Die Kirche und ihre Tradition

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Viele Traditionalisten haben sich schon so sehr daran gewöhnt, die Tradition von der „Kirche“ (d.i. für sie die Amtskirche, Konzilskirche oder auch „Rom“, was immer sie auch darunter verstehen mögen) loszulösen und zu isolieren, daß ihnen dieser wesentliche und notwendige Zusammenhang zwischen Tradition und Kirche offensichtlich in keiner Weise mehr wichtig erscheint. Schließlich sind sie seit Jahrzehnten gezwungen gewesen, ihre Tradition gegen diese postkonziliare „Kirche“ zu verteidigen. Sie müssen sich inzwischen also schon seit mehr als 50 Jahren gegen die Modernisten und ihre Konzilskirche zur Wehr setzen, damit sie nicht in die Irrlehren des Modernismus hineingezogen werden. Darum meinen viele von ihnen, die „Tradition“ wäre bei ihnen, wohingegen die „Kirche“ in Rom ist. Dabei geben sich nur noch die allerwenigsten darüber Rechenschaft, welche „Tradition“ denn nun bei ihnen ist und welche „Kirche“ in Rom? Vor allem die Piusbrüder haben diesen Gegensatz in letzter Zeit dadurch auf die Spitze getrieben, daß sie die Konzilskirche ausdrücklich und sehr nachdrücklich mit der katholischen Kirche identifizierten und zugleich sagten, man müsse diese „Kirche“ bekehren, weil sie modernistisch sei. Wenn das so ist, wenn die „Kirche“ sich bekehren muß, kommt man natürlich nicht mehr darum herum, die „Tradition“ von dieser „Kirche“ zu unterscheiden, ja ihr entgegenzusetzen. Theologisch gerät man damit freilich in eine Sackgasse, aus der man so leicht nicht mehr herausfindet. Aber es ist ja nicht mehr die einzige theologische Sackgasse dieser Art von Tradis, da kommt es auf eine mehr oder weniger auch nicht mehr an – so ist man fast geneigt zu denken.

Der Dogmatiker Heinrich, der Gott sei Dank seine Theologie nicht in Ecône oder Zaitzkofen studiert hat, sagt uns: Im activen Sinne aber ist sie eben die gesamte von Christus durch den Heiligen Geist getragene Lehr- und Glaubenstätigkeit der Kirche, wodurch das apostolische Glaubens-Depositum in der angegebenen Weise bewahrt und überliefert wird. Ohne Lehr- und Glaubenstätigkeit der Kirche gibt es somit überhaupt keine gesicherte Tradition, denn nur durch diese kann sie in der Zeit treu bewahrt und überliefert werden. Man spricht deswegen auch von einer lebendigen Tradition im Gegensatz zur toten Tradition, die nur in den Büchern steht. Etwas anders und unserem Thema entsprechend formuliert: Nicht die Tradition kommt zur Kirche hinzu, sondern die Tradition kommt wesentlich und immer und nur aus der Kirche und zwar durch die gesamte von Christus durch den Heiligen Geist getragene Lehr- und Glaubenstätigkeit der Kirche.

Eine von der Kirche losgelöste Tradition ist selbstredend keine Tradition der Kirche mehr – was aber ist sie dann? Nun, eine solche Tradition ist etwa eine Tradition von Ecône, eine Tradition der Piusbrüder. Mgr. Fellay bildet sich also wirklich allen Ernstes ein – und das ist das, was er wirklich mit seiner Gebetsmeinung sagen will, weil es ganz seiner Theologie, seinem Glauben entspricht – dadurch, daß er seine Piusbrüder-Tradition der modernistischen Konzilskirche zurückbringt, wird diese „Kirche“ wieder bekehrt und dadurch wieder katholisch! Und genau das denkt und meint inzwischen sicher auch der allergrößte Teil der Anhänger dieser Gemeinschaft.

Durch die seit Jahrzehnten unterschwellig gelehrte und de facto schon von Anfang an praktizierte Aufteilung von Tradition und Kirche und die nachfolgende Zuordnung der „Tradition“ zur FSSPX und der „Kirche“ zur Konzilskirche, ist diese Schlußfolgerung letztlich unausweichlich. Aus demselben Grund glaubt auch Mgr. Fellay inzwischen irriger Weise an eine kranke Kirche, an eine Kirche, die in einem erbärmlichen Zustand ist usw. (vgl. unseren Beitrag Monster Church II). Es ist durchaus einsichtig, daß man der „Kirche“ Mgr. Fellays die Tradition zurückbringen muß – nur ist weder diese „Kirche“ noch diese „Tradition“ katholisch und beides zusammen gibt sicherlich auch nicht die katholische Kirche, sondern wiederum nur eine Monsterkirche, also ein monströses Ungetüm. Diese hat mit der wahren Kirche Jesu Christi nun wirklich gar nichts mehr gemein.

