Als Mann und Frau erschuf er sie

1. In der Vorstellung mancher Zeitgenossen erschient das 19. Jahrhundert als die „gute alte Zeit“, eine „Zeit großer Stabilität“, als „alles noch in Ordnung war“. Man denkt an Biedermeier, Romantik, Restauration, und übersieht, daß all das höchstens das letzte Aufflackern gewesen ist vor dem Zusammenbruch. Das 19. Jahrhundert war die Zeit größter Umbrüche auf allen Gebieten, politisch, wirtschaftlich, geistig, in Kunst und Philosophie, Gesellschaft und Kirche. Namentlich die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts bis über die Jahrhundertwende und hinein in den Beginn des 20. Jahrhunderts stellte einen Abschnitt der Geistesgeschichte dar, „in dem die Naturwissenschaften im Verein mit Technik und Industrie an die Stelle alter theologisch-philosophischer Weltdeutung ein neues Weltbild setzten“, wie es Hermann Josef Dörpinghaus formuliert (Hermann Josef Dörpinghaus, Darwins Theorie und der deutsche Vulgärmaterialismus im Urteil deutscher katholischer Zeitschriften zwischen 1854 und 1914, Inaugural-Dissertation, Freiburg i.Br. 1969, S. 1). Ein größerer Umbruch als der des gesamten Weltbildes ist kaum denkbar.

Atheistisch-materialistische Weltanschauung

2. „Unter dem Einfluß des Comte'schen Positivismus wollte man nun allein das durch Erfahrung und Experiment Nachgewiesene als gesichert gelten lassen, fest überzeugt von der Deckungsgleichheit zwischen objektiver wissenschaftlicher Erkenntnis und absoluter Seinswahrheit“, schreibt Dörpinghaus. „Diese Erkenntnishaltung begünstigte notwendig die Entwicklung antichristlicher Denkformen, denn die energische Opposition gegen die Metaphysik, der man die Bedeutung des Unbeweisbaren beilegte, hieß nichts anderes, als die bisher auch und gerade im Rahmen naturwissenschaftlicher Forschung gestellte Frage nach Gott als dem Urheber des Seienden methodisch auszuschalten, weil es sich bei ihr um eine philosophische Frage handelte“ (ebd.). Es gelang der Naturwissenschaft, „Bereiche zu erschließen, die man zuvor nur durch das recht unmittelbar gedachte Wirken metaphysischer Faktoren zu begreifen wußte, die nun aber durch natürliche, innerweltliche Ursachen ihre völlig befriedigende Erklärung fanden“. „Damit mußte die bisher enge Durchdringung der Natur mit religiösen Vorstellungen unterschiedlichster Art zunehmend an Überzeugungskraft verlieren und die Annahme von Wundern, die die Naturgesetze durchbrachen, der immer präziseren Kenntnis von der die Natur durchwaltenden eisernen Gesetzmäßigkeit weichen“ (a.a.O. S. 2).

Schon seit dem Ende der 1840er Jahre „mehrten sich die Versuche, die kausalmechanische Naturerklärung zu einer atheistisch-materialistischen Weltanschauung auszuweiten“, worin sich insbesondere „der Zoologe Karl Vogt (1817-95), der Physiologe Jakob Moleschott (1822-93) und der Mediziner Ludwig Büchner (1824-99)“ hervortaten. Das „Hauptwerk“ des letzteren „Kraft und Stoff“, das 1855 erschien, vertrat „unter steter Berufung auf die Erfahrungswissenschaften die Auffassung, daß die Welt in ihrem Werden und Sein nichts anderes als Kraft und Stoff sei, wie das Demokrit schon gelehrt habe“. „Die Annahme eines außerweltlichen Schöpfers wurde als überflüssig abgelehnt, da die Materie schon von Ewigkeit her existiere und bereits im Urnebel [dem Vorläufer des „Urknalls“] alle künftigen Bildungen mit Einschluß vernünftiger Wesen enthalten gewesen seien. Ein qualitativer Unterschied zwischen Leben und Leblosem bestehe nicht, das Leben habe als kompliziertes System der Mechanik zu gelten. Das Seelisch-Geistige sei nichts als Gehirnfunktion, weshalb die Existenz einer substantiellen, geistigen, unsterblichen Seele als religiöses Vorurteil abgetan werden könne“ (ebd.). Da haben wir die ganze „moderne“ Weltanschauung, wie sie heute populäres Allgemeingut geworden ist.

Kritik „an tradiertem religiösen Gedankengut leistete zu gleicher Zeit auch schon die aufblühende Geschichtswissenschaft, indem sie zahlreiche bisher für wahr gehaltene Legenden über Christentum und Papsttum, über Heilige und Wunder zerstörte“ (a.a.O. S. 3). Besonderen Einfluß hatte auf diesem Gebiet David Friedrich Strauß (1808-72), der im Jahr 1835 „in seinem ‚Leben Jesu‘ das biblische Christusbild als Mythos, d.h. als Erzeugnis der absichtslos wirkenden Gemeindedichtung“ darstellte und und damit zum Urahn der Modernisten wurde. Das, „was Strauß historisch kritisch zu entwurzeln suchte, das leistete zu gleicher Zeit der wie Strauß von Hegel beeinflußte Philosoph und ehemalige Theologiekandidat Ludwig Feuerbach (1804-72) auf philosophischem Boden“ (a.a.O. S. 4). „Feuerbach, Schrittmacher für Karl Marx, bezeichnete die überlieferte christliche Religion als eine Illusion des nach Glück suchenden menschlichen Geistes. Er wollte Religionslehre als Anthropologie verstanden wissen, indem er den Menschen in den Mittelpunkt alles Erkennens stellte. Sein atheistischer Anthropologismus begrenzte das Erkennen auf das Diesseitig-Menschliche und kam damit ganz den positivistisch-materialistischen Tendenzen in der Naturwissenschaft entgegen“ (ebd.). Damit wurde Feuerbach seinerseits zum Schrittmacher nicht nur für Marx, sondern auch für den späteren Modermismus.

3. Wir sehen, im 19. Jahrhundert war bereits allerhand los zur geistigen Zerstörung des Glaubens und der Kirche. Es liefen in ihm „Anschauungen zusammen, deren gemeinsame Basis die Überzeugung von der Widerlegung der Religion ... durch die kritische Wissenschaft bildete“. „Von zwei Seiten her, vom mechanistisch-naturwissenschaftlichen Vulgärmaterialismus eines Büchner, Vogt und Moleschott und von der bürgerlich-antikirchlichen und antireligiösen Bewegung aus, wie sie sich exemplarisch in Strauß und Feuerbach verkörpert, war damit dem Christentum um die Mitte des vorigen [19.] Jahrhunderts eine unerbittliche Kampfansage gemacht. Sie mußte umso ernster genommen werden, als die exakte Wissenschaft einen Glauben erweckt hatte, ein gläubiges Vertrauen auf den Fortschritt, dessen unmittelbare Rechtfertigung im stürmischen Aufschwung von Technik und Wirtschaft lag“ (ebd.). Leider hat man auf diese Kampfansage auf katholischer Seite viel zu wenig, zu spät und zu schwach reagiert.

„Dieser Aufschwung, der für viele eine Vervollkommnung der Lebenshaltung, für alle eine Verlängerung der Lebenserwartung mit sich brachte, mußte auch zu einer Veränderung der Lebenspraxis führen, mußte das Interesse an transzendenten Fragen zugunsten sehr realer, diesseitiger, materieller Ziele notwendig verkümmern lassen. Nicht erst der Himmel, der, wie Heine es spöttisch formuliert hatte, den Engeln und den Spatzen überlassen bleiben konnte, sondern schon der technische und wirtschaftliche Fortschritt bot die Aussicht, auch ohne die in ihren Lehren so offensichtlich widerlegte Kirche ein besseres, menschenwürdigeres Dasein führen zu können“ (ebd.). Diese Anschauungen bildeten nicht nur die Grundlage für den Kommunismus, sondern für alle „modernen“ Ideologien, sie beschreiben exakt die heute allgemein verbreitete „Lebenspraxis“ des „modernen“ Menschen.

