Das heilige Buch

Die Fastensonntage schreiten ihrem Höhepunkt zu – dem Sonntag Laetare, dem Freudensonntag –, um sodann nahtlos in die Passionszeit hinüberzugleiten, die Zeit, in welcher man nur noch das Leiden Jesu Christi zu betrachten und dessen Geheimnis innezuwerden sucht. In der Karwoche wird sodann dieses Leiden und Sterben in einem liturgischen Drama erlebbar gemacht – gnadenhaft erlebbar anhand der vielen Zeremonien.

Die heilige Liturgie schöpft dabei aus dem reichen Schatz der Heiligen Schrift. Sie macht uns anhand vieler Texte aus dem Alten Testament greifbar und einsehbar, was unser göttlicher Lehrmeister den Jüngern auf ihrem Gang nach Emmaus rügend sagte: „O ihr Unverständigen! Was seid ihr so schwerfällig, aufgrund dessen, was die Propheten verkündet haben, mit dem Herzen zu glauben! Mußte denn der Messias nicht leiden und so in seine Herrlichkeit eingehen?“ Der Text des Lukasevangeliums fügt sodann hinzu: „Und er begann mit Moses und allen anderen Propheten und legte ihnen aus, was in allen Schriften sich auf ihn bezieht.“

Wie ergreifend werden all diese Texte, sobald sie durch die hl. Liturgie gedeutet werden – etwa die Klagelieder des Propheten Jeremias in den Trauermetten der drei heiligen Tage. In der ersten Lesung des Karfreitags heißt es:
„Aus den Klageliedern des Propheten Jeremias 1. Lesung Kap. 2, 8-11
Heth. Der Herr gedachte, die Mauer der Tochter Sion zu zerstören. Er spannte die Meßschnur und wandte seine Hand nicht ab von der Vernichtung. Die Vormauer klagte, die Mauer ward ebenso eingerissen.
Teth. Ihre Tore sind in die Erde versunken. Er hat zerstört und zerbrochen ihre Riegel. Ihr König und ihre Fürsten sind unter den Heiden. Das Gesetz ist nicht mehr, ihre Propheten erhalten kein Gesicht mehr vom Herrn.
Jod. Schweigend sitzen am Boden die Ältesten der Tochter Sion, sie streuen Asche auf ihr Haupt, sind mit Trauergewändern umgürtet. Zur Erde senken das Haupt die Jungfrauen Jerusalems.
Kaph. Meine Augen schwinden vor Tränen, mein Inneres ist erschüttert, meine Leber zerfließt am Boden ob der Vernichtung der Tochter meines Volkes, da Kind und Säugling verschmachten auf den Plätzen der Stadt.
Jerusalem, Jerusalem, bekehre dich zum Herrn, deinem Gott!“

