Biedermann und die Brandstifter

image_pdfimage_print

In seinem Werk „Die Kirche im Spätmittelalter“ schreibt Prof. Dr. Rolf Decot unter §6 Das Problem des Konziliarismus im Spätmittelalter: „b) Kirchenverfassung und ‘häretischer Papst’ – Der Rechtsgrundsatz ‘prima sedes a nemine iudicatur’ ist seit dem 5. Jhd. nachweisbar. Ausnahmen von der Gültigkeit dieses Satzes gab es für den Fall der Häresie eines Papstes. Daher entwickelte sich der Rechtsgrundsatz weiter zu der Form: ‘Papa a nemine iudicatur, nisi deprehendatur a fide devius’ (…wenn er nicht vom rechten Glauben abweicht). So wird dieser Satz bereits von Papst Hadrian II. (867-872) anerkannt und endgültig von Kardinal Humbert (+1061) promulgiert. Durch Kardinal Deusdedit, Ivo von Chartres und Gratian fand dieser Rechtsgrundsatz Eingang in die kirchliche Kanonistik und wurde von den Deekretisten immer wieder eifrig kommentiert. Die Vorstellung findet sich in dem berühmten Kanon Si papa.“

Der Zusatz verweist darauf, daß ein Häretiker, also jemand, der vom rechten Glauben abweicht, durchaus gerichtet werden kann. Der Grund dafür ist ganz einfach, weil er mit dem Irrglauben sich selbst von der Kirche trennt. Im Römischen Katechismus heißt es zu „9. Wer nicht von den Grenzen der streitenden Kirche umschlossen wird. – Daher kommt es, dass nur drei Menschenklassen von ihr ausgeschlossen werden: erstens die Ungläubigen, dann die Häretiker und Schismatiker, endlich die Exkommunizierten. Die Heiden, weil sie nie in der Kirche gewesen und sie auch nie erkannt haben, noch irgend eines Sakramentes in der Gemeinschaft des christlichen Volkes teilhaftig geworden sind; die Häretiker aber und Schismatiker, weil sie von der Kirche abgefallen sind. Denn sie gehören zur Kirche ebensowenig, als Überläufer noch dem Kriegsheere angehören, von dem sie abtrünnig geworden…“

Soll also der Papst sein Amt erst durch einen richterlichen Akt der Kirche verlieren, so heißt das, daß er es vor diesem Akt noch besitzt! Wenn er aber demzufolge trotz seiner Häresie noch Papst ist, so kann ihn überhaupt niemand richten, geschweige denn für abgesetzt erklären! Denn nach katholischem Glauben, wie er auf dem I. Vatikanischen Konzil feierlich als Dogma definiert wurde, ist der Papst der oberste Gesetzgeber und Richter der Kirche, der als solcher keinem menschlich-kirchlichen Gericht unterliegen kann.

Wenn zudem die Kirche angeblich keinen autoritativen, sondern nur einen erklärenden, feststellenden Akt setzen kann, so doch nur deshalb, weil davon ausgegangen wird, der Papst sei noch im Besitz seines Amtes, weshalb ihn niemand richten könne. Wenn ihn aber niemand richten kann, weil er noch Papst ist, wie kann man dann einen noch existierenden Papst für abgesetzt erklären?

Wenn schließlich der Papst durch seine öffentliche Häresie sein Amt noch nicht verloren hat (was diese Theologen behaupten und voraussetzen), bleibt er auch weiterhin im Amt; dann aber gibt es aber überhaupt keinen Tatbestand, auf den sich ein deklaratorischer (Absetzungs-) Akt der Kirche überhaupt berufen könnte! Auf die vorangegangene päpstliche Häresie jedenfalls könnte er mitnichten Bezug nehmen, weil diese ja angeblich mit dem fortdauernden Besitz des Papst-Amtes gerade nicht unvereinbar ist!

In der Dogmatik von Heinrich heißt es im Band II. Seite 436, Fußnote 2: „Endlich kommt hier (bei der Frage eines häretischen Papstes) der sehr allgemein anerkannte, in´s Corpus juris canonici – Can. Si Papa dist. 4.c.6 – aufgenommene Grundsatz in Betracht, daß der Papst, wenn er persönlich in Häresie falle, eo ipso seines Amtes verlustig sei und von der Kirche gerichtet werden könne.“

