Christ, der Retter ist da

Das Weihnachtsfest ist schon ganz nahe – greifbar nahe an diesem Heiligen Abend. Damit es aber Weihnachten wird, muß sich die adventliche Erwartung gnadenhaft erfüllen. Ob das jedoch wirklich geschieht, hängt von der Vorbereitung ab. Je mehr man die Notwendigkeit der Vorbereitung einsieht, desto konsequenter wird man sich auch auf das Fest vorbereiten.
Versuchen wir heute noch einmal, anhand eines Beispiels die Not zu begreifen, die der Advent beschreibt.

Der spätere Priester Franz Xaver Stadler erzählt in seinem Buch „Abgestürzt“ von seinem Unfall in der Tiroler Bergen im Jahre 1893. Im Sommer war der Münchner Student mit einem Freund zum Bergsteigen nach Tirol gekommen. Um dem Freund, der sich eine recht gewagte Bergtour in den Kopf gesetzt hatte, zu Hilfe zu kommen, ist Franz Xaver Stadler ihm nachgestiegen. Schweißgebadet kommt er auf dem engen Grat der Frauenwand auf 2540 m an und sieht von oben den Freund in Sicherheit.

Kurz nachdem er seinen mit aufsteigenden Helfern durch drei Jodler zu erkennen gibt, daß alles in Ordnung ist, wird er von einem Hitzschlag getroffen und ohnmächtig. Er beschreibt diesen Augenblick so: „So aber war ich auf steilkantigem Berggrate gestanden. Bewußtlos muß ich auf abschüssiger Felsenhalde ins Rollen gekommen sein. Wie’s ging, wie’s war, weiß ich nicht. Tiefe Ohnmacht hatte mich umfangen.“

Er rutschte wohl zunächst über die Felsenhalde und stürzte sodann 10 bis 20 Meter ab in eine Schlucht bei einem Wasserfall und bliebt dort bewußtlos liegen. Als er erwacht, erkennt er allmählich das ganze Ausmaß der Verletzungen:

„Ich tastete zur linken Achsel: wenn auch mit Schmerzen, ließ sie doch Bewegung zu; tastete zum linken Fuß, der etwas steif und kalt im Wasser lag und brannte — glücklicherweise war es anscheinend nur eine Ausrenkung, die wohl von mir selber zu beheben war; tastete dem rechten Bein entlang, woher ein ganz eigenartiger, brennender Schmerz aufstieg — da! unwillkürlich fuhr ich zurück: was war dies? Der rechte Fuß von oberhalb des Knöchels ab, ganz aus seiner natürlichen Lage, scharf nach rechts ausliegend! Während ich mich etwas aufrichten und das rechte Bein ein wenig anziehen wollte, brannte plötzlich ein wahnsinniger Schmerz durch Mark und Nerv, und nun kam mir die Erkenntnis: den Fuß gebrochen! Hilflos in Fels und Wasser und dunkler Nacht! So lähmend legte sich diese furchtbare Erkenntnis auf die Seele, daß ich kraftlos, mit blutenden, brennenden Schulterblättern auf den Felsen zurückfiel, der mir Hals und Kopf über das stetig rieselnde Bergwasser hielt.“

So zerschunden, ganz allein oben auf dem Berg! Das ist eine unbeschreibliche Not! Hilflos den Gewalten der Natur ausgeliefert, den Tod vor Augen. Der junge Student schreibt:

„Aller Lebensmut, alle Lebenskraft schien im ersten Momente verflogen zu sein. Volle Apathie, seelische Gleichgültigkeit war die nächste Folge der Erkenntnis meiner Lage.
Doch nicht lange! Der Selbsterhaltungstrieb regte sich gar bald. Nochmals versuchte ich es, ob es mir nicht doch gelänge, aufzustehen. Aber vermehrter Schmerz an der Bruchstelle oberhalb des Knöchels ließ mich sogleich nach dem ersten kleinen Rucke wieder zurücksinken. Ein wehwunder Schrei prallte an die engstehenden Felsenwände in schwarzer, totenstiller Nacht.“

Der Wille zu Leben ist noch da – die Hoffnung auf Hilfe inmitten einer solch trostlosen und ausweglosen Lage. Doch der Schmerz hämmert die Einsamkeit ins Gemüt. Das ist wahrlich ein Advent, der die existenzielle Not spüren läßt.

