Maria Himmelfahrt

Zum Fest der Himmelfahrt Mariens bringen wir hier einen Auszug aus dem Buch von Franz Michel Willam: Maria, Mutter und Gefährtin des Erlösers.

Die Glaubensüberzeugung, daß Maria, die Mutter Gottes, am Ende ihres Lebens mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen wurde, kommt im Leben der Kirche auf mannigfache Weise zum Ausdruck.

Allüberall feiert man am 15. August das Fest der leiblichen Aufnahme Marias in den Himmel.

Dieser Glaube offenbart sich ferner in den zahlreichen Kirchen, die zur Ehrung dieses Festgeheimnisses erbaut wurden, und in den zahlreichen Bildern, die Maria darstellen, wie sie, umgeben von den Chören der Engel, zum Himmel emporschwebt, mit den Augen bereits nach Christus Ausschau haltend, der sie – ihr Gott und Herr und Sohn – in den Himmel aufnimmt. Die leibliche Gegenwart Marias vor ihrem Sohne im Himmel, dem Erlöser, wird ferner in vielen Gebeten stillschweigend vorausgesetzt. Unter ihnen nimmt der Rosenkranz mit seinen letzten zwei Geheimnissen: „der dich, o Jungfrau, in den Himmel aufgenommen – der dich, o Jungfrau, im Himmel gekrönt hat“, einen solchen Rang ein, daß man den Beweis für die allgemeine Überzeugung der Gläubigen mit diesem Gebet allein zu führen vermöchte.

Die allgemeine Überzeugung, daß Maria mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen sei, läßt sich geschichtlich bis in die Zeit des hl. Johannes von Damaskus (675-749) in einer ununterbrochenen Kette von schriftlichen Zeugnissen verfolgen. Von Johannes von Damaskus ist noch eine Predigt erhalten, die er am Fest der leiblichen Aufnahme Marias in den Himmel hielt. Manche Abschnitte daraus würde man nicht als alte Stücke erkennen, wenn man sie heute auf einer Kanzel wiederholte. Da heißt es: „Jene, die in der Geburt die Jungfräulichkeit unversehrt bewahrt hatte, mußte auch nach dem Tode ihren Leib frei bewahren von aller Verwesung. Jene, die den Schöpfer als Kind in ihrem Schoß getragen, mußte in dem himmlischen Brautgemach Wohnung nehmen. Jene, die ihren Sohn am Kreuze geschaut hatte und damals ihr Herz durchbohrt fühlte vom Schwert der Schmerzen, die sie, als sie ihn gebar, nicht erduldet hatte, mußte ihn jetzt an der Seite des Vaters sitzen sehen. Die Mutter Gottes mußte besitzen, was ihrem Sohne gehörte, und von jeglichem Geschöpf als die Mutter Gottes und seine Magd verehrt werden.“

Germanus, Bischof von Konstantinopel (+ 733), spricht ungefähr um dieselbe Zeit Maria als die in den Himmel Aufgenommene mit den Worten an: „Du erscheinst, wie geschrieben steht, in Schönheit, und dein jungfräulicher Leib ist ganz heilig, ganz keusch, ganz Gottes Wohnzelt. Daher ist er fürderhin der Auflösung in Staub nicht verfallen, er ist, weil menschlich, umgewandelt zu einem hohen Leben der Unverweslichkeit. Er ist lebend und überglorreich, der Fülle des Lebens teilhaftig und unsterblich.“ Der gleichen Zeit gehört die legendenhafte Erzählung vom Tode Marias an, wonach die Apostel zur Stunde des Todes Marias auf Antrieb des Heiligen Geistes zusammenkamen und so Zeugen ihrer leiblichen Aufnahme in den Himmel wurden. Das Volk erzählt sich ja Legenden nur über solche Vorgänge, an denen sein Herz irgendwie in Freude oder Trauer, in Hoffen oder Bangen hängt.

Aus der Zeit zuvor ist bezeugt, daß die Kirche bereits ein eigenes Fest feierte, das sich auf das Sterben Marias bezog. Die Stadt, der die Christenheit die wichtigsten Marienfeste und damit auch dieses verdankt, ist Konstantinopel. Von hier aus verbreitete sich die Sitte, Marias Geburt, die Darstellung Marias im Tempel und die Unbefleckte Empfängnis zu feiern. Von dieser Stadt übernahm auch die abendländische Kirche unter Papst Sergius (687-701) für den 15. August das Fest der „Dormitio“, das heißt, „das Fest des Einschlafens der heiligen Jungfrau“. Der Titel des Festes wurde jedoch bald in den Titel „Fest der Aufnahme Marias in den Himmel“ abgeändert.