Hierdurch offenbart sich uns die Heilige Schrift als geheimnisvolles Buch, in dem Gott zu uns über die wichtigsten Wahrheiten unseres Menschenlebens spricht und uns darüber belehrt, wie man den Weg vom irdischen zum himmlischen Leben findet. Bernhard Overberg schrieb in seinem Vorwort zur Biblischen Geschichte von 1800: „Der ewige, unsichtbare Gott, allmächtig und allweise, allgütig und gerecht, voll unendlicher Schönheit und Liebe, hat seine Seligkeit nicht allein genießen, sondern auch andern mitteilen wollen. Darum schuf er nebst unzählbaren Engeln auch die Menschen nach seinem Ebenbilde, damit sie fähig seien, ihn zu erkennen und zu lieben und an seiner Seligkeit teilzunehmen.
Die ersten Stammeltern ließen sich vom Satan zur Sünde verführen und verderbten das ihnen verliehene göttliche Ebenbild. Dadurch wären sie mit ihren Nachkommen der ewigen Seligkeit verlustig gegangen, hätte nicht Gott in demselben ewigen Wissen, in welchem er die menschliche Sünde sah, auch ihre Heilung vorgesehen und sich der gefallenen Menschen erbarmt. Er ließ sie zwar das Unheil aus der Sünde erfahren, aber verzieh, wie er es noch immer tut, den Reuigen die Schuld um des kommenden Erlösers willen. Denn in einem, so verhieß er, sollten alle gesegnet werden, die im Glauben an die rettende Gnade Gottes die Hand des Vaters ergreifen. Hierzu mahnte er sie, wie er es noch immer tut, schon durch die Gaben der sichtbaren Schöpfung. Hierzu gab er ihnen die innere Stimme des Gewissens, die einen jeden vor dem Bösen warnt und ihn zum Guten mahnt. Hierzu gab er ihnen unsichtbare Geister zu Helfern und Beschützern. Hierzu sandte er Boten, mit seinem Geiste ausgerüstet, die Menschen zu belehren und sie im Glauben und in der Hoffnung aufzurichten. Hierzu wählte er ein Volk, daß es inmitten der Verderbnisse des Heidentums den Glauben und die Hoffnung auf den Erlöser bewahre und ihm den Weg bereite: Er berief Abraham und schloß mit ihm einen ‘Bund’ für ihn und seine Nachkommen, d. h. eine Verfügung der Gnade und des Gebotes von seiten Gottes, daß das Volk ihn anbete und ihm diene. Und hierzu sandte er endlich seinen wesensgleichen Sohn, der für uns Mensch wurde, Jesus Christus, der die Herrschaft Gottes und seine Liebe für alle Menschen verkündete, für uns sein Leben opferte, aus dem Tode auferweckt wurde und uns vom Vater den Heiligen Geist sandte, damit sich sein Reich, das Reich der Wahrheit und Liebe auf Erden – die Kirche Jesu Christi – verbreite und mit seinem Beistand bleibe bis zum Ende der Welt. Das ist es, was uns die Geschichte des Alten und Neuen Testamentes lehrt. Eine so denkwürdige, heilsame und trostvolle Geschichte gibt es sonst keine auf Erden.“

Um diesen Gedanken noch etwas zu vertiefen, geben wir im folgenden zwei Kapitel aus dem Buch von Dr. J. Klug „Die ewigen Dinge – Gedanken über das erste Hauptstück des Katechismus“ wieder. Das Buch ist 1915 im Verlag Ferdinand Schöning / Paderborn erschienen und zeigt uns wieder einmal, daß Wahrheit niemals veraltet.

Das heilige Buch

I.

Der moderne Mensch pflegt sich gut auszukennen in der Literatur unserer Zeit. Er kennt die Klassiker seines Volkes und der Weltliteratur und er hielt es für einen Bildungsmangel, nicht in den neuesten literarischen Erscheinungen wohl bewandert zu sein. Ein Buch aber ist dem gebildeten Menschen unserer Tage zum großen Teil fremd geworden. Das ist das alte, heilige Buch, die Heilige Schrift. Viele Gründe spielen dabei mit. Es ist für manchen Menschen eine Erinnerung an die Jugendzeit, die ihm die Freude an dem heiligen Buch der Offenbarung verbittert, der Erinnerung an jene Tage und Jahre der Schulzeit, wo man vielleicht in mehr oder minder mechanischer Weise die sogenannte biblische Geschichte auswendig lernte, und wo vielleicht nicht immer der rechte Lehrer zur Stelle war, um den jugendlichen Geist in das Verständnis der Bibel einzuführen und das jugendliche Herz zu begeistern für alles Schöne und Hohe, das unzweifelhaft aus der heiligen Schrift auch für das kindliche Gemüt hervorleuchtet. –

Bei anderen ist es wieder der mehr oder weniger unklar empfundene Widerspruch der heiligen Schrift zu den Naturwissenschaften unserer Zeit. Ich meine: der mehr oder weniger unklar empfundene Widerspruch; denn nicht jeder Gebildete, der den Buchdeckel der heiligen Schrift für immer zuklappt, hat sich vorher die Mühe gemacht, diese sogenannten Widersprüche der Schrift und der Naturwissenschaften gründlicher zu studieren, und auch nicht jeder hat sich auch nur einigermaßen in die katholische Literatur vertieft, die auf diesem Gebiet vorhanden ist. Man spricht das Urteil anderer gerne nach und empfindet es als eine Art Genugtuung, wenn man Fehler und Irrtümer des Offenbarungsbuches annehmen zu dürfen glaubt in Dingen der Wissenschaft, weil dann der Rückschluß um so erlaubter erscheint, daß auch die sittlichen Anschauungen der Bibel nur zeitgeschichtlich zu beurteilen seien und daß sie keinen Anspruch auf ewige Gültigkeit und Dauer beanspruchen könnten. –

