160 Jahre Lourdes

Heute jährt sich zum 160. Mal der Beginn der Erscheinungen Unserer Lieben Frau von Lourdes. Diesen Anlaß wollen wir mit folgendem Beitrag ehren.

Die Bedeutung der großen Marienerscheinungen in der Neuzeit

In der Neuzeit gibt es auffallend viele Marienerscheinungen. Will man den Sinn dieser Marienerscheinungen besser verstehen und ihre Bedeutung für uns richtig erfassen, muß man einen Blick in das göttliche Regiebuch der Geschichte werfen. Die göttliche Vorsehung steht über allem zufälligen Geschehen, Gott überschaut nicht nur die Jahrhunderte der Menschheitsgeschichte mit Seinem allwissenden Blick, ist Ihm doch nichts verborgen, Er lenkt auch alles, jedes einzelne Geschöpf zum ewig vorgegebenen Ziel hin.

Die Neuzeit ist eine Zeit des Niedergangs von Glauben und Sitten – wie es in der Heiligen Schrift vorhergesagt ist. Der Abfall von der übernatürlichen göttlichen Ordnung wird von Jahrhundert zu Jahrhundert immer dramatischer, und in den letzten Jahrzehnten haben sich die Ereignisse regelrecht überschlagen. Wie nach einem gewaltigen Deichbruch hat die Gottlosigkeit gleich einer Flutwelle das ehemals christliche Abendland überschwemmt. Dabei waren die Deiche schon so sehr durchlöchert, daß sie schließlich alle zugleich zusammenbrachen. Die Flutwelle war dementsprechend gewaltig!

Gott erweckt auch im Neuen Bund Seine Propheten, die den auftretenden Mißständen entgegentreten und die Menschen wieder und wieder wachrütteln, damit sie nicht in den immer stärker werdenden Strudel des Verfalls hineingezogen und in die Tiefe ewigen Verderbens gerissen werden. Die außerordentlichen Propheten des Neuen Bundes sind die Heiligen, das ordentliche Prophetenamt aber üben die Päpste aus. Das kirchliche Lehramt wacht über den Glauben und die Sitten des Gottesvolks des Neuen Bundes, die Heiligen erweisen jedem sichtbar die seelenverwandelnde Macht der Gnade. Beide – die Heiligen und das kirchliche Lehramt – haben vor Gott und von Gott vor allem die Aufgabe erhalten, den Katholiken den Weg zum Himmel zu weisen und sie auf diesem Weg sicher zu führen.

Von Seiner Ewigkeit aus übersieht Gott die Weltgeschichte und das ganze Weltgeschehen. Die Sorge um das ewige Heil Seiner Geschöpfe lenkt Sein beständiges Wirken in Seiner Schöpfung. In der Vorsehung Gottes begegnen sich göttliche Führung und geschöpfliche Freiheit. Beides wirkt geheimnisvoll ineinander. Was uns so schwer verständlich ist, ist grundlegend im Wirken Gottes: Die göttliche Führung hebt die Freiheit des Menschen nicht auf – und dennoch lenkt Gott alles sicher zum vorhergesehenen Ziel, wie es im Kirchengebet des Siebenten Sonntages nach Pfingsten so eindringlich heißt: „O Gott, dessen Vorsehung sich in ihren Anordnungen nicht täuscht, wir flehen in Demut zu Dir, Du mögest alles Schädliche von uns entfernen und alles Heilsame uns gewähren.“

Gottes Vorsehung und menschliche Willensfreiheit

Wir gewinnen so leicht angesichts der überall überhandnehmenden Gottlosigkeit den Eindruck, Gott hätte sich aus Seiner Welt zurückgezogen und Er würde größtenteils gar nichts mehr für sie tun. Aber wenn auch Gott den Menschen zur Strafe zuweilen sich selbst überläßt, so ist dieser Eindruck immer nur bedingt wahr. Der hl. Thomas von Aquin erklärt: „Gottes Vorsehung sorgt für alle Dinge gemäß ihrer Weise. … Dem Menschen und aller geistbegabten Kreatur aber ist es wesenseigentümlich, kraft ihres Willens zu wirken und Herr ihres Wirkens zu sein. Dem aber steht der Zwang entgegen. So zwingt Gott durch seine Hilfe den Menschen nicht, das Rechte zu tun“ (Summa contra Gentiles 3, 148). Die göttliche Vorsehung gewährt dem Menschen viel mehr Freiheit als wir ihm gewöhnlich zugestehen wollen. Zugleich aber mahnt Gott Seine Geschöpfe beständig, die von Ihm geschenkte Freiheit nicht zu mißbrauchen, wie der hl. Petrus in seinem ersten Brief so eindringlich schreibt: „Denn es ist Gottes Wille, daß ihr durch gutes Verhalten die unverständigen und unwissenden Menschen zum Schweigen bringt, als Freie, die ihre Freiheit nicht als Deckmantel der Bosheit mißbrauchen!“ (1 Petr. 2, 15f). Je mehr jedoch das Böse überhandnimmt, desto dringender wird auch die himmlische Mahnung zum Guten.

Die Mahnung des göttlichen Herzens Jesu

In der Neuzeit fällt zunächst die ernste Mahnung durch das göttliche Herz Jesu auf, das den gleichgültigen und untreuen Menschen Seine von ihnen verratene und verschmähte Liebe vor Augen hält. Am bekanntesten sind hierzu sicherlich die Erscheinungen unseres göttlichen Erlösers, welche die hl. Margareta Maria Alacoque hatte. In der Oktav des Fronleichnamsfestes, am 19. Juni 1675, sieht die Heilige Jesus, wie so oft, als sie vor dem Tabernakel kniet und betet. Er zeigt ihr sein Herz und sagt: „Sieh hier das Herz, das die Menschen so sehr liebt, daß es nichts gespart hat, um sich zu opfern, und zu erschöpfen in Liebesbeweisen; und als Dank empfange ich von den meisten Menschen nur Kälte, Unehrerbietigkeit, Verachtung und Sakrilegien in diesem Sakrament der Liebe. Was mich aber am meisten schmerzt, ist, daß Herzen, die Mir besonders geweiht sind, Mir auf diese Weise begegnen. Darum verlange Ich von dir, daß der erste Freitag nach der Fronleichnamsoktav ein besonderer Festtag zur Verehrung Meines Herzens werde; daß man an dem Tage sich dem heiligen Tische nahe, und einen Ehrenersatz leiste, zur Sühnung all der Beleidigungen, welche Meinem Herzen, seit es auf den Altären weilt, zugefügt wurden, und ich verspreche dir, daß Mein Herz diejenigen im reichsten Maße den Einfluß seiner Liebe fühlen lassen wird, die es verehren, und die sorgen, daß es auch von andern verehrt werde.“

Das Zeitalter Mariens in der Neuzeit

1. Die Erscheinung Mariens in Guadalupe

Während in der alten Welt das göttliche Herz Jesu um die Liebe der von IHM erlösten Menschen wirbt, beginnt in der neuen Welt schon das Zeitalter Mariens anzubrechen. Eine der bekanntesten Marienerscheinungen ist die von Guadalupe, Mexiko, die sich im Dezember 1531 ereignete. Der zum katholischen Glauben konvertierte Indio Juan Diego brach am 9. Dezember 1531 von Tolpetlac auf, um nach dem neun Meilen entfernten Tlatelolco zu wandern. Sein Weg führte ihn über hügeliges und steiniges Gelände.

In der Nähe des kleinen Berges Tepeyac hörte er plötzlich eine ungewohnte, überirdisch schöne Musik. Während er der Musik lauschte, rief plötzlich eine Frauenstimme seinen Namen. Als Juan Diego näher trat, erstrahlte vor ihm in einem leuchtenden Gewand eine Frauengestalt und von den Felssteinen schienen Strahlen zu sprühen. Juan fiel vor Schreck und Ehrfurcht auf die Knie. Die „edle Dame“ von unbeschreiblicher Schönheit trug Juan Diego auf, zum Bischof zu gehen und ihn zu bitten, er möge auf dem Berg eine Kirche bauen lassen. Schweren Herzens kommt Juan dem Wunsch der edlen Dame nach, geht zum Bischof, aber der glaubt dem Indio nicht und verlangt von ihm ein himmlisches Zeichen zur Bestätigung des Erzählten.