„In diese durch Wissenschaftsgläubigkeit, religiösen Indifferentismus und praktischen Materialismus weithin bestimmte Zeit“ - und wir sprechen wohlgemerkt von der Mitte des 19. Jahrhunderts! - „griff Darwins Buch über die Entstehung der Arten mit starken Wirkungen ein“ (a.a.O. S. 4 f). „Seine Veröffentlichung im Jahre 1859 kam einer echten Sensation gleich. Das beruhte weniger auf der Behauptung des Verfassers, daß alle organischen Wesen in einem genetischen Zusammenhang ständen“, als vielmehr an der „kausale(n) Erklärung, die Darwin mit der Selektionstheorie dem Evolutionsprozeß gab“. „Die Theorie von der dem Zufall überlassenen Auslese des Stärkeren im Kampfe ums Dasein, von der stetig wirkenden Zuchtwahl ließ das Zustandekommen sinnvoller Gebilde auf rein mechanischem Wege verständlich werden, ohne daß man eine Intervention Gottes in den Naturprozeß zu Hilfe nehmen mußte. Gerade die Zweckmäßigkeit, die immer den Einsatz eines intelligenten, transzendenten Prinzips zu fordern schien, ließ sich nun auf eine rein mechanische Bedingtheit zurückführen. Der in der Natur herrschende Mechanismus erwies sich als omnipotent, die Behauptung vom Nichtvorhandensein eines weisen und vorsorgenden Gottes erhielt ihre letzte Fundierung. Damit kamen Darwins Gedankengänge dem materialistischen und antichristlichen Weltbild der Zeit in unerhörtem Maße entgegen. Mit einem Schlage rückten nun die Probleme des Lebens und des Lebendigen in den Vordergrund des wissenschaftlichen Interesses, wie aber auch in die Mitte der weltanschaulichen Diskussion“ (a.a.O. S. 5). Bis heute ist das so geblieben. Daher der ungeheure Aufwand, mit welchem die Suche nach „Leben im All“ betrieben wird, und die fiebernde Sensationsgier, die diese Suche begleitet und befeuert.

„Die Überzeugung, mit Hilfe von Darwins Theorie endgültig die grundlegende kirchliche Lehre von Schöpfung und Vorsehung widerlegen zu können, […] ließ den Darwinismus zu einem - wie es schien - untrennbaren Bestandteil der materialistischen Weltanschauung werden. Und wer immer in den politisch und sozial progressiven Kreisen, vom Liberalismus bis hin zum Sozialismus, in der, bzw. den Kirchen die Verkörperung von Reaktion und Fortschrittsfeindlichkeit erblickte, der mochte glauben, mit Darwins Gedankengut, mit der Möglichkeit, die Welt evolutionär und mechanisch erklären zu können, die entscheidende, wissenschaftlich begründete Gegenposition bezogen zu haben“ (a.a.O. S. 5 f). Ludwig Büchner formulierte es so: „Daß der alte religiöse oder Kirchen-Glaube dem Geiste der Zeit und der Massen nicht mehr genügt und durch etwas Anderes ersetzt werden muß, dürfte klar und kaum mehr zu bestreiten sein“ (a.a.O. S. 6).

4. Die „eigentliche Triebkraft für die Weiterentwicklung des Materialismus als Weltanschauung“ wurde jedoch Ernst Haeckel (1834-1919), Professor für Zoologie, der „in der Folge die Darwin'sche Entwicklungs- und Selektionslehre zur Grundlage eines weltanschaulichen Systems“ machte, „das unter die philosophische Kategorie ‚Monismus‘ fällt“. „Das absolute Prinzip dieses Monismus, die durch die mechanistische Evolution bestimmte ‚universale Substanz‘, hatte zwei fundamentale Attribute, nämlich die Materie und den mit der Materie gleichgesetzten Geist. Haeckels Monismus war ein auf die Spitze getriebener Materialismus, dessen Spezifikum in der atheistisch-evolutionistischen, naturalistischen Auffassung des gesamten Seienden lag“ (a.a.O. S. 6). Dazu wurde der „Darwin‘sche Entwicklungsgedanke“ von ihm „nach zwei Seiten hin ausgebaut: Einmal wurde das von Darwin selbst nicht ausgeschlossene schöpferische Eingreifen Gottes an der Basis des organischen Entwicklungsprozesses verneint und durch das Postulat der per Zufall erfolgten Urzeugung aus Materie ersetzt, so daß ein kontinuierlicher Übergang zwischen belebter und unbelebter Materie bestand. Zum Zweiten wurde der Entwicklungsgedanke auch auf den Menschen angewandt, eine logische Konsequenz, die Darwin noch vermieden hatte“ (a.a.O. S. 6 f).

„Haeckel behauptete sowohl die leibliche Abstammung der Menschen aus dem Tierreich als auch die Entwicklung des menschlichen Geistes ‚durch stufenweise Hervorbildung aus der Wirbeltierseele‘, wobei ‚das Geistesleben der wilden Naturvölker‘ ihm und anderen als Beweis diente“ (a.a.O. S. 7). Immerhin gälte Haeckel damit heute als etwas antiquiert und wohl sogar „rassistisch“. „Für ihn bestand kein Wesensunterschied zwischen Geist und Materie. Die Wirklichkeit war völlig einheitlicher Natur, durchwaltet von einer geschlossenen Naturkausalität. Die als ewig und unerschaffen angenommene Materie entwickelte sich mechanisch in unendlich unbegrenztem Raum und in unendlich unbegrenzter Zeit über die Entfaltung des Universums, Erdentwicklung, Urzeugung bis hin zum menschlichen Geist, dessen Wirken als ‚eine Summe von physiologischen Bewegungserscheinungen der Gehirnteilchen‘ verstanden wurde. Auf einen extramundanen [außerweltlichen] Gott konnte Haeckel demnach verzichten. An seiner Stelle statuierte er als säkularisiertes Surrogat eine monistische Religion mit pantheistischen Zügen, die in der Verehrung ethischer Ideale gipfelte und später mit der Gründung des deutschen Monistenbundes (1906) auch ihren organisatorischen Unterbau erhielt“ (ebd.).

Damit war die gedankliche Basis vorhanden, um mit einer „nicht übersehbare(n) Flut“ von Büchern, Broschüren, Zeitschriftenartikeln und Vorträgen „in den vielerorts entstehenden Bildungsvereinen“ „im Namen der alles entschleiernden Naturwissenschaft den Kirchen und ihrem ‚durch die neuere Forschung überholten‘ Lehrgut auf den Leib zu rücken“ (a.a.O. S. 8). „Im Urteil des Religionshistorikers Hirsch wird ‚das Menschenalter nach Erscheinen von Darwins Entstehen der Arten die Zeit, ... in welcher für weite Schichten des deutschen Volkes der Glaube an Gott und Unsterblichkeit, der bis dahin trotz den Zweifeln der Gebildeten im Wesentlichen ein gemeinsames, geistiges Gut geblieben war, zusammengebrochen ist‘“ (a.a.O. S. 9). Das galt zweifellos nicht nur „für weite Schichten des deutschen Volkes“, sondern für alle Länder wenigstens Europas und Nordamerikas.

