Die Kirche und ihre Tradition

Wenn man auf die sog. Bewegung der Tradition schaut, so kann man nur mit größter Sorge erfüllt werden, denn der stillschweigend oder von manchen auch lauthals und sich vordrängend erhobene Anspruch, „die Tradition“ weiterzuführen, stimmt immer weniger mit der Wirklichkeit überein. Die allermeisten Traditionalisten sind unmerklich zu Ideologen geworden. Der Grund für diese erschreckende Entwicklung ist eine ganz spezielle Versuchung, in die der Traditionalist angesichts der kirchenpolitischen Tatsachen gerät, die Versuchung, Kirche und Tradition nicht nur zu unterscheiden, sondern beides zu trennen – und sodann sogar noch aufzuteilen, d.h. verschiedenen „Gruppen“ zuzuordnen. Ein Beispiel für dieses schon mehr als bedenkliche Verfahren gab kürzlich der Generalobere der Piusbrüder (eine inzwischen von den Medien übernommene Selbstbezeichnung dieser Gruppe von Traditionalisten), Mgr. Bernard Fellay, der meinte einen neuen Rosenkranzkreuzzug mit folgender Intention verkünden zu müssen: „Pour le retour de la Tradition dans l’Eglise“ (so im französischen Original auf der offiziellen „Pius“-Homepage „DICI“ zu lesen), also eigentlich „für die Rückkehr der Tradition in die Kirche“.

Für einen Katholiken ist das nun wirklich eine etwas eigenartige Gebetsmeinung, denn wenn die Tradition in die Kirche zurückkehren soll, dann ist offensichtlich, wenn die Wörter noch ihren Sinn haben sollen – was man bei Modernisten ja niemals sicher weiß und vielleicht auch inzwischen bei Traditionalisten nicht mehr ohne weiteres voraussetzen darf – dann ist also nach der Ansicht Mgr. Fellays merkwürdigerweise die Tradition ohne Kirche und die Kirche ohne Tradition. Es stellt sich nun freilich für einen Katholiken sofort die Frage: Welche Tradition und welche Kirche meint denn der Generalobere der Piusbrüder, damit dieser Satz im Rahmen der katholischen Theologie überhaupt noch irgendeinen vernünftigen Sinn haben kann?

Offensichtlich sind auch die eigenen Mitbrüder ob der Wortwahl ihres Generaloberen unsicher geworden und ins Grübeln gekommen, denn während auf der deutschen „Pius“- Website übersetzt wurde „für die Rückkehr der Tradition in der Kirche”, übersetzte man auf den englischsprachigen „Pius“-Seiten interpretierend oder auch korrigierend: „For the return to Tradition within the Church“, also „für die Rückkehr zur Tradition in der Kirche“. Auch auf der französischen Seite sah man sich ebenfalls genötigt nachzubessern, man übersetzte jetzt: „Pour le retour à la Tradition dans l’Eglise – für die Rückkehr zur Tradition in der Kirche“, wohingegen die polnische und namentlich die südamerikanische Variante sich dann so anhörten: „Für die Anerkennung der Rechte der Tradition in der Kirche“ bzw. sogar „Für die Rückkehr Roms zur Tradition“. Nach so mühsamer „Übersetzungs“arbeit der Mitbrüder auf der ganzen Welt sah sich auch der deutsche Distrikt genötigt, seine allzu wörtliche Übersetzung wie folgt zu kommentieren: „Die zweite Intention des Rosenkranzkreuzzuges wurde in der deutschen Übersetzung von manchen missverstanden. Gemeint ist: Wir beten dafür, daß die katholische Tradition wieder überall in der Kirche zu ihrem vollen Recht kommt, an erster Stelle in Rom, weil es keine Erneuerung der Kirche geben kann, es sei denn von ihrem Haupte aus. Dies ergibt sich aus der hierarchischen Einsetzung der Kirche durch unseren Herrn Jesus Christus.“

