Biedermann und die Brandstifter

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Die Verantwortlichen der Piusbrudershaft in Österreich geben noch ein weiteres zu bedenken: „Wenn – wie ein Sedisvakantist schreibt – ‘nicht nur eine Sedisvakanz besteht …, sondern die gesamte modernistische ‘Kirche’ mit Priestern, Bischöfen und Päpsten nicht Teil der Hl. Kirche sind’, wie soll man dann eine solche Annahme mit der feierlichen Verheißung des Gottessohnes an die Apostel und deren Nachfolger vereinbaren können: ‘Seht, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt’ (Mt 28,20)? Wenn die gesamte offizielle kirchliche Hierarchie – die ja aus den Nachfolgern der Apostel besteht – zugrunde gegangen ist, kann man dann noch von einem immerwährenden Beistand Christi für sie sprechen?“

Wir wollen nicht in die protestantische Unart fallen und solch einem Mißbrauch des Wortes Gottes mit anderen Worten der Heiligen Schrift zu begegnen, was übrigens ein Leichtes wäre. Vielmehr möchten wir eine Gegenfrage stellen: Wenn also die modernistische „Kirche“ mit ihren häretischen Hirten nach den Pius-Ideologen immer noch die Kirche Jesu Christi ist, was folgt denn dann aus dieser Vorgabe? Nun, es folgt ein Widerspruch nach dem anderen. Hören Sie selbst: „Wir sind ‚suspendiert a divinis‘ von der konziliaren Kirche und für die konziliare Kirche, der wir aber nicht angehören wollen. Diese konziliare Kirche ist eine schismatische Kirche, weil sie mit der katholischen Kirche, mit der Kirche aller Zeiten gebrochen hat. Sie hat ihre neuen Dogmen, ihr neues Priestertum, ihre neuen Institutionen, ihren neuen Kult, die von der Kirche schon in gar manchen amtlichen und endgültigen Dokumenten verurteilt sind. (…) Die Kirche, die solche Irrtümer bejaht, ist zugleich schismatisch und häretisch. Diese konziliare Kirche ist also nicht katholisch. In dem Maß, als der Papst, die Bischöfe, die Priester oder die Gläubigen dieser neuen Kirche anhängen, trennen sie sich von der katholischen Kirche.“

Was würden Sie aus einer solchen Analyse der konziliaren Kirche folgern? Welchen Schluß muß ein Katholik aus diesen Erkenntnissen ziehen: „… eine schismatische Kirche, weil sie mit der katholischen Kirche, mit der Kirche aller Zeiten gebrochen hat,… ihre neuen Dogmen, ihr neues Priestertum, ihre neuen Institutionen, ihren neuen Kult, …Die Kirche, die solche Irrtümer bejaht, ist zugleich schismatisch und häretisch“ – und zu guter Letzt: „In dem Maß, als der Papst, die Bischöfe, die Priester oder die Gläubigen dieser neuen Kirche anhängen, trennen sie sich von der katholischen Kirche“?

Müßte nicht jeder Katholik spontan und mit evidenter Sicherheit folgern: Diese Kirche kann unmöglich noch die Katholische Kirche sein und dieser Papst unmöglich der wahre Papst?! Und weiter gefragt, wie ist es eigentlich theologisch genau? Gibt es ein Maß, in dem man sich von der Kirche trennen kann? Kann man sich mehr oder weniger von der Kirche trennen? Reicht denn nicht eine einzige Häresie, eine einzige Irrlehre, um sich von der Kirche zu trennen? Und widerspricht der Gedanke einer solchermaßen absurden schismatischen und häretischen „Kirche“ nicht ganz sicher der Verheißung Christi: „Seht, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt“ (Mt 28,20)?

