Wahrnehmungsstörungen

Dem einen oder anderen wird es wohl zuweilen oder womöglich auch schon öfter aufgefallen sein, daß seine Zeitgenossen offensichtlich an Wahrnehmungsstörungen leiden, also gewisse Sachverhalte, Tatsachen nicht wahrnehmen wollen, obwohl diese, wie die Sprache sich griffig ausdrückt, direkt vor der Nase liegen. Obwohl dem so ist, obwohl die Sache direkt vor der Nase liegt, will man sie nicht sehen oder wenigstens nicht so sehen, wie sie wirklich ist – und mit der Zeit sieht man sie auch wirklich nicht mehr. Aus der willentlich verweigerten Wahrnehmung wird eine Wahrnehmungsstörung.

Der Karikaturist, Humorist und Satiriker, Loriot, mit bürgerlichen Namen Bernhard-Viktor Christoph-Carl von Bülow, bekannte einmal: „Kommunikationsgestörte interessieren mich am allermeisten. Alles, was ich als komisch empfinde, entsteht aus der zerbröselten Kommunikation, aus dem Aneinander-vorbei-Reden.“ In einem seiner Filme zeigt Loriot, wie er es sich zuhause gemütlich gemacht hat, als ein Nachbar oder Freund, so genau kann ich mich nicht mehr erinnern, zu Besuch kommt, ganz aufgeregt aufgrund der Nachricht, eines der Hochhäuser in nächster Nähe der Wohnung sei eingestürzt – das habe er soeben in der Zeitung gelesen. Da das benannte Hochhaus von der Wohnung aus leicht und gut zu sehen ist, blickt Loriot aus dem Fenster – und siehe da, das Hochhaus steht wie eh und je da, ohne auch nur irgendeinen Schaden erkennen zu lassen. Als Loriot diese Tatsache vor seinem Besucher bekundet, wird dieser ganz unwillig und betont, in der Zeitung stehe, daß das Hochhaus eingestürzt sei, und deswegen glaube er auch, daß das Hochhaus eingestürzt sei und infolgedessen nicht mehr dastehen könne. Nachdem das Gespräch eine Weile hin und hergeht, fordert Loriot, inzwischen etwas unwillig geworden, den Besucher auf, einfach aus dem Fenster zu sehen und sich davon zu überzeugen, daß dem nicht so ist, daß das Hochhaus immer noch dastehe. Aber der Herr weigert sich standhaft, das zu tun und verläßt schließlich aufgebracht, aber unerschüttert in seinem Zeitungsglauben die Wohnung.

Kommunikationsstörungen beruhen auf Wahrnehmungsstörungen, denn richtige, echte Kommunikation ist nur auf der gemeinsamen Basis der Wahrheit und Wahrhaftigkeit möglich, weshalb Gott auch im 8. Gebot fordert: Du sollst nicht lügen. Wenn alle Menschen immer nur lügen würden, würde jegliche Kommunikation unmöglich. Nun kann man aber nicht nur andere belügen, man kann sich auch selbst so sehr belügen, daß man die eigene Lebenslüge schließlich und endlich glaubt. Da derartige Wahrnehmungsstörungen durchaus bedenkenswerte und inzwischen zudem weitverbreitete Phänomene sind, lohnt es sich sicherlich, diesen etwas tiefer auf den Grund zu gehen. Wir sind uns dabei durchaus bewußt, daß unsere Darstellung eine Vereinfachung des Sachverhalts mit sich bringt, über jedes Einzelphänomen könnte man Bücher schreiben. Durch die Vereinfachung ist es jedoch möglich, das Wesentliche, Entscheidende in den Blick zu bekommen. Nur so gelangt man zu des Pudels Kern, und das ist unser Ziel.

Entgegen der allgemein gewordenen Überzeugung, daß der moderne Mensch ganz besonders unvoreingenommen, vernünftig und objektiv in seinen Ansichten sei, begegnet man im tatsächlichen Leben immer mehr von diesen betont modernen Menschen, die in erschreckendem Maße unfähig geworden sind, die Wirklichkeit so zu sehen, wie sie ist. Diejenigen Fälle, die medizinisch betreut werden müssen, weil sie mit ihrem alltäglichen Leben nicht mehr zurechtkommen, stiegen in den vergangen Jahren besorgniserregend an. Das kann doch nur daran liegen, daß dieser moderne Mensch entgegen der allgemein gewordenen Überzeugung gar nicht so unvoreingenommen, vernünftig und objektiv ist, wie er sich einbildet.

Sobald man die Sache etwas genauer in die Lupe nimmt, wird diese naheliegende Vermutung von mehreren Seiten her bestätigt. In vielen Bereichen des Lebens nimmt das irrationale Verhalten zu – und das trotz der großen finanziellen Mittel für Schulen und Universitäten. Woher kommt dieser offensichtliche Mangel?

Wir wollen mit dem Thema beginnen, das letztlich über allen steht und alle anderen im Gefolge hat. Dieses Thema ist Gott. Es ist mehr als auffällig, der moderne Mensch ist, wenn es um Gott geht, in keiner Weise unvoreingenommen oder neutral, sondern genau das Gegenteil, wie wir zeigen werden.

Zunächst mag diese Aussage überraschen, denn ist die Religionsfreiheit nicht ein Charakteristikum der Moderne? Läßt der modere Mensch nicht jeden glauben, was er will? Ja und nein! Das Glauben-lassen-was-man-will gilt nur, solange jemand seinen eigenen Glauben nicht ernst nimmt, d.h. ihn nicht als Wahrheit bekennt. Der moderne Mensch ist so lange unvoreingenommen, objektiv und vernünftig, als man die Gottesfrage offen läßt. Er ist nur deswegen tolerant, weil er grundsätzlich an Gott zweifelt, oder zumindest grundsätzlich so tut, als gäbe es keinen Gott. Seine Toleranz ist eine Toleranz des Nicht-wissen-könnens.