Abgesehen davon, daß auch diese Erklärung des deutschen Distrikts auf beiden Seiten hinkt und alle korrigierenden Übersetzungsbemühungen den ursprünglichen Sinn nicht ganz vertuschen können (übrigens ein recht schönes Bild unserer deutschen Sprache: man sieht direkt, wie die hochwürdigen Herren über den Satz gebeugt sind und die Wörter vertuschen, also mit Tusche überschreiben, um den wahren Sinn zu überdecken), wurde die angegebene Gebetsintention des Generaloberen der Piusbrüder wirklich von manchen mißverstanden? Daß der Generalobere der Piusbrüder nicht gerade die Gabe des klaren Wortes besitzt, das sei an dieser Stelle durchaus zugestanden, mußten doch in den vergangenen Jahren schon öfters seine Worte im Nachhinein vom Generalhaus nachgedeutet oder nachgebessert werden, aber hat er diesmal wirklich etwas anderes gemeint, als er gesagt, ja geschrieben hat? Nun nehme ich doch zugunsten des Generaloberen der Piusbrüder an, daß er, wenn er eine Gebetsmeinung formuliert, die sodann weltweit öffentlich bekanntgegeben wird und in der alle Anhänger seiner Gemeinschaft beten sollen und beten werden, sich auch vorher entsprechend gründlich darüber Gedanken gemacht hat, wofür er denn eigentlich auf der ganzen Welt öffentlich Millionen von Rosenkränzen beten lassen möchte. Deswegen nehmen wir seine Worte so ernst, wie er sie geschrieben hat und fragen uns: Wie ist das nun mit der Rückkehr der Tradition in die Kirche? Was meint Mgr. Fellay damit?

Die Kirche und ihre Tradition

Bei den Traditionalisten wurde im Laufe dieser Krisenzeit schon so viel über Tradition gesprochen, daß man eigentlich annehmen sollte, diese wüßten wenigstens, worüber sie reden. Das scheint aber genau betrachtet durchaus nur für einen geringen Teil derselben der Fall zu sein. Sobald man sorgfältiger nachforscht, ist man recht erstaunt darüber, daß die meisten Traditionalisten eine Tradition verteidigen, die mehr als zweifelhaft ist.

Wie ist das aber mit Ihnen, verehrter Leser? Wissen Sie so genau, was „Tradition“ eigentlich ist, und zwar genau und auf den Punkt gebracht ist? Da sich sicherlich begründete Zweifel anmelden lassen, ob alle Leser die Tradition wirklich kennen, wollen wir zunächst einmal den Begriff klären, bevor wir in unserer Untersuchung über den unreflektiert gemeinten Sinn der Gebetsmeinung von Mgr. Fellay fortfahren. Damit uns das auch richtig gelingen kann, nehmen wir am besten keinen Text von irgendwelchen Traditionalisten zur Hand, sondern ein solides Handbuch über den katholischen Glauben, wie etwa die Dogmatik von J.B. Heinrich aus dem Jahre 1882. Dort kann man im zweiten Band über das „Wesen der göttlichen Tradition“ folgendes lesen:

„Die traditio divina (=göttliche Tradition) im objektiven Sinne ist nichts Anderes, als das unter dem Beistande und Einflusse Christi und seines Heiligen Geistes durch das authentische Zeugnis und die autoritative, öffentliche und unfehlbare Lehrverkündigung des apostolischen Lehramtes, und den daraus gegründeten einmütigen, offenkundigen und göttlichen Glauben der katholischen Christenheit, von den Aposteln her allezeit in der katholischen Kirche unversehrt, unverfälscht und in seinem richtigen Verständnisse bewahrte christliche Glaubens-Depositum. Im activen Sinne aber ist sie eben die gesamte von Christus durch den Heiligen Geist getragene Lehr- und Glaubenstätigkeit der Kirche, wodurch das apostolische Glaubens-Depositum in der angegebenen Weise bewahrt und überliefert wird.“