Die Kirche und der Evolutionismus

5. Wie Dörpinghaus herausfand, kam für die katholische Kirche „diese Entwicklung zunächst unerwartet“. Das überrascht, denn sie hatte sich ja schon lange angebahnt, vom Nominalismus und der „Renaissance“ über den Protestantismus bis zur „Aufklärung“ und der französischen Revolution. Mit Galilei im 17. Jahrhundert und den „Enzyklopädisten“ im 18. Jahrhundert hatte es auch bereits konkrete Vorläufer gegeben. Man hätte also gewarnt sein können, doch „noch niemals vorher war versucht worden, unter Berufung auf die Naturwissenschaft den Glauben an Gott als Schöpfer und Erhalter der Welt so radikal in Frage zu stellen“, und noch niemals vorher „war versucht worden, in so breitem Maße große Teile der Öffentlichkeit mit den ständig fortschreitenden Ergebnissen der Naturwissenschaft in einer Weise vertraut zu machen, die den Materialismus und Atheismus - mindestens aber den Agnostizismus - als die einzig möglichen und daher notwendig zu ziehenden Konsequenzen erscheinen ließen“ (ebd.). Es ging dabei „schließlich und letztlich um die Glaubwürdigkeit der Kirche, um ihre Fähigkeit, in einer Zeit, in der eine durchgängige Säkularisierung des Weltbildes erfolgte, den formenden Einfluß auf die zu ihr Gehörenden nicht zu verlieren“ (a.a.O. S. 9 f). Es ging um „die Glaubwürdigkeit der gesamten auf die Natur bezogenen Angaben des biblischen Schöpfungsberichts“ (a.a.O. S. 14) und damit um die Glaubwürdigkeit der Heiligen Schrift und der göttlichen Offenbarung, und es ging „zugleich um den Kampf gegen den sich als Religionsersatz anbietenden Materialismus“ (a.a.O. S. 15).

Es war somit nichts Geringes, was auf dem Spiel stand. Umso mehr ist man verwundert, daß der Kampf auf kirchlicher Seite kaum oder nur eher nebenbei geführt wurde. Zwar leisteten namentlich die Jesuiten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch einigen Widerstand, doch verlagerte der „Kulturkampf“ die Problematik mehr auf das politische Gebiet und drängte die Katholiken in den „Konservativismus“, „der um die Jahrhundertwende fortschrittlicheren Geistern vielfach Anlaß zu Kritik bot“ (a.a.O. S. 29). „Die schon vor Ausbruch des Kulturkampfes verursachte und dann durch Jahrzehnte hindurch beibehaltene polemische und apologetische Kampfstellung gegen den modernen Unglauben hatte zu einer Entfremdung von der modernen Welt und ihren ohne Mitwirkung des katholischen Volksteils entstandenen Bildungsgütern geführt“, meint Dörpinghaus. „Die katholische Abkapselung vom kulturellen Leben der Nation, das Zurückbleiben der deutschen Katholiken auf dem Gebiete der Wissenschaft war unübersehbar geworden“ (ebd.). Daher rührt jenes Inferioritäts-Denken oder -Gefühl seitens der Katholiken, das sie drängte, den Anschluß an die „moderne Welt“ zu suchen, und im „Aggiornamento“ des „II. Vatikanums“ endete.

6. Um die Jahrhundertwende herum registriert Dörpinghaus ein Bemühen, „die Spannung zu überwinden“, einen Willen, „ohne Aufgabe der Glaubensüberzeugung das Ghetto aufzubrechen, in das sich der Katholizismus in fruchtloser Opposition zu seiner Umwelt zurückgezogen hatte, das Wagnis, sich ‚voll und ganz in unser gegenwärtiges Leben, mitten in unsere moderne Kultur‘ zu stellen“, wie es die damals neu entstandene Zeitschrift „Hochland“ formulierte (ebd.). Man bemühte sich „um eine Neugestaltung des Verhältnisses zu den Naturwissenschaften, um eine Wiederbegegnung von Kirche und Natur“ (a.a.O. S. 37). Daraus entstanden die Versuche, den Darwinismus – und damit den atheistischen Materialismus – mit der kirchlichen Schöpfungslehre irgendwie zu „harmonisieren“. Ein Ding der Unmöglichkeit.

Es war George Lemaître (1894-1966), ein belgischer Priester, der zum Begründer der „Urknall“-Theorie wurde. Zwangsläufig beschäftigte er sich als Priester „auch mit der Frage nach der Vereinbarkeit von kath. Schöpfungslehre und wiss. Urknalltheorie“, wie „Kirchenlexikon.de“ bemerkt. „Im Dezember 1940 war L. aufgrund seiner Leistungen in die Päpstliche Akademie der Wissenschaften berufen worden. Auf einer Tagung im November 1951 akzeptierte die Akademie L.s Theorie. Pius XII. führte in einem abschließenden Vortrag aus, der mit dem Urknall zeitlich festlegbare Anfang der Welt sei einem göttlichen Schöpfungsakt entsprungen.“ Ja, der Papst ging sogar so weit, aus dem „Urknall“ einen „Gottesbeweis“ ableiten zu wollen. Wie ein „Blogger“ berichtet: „Papst Pius XII. erklärte am 22. November 1951 in einer Ansprache vor der päpstlichen Akademie der Wissenschaften die Urknalltheorie - eine naturwissenschaftliche Theorie - zu einem Beweis für die Existenz Gottes. Hier die Worte seiner denkwürdigen Rede: ‚Thus, with that concreteness which is characteristic of physical proofs, it has confirmed the contingency of the universe und also the well-founded deduction as to the epoch when the cosmos came forth from the hands of the Creator. Hence, creation took place in time. Therefore, there is a Creator. Therefore, God exists.‘ (Ref.: Pius XII.; Modern Science and The Existence of God. In: The Catholic Mind 49 (1952), p. 182 – 192).“ (Päpstlicher als der Papst). Das heißt verdolmetscht: „Mit jener Konkretheit also, die charakteristisch für physische Beweise ist, hat sie [die „Urknall“-Theorie] die Kontingenz des Universums und auch die begründete Ableitung der Epoche bestätigt, als der Kosmos aus den Händen des Schöpfers hervorgegangen ist. Daher fand die Schöpfung in der Zeit statt. Es gibt also einen Schöpfer. Deshalb existiert Gott.“ In Wahrheit war der „Urknall“ alles andere als ein „Gottesbeweis“, paßte er doch vielmehr exakt in das materialistisch-„naturwissenschaftliche“ Weltbild, wie es bereits von Büchner vertreten worden war (s.o.).

In seinem Apostolischen Rundschreiben „Humani Generis“ vom 12. August 1950 ging Papst Pius XII. auf den „Evolutionismus“ ein. „Deshalb verbietet es das Lehramt der Kirche nicht“, schrieb er, „daß die Theorie des Evolutionismus, insoweit dort Forschungen angestellt werden über die Herkunft des menschlichen Leibes aus einer bereits bestehenden, lebenden Materie – während ja der katholische Glaube uns verpflichtet, daran festzuhalten, daß die Seelen unmittelbar von Gott geschaffen sind – gemäß dem augenblicklichen Stand der weltlichen Wissenschaften und der heiligen Theologie, Gegenstand von Untersuchungen und Besprechungen gelehrter Fachleute auf beiden Gebieten sei“ (Ausgabe Haselböck, Freude an der Wahrheit Nr. 118, S. 20). Zwar warnte der Papst vor der „Verwegenheit“, so zu tun, „als sei sozusagen der Ursprung des menschlichen Leibes aus einer bereits bestehenden und lebenden Materie durch bis jetzt gefundene Indizien und durch Schlußfolgerungen aus diesen Indizien bereits mit vollständiger Sicherheit bewiesen“, und als „liege aus den Quellen der Göttlichen Offenbarung kein Grund vor, welcher auf diesem Gebiet die allergrößte Mäßigung und Vorsicht verlangen würde“, doch wurde diese Warnung gerne überhört aus Freude darüber, endlich auch als Katholik ungehindert an der Diskussion der Entstehung des Menschen aus dem Tierreich teilnehmen zu können.

