Sentire cum Ecclesia

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Der Katholik verhält sich so, weil der Heilige Geist selbst die Kirche lenkt und regiert. Die kirchlichen Autoritäten stehen unter der Leitung des Heiligen Geistes. Nur aufgrund dieser Leitung des Heiligen Geistes schenken wir ihnen Glauben und vertrauen wir auf ihr Urteil mehr als auf unser eigenes Urteil. Das gilt jedoch nicht nur für die außerordentlichen, feierlichen Urteile des kirchlichen Lehramtes, sondern genausogut für die ordentlichen, alltäglichen. Schließlich ist der Heilige Geist nicht nur ab und zu in der Kirche wirksam, sondern jeden Tag, immer. Matthias Josef Scheeben erklärt uns dieses Sein und Wirken des Heiligen Geistes in der Kirche folgendermaßen:

„Der Geist des Bräutigams macht alle Glieder der Kirche zu seinen Tempeln, in denen er wohnt und seine göttliche und vergöttlichende Kraft offenbart. Er leitet die Kirche mit Weisheit und Ordnung; er heiligt die seelischen Krankheiten, indem er die Sünden nachläßt, ja, er wirkt in der Kirche ähnlich wie im Leibe Christi; er erfüllt sie mit der Gottheit. Er überschattet die Braut Christi. Durch seine Glut verklärt er sie in das Bild der göttlichen Natur. Er gestaltet ihr ganzes Sein um von Klarheit zu Klarheit. Er durchweht sie so tief und mächtig mit seinem göttlichen Leben, daß nicht mehr sie, sondern Gott in ihr lebt. Die Kirche wird durch den Heiligen Geist ihrem göttlichen Haupte und Bräutigam so gleichförmig, daß sie Christus selbst zu sein scheint.
Wenn bei menschlichen Gemeinschaften ihre Mitglieder ein Leib und eine Seele, oder wie Äste an einem Baum zu sein scheinen, so ist das nur ein Gleichnis. Als Glied der Kirche aber wird der Mensch wirklich in einen neuen, himmlischen Boden gepflanzt; er wird auf einen neuen Stamm, der Christus ist, aufgepfropft. Sein inneres Wesen, die Wurzel seines Lebens wird durch den Heiligen Geist umgestaltet; ein neues Leben wird ihm eingegossen, das vom Licht und Tau des neuen Himmels genährt und gepflegt wird.
Wie der Heilige Geist in der Menschheit Christi wohnt und wirkt, so wirkt er auch in der Kirche. In und durch Christus wohnt er mitten unter uns, gleichsam die Seele der Kirche.“

Der Heilige Geist ist „gleichsam die Seele der Kirche“, Er ist ihr Lebensprinzip durch das die Kirche allein übernatürliches Leben besitzen und weitergeben kann. Man muß sich wirklich fragen, ob sich diese Wirklichkeit nicht schon für die meisten Traditionalisten vollständig verflüchtigt hat, ob nicht die Kirche in ihrem Denken zu einer rein menschlichen Gesellschaft entartet ist? Wir haben schon öfter darauf hingewiesen und gefragt: Kann eine Kirche voller Irrtümer, Fehler, mit unwürdigen Sakramenten und unheiligen Heiligen wirklich noch die makellose Braut Christi sein, deren Seele der Heilige Geist ist? Da kann man nur ganz klar mit „Nein!“ antworten. Wer eine sich eine solche Monsterkirche konstruiert, der verläßt unweigerlich die Tradition der Kirche und schafft seine eigene Tradition. Dieser steht freilich die wahre kirchliche Tradition entgegen, von der Matthias Josef Scheeben schreibt: „Die kirchliche Überlieferung vollzieht sich nicht durch irgendwelche Menschen, sondern nur durch die tatsächlichen Glieder der von Christus gestifteten Kirche. Die Kirche, als ein organisches, von Gott selbst aufgebautes und durch seinen Geist belebtes und geleitetes, stets fortlebendes Gemeinwesen, überliefert uns die göttlichen Wahrheiten. Daher ist ihr Zeugnis kein rein menschliches, sondern ein Zeugnis des Heiligen Geistes. Es gilt um so mehr, je mehr die Träger dieses Zeugnisses im Organismus der Kirche eine besondere Stellung und Bedeutung in ihrem Verhältnis zum Heiligen Geist haben. Die Unfehlbarkeit dieses Zeugnisses bleibt sich in jedem Zeitpunkt gleich, sei er auch noch so weit vom Anfang der Offenbarung entfernt, weil der Heilige Geist für alle Zeiten die Kirche vor Irrtum bewahrt.“