Wir sehen, J.B. Heinrich, ist offensichtlich ganz anderer Meinung als Johannes Stöhr, er nennt es „einen sehr allgemein anerkannten Grundsatz“, und wie wir schon gesehen haben, kann das auch allein die richtige Beurteilung sein. Der hl. Robert Bellarmin etwa erklärt kurz und bündig: „Nicht Haupt sein kann, was nicht deren Glied ist.“ Der hl. Alfons Maria von Liguori faßt den Gedankengang folgendermaßen zusammen, wenn er erklärt, „daß der Papst, wenn er jemals, als Privatperson, in die Häresie fiele, auf der Stelle des Pontifikats entledigt wäre; denn weil er sich dann außerhalb der Kirche befände, könnte er nicht mehr Oberhaupt der Kirche sein. In diesem Fall dürfte also die Kirche ihn nicht absetzen – da ja niemand Autorität über den Papst besitzt –, sondern müßte ihn für des Pontifikats entledigt erklären“. Anders als manche Theologen wußten die Päpste durchaus immer um diesen Sachverhalt, so bekennt etwa Papst Innozenz III.: „So sehr nämlich ist mir der Glaube notwendig, daß ich, während ich für die übrigen Sünden nur Gott zum Richter habe, einzig wegen einer Sünde gegen den Glauben von der Kirche gerichtet werden kann. Denn wer nicht glaubt, ist schon gerichtet (Joh. 3,18).“

Kommen wir nun zum zweiten Gegenargument des österreichischen Distrikts: „Es ist nicht einfach, eine formelle Häresie nachzuweisen. Welche Autorität befähigt ist, die offizielle Feststellung der formellen Häresie eines Papstes vorzunehmen, darin sind sich die Theologen nicht einig. Die einen glauben, die versammelten Bischöfe könnten dies zu Lebzeiten des Papstes tun (Johannes von St. Thomas), andere gehen davon aus, dass erst ein nachfolgender Papst die dazu erforderliche Kompetenz hat.“

In einer in „Le Figaro“ vom 4. August 1976 veröffentlichten Erklärung schreibt Mgr. Lefebvre: „Dieses Konzil vertritt, sowohl in den Augen der römischen Autoritäten als auch in den unseren, eine neue Kirche, die sie übrigens Konzilskirche nennen … Ein Konzil … das der Tradition den Rücken kehrt und mit der Kirche der Vergangenheit bricht, ist ein schismatisches Konzil… und steht im Begriff, die katholische Kirche zu ruinieren. (Nachdem das II. Vatikanum das neue Prinzip der Religionsfreiheit anerkannt hat), muß sich die ganze Lehre der Kirche wandeln, ihr Gottesdienst, ihr Priestertum, ihre Institutionen … Es handelt sich also um einen völligen Umsturz der Tradition … Jene, die … dieser neuen Konzilskirche anhängen, begeben sich ins Schisma … Die katholische Kirche … (ist) von Feinden unterwandert, die sich in Purpur hüllen. Wie könnten wir … das Spiel dieser Schismatiker spielen, die uns zumuten, bei ihrem Werk der Zerstörung der Kirche mitzumachen?“ Sind diese Ausführungen Lefebvres nur rhetorische Floskeln, oder sind sie ernst gemeint? Wenn sie aber ernst gemeint sind, dann muß man sich schon die Frage stellen, wie ist das nun mit der Häresie des Papstes? Welche Qualität haben diese Irrlehren?

Es ist sicher wahr, daß rein rechtlich eine formelle Häresie eines Papstes schwer nachweisbar ist, aber dennoch ist es möglich, was sich einerseits anhand von historischen Fakten, anderseits aber auch theologisch zeigen läßt. Gegenüber den historischen Fakten muß man freilich zugeben, daß es einen Unterschied zu früheren Fällen gibt: Da nämlich heute fast die ganze Hierarchie mit den Konzilspäpsten vom Glauben abgefallen ist, findet sich natürlich auch niemand mehr, der den abgefallenen „Papst“ ordnungsgemäß ermahnt. Keine Kardinäle und auch keine Bischöfe sind dazu bereit, weil sie selber Modernisten geworden sind. Heißt das aber, daß der Katholik einen Häretiker solange als Papst anerkennen muß, bis irgendein späterer Papst ihn als solchen erklärt?

Die Pius-Ideologen sind jedenfalls dieser Meinung: „Da in dieser Frage keine letzte Sicherheit zu erreichen ist, ist man nach dem Rechtsgrundsatz ‘In dubio melior est conditio possidentis’ (Im Zweifel verdient der Besitzer den Vorzug) auf jeden Fall verpflichtet, an der Gültigkeit der nachkonzilaren Päpste festzuhalten.“ Hierzu ist zu bemerken: Es ist sicherlich recht gewagt, in einer theologisch so grundlegenden Frage sich auf einen Rechtsgrundsatz zurückzuziehen. Gemäß diesem Rechtsgrundsatz bleibt für die Piusbrüder jedenfalls der Papst solange im Amt, bis irgendein späterer Papst ihnen die rechtliche Sicherheit gibt, dieser Mann war doch kein Papst, er war Häretiker, Apostat, Satanist…