Bei anderen wiederum ist es die Beschäftigung mit den geschichtlichen Wissenschaften, welche sie zu einem wegwerfenden Urteil über die heiligen Schriften kommen ließ. Eine Armee von Forschern außerhalb der katholischen Kirche und außerhalb des Christentums überhaupt hat sich daran gemacht, den heiligen Boden der Offenbarung zu durchwühlen und zu untergraben und das Gebäude, das sich auf diesem Boden erhob, zum Einsturz zu bringen. Man möchte Israel hinstellen als ein Volk der Geschichte, wie andere Völker es auch gewesen sind, seine Schicksale als Volksschicksale, wie andere Völker ähnliche erlebten; man möchte seine religiöse Entwicklung begreifen, ohne eine übernatürliche Einwirkung anzunehmen. Und das alles hat seinen verlockenden Zauber. Es ist immer anziehender, die ewigen Dinge als irdische Tatsachen abzustempeln, weil es vernunftgemäßer erscheint, von all den Dingen und Erscheinungen dieser Welt auch irdisch zu denken. Und auf dem Wege geschichtlicher Forschung ist mancher Mensch vom Glauben seiner Kindheit abgekommen und sieht in dem alten heiligen Buch Israels und der Christenheit nicht mehr eine Sammlung religiöser Schriften eines Volkes, der ein überragender Wert, geschweige denn ein Ewigkeitswert zukommt.

Aber diesen Gründen, mit denen man den erhabenen Charakter des Offenbarungsbuches bestreitet, ließen sich mancherlei Gegengründe entgegenstellen. Die unangenehme Erinnerung an den Mechanismus kindlichen Lernens ist gewiß kein Grund, die Schrift selber zu verwerfen. – Was dem Kind schwer und unfaßlich erschien, das möge der Gereifte zum zweiten Mal vor seine Seele und vor sein Auge treten lassen, und es wird ihm so ergehen wie dem Mann, der nach langen Lehr- und Wanderjahren zurückkehrt an die Stätten seiner Jugend. Da wird er erst den ganzen Zauber und die ganze Schönheit schätzen lernen, denn er hat das Vergleichen gelernt. Er hat Erfahrungen hinter sich, die ihn wieder gerne zurückkehren lassen an die Orte, wo Kindesseligkeit ihn umfing. Und so ist es vielen Menschen schon ergangen, wenn sie in reiferen Jahren die Heilige Schrift öffneten, und wenn sie mit den Augen, die durch manche Träne heller und klarer geworden sind, den Inhalt dieses Buches wieder lesen.

