Sentire cum Ecclesia

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In der ersten Regel heißt es: „In Absehung jeglichen [privaten] Urteils müssen wir den Geist gerüstet und bereit halten, dazu hin, in allem zu gehorchen der wahren Braut Christi Unseres Herrn, die da ist Unsere Heilige Mutter, die Hierarchische Kirche.“

Diese erste Regel formuliert ganz allgemein das Grundverhalten des Katholiken. Er muß sein privates Urteil in den Sachen des Glaubens und der Sitten dem Urteil der Kirche unterordnen, d.h. dem kirchlichen Lehramt gehorchen. Der hl. Ignatius bringt an dieser Stelle drei Begriffe für die Kirche, die dieses Verhalten erklären, bzw. rechtfertigen. Die Kirche, der man das Urteil unterordnet, ist keine rein menschliche Gemeinschaft, sondern die wahre Braut Christi Unseres Herrn. Als solche ist sie ohne Makel, d.h. ohne Makel in der Lehre, in ihren Sakramenten, ihrer Rechtsordnung, usw. Deswegen kann und muß man ihr vollstes Vertrauen entgegenbringen. Zudem ist sie Unsere Heilige Mutter. Die Kirche wurde von Gott dazu bestimmt, sich um die Seelen der Gläubigen, ihr ewiges Heil wie eine Mutter zu sorgen. Damit das auch immer möglich ist und wirklich geschieht, hat Er der Kirche ganz besondere Gaben geschenkt, unter welchen das Charisma der Unfehlbarkeit hervorragt. Wobei diese Kirche, der man gehorchen muß, zudem keine protestantische Geistkirche ist, sondern die konkrete hierarchische Kirche mit ihrem Papst und ihren Bischöfen.

Es ist nicht schwer einzusehen, daß diese Regel heutzutage nur noch von ganz wenigen Katholiken, oder besser gesagt Auchkatholiken beachtet wird. Sowohl die modernistischen Professoren und ihr Anhang, als auch die traditionalistischen Gläubigen bilden sich selbstverständlich ein, daß sie besser wissen als Rom (= das kirchliche Lehramt), was katholisch ist. Ja manche Traditionalisten bilden sich sogar ein, sie müßten Rom (= das kirchliche Lehramt) bekehren! Schon 1950 mußte Pius XII. ausdrücklich vor solchem Verhalten warnen. Er schreibt in seiner Enzyklika „Humani generis“ (n. 21): „Nicht den einzelnen Gläubigen und auch nicht den Theologen hat der göttliche Heiland die authentische Erklärung des Glaubensgutes anvertraut, sondern nur dem Lehramt der Kirche“ (DS 3886). Nochmals fast 100 Jahre früher, 1863 hat Pius IX. in seinem Brief „Tuas libenter“ an den Bischof von München-Freising dieses Fehlverhalten so umschrieben: „…auch wenn es sich um jene Unterwerfung handelt, die mit dem Akt göttlichen Glaubens zu leisten ist, so wäre sie dennoch nicht auf das zu beschränken, was in den ausdrücklichen Lehrdokumenten der Ökumenischen Konzilien oder der römischen Bischöfe und dieses (Apostolischen) Stuhles definiert ist, sondern auch auf das auszudehnen, was durch das ordentliche Lehramt der über den Erdkreis verstreuten ganzen Kirche als göttlich geoffenbart überliefert wird …“ (DS 2879). Aus diesem Grund fügt der hl. Ignatius bei der Formulierung seiner Regel keine Einschränkungen hinzu, er sagt vielmehr: „In Absehung jeglichen [privaten] Urteils und in allem zu gehorchen“. Denn es geht um die grundsätzliche Bereitschaft, der Kirche zu gehorchen.

Weil gerade diese grundsätzliche Bereitschaft zum Gehorsam heute allenthalben fehlt, wollen wir noch eine weitere Regel des hl. Ignatius anführen. In der 13. Regel kommt der hl. Ignatius nochmals auf das in der ersten Regel angesprochene Thema zurück und konkretisiert es folgendermaßen: „Wir müssen, um in allem das Rechte zu treffen, immer festhalten: ich glaube, daß das Weiße, das ich sehe, schwarz ist, wenn die Hierarchische Kirche es so definiert. Denn wir glauben, daß zwischen Christus Unserem Herrn, dem Bräutigam, und der Braut, der Kirche, der gleiche Geist waltet, der uns zum Heil unserer Seelen leitet und lenkt, weil durch denselben Geist Unseres Herrn, der die Zehn Gebote erließ, auch Unsere Heilige Mutter die Kirche gelenkt und regiert wird.“

Wohl kein anderer Text des hl. Ignatius von Loyola wurde so mißverstanden wie dieser. Man warf ihm vor, hier für einen vollkommen blinden, irrationalen Glauben einzutreten, der mit dem wahren, dem katholischen Glauben nichts gemein habe. Es wäre jedoch sehr merkwürdig, wenn ein Text, der von einer Vielzahl von Päpsten geprüft und gutgeheißen wurde, in einer solchen Weise und in einem so zentralen Punkt der Lehre irrig wäre.

Der Eindruck, Ignatius vertrete hier einen blinden Gehorsam, entsteht nur, wenn man den Text nicht aufmerksam genug liest und deswegen den Vergleich übersieht oder nicht richtig deutet. Die Fähigkeit, Vergleiche zu lesen und verstehen, scheint heutzutage beinahe ganz verloren gegangen zu sein. Was sagt also der hl. Ignatius wirklich? Sagt er einfach, der Katholik müsse das Schwarze für Weiß und das Weiße für Schwarz halten, wenn es die Kirche so sagt? Das wäre nun wirklich blinder Gehorsam, vollkommen irrational, ja verrückt. Nein, der hl. Ignatius sagt, wenn es um den Glauben, wenn es um eine Glaubenswahrheit geht, von welcher der Mensch keinerlei eigene Erfahrung hat und haben kann, weil er sie mit seiner natürlichen Vernunft niemals erreichen kann, geht sie doch über seine Vernunft hinaus, weswegen sie nur durch göttliche Offenbarung kundgetan werden kann, dann muß er sein Urteil dem Urteil der Kirche unterordnen. Eine solche Unterordnung ist aber durchaus ganz und gar vernünftig. Wenn darum der Katholik etwas (fälschlicher Weise) glaubt, was aber gar nicht wahr, also nicht wirklich göttlich verbürgt ist und die Kirche weist ihm auf seinen Irrtum hin, dann muß er der Kirche Glauben schenken und seinen Irrtum korrigieren – oder in dem Bild des hl. Ignatius ausgedrückt: er muß das, was er fälschlicher Weise für Weiß gehalten hat, für Schwarz halten. Und er kann und darf und muß der Kirche dieses rückhaltlose Vertrauen entgegenbringen, weil die Kirche unfehlbar vom Geist Jesus Christi geleitet wird, wenn es um den Glauben und die Sitten geht. Dieser Geist Christi ist nämlich die Seele der Kirche, also ihr innerstes Lebensprinzip. „Denn wir glauben, daß zwischen Christus Unserem Herrn, dem Bräutigam, und der Braut, der Kirche, der gleiche Geist waltet, der uns zum Heil unserer Seelen leitet und lenkt, weil durch denselben Geist Unseres Herrn, der die Zehn Gebote erließ, auch Unsere Heilige Mutter die Kirche gelenkt und regiert wird.“

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