Rückkehr der Tradition?

image_pdfimage_print

4. Besonders deutlich und dramatisch zeigt sich dieses Defizit in der Liturgie. Diese ist ja keine Wissenschaft, sondern eine Kunst, und daher besonders auf lebendige Tradition angewiesen. Diese Tradition ist praktisch abgerissen, und man hat sie durch etwas Künstliches ersetzt, was man nun die „Alte Messe“ oder die „Liturgie von 1962“ nennt. Letztere beruht bis zu einem gewissen Teil auf den liturgischen Büchern Johannes’ XXIII. und dem liturgisch bewegten Geist der 1940er und 1950er Jahre, ergänzt bzw. gefiltert durch einige liturgische Vorlieben und Praktiken, wie sie vor allem im französischen Sprachraum gebräuchlich waren, das Ganze künstlich überhöht durch einen superliturgistischen Anspruch. So wird sie in den Seminaren der „Tradition“ vermittelt und von unreifen jungen Priestern in die „Gemeinden“ getragen.

Daß es sich hier nicht mehr um Tradition, sondern wirklich nur noch um „Traditiönchen“ handelt, wird allein schon daran deutlich, daß man beispielsweise die Karwoche nach der Bugnini-Reform von 1955 feiert, die ganze 14 Jahre in Kraft war, während die wahre Karwoche eben über 1900 Jahre Tradition aufweisen kann. Verständlicherweise stößt oder stieß jedenfalls ein solches liturgisches Verständnis bei manchen älteren Katholiken auf einiges Befremden, und so wurde schon mancher junge Priester der „Tradition“ des Modernismus verdächtigt, weil er in einer ländlichen Kapelle in Süddeutschland die völlig ungebräuchlichen Sitten aus dem Seminar einführte, nämlich Choralmessen, Zeremoniar am Altar und militärischen Drill für die „tätige Teilnahme“ der Gläubigen durch Aufstehen, Hinsetzen etc., und das auch noch mit der unerhörten Forderung, beim „Sanctus“ und „Agnus Dei“ etwa stehen zu sollen, wo man von alters her stets gekniet ist! Umgekehrt wurden jahrhundertealte Gebräuche wie etwa die Aussetzung des Allerheiligsten am Heiligen Grab zum Skandal dieser Gläubigen einfach abgeschafft, weil sie „nicht liturgisch“ sind.

5. All das zeigt, wie sehr die „Tradition“ in diesem Bereich gerade fehlt, und das liegt nicht nur an der „konziliaren“ Modernismus-Krise, wenngleich dort die Hauptverantwortung liegt. Schuld sind aber auch vielfach die Vertreter der „Tradition“ selbst, die oftmals die Möglichkeiten, noch aus der wahren Tradition zu schöpfen, dünkelhaft ignorierten. So mancher alte Pfarrer, der noch gerne seine Kenntnisse und Erfahrungen an die jungen Priester der „Tradition“ weitergegeben hätte, wandte sich schließlich resigniert ab, weil schlicht kein Interesse daran bestand bzw. die jungen Priester meinten, umgekehrt den alten Herrn Pfarrer belehren zu müssen und zu sollen. Von Laien war man ohnehin nicht bereit, irgendetwas anzunehmen (außer Geld natürlich), denn schließlich war man ja „hochgeweiht“ und damit „Experte auf allen Gebieten“, und das bereits mit 24 oder 25 Jahren.

Dieser in Kreisen der „Tradition“ nur allzu weit verbreitete Hochmut hat viel dazu beigetragen, daß die Tradition versiegte. So blieb es bei den „Traditiönchen“, in welchen die jungen „Traditionalisten“ dann ihrerseits aufwuchsen und nun ganz unreflektiert und mit selbstbewußtester Überzeugung das als „Tradition“ weitertragen und weitergeben, was sie selbst als solche kennengelernt haben. Da die wahren Katholiken, welche noch die wahre Tradition kennen, allmählich aussterben, stört sie niemand mehr in ihrer Illusion. Daß die Tradition jedoch in Wahrheit fehlt, zeigt sich u.a. daran, daß die ehemals jungen Priester der „Tradition“ im Laufe der Jahrzehnte zwar älter werden, aber nicht reifer oder gesetzter. Sie bleiben auch mit siebzig Jahren und darüber oft noch unausgegorene Halbstarke, die einfach ihren Launen und Flausen im Kopf folgen, ohne wirklich ernsthaft nach ihren Pflichten zu fragen, wie sie sich aus dem Glauben, der Moral und dem Recht ergeben – und das selbst oder gerade dann, wenn es sich um „Obere“ handelt. So fehlt ihnen vor allem jene schönste Tugend des Alters, die Weisheit. Sie spielen „Tradition“, aber sie sind es nicht.

6. Nun aber soll diese „Tradition“ in die „Kirche“ zurückkehren. Man muß sagen, daß die Modernisten oft noch mehr Tradition haben und mehr von Tradition verstehen, als die „Traditionalisten“, zumal die alten unter ihnen, welche die Tradition noch kennen. Ein Ratzinger alias „Benedikt XVI.“ etwa hatte mit Sicherheit noch viel mehr Kenntnis von der Tradition als jene, die ihm in ihrer Hybris und Arroganz die „Tradition“ wiederbringen wollten. Die vatikanische Kommission bei den „doktrinellen Gesprächen“ mit der „Tradition“ mag sich bisweilen vorgekommen sein wie Erwachsene im Kindergarten, ja selbst der Glaubenspräfekt Levada zeigte bei seiner Korrektur der „doktrinellen Erklärung“ Mgr. Fellays weitaus mehr Traditionsbewußtsein als das selbsternannte Haupt der „Tradition“. So manches mehr oder minder modernistische Kloster schöpft wenigstens in einigen Bereichen, z.B. was das Gemeinschaftsleben betrifft, noch aus Quellen der Tradition, von welchen „traditionalistische“ Klöster nur träumen können.

7. Bekanntlich hängen Demut und Wahrheit eng zusammen. Ebenso ist es mit ihrem Gegenteil. „Dummheit und Stolz wachsen auf einem Holz“, wie das Sprichwort sagt. Vielleicht würde also etwas mehr Demut auch zu mehr Klarheit und Wahrheit führen und so den Begriffen wieder Sinn und Bedeutung geben statt sie – ganz zeitgeistgemäß – zu ideologischen Schlagworten für das jeweilige politische Interesse zu entwerten. Man würde wieder anfangen, vernünftig und katholisch zu reden statt liberalen Politikersprech von sich zu geben. Das wäre höchst wünschenswert und ein erster Schritt zurück zur wahren Tradition.

Mit freundlicher Erlaubnis vom Blog zelozelavi.wordpress.com

Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.