Vielleicht sind Sie, wenn Sie den Satz von Mgr. Fellay noch im Ohr haben, überrascht, was sie hier für eine Auskunft darüber erhalten, was denn nun Tradition, genau und auf den Punkt gebracht, eigentlich ist: Die traditio divina (=göttliche Tradition) im objektiven Sinne ist nichts Anderes, als das unter dem Beistande und Einflusse Christi und seines Heiligen Geistes durch das authentische Zeugnis und die autoritative, öffentliche und unfehlbare Lehrverkündigung des apostolischen Lehramtes, und den daraus gegründeten einmütigen, offenkundigen und göttlichen Glauben der katholischen Christenheit, von den Aposteln her allezeit in der katholischen Kirche unversehrt, unverfälscht und in seinem richtigen Verständnisse bewahrte christliche Glaubens-Depositum. Es gibt also gar keine Tradition ohne Kirche, ohne das authentische Zeugnis und die autoritative, öffentliche und unfehlbare Lehrverkündigung des apostolischen Lehramtes. Allein durch das Lehramt der hl. Kirche weiß ich, was wirklich Tradition ist. Das ist eine ganz grundlegende Einsicht, die eigentlich jedem Katholiken präsent sein sollte, weil sie zum Grundwissen jedes Katholiken gehört. Die göttliche Tradition, die nichts anders ist als unser Glaube, kommt immer zu uns durch die hl. Kirche. Es gibt niemals eine Tradition ohne Kirche, ohne lebendiges Lehramt, da dieses die nächste Norm unseres Glaubens ist. Und es gibt natürlich ebenso keine Kirche ohne Tradition.

Viele Traditionalisten haben sich schon so sehr daran gewöhnt, die Tradition von der „Kirche“ (d.i. für sie die Amtskirche, Konzilskirche oder auch „Rom“, was immer sie auch darunter verstehen mögen) loszulösen und zu isolieren, daß ihnen dieser wesentliche und notwendige Zusammenhang zwischen Tradition und Kirche offensichtlich in keiner Weise mehr wichtig erscheint. Schließlich sind sie seit Jahrzehnten gezwungen gewesen, ihre Tradition gegen diese postkonziliare „Kirche“ zu verteidigen. Sie müssen sich inzwischen also schon seit mehr als 50 Jahren gegen die Modernisten und ihre Konzilskirche zur Wehr setzen, damit sie nicht in die Irrlehren des Modernismus hineingezogen werden. Darum meinen viele von ihnen, die „Tradition“ wäre bei ihnen, wohingegen die „Kirche“ in Rom ist. Dabei geben sich nur noch die allerwenigsten darüber Rechenschaft, welche „Tradition“ denn nun bei ihnen ist und welche „Kirche“ in Rom? Vor allem die Piusbrüder haben diesen Gegensatz in letzter Zeit dadurch auf die Spitze getrieben, daß sie die Konzilskirche ausdrücklich und sehr nachdrücklich mit der katholischen Kirche identifizierten und zugleich sagten, man müsse diese „Kirche“ bekehren, weil sie modernistisch sei. Wenn das so ist, wenn die „Kirche“ sich bekehren muß, kommt man natürlich nicht mehr darum herum, die „Tradition“ von dieser „Kirche“ zu unterscheiden, ja ihr entgegenzusetzen. Theologisch gerät man damit freilich in eine Sackgasse, aus der man so leicht nicht mehr herausfindet. Aber es ist ja nicht mehr die einzige theologische Sackgasse dieser Art von Tradis, da kommt es auf eine mehr oder weniger auch nicht mehr an – so ist man fast geneigt zu denken.

Der Dogmatiker Heinrich, der Gott sei Dank seine Theologie nicht in Ecône oder Zaitzkofen studiert hat, sagt uns: Im activen Sinne aber ist sie eben die gesamte von Christus durch den Heiligen Geist getragene Lehr- und Glaubenstätigkeit der Kirche, wodurch das apostolische Glaubens-Depositum in der angegebenen Weise bewahrt und überliefert wird. Ohne Lehr- und Glaubenstätigkeit der Kirche gibt es somit überhaupt keine gesicherte Tradition, denn nur durch diese kann sie in der Zeit treu bewahrt und überliefert werden. Man spricht deswegen auch von einer lebendigen Tradition im Gegensatz zur toten Tradition, die nur in den Büchern steht. Etwas anders und unserem Thema entsprechend formuliert: Nicht die Tradition kommt zur Kirche hinzu, sondern die Tradition kommt wesentlich und immer und nur aus der Kirche und zwar durch die gesamte von Christus durch den Heiligen Geist getragene Lehr- und Glaubenstätigkeit der Kirche.

