Biedermann und die Brandstifter

image_pdfimage_print

Am Abend ist das Freundschaftsmahl. Die Stimmung ist gut und Biedermann lacht viel und laut. Er serviert den Brandstiftern Wein und duzt sich mit ihnen, denn einem Freund – so überlegt er – werden sie doch nicht schaden wollen.

Der Auftritt von Schmitz im Schafsfell ist eine ironische Darstellung. Der Wolf im Schafspelz spiegelt die wahre Identität von Schmitz wieder. Er ist nach außen hin das arme fromme Lamm, aber der böse Wolf, der in ihm steckt, kann aufgrund der Naivität Biedermanns sein teuflisches Werk in Angriff nehmen.

Biedermann kommt bis zuletzt nicht zur Einsicht, ja schließlich gibt Biedermann den Ganoven auch noch die Streichhölzer, da sie – wie er trotz seiner Furcht und seiner Einsicht sich einredet – selbst Streichhölzer hätten, wenn sie Brandstifter wären. Er kommt gemeinsam mit seiner Frau in den Flammen des Feuers um, das Schmitz und Willi Eisenring noch in derselben Nacht legen. Zuvor tritt noch ein Intellektueller als dritter Verbündeter auf, der zum Schluß ein Manifest gegen die beiden verliest, da er feststellen muß, daß sie nicht aus Ideologie, sondern aus reinem Gefallen brennen. Er ist der Einzige, der einen wahren Sinn in der Brandstiftung sieht. Dies wird durch die Charakterisierung des Chores klar: „Sieht er in Fässern voll Brennstoff nicht Brennstoff – Er nämlich sieht die Idee!“

Der Chor kommentiert das tragische Ende:
„Was jeder lange genug voraussah,
der nimmerzulöschende Blödsinn, ‘Schicksal genannt’,
geschieht am End – nichts ist sinnloser als diese Geschichte …
Dreimal Wehe!“

Zum Schluß noch eine grundsätzliche Frage zu diesem Stück: Ist Biedermanns Schicksal „tragisch“ zu nennen oder nicht? Die Antwort gibt uns darauf der Chor: „Nimmer verdient, Schicksal zu heißen, bloß weil er geschehen: der Blödsinn“ (Erstes Chorlied).

Biedermann´sche Theologie?

Wie man leicht einsehen kann, verbirgt sich in diesem Lehrstück ohne Lehre viel Menschenkenntnis und Erfahrungswissen. Die Brandstifter lügen mit der Wahrheit, weil sie doch niemand glaubt. Je unverblümter man die Wahrheit sagt, desto unglaubwürdiger erscheint sie, vor allem wenn sie erschreckend ist. Das gilt nicht nur im gesellschaftlich-politischen, sondern auch im kirchlichen Bereich. Wir wollen dafür ein Beispiel durchdenken.

Die Distriktleitung der Piusbruderschaft von Österreich hat eine Antwort auf die Sedisvakanztheorie von P. Florian Abrahamowicz veröffentlicht. Es ist auffallend, daß die Oberen dieser Gemeinschaft sich offensichtlich jeweils besonders aufgefordert fühlen, gegen jene vorzugehen, die von der papstlosen Zeit überzeugt sind.

Die österreichischen Piusbrüder geben die These von P. Florian Abrahamowicz wie folgt wieder: „Die sog. Sedisvakantisten behaupten, der derzeitige Papst sei kein gültiger Papst (und ebenso wenig seien es die letzten Päpste seit dem 2. Vatikanischen Konzil gewesen), weil er Häretiker sei, somit außerhalb der Kirche stehe und darum nicht Oberhaupt der Kirche sein könne. Diese Behauptung umfaßt zwei zu beweisende Punkte: 1. Ein häretischer Papst kann nicht gültiger Papst sein. 2. Es ist klar, dass der jetzige Papst häretisch ist.“

Hierauf meinen sie einwenden zu können: „Nun aber ist es unmöglich, für diese beiden Annahmen einen Beweis zu erbringen, vielmehr muss man das Gegenteil annehmen.“ Dieses Gegenteil versuchen die hochw. Herren sodann zu beweisen. Ihr Beweis scheint aber nicht besonders originell zu sein, vielmehr haben sie offensichtlich fleißig bei den Dominikanern von Avrillé abgeschrieben, die schon vor längerer Zeit einen Katechismus gegen die Sedisvakantisten meinten schreiben zu müssen und nun zum sog. Widerstand des Mgr. Williamson gehören. Sowohl bei den französischen Dominikanern als auch bei den österreichischen Piusbrüdern muß man feststellen, daß sie sich offensichtlich schwer tun, über den eigenen ideologischen Tellerrand hinauszusehen, denn sonst hätten sie es sicher nicht mehr gewagt, auf solch zweifelhaftem Niveau zu argumentieren. Aber wir wollen diese Behauptung nun doch nicht einfach nur in den Raum stellen, sondern sie auch – wenn auch in Kürze – argumentativ untermauern.