Die Traditionalisten hätten sich derartige Irrwege ersparen können, wenn sie ein Sprichwort berücksichtigt hätten, das in einer solchen Situation immer bedenkenswert ist: Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Und das ist in der Tat wahr! Die neuesten Erkenntnisse der heutigen Irrlehrer sind die alten Irrtümer der früheren Häretiker. Hätten die Piusbrüder, voran ihr Generaloberer, in der oben schon erwähnten Dogmatik von J.B. Heinrich nachgelesen, so wären sie auf folgenden Paragraphen gestoßen: „Verhältnis der Tradition zum Lehramt. Irrige Meinungen“. Und hier hätten sie sicher ganz erstaunt folgendes lesen können:

II. Die tiefste und folgenschwerste Irrlehre liegt in dieser Beziehung darin, wenn man, wie die Jansenisten und in noch größerem Umfange die neuesten Häretiker (es sind die Altkatholiken gemeint) taten, zwar die Tradition und sie ganz vorzugsweise als Quelle des Glaubens anerkennt, aber das kirchliche Lehramt als den unfehlbaren Träger und Interpreten dieser Tradition praktisch und theoretisch leugnet, indem man sich selbst oder „der Wissenschaft“ das Recht zuschreibt, Dasjenige, was man durch eigene Forschung in der Tradition gefunden zu haben meint, unbekümmert um die Entscheidungen des kirchlichen Lehramtes festzuhalten.

Genau diese, von Heinrich beschriebene tiefste und folgenschwerste Irrlehre, hat sich die Mehrzahl der Traditionalisten zueigen gemacht, sie verteidigen das, was sie „Tradition“ nennen gegen das, was sie „Kirche“ nennen. Sie anerkennen zwar die Tradition und sie ganz vorzugsweise als Quelle des Glaubens …, aber das kirchliche Lehramt als den unfehlbaren Träger und Interpreten dieser Tradition leugnen sie praktisch und theoretisch. Dabei entschuldigen sie sich für diese Ungeheuerlichkeit gewöhnlich mit einem Hinweis auf den Notstand in der Kirche und seine Folgen. Ihr ständig wiederholtes Alibi ist: Wir gehorchen dem Papst im Rahmen seiner Unfehlbarkeit, solange er aber nicht unfehlbar spricht, kann er sich irren und deswegen nehmen wir in all diesen Fällen die Tradition als Norm seiner nicht unfehlbaren Akte. Da sie zudem die Unfehlbarkeit ausschließlich auf die außerordentlichen Akte des Lehramtes einschränkt haben und wenigstens in der Praxis (manche inzwischen auch in der Theorie) das ordentliche Lehramt ganz leugnen, ist für sie in Wirklichkeit der Papst nur höchstens alle 100 Jahre einmal unfehlbar, weshalb sie in der Tat ihre Tradition durchweg, konkret gesagt seit 1950 immer, selbst bestimmen und selbst interpretieren. Ihre Tradition kommt also durchaus nicht mehr vom lebendigen Lehramt, sondern sie machen sich ihre Tradition unbekümmert um die Entscheidungen des kirchlichen Lehramtes selbst.

Hören wir nun, wie J.B. Heinrich ein derartiges Verhalten beurteilt:

Es ist dieses, wie sofort einleuchtet, die Übertragung des protestantischen Prinzips der freien Forschung von der heiligen Schrift auf die Tradition. Man erkennt dann zwar an, daß die heilige Schrift einer Beglaubigung, Erklärung und Ergänzung durch die Tradition bedürfe; aber die Entscheidung darüber, was echte Tradition und was ihr Sinn sei, maßt man in letzter Instanz sich selber an.

Einem Großteil der Traditionalisten ist dieses protestantische Prinzip der freien Forschung so sehr in Fleisch und Blut übergegangen, daß sie gegen alle Einwände resistent und letztlich unbelehrbar geworden sind. Sie maßen sich die Entscheidung darüber, was echte Tradition und was ihr Sinn sei, so selbstverständlich, gewohnheitsmäßig und gegenüber ihrem als legitim anerkannten Lehramt so besserwisserisch an, daß sie ihre vermeintliche Einsicht in keiner Weise mehr in Frage stellen lassen und irgendwann wohl auch nicht mehr können, weil sie ganz zur Sekte geworden sind. Ein weiterer Grund für diese gefährliche Selbsttäuschung ist das unreflektierte Fehlurteil: Der Katholik meint, jeder Katholik wisse einfach von sich aus, was Tradition sei, also was katholisch sei.

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