Juan Diego kam erneut am 12. Dezember 1531 zum Hügel der Marienerscheinungen und traf dort, wie zuvor versprochen, die himmlische Mutter an. Er soll auf den Gipfel des Hügels gehen, so sagte die Gottesmutter, und die dort trotz des kalten Dezembers wachsenden Blumen pflücken. Diese Blumen solle er zum Bischof tragen, dann werde er ihm glauben. Voller Freude machte sich Juan Diego wiederum auf den Weg in die Hauptstadt, zum Sitz des Bischofs und bat die Diener um Einlaß. Aber auch diesmal ließ man ihn zunächst lange im Vorhof warten. Erst als die Angestellten des Bischofs erstaunt auf die Blumen, die Diego in seinem Umhang, der Tilma, bei sich trug, blickten, ließen sie ihn zum Bischof. Was dort geschah wird im Urtext so geschildert:

„Und sobald die verschiedenen kostbaren Blumen zu Boden fielen, da verwandelte sie (die Tilma) sich dort in ein Zeichen, es erschien plötzlich das geliebte Bild der Vollkommenen, der heiligen Jungfrau Maria, der Mutter Gottes, in der Form und Gestalt, wie es jetzt ist. Dort, wo es jetzt aufbewahrt wird in ihrem geliebten kleinen Haus, in ihrem kleinen Heiligtum dort auf dem Tepeyac, der Guadalupe genannt wird. Und als der regierende Bischof es sah, und alle die dort waren, knieten sie nieder und bewunderten es sehr. Sie standen auf, um es zu sehen (…) das Herz, die Gedanken erstaunt… Und der regierende Bischof bat ihn unter Weinen und in Betrübnis um Verzeihung, daß er nicht gleich ihren Willen, ihren ehrwürdigen Hauch, ihr ehrwürdiges Wort ausgeführt hatte. Und als er aufstand, löste er von der Schulter, wo es zusammengebunden war, das Gewand, die Tilma von Juan Diego, auf der erschienen war, auf der sich in ein Zeichen verwandelt hatte die Königin des Himmels.“

Dieses außerordentlich schöne Wunder wirkte in der Folge viele, viele weitere Wunder in den Seelen der Menschen. Denn die Verehrung des Bildes der Gottesmutter von Guadalupe trug entscheidend zur Bekehrung der indianischen Bevölkerung Mittelamerikas zum katholischen Glauben bei und führte zum Ende der blutigen Menschenopfer und des aztekischen Kannibalismus. Über neun Millionen Azteken fanden durch die Gottesmutter von Guadalupe zum Glauben an Jesus Christus, den Sohn Gottes und Erlöser aller Menschen. Denn die Königin des Himmels hatte dem Indio bei ihrer ersten Begegnung auf dem Berg beteuert: „Ich bin eure erbarmungsreiche Mutter, die Mutter aller Menschen, all jener, die mich lieben, die zu mir rufen, die Vertrauen zu mir haben. Hier will ich auf ihr Weinen und ihre Sorgen hören und will ihre Leiden, ihre Nöte und ihr Unglück lindern und heilen.“

Aber nicht nur die Indios, sondern auch die Spanier hörten auf ihre himmlische Königin und anstatt gegeneinander Krieg zu führen, begann man, zu einem Volk zusammenzuwachsen. Die Verehrung der Gottesmutter von Guadalupe verbreitete sich sogar weit über Amerika hinaus. Im Jahre 1564 berichtete der Augustiner Andres de Urdaneta, daß die Verehrung der Gottesmutter von Guadalupe selbst auf den Philippinen angekommen war. Während also in der neuen Welt Millionen sich von den stummen Götzen zu Jesus Christus bekehrt haben – Maria könnte mit dem hl. Paulus zu all ihren Kindern sagen: „Denn überall wird erzählt, welche Aufnahme wir bei euch gefunden haben und wie ihr euch von den Götzen zu Gott bekehrt habt, um dem lebendigen und wahren Gott zu dienen.“ – fallen in der alten Welt Millionen vom Glauben ab und wenden sich wieder den stummen Götzen zu.

Der schwindende Einfluß der katholischen Kirche in der Alten Welt

Während der sog. Reformation formierten sich ab Mitte des 16. Jahrhunderts und im 17. Jahrhundert zwar die katholischen Verteidigungskräfte nochmals neu und können auch Teilerfolge erzielen, aber der prägende Einfluß der Kirche auf die Gesellschaft ist weiter am Schwinden. Ja, die Lage für die Kirche wird von Jahrhundert zu Jahrhundert immer bedrohlicher.

Angesichts dieser geistigen Katastrophe trat im 19. Jahrhundert auch in der alten Welt die himmlische Königin noch mehr in den Vordergrund. Der Aufruf des göttlichen Herzens Jesu an alle Katholiken, dieses Herz nicht mehr zu beleidigen, sondern zu lieben, zu ehren und anzubeten hatte keine allgemeine Umkehr der Völker mehr gebracht. Zwar wuchs die Verehrung des Heiligsten Herzens Jesu in der ganzen katholischen Welt, aber der Einfluß der Kirche auf die Öffentlichkeit war insgesamt nicht mehr stark genug, um dem immer weiter um sich greifenden geistigen und sittlichen Verfall erfolgreich entgegenzuwirken. Die Gesamtentwicklung der Gesellschaft wurde mehr und mehr antichristlich.

Da ist es nur zu begreiflich, daß die Sorge der himmlischen Königin um das ewige Heil ihrer Kinder immer drängender und größer wird. Schon im letzten Buch der Heiligen Schrift, der Geheimen Offenbarung des hl. Apostels Johannes, wird auf das große Zeichen der Endzeit verwiesen: „Und am Himmel erschien ein großes Zeichen: eine Frau, bekleidet mit der Sonne und der Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt eine Krone von zwölf Sternen“ (Apk. 12,1). Der Teufel haßt diese Frau, die ihn aufgrund ihrer unbefleckten Empfängnis vollkommen besiegt hat. So entbrennt ein unerbittlicher Kampf: „Als der Drache sah, daß er auf die Erde geworfen war, verfolgte er die Frau, die den Knaben geboren hatte. Der Frau aber wurden die zwei Flügel des großen Adlers gegeben, damit sie in die Wüste an ihren Ort fliege, wo sie, weg vom Angesicht der Schlange, eine Zeit, Zeiten und eine halbe Zeit ernährt werden sollte. Die Schlange stieß aus ihrem Rachen der Frau einen Wasserstrom nach, damit sie von den Fluten fortgerissen werde. Aber die Erde kam der Frau zu Hilfe: Die Erde öffnete ihren Schlund und verschlang den Fluß, den der Drache aus seinem Maul geschleudert hatte. Da geriet der Drache in Zorn über die Frau und ging hin, um Krieg zu führen mit den übrigen ihrer Nachkommenschaft, die Gottes Gebote beobachten und festhalten am Zeugnis von Jesus“ (Apk. 12, 13-17).

Je mehr sich dieser Kampf endzeitlich zuspitzt, desto mehr tritt auch Maria in den Vordergrund und an die Spitze ihrer Armee, die den geistigen Kampf des Lichts gegen die Finsternis auszufechten hat. Gerade diese Tatsache zeigt sich jedem anhand der bedeutenden, von der Kirche anerkannten Marienerscheinungen der letzten zwei Jahrhunderte.

