Die Kirche und ihre Tradition

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Diese Überzeugung ist nicht schlichtweg falsch. Sie hat jedoch eine Bedingung, denn sie stammt aus Zeiten, in denen das ordentliche Lehramt noch ordentlich gelehrt hat. Natürlich wußte jeder Katholik immer, was katholisch ist, denn er brauchte sich nur an das Lehramt der Kirche halten, das doch früher oder später auftretende Frage, Schwierigkeiten, Irrtümer immer geklärt hat. Daß diese notwendige Hilfe des ordentlichen Lehramts heute wegfällt, wird von den meisten Traditionalisten deswegen gar nicht wahrgenommen, weil sie die Unfehlbarkeit des Lehramtes, wie wir gesehen haben, gedanklich schon soweit reduziert haben, daß sie nur noch eine Ausnahme von der Ausnahme in der Lehrtätigkeit der Kirche ist und somit für sie keinerlei praktische Bedeutung mehr hat. Meistens, so denken diese Traditionalisten unreflektiert, mußte der Katholik schon immer selber entscheiden, was katholisch ist und was nicht (sprach doch das Lehramt immer nur alle 100 Jahre einmal unfehlbar zu ihnen). Und wenn dennoch einmal Zweifel aufkommen sollten, 100 Jahre sind schließlich eine ganz schön lange Zeit, was nun wirklich die richtige Tradition ist, dann müsse man nur nachlesen, wir haben ja noch die Tradition in den vielen Schriften der Vergangenheit. Sie vergessen dabei ganz, daß diese Tradition einen großen Nachteil hat, sie ist nicht ohne weiteres einfach die Tradition der Kirche, denn das, was in den Büchern steht, interpretiert sich nicht selbst – genausowenig wie die Heilige Schrift. Ohne Lehramt der Kirche weiß der Katholik genausowenig, was der wahre Sinn der Tradition ist, wie der Protestant ohne Lehramt den wahren Sinn der Heiligen Schrift kennt: Es ist dieses, wie sofort einleuchtet, die Übertragung des protestantischen Prinzips der freien Forschung von der heiligen Schrift auf die Tradition.

Der katholische Dogmatiker J.B. Heinrich urteilt über dieses Vorgehen so: Es liegt auf der Hand, daß dadurch die kirchliche Autorität, die Objektivität der Glaubensregel, die Glaubenseinheit und das Wesen des Glaubens selbst gänzlich zerstört und das eigene Ermessen an die Stelle der göttlichen Autorität gesetzt wird. So ist es in der Tat! Weil aber dennoch der Eindruck, es wäre doch immerhin möglich, aus der Tradition, die in den Büchern steht, den katholischen Glauben herauszulesen, so stark ist, daß er nicht einfach ignoriert werden kann, durchleuchtet J.B. Heinrich auch dieses Schein-Argument noch bis auf den Grund:

Aber ist nicht doch, wenn man wenigstens neben der heiligen Schrift die Tradition als Regulativ der individuellen Schriftauslegung anerkennt, eine gewisse Garantie für die Wahrheit und Einheit der Lehre gegeben, wie sie im Protestantismus nicht vorhanden ist?
Die Sache hat zwei Seiten.
Gewiß sind die Zeugnisse der Tradition so zahlreich und klar, daß dadurch der wahre Sinn der heiligen Schrift und die gesamte katholische Lehre für jeden, der redlich nach der Wahrheit forscht, mit großer Sicherheit und Klarheit festgestellt wird. In dieser Beziehung sagen die Väter und in specie Vincenz von Lerin, daß ein jeder die wahre Lehre aus der Überlieferung der Kirche, wie sie in den Vätern bezeugt ist, entnehmen könne. Dadurch erklären sie aber den Einzelnen nicht für unabhängig vom kirchlichen Lehramte, sondern setzten überall voraus, daß der Einzelne nicht nur in Gemeinschaft mit der Kirche stehe, sondern auch bezüglich der Auslegung der Tradition sich jederzeit der Entscheidung des gegenwärtigen und lebendigen Lehramtes der Kirche unterwerfe, wie sie dieses überall, wo Gelegenheit dazu war, auf’s nachdrücklichste hervorheben und fordern. Wenn man dagegen, um seine eigene Meinung im Widerspruch mit den Entscheidungen des kirchlichen Lehramtes festzuhalten, sich anmaßt, die Geltung und den Sinn der Überlieferung nach eigenem Ermessen auszulegen, so bietet offenbar eine solche Behandlung der Überlieferung der Willkür, dem Irrtum und der Sophistik einen noch größeren und gefährlicheren Spielraum und führt zu noch verderblicheren Konsequenzen, als das protestantische Schriftprinzip, wie aus den folgenden Andeutungen sich ergeben wird.
Die heilige Schrift, wie umfangreich und zum Teil schwierig ihr Verständnis auch sei, und welche Gefahren ihrer Mißdeutung ohne eine unfehlbare Richtschnur auch nahe liegen, ist dennoch weder dem Umfang noch an Schwierigkeit, noch an Gefahren und Vorwänden häretischer Mißdeutung mit jenem unermeßlichen Material zu vergleichen, woraus die Quellen der Tradition bestehen, welche man, unabhängig von der lebendigen Lehrautorität der Kirche, zur obersten Richtschnur des Glaubens machen möchte. Gehen wir näher in’s Einzelne.
1. Die heilige Schrift ist der im Canon abgeschlossene Komplex von Büchern; die Quellen der Tradition sind eine unermeßliche und unbegrenzte Menge von Schriften und Urkunden. Die Werke eines einzigen Kirchenvaters, wie z.B. Augustin’s, sind von einem zehn- bis zwanzigfach größeren Umfange als die heilige Schrift.
2. Die heilige Schrift ist ganz und in allen ihren Teilen Wort Gottes, frei von jeglichem Irrtume. Unter den Quellen der Tradition sind nur die definitiven Lehrentscheidungen der Kirche in ihren dispositiven Teilen von Sachen der Glaubens- und Sittenlehre unfehlbar. Bei allen übrigen Quellen der Tradition ist dies nicht der Fall. Wohl kann aus ihrem Konsens die unfehlbare Lehre der Kirche eruiert werden, daneben aber enthalten sie vieles nicht zur Lehre der Kirche Gehörendes, zum Teil Einseitiges, Unvollkommenes, selbst Irriges, was alles da, wo ein unfehlbares Lehramt fehlt, der Unwissenheit weit zahlreichere Fallstricke und der Häresie weit ausgiebigere Scheingründe darbietet, als die heilige Schrift.
3. Die heilige Schrift, obwohl sie für sich allein nicht genügt, enthält dennoch, wie wir gesehen haben, die christliche Wahrheit und die apostolische Lehre nicht nur absolut irrtumslos, sondern auch mit einer Vollständigkeit und Allseitigkeit und einer dem göttlichen Worte eigentümlichen Klarheit und Kraft, wie sie den Kirchenvätern nicht eigen ist, welche meistens nur einzelne Lehren und oftmals diese nur von der einen, den von ihnen bekämpften Irrtümern gegenüber zunächst praktischen Seite dargestellt haben. Daher hat eine einseitige Ausdeutung der Väter stets den Irrlehrern bis auf den heutigen Tag zum Beweise ihrer falschen und einseitigen Lehren ein reicheres, täuschenderes, minder leicht zu berichtigendes Material geboten, als die heilige Schrift.
4. Während der gläubige Protestant die heilige Schrift als unantastbares Wort Gottes anerkennt, sind den meisten Häretikern die Urkunden der Tradition – auch die Glaubensdekrete der allgemeinen Konzilien nicht ausgenommen – nur historische, jedoch nicht unfehlbare Zeugnisse für die zu ihrer Zeit bestehende Kirchenlehre, welche lediglich und schlechthin der Beurteilung der wissenschaftlichen Kritik unterliegen, die sie je nach ihrem Urteil annimmt oder verwirft, so daß nichts im Wege seht, die wichtigsten Urkunden der katholische Überlieferung als irrig zu verwerfen, dagegen Urkunden, welche die katholische Kirche als häretische oder schismatische verwirft, als echte katholische Zeugnisse anzunehmen.

Wer diesen Ausführungen Heinrichs aufmerksam gefolgt ist, der ist sicherlich von der naiven Vorstellung geheilt, es wäre ganz einfach und selbstverständlich für einen Katholiken zu wissen, was denn nun wirklich zur Tradition der Kirche gehört. Wohl kann aus ihrem Konsens die unfehlbare Lehre der Kirche eruiert werden, daneben aber enthalten sie vieles nicht zur Lehre der Kirche Gehörendes, zum Teil Einseitiges, Unvollkommenes, selbst Irriges, was alles da, wo ein unfehlbares Lehramt fehlt, der Unwissenheit weit zahlreichere Fallstricke und der Häresie weit ausgiebigere Scheingründe darbietet, als die heilige Schrift.

Alle Irrlehrer haben sich auf die „Tradition“ berufen, d.h. auf ihre falsche Interpretation von Tradition. Die unübersehbare Fülle der Texte, die zur schriftlichen Tradition zählen, macht es einem einzelnen Gelehrten unmöglich, ohne Hilfe des Lehramtes und damit ohne Beistand des Heiligen Geistes, die wahre Tradition zu finden. Die Gefahr einer einseitigen und willkürlichen Interpretation ist viel zu groß. Wer sich hier ausschließlich auf sein eigenes, persönliches Urteil verläßt, wird nur allzu leicht in die Irre geführt. Daher hat eine einseitige Ausdeutung der Väter stets den Irrlehrern bis auf den heutigen Tag zum Beweise ihrer falschen und einseitigen Lehren ein reicheres, täuschenderes, minder leicht zu berichtigendes Material geboten, als die heilige Schrift. Die Verblendung des Geistes kann sogar soweit gehen, daß nichts im Wege seht, die wichtigsten Urkunden der katholische Überlieferung als irrig zu verwerfen, dagegen Urkunden, welche die katholische Kirche als häretische oder schismatische verwirft, als echte katholische Zeugnisse anzunehmen. Es gibt eine Erfahrung, die einen sehr vorsichtig und nachdenklich macht: Man muß eine Unwahrheit, einen Irrtum nur oft genug wiederholen, dann glauben die meisten daran. Genauso wurden aus manchen Traditiönchen von Traditionalisten plötzlich „die Tradition“, die man womöglich auch noch der Kirche oder in die Kirche oder nach Rom zurückbringen muß. Glauben Sie immer noch, daß das wahr sein kann?!

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