpfen? Es ist wahr, die Legende hat sich furchtbar gerächt, indem sie die Menschen den Mythen überantwortet hat. „Wir sollten alle inständig für eine Rückkehr der Legende beten!“

Die Mythen sind die Feinde der Legende, weil sie die Feinde der Wahrheit sind. Belloc macht darauf aufmerksam, daß die Mythen überall lauern: „Es ist allerdings richtig, daß die Legende eine Neigung zeigt, zur Mythe zu werden, und wir müssen dagegen auf der Hut sein. Wir können darin eine Parallele erblicken zu den beschämenden Verirrungen, zu welchen die Andacht vor Heiligenbildern manchmal führt. Die in der wahren Religion tief gegründete, wunderbare Andacht vor heiligen Bildern kann durch abergläubische Entartung zu einem Götzendienst herabsinken. Wenn wir jedoch zwischen einer Verachtung der heiligen Bilder und den Ausartungen der Andacht vor ihnen zu wählen hätten, so wissen wir sehr genau, von welcher Seite die größere Gefahr droht und von welcher Seite schlimmere Folgen zu gewärtigen sind. Es ist sicherlich eine arge Verirrung, die Andacht vor einem Heiligenbild so zu übertreiben, wie es jener König von Frankreich tat, der das Muttergottesbild in Paris bestahl, um die Kostbarkeiten der Muttergottes in Tours zu geben. Den Bildnissen der Heiligen aber überhaupt keine Aufmerksamkeit zu schenken, zieht ungleich schlimmere Folgen nach sich. Genau das gleiche gilt von den Legenden.“

Der Mensch muß sein Leben lang ein Lernender bleiben, dann wird er die Legenden immer richtig zu lesen verstehen und entsprechend hochschätzen. Denn in den Legenden findet man nicht nur Wahrheit, sondern auch Weisheit. Man kann also sagen, die Fähigkeit eines richtigen Umgangs mit Legenden zeugt von einem gesunden Geist, so wie die rechte Verehrung der Heiligenbilder von einer echten, gesunden Frömmigkeit zeugt. Darum ist es immer noch besser, den Legenden irgendeine Aufmerksamkeit zu erweisen als den Mythen zu verfallen, denn letzteres „zieht ungleich schlimmere Folgen nach sich“. Wobei man hierzu ergänzen muß, daß die geschichtliche Zuverlässigkeit von Legenden meist viel größer ist, als der moderne Rationalismus und daraus folgend der Modernismus ihnen zugestehen möchte, unterwirft dieser doch alles Wunderbare vorneweg einem systematischen Zweifel, sodaß ihm jedes Wunder legendär erscheint und selbst die heiligen Evangelien zu Legenden werden.

Der Haß des Mythos auf die Legende

Wie weit hierin der Fanatismus der Gottesfeinde geht, zeigen etwa die verschiedenen Versuche, das Grabtuch von Turin unglaubwürdig zu machen. Wobei der Haß schließlich soweit ging, die Kapelle, in der die Reliquie ausgestellt wird, in Brand zu setzen, so daß wir es nur einem beherzten Feuerwehrmann zu verdanken haben, der unter Todesgefahr das Panzerglas zerschlug und die überaus kostbare Reliquie rettete, daß sie dennoch der Nachwelt erhalten blieb. Beim Muttergottesbild von Guadalupe war es der Himmel selbst, der das wunderbare Bild bei einem Bombenanschlag vollkommen unbeschädigt erhielt, obwohl die Bombe direkt auf dem Altar vor dem Bild explodierte und alle anderen Gegenstände beschädigte. Man könnte es so formulieren: Der Mythos ist vollkommen haßerfüllt gegen die Legende, wie der Irrtum gegenüber der Wahrheit.

Letztlich muß sich jeder Mensch entscheiden, wessen Geistes Kind er sein möchte, wie Belloc aus dem Gesagten schlußfolgert: „Wenn eine Legende zur Mythe wird, das heißt, wenn das, was an ihr zweifellos historisch unrichtig ist, als historische Wahrheit hingestellt und als solche praktisch in der Politik geltend gemacht wird, so ist dies zweifellos ein Übel. Ein ungleich ärgeres Übel jedoch ist zu gewärtigen, wenn das menschliche Denken sich so weit verirrt hat, daß eine Geschichte, die eine geistige Wahrheit erleuchtet und vermittelt, nur aus dem Grunde verworfen wird, weil sie vielleicht historisch nicht richtig ist. Legende reicht vom Märchen auf dem einen Flügel bis zur gut wiedergegebenen Anekdote auf dem anderen; zwischen diesen beiden Extremen liegt die ganze Masse der Legenden, die, einen größeren oder geringeren historischen Richtigkeitsgrad aufweisend, fast immer den gleichen hohen Grad eines geistigen und sittlichen Wahrheitsgehaltes enthalten.“

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