Eine von der Kirche losgelöste Tradition ist selbstredend keine Tradition der Kirche mehr – was aber ist sie dann? Nun, eine solche Tradition ist etwa eine Tradition von Ecône, eine Tradition der Piusbrüder. Mgr. Fellay bildet sich also wirklich allen Ernstes ein – und das ist das, was er wirklich mit seiner Gebetsmeinung sagen will, weil es ganz seiner Theologie, seinem Glauben entspricht – dadurch, daß er seine Piusbrüder-Tradition der modernistischen Konzilskirche zurückbringt, wird diese „Kirche“ wieder bekehrt und dadurch wieder katholisch! Und genau das denkt und meint inzwischen sicher auch der allergrößte Teil der Anhänger dieser Gemeinschaft.

Durch die seit Jahrzehnten unterschwellig gelehrte und de facto schon von Anfang an praktizierte Aufteilung von Tradition und Kirche und die nachfolgende Zuordnung der „Tradition“ zur FSSPX und der „Kirche“ zur Konzilskirche, ist diese Schlußfolgerung letztlich unausweichlich. Aus demselben Grund glaubt auch Mgr. Fellay inzwischen irriger Weise an eine kranke Kirche, an eine Kirche, die in einem erbärmlichen Zustand ist usw. (vgl. unseren Beitrag Monster Church II). Es ist durchaus einsichtig, daß man der „Kirche“ Mgr. Fellays die Tradition zurückbringen muß – nur ist weder diese „Kirche“ noch diese „Tradition“ katholisch und beides zusammen gibt sicherlich auch nicht die katholische Kirche, sondern wiederum nur eine Monsterkirche, also ein monströses Ungetüm. Diese hat mit der wahren Kirche Jesu Christi nun wirklich gar nichts mehr gemein.

Die Traditionalisten hätten sich derartige Irrwege ersparen können, wenn sie ein Sprichwort berücksichtigt hätten, das in einer solchen Situation immer bedenkenswert ist: Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Und das ist in der Tat wahr! Die neuesten Erkenntnisse der heutigen Irrlehrer sind die alten Irrtümer der früheren Häretiker. Hätten die Piusbrüder, voran ihr Generaloberer, in der oben schon erwähnten Dogmatik von J.B. Heinrich nachgelesen, so wären sie auf folgenden Paragraphen gestoßen: „Verhältnis der Tradition zum Lehramt. Irrige Meinungen“. Und hier hätten sie sicher ganz erstaunt folgendes lesen können:

II. Die tiefste und folgenschwerste Irrlehre liegt in dieser Beziehung darin, wenn man, wie die Jansenisten und in noch größerem Umfange die neuesten Häretiker (es sind die Altkatholiken gemeint) taten, zwar die Tradition und sie ganz vorzugsweise als Quelle des Glaubens anerkennt, aber das kirchliche Lehramt als den unfehlbaren Träger und Interpreten dieser Tradition praktisch und theoretisch leugnet, indem man sich selbst oder „der Wissenschaft“ das Recht zuschreibt, Dasjenige, was man durch eigene Forschung in der Tradition gefunden zu haben meint, unbekümmert um die Entscheidungen des kirchlichen Lehramtes festzuhalten.

Genau diese, von Heinrich beschriebene tiefste und folgenschwerste Irrlehre, hat sich die Mehrzahl der Traditionalisten zueigen gemacht, sie verteidigen das, was sie „Tradition“ nennen gegen das, was sie „Kirche“ nennen. Sie anerkennen zwar die Tradition und sie ganz vorzugsweise als Quelle des Glaubens …, aber das kirchliche Lehramt als den unfehlbaren Träger und Interpreten dieser Tradition leugnen sie praktisch und theoretisch. Dabei entschuldigen sie sich für diese Ungeheuerlichkeit gewöhnlich mit einem Hinweis auf den Notstand in der Kirche und seine Folgen. Ihr ständig wiederholtes Alibi ist: Wir gehorchen dem Papst im Rahmen seiner Unfehlbarkeit, solange er aber nicht unfehlbar spricht, kann er sich irren und deswegen nehmen wir in all diesen Fällen die Tradition als Norm seiner nicht unfehlbaren Akte. Da sie zudem die Unfehlbarkeit ausschließlich auf die außerordentlichen Akte des Lehramtes einschränkt haben und wenigstens in der Praxis (manche inzwischen auch in der Theorie) das ordentliche Lehramt ganz leugnen, ist für sie in Wirklichkeit der Papst nur höchstens alle 100 Jahre einmal unfehlbar, weshalb sie in der Tat ihre Tradition durchweg, konkret gesagt seit 1950 immer, selbst bestimmen und selbst interpretieren. Ihre Tradition kommt also durchaus nicht mehr vom lebendigen Lehramt, sondern sie machen sich ihre Tradition unbekümmert um die Entscheidungen des kirchlichen Lehramtes selbst.