Die meisten Traditionalisten glauben heute ganz sicher nicht mehr, daß „der Heilige Geist für alle Zeiten die Kirche vor Irrtum bewahrt“. Vielmehr meinen sie seit den Konzilspäpsten berechtigt zu sein, diesen eine ganze Reihe von Irrtümern nachweisen zu können, ja zu müssen – weil sie nämlich der Tradition widersprechen würden. Deswegen behaupten sie etwa, man müsse das Konzil im Lichte der Tradition interpretieren. Aber nicht nur das Konzil, sondern alle Akte des Lehramtes werden diese Traditionalisten im Lichte der Tradition interpretiert. Da stellt sich jedoch sofort die Frage: Im Lichte welcher Tradition? Hier wird doch offensichtlich die entfernte Norm des Glaubens stillschweigend zur nächsten Norm, ohne die weitreichenden Folgen dieser Verwechslung irgendwie zu bedenken. Aber gerade das unterscheidet die katholische Kirche vom Protestantismus, daß nicht der einzelne Gläubige bestimmt, was der wahre katholische Glaube ist, sondern die vom Heiligen Geist geleitete Kirche. M. J. Scheeben, sagt in seinem Handbuch der Dogmatik (I, n. 351): „Die kirchliche Tradition ist und bleibt… an und für sich stets formell und wesentlich eine mündliche und lebendige, d.h. sie besteht formell in dem stets fortlaufenden, ausdrücklichen oder einschließlichen, theoretischen und praktischen Zeugnisse der authentischen Zeugen, resp. der ihnen dienenden oder von ihnen geleiteten Lehrer und Gläubigen…“

Nur dem Papst und den Bischöfen kommt kraft ihrer Weihe und ihres Amtes dieses authentische Zeugnis zu, denn sie allein bilden das kirchliche Lehramt im eigentlichen Sinne des Wortes (vgl. CIC can 1326; 218). Deswegen sagt Papst Pius XII. in seiner Enzyklika „Humani generis“, daß das Lehramt der Kirche „für jeden Theologen die nächste und allgemeine Richtschnur in Sachen des Glaubens und der Sitten sein muß“ („…debet esse…“; n. 18, DS 3884), „da ihm Christus der Herr die Bewahrung, den Schutz und die Auslegung des gesamten Glaubensdepositums anvertraut hat“ (ebd.). Das gilt natürlich auch ganz allgemein für jeden Gläubigen – und damit doch wohl auch für jeden Traditionalisten, oder etwa nicht?

Lassen wir nochmals M. J. Scheeben zu Wort kommen, der uns einen weiteren Aspekt des unfehlbaren Lehramtes formuliert: „Wenn der Papst als unmittelbarer und tatsächlicher Stellvertreter Gottes ein Endurteil bezüglich des Glaubens oder der Sitten abgibt, so muß dieses Urteil notwendig und schlechthin unantastbar und unwiderruflich sein und damit die Pflicht auferlegen, innerlich und äußerlich diesem Urteil zuzustimmen. Ein solches Urteil stellt unfehlbar das Urteil des Heiligen Geistes selbst dar und kann somit nicht falsch sein. Es kann deshalb niemals und in keiner Weise, selbst nicht vom Papst, umgestoßen oder wesentlich geändert werden. Weil der Heilige Geist darin gewirkt hat, kann man sich auch nicht darauf berufen, daß das Urteil in einem ungesetzmäßigen Verfahren zustande gekommen sei, weil es dann kein endgültiges Urteil mehr wäre. Es müßte dann noch eine höhere Instanz geben, die dieses Urteil aufhöbe. Die kann es aber nicht geben. Daraus sieht man, daß die Formel: ‘Es hat dem Heiligen Geist und uns gefallen…’ (Apg 15,28) im strengsten Sinne aufzufassen ist.“