Es gibt kein Buch der Welt, das in seinen Personen und seinen Worten und in seiner ganzen Geschichtserzählung einen Inhalt besäße, an den sich gleich reiche Belehrungen knüpfen lassen, wie die Heilige Schrift. Ihr Anfang, das Sechstagewerk, ist in der ganzen Weltliteratur nicht überboten worden, und man muß ihn nur vergleichen mit den Fabeln der heidnischen Völker vorchristlicher Zeit, um die Erhabenheit des Offenbarungsgottes und seiner Schöpfertätigkeit leuchten zu sehen. Das Schicksal des ersten Menschenpaares, seine Versuchung und sein Fall, sind sie nicht vorbildlich für unsere eigenen Versuchungen und für unser eigenes Straucheln auf dem Pfade der Pflicht und der Gehorsamshingabe an Gottes heiligen Willen? Ist nicht die Art, wie der erste Mensch im Kampf mit der verfluchten Erde, die ihm Dornen und Unkraut tragen sollte, seine Schuld gesühnt hat in gehorsamer Erfüllung des göttlichen Strafbefehls; ist sie nicht eine ewige Mahnung, unsere Schuld mit gleichem Gehorsam und gleicher Ergebenheit zu sühnen? Die alte Erzählung von Abraham, der sein Liebstes opfern soll, und der im Gehorsam den Willen Gottes tut, auch wenn ihm das Herz brechen möchte, ist mustergültig für ähnliche Lebensschicksale, die uns selber treffen. Wer am Sarg steht, der einen teuren Toten, eine teure Tote birgt, kann keine heldenmütigere Gesinnung und keine tiefere Religiosität beweisen, als der Patriarch Israel, der seinen Knaben, seinen Liebling bindet, um ihn dem ewigen Gott zu weihen. Und Gott selbst konnte Abraham nicht schöner erziehen, als in dieser Geschichte vom Opfer des Isaak erzählt ist. Abraham lebte in seiner heidnischen Umgebung, und die neueren Ausgrabungen auf dem alten israelitischen Boden haben gezeigt, daß zur Zeit Abrahams in Kanaan die heidnische Sitte der Kinderopfer herrschte. Der Gott Israels, der wahre Gott, will dem Patriarchen zeigen, daß er nicht wie der karthagische Moloch ist, der Menschenleben fordert, bloß um ihrer Vernichtung willen. Der Gott Israels läßt den Augenblick kommen, wo das Messer den Lebensfaden des Knaben Isaak zerschneiden soll. Und in diesem Augenblick gebietet er dem erhobenen Arm des Vaters Halt, um Abraham zu belehren, daß die gehorsame Gesinnung, die Gott zuliebe alles tut und alles opfert, der Kern der Gottesverehrung sein muß, und nicht fließendes Blut und nicht verrinnendes Leben. – Man muß die Geschichte vom Flüchtling Jakob, den der Zorn des Bruders vertrieb, einmal im Zwischendeck eines Auswandererschiffes vorlesen, um ihren ganzen Ewigkeitsgehalt erst zu verstehen. Die Grundgedanken, die diese Geschichte enthält, werden für jeden, den das Schicksal in die Fremde zwingt, eine Himmelsleiter sein, auf der er die Engel Gottes auf- und niedersteigen sieht, daß sie ihn beschützen und beschirmen. Welch unvergängliches Schicksal entrollt die Josephsgeschichte vor den Augen des Bibellesers. Der hebräische Jüngling, vom Heimweh nach dem Vater und den Fluren der Heimat umfangen, in fremdem Hause … in schwerer Versuchung … im Kerker … im Glanz der Königsnähe und des hohen ägyptischen Staatsamtes … und wiederum in der alten Sehnsucht nach dem Vater, in seiner verzeihenden Liebe gegenüber den Brüdern, und während all dieser Schicksalssendungen in unveränderlicher Treue gegenüber dem ewigen Gott – wem böte das nicht immer neuen Stoff zum Nachdenken? Wer muß sich nicht beugen vor Moses, in ehrfürchtiger Bewunderung vor dem großen Mann, der wie eine Gestalt aus Erz und Granit ein Volk überragt? Der vor einem König sich nicht beugt, wo es gilt, den Willen des Ewigen durchzusetzen … der die Volkswut erträgt, die rings um ihn brandet … der ein Volk sterben und betrogen werden sieht und unentwegt weiter wandert, dem verheißenen Ziel entgegen … der den Aufruhr bändigt unter den Stammesgenossen, und mit fremden Horden Schlachten schlägt, der eisern ist in seinem Willen und doch die Hände betend emporhält, bis er sie nicht mehr halten kann und man ihn stützen muß, dessen Stirne düster werden kann wie eine Wetterwolke, wenn das Volk die Gesetze des Ewigen verletzt, und dessen Gesicht leuchten kann im Abglanz der Herrlichkeit Gottes, und der dann stirbt einsam und groß und mit herber Tragik, ohne das Ziel seiner Sehnsucht besitzen zu dürfen! –Welch eine unergründliche Menschengestalt ist Saul, Israels erster König? Saul, der als Held Gottes sein Volk sammelt zum heiligen Krieg und als gebrochener Mensch vor der Hexe von Endor steht, um den Geist eines Toten heraufzubeschwören und der dann als Selbstmörder endet – ein Mensch, der vor Jahrtausenden lebte und fast doch so modern anspricht, der in Übermenschentum beginnt und in Zerbrochenheit endet! – Und David, der alle Höhen und alle Tiefen der Menschheit geschaut! Der, um einen ganz modernen Ausdruck zu gebrauchen, „krank am Weibe wurde“, und dennoch ein Büßer, aus der Tiefe sich zur Höhe der Läuterung emporgerungen hat. –

II.