„Ich rief um Hilfe, immer sechsmal im Abstand von je 10 Sekunden, wie es das alpine Notsignal ist.
Dann setzte ich aus: horchte gespannt, ob ich keine Antwort erlauschen könnte — und hörte nichts als das stets gleich plätschernde Rauschen des Wasserfalles, der etwa zwei Meter links von mir, 10—12 Meter hoch herabstürzte und mich mit dem kalten, nassen Sprühnebel überzog. Ich bohrte meine Augen (die Brille hatte ich im Absturz verloren) durch den kaum drei Meter breiten Spalt hinauf zum Himmel, ob sich nicht doch an nachtschwarzer Felswand ein Kopf herabneige, mir Rettung zu künden — aber ich sah nichts als nächtlichen Himmel, schwer und schwarz. Dann rief ich wieder, wieder. Keine Antwort! Nur der gellende Widerhall der eigenen, immer mehr angstdurchzitterten, immer schwächer werdenden Stimme und das Rauschen des Wassers! Rief immer wieder, immer eindringlicher, je mehr die Aussichtslosigkeit der Hilfe mir zur schrecklichen Klarheit wurde, rief, bis mir, kältedurchschauert, endlich die Stimme versagte.“

Ganz allein und zerschunden im Fels, wo keiner einen hört und keiner einen sieht. Da steigt die Angst auf. Wenn alle menschliche Hilfe versagt, dann bleibt nur noch Gott. Aber hört Gott die flehende Stimme? Sieht Er auf die Not des Rufenden?

„Während ich so ganz jeder menschlichen Hilfe bar dalag, immer noch fast ganz vom eisig kalten Wasser überrieselt, in markzerwühlenden Schmerzen, da fielen mir die letzten Worte des 118. Psalms ein, die ich auch unten im Kirchlein von Hintertux ahnungsschwer und besonders innig gebetet: ‚Mein Gott! Ich bin in die Irre gegangen. Suche deinen Diener!‘ Und statt nutzlosen, selbstquälenden Verzweiflungsschreies stieg aus angstmüder Seele ein innigvertrauend’ Bittgebet zum Himmel empor: ‚Wenn alle Freunde ahnungslos schlafen,
Du, o Herr, wachst über mich, siehst meine Not!‘
Und dann ward es ruhig in meiner Seele, so still ruhig, eigentlich so unfaßbar ruhig, daß ich mich ganz willig dreingab in meine Lage und nur wartete, still wartete, bis es Tag würde.“

Das Vertrauen auf Gott wird erst dann echt, wenn es geprüft ist. Wenn aber die Seele zu beten beginnt, dann strömt die Gnade ins Herz und macht es still und ergeben in den Willen Gottes. Bei dem jungen Studenten aber wird das Vertrauen von Gott auf Herz und Nieren geprüft. Wo aber die Not am größten ist, das ist Gott am nächsten:

„In solcher Verzweiflungsnot, da lernt man erst die volle Armseligkeit und Hilfsbedürftigkeit des Menschen kennen, das restlose Angewiesensein auf Gott, den einzigen, unumschränkten Herrn über Leben und Tod; in solcher Hilflosigkeit, da lernt man das Beten, den Hilfeschrei des armen Menschen zu Gott; in solcher Menschenverlassenheit, da fühlt man, ich möchte sagen, greifbar die Nähe Gottes.
Und fürwahr! Als ich nach tiefinnigem Gebete die Hände weg vom Antlitz hob, da war ruhiger Friede ins Herz eingezogen, Stille zu Gott.“

Not lehrt beten, aber nur dann, wenn man noch genug Glauben hat und der Verzweiflung entgeht. Im Gebet spürt man den himmlischen Beistand, der uns doch von Gott verheißen ist. Gott ist nahe: „Tauet, Himmel, von oben. Ihr Wolken, regnet den Gerechten. Es öffne sich die Erde und sprosse den Heiland hervor.“ So betet und fleht die Seele in ihrer adventlichen Not – und findet wieder Mut und Zuversicht inmitten der unerträglichen Schmerzen:

„Erst ein still-andächtig Gebet um Kraft, dann die erste große, schwere Arbeit, aufzustehen und damit den zerbrochenen Fuß wieder in neue Lage zu bringen. Beim zweiten Versuch gelang es; aber ich mußte mich, auf dem linken Fuße nunmehr stehend, an die Felswand lehnen, vor Schmerz die Hände in die Ritzen des Gesteins pressend. Dann lenkte ich den Blick aufwärts, der Wand entlang, die 10—12 Meter steil empor stieg. Diese sollte ich aufwärtshanteln, mit zerbrochenem Fuße, mit wunden Schulterblättern! Aber wenn es ums Leben geht, vermag der Mensch zehnmal mehr, als er sich selber zutraut.
Vorsichtig, in kleinen Absätzen krallte ich die Finger in die Ritzen des zerklüfteten Gesteins. Langsam, fast dezimeterweise ging ’s aufwärts, bald etwas links, bald rechts ausbiegend, bald gerade aufwärts, wie halt das angstvoll prüfende Auge den besten Halt erschaute. Wenn nur immer, bis hinauf, Ritzen und Stützen genug, und nicht zu weit von einander entfernt zu treffen sind, wenn nur die Kraft nicht erlahmt! Wo auch der linke Fuß eine kleine Stütze findet, wird gerastet. Dann wieder aufwärts gegriffen. Die Zähne knirschend aufeinandergebissen, die Pulse fast hörbar hämmernd, geht es langsam aufwärts.“

Wie unsagbar mühsam ist der Aufstieg zu Gott! Wie schwer fällt es zuweilen, die schützenden und bergenden Hände des himmlischen Vaters noch wahrzunehmen. Und doch ist Er unser Vater und doch ist Er unser Erlöser. Aber wen Gott liebt, den prüft Er – und wen Er besonders liebt, den prüft Er ganz besonders. So ist es auch hier. Nach dem so schmerzhaften unsagbar mühseligen Aufstieg die niederschmetternde Erkenntnis, auf der falschen Seite aufgestiegen zu sein, so daß jegliche Aussicht, gefunden zu werden, erlischt:

„Alles, alles umsonst!
Wer solch grauenvolle Enttäuschung nicht selbst hat durchkosten müssen, der kann sich keine Vorstellung machen von der niederschmetternden Trostlosigkeit, die mich jetzt umfing.
Tränen wollten mir ins Auge steigen; aber mit ingrimmigem, heiserem Lachen zwang ich sie: sollen sie nützen? sollen sie trösten?
Wie gestern nachts unten in der Wasserschlucht, so entrang sich mir jetzt auf schwindelnder Kammhöhe die Bitte des Vertrauens: ‚Herr, mein Gott, in sinkender Nacht, auf welteinsamer Höh’, suche Deinen Diener, sonst geh’ ich zu Grunde, geh’ zu Grund an Blutverlust und Erschöpfung.‘
Der Herr aber wartete noch zu mit seiner Hilfe. Zum Schrecken des ersten Absturzes sollte neues, gleich großes Weh noch dazukommen.“

Als er endlich, nach Stunden der Schmerzen oben ist, wird er wieder ohnmächtig und stürzt nochmals ab. Diesmal nicht mehr in die Schlucht mit dem Wasserfall, sondern hinab in ein Schneefeld. Nun scheint endgültig jegliche Hoffnung auf Rettung zerronnen zu sein. Bleibt jetzt nur noch der Tod?

„Ein Gedanke beschäftigte mich jetzt vor allem andern: die Vorbereitung aufs Sterben. Von Zeit zu Zeit ein Aufflackern des erlahmenden Lebensmutes, dann wieder ein Beten und Bitten um ein selig’ Sterbestündlein, um ein ruhig Erlöstwerden aus all diesen Schmerzen.“

Wenn es doch wenigstens eine Erlösung gibt, dann kann man den Tod in Ruhe erwarten, dann gibt es wenigstens Rettung für die Ewigkeit. Was aber, wenn es gar kein Erlöstwerden aus all diesen Schmerzen gäbe, wenn nur die ewigen Schmerzen der Hölle übrig blieben? Das wäre unbeschreiblich furchtbar! Der Glaube an den Erlöser schenkt neuen Lebensmut. Er läßt durch alle Not hindurch die wunderbare Vorsehung Gottes durchschimmern. So ist es auch hier. Aber wiederum kommt zunächst eine Prüfung.