2. Die Marienerscheinungen in Frankreich

Die göttliche Vorsehung wählt für die ersten drei großen Erscheinungen Frankreich aus. Das Frankreich der Revolution, das Frankreich, in dem der antichristliche Geist die Gesellschaft schon weitgehend durchsäuert hat, in dem aber auch noch viele Gutgesinnte auf Hilfe warten.

2.1. Paris 1830

Unsere himmlische Mutter erscheint zunächst im Jahr 1830 im Kloster der Barmherzigen Schwestern in der Rue du Bac in Paris mehrmals der hl. Katharina Labouré. Während des Stundengebetes abends um halb sechs, am 27. November, dem Samstag vor dem 1. Advent, hört Katharina wieder das Rascheln des seidenen Kleides, welches gewöhnlich das Kommen Mariens anzeigt. Sie schaut auf und sieht die heilige Jungfrau oben beim Gemälde des hl. Josef, zur Rechten des Altars. Die Heilige Jungfrau trägt ein weißes Kleid, das von der Morgenröte umgeben ist. Ihr Kopf ist mit einem Tuch aus der gleichen Farbe bedeckt, das ihr bis zu den Füßen reicht, die auf der Weltkugel stehen. In den erhobenen Händen hält Maria eine Kugel, und ihre Augen sind zum Himmel emporgerichtet. Katharina hört die Gottesmutter sagen: „Diese Kugel stellt die Welt dar, Frankreich und jeden einzelnen Menschen.“ Katharina sieht zudem mehrere Ringe an ihren Händen, „die mit den allerschönsten Steinen bedeckt sind und die allerschönsten Strahlen aussenden“. Die Strahlen werden nach unten breiter. Der hl. Katharina wird erklärt, daß „die Strahlen das Symbol für die Gnaden sind, die ich all den Menschen schenke, die mich darum bitten“. Hierauf gibt die heilige Jungfrau ihr zu verstehen, wie freigiebig sie all denen gegenüber ist, die sie darum bitten, und welche Freude sie dabei empfindet, die Gnaden zu schenken.

Schließlich entsteht vor den Augen der hl. Katharina ein neues Bild – „…eine Frau, bekleidet mit der Sonne und der Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt eine Krone von zwölf Sternen“ –, an dessen oberer Kante in goldenen Buchstaben zu lesen ist: „O Maria, ohne Sünde empfangen, bitte für uns, die wir zu Dir unsere Zuflucht nehmen.“ Als Erklärung hört Katharina eine Stimme: „Nach diesem Vorbild laß eine Medaille prägen. All die Menschen, die sie um den Hals tragen, werden große Gnaden erhalten. Die Gnaden werden denen im Übermaß gegeben, die vertrauensvoll die Medaille tragen.“ Auch die Rückseite der Medaille wird Katharina gezeigt. Sie sieht den Buchstaben M unterhalb eines Kreuzes und darunter das Heiligste Herz Jesu und das Unbefleckte Herz Mariens.

Man müßte schon sehr blind sein, würde man die Ähnlichkeit des Bildes der Frau mit jener Frau aus der Geheimen Offenbarung nicht sehen. Es erscheint wie eine Erinnerung des Himmels an alle Kinder Mariens, jetzt ist die Zeit gekommen, in der ihr euch ganz besonders dem Schutz Mariens anvertrauen müßt, denn die Zeit des Antichrist naht, und ohne die Hilfe der Immakulata könnt ihr den immer raffinierteren und hinterhältigeren Angriffen des Teufels nicht widerstehen. Das Tragen der Wunderbaren Medaille ist nichts anderes als der sichtbare Ausdruck unserer vollkommenen Hingabe an Maria und durch sie an ihren göttlichen Sohn, Jesus Christus. Darum die beiden Herzen auf der Rückseite der Wunderbaren Medaille und der Buchstabe M mit dem Kreuz: Vereint mit den Herzen Jesu und Mariens tragen wir mit der Hilfe Mariens treu unser Kreuz.

Erst nach der Überwindung von vielen und großen Schwierigkeiten kann die Medaille endlich geprägt werden und tritt als „Wunderbare Medaille“ den Siegeszug in der katholischen Welt an. Die Wunderbare Medaille zeigt dem Katholiken sozusagen das himmlische Aktionsprogramm, damit er den endzeitlichen Kampf gegen die übermächtig werdenden Mächte der Finsternis bestehen kann.

2.2. La Salette 1846

Im Jahre 1846 folgt die Erscheinung der weinenden Gottesmutter auf dem Berg in La Salette. Wie wir schon ausgiebig gezeigt haben, wurden die aufrüttelnden und mahnenden Worte der Gottesmutter vor allem vom Klerus nicht geglaubt. Bischöfe und Priester taten alles, um die Seherkinder und die Botschaft von La Salette unglaubwürdig zu machen. Offensichtlich hatten nur noch wenige Führungskräfte der Kirche die geistige Größe und den notwendigen übernatürlichen Glaubensgeist, den Ernst der Lage zu erkennen und die angebotene himmlische Hilfe anzunehmen. Maria hatte natürlich auch das vorausgesehen und darum der Hirtin von La Salette gesagt: „Mélanie, was ich dir jetzt sagen werde, wird nicht immer geheim bleiben; du wirst es im Jahre 1858 bekanntmachen können.“

Melanie tat zwar alles, um dem himmlischen Auftrag entsprechend zu handeln, aber es war eine äußerst schwierige Mission und die vollständige Veröffentlichung der Großen Botschaft zog sich noch zwei Jahrzehnte hinaus. Rückblickend gewinnt man den Eindruck, daß letztlich nur noch der Papst und ganz wenige Getreuen die Botschaft von La Salette recht verstanden haben und dementsprechend ernst nahmen. Pius IX. definierte 1854 das Dogma von der unbefleckten Empfängnis Mariens und stellte diesem Dogma korrespondierend für die Kirche das Dogma von der Unfehlbarkeit des kirchlichen Lehramtes zur Seite. Die gottlose und liberale Welt tobte vor Hohn und vor Zorn.

2.3. Lourdes 1858

Der Himmel jedoch ließ sich durch den vielfältigen Widerstand nicht davon abhalten, im Jahre 1858 nochmals in außergewöhnlicher Weise tätig zu werden. In diesem Jahr rückt eine kleine Stadt am Fuß der Pyrenäen in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Versuchen wir zunächst nochmals einen Blick ins göttliche Regiebuch zu werfen, denn die Ereignisse von Lourdes kann man nur im großen geschichtlichen Zusammenhang ganz verstehen.

Nach der großen Revolution von 1789 und den daraus folgenden Kriegen kommt Europa nicht mehr zur Ruhe. Es beginnt der Sturz der Throne, die stillschweigende Voraussetzung für eine immer gottloser werdende Politik. Diese Revolution hat sich letztlich den Königsmord besonders auf die Fahne geschrieben, und die Revolutionäre waren und sind Königsmörder, entweder tatsächlich oder ideell – Königsmörder im Namen der Demokratie und der Menschenrechte. Hierzu ein Kuriosum: Der Revolutionär Robespierre soll einerseits ein Gegner der Todesstrafe gewesen sein, was ihn aber andererseits durchaus nicht daran hinderte, ausdrücklich die Hinrichtung des Bürgers Louis Capet – König Ludwig XVI. – zu befürworten und Tausende guillotinieren zu lassen. Offensichtlich hatte ein König keine Menschenrechte, wie auch alle Gegner der Revolution – obwohl doch angeblich alle Menschen gleich sein sollten. François Furet bemerkt in seinem Buch über „Die Französische Revolution“ ganz zu Recht: „Der Gesalbte Gottes, der mit allen Heilskräften Begabte wird ein für allemal mit Ludwig XVI. zu Staub. Man kann zwar zwanzig Jahre später die Monarchie wieder aufrichten, nicht aber die Mystik des geweihten Königs.“

Als die himmlische Königin 1830 in der Rue du Bac in Paris erschien, war Paris schon keine Königsstadt mehr. Napoleon hatte sich zwar „Kaiser“ der Franzosen genannt, aber er war kein Gesalbter Gottes mehr, deswegen haben ihn selbst die Revolutionäre wieder als „Kaiser“ akzeptiert. Es ist eine geschichtliche Tatsache: Fortan gibt es keine Königreiche mehr, es gibt nur noch Demokratien und Diktaturen.