Geht man vom 5. Jahrhundert weiter zurück, so kommt man in die Zeit, in der die Lehre über die leibliche Aufnahme Marias in den Himmel nicht mehr für sich selbst herausgestellt wird. Ein schriftliches Zeugnis, das unmittelbar an die apostolische Überlieferung heranreicht, gibt es also in diesem Falle nicht.

Das hier Dargelegte nun bildet die Grundlage für die Bulle vom 1. November 1950, die Papst Pius XII. vor sechshundert Bischöfen und Hunderttausenden von Gläubigen zur Verlesung brachte. In der Bulle wird als die erstentscheidende Begründung für die Lehre von der leiblichen Aufnahme Marias in den Himmel die Tatsache angeführt, daß die gesamte katholische Kirche in ihrem ordentlichen Lehramt, die Bischöfe des Erdkreises sowie die Gläubigen, an diesem Glauben festhält.

Der Hauptabschnitt der feierlichen Erklärung hat folgenden Wortlaut: „Nachdem Wir nun immer und immer wieder inständig zu Gott gefleht und den Geist der Wahrheit angerufen haben, verkünden, erklären und legen Wir zur Verherrlichung des allmächtigen Gottes, dessen ganz besonderes Wohlwollen über der Jungfrau gewaltet hat, zur Ehre seines Sohnes, des Unsterblichen Königs der Ewigkeit, des Siegers über Sünde und Tod, zur Mehrung der Herrlichkeit der erhabenen Gottesmutter, zur Freude und zum Jubel der ganzen Kirche in Kraft und Vollmacht unseres Herrn Jesus Christus, der heiligen Apostel Petrus und Paulus und Unserer eigenen Vollmacht für immer fest: die unbefleckte, allzeit jungfräuliche Gottesmutter Maria ist, nachdem sie ihren irdischen Lebenslauf vollendet hatte, mit Leib und Seele zur himmlischen Herrlichkeit aufgenommen worden.“

Der feierliche Glaubensentscheid vom 1. November 1950 gibt dem Glauben an die leibliche Aufnahme Marias in den Himmel einen neuen, früher nicht vorhandenen Grad von Sicherheit. Der Heilige Vater legte diese Erklärung ja nicht etwa als eine Schlußfolgerung vor, die sich nach Weise eines menschlichen Urteils auf Grund von Beweisen ergibt, er erklärte vielmehr unter dem Beistand des Heiligen Geistes als oberster Hirte die Lehre von Marias leiblicher Aufnahme in den Himmel als eine Wahrheit, die zur Gesamtoffenbarung gehört, und umgab die feierliche Kundmachung mit Hinweisen darauf, wie diese Lehre auch schon in sich als eine geoffenbarte Wahrheit zu erkennen ist.

Der neue Grad von Gewißheit für die Wahrheit dieser Lehre stammt also aus dem Beistand des Heiligen Geistes, der sich aber nicht nur auf diese Lehre, ja nicht einmal bloß auf die gesamte Lehre über Marias Stellung in der Kirche auswirkt. Verschiedene Zusammenhänge der kirchlichen Lehren untereinander, auf die man bisher, eben weil die Lehre von der leiblichen Aufnahme Marias keine erklärte Glaubenslehre war, noch mit einer gewissen Zurückhaltung hinwies, können nun mit gesteigerter Sicherheit betrachtet und dargelegt werden.

Vor allem erfährt die Stellung Marias im Vollzug des Werkes der Erlösung durch Jesus Christus, den Sohn Gottes und ihren Sohn, eine weitere und in gewissem Sinne letzte Klärung. Es läßt sich nun lehrmäßig dartun, wie Maria von der Unbefleckten Empfängnis bis zur Stunde unter dem Kreuze und vom Opfertod Jesu am Kreuze bis zur leiblichen Aufnahme in den Himmel innerlich immer dieselbe Stellung innehat. Immer ist sie nämlich die „socia divini Redemptoris – die Gefährtin des göttlichen Erlösers“; immer steht sie ihm zur Seite, sie allein unter allen Kindern Evas.