„Während ich — vielleicht war’s zwischen drei und vier Uhr — zum wolkenlosen Himmel starrte, sah ich plötzlich über die Kammhöhe, von der ich gestern Nacht abgerollt war, einen mächtigen Lämmergeier in majestätischem Fluge, in langsamem, breit ausgreifendem Flügelschlage herüberfliegen. Eigentlich war es ein imposantes Bild, diesen König der Lüfte im hellen Himmelsblau in selbstbewußter Ruhe hoch oben die Fittiche schlagen zu sehen. Und unwillkürlich folgten meine Augen, so gut es ging, seinem langsamen Fluge.
Doch — da hält er gerade über mir plötzlich inne, schießt in steilem Gleitflug die hundert Meter herab — mein Gott! Das Herz droht stille zu stehen ob des jähen Schreckens: Will er mich zerfleischen? Wild jagen die Pulse, die Nerven zittern, das Auge starrt brennend empor. Herr, mein Gott, soll mir denn wirklich gar nichts erspart sein von all dem Bitteren, von all dem Harten, was übers Menschenherz kommen kann? Muß ich den letzten Rest des Leidenskelches trinken? Wenn der wilde Raubvogel sich auf mich stürzt, mich zerfleischen will — bei Gott! Ich habe nicht mehr soviel Kraft, vor seinen scharfen Krallen, vor seinem spitzen Schnabel mich zu wehren. Mein Gott! Vor solch grauenvollem Ende bewahr ’ mich gnädig!
Noch während der Geier herabschoß, von Sekunde zu Sekunde näher, da kam mir der Gedanke: der Aasvogel geht nicht auf Lebendiges, wenigstens frißt er kein lebendiges Fleisch. Und in dieser momentanen Eingebung und zugleich im Ausbruche meines Entsetzens warf ich mich, mit allerletzter Kraft, unter qualvollem, heiserem Schmerzensschrei in die Höhe, schlug mit der linken Hand umher, nur um dem Raubtier zu zeigen, daß ich noch lebe.
Und wirklich: der Aar, in Zimmerhöhe ob meiner, schlug mit seinen mächtigen Schwingen aus und arbeitete sich wieder in Kammhöhe hinauf.“

Kaum ist die tödliche Gefahr vorüber, steigt neue Hoffnung auf:

„Ein tiefer Seufzer der Erleichterung, ein Aufatmen ob des Errettens aus höchster, furchtbarster Not, stieg aus der gequälten Brust. Und wieder arbeiteten die Gedanken fieberhaft: Was treibt den Aar in die Flucht? Vor einem Tiere, vor einer Gemse, eilt er nicht davon. Dann — halt — dann ist ein Mensch in der Nähe, vielleicht ein Adlerjäger, der wegab im steilen Felsgehege seine Beute anschleicht.
Ein Mensch in der Nähe, jetzt nach drei Tagen qualvoller Einsamkeit und Verlassenheit in Schnee und Fels: dieser Gedanke elektrisierte mich. …
Mit angehaltenem Atem, mit weit geöffnetem Auge blickte ich empor und glaubte undeutlich und doch erkennbar — einen Mann zu sehen, der auf kurze Zeit hinter einem der Felsen der Höhe hervorkam.
Da stieg in dieser bangen Sehnsucht nach Rettung unwillkürlich das Gelübde in meiner Seele auf zum Retter-Gott: ‘Herr, wenn’s wirklich endlich, nach drei Tagen ein Mensch ist, wenn er mich noch lebendig zu Tal bringt, wenn die schrecklichen Verletzungen auch nur einigermaßen geheilt werden, und — wenn ich doch noch Priester werden kann, dann will ich mit Deiner Gnade mein ganzes, mir neugeschenktes Leben ganz der Seelsorge der männlichen Jugend weihen.’“

Das Leben ist ein Opfer. In der höchsten Not und größten Gefahr bietet dieser junge Mann sein ganzes Leben Gott zum Opfer dar, zum Opfer für das Heil der Seelen. Was könnte dem göttlichen Erlöser wohlgefälliger sein? Nach dieser Ganzhingabe kommt der Retter – der Emmanuel, der Gott mit uns, in der Gestalt eines Menschen. Wie ergreifend ist diese Schilderung der Rettung:

„In jähem, freudigem Erschrecken ging’s mir alsogleich durch den Sinn: ein Mensch, ein Mensch! Dein Retter in letzter Notstunde! Jetzt nur schnell dich ihm bemerkbar machen!
Das Taschentuch lag auf der rechten Achsel. Mit der linken Hand griff ich hastig darnach, es zu schwenken. Doch war die Linke auch schon zu starr geworden, es zu halten. Schnell glitt das Tuch mir aus der Hand. Doch mir war ’s, wie wenn die Gestalt dort oben gestutzt, etwas innegehalten hätte — dann war sie hinter der nächsten Felszinne wieder verschwunden.
Und nun arbeitete die Seele. Eine Bitte nach der anderen, ein Flehen, heißer, inniger als das andere, stieg empor zum Himmel, zum Herrn über Leben und Tod. Herr, rette mich! Herr, führ ihn doch herab zu mir!“

