Maria Himmelfahrt

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Vor allem erfährt die Stellung Marias im Vollzug des Werkes der Erlösung durch Jesus Christus, den Sohn Gottes und ihren Sohn, eine weitere und in gewissem Sinne letzte Klärung. Es läßt sich nun lehrmäßig dartun, wie Maria von der Unbefleckten Empfängnis bis zur Stunde unter dem Kreuze und vom Opfertod Jesu am Kreuze bis zur leiblichen Aufnahme in den Himmel innerlich immer dieselbe Stellung innehat. Immer ist sie nämlich die „socia divini Redemptoris – die Gefährtin des göttlichen Erlösers“; immer steht sie ihm zur Seite, sie allein unter allen Kindern Evas.

Die neue Gewißheit gibt zweitens die Möglichkeit, die Stellung Marias in der Zuwendung der Gnaden, die Jesus in seinem Opfertode für die Menschheit erwarb, in klareren sprachlichen Fassungen als bisher zu umschreiben. Maria, die Mutter Jesu, steht im Himmel verklärten Leibes vor Jesus Christus, der selbst wiederum verklärten Leibes zur Rechten des Vaters thront, er, der Erlöser und das Gnadenhaupt aller Menschen; sie steht an seiner Seite als seine leibliche Mutter und als die geistige Mutter aller Kinder Evas und legt für alle ihre Kinder Fürbitte ein. Wie sie „die Gefährtin Jesu“ auf Erden in der Erniedrigung war, so ist sie nun auch „die Gefährtin Jesu“ in der Verherrlichung und in der Zuwendung der von Jesus erworbenen Gnadenschätze.

Die Himmelfahrt Jesu aus eigener Macht und die leibliche Aufnahme Marias in den Himmel stellen jedoch drittens nicht nur eine Erhöhung Jesu und Marias dar. Die leibliche Verklärung, die ihnen nach dem Ratschluß Gottes zuteil wurde, erweist sich zugleich als der erste Ansatz der Vollendung des Reiches Gottes im Himmel. Wie Jesus und Maria sich jetzt schon im Zustand der Verklärung befinden, der den Himmel ausmacht, so werden am Ende der Tage alle Auserwählten in den gleichen Zustand eintreten. Ein neuer Himmel und eine neue Erde erstehen dann, und alle Auserwählten scharen sich um Jesus, den Sohn Gottes, und um Maria, seine Mutter, die zwei ersten Verklärten aus dem Geschlecht der Menschen. Erst wenn die Menschen mit Leib und Seele selig sind in der Anschauung Gottes, sind sie als ganze Menschen ganz selig in Gott.

Dieser Glaubensentscheid über die leibliche Aufnahme Marias in den Himmel bleibt ferner nicht ohne jeden Einfluß auf die Frage nach dem Tode Marias als geschichtlichem Vorgang. Die Evangelisten faßten als schriftliche Behelfe für die mündliche Verkündigung des Glaubens von Anfang an das öffentliche Leben, das Leiden und Sterben, die Auferstehung und die Himmelfahrt Jesu ins Auge; ein Bericht über das Leben Marias hatte innerhalb dieser Zielsetzung bei der Kürze der Darstellung keinen Platz. Von außen gesehen, wäre es am ehesten von Johannes zu erwarten gewesen, daß er des Hinscheidens Marias gedacht hätte. Er tut es jedoch nicht. Dafür berichtet er über zwei Begebenheiten, bei denen Maria als „Gefährtin Jesu“ auftritt: über die Hochzeit zu Kana und über die Stunde, da Maria unter dem Kreuze stand. Außerdem spricht Johannes, wie wir noch sehen werden, in der Geheimen Offenbarung von der Frau, die sich ihm, mit der Sonne bekleidet und mit zwölf Sternen über ihrem Haupte, zeigte, in einer Weise, daß Marias Persönlichkeit und damit auch ihre Stellung in der Heilsordnung durchschimmert.

Wenn Johannes nun zwar von der Hochzeit zu Kana und von den Worten Jesu berichtet, die dieser vom Kreuz herab zu Maria und zu ihm selbst sprach, vom Sterben und von einer leiblichen Aufnahme Marias in den Himmel jedoch nichts erwähnt – er, der nach dem Tode Jesu Maria zu sich genommen -, so darf man, ja muß man annehmen, daß er eben unter Eingebung des Heiligen Geistes schrieb, was er schrieb, und ungeschrieben ließ, was er ungeschrieben ließ.

Kardinal Newman macht gerade in bezug auf die Lehre von der Stellung Marias in der Heilsordnung die Bemerkung, daß „eine rasche Annahme neuer Wahrheiten die Gefahr in sich berge, die alten zu verlieren“. „Daher hätte es“, sagt er, „die gründliche Aufnahme und die genaue und vollständige Darlegung der Lehre von der Menschwerdung Christi beeinträchtigt, wenn die unbefleckte Empfängnis der allerseligsten Jungfrau Maria und ihre Vorzüge (und damit auch der Vorzug ihrer leiblichen Aufnahme in den Himmel) allzu rasch und bereitwillig angenommen worden wären.“ Das hätte zu Verwirrungen geführt, die, menschlich gesprochen, überhaupt unlösbar geblieben wären. Auch so kam es noch zu einer Irrlehre, deren Vertreter – es waren hauptsächlich Frauen – Maria göttliche Würde zuerkannten. Nach dem Plane Gottes sollte darum zuerst die Lehre von Christus, dem Sohne Gottes, in feste sprachliche Formen gefaßt und von dieser Grundlage aus dann die Lehre über die Stellung Marias entfaltet werden.

