Vom Lehramt zum Leeramt

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Der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck bestimmte fast dreißig Jahre die Geschicke seines Landes. Mehr als vierzig Jahre war er der wichtigste Politiker Berlins. Mit 35 Jahren ernannte ihn der König zum preußischen Gesandten am Deutschen Bundestag und mit 47 Jahren wurde er Ministerpräsident. Ab 1871 war er Reichskanzler, was er bis 1890 blieb, als er widerwillig seinen Abschied nehmen musste. Bismarck gilt als einer der größten Politiker des 19. Jahrhunderts. Wie kein anderer hat er Europa auf Dauer verändert. Bei seinem Abschied veröffentlichte der britische „Punch“ vom März 1890 eine Karikatur mit dem Titel: „Der Lotse verlässt das Schiff“. Bismarck hatte immerhin eine ganze Generation lang die europäische Politik maßgeblich mitgestaltet, was wird wohl nach ihm kommen?

Wenn wir auf die neuere Kirchengeschichte schauen, haben wir denselben Eindruck bei Pius XII., der zwar nicht durch Rücktritt die kirchenpolitische Bühne verließ, sondern durch seinen Tod. Auch hierzu könnte man schreiben: „Der Lotse verlässt das Schiff“. Bis zum Tod Pius’ XII. waren die Päpste die von Gott der Kirche geschenkten Losten, die das Schifflein Petri durch alle Stürme der Zeit und an allen Klippen und Gefahren des Irrtums vorbei mit unfehlbarer Sicherheit dem Ziel entgegenlenkten. Nach diesem letzten Papst der „alten“ Kirche beginnt jedoch auf einmal eine neue Zeit, mit einem neuen Verständnis von Papst und Kirche. Es fällt etwas schwer, genau zu fassen, was mit dem Pontifikat und nach dem Tod Pius XII’. eigentlich geschehen ist und was zu Ende ging, aber der Eindruck, daß etwas zu Ende ging, ist doch so stark und allgemein, daß er jedem ins Auge springt. Mit Angelo Giuseppe Roncalli alias Johannes XXIII. beginnt eine neue Zeit, es beginnt ein neuer Stil, ein neues Selbstverständnis der Kirche in Rom. Aber kann die Kirche von Rom überhaupt ein neues Selbstverständnis entwickeln? Ist sie nicht eine göttliche Institution, also mit von Gott vorgegebenem Selbstverständnis ausgestattet und deswegen immer dazu verpflichtet, der göttlichen Vorgabe zu entsprechen? Bis Pius XII. waren die Inhaber der Stuhles Petri noch die unfehlbaren Lehrer und Leiter der Kirche Jesu Christi. Mit Johannes XXIII. ändert sich das offensichtlich, man hat nunmehr unwillkürlich den Eindruck: Der Lotse hat das Schiff verlassen. Aber was kommt danach?

Bevor wir dieser Frage eingehender nachgehen, wollen wir uns noch kurz in Erinnerung rufen, was denn eigentlich das Besondere dieser „alten“ Kirche war. Wir lassen hierzu Matthias Josef Scheeben (1835—1888), den großen, frommen und gelehrten Kölner Dogmatiker zu Wort kommen. In seinen „Mysterien des Christentums“ (1865) und in seinem „Handbuch der katholischen Dogmatik“ (6 Bücher in 3 Bänden, 1874—1887) hat Scheeben das Wirken des lebendigen Lehramtes in der vom Geiste Christi belebten Kirche in einer bisher kaum übertroffenen Art beschrieben. Seine Lehre über das Verhältnis des unfehlbaren obersten Lehrers der Kirche zur seligsten Jungfrau Maria, in der er das vollkomme Urbild der Kirche sah, hat Scheeben wohl nirgends so eindringlich geschildert wie in seiner Abhandlung „Die Dogmen von der unbefleckten Empfängnis Mariä und der Unfehlbarkeit des Papstes als Manifestation der Übernatürlichkeit des Christentums“ (M. J. Scheeben, Die Dogmen von der unbefleckten Empfängnis Mariä und der Unfehlbarkeit des Papstes als Manifestation der Übernatürlichkeit des Christentums, neu herausgegeben von J. Schmitz, Paderborn 1954):