Im Entwurf einer „Dogmatischen Konstitution“ zum „II. Vatikanischen Konzil“ mit dem Titel „Verteidigung der Unversehrtheit des Glaubensdepositums“ beschäftigte sich die von "Johannes XXIII." errichtete Theologische Vorbereitungskommission in einem eigenen Kapitel mit dem Thema „Schöpfung und Evolution“. Das Schema bekräftigt die Hervorbringung der Welt aus Nichts durch Gott am Beginn der Zeit, ohne auf den „Urknall“ weiter einzugehen (Kap. III. Nr. 12). Es weist den „materialistischen Evolutionismus“ zurück, welcher „behauptet, daß die Welt, die sich unaufhörlich wandelt und entwickelt, ihren Ursprung nicht von Gott hat und nicht von ihm regiert wird, und daß in ihrem Fortschritt nichts anderes geschieht, als daß sich die ungeschaffene Materie fortwährend wandelt und aus ihr neue und vollkommenere Strukturen hervorgebracht werden, die also schon in gewisser Weise in der ungeschaffenen Materie enthalten waren“. Ebenfalls zurückgewiesen wird ein „pantheistischer Evolutionismus“, der zwar „zugibt, daß die Welt von einem einzigen und immateriellen Prinzip herrührt, das sie göttlich nennen, aber fälschlicherweise die Dinge so begreift, als sei die Welt nichts anderes als die Gesamtheit der Veränderungen, insbesondere im Leben des menschlichen Geistes, die durch die allmähliche Selbstevolution dieses Prinzips hervorgerufen werden“ (Nr. 13).

Die „Kinder der Kirche“ sollten sich nicht durch „falsche Meinungen“ beirren lassen, etwa die, „daß Gott allmählich eine uranfängliche Vielfalt von Realitäten, die bereits vor jeder göttlichen Handlung existieren, in die Einheit bringt“, oder „daß Gott die Evolution der Welt so lenkt, dass er allmählich alle Dinge in sich sammelt, dass er sie irgendwie mit sich selbst verbindet und dass er so auf irgendeine Weise an der Konstruktion der Welt teilnimmt“ (Nr. 14). Der Evolutionismus als solcher wird jedoch nicht zurückgewiesen, vielmehr erfolgt wieder die Ermahnung, die „Entwicklung der Welt“ klug zu studieren, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen, sondern nur das, „was wirklich sicher ist“, vorzulegen, „ob es sich nun um die Entstehung der Gestalt des Universums handelt, oder um die Geschichte der Erde und die vielfältige Entwicklung des Lebens auf ihr, oder sogar den Ursprung und das Wachstum des menschlichen Geschlechtes“. Solches schade „der Glaubenslehre nicht, im Gegenteil“, es biete „angemessene Hilfe an, um sie zu erhellen“ (Nr. 15). Gewisse „Fragen der Weltentwicklung, die den katholischen Glauben direkt oder indirekt berühren“, seien „mit allergrößter Vorsicht zu behandeln, damit die wahren Glaubenserklärungen nicht widersprochen oder gefährdet werden“ (ebd.).

Der letzte Abschnitt des Kapitels geht speziell auf die „Erschaffung des Menschen und die Entwicklung des Lebens“ ein. „Was die wissenschaftliche Erforschung der Anfänge des Lebens betrifft“, heißt es da, „insbesondere im Hinblick auf die Frage, ob das menschliche Geschlecht aus einem früheren Lebewesen hervorgegangen sein könnte, so muß vor allem die katholische Lehre von der Zusammensetzung des Menschen aus Geist und Materie, die sich wesentlich voneinander unterscheiden, bewahrt werden; und dasselbe gilt auch für die Lehre von der unmittelbaren göttlichen Schöpfung der Seele eines jeden Menschen aus dem Nichts, so daß nicht zugegeben werden darf, dass die menschliche Seele aus irgendeinem bereits irgendwie vorher existierenden Lebensprinzip entstanden ist.“ Darüberhinaus müsse „der erste Ursprung des menschlichen Körpers ... mit allerhöchster Mäßigung und Vorsicht behandelt werden, denn dieses Thema betrifft nicht nur die Naturwissenschaften, sondern zum Teil auch die Philosophie“ (Nr. 16).

Wie wir wissen, wurde selbst dieses sehr moderate Schema, das weder den Evolutionismus als solchen noch sogar die Entstehung des menschlichen Leibes aus dem Tierreich grundsätzlich zurückwies, auf dem „II. Vatikanum“ gleich zu Beginn zusammen mit allen anderen Entwürfen der Vorbereitenden Theologischen Kommissionen dem Papierkorb überantwortet. Der „nachkonziliare“ „Papst Johannes Paul II.“ sprach endlich davon, daß „die Evolutionstheorie als ‚ernstzunehmende Hypothese‘“ zu sehen und „in der Zwischenzeit „mehr als nur eine Hypothese“ geworden sei“ (Botschaft an die Mitglieder der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften anlässlich ihrer Vollversammlung am 22. Oktober 1996; zitiert nach „Wikipedia“, Artikel „Theistische Evolution“).

Die Entstehung des menschlichen Leibes

7. Die „Traditionalisten“ von heute singen dem „Urknall“ eine begeisterte Hymne, solcherart geschehen im „Mitteilungsblatt“ der „Piusbruderschaft“ Nr. 373 vom Februar 2010 (zum „Urknall“ und seiner Tauglichkeit als Gottesbeweis vgl. Der heilige Thomas und der Urknall, Ist der Gott des Urknalls der Gott der Katholiken?). Von skandalisierten Gläubigen und Priestern alarmiert, wiegelte der damalige deutsche „Pius“-Sektionschef ab unter Hinweis erstens auf Papst Pius XII., zweitens, indem er behauptete, der „Urknall“ habe gar nichts mit dem „Evolutionismus“ zu tun, und drittens sei sogar ein „gewisser Evolutionismus“ durchaus mit dem katholischen Glauben wohlvereinbar. Ein Priester der „Piusbruderschaft“, der lange Jahre an einem ihrer Seminare unterrichtete, äußerte sich bei einem Vortrag vor Akademikern überzeugt, daß die Abstammung des menschlichen Leibes aus dem Tierreich mittlerweile als sicher erwiesen gelten müsse. Als Beleg diente ihm dazu ein „Gendefekt“, der außer beim Menschen nur bei den „Primaten“ zu finden sei. Der „Seminardozent“ zog dazu per analogiam seine Schlüsse: Wenn zwei Schüler in einer Klassenarbeit exakt denselben Fehler aufwiesen, so sei evident, daß der eine beim anderen abgeschrieben habe. (Wer aber hat bei wem abgeschrieben? Der Mensch beim Affen oder umgekehrt?)

Der „Gendefekt“, auf welchen sich der „Dozent“ bezog, wird uns in „Keinsteins Kiste – Natur und Wissenschaft für alle Sinne“ wie folgt beschrieben: „Dass wir Vitamine zu uns nehmen müssen, ist eine Folge von ‚Erbkrankheiten‘, die sich bei den Vorfahren des Menschen und verschiedener heutiger Tiere vor Jahrmillionen entwickelt haben. Vitamin C zum Beispiel können die meisten Tiere heutzutage selbst herstellen. Auch beim Menschen und anderen Trockennasenprimaten (also allen Affen sowie Koboldmakis) ist ein Stoffwechselweg dafür entwickelt. Allerdings ist bei gemeinsamen Urahnen dieser Arten (den Menschen eingeschlossen) vor 61-74 Millionen Jahren eine Mutation des Gens für das Enzym L-Gulonolactonoxidase aufgetreten. Dieses Enzym katalysiert den letzten Schritt zur Herstellung von Vitamin C in unserem Organismus. Die Mutation (ein Fehler in der Gensequenz, dem Bauplan für das Enzym) führte dazu, dass die Nachfahren jener Urahnen-Spezies keine funktionsfähige L-Gulonolactonoxidase mehr herstellen können.“