Nehmen wir als Beispiel die moderne Naturwissenschaft. In dieser ist diese Vorgehensweise inzwischen so selbstverständlich geworden, daß es eine nicht geringe Mühe kostet, diesen Leuten zu zeigen, daß dieser theoretische Ansatz der naturwissenschaftlichen Forschung durchaus nicht neutral ist, läßt er doch de facto die Frage der Existenz Gottes nicht einfach offen, sondern er verneint sie ausdrücklich und zwar mit zäher Nachdrücklichkeit. Hier muß auf ein Mißverständnis hingewiesen werden. Gemeinhin sagt man, Gott habe keinen Platz in der Naturwissenschaft. Hier gelten nur die reinen Fakten, nur das, was wägbar, meßbar, experimentell nachweisbar ist. Die Naturwissenschaft habe es nur mit Naturkräften zu tun, aber nicht mit Gott. Das ist eine jener Halbwahrheiten, die immer eine ganze Folge von Irrtümern nach sich zieht. Ist die Frage nach der Entstehung des ganzen Weltalls in der Tat nur mit naturwissenschaftlichen Mitteln zu beantworten? Verstößt diese Absicht nicht gegen einen der philosophischen Grundsätze, auf die unsere ganze Erfahrung sich stützt: Die Wirkung übertrifft niemals die Ursache. Ist deswegen nicht bei der Frage nach der Entstehung der Welt eine von vorneherein auf die Naturkräfte sich einschränkende Forschung ein Teufelskreis? Muß diese Art von Wissenschaft nicht notwendigerweise zu falschen Ergebnissen kommen?

Der moderne Naturwissenschaftler tut in der Tat nicht nur so, als würde es gar keinen Gott geben, er setzt vielmehr seinen ganzen Ehrgeiz daran zu beweisen, daß es zur Erklärung der ganzen Welt gar keinen Gott braucht. Das ist der letzte Grund dafür, daß er verzweifelt und mit nicht mehr vorstellbaren finanziellen Mitteln ausgestattet wie besessen versucht zu zeigen, daß es etwa den Urknall wirklich gegeben hat, und fordert, daß man aufgrund der Vorgänge bei der Zertrümmerung von Elementarteilchen zeigen könne, wie die Welt, so wie wir sie heute vor uns sehen und erleben, aus diesen einfachsten Anfängen wie von selbst geworden ist. Und dieselben Wissenschaftler sehen in diesen Gedankengängen durchaus keine gewagten Hypothesen mehr, sondern mehr oder weniger erwiesene Tatsachen. Wenigstens tun sie großteils vor der Weltöffentlichkeit so. Wobei sie andererseits aber auch wiederum zugeben können, daß ihr Beweis noch erhebliche Lücken aufweise, vor allem dann, wenn sie wieder unglaubliche Summen an Geld für weitere Forschungen brauchen. Und seltsamer Weise ist die Gesellschaft bereit, solche Forschungen mit Milliarden von Euro zu finanzieren.

Wie ist es nun? Entspricht dies der Wirklichkeit? Der für jeden Menschen erkennbaren Wirklichkeit? Nein! Vielleicht sind sie über dieses „Nein!“ verwundert. Was ist dann die Wirklichkeit, so werden sie fragen? Die eine Wirklichkeit haben wir schon angesprochen, es ist die der menschlichen Erkenntnis leicht zugängliche Einsicht, daß die Wirkung niemals die Ursache übersteigt, sondern im Gegenteil meistens geringer ist als diese. In der Physik spricht man dementsprechend vom Entropiegesetz. Nach dem Lexikon der Physik (Copyright 1998 Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg): „…zweiter Hauptsatz der Thermodynamik, Entropiesatz, einer der zentralen Sätze der Thermodynamik und Statistischen Mechanik, dem zufolge die Entropie eines abgeschlossenen thermodynamischen Systems stets danach strebt, einen Maximalwert einzunehmen, der im vollständigen thermodynamischen Gleichgewicht erreicht wird. Ist also zu irgendeinem Zeitpunkt die Entropie eines Systems von ihrem Maximalwert verschieden, so nimmt sie in den folgenden Zeitpunkten zu oder bleibt im Grenzfall konstant.“

In dem Elektronik Kompendium (elektronik-kompendium.de) findet man noch eine interessante Bemerkung zu diesem Satz: „Der erste Hauptsatz ist häufig als die Unmöglichkeit für die Existenz eines Perpetuum-Mobiles erster Art formuliert worden, das heisst, die Unmöglichkeit auf irgend eine Art Arbeit zu leisten ohne dabei Energie aufzunehmen.“ Dieser Hinweis scheint uns insofern erwägenswert, weil man bei nicht wenigen Arbeiten zur Kosmologie den Eindruck hat, was in anderen Bereichen von niemanden geduldet wird, das läßt man in diesem Fachbereich einfach durchgehen. Erscheint bei den modernen Physikern der Kosmos nicht zuweilen wie ein riesiges Perpetuum-Mobile? Damit man uns nicht der Ignoranz bezichtigen kann, möchten wir der Vollständigkeit halber noch einmal das Lexikon der Physik zitieren: „Scheinbare Widersprüche ergeben sich bei Betrachtung von Systemen auf astronomischer Längenskala. Betrachtet man z.B. das Weltall als abgeschlossenes System, so ist offensichtlich, daß sich dieses System im Zustand des thermodynamischen Ungleichgewichts befindet, der keineswegs einem Zustand maximaler Entropie entspricht. Die Lösung dieses Widerspruchs liefert die Allgemeine Relativitätstheorie, der zufolge die Welt nicht als abgeschlossenes, sondern als sich in einem zeitveränderlichen Gravitationsfeld befindliches System zu betrachten ist, dessen äußere Bedingungen also nicht stationär sind.“ Ob diese Widersprüche in der Tat so einfach zu lösen sind? – Nun, darüber ließen sich sicherlich eine ganze Reihe von Büchern schreiben.

Diese Arbeit wollen wir nun nicht auf uns nehmen, sind wir als Katholiken doch vollkommen überzeugt – wissen wir es schließlich durch die göttliche Offenbarung sogar mit letzter Sicherheit – daß unsere Welt niemals von selbst entstanden sein kann, weil aus nichts niemals von selbst Seiendes werden kann, außer durch die Allmacht Gottes, und weil die natürlichen Kräfte sich selbst überlassen immer nur ins Chaos und nicht in einen geordneten Kosmos führen. Auch wenn die heutigen Wissenschaftler sich zudem verzweifelt bemühen zu zeigen, daß das uns umgebende Weltall gar kein Kosmos sei, sondern ganz im Gegenteil durch und durch chaotische Züge trage, so müssen sie dennoch andererseits dauernd von einer Selbstorganisation der Materie sprechen, um auch nur die Entstehung von so etwas wie einem Sonnensystem erklären zu können. Und wenn diese Wissenschaftler eine Anwandlung von Wahrhaftigkeit überkommt (oder sie, wie schon einmal angemerkt, noch mehr Geld brauchen), geben sie dann doch auch wieder zu, daß sie nicht einmal wissen, wie ein solcher Planet, geschweige denn ein ganzes Planetensystem entstanden sein soll.