Es ist jedenfalls beachtenswert, Maria wählt das Zentrum der großen Revolution, Paris, um der katholischen Welt sich als jene Frau in Erinnerung zu rufen, die dem Satan den Kopf zertreten hat und seitdem Krieg gegen ihn führt. Die himmlische Königin beginnt ihre restlichen Königskinder für den endzeitlichen Kampf zu sammeln und unter ihren Schutzmantel zu nehmen. Die Wunderbare Medaille soll bei ihren Kindern das Vertrauen in den Schutz und die Hilfe der Königin des Himmels stärken. Die vielen Wunder, die Maria aufgrund des Glaubens ihrer Kinder durch dieses Bild wirkt, sollen die Herzen aus Stein erweichen.

Der Wunderbaren Medaille folgt die weinende Gottesmutter von La Salette. Das Weltendrama wird schließlich immer ernster und die himmlischen Mahnungen dementsprechend immer drohender: „Wenn mein Volk sich nicht unterwerfen will, bin ich gezwungen, den Arm meines Sohnes fallen zu lassen. Er ist so schwer und drückend, daß ich ihn nicht mehr zurückhalten kann. Wie lange leide ich schon für euch! Wenn ich will, daß mein Sohn euch nicht aufgibt, bin ich gezwungen, ihn ohne Unterlaß zu bitten. Ihr aber macht euch nichts daraus. Ihr könnt beten und tun so viel ihr wollt, niemals werdet ihr vergelten können, was ich alles für euch getan habe!“

Man meint unwillkürlich, wenn man die Botschaft der weinenden Jungfrau von La Salette hört und ihre Tränen sieht, diesem Bitten Mariens kann doch niemand widerstehen. Und doch sind es nur noch wenige, die auf die Stimme der himmlischen Mutter hören. Es bessert sich nichts mehr, sondern es folgen die Revolutionen von 1848. Der Abfall vom katholischen Glauben schreitet unaufhaltsam voran. Man kann es kaum fassen, blickt man auf die vielen Heiligen dieses 19. Jahrhunderts, auf die vielen Klostergründungen, auf das große Bemühen der Kirche, den Sauerteig der Welt mit himmlischer Gnade zu durchsäuern. Die Not-Wende gelingt nicht mehr. In La Salette hatte es Maria prophezeit: „Für eine Zeitlang wird Gott weder Italiens noch Frankreichs gedenken, weil das Evangelium Christi ganz in Vergessenheit geraten ist. Die Bösen werden ihre ganze Bosheit entfalten. Man wird sich töten, man wird sich gegenseitig morden bis in die Häuser hinein.“

Weil das Drama gar schon so furchtbar ist, ersinnt der Himmel nochmals eine neue List – so könnte man es wohl am besten nennen. Eine himmlische List, um die verlorenen Herzen zurückzuerobern. Maria kommt nochmals nach Frankreich, um eine große Botschaft zu bringen – diesmal nicht so sehr in Worten, als vielmehr in bewundernswerten Taten. Dazu wählt der Himmel eine jener außergewöhnlichen Seelen aus, die einen armen sündigen Menschen in höchstes Erstaunen versetzen: Bernadette Soubirous.

Es soll nun nicht unsere Aufgabe sein, die Geschehnisse von Lourdes nachzuerzählen. Wer sich in diese Geschehnisse hineinversenken möchte, der kann das Büchlein „Die heilige Bernadette und ihr Rosenkranz“ zur Hand nehmen. Wir wollen vielmehr versuchen, die himmlische Bedeutung von Lourdes aufzuzeigen, also das, was im göttlichen Regiebuch der Weltgeschichte darüber steht und auch heute noch aktuell ist.

In einem weltlichen Geschichtsbuch würden die Ereignisse von Lourdes sicherlich keine Erwähnung finden – vollkommen unbedeutend, so würde der Historiker urteilen. Was aber war 1858 von weltgeschichtlicher Bedeutung? Wie sah es damals in der Welt aus?

Europa im Jahre 1858

In Frankreich war erst vor kurzem das Attentat des Grafen Felice Orsini auf Napoleon III. fehlgeschlagen. Der Graf hatte das Attentat zwar überlebt, aber gegenüber der Oper war die Straße mit Toten und Verwundeten übersät. Seit dem Staatsstreich von 1851 war es schon das siebente Komplott gegen den Kaiser. Dieser reagierte auf das Attentat mit dem Gesetz der Sûreté Générale, womit er die Pressefreiheit wesentlich einschränkte und der Polizei das Recht gegeben wurde, jeden jederzeit verhaften zu können. Werke gegen die Religion wurden verboten. Der Kaiser schonte nämlich die Katholiken, um die Kirche vor den Karren seiner eigenen Politik spannen zu können. Er selber war ungläubig, auch wenn er sich alle Mühe gab, den Anschein von Frömmigkeit zu erwecken und zu diesem Zweck sogar eine Wallfahrt nach Sainte-Anne d’Auray machte.

Dennoch hatte sich Pius IX. geweigert, Napoleon III. zu krönen, hatte ihm doch die Gottesmutter in La Salette geraten: „Er traue dem Napoleon nicht. Sein Herz ist doppelzüngig (falsch). Und wenn er gleichzeitig Papst und Kaiser sein will, wird sich Gott bald von ihm zurückziehen.“ Der Papst willigte jedoch ein, der Taufpate des kaiserlichen Prinzen zu werden. Die Kaiserin bewahrte in ihrem Schlafzimmer die goldene Rose auf, die der Papst überreicht hatte. Mit dem Krieg gegen Italien wird der Kaiser schließlich seine Maske fallen lassen, aus dem einstigen „Verteidiger“ wird ein „Pilatus“ werden.

Zwischen 1853 und 1855 hat die Cholera, diese uralte Krankheit, in Frankreich zweihunderttausend Opfer gefordert. Selbst in Lourdes gab es während der Cholera-Epidemie 38 Tote. Die hl. Bernadette wurde damals ebenfalls angesteckt und litt deswegen zeitlebens unter Asthma. 1856 folgte eine große Hungersnot, so daß die Regierung kostenlos Mehl verteilen ließ.

All das Elend hinderte jedoch die Leute nicht, mit großem Anfangsbuchstaben überall das Wort „Fortschritt“ daraufzuschreiben. Die erste Pariser Weltausstellung 1855 zieht über 5 Millionen Besucher an und eröffnet für die Zukunft unermeßliche industrielle Möglichkeiten. Im Jahre 1852 hat Frankreich noch ein bescheidenes Schienennetz von dreitausend Kilometern. Im Jahre 1858 ist es schon auf sechzehntausend Kilometer angewachsen. Durch die wirtschaftlichen Möglichkeiten erwacht der Spekulationsgeist, Banken schießen wie Pilze aus der Erde, Mammon, der Gott des Geldes, beginnt seinen weltweiten Siegeszug.

Zudem rückt die Welt immer enger zusammen, der Telegraphendienst wird der Öffentlichkeit übergeben und das erste Kabeltelegramm über den Atlantischen Ozean versandt. Die Transatlantische Gesellschaft verbindet den Alten und den Neuen Kontinent und demnächst wird die Suezkanalgesellschaft gegründet werden. Die „Brave New World“, die „Schöne neue Welt“ aus dem Zukunftsroman von Aldous Huxley, zeichnet schon damals ihre ersten Konturen in die wirkliche Welt.