Zu 1 – Ein häretischer Papst kann nicht gültiger Papst sein – ist zu lesen: „Zur Frage, ob Häresie den Verlust des Papstamtes zur Folge hat, gibt es keine verbindliche kirchliche Lehre. Diese Frage ist sehr komplex und wird seit Jahrhunderten von den Theologen erörtert, ohne dass sie eindeutig entschieden werden kann. Ein bedeutender Teil der Theologen nimmt an, dass Häresie nicht automatisch zum Verlust des Papstamtes führt. Billuart (+1757), einer der renommiertesten Theologen, schreibt: ‘Nach der allgemeineren Meinung fährt Christus durch eine besondere Anordnung fort, für das Gemeinwohl und den Frieden in der Kirche einem sogar offenkundig häretischen Papst die Jurisdiktion (Leitungsgewalt) zu geben, bis er von der Kirche als offenkundig häretisch erklärt wird’ (De Fide, diss. V, a. III, § 3, obj. 2). Diese Ansicht vertreten viele der großen alten Theologen wie Banez, Cajetan, Suarez und Johannes von St. Thomas. Ihr schließt sich auch Garrigou-Lagrange, einer der bedeutendsten Theologen des 20. Jahrhunderts, an (De Verbo Incarnato, p. 232).“

Die erste Auskunft, die wir aus dem Distriktsitz von Österreich über unser Thema erhalten, ist also: „es gibt keine verbindliche kirchliche Lehre“„Diese Frage ist sehr komplex“ … so dass sie nicht „eindeutig entschieden werden kann“. Damit will man wohl sagen, da die Frage von der Kirche nicht letztgültig geklärt ist, sie zudem mit einigen Schwierigkeiten verbunden ist, sei es unmöglich, zu einer klaren Antwort kommen zu können – worüber man im Grunde nur sehr froh sein kann, so hat man wenigstens den Eindruck, wenn man die Piusbrüder etwas näher kennt. Zum „Beweis“ für diese Behauptung wird ein „bedeutender Teil der Theologen“ vereinnahmt, als dessen Superlativvertreter „einer der renommiertesten Theologen“, nämlich Billuart genannt und zitiert wird. Diesem werden sodann noch „viele der großen alten Theologen wie Banez, Cajetan, Suarez und Johannes von St. Thomas“ beigesellt. Für einen frommen, ungebildeten Laien sicher eine beeindruckende Namensliste.

Aber was ist nun eigentlich Sache? Was sagen die Theologen und die Kirche zu unserem Thema, das offensichtlich – Gott sei Dank! – so komplex ist! Es sei hier auf die psychologische Spitze dieser Bemerkung aufmerksam gemacht. Der Leser soll denken: „Um Himmelswillen, diese schwierige Frage wollen diese Leute so einfach lösen können“ – und damit sollen sie nicht merken, daß die österreichischen Piusbrüder ihrerseits spielend eine Lösung der komplexen Frage auf 2 Seiten präsentieren!

Aber fragen wir einfach einmal Herrn Biedermann: „Herr Biedermann, was meinen Sie? Ist in den Fässern Benzin oder nicht?“ „Ach, das ist eine schwierige Frage! Doch stellen sie sich das nur einmal vor: Benzin! Wenn das Benzin wäre, aber dann wären das doch Brandstifter! Nein, nein! Eindeutig, es ist Haarwasser, was soll es denn sonst sein.“