Der hl. Paulus zeigt uns in bezug auf die Heiden des alten Roms, wie die damaligen Menschen durch eigene Schuld ihren Blick auf die Wirklichkeit verloren haben: „… denn das Unsichtbare von ihm, sowohl seine ewige Kraft als auch seine Göttlichkeit, die von Erschaffung der Welt an in dem Gemachten wahrgenommen werden, wird geschaut, damit sie ohne Entschuldigung seien; weil sie, Gott kennend, ihn weder als Gott verherrlichten, noch ihm Dank darbrachten, sondern in ihren Überlegungen in Torheit verfielen, und ihr unverständiges Herz verfinstert wurde: indem sie sich für Weise ausgaben, sind sie zu Narren geworden und haben die Herrlichkeit des unverweslichen Gottes verwandelt in das Gleichnis eines Bildes von einem verweslichen Menschen und von Vögeln und von vierfüßigen und kriechenden Tieren“ (Röm. 1, 20-23).

Nimmt man diese gottgeschenkte Erkenntnis glaubend an und nimmt man sie auch ernst, dann stellt sich das Ganze doch ganz anders dar, als man es heute allgemein präsentiert. Wenn Gott sicher existiert und jeder, wenn er nur will, diese Existenz auch mit Sicherheit einsehen und verstehen kann, dann ist die heutige Sicht der modernen Wissenschaft nichts anderes als eine Voreingenommenheit. Sobald man Gottes Wirken bei der Schöpfung und Seine ständige Mitwirkung in Seiner Schöpfung von vorneherein ausklammert, ja systematisch als unmöglich ausschließt, so muß man sich nicht wundern, wenn man niemals mehr zu einer wahren Einsicht über das Werden unserer Welt kommt. Der Versuch, „alles“ – also die ganze Schöpfung – aus der Natur heraus und aufgrund rein natürlicher Kräfte zu erklären, muß nicht nur ständig sich als unausführbar erweisen, er muß auch die Forschungsarbeit in die Irre, ja immer mehr in eine ausweglose Sackgasse führen.

Die schlimmste Folge der verweigerten Erkenntnis ist die Verblendung des Geistes und die sich immer mehr verfestigenden Wahrnehmungsstörungen. Jedes Forschungsergebnis, jeder Hinweis, der die Notwendigkeit eines Schöpfers nahelegen würde, wird in der heutigen Wissenschaft aufgrund des atheistischen Apriori selbstverständlich ausgelesen, d.h. man läßt all diese störenden Daten einfach unter den Tisch fallen. Auch wenn die Welterklärungstheorien immer abenteuerlicher werden – mit wachsendem Wissen über die Kräfte des Kosmos ist das notwendigerweise der Fall – so wird man dennoch niemals mehr zu der Einsicht kommen, daß die Annahme, ein allmächtiger Schöpfer müsse die Dinge in ihrer jeweiligen Bestimmtheit, ihrem jeweiligen Sosein ins Dasein gerufen haben, durchaus keine allzu billige, sondern die einzig mögliche Erklärung für die konkrete Gestalt unserer Welt ist.

Diese Einsicht betrifft übrigens nicht nur die Naturwissenschaften, sondern ebenfalls die Gesellschaftswissenschaften und die Geisteswissenschaften. Hier begegnet man nämlich demselben Phänomen. So hat man etwa den Leuten solange eingeredet, daß eine Gesellschaft ohne Gott besser sei als eine Gesellschaft mit Gott, bis sie es endlich auch glaubten. Darum mußten Kirche und Staat getrennt werden. Ja, zuweilen hat man sogar den Eindruck, daß diese Leute meinen, eine Religion ohne Gott sei besser als eine mit Gott, denn ein echter Gott stört nur allzu sehr die liberalen Gleichgültigkeiten. Also lauter Seltsamkeiten, welche den modernen Menschen zutiefst prägen und ständig umtreiben.

Werfen wir noch einen kurzen Blick auf die Geisteswissenschaften. Jedem auch nur rudimentär gebildeten Mitteleuropäer müßte auffallen, daß das Bild des heutigen Menschen von jener Zeit, die man gemeinhin das Mittelalter nennt, von einer besorgniserregenden Wahrnehmungsstörung zeugt. Speziell diesem Zeitalter unterschiebt man eine wilde Barbarei der Sitten, bis hin zu allen möglichen Perversitäten, die man sich womöglich insgeheim nur selbst wünscht und in jene Zeit hineinprojiziert, weswegen die Filme, in denen derlei Absurditäten publikumswirksam in Szene gesetzt sind, von den Massen geradewegs verschlungen werden. Haben Sie sich schon einmal die Frage gestellt, warum die modernen Revolutionäre nicht die Renaissance oder die Zeit der Aufklärung mit ihren barbarischen Revolutionen in der Folge als abschreckende Antithese wählten? Warum mußte es gerade das Mittelalter sein? Warum mißt man hier so offensichtlich mit unterschiedlichem Maß? Übertrifft der Atombombenabwurf auf Hiroshima und Nagasaki nicht bei weitem alle sog. Barbareien des Mittelalters zusammengenommen? Je ausgiebiger man sich mit solchen Geschichtsfälschungen beschäftigt (hier böte sich übrigens ein umfangreiches Arbeitsfeld), desto klarer sieht man die dahinterstehende Absicht, vor allem die katholische Kirche, deren universaler Einfluß zu dieser Zeit offensichtlich ist, zu treffen. Um die Kirche schlecht zu machen, ist kein Mittel zu schäbig und keine Lüge zu plump. Letztlich geht es darum, den Zeitgenossen einzureden, daß wir doch froh sein können, nicht in dieser finsteren Zeit leben zu müssen, in denen die Menschen noch von den niedrigsten Instinkten geleitet wurden und einem primitiven Aberglauben nachhingen, während wir heutzutage in einem Zeitalter des Lichts leben – ein Zeitalter des Lichts mit jährlich mindestens 50 Millionen Abtreibungen! Wenn das keine Wahrnehmungsstörungen sind!

Wie konnte es zu diesem Phänomen kommen? Diese Wahrnehmungsstörungen sind nur deswegen möglich geworden, weil jene Instanz, welche allein die Wahrheit mit göttlicher Sicherheit verbürgen kann, die Kirche, zunächst mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt wurde, sodann in Bedeutungslosigkeit versank, um schließlich nicht nur ausgeschaltet, sondern in raffiniertester Weise okkupiert, umfunktioniert und ins Gegenteil verkehrt zu werden. Was für ein genialer Schachzug der Feinde der Kirche – und was für ein blamables Versagen der Katholiken!