In Großbritannien hat das viktorianische Zeitalter begonnen, schon damals regiert Königin Victoria. Im Reich der Habsburger hat Kaiser Franz Joseph I. schon fast 10 Jahre das Zepter der Macht in der Hand und wird es noch knapp weitere 58 Jahre in Händen halten. Viktor Emanuel II. ist König von Italien und der König von Preußen, Friedrich Wilhelm IV., überlebte das zweite auf ihn verübte Attentat und war der erste preußische König, der in Karikaturen verhöhnt wurde. Könige hatten es schwer in der „Schönen neuen Welt“, waren sie doch darin nicht mehr vorgesehen. In der Politik beginnt sich allmählich der internationale Sozialismus zu formieren. Durch die industrielle Revolution wird er reichlich Gelegenheit bekommen, sein revolutionäres Potential auszubauen.

So sieht also ein ganz kurzer, geraffter Blick in die weltgeschichtliche Lage aus – aber was sieht Gott, der die Herzen durchforscht, wenn er auf diese verborgene, inwendige Welt der Seelen schaut?

„Selig die Armen im Geiste“

In Lourdes macht sich ein 14-jähriges Mädchen auf, um Schwemmholz und einige Knochen zu sammeln, die man bei der Lumpensammlerin Alexine Baron um ein paar Sous verkaufen konnte, denn es ist kalt und die Familie ist arm. Da man nach anfänglichem Mißerfolg bei der Suche den Hinweis bekommt, in der Grotte von Massabielle würde man sicher nach dem kürzlichen Hochwasser genügend Holz finden, macht man sich auf den Weg dorthin.

Bernadette Soubirous ist ein unscheinbares Mädchen, das vor allem dadurch auffällt, daß sie unauffällig ist und es auch sein möchte. In der Schule fällt sie dennoch auf, aber nur durch ihr schlechtes Gedächtnis und ihre häufigen Asthmaanfälle. Die Soubirous leben im ehemaligen Kerker der Stadt, einem feuchten Loch, das billig genug ist, damit man wenigstens ein Dach über dem Kopf hat. Der Kerker ist natürlich nicht der richtige Ort für ein asthmatisches Mädchen, aber die Soubirous gehören zu den Ärmsten des kleinen Städtchen Lourdes.

Nun, gerade dieses einfache Mädchen, das von den Menschen geringgeachtet wird, wird vom Himmel in einer Weise hochgeschätzt, die einen unwillkürlich nachdenklich macht. Die himmlische Königin hat dieses Mädchen gebeten: „Wollt Ihr die Güte haben und fünfzehn Tage lang hierher kommen?“ Bernadette bemerkt später dazu: „Ich war so erstaunt! Noch nie hatte mich jemand mit solcher Achtung behandelt! Die Erscheinung hatte sich mit ‚voi‘ an mich gewandt und gesagt: ‚Wollt Ihr die Güte haben…?‘.“ Das französische „vous“ (Euch) ist in der Tat ein Zeichen von Vornehmheit und Achtung.

Bernadette Soubirous steht in einem scharfen Kontrast zu der modernen Welt, die damals überall entsteht, dieser Welt des Fortschrittsglaubens und der Technik, dieser Welt des Zweifels und der Vergnügungssucht, dieser Welt ohne Gott und Ewigkeit. Gott erwählt dieses unwissende Mädchen, das fast nichts in ihren harten Schädel bekommt, um das wesentliche Wissen aufzuzeigen. Bernadette hatte zwar ein schlechtes Gedächtnis – für irdische Dinge, muß man hinzufügen, himmlische verstand sie erstaunlich schnell und gründlich und diese konnte sie sich ausgezeichnet merken – aber sie war durchaus nicht dumm, sondern geistig sehr aufgeweckt, was sich oftmals in ihrer beeindruckenden Schlagfertigkeit zeigte. In der Lebensbeschreibung von Michel de Saint Pierre heißt es: „Gesunder Menschenverstand, Behendigkeit, Munterheit, gutes Gedächtnis, Intelligenz, kindliche Lauterkeit des Geistes, Seelenstärke. Man wird nie alle guten Antworten Bernadettes zitieren können, die in der großen, reinen Linie der Jeanne d’Arc zu liegen scheinen.“

Gott wollte wohl diesen Kontrast durch die Wahl Bernadettes möglichst deutlich machen. Jeder, der Augen hat zu sehen, konnte und sollte es sehen: Dieses Mädchen Bernadette ist noch in einer Weise in der Welt Gottes zuhause, die den Geist der Moderne ganz spontan als Irrweg entlarvt. Bernadette macht während der Erscheinungen die Wirklichkeit des Himmels auf eine ganz einfache und, man möchte fast sagen, natürliche Weise sichtbar und erweist allein durch ihr ganzes Wesen den irrsinnigen Wahn einer Welt ohne Gott.

Dieses zutiefst beeindruckende Zeugnis des kleinen Mädchens von Lourdes können die Feinde nicht ertragen und reagieren deswegen darauf mit unverhohlenem Haß: „Die kleine Komödiantin des Müllers von Lourdes versammelte an diesem Morgen des 1. März unter dem Felsen von Massabielle noch einmal an die zweitausendfünfhundert Einfaltspinsel um sich. Unmöglich, die Verdummung und moralische Blödsinnigkeit dieser letzteren zu beschreiben. Die Hellseherin bedient sich ihrer wie einer Schar von Affen und läßt sie Mummenschanz jeder Art treiben. Da die Wahrsagerin an diesem Morgen keine Lust hatte, die Gottbegeisterte zu spielen, erfand sie, um Abwechslung in die Übungen zu bringen, nichts besseres als sich zur Priesterin zu machen. Sie setzte sich aufs hohe Roß ihrer Autorität, ließ sich von den Betbrüdern die Rosenkränze überreichen und gab dann den Segen über alles.“ So schrieb damals ein liberales, aufgeklärtes Pariser Schmierblatt.

Diese vollkommen souveräne, gnadenhafte Einfachheit Bernadettes ist wohl ein entscheidender Grund im göttlichen Regiebuch gewesen, dieses Mädchen als Botin der Immakulata auszuwählen. Als eine Oberin Bernadette einmal fragt: „Haben Sie gar keine Anfechtungen von Hoffart verspürt, so von der Heiligen Jungfrau bevorzugt zu sein?“ antwortet diese: „Was für eine Vorstellung haben Sie von mir? Als ob ich nicht wüßte, daß die heilige Jungfrau mich nur deshalb erwählt hat, weil ich die Unwissendste war? Wenn sie eine Unwissendere gefunden hätte, so würde sie diese erwählt haben.“ Und ihre Mitschwester Victorine wundert sich jedesmal wieder aufs Neue darüber, bei diesem sehr jungen Mädchen niemals auch nur das geringste Anzeichen von Eitelkeit, Eigenliebe oder Hoffart in Bezug auf die außergewöhnliche Gunst, die sie empfangen hat, bemerken zu können.

Es ist evident, eine solche Demut kann der moderne, seinem Wesen nach stolze Mensch nicht mehr verstehen und wohl auch nicht mehr ertragen. Umso mehr hat aber Gott daran Gefallen, denn es ist wahr, im Himmel sind die Dinge anders als bei uns auf der Erde. Während der 18 Erscheinungen der Gottesmutter in Lourdes war niemals auch nur mit einem Wort die Rede von Fortschritt und Technik oder den neuesten Erkenntnissen und Errungenschaften der Wissenschaft, auf die man damals schon so stolz war. Im Himmel zählt das alles sehr wenig oder letztlich gar nichts, im Himmel zählt nämlich nur die Gnade, durch welche die Seele geheiligt und in die Welt Gottes eingebunden wird.