Obiger Text stammt von Marcel Lefebvre, und ist in seinem „Sonderbrief an die Freunde und Wohltäter“ vom 29. Juli 1976 nachzulesen – er ist also während der heißen Phase nach seiner Suspendierung durch Paul VI. alias Montini geschrieben, also einer Zeit für markige Sprüche und nicht für konziliar-liberale Annäherungsversuche an das modernistische Rom. Bei einer solchen Vorgeschichte wundert es einem nicht mehr, wenn sein derzeitiger Nachfolger gleicherweise fabuliert: „Die katholische Kirche ist unsere Kirche. Wir haben keine andere. Es gibt gar keine andere. Der liebe Gott läßt zu, daß sie krank ist. Daher versuchen wir, uns diese Krankheit selber nicht zuzuziehen. Aber ohne zu sagen, daß wir dadurch eine neue Kirche bilden. … Die Krankheit ist die Krankheit, sie ist aber nicht die Kirche. Sie ist in der Kirche; diese bleibt aber was sie ist. … Selbstverständlich muß man gegen die Krankheit kämpfen. Diese kranke Kirche ist aber doch diese, die durch unseren Herrn gegründet wurde“ (SISINONO Kongreß, vom 6. Januar 2013). Und im Mitteilungsblatt des deutschen Distrikts, Ausgabe Januar 2015, versteigt er sich sogar soweit zu behaupten: „Immer mehr löst sich die Einheit des Glaubens und die Einheit der Regierung in der heiligen Kirche auf.“ Jeder Katholik sollte doch wissen, daß die Einheit des Glaubens eine Wesenseigenschaft der Kirche ist und als solche selbstverständlich unverlierbar. Eine katholische Kirche, deren Einheit des Glaubens sich aufgelöst hat, hat auch aufgehört zu existieren. Der Dogmatiker J.B. Heinrich betont: „… in dem Augenblick, wo die Kirche auch nur in einem einzigen Punkte abwiche von dem wesentliche unteilbaren einen wahren Glauben, hätte sie aufgehört, die wahre Kirche Christi zu sein.“ Die Pius-Ideologen wissen das offensichtlich nicht mehr. Ob der Grund dafür nicht ihr häretischer Papst ist?

Fragen wir einmal Herrn Biedermann: „Herr Biedermann, Herr Schmitz und Herr Eisenring sind dabei, Zündschnur und Zündkapsel an den Benzinfässern anzubringen, meinen Sie nicht, daß das etwas riskant ist?“ „Ach wo! Der Sepp und der Willi sind halt noch so verspielt, sie wollen immer Brandstifter spielen. Das ist alles ganz harmlos – oder wollen Sie mir Angst machen, nur weil der ganze Dachboden nach Benzin riecht und der Sepp nach Holzwolle sucht, weil das angeblich den Funkenflug fördert?“

Mit ihren Ausführungen immer noch nicht zufrieden, fügen die hochw. Herren noch ein dogmatisches Argument an: „Das 1. Vatikanische Konzil hat als unfehlbare Lehre erklärt, es sei ‚göttlichen Rechts, dass der selige Petrus im Primat über die gesamte Kirche fortdauernd Nachfolger hat‘ (DH 3058). Wenn es nun nach Ansicht der Sedisvakantisten seit bald 60 Jahren keine wahren Nachfolger Petri mehr gibt, kommt man da nicht in Konflikt mit einer unfehlbaren Lehre der Kirche?“

Zugegebenermaßen, es ist nicht immer einfach, einen lehramtlichen Text richtig zu verstehen, vor allem dann, wenn man schon mit einer vorgefertigten Meinung an ihn herangeht. Erstens ist bei der richtigen Interpretation eines Textes immer die Aussageabsicht wichtig. Die Sinnspitze dieser unfehlbaren Lehre des I. Vatikanums richtet sich gegen die protestantische bzw. modernistische Irrlehre, derzufolge der hl. Petrus nach dem Willen Christi überhaupt keinen Nachfolger mehr hätte haben sollen. Dementsprechend bekräftigte das Konzil gegen diese protestantische Irrlehre, Christus habe sogar nicht bloß einen oder ein paar, sondern immerwährende Nachfolger des hl. Petrus gewollt. Über die Möglichkeit, Art und Dauer von Vakanzen des Stuhles Petri wollte das Konzil an dieser Stelle keinerlei Aussagen machen! Der richtige Sinn des Wortes fortdauernd erschließt sich zweitens auch jedem sofort, so müßte man wenigstens meinen, sobald er bedenkt, daß doch nach jedem Tod eines Papstes immer eine mehr oder weniger lange Zeit verstreicht, in der die Kirche selbstverständlich ohne Papst fortdauert. Die längste Sedisvakanz der Kirchengeschichte war zwischen dem hl. Papst Marcellinus (+ 25. Oktober 304) und dem hl. Marcellus I., der am 27. Mai 308 sein Amt antrat. Diese Sedisvakanz dauerte also 3 Jahre und 7 Monate. Die Kirche hätte also gemäß der Interpretation des Textes durch die Pius-Ideologen damals 3 Jahre und 7 Monate aufgehört zu existieren und wäre sodann wie Phönix aus der Asche mit der Neuwahl des neuen Papstes und seinem Amtsantritt wunderbar wiedererstanden. Es ist somit unschwer für jeden vernünftig denkenden Menschen einzusehen, fortdauernd kann hier unmöglich immer, im Sinne von ohne Unterbrechung bedeuten.

