Die Kirche und ihre Tradition

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Wenn man auf die sog. Bewegung der Tradition schaut, so kann man nur mit größter Sorge erfüllt werden, denn der stillschweigend oder von manchen auch lauthals und sich vordrängend erhobene Anspruch, „die Tradition“ weiterzuführen, stimmt immer weniger mit der Wirklichkeit überein. Die allermeisten Traditionalisten sind unmerklich zu Ideologen geworden. Der Grund für diese erschreckende Entwicklung ist eine ganz spezielle Versuchung, in die der Traditionalist angesichts der kirchenpolitischen Tatsachen gerät, die Versuchung, Kirche und Tradition nicht nur zu unterscheiden, sondern beides zu trennen – und sodann sogar noch aufzuteilen, d.h. verschiedenen „Gruppen“ zuzuordnen. Ein Beispiel für dieses schon mehr als bedenkliche Verfahren gab kürzlich der Generalobere der Piusbrüder (eine inzwischen von den Medien übernommene Selbstbezeichnung dieser Gruppe von Traditionalisten), Mgr. Bernard Fellay, der meinte einen neuen Rosenkranzkreuzzug mit folgender Intention verkünden zu müssen: „Pour le retour de la Tradition dans l’Eglise“ (so im französischen Original auf der offiziellen „Pius“-Homepage „DICI“ zu lesen), also eigentlich „für die Rückkehr der Tradition in die Kirche“.

Für einen Katholiken ist das nun wirklich eine etwas eigenartige Gebetsmeinung, denn wenn die Tradition in die Kirche zurückkehren soll, dann ist offensichtlich, wenn die Wörter noch ihren Sinn haben sollen – was man bei Modernisten ja niemals sicher weiß und vielleicht auch inzwischen bei Traditionalisten nicht mehr ohne weiteres voraussetzen darf – dann ist also nach der Ansicht Mgr. Fellays merkwürdigerweise die Tradition ohne Kirche und die Kirche ohne Tradition. Es stellt sich nun freilich für einen Katholiken sofort die Frage: Welche Tradition und welche Kirche meint denn der Generalobere der Piusbrüder, damit dieser Satz im Rahmen der katholischen Theologie überhaupt noch irgendeinen vernünftigen Sinn haben kann?

Offensichtlich sind auch die eigenen Mitbrüder ob der Wortwahl ihres Generaloberen unsicher geworden und ins Grübeln gekommen, denn während auf der deutschen „Pius“- Website übersetzt wurde „für die Rückkehr der Tradition in der Kirche”, übersetzte man auf den englischsprachigen „Pius“-Seiten interpretierend oder auch korrigierend: „For the return to Tradition within the Church“, also „für die Rückkehr zur Tradition in der Kirche“. Auch auf der französischen Seite sah man sich ebenfalls genötigt nachzubessern, man übersetzte jetzt: „Pour le retour à la Tradition dans l’Eglise – für die Rückkehr zur Tradition in der Kirche“, wohingegen die polnische und namentlich die südamerikanische Variante sich dann so anhörten: „Für die Anerkennung der Rechte der Tradition in der Kirche“ bzw. sogar „Für die Rückkehr Roms zur Tradition“. Nach so mühsamer „Übersetzungs“arbeit der Mitbrüder auf der ganzen Welt sah sich auch der deutsche Distrikt genötigt, seine allzu wörtliche Übersetzung wie folgt zu kommentieren: „Die zweite Intention des Rosenkranzkreuzzuges wurde in der deutschen Übersetzung von manchen missverstanden. Gemeint ist: Wir beten dafür, daß die katholische Tradition wieder überall in der Kirche zu ihrem vollen Recht kommt, an erster Stelle in Rom, weil es keine Erneuerung der Kirche geben kann, es sei denn von ihrem Haupte aus. Dies ergibt sich aus der hierarchischen Einsetzung der Kirche durch unseren Herrn Jesus Christus.“