Aber schauen wir ein wenig in die Geschichte. Schon mit der beginnenden Aufklärung setzte diese Verblendung auch bei den Katholiken ein. Ein neues Zeitalter des Lichts sollte mit einem Mal anbrechen, wobei man mit „Licht“ das Licht der autonomen Vernunft meinte, und zwar im Gegensatz zur Finsternis des göttlichen Glaubens. Allein schon diese Sprachregelung hätte jeden Katholiken in höchste Alarmbereitschaft versetzen müssen, was jedoch eher nur in Ausnahmen der Fall war. Angesichts des modernen Lebens litten die Katholiken immer mehr unter Minderwertigkeitskomplexen, die ihnen von den sog. Gelehrten dieses lichtreichen Jahrhunderts fleißig eingeredet wurden. Die Katholiken mit ihrem nunmehr mittelalterlichen Glauben paßten nicht so recht in die moderne Welt, sie waren die Ewiggestrigen. Eigentlich hätten sie froh darüber sein sollen, denn so genial war diese moderne Welt ja gar nicht, wie man sie darstellte, ein kurzer Blick in die griechische Geistesgeschichte hätte genügt, um zu zeigen, daß dieses Jahrhundert des Lichts nichts anderes als ein schlechtes Plagiat war, wie hätte es auch anders sein können, gibt es doch nichts Neues unter der Sonne.

Dennoch leistete die Kirche mehr als zwei Jahrhunderte tapfer Widerstand gegen die liberale Verdummung der Massen und bemühte sich, die göttliche Wahrheit gegen die modernen Angriffe zu verteidigen und ihren Gläubigen verständlich zu machen, daß es in diesem geistigen Kampf um nichts anderes als den ganzen göttlichen Glauben ging.

Leider wurde die Mannschaft, die sich klar und getragen von einem übernatürlichen Glauben hinter das kirchliche Lehramt stellte, immer kleiner. Die Gefahr der Wahrnehmungsstörungen in den eigenen Reihen wuchs im dem Maße an, als die Masse immer mehr der „neuen“ Welt mit ihren falschen Propheten hinterherlief, weil die Meinungsmacher immer gekonnter Meinung machten und den manipulierten Massen zugleich einredeten, daß sie noch nie so frei, so gut, so aufgeklärt und selbständig waren wie in diesem glorreichen Zeitalter der Erleuchteten.

Die Folge war verheerend: Immer mehr Katholiken glaubten nicht mehr dem ihnen von Gott geschenkten unfehlbaren Lehramt, sondern den falschen Propheten einer neuen Welt und Zeit. Man nannte das neu entstandene Monster liberalen Katholizismus – und hier sind wir schon bei einer der grundlegendsten Wahrnehmungsstörung der Katholiken in den letzten Jahrhunderten. Ein Katholik, also jemand, der einen übernatürlichen, göttlichen Glauben und daraus folgend ein von Gott eingegossenes Glaubenslicht besitzt, müßte eigentlich jederzeit fähig sein einzusehen, daß katholischer Glaube und Liberalismus sich völlig ausschließende Gegensätze sind. Es müßte ihm eine evidente Wahrheit sein, also eine leicht, spontan und direkt einsehbare Wahrheit, daß Liberalismus Sünde ist. Wie man leicht feststellen kann, war diese Einsicht schon Mitte des 19. Jahrhunderts unter Katholiken nur noch wenig verbreitet, der Liberalismus war auch unter Katholiken salonfähig geworden und auf dem Vormarsch.

Nun muß man freilich ergänzend hinzufügen, daß eine Wahrnehmungsstörung in Bezug auf den katholischen Glauben viel leichter um sich greifen kann, da dieser Glaube uns eine unsichtbare und zudem noch übernatürliche Wirklichkeit offenbart. Wir glauben wirklich und mit absoluter Gewißheit, was wir nicht sehen können, weil wir uns dabei auf die göttliche Allwissenheit und Wahrhaftigkeit stützen. Der Dreh- und Angelpunkt unseres übernatürlichen Glaubens aber ist das unfehlbare Lehramt der Kirche. Der Katholik konnte trotz dieses durchaus bedenkenswerten Sachverhalts (unsichtbare, übernatürliche Glaubenswirklichkeit) leicht und vollkommen sicher durch die gottgeschenkte Gnade des Glaubens diese andere Welt des Glaubens wahrnehmen, weil dieser Glaube ständig durch das lebendige Lehramt unfehlbar verbürgt wurde. Zu welcher Blüte ist in den vergangenen Jahrhunderten die Gotteswissenschaft gekommen und wie hat sich das Wissen über die unsichtbar verborgene Welt jenseits des Todes vertieft und gefestigt! Selbst im 19. Jahrhundert gab es noch große Gottesgelehrte, große Theologen, wenn diese auch allmählich einsame Denker geworden waren.

Aber kommen wir allmählich zur Gegenwart. Nach dem 2. Vatikanum sind die Wahrnehmungsstörungen vor allem im kirchlichen Bereich zur Epidemie ausgeartet. Obwohl man eine neue Kirche baute, die alten Gotteshäuser bilderstürmend verwüstete, alle Sakramente verfälschte und jegliche Volksfrömmigkeit auszumerzen versuchte, trotteten die allermeisten Katholiken den Wölfen mit oder auch ohne Schafspelz treuherzig-doof hinterher, wie das Schaf, das zur Schlachtbank geführt wird – fast niemand war auf die Revolution in Rauchmantel und Tiara vorbereitet. Die meisten Katholiken waren nicht mehr fähig, oder wollten gar nicht fähig sein, die offensichtliche, vor der Nase liegende Wahrheit zu sehen. Während ein solches Verhalten in der Zeit unmittelbar nach dem Konzil noch einigermaßen verständlich war, ist es den 80er Jahren nur noch verwunderlich – oder wenn man will auch wieder nicht verwunderlich, sobald man die Möglichkeit der freiwilligen Verblendung in Rechnung stellt und mit den daraus folgenden Wahrnehmungsstörungen sodann auch konkret rechnet.

Hierzu ein Beispiel: Wie kann man etwa die sog. Neue Messe überhaupt noch für einen katholischen Ritus halten? Ist das allein nicht schon eindeutig ein Zeichen von erheblichen Wahrnehmungsstörungen? Oder ein weiteres Beispiel: Wie kann man jemanden, der alle Religionen der Welt versammelt, um mit diesen gemeinsam um Frieden zu beten, für den Papst der katholischen Kirche halten? Ist das nicht ein eindeutiger Beweis einer Wahrnehmungsstörung?