Wo in der Welt gibt es ein Gegenstück zu der sittlichen Höhe, zu der Glut und zu der Begeisterung der Propheten Israels? Was ist das für ein wundervolles Bild, das uns die Heilige Schrift von Elias, dem gewaltigen Vorkämpfer der Rechte Gottes malt! Götzendienst hat Israels Volk und Königshaus erfaßt, und die Strafe des Herrn, Trockenheit und Dürre, ist über das Land gekommen. Auf dem Berge Carmel steht der Prophet, um den Götzendienern des Baal entgegenzutreten. Heute soll es sich entscheiden, wem Israels Herz und Glaube und Begeisterung gehört, dem fremden Götzen oder dem ewigen Gott. Elias bietet den Derwischen des Baal die große Probe an. Sie bauen ihren Götzenaltar, er baut seinen Opferaltar für den ewigen Gott. Auf wessen Altar vom Himmel ein Blitzstrahl fällt, um die Opfer zu verzehren, dessen Gott hat gesprochen und dessen Glauben soll im Rechte sein. Die Götzenpriester des Baal führen ihre Tänze auf und schreien und rufen – aber Baal hört nicht, Baal schläft. Baal ist abwesend, so spottet der Prophet, und dann kniet er nieder und betet zu seinem Gott. Da zuckt der Blitzstrahl hernieder auf sein Opfer und im nächsten Augenblick stürzt sich das Volk her über die Betrüger in einer jähen Aufwallung orientalischer Glutleidenschaft und metzelt die Priesterschaft des Baal nieder. Aber noch liegt die Strafe Gottes über dem Land. Ein wolkenloser Himmel spannt sich über Land und Meer, der keine Tropfen Regen mehr zu spenden scheint. Den Gott dieses Himmels, den wahren Gott will Elias jetzt bestürmen. Er begibt sich auf die Spitze des Gebirges Carmel, da wo die Felsen schroff herabfallen ins Meer. Und Elias betet. Er bestürmt den ewigen Gott, daß er Regen sende über das Land. Er bestürmt ihn mit der ganzen Glut seiner großen Seele. Ein Knabe steht dem Propheten zur Seite. Den sendet Elias bis zum letzten Felsen vor mit dem Auftrag: „Geh` hin und sieh´, ob du nicht eine Wolke aufsteigen siehst aus dem Meer!“ Und der Knabe kehrt zurück und bringt die Antwort: „Herr, es ist nichts zu sehen!“ Zum zweiten Male betet der Prophet und zum zweiten Male kehrt der Knabe zurück und meldet: „Herr, es ist nichts zu sehen!“ Und Elias betet weiter. Er betet zum dritten Male, er betet zum vierten Male, zum fünften Male, und immer kommt der Knabe zurück mit den Worten: „Herr, es ist nichts zu sehen!“ Zum siebenten Male bestürmt der Prophet den ewigen Gott. Da kommt der Knabe zurück und spricht: „Herr, es steigt ein Wölkchen aus dem Meere auf, so groß wie meine Hand!“ Da löst sich die ungeheure Spannung in der Seele des Propheten, und er stürmt den Berg hinunter und läßt die Wassergefäße aufstellen und die Brunnen und die Zisternen öffnen. Der Gott Israels hat gezeigt, daß er der wahre Gott ist und hat seinen Propheten erhört. –

Welch ein Beter, welch ein Vorbild für alle Zeiten! Und wer könnte die Geschichte der israelitischen Propheten weiter verfolgen, ohne ergriffen zu werden von dem unerschütterlichen Vertrauen dieser Männer auf den ewigen Gott. Von ihrem Vertrauen, das auch auf Schutt- und Trümmerhügeln sie nicht verließ und das sie durch all die grauen und trüben Schleier von Blut und Tränen und Mord und Verwüstung und Verbannung und Gefangenschaft hindurch das leuchtende Morgenrot einer besseren Zeit erblicken ließ, das leuchtende Morgenrot des kommenden Messias?