Wie und wo könnte man das wieder besser verstehen lernen als im Jahr 1858 in Lourdes? Schauen wir also weiter ins himmlische Regiebuch dieser faszinierenden Ereignisse. Man braucht nicht nur eine Botin, man braucht auch einen Ort. Wie wir schon erwähnt haben, beginnt Maria ihre himmlischen Besuche in Paris, der königlosen Hauptstadt der Revolution. Ganz verborgen vor den Augen der Welt gibt sie dort der hl. Katharina Labouré ihren Auftrag, eine Medaille prägen zu lassen. Sodann steigt sie, wie Moses auf den Sinai, in den Alpen auf den Berg von La Salette und erscheint auf fast 1800 m zwei Hirtenkindern, denen sie mit der Großen Botschaft einen Schlüssel zum Verständnis der anbrechenden apokalyptischen Zeit überreicht.

Schließlich wendet sie ihren Blick nach Lourdes, einem bescheidenen Städtchen mit 4135 Einwohnern am Fuß der Pyrenäen. Also von der Großstadt Paris über den Gesetzesberg in die entlegene Provinz. Dort sieht sie ein Mädchen und eine Grotte. In Lourdes sagte man von ganz ungehobelten Leuten: „Er muß in der Grotte von Massabielle aufgewachsen sein.“ So passen sie also gut zusammen, das ärmste Mädchen von Lourdes und diese Grotte, um die Menschen eines Besseren zu belehren – „Als das Kindlein durch den Wald getragen, da haben die Dornen Rosen getragen! Jesus und Maria.“ Ja, auch in der Grotte gab es einen Rosenstrauch und eine Wildnis.

Wie aber erweckt man diese Wildnis zu neuem, übernatürlichem Leben? Bernadette erzählt es unzählige Male so: „Ich kehrte vor die Grotte zurück und begann, meine Schuhe auszuziehen. Ich hatte kaum einen Strumpf ausgezogen, als ich ein Geräusch ähnlich einem Windstoß hörte. Ich drehte mich gegen die Wiese hin und bemerkte, daß die Bäume reglos dastanden. Ich zog mich weiter aus und hörte noch einmal dasselbe Geräusch. Ich erhob den Kopf zur Grotte und bemerkte eine weißgekleidete Dame. Ich war überrascht. Ich glaubte, einer Täuschung zu unterliegen und rieb mir die Augen. Aber vergebens: ich sah immer noch dieselbe Dame..… Da steckte ich meine Hand in die Tasche und nahm den Rosenkranz heraus. Ich wollte mich bekreuzigen, aber ich war dazu nicht imstande, da es mir nicht gelang, die Hand zur Stirne zu heben. Ich war sehr erschrocken. Die Dame nahm den Rosenkranz, den sie zwischen den Händen hatte und bekreuzigte sich. Ich probierte es ebenfalls noch einmal und es gelang mir. Sobald ich mich bekreuzigte, verschwand das Schreckgefühl.“

Könnte man es eindringlicher demonstrieren, durch Kreuz und Gebet werden die Dornen wieder Rosen tragen – wenn man nur die himmlische Königin nachahmt. Bernadette ist eine sehr aufmerksame Beobachterin und äußerst gelehrige Schülerin der himmlischen Jungfrau. Als sie einmal vor Frau Millet das Kreuzzeichen macht, weit ausholend, von solcher Anmut und gleichzeitig von solcher Hoheit, fragt diese erstaunt: „Woher hast du das?“ Bernadette mit einem Lächeln, das sie augenblicklich verwandelt: „So bekreuzigt sich das kleine Fräulein.“

Das kleine Fräulein hat ihr ein seltsames Versprechen gegeben: „Ich verspreche Ihnen nicht, Sie in dieser Welt glücklich zu machen, aber in der anderen.“ Und Maria macht ihr Versprechen sehr schnell wahr, denn alle Zeugen, alle Biographen sind sich in der Feststellung einig, daß das Kind in den Jahren 1858-1859 von seinem Asthma zerrissen, von der Volksmenge gehetzt, belauert, verwarnt, verletzt, erschöpft wird. Als Bernadette eines Tages gefragt wird: „Das Wasser der Grotte heilt die anderen Kranken. Warum bringt es Ihnen keine Heilung?“ entgegnet diese: „Die Heilige Jungfrau will vielleicht, daß ich leide!“ Auf die erneute Frage: „Warum will sie, daß Sie leiden?“, erwidert sie: „Oh! Weil ich es wohl nötig habe!“ – „Und warum haben Sie es nötiger als andere?“ „Das weiß der Liebe Gott.“ Was für ein opferstarker Glaube und was für eine feine, heilige Diskretion! Es geht darum, Dornen in Rosen zu verwandeln, das geht nur durch Gebet und Buße, beharrliches Gebet und Opferliebe.

Über die entscheidenden Worte bei der achten Erscheinung berichtet Bernadette. „Heute hat das kleine Fräulein dreimal ein neues Wort ausgesprochen ‚Buße!‘. Sie hat hinzugefügt: ‚Betet zu Gott für die Sünder!‘ Und ich habe ‚ja‘ gesagt.“ Auf die Frage: „Um was hat sie dich noch gebeten?“, antwortet sie: „Sie hat mich gebeten, auf den Knien bis nach hinten in die Grotte zu rutschen und die Erde zu küssen im Zeichen der Buße für die Sünder.“ Also nochmals, das Entscheidende ist Gebet und Opfer, tatkräftige Opfer. Im Kloster von Nevers wird Bernadette in ihr Notizheft schreiben: „Unaufhörlich sterbe ich in mir selbst, ertrage in Frieden den Schmerz, arbeite, leide und liebe ohne andere Zeugen als sein Herz… In der Liebe zum Kreuz findet man sein Herz, denn die göttliche Liebe lebt nicht ohne Schmerz.“ Ja, Leiden und Schmerz gab es in ihrem Leben übergenug.

Himmlische Zeichen

In Lourdes ist alles, was dort ist und was geschieht, Symbol, Realsymbol für die Wahrheiten unseres Glaubens. Maria ruft Bernadette zur Grotte und weist sie auf das Wesentliche hin: Gebet und Opfer. Ohne Gebet gibt es keine Erhörung und ohne Kreuz gibt es keine Auferstehung. Die eigentliche Tragik der modernen Zeit ist, daß die Leute kreuzesmüde geworden sind, weil sie nicht mehr an die geheime Kraft des Opfers aus Liebe zu Jesus Christus glauben. Die Erscheinungen von Lourdes beginnen am Donnerstag vor Quinquagesima, also am sog. schmutzigen Donnerstag, der in vielen Gegenden der Beginn des Höhepunkts der Faschingszeit ist. Für Bernadette gibt es keinen Fasching – und Bernadette braucht auch keinen Fasching. Wer einmal das wunderschöne Fräulein in weiß gesehen hat, der findet in dieser Welt nichts mehr, was ihm wirklich Freude machen kann.

Als eine Schwester ihr einmal ein Bild einer Notre-Dame du Sacre-Coeur zeigte, die sie so schön fand, daß sie auch Bernadette gefallen könne, forscht sie nach: „Nun, finden Sie diese da endlich hübsch?“ Die Antwort ist immer dieselbe: „Sie ist noch nicht anmutig genug.“ Es ist einfach Tatsache: Nie ist sie anmutig genug, nie ist sie jung genug, nie ist sie schön genug, denn das kleine Fräulein von Massabielle besaß die ewige Jugend des Himmels. Bernadette gab einmal folgende Beschreibung: „Sie war hübsch, ihre Haut war weiß, ein wenig Rot auf jeder Wange und die Augen waren blau.“ Gleicht womöglich die Statue von Notre-Dame des Eaux, die im Hintergrund des Klostergartens in ihrer efeuumrankten Grotte steht und vor der Bernadette so gerne betet, dem kleinen Fräulein von der Gotte? „Ich liebe sie“, erklärt sie, „weil sie mich mehr als die anderen an die Züge der heiligen Jungfrau erinnert.“ Und dennoch mußte sie auch bei dieser Antwort lächeln: „Oh, wie betroffen wird der sein, der sie gemacht hat, wenn er sie im Himmel sehen wird!“

Grotte und Quelle

Das kleine weiße Fräulein, das in Lourdes erscheint, hat eine göttliche Sendung zu erfüllen. Sie ist die Botin ihres göttlichen Sohnes, wie Bernadette ihre Botin ist. Denn Maria führt die Seelen immer zu Jesus, zu ihrem göttlichen Sohn, dem Erlöser aller Menschen. Maria sieht die verarmten Herzen der Menschen, sie sieht, wie die Seelen aufgrund ihrer Sünden verdursten. Im Evangelium des hl. Johannes wird berichtet: „Am letzten Tag, dem großen Festtag, stand Jesus da und rief laut: ‚Wen dürstet, der komme zu mir und trinke. Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, aus dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.‘ Damit meinte er den Geist, den jene empfangen sollten, die an ihn glauben. Denn der Geist war noch nicht da, weil Jesus noch nicht verherrlicht war“ (Joh. 7, 37-39).

