Das deutsche Kirchenlied

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„So blieb es bis in das letzte Viertel des 18. Jahrhunderts hinein, als die sogen. deutschen Singmessen aufkamen. Der Rationalismus und Josephinismus, die alles verdeutschen wollten, führten auch die deutschen Singmessen ins Hochamt ein. Werkmeister sagt in der Vorrede seines Gesangbuches zum Gebrauch der württembergischen Hofkapelle 1784, daß in der dortigen Gegend außer bei der Predigt und Christenlehre vom deutschen Kirchengesang wenig Gebrauch sei gemacht worden. In Domstiften, Klöstern und Städten habe man Choral- und Figuralmusik, nur auf dem Lande könne man während der heiligen Messe deutsche Lieder hören; nachdem aber der Geist der Aufklärung tiefer in die katholischen Provinzen Deutschlands eingedrungen sei, habe man mehr Geschmack an den deutschen Gesängen gefunden. Die Nation habe den Mangel einer deutschen Liturgie nie so sehr gefühlt als jetzt; diese ließe sich aber schwerlich einführen: nicht weil die Sache untunlich, sondern weil sie neu sei; man solle sich deshalb um so eifriger auf deutsche Gesänge verlegen, weil diese althergebracht seien. In Bayern, Salzburg, Österreich, am Rhein usw. seien diesbezügliche Versuche mit großem Beifall aufgenommen worden“ (Sp. 613 f). Auch hier zeigt sich die „Liturgische Bewegung“ als legitime Nachfolgerin im rationalistisch-josephinistischen Erbe. Auch sie zielte auf eine volkssprachliche Liturgie und verwendete dazu die bereits eingeführten deutschen Gesänge.

„Einzelne Bischöfe, wie z.B. der Mainzer Erzbischof Karl Joseph, erließen den Befehl, daß während des Hochamtes nur deutsche Lieder gesungen werden sollten. In neuerer Zeit hat der ‚Allgemeine deutsche Cäcilienverein‘ auch die Reform des deutschen Kirchenliedes in den Bereich seiner Tätigkeit gezogen und sucht zunächst den durch den Rationalismus in Schwung gebrachten deutschen Volksgesang während des Hochamtes in seiner frühere richtige Stellung wieder zurückzuweisen. Diese läßt sich kurz mit folgenden Worten bezeichnen: Der deutsche Volksgesang ist nicht berechtigt in dem Gottesdienste, für welchen die Kirche die lateinische Liturgie vorgeschrieben hat, also im Hochamte, in der Vesper, in der Komplet. Zulässig ist er nach alter Gewohnheit vor und nach der Predigt und Christenlehre, bei sogen. Stillen Messen, bei deutschen Nachmittags- und Abendandachten, Prozessionen, überhaupt da, wo die Kirche den lateinischen Gesang nicht vorgeschrieben hat“ (Sp. 614). So ist und bleibt die Regel. Aber keine Regel ohne Ausnahme.

8. Am 10. April des Jahres 1943 richtete der damalige Vorsitzende der Fuldaer Bischofskonferenz, Kardinal Bertram von Breslau, ein Schreiben an den Heiligen Stuhl. Darin befand sich unter anderem die Bitte, verschiedene Meßformen mit Volksgesang zu gestatten, welche durch die „Liturgische Bewegung“ in Deutschland Verbreitung gefunden hatten. In der Antwort von Kardinalstaatssekretär Luigi Maglione vom 24. Dezember 1943 heißt es: „Was aber die verschiedenen Formen betrifft, an der Meßfeier teilzunehmen, von denen im Brief vom 10. April d.J. die Rede ist, haben dieselben Kardinäle es für richtig erachtet, kraft ihrer Vollmacht zu beschließen, daß sowohl der Brauch der ‚Missa lecta in Anwesenheit von Gläubigen, die den Text z.T. in deutscher Sprache mitsprechen (übliche Bezeichnung: Gemeinschaftsmesse), als auch der Missa lecta, an der die Gläubigen teilnehmen, indem sie passende Gebete und Kirchenlieder in deutscher Sprache vortragen‘ (übliche Bezeichnung: Bet-Sing-Messe) dem klugen Urteil der Ortsordinarien überlassen werden soll. Ebenso haben die Väter, unter Berücksichtigung dessen, was Du selbst über die ‚Missa cantata, verbunden mit Volksgesang in deutscher Sprache‘ (übliche Bezeichnung: deutsches Hochamt) geschrieben hast, dem Ansuchen dieser Bischöfe stattgegeben, und zwar dahingehend, daß ‚diese dritte Form, die in Deutschland schon seit mehreren Jahrhunderten blüht, mit größtem Wohlwollen geduldet wird‘“ (zitiert nach: Dokumente zur Kirchenmusik unter besonderer Berücksichtigung des deutschen Sprachgebietes, hrsg. von Hans Bernhard Meyer und Rudolf Pacik, Regensburg 1981).