Kürzlich ist uns ein ganz aktuelles, eigentlich schon amüsantes Beispiel buchstäblich in die Hand gelegt worden. Im „Pur-Magazin“ vom Oktober dieses Jahres berichtet der Chefredakteur Bernhard Müller von der Ernennung des emeritierten Erzbischofs Danneels zum Synodalen der Familienkonferenz in Rom. Er bekundet mit vielen anderen seine Verwunderung darüber und gibt aus Anlaß dazu einen kurzen Einblick in das Wirken dieses „Kirchen“mannes: „Der Alt-Liberale konnte bei der öffentlichen Vorstellung einer Biografie über seine Person sein Geheimwissen nicht länger für sich behalten: Er sei Mitglied eines ‘mafia-ähnlichen’ Clubs von Kardinälen gewesen, der gegen Papst Benedikt XVI. opponierte. Die Gruppe habe den Namen ‘St. Gallen’ getragen und eine drastische Reform der Kirche zum Ziel gehabt, die sie ‘viel moderner’ gemacht hätte. Ihr Kandidat für die Führung dieser Kirche sei Jorge Kardinal Bergoglio gewesen, sagte Danneels bei der Buchpräsentation. Weitere Mitglieder sollen unter anderem Kardinal Kasper und Carlo Maria Kardinal Martini gewesen sein.“

Beim Lesen dieser Zeilen denkt man doch unwillkürlich: Ein interessantes Bekenntnis des Kardinals! Dieser gehörte offensichtlich während seiner römischen Zeit einer Loge an, denn was sollte ein „Mitglied eines ‘mafia-ähnlichen’ Clubs von Kardinälen“ mit dem Namen „St. Gallen“ anderes umschreiben. Und diese Logenbrüder haben gezielt am Stuhl Josefs Ratzingers gesägt, um ihren Kandidaten, Jorge Maria Bergoglio an die Spitze zu heben. Spätestens jetzt, so meint man, müßte es mit der Verwunderung über die Ernennung Danneels zum Synodalen der Familienkonferenz durch eben diesen Bergoglio aus sein – aber nein, durchaus nicht – folgen wir also den Gedanken des Chefredakteurs weiter. Der meint dazu: „Nun bleibt es Danneels natürlich unbenommen auf spektakuläre Weise Werbung für seine Biografie zu machen, das tun andere auch. Und es ist auch klar, dass es innerhalb der Kirche schon immer Seilschaften gab, die bestimmte kirchenpolitische Richtungen in Hinterzimmern durchsetzen wollten.“

Ob es Eminenz tatsächlich als Mann der Kirche so unbenommen ist, einer „mafia-ähnlichen“ Vereinigung anzugehören, die „eine drastische Reform der Kirche zum Ziel gehabt“ hat, darf man wohl als Katholik durchaus begründetermaßen bezweifeln und ebenso, ob es wirklich „innerhalb der Kirche schon immer“ solcherlei „Seilschaften gab, die bestimmte kirchenpolitische Richtungen in Hinterzimmern durchsetzen wollten“. Ans Absurde grenzt jedoch die anschließende Behauptung: „Ob es allerdings klug ist, angesichts der gegenwärtigen innerkirchlich aufgeladenen Situation mit solcherlei Enthüllungen Verschwörungstheoretikern und Papstgegnern Munition zu liefern bleibt dahingestellt.“ Wenn das keine Wahrnehmungsstörung ist! Der Kardinal bekennt öffentlich seine Zugehörigkeit zu einem „mafia-ähnlichen“ Club von Kardinälen, wenn man das aber öffentlich feststellen und als Tatsache ansehen sollte, dann ist man ein Verschwörungstheoretiker. Ganz treffend hat Pfr. Hans Milch solch halbkonservative Scheinkatholiken als „Steigbügelhalter der Modernisten“ bezeichnet – heute müßte es nur Postmodernisten heißen. Ob der Aktivitäten dieser Steigbügelhalter braucht sich jedenfalls ein Danneels oder Bergoglio sicher keine Sorgen machen.

Der Chefredakteur des „Pur-Magazins“ muß sodann – Verschwörungstheorie hin oder her – zumindest Kardinal Danneels zugestehen, daß wenigstens er in seinem Leben ganz gemäß den Vorgaben des „mafia-ähnlichen“ Clubs von Kardinälen konsequent gewesen ist: „Er war seiner Sache, die Kirche umzugestalten, immer treu geblieben. Der ehemalige Vorsitzende der Belgischen Bischofskonferenz, der sich über Jahrzehnte nicht ungern als papabile ansehen und sich als Intellektuellen und Kunstliebhaber feiern ließ, machte schon im Jahr 1990 Kirchenpolitik im Verborgenen. Damals hatte die belgische Koalitionsregierung unter dem Christdemokraten Wilfried Martens eines der liberalsten Abtreibungsgesetze Europas beschlossen. König Baudoin, ein praktizierender Katholik, weigerte sich aber aus Gewissensgründen, dieses Gesetz zu unterzeichnen und löste damit eine Verfassungskrise aus. In dieser Phase, so enthüllten im vergangenen April, 25 Jahre später, zwei ehemalige Politiker, hatte Danneels Druck auf den König ausgeübt, dieses Tötungsgesetz zu unterschreiben, was Baudoin dennoch nicht tat.“

Und damit noch nicht genug, denn es heißt noch weiter: „Im Sommer 2013, als inzwischen 80jähriger, machte er noch einmal Schlagzeilen, als er die Einführung der zivilrechtlichen Homo-Ehe als eine positive Entwicklung begrüßte und die katholische Position hinterfragte: ‘Wie kann sich jemand nicht mit seiner Orientierung identifizieren? Ich glaube es gibt eine klare Entwicklung im Denken der Kirche.’ Er verglich die Situation mit jener der Selbstmörder, die in früherer Zeit nicht kirchlich begraben wurden, während die Kirche heute die ‘Ganzheit der Person’ sehe.“

Was ist nach einer solchen Enthüllung über das Wirken des „Kardinals“ zu erwarten? Was folgt als Schlußfolgerung aus diesem glaubens- und sittenwidrigen Verhalten? Der Leser wird es schon erraten können, die Schlußfolgerung fällt ganz in Sinne der schon festgestellten Wahrnehmungsstörung natürlich aus! Wobei der Chefredakteur des „Pur-Magazins“ sogar noch weiter geht, anstatt einfach zu schweigen, versucht er noch einmal besonders geistreich zu erscheinen – „Doch dazu kann man nur mit einem Satz Kurt Tucholsyks enden, mit dem wir begonnen haben: ‘Erfahrung heißt gar nichts – man kann seine Sache auch 35 Jahre lang schlecht machen.’“ – was die Wahrnehmungsstörung letztlich auf die Spitze treibt.