„Eine mannigfache Verbindung und Wechselbeziehung besteht zwischen den beiden Dogmen (der unbefleckten Empfängnis Mariens und der Unfehlbarkeit des Papstes). Das erstere stellt uns vor Augen die unbedingte Makellosigkeit und übernatürliche Verklärung der ganzen Natur der seligen Jungfrau, welche als die Mutter des Sohnes Gottes, des neuen Adam, der voll der Gnade und Wahrheit unter uns erschien, des Hauptes der Kirche und des ‚Lehrers der Gerechtigkeit’, auch die Mutter aller Kinder Gottes, die neue Eva, die Mutter der Gnade und der Kirche, und darum der unentweihte ,Sitz der Weisheit’ und der makellose ‚Spiegel der Gerechtigkeit’ sein sollte. Die Unfehlbarkeit des Papstes aber zeigt uns die unbefleckte Reinheit und den übernatürlichen Glanz der Wahrheit der Cathedra des hl. Petrus, welche, weil ihr Inhaber zum Stellvertreter des Sohnes Gottes, zum sichtbaren Oberhaupte seiner Kirche und zum stetigen Organ seiner Wahrheit bestellt ist, als die ‚Mutter und Lehrerin aller Kirchen’ sich in ihrer Lehre, ebenso wie die selige Jungfrau in ihrem ganzen Leben, als unentweihten ,Sitz der Weisheit’ und den makellosen ‚Spiegel der Gerechtigkeit’ offenbaren, und als das Haupt der Kirche, der Braut Christi, in ihrer Lehre, durch welche sie die Glaubensreinheit des ganzen Volkes Gottes bewirkt, so beschaffen sein muß, wie der Apostel die Braut Christi selbst haben will: „ohne Makel und ohne Runzel oder etwas dergleichen“ — und das aus demselben Grunde, aus welchem die Kirche in ihrem Priestertum, in welchem sie als Mutter und Spenderin der Gnade auftritt und im hochheiligen Altarsakramente ihr Haupt in geheimnisvoller Weise wiedergebiert, trotz aller Sünden und Mängel ihrer Diener ihren vom Hl. Geist befruchteten Schoß stets unbefleckt bewahrt.

Es bedarf nur der treffenden Formulierung beider Dogmen, um den Gedanken nahezulegen, daß die Aufeinanderfolge beider Definitionen (1854 und 1870) keine bloß äußerliche und zufällige, sondern durch einen wirklichen Zusammenhang bedingt ist. Dieser Zusammenhang besteht aber wieder nicht allein in dem Umstand, daß die in der zweiten Definition ausgesprochene Verherrlichung des Hl. Stuhles der durch die Fürbitte der heiligen Jungfrau vermittelte Lohn für die durch denselben Hl. Stuhl ihr zuteil gewordene Verherrlichung sein soll; er beschränkt sich auch nicht darauf, daß bei der einen Definition der Hl. Stuhl sein höchstes und unfehlbares Richteramt bereits in glänzender Weise ausgeübt und erprobt hatte, ehe es in der zweiten Definition förmlich erklärt wurde, oder daß in beiden Fällen eine praktisch zwar längst allgemein anerkannte, aber theoretisch vielfach verdunkelte und bestrittene Glaubenswahrheit in ihr volles Licht gestellt wurde. Der Zusammenhang geht viel tiefer, er liegt in der innigen Verwandtschaft beider Lehren und ihrer darauf beruhenden beiderseitigen großartigen Bedeutung für unsere Zeit.