Abgesehen davon, daß auch diese Erklärung des deutschen Distrikts auf beiden Seiten hinkt und alle korrigierenden Übersetzungsbemühungen den ursprünglichen Sinn nicht ganz vertuschen können (übrigens ein recht schönes Bild unserer deutschen Sprache: man sieht direkt, wie die hochwürdigen Herren über den Satz gebeugt sind und die Wörter vertuschen, also mit Tusche überschreiben, um den wahren Sinn zu überdecken), wurde die angegebene Gebetsintention des Generaloberen der Piusbrüder wirklich von manchen mißverstanden? Daß der Generalobere der Piusbrüder nicht gerade die Gabe des klaren Wortes besitzt, das sei an dieser Stelle durchaus zugestanden, mußten doch in den vergangenen Jahren schon öfters seine Worte im Nachhinein vom Generalhaus nachgedeutet oder nachgebessert werden, aber hat er diesmal wirklich etwas anderes gemeint, als er gesagt, ja geschrieben hat? Nun nehme ich doch zugunsten des Generaloberen der Piusbrüder an, daß er, wenn er eine Gebetsmeinung formuliert, die sodann weltweit öffentlich bekanntgegeben wird und in der alle Anhänger seiner Gemeinschaft beten sollen und beten werden, sich auch vorher entsprechend gründlich darüber Gedanken gemacht hat, wofür er denn eigentlich auf der ganzen Welt öffentlich Millionen von Rosenkränzen beten lassen möchte. Deswegen nehmen wir seine Worte so ernst, wie er sie geschrieben hat und fragen uns: Wie ist das nun mit der Rückkehr der Tradition in die Kirche? Was meint Mgr. Fellay damit?

Die Kirche und ihre Tradition

Bei den Traditionalisten wurde im Laufe dieser Krisenzeit schon so viel über Tradition gesprochen, daß man eigentlich annehmen sollte, diese wüßten wenigstens, worüber sie reden. Das scheint aber genau betrachtet durchaus nur für einen geringen Teil derselben der Fall zu sein. Sobald man sorgfältiger nachforscht, ist man recht erstaunt darüber, daß die meisten Traditionalisten eine Tradition verteidigen, die mehr als zweifelhaft ist.

Wie ist das aber mit Ihnen, verehrter Leser? Wissen Sie so genau, was „Tradition“ eigentlich ist, und zwar genau und auf den Punkt gebracht ist? Da sich sicherlich begründete Zweifel anmelden lassen, ob alle Leser die Tradition wirklich kennen, wollen wir zunächst einmal den Begriff klären, bevor wir in unserer Untersuchung über den unreflektiert gemeinten Sinn der Gebetsmeinung von Mgr. Fellay fortfahren. Damit uns das auch richtig gelingen kann, nehmen wir am besten keinen Text von irgendwelchen Traditionalisten zur Hand, sondern ein solides Handbuch über den katholischen Glauben, wie etwa die Dogmatik von J.B. Heinrich aus dem Jahre 1882. Dort kann man im zweiten Band über das „Wesen der göttlichen Tradition“ folgendes lesen:

„Die traditio divina (=göttliche Tradition) im objektiven Sinne ist nichts Anderes, als das unter dem Beistande und Einflusse Christi und seines Heiligen Geistes durch das authentische Zeugnis und die autoritative, öffentliche und unfehlbare Lehrverkündigung des apostolischen Lehramtes, und den daraus gegründeten einmütigen, offenkundigen und göttlichen Glauben der katholischen Christenheit, von den Aposteln her allezeit in der katholischen Kirche unversehrt, unverfälscht und in seinem richtigen Verständnisse bewahrte christliche Glaubens-Depositum. Im activen Sinne aber ist sie eben die gesamte von Christus durch den Heiligen Geist getragene Lehr- und Glaubenstätigkeit der Kirche, wodurch das apostolische Glaubens-Depositum in der angegebenen Weise bewahrt und überliefert wird.“

Vielleicht sind Sie, wenn Sie den Satz von Mgr. Fellay noch im Ohr haben, überrascht, was sie hier für eine Auskunft darüber erhalten, was denn nun Tradition, genau und auf den Punkt gebracht, eigentlich ist: Die traditio divina (=göttliche Tradition) im objektiven Sinne ist nichts Anderes, als das unter dem Beistande und Einflusse Christi und seines Heiligen Geistes durch das authentische Zeugnis und die autoritative, öffentliche und unfehlbare Lehrverkündigung des apostolischen Lehramtes, und den daraus gegründeten einmütigen, offenkundigen und göttlichen Glauben der katholischen Christenheit, von den Aposteln her allezeit in der katholischen Kirche unversehrt, unverfälscht und in seinem richtigen Verständnisse bewahrte christliche Glaubens-Depositum. Es gibt also gar keine Tradition ohne Kirche, ohne das authentische Zeugnis und die autoritative, öffentliche und unfehlbare Lehrverkündigung des apostolischen Lehramtes. Allein durch das Lehramt der hl. Kirche weiß ich, was wirklich Tradition ist. Das ist eine ganz grundlegende Einsicht, die eigentlich jedem Katholiken präsent sein sollte, weil sie zum Grundwissen jedes Katholiken gehört. Die göttliche Tradition, die nichts anders ist als unser Glaube, kommt immer zu uns durch die hl. Kirche. Es gibt niemals eine Tradition ohne Kirche, ohne lebendiges Lehramt, da dieses die nächste Norm unseres Glaubens ist. Und es gibt natürlich ebenso keine Kirche ohne Tradition.

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