Die Autorin meint: „Die Ur-Spezies, die diesen Gendefekt entwickelte, hat davon vermutlich nichts mitbekommen, da sie reichlich Vitamin C-haltiges Obst zum fressen hatte. Auch die heutigen Affen leiden gewöhnlich nicht an Vitamin C-Mangel, da sie reichlich ascorbinsäure-reiche Nahrung auf ihrem Speiseplan stehen haben und damit ihre ‚Erbkrankheit‘ ganz unbewusst und sehr erfolgreich selbst ‚behandeln‘. Einzig der Mensch ist zwischenzeitlich auf die abwegige Idee gekommen, er käme ohne Früchte aus und könne z.B. nur mit Schiffszwieback verpflegt über die Weltmeere segeln (bis zahlreiche Todesfälle aufgrund von Skorbut im 18. Jahrhundert zur näheren Beschäftigung mit Nahrungsmittel-Inhaltsstoffen führten). Meerschweinchen, echte Knochenfische, einige Sperlingsvögel und Fledertiere haben übrigens einen ähnlichen Gendefekt und sind daher ebenso auf Vitamin C in der Nahrung angewiesen.“ Nach der Logik unseres „Dozenten“ würde sich daraus ergeben, daß der Mensch, wenigstens dem Leibe nach, ebenso von Meerschweinchen, Knochenfischen, Sperlingsvögeln und Fledertieren abstammen könnte.

Aus der Sicht der modernen Naturwissenschaften ist an diesen Ausführungen nichts Außergewöhnliches. Ein katholischer, „traditioneller“ Priester sollte sich freilich zumindest daran stoßen, daß bereits vor der Erschaffung des Menschen und somit vor dem Sündenfall ein „Gendefekt“ bzw. „Fehler in der Gensequenz“ aufgetreten sein soll, der noch dazu auf den ersten Menschen und von da auf alle seine Nachkommen überging, als eine „Folge von ‚Erbkrankheiten‘“ noch vor der Erbsünde. Hat der Schöpfer das bei der Erschaffung des Menschen übersehen, oder hat er es billigend in Kauf genommen oder sogar gewollt? Der Glaube aber lehrt uns, daß die ersten Menschen von Gott unmittelbar erschaffen wurden, daß sie vollkommen an Leib und Seele waren und daß ein „Defekt“ gleich welcher Art erst mit der Erbsünde und nach dem Sündenfall eingetreten sein kann.

Vielleicht verdankt sich ja das Fehlen des Enzyms gar nicht einem „Fehler in der Gensequenz“? Vielleicht hat der Schöpfer absichtlich darauf verzichtet, weil doch der Mensch für ein Leben im Paradies, dem Garten Eden, bestimmt war, wo Vitamine im Überfluß vorhanden waren? Daß es dann – nach dem Sündenfall wohlgemerkt! – auch Menschen gab, die meinten, lange Seereisen ohne Vitaminzufuhr unternehmen zu können, ist nicht dem Schöpfer anzulasten und zeugt weniger von einem „Gendefekt“ als von einem Mangel an Kenntnis oder Klugheit seitens der Seefahrer. Im allgemeinen wußten die Menschen von jeher, daß sie Vitamine brauchen, und entwickelten deswegen gewisse Techniken, um auch in Gegenden und Zeiten ohne frische Zufuhr von Obst und Gemüse zu überleben und gesund zu bleiben (z.B. das Haltbarmachen von Früchten durch Trocknen oder Einmachen, das Einstampfen von Sauerkraut, der Verzehr von rohem Fleisch und Fisch...).

8. Sehen wir beim heiligen Thomas nach, wie eine katholische Erklärung über die Entstehung des ersten menschlichen Leibes aussieht. In seiner „Summa theologiae“ I q. 91 behandelt der heilige Thomas von Aquin dieses Thema und stellt sich zuerst die Frage (a. 1), ob der Leib des ersten Menschen aus dem „Lehm der Erde“ gemacht worden sei, wie es uns die Heilige Schrift berichtet: „Da bildete Gott, der Herr, den Menschen aus Lehm der Erde...“ (Gen 2, 7). Der Kommentar bei Arndt-Allioli bemerkt dazu: „Also aus anorganischem Stoffe.“ Da gibt es eigentlich gar nichts zu deuteln.

Der heilige Thomas weist auf die Vollkommenheit Gottes hin, die sich in Dessen Werken je nach ihrer Art widerspiegelt, gemäß dem Wort der Heiligen Schrift: „Dei perfecta sunt opera. - Die Werke Gottes sind vollkommen“ (Deut 32, 4). Auch dies sollte einem katholischen Priester wenigstens soweit geläufig sein, daß für ihn ein „Gendefekt“ bei der Erschaffung eines Geschöpfes vollkommen undenkbar ist. Gott selber ist schlechthin vollkommen, insofern Er alles in Sich trägt, und zwar nicht in zusammengesetzter Weise, sondern ganz einfach und vereint, wie der heilige Dionysius sagt, derart nämlich, wie die verschiedenen Wirkungen in der Ursache vorexistieren, gemäß Seiner einen und einheitlichen Wesenheit. Dem Engel wird diese Vollkommenheit mitgeteilt, insofern in dessen Erkenntnis alles vorliegt, was Gott in der Natur hervorgebracht hat, und zwar durch die verschiedenen Formen. Im Menschen nun wird diese Vollkommenheit in einer minderen Weise abgebildet, nicht insofern er die Kenntnis aller natürlichen Dinge in seiner natürlichen Kenntnis vorliegen hat, sondern indem er gleichsam aus allen Dingen zusammengesetzt ist, trägt er doch eine Geistseele in sich nach Art der geistigen Substanzen, und enthält er gleichzeitig alle Elemente der Körper, jedoch in vollkommener Ausgewogenheit gleich den Himmelskörpern.

Der heilige Thomas spricht hier natürlich nicht von den chemischen Elementen, sondern von den vier Elementen Feuer, Luft, Wasser, Erde. Die höheren dieser Elemente, nämlich Feuer und Luft, dominieren im Menschen, „weil das Leben vor allem in Wärme besteht, welche Feuer ist, und im Dunst, der zur Luft gehört“. Man mag über diese „mittelalterlichen“ Vorstellungen lächeln, aber ist es nicht wirklich so, daß unser körperliches Leben einen dauernden Verbrennungsprozeß voraussetzt, bei welchem Wärme erzeugt, Sauerstoff verbraucht und Kohlendioxid ausgeschieden wird? Feuer und Luft. Als Folge dessen, sagt der Aquinate, müssen die niederen beiden Elemente, Wasser und Erde, das substantielle Übergewicht im Körper haben, damit der Gesamthaushalt wieder stimmt. Darum heißt es, der Leib des Menschen sei aus dem „Lehm der Erde“ gemacht, denn der Lehm ist nichts anderes als Erde mit Wasser gemischt. Und wieder müssen wir zugeben, daß es die Sache trifft, denn besteht der Leib des Menschen nicht tatsächlich zum größten Teil aus Mineralstoffen und Wasser? So dumm war die Elementenlehre des Mittelalters vielleicht gar nicht, weshalb sie übrigens heute in manchen esoterischen Kreisen eine gewisse „Renaissance“ erlebt.

Deshalb, schließt der Doctor angelicus, werde der Mensch eine „Welt im kleinen“ genannt, weil sich doch alle Geschöpfe irgendwie in ihm fänden. Indem er aus Geist und den vier Elementen der Materie zusammengesetzt ist, steht er gewissermaßen in der Mitte zwischen den geistigen und den körperlichen Substanzen. Wie wir sehen, hat es durchaus einen Sinn, daß der menschliche Körper aus dem „Lehm der Erde“ gemacht wurde. Und übrigens wird dies beim Tod eines jeden Menschen sichtlich bestätigt, indem sein Leib wieder zu dem zerfällt, woraus er gemacht wurde. „Staub bist du, und zum Staube kehrst du zurück“ (Gen 3, 19).