Die neue Gewißheit gibt zweitens die Möglichkeit, die Stellung Marias in der Zuwendung der Gnaden, die Jesus in seinem Opfertode für die Menschheit erwarb, in klareren sprachlichen Fassungen als bisher zu umschreiben. Maria, die Mutter Jesu, steht im Himmel verklärten Leibes vor Jesus Christus, der selbst wiederum verklärten Leibes zur Rechten des Vaters thront, er, der Erlöser und das Gnadenhaupt aller Menschen; sie steht an seiner Seite als seine leibliche Mutter und als die geistige Mutter aller Kinder Evas und legt für alle ihre Kinder Fürbitte ein. Wie sie „die Gefährtin Jesu“ auf Erden in der Erniedrigung war, so ist sie nun auch „die Gefährtin Jesu“ in der Verherrlichung und in der Zuwendung der von Jesus erworbenen Gnadenschätze.

Die Himmelfahrt Jesu aus eigener Macht und die leibliche Aufnahme Marias in den Himmel stellen jedoch drittens nicht nur eine Erhöhung Jesu und Marias dar. Die leibliche Verklärung, die ihnen nach dem Ratschluß Gottes zuteil wurde, erweist sich zugleich als der erste Ansatz der Vollendung des Reiches Gottes im Himmel. Wie Jesus und Maria sich jetzt schon im Zustand der Verklärung befinden, der den Himmel ausmacht, so werden am Ende der Tage alle Auserwählten in den gleichen Zustand eintreten. Ein neuer Himmel und eine neue Erde erstehen dann, und alle Auserwählten scharen sich um Jesus, den Sohn Gottes, und um Maria, seine Mutter, die zwei ersten Verklärten aus dem Geschlecht der Menschen. Erst wenn die Menschen mit Leib und Seele selig sind in der Anschauung Gottes, sind sie als ganze Menschen ganz selig in Gott.

Dieser Glaubensentscheid über die leibliche Aufnahme Marias in den Himmel bleibt ferner nicht ohne jeden Einfluß auf die Frage nach dem Tode Marias als geschichtlichem Vorgang. Die Evangelisten faßten als schriftliche Behelfe für die mündliche Verkündigung des Glaubens von Anfang an das öffentliche Leben, das Leiden und Sterben, die Auferstehung und die Himmelfahrt Jesu ins Auge; ein Bericht über das Leben Marias hatte innerhalb dieser Zielsetzung bei der Kürze der Darstellung keinen Platz. Von außen gesehen, wäre es am ehesten von Johannes zu erwarten gewesen, daß er des Hinscheidens Marias gedacht hätte. Er tut es jedoch nicht. Dafür berichtet er über zwei Begebenheiten, bei denen Maria als „Gefährtin Jesu“ auftritt: über die Hochzeit zu Kana und über die Stunde, da Maria unter dem Kreuze stand. Außerdem spricht Johannes, wie wir noch sehen werden, in der Geheimen Offenbarung von der Frau, die sich ihm, mit der Sonne bekleidet und mit zwölf Sternen über ihrem Haupte, zeigte, in einer Weise, daß Marias Persönlichkeit und damit auch ihre Stellung in der Heilsordnung durchschimmert.

Wenn Johannes nun zwar von der Hochzeit zu Kana und von den Worten Jesu berichtet, die dieser vom Kreuz herab zu Maria und zu ihm selbst sprach, vom Sterben und von einer leiblichen Aufnahme Marias in den Himmel jedoch nichts erwähnt – er, der nach dem Tode Jesu Maria zu sich genommen -, so darf man, ja muß man annehmen, daß er eben unter Eingebung des Heiligen Geistes schrieb, was er schrieb, und ungeschrieben ließ, was er ungeschrieben ließ.

Kardinal Newman macht gerade in bezug auf die Lehre von der Stellung Marias in der Heilsordnung die Bemerkung, daß „eine rasche Annahme neuer Wahrheiten die Gefahr in sich berge, die alten zu verlieren“. „Daher hätte es“, sagt er, „die gründliche Aufnahme und die genaue und vollständige Darlegung der Lehre von der Menschwerdung Christi beeinträchtigt, wenn die unbefleckte Empfängnis der allerseligsten Jungfrau Maria und ihre Vorzüge (und damit auch der Vorzug ihrer leiblichen Aufnahme in den Himmel) allzu rasch und bereitwillig angenommen worden wären.“ Das hätte zu Verwirrungen geführt, die, menschlich gesprochen, überhaupt unlösbar geblieben wären. Auch so kam es noch zu einer Irrlehre, deren Vertreter – es waren hauptsächlich Frauen – Maria göttliche Würde zuerkannten. Nach dem Plane Gottes sollte darum zuerst die Lehre von Christus, dem Sohne Gottes, in feste sprachliche Formen gefaßt und von dieser Grundlage aus dann die Lehre über die Stellung Marias entfaltet werden.