Fragen wir einmal Herrn Biedermann zu dem Fall: „Herr Biedermann, was meinen Sie, werden der Sepp und der Willi ihr Haus abbrennen oder nicht?“ „Aber nein, der Sepp und der Willi sind doch keine Brandstifter. Also bitte, machen Sei mir doch keine Angst, wegen der paar Benzinfässer auf dem Dachboden, das ist doch lächerlich! Und im übrigen: Im Zweifel für den Angeklagten! Also, nach diesem Rechtsgrundsatz sind der Sepp und der Willi im Grunde ganz gute Kerle. Wenn das nicht beruhigend ist, was dann?“

Ist diese Ansicht nicht ein wenig unheimlich? Kann diese Rechnung wirklich aufgehen? Kann man einem Häretiker einen Gehorsam leisten, wie er dem katholischen Oberhaupt der Kirche, dem Stellvertreter Jesu Christi, dem unfehlbaren Lehrer notwendigerweise geschuldet ist? Oder noch etwas anders gefragt: Kann man einen Häretiker als „Papst“ akzeptieren, ohne selbst zum Häretiker zu werden, ohne selbst den Glauben zu verlieren? Überlegen Sie sich das einmal in aller Ruhe und Sie werden zu der Einsicht kommen: Nein! Das ist ganz einfach unmöglich! Ist doch der Papst der katholischen Kirche der unfehlbare Lehrer derselben und damit die nächste Norm des Glaubens eines jeden Katholiken. In seiner Dogmatik lehrt J.B. Heinrich: „In der Kirche steht die Lehr- und Richtergewalt in Glaubenssachen nur dem von Christus in Petrus und den Aposteln eingesetzten Lehramte zu; also weder der Gesamtheit, noch irgend welchen einzelnen, von Christus mit diesem Lehramte nicht betrauten Gläubigen, welche Stellung auch sie einnehmen und mit welchen natürlichen und übernatürlichen Gaben sie ausgerüstet sein mögen. Nur durch dieses infallible Lehramt ist die gesamte Kirche indefectibel im Glauben und nur dieses Lehramt ist nach göttlicher Einsetzung und nach der Natur der Dinge nächste Glaubensregel.“

Wie sollte also ein Häretiker nächste Glaubensregel sein? Das ist absolut unmöglich! Als Häretiker ist er vielmehr die nächste Regel des Irrglaubens! Dementsprechend müssen auch die Piusbrüder, um ihren häretischen „Papst“ im Amt halten können, ihn all seiner wesentlichen Amtsbefugnisse berauben, d.h. sie müssen ihm all das absprechen, was den Papst zum Papst macht. Vom wahren Papst bleibt sozusagen nur noch die weiße Soutane übrig. Für die Pius-Ideologen ist ein Mann mit einer weißen Soutane ein Papst, sofern er nur im Vatikan wohnt. Zur Zeit gibt es aber im Vatikan zwei weiße Soutanen, und man munkelt, manche Pius-Ideologen sind der Ansicht, Ratzinger sei der eigentliche Papst und nicht Bergoglio. Bei diesen Voraussetzungen kann man nur sagen, warum auch nicht?! Von dieser völlig naturalistischen Auffassung des Papstamtes kommt auch der unausrottbare und ständig wiederholte Vergleich mit einem natürlichen Vater. Ein schlechter Vater ist immer noch der Vater, so wiederholt man gebetsmühlenartig, also ist auch ein schlechter Papst immer noch der Papst. Dieser Vergleich übersieht, daß ein natürlicher Vater nichts von dem besitzt, was den Papst zum Papst macht, weshalb er mit einem Papst auch in keine Weise vergleichbar ist. Das „tertium comparationis“, der Vergleichsgrund existiert gar nicht. Den Papst mit einem natürlichen Vater zu vergleichen, heißt nicht nur Äpfel mit Birnen zu vergleichen, wie man sagt, es zeigt zudem, daß man nicht mehr weiß, was ein Papst nach katholischem Verständnis wirklich ist und immer sein muß.

Fragen wir noch Herrn Biedermann: „Herr Biedermann, wie ist es mit Herrn Schmitz und dem Schaffell. Kommt ihnen das nicht etwas seltsam vor?“ „Ach was, das Schaffell ist nur ein Spiel – oder, was meinen Sie? Worauf wollen sie denn eigentlich hinaus? Warum sollte er kein Schaffell tragen, solange er nur kein Brandstifter ist. Oder meinen Sie, er ist ein Wolf?“

Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.