Zugegebenermaßen haben es diese Halbkonservativen besonders schwer, sich in der jetzigen konzilskirchlichen Situation zurechtzufinden. Seit dem Amtsantritt Bergoglios kann man schon fast amüsiert feststellen, wie Bergoglio diese Leute in den Wahnsinn treibt. Man hätte eigentlich meinen können, daß nun jeder Blinde sehend werden müßte – angesichts der haarsträubenden Taten Bergoglios. Aber wenn dieselben Leute angesichts der Taten eines Danneels nicht sehend werden, warum sollten sie jetzt plötzlich angesichts der Taten Bergoglios ihre Wahrnehmungsstörungen heilen können.

Seit die Piusbrüder ihren Romkurs eingeschlagen haben – der durchaus keine Neuorientierung ist, sondern an sich aus ihrer Ideologie mit Notwendigkeit folgt –, befinden sie sich in derselben Lage wie die halbkonservativen Steigbügelhalter. Auch sie müssen ständig an der Wahrheit vorbeischauen, um mit den neurömischen Entwicklungen mithalten zu können. Genau betrachtet hat die jedoch bei ihnen auch schon eine lange Tradition, wie man leicht feststellen kann. Im Mitteilungsblatt des deutschen Distrikts etwa kann man einen Auszug aus einem Vortrag ihres Gründers lesen, der mal wieder das Thema „Papst“ berührt. Der Vortrag stammt aus dem Jahre 1983, also aus einer Zeit, in der Mgr. Lefebvre wieder einmal auf Annäherungskurs mit Karol Józef Wojtyla alias Johannes Paul II. war. Um einen Text Mgr. Lefebvres richtig verstehen zu können, ist es nämlich jeweils wichtig zu bedenken, in welcher Situation er gesprochen hat.

Da wir den Leser nicht unnötigerweise ermüden wollen, möchten wir nur auf den wichtigsten Gedanken eingehen. Nachdem Lefebvre darauf verwiesen hat, daß er immer wieder mißverstanden würde, fährt er fort: „Ich weiß, dass wir uns in schwierigen und schmerzlichen Zeiten befinden. Es gibt keine Autorität mehr, keine Leitung. Der Papst ist nicht häretisch, aber unglücklicherweise lässt er zu, dass überall Häresie verbreitet wird, eben durch die Begünstigung, die er diesem Ökumenismus und dieser Stimmung zukommen lässt, welche die Frage aufkommen lässt, ob der Glaube an die Kirche, an die Wahrheit der katholischen Kirche und an die Einheit der katholischen Kirche in seinem Denken und in seiner Sichtweise noch fest verankert ist. Aber letzten Endes denke ich nicht, dass man sagen kann, die liberalen Päpste, die wir seit Papst Johannes XXIII. hatten, seien formale Häretiker.“

Eine recht kuriose Zusammenstellung von Gedanken, oder etwa nicht? Der Katholik befindet sich nach Lefebvre in schwierigen schmerzlichen Zeiten. Das wohl besonders deshalb, weil es keine Autorität und keine Leitung mehr gibt. Damit wäre eigentlich, so meint man wenigstens, alles Wichtige gesagt: Eine Kirche ohne Autorität und Leitung! Dieser Einsicht entsprechend hat Mgr. Lefebvre auch stets gehandelt, er hat sich weder um Papst noch um Bischöfe geschert, sondern stets das getan, was ihm beliebte, was er für das Richtige hielt. So hat er etwa seine von Rom aufgelöste Gemeinschaft über die ganze Welt verbreitet und sogar trotz des ausdrücklichen Verbots Roms Priester und Bischöfe geweiht usw.

Aber wie so oft in seinen Vorträgen bleibt Mgr. Lefebvre nicht bei dem Gesagten stehen, er macht von einem Satz zum anderen eine Kehrtwendung um 180 Grad. Da heißt es plötzlich weiter: „Der Papst ist nicht häretisch, aber unglücklicherweise lässt er zu, dass überall Häresie verbreitet wird, eben durch die Begünstigung, die er diesem Ökumenismus und dieser Stimmung zukommen lässt, welche die Frage aufkommen lässt, ob der Glaube an die Kirche, an die Wahrheit der katholischen Kirche und an die Einheit der katholischen Kirche in seinem Denken und in seiner Sichtweise noch fest verankert ist.“

Gerade haben wir noch gehört, daß es „keine Autorität mehr, keine Leitung“ mehr gibt – und nun gibt es plötzlich doch wieder einen Papst. Ist denn der Papst keine Autorität? Besitzt der Papst keine Leitungsvollmacht? Was ist der Papst für Mgr. Lefebvre? Der Papst ist ein Mann bei dem man zweifeln kann, „ob der Glaube an die Kirche, an die Wahrheit der katholischen Kirche und an die Einheit der katholischen Kirche in seinem Denken und in seiner Sichtweise noch fest verankert ist“. Er ist also ein Stellvertreter Christi und Oberhaupt der Kirche, der nicht mehr an die Kirche, ihre Wahrheit und Einheit glaubt – aber „letzten Endes denke ich nicht, dass man sagen kann, die liberalen Päpste, die wir seit Papst Johannes XXIII. hatten, seien formale Häretiker“.

So einfach ist das also! Oder doch nicht? Wenigstens meint Mgr. Lefebvre in seinem Vortrag noch ein wenig nacharbeiten zu müssen, denn er fabuliert weiter: „Und so denke ich gleichermaßen, dass wir uns immer ins Gedächtnis zurückrufen müssen, dass es keinen anderen Papst geben kann als denjenigen auf dem Stuhle Petri, als den Bischof von Rom. Der Papst ist der Papst, weil er der Bischof von Rom ist. Zuerst ist er Bischof von Rom. Und dann, weil er der Bischof von Rom ist, hat er den Stuhl Petri inne, ist er der Nachfolger Petri und also Hirte der universalen Kirche. Das ist sehr wichtig, grundlegend für die Kirche. Selbst wenn der Papst irgendwann Rom verlassen müsste, wenn er aus dem von den Feinden verwüsteten Rom verjagt würde, dann wäre er immer noch der Bischof von Rom, der Nachfolger des heiligen Petrus, sogar in der Diaspora; selbst wenn er Rom verlassen hätte, wäre er immer noch derjenige, den der römische Klerus erwählt hat.“