9. Im zweiten Artikel fragt sich der engelgleiche Lehrer, ob der Leib des Menschen unmittelbar von Gott hervorgebracht wurde. Die Antwort ist klar: Die Formung des Leibes des ersten Menschen konnte nicht durch irgendein Geschöpf geleistet werden, sondern nur unmittelbar durch Gott. Eine körperliche Form kann an sich wieder nur durch eine körperliche Form hervorgebracht werden. Ein Engel, da unkörperlich, konnte das nicht bewerkstelligen. Allein Gott kann, obwohl völlig unkörperlich, aufgrund Seiner Allmacht körperliche Dinge durch einen Schöpfungsakt hervorbringen. Da zuvor kein menschlicher Körper existierte, der in Kraft der Zeugung einen anderen gleichartigen formen konnte, bleibt nur übrig, daß der Leib des ersten Menschen unmittelbar von Gott hervorgebracht worden ist.

Es ist sehr wichtig für uns zu verstehen: Körper können andere Körper hervorbringen. Durch ihre Zeugungskraft vermögen Lebewesen andere Lebewesen hervorzubringen, allerdings nur gleichartige, da sie nicht irgendeine andere oder neue Formen erzeugen können. Der menschliche Leib besitzt eine ganz eigene, eben menschliche Form. Diese konnte nur Gott ihm verleihen. Übrigens wäre der heilige Thomas gar nicht auf die Idee gekommen, der Leib des Menschen könne irgendwie aus dem Tierreich stammen. Viel eher war man in jener glücklichen Epoche geneigt, die Mitarbeit von Engeln an der Formung dieses Leibes anzunehmen. Das aber schließt der Aquinate aus. Er sagt, daß die Engel Gott sehr wohl manche Dienste leisten in ihrer Wirkung auf körperliche Dinge. Doch gibt es Dinge, die allein Gott vorbehalten sind und die Engel gar nicht vollbringen können, wie etwa die Auferweckung von Toten oder die Heilung eines Blindgeborenen. Dazu gehört auch die Formung des ersten Menschenleibes aus dem Lehm der Erde. Freilich konnten die Engel auch dazu gewisse Dienstleistungen erbracht haben, wie etwa das Herbeibringen des Stoffe, wie sie auch bei der Auferweckung der Toten am Jüngsten Tage überall ausschwärmen werden, um den Staub der verwesten Leiber herbeizubringen (ad 1).

Der dritte Artikel beschäftigt sich mit der Frage, ob der Leib des Menschen eine angemessene Verfassung hatte. Im Buch des Predigers lesen wir: „Deus fecit hominem rectum. - Gott hat den Menschen recht erschaffen“ (Eccle 7, 30). Wieder fragen wir uns, wo da Platz für einen „Gendefekt“ sein soll. Der heilige Thomas erklärt, daß alle natürlichen Dinge von der göttlichen Kunst hervorgebracht wurden, weshalb sie „irgendwie Kunstwerke Gottes selber sind“. Diese katholische Einsicht allein genügt, den „Evolutionismus“ mit seinem Materialismus und seinen primitiven Mechanismen völlig zu desavouieren. „Jeder Künstler aber bemüht sich, seinem Werk die jeweils beste Verfassung zu geben, nicht die schlechthin beste, sondern die seinem Zweck entsprechend beste“, fährt der heilige Thomas fort. „Und wenn eine solche Verfassung irgendeinen mit ihr verbundenen Defekt mit sich bringt, so kümmert das den Künstler nicht.“

Also doch ein Defekt! Der Aquinate erläutert: „So wie ein Handwerker eine Säge, da sie zum Schneiden gedacht ist, aus Metall fertigt, damit sie zum Schneiden geeignet sei, und nicht aus Kristall, das vielleicht ein schöneres Material wäre, denn eine solche Schönheit wäre dem Zweck hinderlich. So gab Gott jedem Naturding die jeweils beste Verfassung, nicht freilich schlechthin, sondern in Hinsicht auf den jeweiligen Zweck.“ Daß eine Säge aus Metall ist und nicht aus Kristall, ist kein wirklicher „Defekt“ im Sinne eines Fehlers oder Makels. Deshalb meinten wir oben, ob der „Gendefekt“ nicht vielleicht einfach daher rühre, daß der Mensch zum Leben im Paradies bestimmt gewesen ist, ebenso wie er bei den „Trockennasenprimaten“ schlicht auf deren Lebensweise abgestimmt sein dürfte.

10. Der Doctor universalis fährt fort: „Nächstes Ziel des menschlichen Leibes ist jedoch die geistige Seele und deren Tätigkeiten, denn die Materie ist wegen der Form und die Instrumente wegen der Handlungen des Tätigen.“ Würde allein diese simple philosophische Wahrheit beherzigt, so könnte kein Mensch je auf die Idee kommen, der menschliche Leib stamme aus dem Tierreich ab. Die unabdingbare katholische Lehre vom Menschen als Geistwesen, die auch Pius XII. und das Vorbereitende Konzilsschema betonen, hat auch ihre unmittelbaren Folgen für den Menschenleib. Da er als einziger über eine geistige Seele verfügt, muß ihm auch eine ganz einzigartige und entsprechende Form eignen, wie sie sich nirgends im Tierreich finden und daher von dort auch nicht stammen kann. Gott hat also den menschlichen Leib in einer seiner Bestimmung vollkommen entsprechenden Weise gestaltet, sowohl was die Form als auch was die Tätigkeiten angeht. „Und wenn irgendein Defekt in der Verfassung des menschlichen Körpers zu sein scheint, so ist es so zu sehen, daß dieser Defekt aus der Notwendigkeit der Materie stammt dazu hin, daß die Eigenschaften des Leibes im nötigen Verhältnis zur Seele und den seelischen Tätigkeiten stehen.“

Was bedeutet das im einzelnen? Der Tastsinn, sagt der heilige Thomas, ist Grundlage aller anderen Sinne und daher im Menschen ausgeprägter als bei den anderen Lebewesen, weshalb er eine gegenüber diesen sehr viel ausgewogenere Verfassung hat. Daraus ergibt sich, daß er in manchen äußeren Sinnen den Tieren nachsteht. Beispielsweise hat er einen ziemlich schlechten Geruchssinn. Da es aber notwendig war, ihm ein vergleichsweise großes Gehirn zu geben, einmal wegen der freien Tätigkeit der inneren Sinne (das, was man heute gerne „Psyche“ nennt) und zum anderen als Ausgleich des kühlen Kopfes gegen die Wärme des Herzens (die seiner aufrechten Statur wegen einige Kraft haben muß), behindert diese Größe des Gehirns den Geruchssinn. Ähnliches gilt für die gegenüber manchen Tieren schwächere Seh- und Hörkraft. Diese ist der insgesamt ausgeglicheneren Verfassung des Menschen geschuldet, ebenso wie andere „Schwächen“ auf Gebieten, wo uns die Tiere oft übertreffen, wie etwa Geschwindigkeit im Laufen usw. (ad 1).

Hörner und Krallen, wie sie Tiere zu ihrer Bewaffnung tragen, und Fell oder Federn, mit denen sie bekleidet sind, fehlen dem Menschen ebenfalls wegen der Ausgeglichenheit und Zartheit seiner Verfassung, die ihm aufgrund seiner Seele zukommen. Dafür hat der jedoch eine Vernunft und Hände, mit welchen er sich in unbeschränkter Weise alle Arten von Waffen, Bekleidung und anderen zum Leben notwendigen Dingen bereiten kann, weshalb die menschliche Hand bei Aristoteles das „Werkzeug aller Werkzeuge“ genannt wird. Das entspricht vollkommen der geistigen Natur des Menschen, welche von unbegrenzter Kreativität ist und daher die Fähigkeit braucht, sich unbegrenzt mannigfache Werkzeuge herstellen zu können (ad 2).