Im Jahre 1849, also fast genau hundert Jahre vor dem Glaubensentscheid über die leibliche Aufnahme Marias in den Himmel, hielt Kardinal Newman eine Predigt, in der er seine Gedanken darüber darlegte, warum der Leib Marias nicht der Verwesung anheimfallen, sondern mit der verklärten Seele in den Himmel aufgenommen werden sollte, und wie man sich Marias Sterben vorzustellen habe. Er führt aus:

„Es war gewiß angemessen, ja es geziemte sich, daß Maria in den Himmel aufgenommen wurde und nicht bis zur Wiederkunft Christi im Grabe ruhen sollte, sie, die ein solches Leben der Heiligkeit und des Wunders gelebt hatte. Ich behaupte, es wäre ein größeres Wunder, wenn ihr Tod in Anbetracht dessen, was ihr Leben war, dem Tod anderer Menschen gliche, als daß er ihrem Leben entsprach.

Wer von uns, meineBrüder, kann sich vorstellen, daß Gott den Dank, zu dem er sich herabließ, den er seiner Mutter für den Aufbau seines Leibes schuldete, so auffassen konnte, daß er das Fleisch und Blut, aus dem dieser Leib genommen wurde, im Grabe vergehen ließe? Oder wer kann sich vorstellen, daß dieser jungfräuliche Leib, der keine Sünde kannte, den Tod eines Sünders erleiden sollte? Warum sollte sie, die keinen Anteil an Adams Fall hatte, an seinem Fluche teilhaben? So starb sie denn, meine Brüder, weil selbst unser Herr und Erlöser starb; sie starb, so wie sie litt, weil sie in dieser Welt war, weil sie in einem Zustand lebte, in dem Leiden und Tod die Regel sind.

Obwohl Maria gleich den anderen Menschen starb, so starb sie doch nicht wie die anderen, denn durch die Verdienste ihres Sohnes, durch die sie wurde, was sie war, durch die Gnade Christi, die in ihr die Sünde vorweggenommen [=von Anfang an weggenommen], die sie mit Licht erfüllt, die ihren Leib von jedem Makel bewahrt hatte, war sie vor Krankheit und vor allem, wodurch der menschliche Leib geschwächt wird und verfällt, bewahrt worden. Die Erbsünde hatte in ihr nicht durch das Nachlassen ihrer Sinne, durch die Abnützung ihres Leibes und die Schwäche des Alters dem Tod den Weg gebahnt.

Sie starb, aber ihr Tod war nur eine Tatsache, keine Auswirkung, und als er vorüber war, hörte er auf zu sein. Sie starb, damit sie lebe; ihr Tod war eine Formsache oder, wenn ich es so nennen darf, eine äußere Zeremonie, um den sogenannten Tribut an die Natur zu bezahlen; sie starb nicht in erster Linie um ihrer selbst willen oder als Folge der Sünde. Sie starb, um sich ihrem Zustand zu unterwerfen, um Gott zu verherrlichen, um zu tun, was ihr Sohn getan hatte, aber nicht, um zu irgendeinem besonderen Zweck zu leiden wie ihr Sohn und Erlöser. Sie starb auch nicht den Tod eines Märtyrers, denn ihr Märtyrertum war ihr Leben gewesen; sie starb auch nicht als Sühne, denn diese konnte ein Mensch nicht leisten – ein einziger hatte sie geleistet und sie für alle geleistet -‚ sondern um ihren Lauf zu vollenden und ihre Krone zu empfangen.

Und deshalb starb sie im Verborgenen. Es geziemte ihm, der für die Weit starb, angesichts der Welt zu sterben. Dem großen Opfer geziemte es, erhöht zu werden wie ein Licht, das sich nicht verbergen läßt. Aber sie, die Lilie im Paradiese, die vor den Menschen verborgen gelebt hatte, starb dementsprechend im Schatten des Gartens. Ihr Scheiden machte kein Aufsehen. Die Kirche ging weiter ihren gewohnten Pflichten nach, predigend, lehrend, leidend; es gab Verfolgung, es gab Flucht von Ort zu Ort, es gab Märtyrer, es gab Siege. Und schließlich verbreitete sich das Gerücht, daß die Mutter Gottes nicht mehr auf Erden weile. Pilger zogen da? und dorthin, suchten nach ihren sterblichen Überresten, fanden sie aber nicht.“

Aus: Franz Michel Willam, Maria – Mutter und Gefährtin des Erlösers, Freiburg 1953

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