Hören wir nun, wie J.B. Heinrich ein derartiges Verhalten beurteilt:

Es ist dieses, wie sofort einleuchtet, die Übertragung des protestantischen Prinzips der freien Forschung von der heiligen Schrift auf die Tradition. Man erkennt dann zwar an, daß die heilige Schrift einer Beglaubigung, Erklärung und Ergänzung durch die Tradition bedürfe; aber die Entscheidung darüber, was echte Tradition und was ihr Sinn sei, maßt man in letzter Instanz sich selber an.

Einem Großteil der Traditionalisten ist dieses protestantische Prinzip der freien Forschung so sehr in Fleisch und Blut übergegangen, daß sie gegen alle Einwände resistent und letztlich unbelehrbar geworden sind. Sie maßen sich die Entscheidung darüber, was echte Tradition und was ihr Sinn sei, so selbstverständlich, gewohnheitsmäßig und gegenüber ihrem als legitim anerkannten Lehramt so besserwisserisch an, daß sie ihre vermeintliche Einsicht in keiner Weise mehr in Frage stellen lassen und irgendwann wohl auch nicht mehr können, weil sie ganz zur Sekte geworden sind. Ein weiterer Grund für diese gefährliche Selbsttäuschung ist das unreflektierte Fehlurteil: Der Katholik meint, jeder Katholik wisse einfach von sich aus, was Tradition sei, also was katholisch sei.

Diese Überzeugung ist nicht schlichtweg falsch. Sie hat jedoch eine Bedingung, denn sie stammt aus Zeiten, in denen das ordentliche Lehramt noch ordentlich gelehrt hat. Natürlich wußte jeder Katholik immer, was katholisch ist, denn er brauchte sich nur an das Lehramt der Kirche halten, das doch früher oder später auftretende Frage, Schwierigkeiten, Irrtümer immer geklärt hat. Daß diese notwendige Hilfe des ordentlichen Lehramts heute wegfällt, wird von den meisten Traditionalisten deswegen gar nicht wahrgenommen, weil sie die Unfehlbarkeit des Lehramtes, wie wir gesehen haben, gedanklich schon soweit reduziert haben, daß sie nur noch eine Ausnahme von der Ausnahme in der Lehrtätigkeit der Kirche ist und somit für sie keinerlei praktische Bedeutung mehr hat. Meistens, so denken diese Traditionalisten unreflektiert, mußte der Katholik schon immer selber entscheiden, was katholisch ist und was nicht (sprach doch das Lehramt immer nur alle 100 Jahre einmal unfehlbar zu ihnen). Und wenn dennoch einmal Zweifel aufkommen sollten, 100 Jahre sind schließlich eine ganz schön lange Zeit, was nun wirklich die richtige Tradition ist, dann müsse man nur nachlesen, wir haben ja noch die Tradition in den vielen Schriften der Vergangenheit. Sie vergessen dabei ganz, daß diese Tradition einen großen Nachteil hat, sie ist nicht ohne weiteres einfach die Tradition der Kirche, denn das, was in den Büchern steht, interpretiert sich nicht selbst – genausowenig wie die Heilige Schrift. Ohne Lehramt der Kirche weiß der Katholik genausowenig, was der wahre Sinn der Tradition ist, wie der Protestant ohne Lehramt den wahren Sinn der Heiligen Schrift kennt: Es ist dieses, wie sofort einleuchtet, die Übertragung des protestantischen Prinzips der freien Forschung von der heiligen Schrift auf die Tradition.