Nach dieser psychologischen Nebenbemerkung kommen wir zur Sache selbst zurück. Wie sieht es aus mit den Theologen, was sagen sie zu unserer Frage? In seinem Buch „Wann werden Sakramente gültig gespendet? Eine Untersuchung zur Frage der erforderlichen Intention des Sakramentenspenders“ hat der Bamberger Dogmatiker Professor Dr. Johannes Stöhr die wichtigsten Namen der an der Debatte beteiligten Theologen gegenübergestellt: „Die einen nehmen wie z.B. Juan de Torquemada OP und R. Bellarmin SJ an, daß in diesem Falle [sc. nämlich in dem eines offen häretischen Papstes] der Papst sich von der Kirche trenne und aufhöre Papst zu sein; d.h. ipso facto [sc. infolge der Tat selbst] gelte: Papa haereticus est depositus [Sc. Ein häretischer Papst ist abgesetzt]. (So auch Pierre de la Palu, Augustinus de Ancona, Sylvester de Prierias OP, J. Driedo, Alfonso de Castro OFM, A. Salmeron SJ, Adam Tanner SJ, Gregor de Valentia SJ, Jacobus Simancas, Domenico Jacobazzi, F. Kober, F.X. Wernz, P. Vidal.) Diese Theologen betrachten die Häresie als eine Art moralischen Selbstmord, welcher dem Täter mit dem Christsein und der Kirchengliedschaft natürlich auch das Papsttum nimmt. Entsprechend dem Wort des Herrn Joh 3,18 (Wer nicht glaubt, ist schon gerichtet) hören Häretiker mit dem Augenblick des Abfalls auf, Glieder des Gottesvolkes zu sein. (Vgl. Hieronymus). Wer aber nicht Glied sei, könne nicht Haupt sein. Nur der Glaube könne Fundament der Kirche und somit auch der Hierarchie sein (vgl. 1 Kor. 3,11; Kol. 1,23; Hebr. 10,38; Rom. 1,17); Christus habe gerade von Petrus vor der Amtsverheißung das Bekenntnis des Glaubens verlangt (Mt 16,16). Nach alter kirchlicher Tradition könne niemand ohne Glauben Jurisdiktion in der Kirche ausüben (vgl. Cyprian, Thomas von Aquin). Ein Häretiker verleugne Christus und die wahre Kirche, also auch sich und seine Würde in der Kirche; man solle ihn nicht einmal grüßen (vgl. 2 Joh. 1,10f; Tit 3,10f.), könne ihm also erst recht nicht gehorchen. . . . Eine andere Gruppe von Theologen nimmt mit Cajetan sowie Joh. a s. Thoma, Mancio a Corpore Christi, Melchior Cano, Domingo de Soto, L. de Molina, F. Suarez, Ch. Journet an – und ihre Analyse scheint besser -, daß auch nach einem offensichtlichen Vergehen der Häresie der Papst erst noch durch einen zwar nicht autoritativen, jedoch ministeriellen Akt der Kirche abgesetzt werden müsse. (Papa haereticus non est ipso facto depositus sed deponendus.) [Sc. Ein häretischer Papst ist nicht durch die Tat selbst abgesetzt, sondern muß abgesetzt werden.] …“

Wie wir aus dem Text unschwer sehen können, stehen nach Stöhr für die erste Ansicht eine fast doppelt so große Zahl von Theologen. Außerdem stehen mindestens drei Kirchenlehrer auf ihrer Seite: 1. der hl. Thomas von Aquin. Dieser hat zwar das Problem des häretischen Papstes selbst nicht direkt behandelt, aber die Fragestellung ohne jeden Zweifel gekannt. Er hat ohne irgendeine Einschränkung festgestellt, Häretiker könnten in der Kirche keine Jurisdiktion ausüben. 2. der hl. Robert Bellarmin. 3. der hl. Alfons von Liguori, der von Stöhr nicht einmal erwähnt wird.

Die Gegenseite hat hingegen keinen einzigen Kirchenlehrer in ihren Reihen aufzuweisen. Schon allein aus diesem Grund überrascht das Urteil des Bamberger Dogmatikers, wenn er behauptet, „ihre Analyse scheint besser“. Aber stimmt das wirklich? Ist es einleuchtender, daß ein Papst „auch nach einem offensichtlichen Vergehen der Häresie … erst noch durch einen zwar nicht autoritativen, jedoch ministeriellen Akt der Kirche abgesetzt werden müsse“? Nein, ganz im Gegenteil verstrickt sich diese Ansicht in einem tiefgreifenden und unheilbaren Selbstwiderspruch. Wenn nämlich der offen häretische Papst sein Amt erst verliert, nachdem die Kirche (also die Gesamtheit der Bischöfe bzw. ein ökumenisches Konzil) ihn durch einen öffentlichen Akt abgesetzt hat, dann kommt man mit dem berühmten Rechtsgrundsatz „Prima sedes a nemine iudicatur“ – d.h. „Der erste Sitz wird von niemandem gerichtet“ in Konflikt.

Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.