Die gläubigen Katholiken haben das nicht überall gefühlt; sie, die mit so ungeteilter Begeisterung die Definition der Unbefleckten Empfängnis aufgenommen, haben vielfach nicht geahnt, daß es sich bei der zweiten Definition um dieselben Grundsätze und Interessen handle, wie bei der ersten; sie sahen nicht einmal, daß die Gegner des neuen Dogmas zum Teil dieselben waren wie die des ersten, daß mit denselben Waffen damals gegen dieses wie jetzt gegen jenes gekämpft wurde; sie hatten vergessen, daß damals wie jetzt der Rationalismus und Liberalismus unter der Maske des Glaubenseifers, je weniger er selbst auf den alten Glauben und das Dogma von der Erbsünde hielt, ein desto lauteres Geschrei erhob über Erfindung und Fabrikation neuer Dogmen, über die Preisgabe der alten Glaubensregel, über den Umsturz der alten Kirchenlehre von der Allgemeinheit der Erbsünde, über Vergötterung einer bloßen Kreatur durch Beilegung göttlicher Attribute usw. Sie hatten es vergessen, obgleich manche der Gegner der Definition bald offen, bald versteckt auf die frühere Definition eifersüchtige oder ingrimmige Seitenblicke warfen und in dieser die überschwengliche und despotische Dogmenfabrikation, die im (I.) Vatikanischen Konzil gekrönt werden solle, angebahnt sahen. So kam es, daß man bei uns in Deutschland vor der zweiten Definition kaum schüchtern den Wunsch, die eine Lehre mit der andern in gleiches Licht gestellt zu sehen, aussprechen konnte, ohne selbst bei solchen, die früher die Definition der Unbefleckten Empfängnis herbeigewünscht oder doch mit Jubel begrüßt hatten, wegen extremer, neuerungssüchtiger Tendenzen in Verruf zu kommen. Jetzt aber, nachdem die zweite Definition stattgefunden, wird jedes katholische Herz mit uns in Freude und Bewunderung die über der Kirche waltende Hand Gottes bewundern, welche diese beiden Wahrheiten am Himmel des 19. Jahrhunderts als segensvolle und trostreiche Sterne im hellsten Licht erstrahlen läßt: die ohne Fehl empfangene Jungfrau als den Stern der Gnade, den Morgenstern, welcher der im Fleische erscheinenden Sonne der Gnade vorausgegangen ist, und, den in seine Herrlichkeit eingegangenen Heiland begleitend, vom Himmel her uns aus der Nacht dieses Lebens zum Tag der Ewigkeit geleitet; und die unfehlbare Cathedra des Stellvertreters Christi als den Abendstern, auf dem die von der Erde scheidende Sonne der ewigen Wahrheit ihr Licht zurückgelassen hat, damit die Welt nicht wieder in die Finsternis des Heidentums zurückfiele.

Sollte es blinder Zufall oder gar kleinliches Menschenwerk sein, daß gerade jetzt, wo die Hölle mehr denn je systematisch das Licht Christi aus der Welt verdrängen und die Macht des alten Heidentums zurückbringen will, jene beiden Sterne, die beide von Christus, der Sonne der Gnade und der Wahrheit, ihr Licht empfangen, um es in milden, unserem irdischen Auge zusagenden Strahlen in die Nacht dieser Welt zu ergießen, zugleich in ihren vollen Glanz gestellt wurden? Wahr ist, daß manche fromme Seele und tiefer blickende Geister längst die doppelte Definition als ein großes Heilmittel für die kranke Zeit herbeigewünscht und befürwortet haben; wahr ist desgleichen, daß Pius IX. sogleich vom Anfang seines Pontifikates an sein Augenmerk auf die volle Klarstellung und Geltendmachung beider Wahrheiten gerichtet hat; aber eben diese Wünsche und Bestrebungen waren das Werk des die Kirche leitenden Geistes Gottes, und der Papst selbst beeilte sich bei der Durchführung seiner Absicht so wenig, daß namentlich die zweite Definition erst zu einer Stunde stattfand, die er menschlicher Weise nicht zu erleben hoffen durfte, und daß sie durch eine so seltsame Komplikation von Umständen ermöglicht und zugleich unabweislich gemacht wurde, wie ebenfalls kein menschlicher Scharfblick es voraussehen konnte.