Definitiv neu sind hier die „Gemeinschaftsmesse“ und die „Bet-Sing-Messe“. Derlei hat es, wie wir im geschichtlichen Überblick gesehen haben, vor dem 20. Jahrhundert nicht gegeben, weshalb die römische Kongregation die Entscheidung darüber auch lieber „dem klugen Urteil der Ortsordinarien“ überläßt. Lediglich der Gesang deutscher Kirchenlieder „bei sogen. Stillen Messen“ war üblich und zulässig. Das „deutsche Hochamt“ ist uns jedoch in der frühen nach-„reformatorischen“ Zeit bereits begegnet: „Wenn einzelne Bischöfe es gestatteten, anstatt des lateinischen Chorals deutsche Lieder zu singen, so geschah das notgedrungen mit Rücksicht auf den Mangel an Sängern, namentlich auf dem Lande; andererseits mag es eine Konzession gewesen sein für Gegenden mit gemischter Konfession, um denen, die zur katholischen Kirche zurückkehren wollten und ‚zuvor des verführerischen Singens gewohnt gewesen‘, den Rücktritt nicht zu erschweren.“ Das ist wohl gemeint, wenn es heißt, daß diese Form „in Deutschland schon seit mehreren Jahrhunderten blüht“. In der Zeit der Aufklärung und durch den Josephinismus fand diese Praxis jedoch eine ungebührliche Ausdehnung in der Absicht, allmählich eine „deutsche Liturgie“ einzuführen. In diesem Sinn hat auch die „Liturgische Bewegung“ diese Meßform neben der „Gemeinschaftsmesse“ und der „Bet-Sing-Messe“ bevorzugt.

Dr. Ferdinand Haberl macht in einer kleinen Schrift mit dem Titel: „Das deutsche Amt und die Enzyklika Musicae Sacrae Disciplina“, erschienen in Regensburg 1956, demgegenüber darauf aufmerksam, daß es sich bei der Erlaubnis Roms um einen Indult handelt, der keineswegs auf eine Ersetzung des Lateins in der Liturgie durch die Volkssprache hinauswill. Dr. Haberl stellt dazu folgende Gesichtspunkte auf: „1. Das deutsche Hochamt – besser »deutsches Liederamt« zu nennen – besteht darin, daß das Volk während einer missa cantata solche deutsche Lieder singt, die es seit frühester Jugend zu singen gewohnt ist, also bereits allgemein bekannte und verbreitete Lieder. Der volkssprachliche Gesang ist also nicht erst durch Einführung eines deutschen Liederamtes anzukurbeln.“ Der Sinn bestand ja gerade darin, den Gläubigen mangels Vorhandenseins geeigneter Sänger die singende Teilnahme an der Messe zu ermöglichen, indem man es seine gewohnten Lieder singen ließ. „2. Es ist nur dort erlaubt, wo es bereits seit Jahrhunderten in Übung ist. Das Gesuch erbittet nur die weitere Erlaubnis für jene Gegenden, in denen dieser Brauch schon seit Jahrhunderten toleriert ist.“ Es geht nicht darum, neue liturgische Formen einzuführen, sondern das Gewohnte fortführen zu können. Daraus ergibt sich: „3. Die Erlaubnis des deutschen Liederamtes kann nicht auf jene Diözesen und Gegenden ausgedehnt werden, die nicht schon seit Jahrhunderten die Erlaubnis für diese Praxis besitzen.“ Außerdem: „4. Von einem gesanglichen Vortrag einer deutschen Übersetzung des Ordinariums oder des Propriums ist weder im Gesuch noch im Antwortschreiben die Rede. Das Gesuch erbittet sogar ausdrücklich die Beschränkung der Erlaubnis auf bereits allgemein verbreitete und seit frühester Kindheit liebgewonnene Lieder.“ Der Versuch der „Liturgischen Bewegung“, damit eine „deutsche Liturgie“ ins Werk zu setzen, muß als Mißbrauch angesehen werden.