Wenn die Distriktsleitung der österreichischen Piusbrüder aber meint, fragen zu sollen: „Wenn es nun nach Ansicht der Sedisvakantisten seit bald 60 Jahren keine wahren Nachfolger Petri mehr gibt, kommt man da nicht in Konflikt mit einer unfehlbaren Lehre der Kirche?“, so kann man dem nur entgegenhalten: Wenn dieselbe Distriktsleitung ihrerseits meint, es könnten seit bald 60 Jahren Häretiker auf dem Stuhl Petri sitzen, kommt man da nicht in Konflikt mit einer unfehlbaren Lehre der Kirche? Während die erste Frage zu verneinen ist, denn die Kirche hat selbstverständlich niemals eine Obergrenze der Sedisvakanz festgelegt, ist die zweite auf jeden Fall zu bejahen, denn wie sollte die Kirche 60 Jahre hindurch im Glauben feststehen, wenn ihre lebendige und nächste Norm des Glaubens häretisch geworden ist?

Aber fragen wir noch Herrn Biedermann dazu: „Herr Biedermann, war es nicht sehr leichtsinnig, den Brandstiftern auch noch die Zündhölzer zu geben? Denken sie an die Zündschnur, die Zündkapseln und die Benzinfässer auf ihrem Dachboden.“ „Sie sind einfach unbelehrbar! Der Sepp und der Willi sind keine Brandstifter. Haben sie schon einmal Brandstifter gesehen, die keine Streichhölzer bei sich haben?“ Was soll man darauf dem Herrn Biedermann antworten? Ganz einfach: „Ja, den Sepp und den Will!“ Er wird es aber nicht glauben, weshalb…

Der Stellungnahme der österreichischen Distriktführung fügten die Piusbrüder noch drei Fußnoten an. Wir wollen nur zu zweien eine kurze Bemerkung anführen. Da heißt es: „Es gab in der Geschichte mehrfach Päpste, die zumindest materielle Häretiker waren (Honorius, Liberius, Johannes XXII.), die aber nie als ungültige Päpste oder formelle Häretiker verurteilt wurden.“

Für jeden nur einigermaßen gebildeten Katholiken ist diese Bemerkung ein sicheres Zeichen dafür, daß man es hier mit Ignoranten zu tun hat. Ignoranten, die auf die Argumente der Gallikaner, Jansenisten und Altkatholiken hereingefallen sind, von denen die Honorius- und Liberius-Legenden stammen. Wir verweisen hierzu nur auf unsere Gedanken im Beitrag „Kirchengeschichte oder Lügengeschichten?“. Ein besonderes Zeichen von Ungebildetheit ist aber nun wirklich die Erwähnung von Johannes XXII. als vermeintlichen Häretiker. Johannes XXII. vertrat als Privatlehrer und nur als Privatlehrer in seinen letzten Lebensjahren die Lehre, die Seelen der Heiligen würden nach ihrem Tod bis zum Jüngsten Tag nicht zur Anschauung Gottes (visio beatifica) gelangen, sondern lediglich zur Anschauung Christi als Mensch. Vor seinem Tod hat er diese Meinung widerrufen. Da diese theologische Frage erst sein Nachfolger mit der Bulle Benedictus Deus 1336 definitiv klärte, war Johannes XXII. auch als Privatlehrer kein Häretiker. Da kann man nur mit den Lateiner sagen: „Si tacuisses…, wenn Du geschwiegen hättest, dann wärest du ein Philosoph geblieben“ – oder mit Theo Lingen: „Peinlich, peinlich, peinlich!“