Wie wenig diese Lehre noch verinnerlicht ist, zeigten die jüngsten „Heiligsprechungen“ von Johannes XXIII. und Johannes Paul II. durch Franziskus. Manche „Theologen“ meinten ja durchaus darauf verweisen zu können, daß durch die Änderung der Heiligsprechungsprozesse die Unfehlbarkeit nicht mehr gegeben sei, weil dadurch „das Urteil in einem ungesetzmäßigen Verfahren zustande gekommen sei“. Irgendwie haben sie im Eifer des Gefechts oder vielleicht aufgrund ihrer ideologischen Verblendung vergessen, daß man sich „nicht darauf berufen“ kann, „weil es dann kein endgültiges Urteil mehr wäre“. Es ließen sich ja dann immer ausreden finden, warum in diesem Fall der Papst dann doch wieder nicht unfehlbar sein sollte. Die möglichen Ausreden sind schließlich zahllos, wie alle Häretiker beweisen. Aber lassen wir das beiseite und kommen wir zum Schluß.

Die Regeln des hl. Ignatius über das „sentire cum Ecclesia“ formulieren das Grundverhalten des Katholiken gegenüber der Kirche, bzw. ihrer Autorität. Da der einzelne Katholik in Sachen des Glaubens und der Sitten nicht ohne göttliche Hilfe fest sein und bleiben kann, ist er auf die ihm von Gott gegebene Lehrautorität angewiesen. Der Katholik weiß, der Heilige Geist leitet die Kirche, ihr Lehramt zu jeder Zeit, denn Er ist die Seele der Kirche. Deswegen muß jeder Katholik sein Urteil dem Urteil der Kirche unterordnen. Wenn er dazu nicht mehr bereit ist, wenn er das kirchliche Lehramt im Licht der (= seiner eigenen) Tradition interpretiert und dem Papst nur noch im (selbstgezogenen) Rahmen der Unfehlbarkeit gehorcht, gleichgültig aus welchen Gründen, wird er letztlich zum Protestanten, denn wie der Dogmatiker Heinrich schreibt: „Es ist dieses, wie sofort einleuchtet, die Übertragung des protestantischen Prinzips der freien Forschung von der heiligen Schrift auf die Tradition. Man erkennt dann zwar an, daß die heilige Schrift einer Beglaubigung, Erklärung und Ergänzung durch die Tradition bedürfe; aber die Entscheidung darüber, was echte Tradition und was ihr Sinn sei, maßt man in letzter Instanz sich selber an.“

Überblickt man die sog. Bewegung der Tradition, muß man sich fragen: Ist nicht das Verhalten der meisten Traditionalisten eine de facto, also eine mit der Tat geschehene Leugnung des Heiligen Geistes als Seele der Kirche? Denn wie könnte der Heilige Geist Seele, d.i. das Lebensprinzip, der Lebensgrund einer Kirche sein, die voller Irrtümer ist, eine in sich schlechte Liturgie feiert, zweifelhafte Sakramente spendet und ein Kirchenrecht hat, durch welches das Seelenheil gefährdet wird? Ist es bei genauerer Betrachtung all dieser Tatsachen, die sicherlich nicht geleugnet werden können, nicht evident, daß dies nicht die wahre Kirche Jesu Christi sein kann, also deren Autoritäten nur Scheinautoritäten sind? Und ist nicht dies die einzig mögliche Erklärung der täglichen Erfahrung des Katholiken seit dem sog. Konzil, die leidvolle Erfahrung, daß die Regeln des hl. Ignatius auf diese „Kirche“ nicht mehr anwendbar sind, denn, würde man sie anwenden, würde man dadurch ganz sicher den Glauben verlieren! Es kann aber der Glaube „niemals und in keiner Weise, selbst nicht vom Papst, umgestoßen oder wesentlich geändert werden“. Was ist das aber dann für ein „Papst“, was ist das für ein „Lehramt“, das gerade dies ständig und hartnäckig über Jahrzehnte versucht? Betrachtet man in dieser Weise die zwei angeführten Regeln des hl. Ignatius, werden sie einem zu einer reichen Quelle von Erkenntnis über das, was heute wirklich mit der Kirche geschehen ist. Zudem zeigen sie einem Katholiken, wie weit man von einem wahrhaft katholischen „sentire“ mitfühlen und mitdenken schon entfernt ist. Die papstlose Zeit birgt schließlich ihre eigenen vielfältigen Gefahren in sich, die man freilich mit der Gnade Gottes bewältigen muß – und kann.

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