Fassen wir das Licht der beiden Sterne näher ins Auge, welches sie sowohl wechselseitig übereinander, als auch über die übrigen Gestirne des christlichen Himmels verbreiten und segenbringend in die Nacht unseres Jahrhunderts hineinleuchten lassen: Im allgemeinen können wir sagen, daß beide Dogmen die Übernatürlichkeit des Christentums in lebendiger kraftvoller Wirklichkeit und Wirksamkeit uns vor Augen führen, und daß deshalb beide, wie sie den äußersten Haß der Hölle auf sich laden und den schroffsten Widerstand von Seiten des rationalistischen, naturalistischen und liberalistischen Geistes der modernen Welt begegnen, so auch von den wahren Freunden des Christentums als die Devise betrachtet werden müssen, unter welcher sie die Hölle und den Geist der Welt besiegen werden.

Die Hölle haßt in der unbefleckt empfangenen Jungfrau das unbesiegte Weib, das nach der Prophezeiung des Urevangeliums in Gemeinschaft mit seinem Samen in ewiger Feindschaft ihr gegenübersteht und der alten Schlange den Kopf zertritt; in der Unfehlbarkeit des Hl. Stuhles aber haßt und verfolgt die Hölle die unüberwindliche Macht, welche nach der Verheißung des Heilands die Kirche allen Angriffen der Hölle gegenüber aufrecht erhält und allen von der Hölle ausgesetzten Häresien den Kopf zertritt. Der Geist der Welt, der, wenn schon nicht offener Feind des Christentums, so doch durch dessen übernatürliche Ideen und Ansprüche nicht in der Selbstgenügsamkeit seiner Natur, seiner Vernunft und Freiheit gestört sein will und alles nur nach dem Maßstab der letzteren mißt, mag den übernatürlichen Adel der hl. Jungfrau und die Unfehlbarkeit des Hl. Stuhles als Idole frommer Schwärmerei zwar dulden, er entsetzt sich aber unwillkürlich vor der dogmatischen Feststellung und kraftvollen Durchführung beider Lehren, weil er instinktmäßig fühlt, daß vor dem Glanz der übernatürlichen Makellosigkeit und Herrlichkeit der Jungfrau ebenso wie vor der übernatürlichen Irrtumslosigkeit und Majestät des Stuhles der Wahrheit alle Träume von absoluter Selbstherrlichkeit der Natur und der natürlichen Weisheit und Freiheit in eitlen Dunst sich auflösen. Da dieser naturalistische Geist aber auch viele sonst wohlgesinnte Katholiken angesteckt hat, wie das (I. Vat.) Konzil in der Einleitung der ersten Konstitution selbst sagt, da derselbe in Deutschland in manchen theologischen Schulen seit langem sich festgesetzt hat und, wie sehr auch durch die Reaktion des kirchlichen Sinnes zurückgedrängt, nicht mit der Wurzel ausgerottet worden ist, so ist aus ihm auch die Antipathie zu erklären, welcher beide Dogmen nirgendwo mehr als in Deutschland begegnet sind. Der wahrhaft Gläubige und in seinem Glauben erleuchtete Christ aber, der in Christus den wahren Gottmenschen, den Gründer und das Haupt eines übernatürlichen Reiches und den Spender übernatürlicher Gnade und Wahrheit verehrt und diese Idee in ihrer ganzen Kraft und Reinheit verfolgt, sieht in der unbefleckt empfangenen Jungfrau und dem unfehlbaren Lehrstuhl Petri mit Freude die kostbaren unbeweglichen Grundsteine des übernatürlichen Reiches Christi und die kostbaren Unterpfänder seiner Gnade und Wahrheit spendenden Allmacht, die schönsten Trophäen seines Sieges über Hölle und Welt, Trophäen, die ihrerseits wieder als siegreiche Waffen unablässig sich bewähren werden, solange der Kampf mit der Hölle und der Welt fortdauern soll.“

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