Ebenfalls eine kurze Bemerkung verdient noch die dritte Fußnote: „Die Sedisvakantisten berufen sich gerne auf den hl. Robert Bellarmin, der die Ansicht vertritt, dass ein Papst bei formeller und offenkundiger Häresie ipso facto (durch die Tat selbst) sein Amt verliere. Bellarmin fügt indes hinzu, diese Annahme habe seines Erachtens weniger Wahrscheinlichkeit als jene, wonach der Papst erst gar nicht in Häresie fallen könne. Für Bellarmin sind diese Ansichten nicht mehr als Hypothesen, die mehr oder weniger Wahrscheinlichkeit beanspruchen können (De Romano pontifice, Buch II, 30. Kapitel).“

Die hochw. Herren aus Jaidhof scheinen hier offensichtlich etwas durcheinanderzubringen. Die Ausführungen Kardinal Bellarmins über die Frage, ob ein Papst, der Häretiker wird, noch Papst sein kann, sind eine gesicherte theologische Erkenntnis. Die Aussage, daß die göttliche Vorsehung so etwas nicht zulassen würde, ist eine bloße fromme Meinung des Kardinals. Der Gründer der Piusbrüder, Mgr. Lefebvre schließt daraus: „In dem Maße, in dem ein Papst dieser Tradition untreu würde, würde er schismatisch und bräche mit der Kirche. Theologen wie der heilige Robert Bellarmin, Kardinal Journet und viele andere haben diese Eventualität studiert. Es handelt sich also nicht um etwas Undenkbares …“ („Le Figaro“ vom 4. August 1976). Der Gründer ist also anderer Meinung als seine Söhne, er hält die Ansichten Kardinals Bellarmins nicht für reine Hypothesen, sondern für etwas Denkbares. Und das ist auch einzig wahr – wohingegen es eine Ideologie ist, wenn man aufgrund einer sich als irrig erwiesenen frommen Meinung eine gesicherte theologische Erkenntnis als Hypothese bezeichnet. Es sei aber auch noch darauf hingewiesen, daß das mit der bloßen Hypothese angesichts des heutigen desolaten Zustandes in Rom doch sehr merkwürdig ist. Man bedenke einmal, 50 Jahre nach dem sog. 2. Vatikanischen Konzil, das nach Piussprachregelung geistigerweise der 3. Weltkrieg war (!), behauptet man allen Ernstes, daß Gedanken zur papstlosen Zeit immer noch rein hypothetisch seien, also gedankliche Sandkastenspiele. Das ist genauso als wäre im Jahre 1995, also 50 Jahre nach dem Atombombenabwurf in Hiroshima und Nagasaki, jemand auf die Idee gekommen, man müsse nun endlich ernsthaft darüber diskutieren, ab denn der Bau einer Atombombe nur hypothetisch oder vielleicht doch wirklich möglich sei.

Wirkt da nicht der Text von 1818 viel Realitätsnaher als alle Überlegungen der Piusbrüder? „Machet, daß die Geistlichkeit unter eurer Fahne einherziehe, und dennoch meine, sie wandle unter der Fahne der heiligen Schlüssel… Der Fischer wurde Menschenfischer, und ihr werdet sogar zu den Füßen des apostolischen Stuhles Freunde fischen. So habet ihr dann im Netze eine Revolution in Tiara und Mantel, an deren Spitze das Kreuz und die große päpstliche Fahne getragen wird; eine Revolution, die nur kleiner Hilfe bedarf, um das Feuer in allen vier Weltgegenden anzustecken“ – und das sollen alles nur Hypothesen sein?

Aber fragen wir dazu vorsichtshalber abschließend noch Herrn Biedermann: Herr Biedermann… Ach so war, Herr Biedermann wohnt nicht mehr hier, er ist in den Flammen seines Hauses umgekommen. So eine Tragödie – oder doch keine Tragödie? Der Chor jedenfalls meint: „Nimmer verdient, Schicksal zu heißen, bloß weil er geschehen: der Blödsinn“ (Erstes Chorlied). Und weiter?

„Was jeder lange genug voraussah, der nimmerzulöschende Blödsinn, ‘Schicksal genannt’, geschieht am End – nichts ist sinnloser als diese Geschichte … Dreimal Wehe!“ Oder mit Theo Lingen: „Traurig, traurig, traurig.“

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