Zu Beginn der Erscheinungen war die Grotte von Massabielle ein öder Ort, trockenes Land, so trocken wie die Menschenherzen. Es brauchte ein Wunder, wenn das anders werden sollte. Maria wußte, auf die kleine Bernadette konnte sie sich verlassen, mit ihr konnte man auch Wunder wirken. Darum befiehlt sie ihr während der neunten Erscheinung kurzerhand: „Gehen Sie an die Quelle, trinken Sie daraus und waschen Sie sich dort.“ Weil es in der Grotte kein Wasser gab, wandte sich Bernadette zum Fluß Gave, aber die Dame rief sie zurück und sagte ihr, sie sollte in den Hintergrund der Grotte gehen, genau an die Stelle, die sie mit dem Finger bezeichnete. Bernadette gehorchte, fand aber nur morastige Erde. Sie kratzte eine Weile mit beiden Händen und machte eine kleine Mulde, die sich langsam mit schlammigem Wasser füllte. Der Ekel hielt sie zweimal ab zu trinken, aber schließlich überwand sie sich und trank. Nun forderte die Dame sie auf: „Essen Sie von diesem Kraut dort.“ Nochmals überwand sich Bernadette und aß von der Art Kresse, ein Bitterkraut, das an dieser feuchten Stelle wuchs.

Weil die anwesenden Leute nur sahen, was geschah, jedoch die erklärenden Worte dazu nicht hören konnten, glaubten manche: „Die Arme, jetzt ist sie verrückt geworden.“ In der Tat, Bernadette trank den Schlamm und kaute das bittere Kraut und die himmlische Dame ließ es zu, daß sie in der Person ihrer Botin für kurze Zeit gedemütigt wurde. Aber schon am Nachmittag sehen einige Passanten, die bei der Grotte spazierengehen, einen Wasserstrahl, den sie zuvor dort noch niemals gesehen haben, vom Felsen zum Gave herabfließen. Das Rinnsal verbreitert sich von Minute zu Minute, und am selben Abend ist es ein kleiner Bach, der munter und klar dem Gave entgegensprudelt.

Lourdes wird zum Gesundheitsbrunnen von Leib und Seele werden. Tausende werden im Laufe der Jahrzehnte dort leiblich geheilt und wohl Millionen werden unsichtbar in ihrer Seele geheilt. Zu Lourdes gehören die Wunder, Lourdes ist ein Zeichen des Himmels in einer glaubensscheuen Welt. In Lourdes ist es in einer ganz außergewöhnlichen Weise wahr geworden: „Wen dürstet, der komme zu mir und trinke. Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, aus dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.“

Bernadette in Nevers

Aber was geschieht mit Bernadette? Es ist nämlich gar nicht so einfach, Wunder zu wirken und Tag für Tag der daraus folgenden Bewunderung einer so großen Menschenmenge ausgesetzt zu sein. Wie sehr mußte sich Bernadette dagegen wehren. So hat sie etwa mit unerschütterlicher und siegreicher Festigkeit alle Geschenke und Belohnungen zurückgewiesen, welche zahlreiche Bewunderer ihr überreichen wollten. Einem Bischof, der ihr auf der Durchreise durch Lourdes einen goldenen Rosenkranz schenken will, gibt Bernadette eine abschlägige Antwort. Um jedoch die Achtung und Uneigennützigkeit auszugleichen, bietet sie dem Prälaten ihren eigenen Rosenkranz an, so daß schließlich der Bischof der Beschenkte ist.

Wenn Bernadette an der Grotte erscheint, ergreift die Menge nicht selten eine große Erregung. Von allen Seiten werden Rufe der Bewunderung laut: „Oh! oh! die hübsche Heilige!“ Oder: „Die hübsche Jungfrau!“ Die Leute zerschneiden sogar ihren Schleier und wollen ihre Kleider in Stücke reißen. Es zeigt sich immer deutlicher, es wird für Bernadette Zeit abzureisen.

Im göttlichen Regiebuch wird der kleinen Bernadette als Versteck das Kloster in Nevers ausgesucht. In Nevers wird Bernadette sich für den Rest ihres Lebens verbergen. Sie hat ihre kindliche Größe behalten, sie ist immer noch einen Meter vierzig groß. Ihre gottgeschenkte Aufgabe ist es, klein und krank zu sein. Sucht ein Besucher des Klosters sie zwischen den anderen Nonnen, genügt der Hinweis auf sie als die Allerkleinste. Bernadette träumt von einem unscheinbaren Weg, entsprechend ihrer körperlichen Größe. Sie ist so vollkommen davon überzeugt – „Ich tauge für nichts.“ – was sie aber nicht daran hindert, alles von Gott zu erwarten und alles für Ihn zu tun.

Bernadette bekannte: „Die Dame hat mir auch drei Geheimnisse anvertraut und mir auferlegt, sie niemandem zu offenbaren.“ Diese Geheimnisse waren wohl notwendig, um Bernadette vor den vielen Gefahren zu bewahren, denen sie als „Auserwählte“ ausgesetzt war. Sie schreibt einmal: „Wie glücklich war ich, teure Mutter, als mir die Freude widerfuhr, Dich zu schauen ! Wie gern erinnere ich mich jener Augenblicke, da Deine Augen voller Güte und Barmherzigkeit auf uns ruhten: ja, liebste Mutter, Du hast Dich bis zur Erde herabgeneigt, um Dich einem schwachen Kinde zu zeigen und ihm Dinge mitzuteilen, deren es unwürdig ist; deshalb hat dieses Kind allen Grund demütig zu sein. Du, die Königin des Himmels und der Erde, hast Dich des geringsten der Weltkinder bedient. O Maria, schenke mir, die ich mich Dein Kind zu nennen wage, die kostbare Tugend der Demut. Hilf mir, teuerste Mutter, daß Dein Kind Dir in allem und jedem nachfolgt: Ja, laß mich ein Kind sein nach Deinem und Deines lieben Sohnes Herzen.“ Und eines Tages formt sie folgendes Gebet: „Meine gute Mutter, laß mich genau wie Du meine Liebe zu Jesus beweisen, indem ich alles annehme, was Er mir schicken will.“ Vielleicht ist das die beste Zusammenfassung der drei Geheimnisse, die man geben kann.