Nun fragt man sich – so ist wenigstens zu hoffen – was haben diese Erläuterungen mit der im Raum stehenden Frage zu tun? Nichts, gar nichts! Mgr. Lefebvre lenkt einfach vom Thema ab und redet über etwas ganz anderes, etwas, das von niemand jemals in Frage gestellt wurde. Inwieweit dieses Ablenkungsmanöver willentlich war oder nicht, können wir natürlich nicht wissen. Aber die Art und Weise, mit dem Thema Papst umzugehen, hat der Gründer an die ganze Gemeinschaft weitergegeben. Für Mgr. Lefebvre ist ein Papst nach dem Gesagten ein Mann in weißer Soutane, der zwar keine Autorität, keine Leitungsvollmacht hat, aber da er sich in Rom befindet und irgendwie Bischof von Rom ist, deswegen ist er immer auch Papst, Punkt! Nach diesen Ansichten des Prälaten aus Ecône wundert es uns nicht, daß seine geistigen Söhne selbst einen Bergoglio noch für einen Papst halten. Während bei einem Josef Ratzinger man noch mildernde Umstände hätte gelten lassen können, ist das bei einem Bergoglio sicher nicht mehr möglich. So stellt sich aktuell die Frage: Was müßte wohl der weiße Mann in Rom machen, daß ihn Lefebvre und sein Söhne nicht mehr für einen Papst halten? Ehrlich gesagt, scheint es da nun wirklich nichts mehr zu geben, was diese Herren vom Nichtpapstsein selbst eines Bergoglio überzeugen könnte, keine Häresie, Apostasie, Götzendienst, Blasphemie, die man nicht wieder schönreden würde.

Ein aktuelles Beispiel dafür ist der Distriktobere der Piusbrüder von Kanada. Dieser drückt angesichts der von Bergoglio zusammengerufenen Familiensynode und dem Schlußdokument in seinem jüngsten Rundbrief an die Freunde und Wohltäter seine schiere Verzweiflung aus. Dort ist zu lesen: „Nach dieser Synode müssen wir, vielleicht mehr als je zuvor in der Geschichte der Kirche, einen Akt blinden Glaubens vollziehen an die dem heiligen Petrus gegebene Verheißung der Unfehlbarkeit.“ Der arme Pater fühlt sich angesichts dieser furchtbaren Geschehnisse sogar an den Tod Christi am Kreuz und die Verzweiflung der Jünger erinnert und fährt fort: „Wir fühlen ein wenig ebenso, nachdem das Dokument vom 24. Oktober 2015 durch den Nachfolger Petri approbiert wurde. Nein, das ist nicht möglich, ein Papst kann so etwas nicht tun. Unser Herr kann nicht zulassen, daß die Feinde der Kirche so weit gehen. Was ist also mit der Unfehlbarkeit der Kirche, die dem heiligen Petrus verheißen wurde?“

Letzteres ist nun wirklich die alles entscheidende Frage, die man als Katholik nicht ernst genug nehmen kann. Der Dogmatiker Scheeben spricht in einem solchen Fall von einem Akt absoluter Temerität. Wenn ein Papst unter den Bedingungen der Unfehlbarkeit eine Irrlehre verkünden würde, würde er sofort aufgrund dieser Tat sein Amt verlieren. In einem solchen Fall hätte man also die absolute Sicherheit dafür, daß dieser Mann in der weißen Soutane nicht mehr unfehlbares Oberhaupt der Kirche sein kann. Würde man aber diese Einsicht verweigern, so würde man damit selber augenblicklich in eine Häresie fallen. Somit gibt es also nur eine Lösung aus dem von dem Distriktoberen von Kanada angesprochenen Dilemma, man muß feststellen, dieser Mann kann unmöglich unfehlbarer Lehrer der Kirche, also Papst sein.

Wie nicht anders zu erwarten, kommt ein Distriktoberer der Piusbrüder nicht mehr zu diesem Schluß, sondern er spricht von einem „blinden Glauben“ in eine Unfehlbarkeit, die jedoch unter diesen Umständen nicht mehr existieren kann. Wenn man auch dem H.H. Pater aufgrund seiner Ratlosigkeit und ideologischen Bindung mit Nachsicht begegnen sollte, so wirkt doch allein schon der gewählte Ausdruck „blinder Glaube“ auf jeden Katholiken befremdlich. Denn unser Glaube ist in keiner Weise blind, blind in dem hier gemeinten Sinne; der göttliche Glaube kann niemals irrational sein. Ein irrationaler Glaube kann niemals Wahrheit verbürgen, sondern ist immer Zeichen eines Wahns.

Wie weit der Glaube der Piusbrüder schon irrational geworden ist, zeigt ein Text aus einer Gottesdienstordnung eines deutschen Priorats. Nachdem in dem Text eine Reihe von Aussagen von Mgr. Lefebvre aus seiner Predigt zu den Bischofsweihen von 1988 zusammengestellt wurde, ist sodann folgendes zu lesen: „Unser Erzbischof warnt also vor einem zu engen Kontakt mit Rom. Er tut es mit eindringlichsten Worten, obwohl das Rom von 1988 noch lange nicht so verdorben war wie das Rom von 2015, mit einem Papst Franziskus an der Spitze. Also müssen wir heute im Vergleich zu 1988 noch vorsichtiger und zurückhaltender im Umgang mit dem offiziellen Rom sein.“

Wir zitieren weiter: „Es sei an dieser Stelle ausdrücklich betont: Es kann keine katholische Kirche ohne Rom und ohne den Papst geben. Die Kirchengeschichte zeigt in unzähligen Fällen, dass Missionierungen und Unternehmungen nur dann Erfolg hatten, wenn sie in Abstimmung und mit Erlaubnis des Papstes erfolgt sind. Abspaltungen von Rom haben, wenn wir z.B. an England denken, nur schlimmste negative Folgen. Die Verbindung mit Rom muss daher unbedingt vorhanden sein. Wenn man aber mit den römischen Autoritäten wegen ihren bewussten häretischen Überzeugungen keinen offiziellen Kontakt pflegen kann, so muss man im Herzen zutiefst mit Rom verbunden sein. Genau das ist unser Weg. Wir hängen am Rom des hl. Petrus. Wir lieben das ewige Rom und die guten und heiligen Päpste. Niemand wird es schaffen, uns von Rom loszureißen.“