Sind das nicht durch und durch adventliche Flehrufe: „O komm, o komm Emmanuel, mach frei Dein armes Israel. In Angst und Elend liegen wir und flehn voll Sehnsucht auf zu Dir.“ O, Gott weiß sehr wohl um unsere abgrundtiefe Not, Er kennt unser Elend ganz genau:

„Es schien mir unzweifelhaft, daß der Mann mich gesehen haben müsse. Nun wird er bald herabkommen und — mich retten. Ich zählte die Sekunden, die Minuten: er kann doch in fünf, nein, in zehn Minuten gewiß bei mir sein; dann schau’ ich wieder einem Menschen ins Antlitz, hör’ wieder eines Menschen Stimme, werde gerettet, gerettet!“

Wenn wir doch den himmlischen Retter, unseren Herrn Jesus Christus, so erwarten würden, wie dieser junge Mann seinen Retter aus der Bergnot! O, wie würde uns der Heiland retten, wenn wir Ihn uns retten ließen! Was würde Er alles für uns tun, wenn wir Ihm unsere Herzen ganz schenken würden? O, da würde es so sehr Weihnachten werden, daß man das Glück kaum mehr fassen könnte!

„Fünf— zehn — zwölf Minuten zählte ich, Sekunde für Sekunde — immer angstvoller: Sollte nun doch alles Trug und Sinnestäuschung gewesen sein?
Da vernahm ich von seitwärts her das Knirschen von Steinen, in die eine Eisenspitze einschlug — und plötzlich stand ein Mann vor mir, auf seinen Bergstock gestützt.
Ich kann ’s nicht beschreiben, wie mir zu Mute war, als ich in höchster Lebensnot den Retter vor mir sah. Mit weit aufgerissenen Augen, mit zurückgehaltenem Atem, mit vor Freude jagenden Pulsen lag ich da. Soll’s wahr sein, daß ich gerettet bin?
Nein, es war kein Traum, — Gott sei Dank, volle, glückliche Wirklichkeit. So hat also doch das Sprichwort recht: ‚Wo die Not am größten, da ist Gottes Hilfe am nächsten.‘ So hat also der Herr mir in die Bergwüste, ähnlich dem verschmachtenden Ismael, wirklich einen Engel zur Rettung gesandt! …“

Was für eine Freude, wenn der Retter da ist! Wenn der Advent in der hochheiligen Weihnacht uns den Erlöser schenkt. Wundersam lieblich als Kind in der Krippe liegend.

„Erst stand mein Retter — Pius Eller war sein Name, starr und still vor mir, mit beiden Händen seinen Bergstock umklammernd, vornüber geneigt; dann entrang sich ihm der Ruf der Verwunderung: ‚Also dercht ein Mensch!‘“

Genauso sollte auch unsere weihnachtliche Verwunderung sein: Also doch ein Mensch! Unser Gott ein Mensch. Da kommt man aus der Verwunderung gar nicht mehr heraus. In dieser grausigen Felsenwüste, dieser hoffnungslosen Sündenwüste ein Mensch, ein Mensch, der unser Gott und Erlöser ist. Was für eine unfaßbare Frohbotschaft!

„Es ist schwer zu sagen, wer von uns beiden, Pius oder ich, dazumal am meisten überrascht war, den anderen in dieser wild-einsamen Schneemulde zu sehen. Meines Retters erste Frage war nun: ,Ja, armer Häuter (armer Mensch), von wo kommst denn du da rein?‘
Und als ich mit meiner heiseren, verfallenen Stimme sagte, daß ich von dem Steilabfall, direkt ob meinem Haupte abgestürzt sei, wollte er es fürs erste noch gar nicht glauben. Kopfschüttelnd sagte er: ,Nein, mein Lieber! Von da droben kommt keiner lebendig runter‘.“

O doch, unser Erlöser kommt lebendig vom Himmel herunter zu uns und wir für uns ein Menschenkind. Wir müssen nur fest darum beten, daß unser Glauben lebendig genug ist, Ihn auch recht zu erwarten und unsere Herzen rein genug sind, Ihm eine Wohnung zu bereiten. Wie wir im Kirchengebet gefleht haben: „Biete Deine Macht auf, o Herr, und komm, wir bitten Dich, und eile uns zu Hilfe mit starker Macht, damit Dein verzeihendes Erbarmen durch den Beistand Deiner Gnade das Heil beschleunige, das unsere Sünden noch aufhalten… Amen.“