Der katholische Dogmatiker J.B. Heinrich urteilt über dieses Vorgehen so: Es liegt auf der Hand, daß dadurch die kirchliche Autorität, die Objektivität der Glaubensregel, die Glaubenseinheit und das Wesen des Glaubens selbst gänzlich zerstört und das eigene Ermessen an die Stelle der göttlichen Autorität gesetzt wird. So ist es in der Tat! Weil aber dennoch der Eindruck, es wäre doch immerhin möglich, aus der Tradition, die in den Büchern steht, den katholischen Glauben herauszulesen, so stark ist, daß er nicht einfach ignoriert werden kann, durchleuchtet J.B. Heinrich auch dieses Schein-Argument noch bis auf den Grund:

Aber ist nicht doch, wenn man wenigstens neben der heiligen Schrift die Tradition als Regulativ der individuellen Schriftauslegung anerkennt, eine gewisse Garantie für die Wahrheit und Einheit der Lehre gegeben, wie sie im Protestantismus nicht vorhanden ist?
Die Sache hat zwei Seiten.
Gewiß sind die Zeugnisse der Tradition so zahlreich und klar, daß dadurch der wahre Sinn der heiligen Schrift und die gesamte katholische Lehre für jeden, der redlich nach der Wahrheit forscht, mit großer Sicherheit und Klarheit festgestellt wird. In dieser Beziehung sagen die Väter und in specie Vincenz von Lerin, daß ein jeder die wahre Lehre aus der Überlieferung der Kirche, wie sie in den Vätern bezeugt ist, entnehmen könne. Dadurch erklären sie aber den Einzelnen nicht für unabhängig vom kirchlichen Lehramte, sondern setzten überall voraus, daß der Einzelne nicht nur in Gemeinschaft mit der Kirche stehe, sondern auch bezüglich der Auslegung der Tradition sich jederzeit der Entscheidung des gegenwärtigen und lebendigen Lehramtes der Kirche unterwerfe, wie sie dieses überall, wo Gelegenheit dazu war, auf’s nachdrücklichste hervorheben und fordern. Wenn man dagegen, um seine eigene Meinung im Widerspruch mit den Entscheidungen des kirchlichen Lehramtes festzuhalten, sich anmaßt, die Geltung und den Sinn der Überlieferung nach eigenem Ermessen auszulegen, so bietet offenbar eine solche Behandlung der Überlieferung der Willkür, dem Irrtum und der Sophistik einen noch größeren und gefährlicheren Spielraum und führt zu noch verderblicheren Konsequenzen, als das protestantische Schriftprinzip, wie aus den folgenden Andeutungen sich ergeben wird.
Die heilige Schrift, wie umfangreich und zum Teil schwierig ihr Verständnis auch sei, und welche Gefahren ihrer Mißdeutung ohne eine unfehlbare Richtschnur auch nahe liegen, ist dennoch weder dem Umfang noch an Schwierigkeit, noch an Gefahren und Vorwänden häretischer Mißdeutung mit jenem unermeßlichen Material zu vergleichen, woraus die Quellen der Tradition bestehen, welche man, unabhängig von der lebendigen Lehrautorität der Kirche, zur obersten Richtschnur des Glaubens machen möchte. Gehen wir näher in’s Einzelne.
1. Die heilige Schrift ist der im Canon abgeschlossene Komplex von Büchern; die Quellen der Tradition sind eine unermeßliche und unbegrenzte Menge von Schriften und Urkunden. Die Werke eines einzigen Kirchenvaters, wie z.B. Augustin’s, sind von einem zehn- bis zwanzigfach größeren Umfange als die heilige Schrift.
2. Die heilige Schrift ist ganz und in allen ihren Teilen Wort Gottes, frei von jeglichem Irrtume. Unter den Quellen der Tradition sind nur die definitiven Lehrentscheidungen der Kirche in ihren dispositiven Teilen von Sachen der Glaubens- und Sittenlehre unfehlbar. Bei allen übrigen Quellen der Tradition ist dies nicht der Fall. Wohl kann aus ihrem Konsens die unfehlbare Lehre der Kirche eruiert werden, daneben aber enthalten sie vieles nicht zur Lehre der Kirche Gehörendes, zum Teil Einseitiges, Unvollkommenes, selbst Irriges, was alles da, wo ein unfehlbares Lehramt fehlt, der Unwissenheit weit zahlreichere Fallstricke und der Häresie weit ausgiebigere Scheingründe darbietet, als die heilige Schrift.
3. Die heilige Schrift, obwohl sie für sich allein nicht genügt, enthält dennoch, wie wir gesehen haben, die christliche Wahrheit und die apostolische Lehre nicht nur absolut irrtumslos, sondern auch mit einer Vollständigkeit und Allseitigkeit und einer dem göttlichen Worte eigentümlichen Klarheit und Kraft, wie sie den Kirchenvätern nicht eigen ist, welche meistens nur einzelne Lehren und oftmals diese nur von der einen, den von ihnen bekämpften Irrtümern gegenüber zunächst praktischen Seite dargestellt haben. Daher hat eine einseitige Ausdeutung der Väter stets den Irrlehrern bis auf den heutigen Tag zum Beweise ihrer falschen und einseitigen Lehren ein reicheres, täuschenderes, minder leicht zu berichtigendes Material geboten, als die heilige Schrift.
4. Während der gläubige Protestant die heilige Schrift als unantastbares Wort Gottes anerkennt, sind den meisten Häretikern die Urkunden der Tradition – auch die Glaubensdekrete der allgemeinen Konzilien nicht ausgenommen – nur historische, jedoch nicht unfehlbare Zeugnisse für die zu ihrer Zeit bestehende Kirchenlehre, welche lediglich und schlechthin der Beurteilung der wissenschaftlichen Kritik unterliegen, die sie je nach ihrem Urteil annimmt oder verwirft, so daß nichts im Wege seht, die wichtigsten Urkunden der katholische Überlieferung als irrig zu verwerfen, dagegen Urkunden, welche die katholische Kirche als häretische oder schismatische verwirft, als echte katholische Zeugnisse anzunehmen.