Schließlich: „Vom heutigen Rom müssen wir uns aber distanzieren, denn man kann nicht zwei Herren dienen: Jenem Rom, das kompromisslos die Lehre Jesu Christi verteidigt, hangen wir an, und jenes Rom, das den Geist der französischen Revolution atmet, lehnen wir ab. Einige Beispiele des neuen Rom:
• Der Papst feiert eine Mahlmesse, in der er keine Kniebeuge mehr macht. Diese Tatsache kann nur so interpretiert werden, dass sie frei und leer von Gott ist, also eine rein innerweltliche, religiöse Feier – zumindest aus seiner Sicht.
• Der Papst ist ein Befreiungstheologe, der sich von jeglicher Autorität über sich befreit hat und selber die letzte Instanz ist. Genau so redet, entscheidet und handelt er. Kein Mensch weiß, was er morgen oder übermorgen sagen und tun wird.
• Der Papst besucht Synagogen, Moscheen, protestantische Tempel und praktiziert damit einen völlig unakzeptablen Ökumenismus, der nichts anderes als Verrat an Jesus Christus ist.
• Der Papst hat eine Enzyklika über die Umwelt geschrieben, die viele gute Formulierungen enthält, aber klar vom Geist der Befreiungstheologie und des Globalismus erfüllt ist.
• Durch das Vatikanum II ist die französische Revolution mit ihrer Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit (Freiheit ist zur Religionsfreiheit, die Gleichheit zur Ökumene und die Brüderlichkeit zum demokratischen Aggiornamento geworden) in die katholische Kirche eingedrungen. Diesen Geist ändern auch einige Prälaten und junge Kleriker nicht, die im Vatikan arbeiten, ansatzweise traditionell denken und mit unserer Priesterbruderschaft St. Pius X. sympathisieren. In der Entscheidungsebene sind sie völlig bedeutungslos.
• Der Papst hat in jüngster Zeit ein Dokument über die Vereinfachung der Annullierung der sakramental geschlossenen Ehen veröffentlicht.
Drei Dikasterien hat er bei der Verfassung des Dokumentes einfach übergangen. Sie hätten ja Einspruch erheben können. Das ist nichts anderes als Ehescheidung auf katholisch.
Ich denke, dass damit zur Genüge bewiesen ist, das man sich von diesem modernistischen, ökumenischen, liberalen, häretischen Rom fernhalten muss. Diese Tatsache hat Weihbischof Fellay, unser Generalobere, vor etwa 5 Jahren mit folgenden Worten ausgedrückt: ‘Die Kirche hat Krebs und wenn wir die Kirche umarmen, dann bekommen wir auch Krebs.’“

In diesem Text wird nicht nur die lehrmäßige Schizophrenie Mgr. Lefebvres vom doppelten Rom unter der Führung eines Oberhaupts auf die Spitze getrieben, in der Folge erreicht auch die Wahrnehmungsstörung ein beängstigendes Ausmaß: „Wir hängen am Rom des hl. Petrus. Wir lieben das ewige Rom und die guten und heiligen Päpste. Niemand wird es schaffen, uns von Rom loszureißen. Vom heutigen Rom müssen wir uns aber distanzieren, denn man kann nicht zwei Herren dienen: Jenem Rom, das kompromisslos die Lehre Jesu Christi verteidigt, hangen wir an, und jenes Rom, das den Geist der französischen Revolution atmet, lehnen wir ab.“

Offensichtlich löst sich hier jegliche Realität der Kirche und des Lehramtes in lauter Fata Morgana auf, denn jenes „Rom, das kompromisslos die Lehre Jesu Christi verteidigt“, ist nicht mehr als ein Hirngespinst. Das wirklich existierende Rom ist „jenes Rom, das den Geist der französischen Revolution atmet“. Während der H.H. Pater der Piusbrüder meint, dem einen anhangen zu können, während er das andere ablehnt, sieht die Realität ganz anders aus. Denn es geht doch nicht um einen imaginären Papst, sondern es geht um jene konkrete Person, die zur Zeit als Bischof von Rom die Machtmittel der Kirche in Händen hält. Dieser konkreten Person sind sodann alle jene Handlungen zuzuschreiben, welche im folgenden Text aufgelistet werden. Nur enthält diese Auflistung einen entscheidenden Fehler, denn es heißt immer „Der Papst“. Und es werden somit mit dem Papst, also nach katholischer Lehre mit der nächsten Regel unseres hl. Glaubens, eine ganze Reihe Handlungen in Zusammenhang gebracht, welche mit dieser in vollkommenem Widerspruch stehen.

Solch eklatante Widersprüche nicht mehr wahrzunehmen, ist schon ein Zeichen von weit fortgeschrittenen, habituellen Wahrnehmungsstörungen. Dementsprechend heißt es dann auch: „Ich denke, dass damit zur Genüge bewiesen ist, das man sich von diesem modernistischen, ökumenischen, liberalen, häretischen Rom fernhalten muss.“ Und mit „Rom“ meint der H.H. Pater der Piusbrüder selbstverständlich seinen Papst, also seine nächste Norm seines Glaubens. Für einen Katholiken ist so ein Gedanke ein völliges Absurdum, denn wie sollte man sich als Katholik von seiner nächsten Glaubensregel fernhalten können, ohne damit die Grundlage des eigenen, übernatürlichen Glaubens zur verleugnen? Für einen Piusbruder ist solch ein Absurdum die Lösung seiner Probleme.

Vielleicht hätte der H.H. Pater nicht seinen Generaloberen zu Rate ziehen sollen – „Die Kirche hat Krebs und wenn wir die Kirche umarmen, dann bekommen wir auch Krebs“, als könnte man sich beim Umarmen der heiligen Kirche, der makellosen Braut Jesu Christi eine Krankheit zuziehen, krank scheint hier allein das Denken Mgr. Fellays zu sein -, sondern eine katholische Dogmatik. Dort hätte er etwa bei J.B. Heinrich im zweiten Band über das „Wesen der göttlichen Tradition“ folgendes lesen können: „Die traditio divina (=göttliche Tradition) im objektiven Sinne ist nichts Anderes, als das unter dem Beistande und Einflusse Christi und seines Heiligen Geistes durch das authentische Zeugnis und die autoritative, öffentliche und unfehlbare Lehrverkündigung des apostolischen Lehramtes, und den daraus gegründeten einmütigen, offenkundigen und göttlichen Glauben der katholischen Christenheit, von den Aposteln her allezeit in der katholischen Kirche unversehrt, unverfälscht und in seinem richtigen Verständnisse bewahrte christliche Glaubens-Depositum. Im activen Sinne aber ist sie eben die gesamte von Christus durch den Heiligen Geist getragene Lehr- und Glaubenstätigkeit der Kirche, wodurch das apostolische Glaubens-Depositum in der angegebenen Weise bewahrt und überliefert wird.“

Auf dem Goldgrund dieser echtkatholischen Erwägungen des großen deutschen Dogmatikers Heinrich erscheinen obige Gedankenspiele der Piusbrüder wie Farbkleckse moderner abstrakter Malereien. Möge uns Gott helfen, daß wir fähig bleiben, beides klar zu unterscheiden.