Wo gibt es das ein zweites Mal auf der Welt und in der Geschichte der Menschen, daß solche Männer, solche Mahner, solche Prediger der Umkehr zur Gerechtigkeit, Wahrheit, Nächstenliebe aufgetreten sind in einem Volk, dessen Schicksal so hoffnungslos als nur möglich erschienen und dessen Zukunft von den Propheten so golden als nur möglich gemalt wurde? Und hat nicht die Zukunft ihnen Recht gegeben? Hat nicht der Zukunftstraum vom kommenden Messias und seinem Reich Israel in die Verbannung begleitet und es begleitet bei seiner Heimkehr? Hat nicht dieser Zukunftstraum die Männer aufrechterhalten, die den zweiten Tempel bauten, in der einen Hand das Schwert, in der andern die Kelle? Hat er nicht Israel Helden erweckt in der großen Makkabäerzeit, als die Jünglinge und Männer aus den Schluchten und aus den Ebenen und Tälern mit ihren Bauernwaffen in der Hand zusammenströmten gegen Israels Feinde, die zugleich die Feinde des ewigen Gottes waren? Hat nicht der von dem Propheten herangezogene Heldensinn die makkabäische Mutter befähigt, das für alle Zeiten von Volksnot um des Glaubens und der Heimat willen vorbildlich gewordene Opfer ihrer sieben Söhne zu bringen? –

Und wo gibt es eine Volksgeschichte, die in religiöser Hinsicht so lehrreich ist, wie die Geschichte des Judentums, das in pharisäischer Engherzigkeit versteinerte und verknöcherte, das den Geist tötete, um dem Buchstaben ein Scheinleben einzuhauchen, und das in dem Augenblick versagte, als das Heil der Welt vor ihm stand, als es die Aufgabe aller Aufgaben erfassen sollte, das Zukunftsvolk zu werden, wie ja jedes Pharisäertum versagen muß, wenn ähnliche Aufgaben kommen? –

Und dann das Neue Testament mit all seiner Lieblichkeit, seinem Weihnachtszauber, dessen Wahrheitsgehalt das Tiefste ist, was wir Menschen besitzen, weil er uns das Wohnen des ewigen Gottes unter uns Menschen verkündet, und dessen Poesie von keiner Schönheit, von keiner Stimmung der Welt erreicht wird. Wo wäre der Mensch, der die Weihnachtsgeschichte liest, und durch dessen Seele es nicht zöge wie das Läuten der Weihnachtsglocken, die durch dicken Schnee klingen und den Wanderer zur Ruhe unter dem strahlenden Christbaum laden … oder wie leiser, süßer Engelsang von dem Einzigen, was den Menschen befriedigen kann auf der Welt – das ist: Gott die Ehre geben und einen guten Willen haben. Wo wäre der Mensch, der die Leidensgeschichte des Heilandes lesen könnte, ohne selbst durch sie befähigt zu werden, sein eigenes Kreuz bis zum Tode weiter zu tragen, und wäre sein Kreuz noch so groß und lang, und breit und schwer? Wo wäre der Mensch, der vor dem Haupt voll Blut und Wunden stünde, ohne den heiligen Entschluß zu fassen, das entstellte Ebenbild Gottes in seiner eigenen Seele um der Leidensgröße seines Heilandes willen wieder herzustellen? Und rauscht nicht ein Siegeslied über die Erde hin, so oft die Auferstehungsgeschichte und die Osterbotschaft verkündet werden? Fiel nicht am ersten Pfingsttag Feuer vom Himmel und ist es nicht, als sprühten in den Briefen der Apostel überall Flammen der Begeisterung auf, an denen sich noch alles Große und Heilige entzündet hat, das je durch gottbegeisterte Menschen in der Geschichte der Christenheit vollbracht wurde? Ist es dem Leser der heiligen Offenbarung des Johannes, mag das Buch auch noch so dunkel und unergründlich erscheinen, ist es dem Leser nicht oft, als ob der Schleier für einen Augenblick weggezogen sei, der die Zukunft enthüllt, und als stehe der König der Ewigkeit in strahlender Majestät jetzt schon hoch über dem Streit und Kampf der Erde, um das Wort zu sprechen: „Fürchtet euch nicht, ich habe die Welt überwunden?“