Selbst im Kloster ist es für Bernadette nicht einfach, verborgen zu bleiben. Wie oft muß sie ins Sprechzimmer, um ihre Geschichte zu erzählen. Sie notiert sich als besonderen Vorsatz: „Ich werde mit Freude ins Sprechzimmer gehen, obgleich mein Inneres voller Traurigkeit ist. Ich werde zu Gott sagen: Ja, ich will dorthin gehen unter der Bedingung, daß eine Seele aus dem Fegefeuer heraus kommen darf, oder daß Du einen Sünder bekehrst!“ Dennoch beklagt sie sich einmal bei Schwester Victorine: „Ihr zeigt mich wie ein Wundertier!“

Als einmal eine vornehme Dame im Kloster zu Besuch ist und auch nach drei Tagen immer noch nicht erraten kann, wer denn von den Schwestern die Seherin von Lourdes ist, wendet sie sich an die ehrw. Mutter. Diese zeigt auf die ganz kleine Schwester Marie Bernard, die zufällig neben ihr steht und sagt: „Bernadette? Hier ist sie ja!“ Der enttäuschten Dame entschlüpft ein unglückliches Wort, das berühmt werden soll: „Das da!“ Bernadette lächelt nur und streckt der Dame ihre Hand entgegen: „Jawohl, Mademoiselle, es ist nur das da.“

„Ich bin die Unbefleckte Empfängnis“

Aber kehren wir nochmals zur Grotte zurück. Das kleine weiße Fräulein hat uns ja noch nicht ihren Namen genannt. Übrigens war Bernadette hierin ganz genau: Solange sich die Dame nicht vorgestellt hat, sagte sie beharrlich, sie wisse nicht, wer sie sei. Aber der Pfarrer von Lourdes gab ihr den Auftrag, die Dame nach dem Namen zu fragen, wenn er eine Kirche für sie bauen solle. Was schließlich auch mehr als vernünftig war, denn es gibt zwar Gräber von unbekannten Soldaten, aber keine Kirchen von unbekannten Erscheinungen.

Also nimmt Bernadette ihren ganzen Mut zusammen, und stellt wieder einmal die entscheidende Frage: „Madame, wollen Sie die Güte haben, mir zu sagen, wer Sie sind?“ Die Erscheinung lächelt nur und antwortet nicht. Noch zweimal wiederholt Bernadette erfolglos ihre Frage. Jahre später meinte Bernadette dazu, Maria habe sie damals zweifellos für ihren Eigensinn bestrafen wollen, indem sie sich ihrerseits ein wenig eigensinnig zeigte. Beim dritten Male faltet die Dame, die bisher die Arme ausgebreitet hatte, schließlich die Hände in der Höhe der Brust und sagt: „Que soy l’Immaculado Couceptiou — Ich bin die Unbefleckte Empfängnis. Ich wünsche eine Kapelle hier.“ Das aber geschieht am 25. März, an dem Tag, an dem die Kirche mit ihrem erhabenen Realismus neun Monate vor Weihnachten das Fest Maria Verkündigung feiert.

Nach der Erscheinung eilt Bernadette sofort zum Herrn Pfarrer. Sobald sie ihn sieht, sagt sie, ohne auch nur zu grüßen: „Ich bin die Unbefleckte Empfängnis!“ „Was erzählst du da, du hoffärtige Kleine?“ „Die Dame hat zu mir diese Worte gesprochen …“ Der Herr Pfarrer macht sich lustig: „Deine Dame kann nicht so heißen! Du beschwindelst mich! Weißt du, was das bedeutet: die Unbefleckte Empfängnis?“ „Ich weiß es nicht; deshalb habe ich ja die Worte die ganze Zeit bis hierher wiederholt, um sie nicht zu vergessen.“ Pfarrer Peyramale fühlt, wie er schwankt. Er schickt Bernadette schnell weg, um seine Verwirrung besser verbergen zu können. In Lourdes aber verbreitet sich wie ein Lauffeuer die Nachricht: „Die Dame hat ihren Namen genannt! Es ist doch die heilige Jungfrau! Sie hat gesagt: ,Ich bin die Unbefleckte Empfängnis‘!“

In der Heiligen Schrift sind schon im Alten Testament folgende Worte zu lesen, die von der hl. Liturgie auf die Immakulata angewandt werden: „Ganz schön bist du, meine Freundin, kein Fehl ist an dir! Komm vom Libanon, Braut, zu mir! Komm vom Libanon, komm zu mir! … Du verwundest mein Herz, meine Schwester Braut, du bezauberst mir das Herz mit jedem Blick deiner Augen, mit jedem deines Halsschmuckes Glied. Wie hold ist deine Liebe, Schwester Braut, viel süßer ist sie als Wein! Alle Düfte übertrifft deiner Salben Duft. Deine Lippen, Braut, träufeln Honig, Honig und Milch birgt deine Zunge. Wie des Libanon Duft ist der Wohlgeruch deiner Kleider“ (Hld. 4, 7-11). Es ist wirklich wahr und sie ist unbegreiflich schön, weil sie die Immakulata ist. Darum kann selbst Gott, der doch die Wahrheit ist, zu ihr diese Worte sprechen: Ganz schön bist du, meine Freundin, kein Fehl ist an dir!

Am 17. Dezember 1876 schreibt Bernadette einen Brief an den Heiligen Vater:

„Was kann ich tun, Heiligster Vater, um Euch meine töchterliche Liebe zu bezeugen? Ich kann nur weiterhin das tun, was ich bis jetzt getan habe, das heißt leiden und beten…… meine Waffen sind das Gebet und das Opfer, die ich beibehalten werde bis zum letzten Atemzug. Da erst wird die Waffe des Opfers fallen, aber die des Gebetes wird mir in den Himmel folgen.
Die Allerseligste Jungfrau muß wohl oft ihren mütterlichen Blick auf Euch werfen, Heiligster Vater, weil Ihr sie für Unbefleckt erklärt habt. Ich glaube gern, daß Ihr von dieser guten Mutter ganz besonders geliebt werdet, weil sie vier Jahre später selbst auf die Erde kam, um zu sagen: ICH BIN DIE UNBEFLECKTE EMPFÄNGNIS. Ich wußte nicht, was das bedeutete; ich hatte dieses Wort niemals gehört. Seither sage ich mir, wenn ich darüber nachdenke, sehr oft: Wie gut die Heilige Jungfrau ist! Man möchte sagen, Sie sei gekommen, um das Wort unseres Heiligen Vaters zu bestätigen… Ich hoffe, diese gute Mutter wird Mitleid mit ihren Kindern haben und geruhen, noch einmal ihren Fuß auf den Kopf der verfluchten Schlange zu setzen und so den grausamen Heimsuchungen der heiligen Kirche und den Schmerzen ihres Erlauchten und sehr geliebten Pontifex ein Ende zu machen!
Ich küsse sehr demütig Eure Füße und verbleibe mit der tiefsten Ehrerbietung Heiligster Vater
Eurer Heiligkeit demütigste und untertänigste Tochter Schwester Marie-Bernard Soubirous von den Caritas- und Schulschwestern zu Nevers.
Nevers, den 17. Dezember 1876.“

Zum Schluß unseres kleinen Streifzugs durch die Geschichte der Marienerscheinungen und besonders der von Lourdes noch zwei ganz besondere Wunder, durch welche die göttliche Vorsehung die heiligende Gegenwart unserer himmlischen Mutter sozusagen lächelnd erweisen wollte: Tag und Nacht warf man in die Höhle von Massabielle eine große Menge von Geldstücken. Dieser kleine Goldregen bleibt allzeit unberührt. Da liegen tagaus, tagein mehrere tausend Francs in der nach allen Seiten und für alle Menschen offenen Felskluft, dennoch rührt sie keiner an. Eine andere, vom unermüdlichen Henri Lasserre bewiesene Tatsache ist folgende: Die Erscheinungen sind so ganz „zufällig“ auf zwei juristische Trimester verteilt, während derer man in dem Departement weder ein einziges begangenes Verbrechen noch einen einzigen verurteilten Verbrecher feststellen kann.

Im Kloster Saint-Gildard ruht im Frieden des HERRN
BERNADETTE SOUBIROUS,
DIE IM JAHRE 1858 ZU LOURDES
MEHRERE ERSCHEINUNGEN DER
ALLERSELIGSTEN JUNGFRAU GEWÜRDIGT
WORDEN IST;
IM ORDEN SCHWESTER MARIE-BERNARD,
VERSCHIEDEN ZU NEVERS,
IM MUTTERHAUS DER CARITAS-SCHWESTERN
AM 16. APRIL 1879, IN IHREM 36. LEBENSJAHR
UND IM 12. JAHRE IHRER PROFESS.