Die aufrechte Statur kommt dem Menschen zu aus vier Gründen. Erstens, weil dem Menschen die Sinne nicht nur gegeben sind, sich die zum Leben notwendigen Dinge zu bereiten wie bei den anderen Lebewesen, sondern auch zur Erkenntnis selber. Während die übrigen Lebewesen an den sinnlichen Dingen nur Freude finden, sofern diese zur Speise oder Geschlechtlichkeit dienen, hat allein der Mensch Freude an der Schönheit der Dinge selbst als solcher. Weil aber die Sinne vor allem im Gesicht liegen, tragen die meisten Tiere ihr Gesicht zur Erde geneigt, wie um nach Nahrung und allem Lebensnotwendigen zu suchen, der Mensch aber hält sein Gesicht nach oben, damit er durch die Sinne und namentlich den Gesichtssinn, welcher der feinste und detailreichste ist, frei alles Sinnliche erkennen kann, sowohl das himmlische wie das irdische, um so aus allem die geistige Wahrheit zu schauen. Zweitens, damit die inneren Kräfte sich freier bewegen können, wenn nämlich das Gehirn, in welchem sie gewissermaßen ihren Gipfel haben, über alle übrigen Körperteile erhaben ist. Drittens, weil der Mensch, hätte er eine geneigte Statur, seine Hände zur Fortbewegung benutzen müßte und sie nicht für die verschiedenen Tätigkeiten frei hätte. Viertens, weil er dann, da er die Hände zum Laufen bräuchte, die Nahrung mit dem Mund aufnehmen müßte, was eine Schnauze, harte und grobe Lippen und eine entsprechende Zunge mit sich brächte, wie die Tiere es haben, um besser fressen zu können und sich dabei nicht zu verletzen. Das aber würde beim Menschen das Sprechen behindern, welches doch das der Vernunft eigene Werk, „proprium opus rationis“, ist (ad 3).

Wie sehr ist der menschliche Leib ganz auf die menschliche, geistige Seele hingeordnet und von ihr geprägt! Wie sehr unterscheidet er sich daher ganz grundsätzlich von den Leibern der Tiere! Wo also sollte es da eine ursächliche Verbindung geben? Der heilige Thomas geht übrigens noch auf einen weiteren Einwand ein, nämlich daß doch die Pflanzen immerhin auch eine aufrechte Statur hätten. Dennoch, sagt er, unterscheide sich der Mensch gänzlich von den Pflanzen. Er nämlich trage sein Oberes, das Haupt, dem Höheren der Welt entgegen, sein Unteres jedoch nach unten. Er sei somit bestens verfaßt im Hinblick auf die Gesamtausrichtung. Bei den Pflanzen hingegen sei es genau umgekehrt. Sie tragen ihr Oberes nach unten, die Wurzeln nämlich, die gleichsam dem Mund entsprechen, während sie ihr Unteres nach oben tragen, die Ausscheidungs- und Geschlechtsorgane. Die Tiere hingegen hielten sich in der Mitte, denn der Teil, welcher die Nahrung aufnehme, sei der höhere und der, welcher die Ausscheidung vornehme, der untere, wobei beides bei ihnen einigermaßen auf einer Ebene liegt (ebd.).

11. In Artikel 4 endlich beschäftigt sich der heilige Thomas noch mit der Frage, ob denn die Hervorbringung des menschlichen Leibes in der Heiligen Schrift angemessen dargestellt sei. Den Beweis dafür, daß es so ist, sieht er in der Autorität der Heiligen Schrift selber als dem Wort Gottes. Darum beantwortet er auch gleich die Einwände, ohne die Frage ausführlicher zu behandeln. Die Tatsache, daß die Erschaffung des Menschen eigens und detailliert beschrieben wird, während die anderen Schöpfungswerke mehr allgemein dargestellt sind, begründet er damit, daß die Heilige Schrift hier zeigen will, daß alle anderen Werke des Menschen wegen geschaffen worden sind. „Das nämlich, was wir vor allem im Sinn haben, pflegen wir mit größerer Überlegung und Eifer zu vollbringen“ (ad 1).

Gegen die Auffassung einiger, der Leib des Menschen sei zuerst geformt und dann erst beseelt worden, wie man vielleicht aus dem Bericht der Genesis folgern könnte, führt der Aquinate an, daß es gegen die Vollkommenheit der ursprünglichen Schöpfungsordnung wäre, wenn Gott einen Leib ohne Seele oder eine Seele ohne Leib hervorgebracht hätte, ist doch beides jeweils Teil der menschlichen Natur. Die Beschreibung der Heiligen Schrift ist vielmehr so zu verstehen, daß das Einhauchen des Lebensgeistes nur ausführt, was vorher geschildert wurde, nämlich die Formung des Leibes, „denn die Seele ist die Form des Leibes“. D.h. also Gott hat nicht zuerst den Leib geformt und dann eine Seele eingehaucht, sondern Er hat den Leib geformt, indem Er ihm (bzw. dem „Lehm der Erde“) gewissermaßen die Seele einhauchte (ad 3).

Wir wüßten nicht, was an dieser Darstellung des heiligen Thomas unklar ist, die vollkommen der Heiligen Schrift, der Theologie, dem Glauben, der vernünftigen Philosophie und dem gesunden Menschenverstand entspricht und obendrein keinerlei Widersprüche zu (echten) naturwissenschaftlichen Erkenntnissen aufweist. Dennoch meinten die Katholiken und meint auch unser „traditionalistischer“ Referent, die Dinge anders sehen zu müssen. Der Bericht der Genesis ist nur „bildlich“ zu verstehen, d.h. er ist falsch. Denn Gott nahm tatsächlich, so glauben sie, nicht „Lehm der Erde“, sondern ein „tierisches Gewebe“, um daraus den ersten Menschen zu formen. Unser „Dozent“ will darin eine Parallele zur Formung Evas aus einer Rippe Adams erkennen.

Abgesehen davon, daß es nichts ändern würde und der angeblich beweiskräftige „Gendefekt“ auch dann nicht auf Adam übergegangen wäre, wenn Gott tatsächlich „Affengewebe“ für die Formung des ersten Menschenleibes genommen hätte – denn der Leib wird, wie wir gesehen haben, durch die Seele geformt, und wäre somit ohnehin ganz neu geworden –, fragen wir uns, wieso wir die Bildung des Leibes Evas aus der Rippe des Adam wörtlich nehmen sollen, während die Formung des Leibes Adams aus dem Lehm der Erde nur bildlich ist. Entweder beides hat sich so ereignet, wie es in der Heiligen Schrift geschrieben steht, oder beides ist nur ein Märchen und die Bibel ein nettes, aber wertloses Märchenbuch.

Mann und Frau

12. Der heilige Thomas von Aquin hat den Bericht von der Erschaffung Evas ebenso ernst genommen wie den von der Hervorbringung Adams. Darüber handelt er gleich in der folgenden Quaestio 92 des ersten Teils seiner „Summa“. Gegen gewisse frauenfeindliche Tendenzen seiner Zeit betont er mit der Heiligen Schrift, daß Gott auch die Frau gleich zu Beginn, noch vor dem Sündenfall, in einem eigenen Schöpfungsakt erschaffen hat (a. 1). Er führt dazu an die Stelle Gen 2, 18, da Gott spricht: „Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei. Lasset uns ihm eine Gehilfin machen, die ihm gleiche.“ Daß Adam eine Frau als Gehilfin und nicht ein Mann als Gehilfe gegeben wurde, deutet der engelgleiche Lehrer auf jenes Werk, welches nur Mann und Frau gemeinsam vollbringen können, nämlich die Erzeugung von Nachkommenschaft. Darum sei die Frau nicht, wie manche damals meinten, eine Art „Unfall“ und eher zufällig entstanden, sondern liege ganz in den Absichten der Natur und Gottes, der sie ebenso wie den Mann gleich zu Beginn erschuf.