Zwei weitere zu beachtende Punkte: „5. Das Gesuch bezieht sich nur auf den Volksgesang. Die Erlaubnis kann nicht auch auf den Chorgesang ausgedehnt werden.“ Und: „6. Das erbittet die Erlaubnis des deutschen Liederamtes nur für den sonntäglichen Pfarrgottesdienst. Auch abgesehen davon, daß die neue Kirchenmusik-Enzyklika die eigenmächtige Ausdehnung der Erlaubnis auf ähnliche Verhältnisse verbietet (III), nimmt das Antwortschreiben deutlichen Bezug auf die vorgetragene Bitte, so daß das deutsche Liederamt dort, wo es gestattet ist, nur als sonntäglicher Pfarrgottesdienst gefeiert werden darf.“ Noch einmal: Der Sinn der Maßnahme ist der, dem sonntäglichen Pfarrgottesdienst in Gegenden, wo geschulte Sänger für den Choral fehlen, größere Feierlichkeit zu geben, indem die Messe als gesungenes Amt gehalten wird, wobei an der Stelle des Gregorianischen Chorals für das Ordinarium (Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus, Agnus Dei) deutsche Volksgesänge treten, welche die Gläubigen bereits kennen und leicht singen können. Jeder, der bereits Gemeinden erleben durfte, die sich im Singen des Gregorianischen Chorals sehr schwer tun, wird diese Nachsicht verstehen; es hat wirklich nichts Erhebendes und Andachtsförderndes, wenn ein paar rohe Stimmen sich mühsam durch eine Choralmesse quälen.

Das Heilige Offizium hat am 16. März 1955 einige einschränkende Bestimmungen erlassen, um den Mißbrauch des „Liederamts“ zur Einführung einer deutschen Liturgie zu verhindern. Diese Einschränkungen sind folgende: „1. Das deutsche Liederamt ist verboten bei allen Pontifikalämtern, Levitenämtern, Ämtern in Seminarien, Konventämtern, Kathedralskapitelämtern und Kollegiatsämtern.“ Das ergibt sich logisch aus dem Sinn dieses Indults. „2. Bei jedem deutschen Liederamt muß das Proprium immer in lateinischer Sprache gesungen werden, während Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus mit Benedictus, Agnus Dei in deutscher Paraphrase, also nicht in deutscher Übersetzung, vom Volk gesungen werden dürfen.“ Der deutsche Volksgesang ist eben kein gleichwertiges Äquivalent zum lateinischen Choral. Er ist kein eigentlicher liturgischer Gesang und kann diesen daher nicht ersetzen; er kann nur die Feierlichkeit erhöhen, indem er dort eintritt, wo sonst der liturgische Gesang seinen Platz hätte.

9. Im Fazit stellen wir fest, daß Luther das Kirchenlied nicht erfunden hat, daß er es jedoch geschickt für seine Zwecke zu nutzen verstand und damit auch im katholischen Raum einiges in Bewegung brachte, was sich bis hin zu den „liturgischen Reformen“ des 20. Jahrhunderts auswirkte. Es war einer der Wege, auf welchem der Protestantismus der Kirche großen Schaden zugefügt hat.

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