Im Jahre 1849, also fast genau hundert Jahre vor dem Glaubensentscheid über die leibliche Aufnahme Marias in den Himmel, hielt Kardinal Newman eine Predigt, in der er seine Gedanken darüber darlegte, warum der Leib Marias nicht der Verwesung anheimfallen, sondern mit der verklärten Seele in den Himmel aufgenommen werden sollte, und wie man sich Marias Sterben vorzustellen habe. Er führt aus:

„Es war gewiß angemessen, ja es geziemte sich, daß Maria in den Himmel aufgenommen wurde und nicht bis zur Wiederkunft Christi im Grabe ruhen sollte, sie, die ein solches Leben der Heiligkeit und des Wunders gelebt hatte. Ich behaupte, es wäre ein größeres Wunder, wenn ihr Tod in Anbetracht dessen, was ihr Leben war, dem Tod anderer Menschen gliche, als daß er ihrem Leben entsprach.

Wer von uns, meineBrüder, kann sich vorstellen, daß Gott den Dank, zu dem er sich herabließ, den er seiner Mutter für den Aufbau seines Leibes schuldete, so auffassen konnte, daß er das Fleisch und Blut, aus dem dieser Leib genommen wurde, im Grabe vergehen ließe? Oder wer kann sich vorstellen, daß dieser jungfräuliche Leib, der keine Sünde kannte, den Tod eines Sünders erleiden sollte? Warum sollte sie, die keinen Anteil an Adams Fall hatte, an seinem Fluche teilhaben? So starb sie denn, meine Brüder, weil selbst unser Herr und Erlöser starb; sie starb, so wie sie litt, weil sie in dieser Welt war, weil sie in einem Zustand lebte, in dem Leiden und Tod die Regel sind.

Obwohl Maria gleich den anderen Menschen starb, so starb sie doch nicht wie die anderen, denn durch die Verdienste ihres Sohnes, durch die sie wurde, was sie war, durch die Gnade Christi, die in ihr die Sünde vorweggenommen [=von Anfang an weggenommen], die sie mit Licht erfüllt, die ihren Leib von jedem Makel bewahrt hatte, war sie vor Krankheit und vor allem, wodurch der menschliche Leib geschwächt wird und verfällt, bewahrt worden. Die Erbsünde hatte in ihr nicht durch das Nachlassen ihrer Sinne, durch die Abnützung ihres Leibes und die Schwäche des Alters dem Tod den Weg gebahnt.

Sie starb, aber ihr Tod war nur eine Tatsache, keine Auswirkung, und als er vorüber war, hörte er auf zu sein. Sie starb, damit sie lebe; ihr Tod war eine Formsache oder, wenn ich es so nennen darf, eine äußere Zeremonie, um den sogenannten Tribut an die Natur zu bezahlen; sie starb nicht in erster Linie um ihrer selbst willen oder als Folge der Sünde. Sie starb, um sich ihrem Zustand zu unterwerfen, um Gott zu verherrlichen, um zu tun, was ihr Sohn getan hatte, aber nicht, um zu irgendeinem besonderen Zweck zu leiden wie ihr Sohn und Erlöser. Sie starb auch nicht den Tod eines Märtyrers, denn ihr Märtyrertum war ihr Leben gewesen; sie starb auch nicht als Sühne, denn diese konnte ein Mensch nicht leisten – ein einziger hatte sie geleistet und sie für alle geleistet -‚ sondern um ihren Lauf zu vollenden und ihre Krone zu empfangen.

Und deshalb starb sie im Verborgenen. Es geziemte ihm, der für die Weit starb, angesichts der Welt zu sterben. Dem großen Opfer geziemte es, erhöht zu werden wie ein Licht, das sich nicht verbergen läßt. Aber sie, die Lilie im Paradiese, die vor den Menschen verborgen gelebt hatte, starb dementsprechend im Schatten des Gartens. Ihr Scheiden machte kein Aufsehen. Die Kirche ging weiter ihren gewohnten Pflichten nach, predigend, lehrend, leidend; es gab Verfolgung, es gab Flucht von Ort zu Ort, es gab Märtyrer, es gab Siege. Und schließlich verbreitete sich das Gerücht, daß die Mutter Gottes nicht mehr auf Erden weile. Pilger zogen da? und dorthin, suchten nach ihren sterblichen Überresten, fanden sie aber nicht.“

Aus: Franz Michel Willam, Maria – Mutter und Gefährtin des Erlösers, Freiburg 1953