An diesem Ewigkeitsgehalt der heiligen Schrift wird keine profangeschichtliche Erklärung ihrer Bücher rütteln können. Es ist gegen diese profangeschichtliche Erklärung wenig einzuwenden, wenn sie nur nicht die falsche Ansicht hat, Gott aus der Geschichte des heiligen Buches zu entfernen und die Bücher der Heiligen Schrift ihres übernatürlichen Charakters zu entkleiden. Man kann indes Geschichte verfolgen, nach derselben historischen Methode verfolgen, nach der die Geschichte anderer Völker auch betrachtet wird, – aber eines wird man rein natürlich nicht erklären können: das ist der Geist, der hinter diesen Büchern steht. Wem es nicht gegeben ist, den zu fühlen und zu sehen, dem wird keine profangeschichtliche Betrachtungsweise der Heiligen Schrift je die Augen öffnen; der wird indes die Schicksale und die Jahreszahlen seiner Geschichte und seines Zusammenhanges mit den Weltvölkern der alten Zeit nennen können – aber es ist doch nur wie ein Reden im Traum, dem der wache Sinn für die Wahrheit und Wirklichkeit der Dinge fehlt.

Die Heilige Schrift ist ein eigenartiges Buch, weil sie das Buch Gottes ist. Sie ist nur dem verständlich, der sie mit reinem und ungetrübtem Auge liest. Niemals hat die Kirche das Bibellesen ihren Gläubigen verboten. Sie fordert nur das Eine, daß man in den Wunderwald ihrer himmelhoch ragenden Gedanken sich nicht begebe ohne gute und sichere Führung; daß man sich durch das weite Gebiet ihrer Ideen, nicht als Eigenbrödler hindurchschlage, der meint, sich den Weg erst suchen zu müssen, sondern daß man die Pfade verfolge, auf denen die Kirche immer ging, wenn sie sich in die geheimnisvollen Berichte des heiligen Buches vertiefte. Denn höher als der Buchstabe dieses Buches steht der Geist, der seine Verfasser erleuchtete – und dieser Geist ist nicht wahllos jedem einzelnen Menschen verheißen, sondern nur der Kirche, und an deren Erklärungen müssen wir uns halten. – Das Buch der Bücher hat man die Heilige Schrift schon oft genannt. Ich möchte sie die Quelle aller Quellen nennen, aus der wir immer wieder trinken können, soll unsere geistige Nahrung nicht Zisternenwasser sein, sondern heilige Flut, die niederströmt aus ewigen Höhen.

Als Strindberg starb

Als der bekannte Schriftsteller August Strindberg starb, den man den ernstesten Beichtiger unserer Tage genannt hat, da brachte ein weitverbreitetes deutsches Blatt einen Bericht über seinen Tod. Der lautete: Am Abend um 9 Uhr war er zum letzten Male bei vollem Bewußtsein. Er rief seine Tochter zu sich, liebkoste sie und äußerte nur die zwei Worte: „Liebe Grete!“ wie einen Abschiedsgruß. Dann nahm er seine Bibel, die die ganze Zeit neben ihm gelegen hatte, drückte sie gegen seine Brust und sagte mit hörbarer Stimme: „Ich bin fertig mit dem Leben. Die Bilanz ist gezogen und“ – indem er auf die Bibel zeigte – „dies ist das einzig Richtige.“ Das waren die letzten Worte des Sterbenden.
„Dies ist das einzig Richtige.“ Solche Worte wiegen schwer im Munde eines Sterbenden und doppelt schwer, wenn dieser Sterbende so viele Wandlungen durchgemacht hat, wie Strindberg im Verlaufe seines schicksalsvollen Lebens. Und die Erfahrung, die in diesen Worten liegt, haben viele schon gemacht, daß wir doch über die Weisheit der Bibel nicht hinauskommen und daß wir gerade in den ernstesten Stunden unseres Lebens in ihr den festen Grund und den einzigen, nicht versagenden Halt besitzen. Es ist gewiß manches Menschenwort voll Licht und Kraft geschrieben worden, das uns aufrichten und geleiten mag. Aber aus der Bibel heraus schaut uns Gottes Auge selber an und spricht: „Sieh, ich wache über dich!“ Aus der Bibel heraus kommt uns Gottes Hand entgegen und winkt uns zu: „Sieh, ich führe dich!“ An der Bibel vermag jeder seinem Leben Ziel und Richtung geben, wie an keinem zweiten Buch der Welt.