Wer diesen Ausführungen Heinrichs aufmerksam gefolgt ist, der ist sicherlich von der naiven Vorstellung geheilt, es wäre ganz einfach und selbstverständlich für einen Katholiken zu wissen, was denn nun wirklich zur Tradition der Kirche gehört. Wohl kann aus ihrem Konsens die unfehlbare Lehre der Kirche eruiert werden, daneben aber enthalten sie vieles nicht zur Lehre der Kirche Gehörendes, zum Teil Einseitiges, Unvollkommenes, selbst Irriges, was alles da, wo ein unfehlbares Lehramt fehlt, der Unwissenheit weit zahlreichere Fallstricke und der Häresie weit ausgiebigere Scheingründe darbietet, als die heilige Schrift.

Alle Irrlehrer haben sich auf die „Tradition“ berufen, d.h. auf ihre falsche Interpretation von Tradition. Die unübersehbare Fülle der Texte, die zur schriftlichen Tradition zählen, macht es einem einzelnen Gelehrten unmöglich, ohne Hilfe des Lehramtes und damit ohne Beistand des Heiligen Geistes, die wahre Tradition zu finden. Die Gefahr einer einseitigen und willkürlichen Interpretation ist viel zu groß. Wer sich hier ausschließlich auf sein eigenes, persönliches Urteil verläßt, wird nur allzu leicht in die Irre geführt. Daher hat eine einseitige Ausdeutung der Väter stets den Irrlehrern bis auf den heutigen Tag zum Beweise ihrer falschen und einseitigen Lehren ein reicheres, täuschenderes, minder leicht zu berichtigendes Material geboten, als die heilige Schrift. Die Verblendung des Geistes kann sogar soweit gehen, daß nichts im Wege seht, die wichtigsten Urkunden der katholische Überlieferung als irrig zu verwerfen, dagegen Urkunden, welche die katholische Kirche als häretische oder schismatische verwirft, als echte katholische Zeugnisse anzunehmen. Es gibt eine Erfahrung, die einen sehr vorsichtig und nachdenklich macht: Man muß eine Unwahrheit, einen Irrtum nur oft genug wiederholen, dann glauben die meisten daran. Genauso wurden aus manchen Traditiönchen von Traditionalisten plötzlich „die Tradition“, die man womöglich auch noch der Kirche oder in die Kirche oder nach Rom zurückbringen muß. Glauben Sie immer noch, daß das wahr sein kann?!