Warum wurde nun die Frau aus der Rippe des Mannes hervorgebracht? Das untersucht der heilige Thomas ausführlich im zweiten Artikel. Er nennt dafür vier Gründe. Erstens sollte dem ersten Menschen seine Würde gewahrt bleiben, indem er als Gottes Ebenbild gleichsam zum Ursprung des ganzen menschlichen Geschlechts wurde, so wie Gott der Ursprung des ganzen Universums ist. Daher sagt der heilige Paulus, daß Gott „aus einem Menschen das ganze Menschengeschlecht gemacht hat“ (Apg 17, 26). Zweitens sollte dies dazu führen, daß der Mann seine Frau mehr liebt und ihr desto unverbrüchlicher anhange, da sie doch Fleisch von seinem Fleisch und Gebein von seinem Gebein ist. „Darum wird der Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seinem Weibe anhangen, und beide werden ein Fleisch sein“ (Gen 2, 24). Der heilige Paulus nimmt darauf Bezug, wenn er an die Epheser schreibt: „So sind auch die Männer schuldig, ihre Frauen zu lieben wie ihre eigenen Leiber. Wer sein Weib liebt, liebt sich selbst. Denn niemand hat noch sein eigenes Fleisch gehaßt, sondern er hebt und pflegt es, wie auch Christus die Kirche“ (Eph 5, 28 f).

Der dritte Grund besteht darin, daß Mann und Frau nicht nur zum Zwecke der Erzeugung von Nachkommenschaft verbunden sind wie bei den Tieren, sondern auch wegen des häuslichen Lebens, in welchem Mann und Frau verschiedene Tätigkeiten zukommen und der Mann das Haupt der Frau ist. Das hören Feministinnen natürlich nicht gerne. Der vierte Grund schließlich ist ein sakramentaler, denn durch die Entstehung Evas aus der Rippe Adams sollte das Hervorgehen der Kirche von Christus vorgebildet werden. Davon spricht wiederum der heilige Paulus an der genannten Stelle im Epheserbrief, wenn er fortfährt: „… weil wir Glieder seines (Christi) Leibes sind, von seinem Fleisch und von seinem Gebein. Darum wird der Mensch seinen Vater und seine Mutter verlassen und seinem Weibe anhangen, und die zwei werden ein Fleisch sein. Dieses Geheimnis ist groß, ich sage aber in Christus und der Kirche“ (Eph 5, 30-32). Damit ist nebenbei der ganze Unsinn von „Genderismus“ und „Ehe für alle“ vom Tisch gefegt.

Wieso aber war es ausgerechnet die Rippe? Dies wird uns in Artikel 3 erklärt. Erstens sollte dadurch angedeutet werden, daß es zwischen Frau und Mann eine Bindung nach Art von Gefährten geben sollte. Daher wurde die Frau nicht aus dem Haupt des Mannes gebildet, denn sie sollte nicht über ihn herrschen, sie sollte aber auch vom Manne nicht verachtet und gleichsam als Sklavin betrachtet werden, weshalb sie nicht aus seinen Füßen gemacht wurde. Sie sollte ihm als Gefährtin zur Seite stehen und wurde deshalb aus seiner Seite gebildet. Der zweite Grund ist wiederum der sakramentale, denn wie die Kirche durch die Sakramente von Blut und Wasser aus der Seitenwunde des am Kreuz entschlafenen Heilands hervorging, so wurde Eva aus der Seite des schlafenden Adam geformt. Der Aquinate geht auch auf den Einwand ein, wie Gott aus einer kleinen Rippe einen ganzen Körper gemacht haben soll. Er erinnert mit dem heiligen Augustinus daran, wie Christus mit fünf Broten eine Menge von fünftausend Menschen gespeist hat. Ebenso war es für Gott kein Problem, aus einer Rippe einen ganzen Leib zu formen.

Die letzte Frage der Quaestio lautet, ob die Frau tatsächlich unmittelbar von Gott erschaffen worden sei (a. 4). Selbstverständlich wurde sie das, sagt der engelgleiche Lehrer. Denn es gab nur zwei Möglichkeiten, wie sie entstehen konnte: Entweder durch natürliche Zeugung, die aber vor Erschaffung der Frau gar nicht möglich war, oder eben durch einen Schöpfungsakt Gottes. Einmal mehr verteidigt er damit die Würde der Frau, gemäß der Heiligen Schrift: „Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde; nach dem Bilde Gottes schuf er ihn, als Mann und Frau erschuf er sie“ (Gen 1, 27). Die Einzahl, „schuf er ihn“, steht für die Mann und Frau gemeinsame geistige Natur und Würde als Ebenbild Gottes, die Mehrzahl, „schuf er sie“, steht für ihre geschlechtsbedingten Unterschiede.

13. Wollten wir, wie es unser „Dozent“ tut, nun eine Parallele ziehen zwischen der Hervorbringung der ersten Frau aus der Rippe des Mannes und der Hervorbringung des ersten Mannes aus „Affengewebe“, und wollten wir die Gründe des heiligen Thomas entsprechend anpassen, so ergäben sich folgende Aussagen: „Erstens sollte dem Affen seine Würde gewahrt bleiben, indem er als Gottes Ebenbild (!) gleichsam zum Ursprung des ersten Menschen und damit des ganzen menschlichen Geschlechts wurde, so wie Gott der Ursprung des ganzen Universums ist.“ Zweifellos eine Blasphemie! „Zweitens sollte dies dazu führen, daß der Affe den Menschen mehr liebt und ihm desto unverbrüchlicher anhange, da dieser doch Fleisch von seinem Fleisch und Gebein von seinem Gebein ist.“ Was für ein Unsinn! Drittens sollten Affe und Mensch auch im häuslichen Leben verbunden werden, „in welchem Affe und Mensch verschiedene Tätigkeiten zukommen und der Affe das Haupt des Menschen ist“. Kein Kommentar. Was schließlich die Anwendung auf Christus und die Kirche angeht, so wollen wir davon völlig schweigen, um uns nicht zu versündigen. Wir weisen nur darauf hin, daß der Teufel gerne als „Affe Gottes“ bezeichnet wird.

Was für einen ernsthaften Grund sollte es also geben, warum Gott den ersten Menschen ausgerechnet aus „Tiergewebe“ erschaffen haben soll, und das auch noch in Parallele zur Erschaffung Evas aus der Rippe Adams? Der „Dozent“ meinte, Gott habe damit eine „Verwandtschaft“ zwischen Mensch und Tier herstellen wollen. Nun kann zwischen Mensch und Tier keine Verwandtschaft bestehen. Eine solche basiert immer auf Zeugung. Eine bloße Verwendung organischer Materie würde ohnehin keine Verwandtschaft herstellen. Ganz abgesehen von den unsinnigen und blasphemischen Implikationen, die sich ergeben würden, wie wir gesehen haben.

14. Im Fazit bleibt uns festzustellen, daß die Harmonisierungsbemühungen zwischen Evolutionismus und katholischem Glauben gescheitert sind und auch scheitern mußten. Es gibt kein Sowohl-als-Auch zwischen kontradiktorischen Gegensätzen, sondern nur ein Entweder-Oder. Wofür wir als Katholiken uns zu entscheiden haben, steht fraglos fest. Wünschenswert wäre, daß die Katholiken das begreifen, daß sie ihr Inferioritäts-Denken überwinden und dem „neuen Weltbild“ der atheistischen materialistisch-evolutionistischen fälschlich so genannten „Wissenschaft“ wieder das klare Weltbild einer wahren, katholischen Wissenschaft entgegenstellen.