An den Schaufenstern unserer Buchhandlungen stehen wir oft und lesen auf dem Umschlag dieses oder jenes Buches die vielverheißenden Worte: „Ein Lebensbuch“. Es ist schon beinahe Mode geworden, jedem neu erscheinenden Werke diese Empfehlung mit auf den Weg zu geben. – Als die Bücher der Heiligen Schrift geschrieben wurden, trug keines solche Reklame auf der Stirne. Und dennoch haben die Menschen nun seit Jahrtausenden ihr geistiges Lebensbrot in der Heiligen Schrift gefunden, ist ihnen das Wort Gottes immer und immer wieder Heilquelle und Stahlbad der Seele geworden. Wohl gibt es auch andere, von Menschen heilige gehaltene Bücher; es gibt die sogenannten „heiligen Bücher des Ostens“, es gibt den Koran. Aber was den geistigen und sittlichen Gehalt anbelangt, so kann keines von ihnen mit der Höhe und Weite und Tiefe der Bibel sich messen. Die Heilige Schrift steht in einzigartiger Höhe über ihnen allen.

Es gibt kein Lebensproblem von Bedeutung, das nicht in der Bibel seine Beleuchtung fände. Gott und die Welt, Gott und Mensch, Leben und Tod, Jubel und Klage, leuchtender Tugendglanz und Sünde, schwarz wie die Nacht, Schuld und Vergebung, des Herzens Unrast und seine selige Ruhe, hingebende Liebe und schmählicher Verrat, Versuchung und Sieg und Versuchung und Fall, Mannesmut und Frauenlist, Opfersinn und Selbstsucht, himmelanstürmender Trotz und weise, stille gewordene Entsagung, Menschenmut und Gotteshilfe, zerrissene Satansschlingen und belohntes Gottvertrauen, Zweifels Qual und Zweifels Lösung, Tränenfluten und Himmelswonnen, betende Inbrunst und ohnmächtiges Zähneknirschen, Satans Scheintriumphe und Gottes endlicher Sieg, der Guten irdisches Ringen und ewige Krönung … ins Endlose ließen sich alle die großen Lebensfragen und Menschheitsfragen aufzählen, auf die helles Licht ausgegossen wird in Gottes heiligem Offenbarungsbuch.

Warum nehmen wir dieses Buch so selten in die Hände? – Warum blättern wir in den Märchenbüchern der Menschen herum, in denen oft schlechte Abziehbilder des Lebens geboten werden, anstatt aus den ewigen Quellen des Gotteswortes zu trinken? – Der Inder steigt jeden Morgen beim Sonnenaufgang hernieder zum heiligen Fluß Ganges und benetzt seine Stirne mit einer Handvoll Wasser aus der geweihten Flut. Könnten wir nicht unser ganzes Geistesleben jeden Morgen betauen und befruchten mit dem Segen des göttlichen Wortes, der in jedem ernst und aufmerksam gelesenen Kapitel aus der Bibel ruht?

Ich weiß es, daß bei manchen Menschen, die vielleicht gerne zur Heiligen Schrift greifen würden, der Gedanke hemmend wirkt, daß die Kritik beinahe kein Blatt der Bibel unbeanstandet ließ. So mancher seufzt: „Was bedeutet für uns moderne Menschen noch die alte Bibel, das Buch vergangener Jahrtausende?“ – und künftiger Jahrtausende und der ganzen Weltzeit unvernichtbares „Lebensbuch“ ist sie, die Heilige Schrift. Seid beruhigt – keine Kritik der Welt wird die Bibel den Männern ernster Wissenschaft zu entreißen vermögen, die sie als treue Gottesstreiter verteidigen! Vertraut euch deren Urteil in Ruhe an! Wie hat einst Hieronymus an Vigilantius geschrieben? „Derselbe Mensch, der die Goldstücke prüft, kann nicht zugleich die heilige Schrift prüfen und wer sich mit dem Weinkosten abgibt, kann nicht die Propheten und Apostel erklären.“

Aber aus dem Golde der Heiligen Schrift sich alle Tage das eine oder andere Bruchstück holen und von ihrem stärkenden Weine trinken, das mag ein jeder tun, durch keinen Zweifel beirrt am Wert und der unvergänglichen Bedeutung des Wortes Gottes.