Rückkehr der Tradition?

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Wie ist es nun mit der Tradition in der Kirche? Die Kirche beruht ganz wesentlich auf Tradition. Sie wurde durch Unseren Herrn Jesus Christus gegründet, und alles, was sie ist und besitzt, hat sie von Ihm empfangen, wurde ihr von Ihm überliefert, „tradiert“. Der Heiland hat Jünger um sich geschart, Seine zwölf Apostel aus ihnen ausgewählt und diesen alle Seine Schätze übergeben, nämlich Seine Lehre, Seine Anweisungen und Einrichtungen, darunter vor allem die Hl. Messe und die Sakramente, Seine Gewalten und Vollmachten, namentlich die richterlichen und priesterlichen, und Er hat ihnen und ihren Nachfolgern den immerwährenden Beistand des Heiligen Geistes verliehen. Die Kirche besteht und lebt ganz aus diesem göttlichen Vermächtnis, dieser göttlichen Tradition.

Die Apostel ihrerseits haben diesen Schatz an ihre Schüler und Nachfolger weitergereicht. Sie haben ihn obendrein vermehrt und ergänzt durch einige apostolische Einrichtungen, die sie im Auftrag des Heilands und unter dem Beistand des Hl. Geistes vorgenommen haben, wie z.B. die Feier des Sonntags als des „Tags des Herrn“. Wir nennen dies die Apostolische Tradition. Die Apostelschüler und -nachfolger ihrerseits haben das Empfangene ebenfalls weitergegeben – „tradidi quod et accepi – ich habe weitergegeben, was ich auch empfangen habe“, wie schon der hl. Paulus sagt –, und so schritt die Tradition in der Kirche fort, stets unter Leitung des Hl. Geistes, der nicht zuließ, daß etwas vom Überlieferten verlorenging oder verfälscht wurde, und dafür sorgte, daß nichts hinzukam, was nicht dem besseren Schutz oder der größeren Fruchtbarkeit des Empfangenen diente. Denn natürlich mußte einiges im Laufe der Zeit genauer gefaßt, präziser geklärt, deutlicher vorgeschrieben werden etc.; wenn auch gewiß nicht in der Lehre, so doch in der Disziplin mußte manches den Zeitumständen entsprechend angepaßt und geändert werden, um das Empfangene, das „Depositum“ besser zu bewahren. Das ist die kirchliche Tradition. Der Beistand des Hl. Geistes war es, welcher dem Lehramt die unfehlbare Sicherheit gab, um stets zu klären und zu entscheiden, was zur göttlichen, apostolischen oder weiteren kirchlichen Tradition gehört oder paßt und was nicht.

Einiges wurde auch aufgeschrieben. Wir finden manches aus der göttlichen und apostolischen Tradition in der Heiligen Schrift, vieles findet sich in den Schriften der Kirchenväter, und auch aus späterer Zeit gibt es zahlreiche schriftliche Zeugnisse der beständigen Tradition in der Kirche, namentlich die lehramtlichen Dokumente der Päpste und Konzilien. Doch können all diese Schriften die Tradition nur stützen und ergänzen, nicht ersetzen, so wenig wie Schul- und Lehrbücher einen Lehrer oder Meister ersetzen können. Namentlich gilt das für den praktischen Vollzug des Christentums, für das geistliche Leben oder die Liturgie. Man lernt sie wie eine Kunst eben nicht aus Büchern, sondern von Meistern, die sie ihrerseits von Meistern gelernt haben. So trägt und prägt die Tradition die Kirche von der Wurzel über den Stamm und die Zweige und Äste bis in die kleinsten Adern jedes ihrer kleinsten Blättchen hinein. Nur aus der Tradition und in der Tradition kann die Kirche leben. Ohne Tradition kann es keine Kirche geben, und wo die Tradition wahrhaft lebt, da muß die Kirche sein. Was also soll das Gerede von einer Kirche ohne Tradition und einer Tradition ohne Kirche, oder von einer Tradition, die in der Kirche irgendwo verlorenging oder dort ihre Rechte verloren hat?

3. Doch wir haben bereits gesehen, daß nach der Lesart von Mgr. Fellay „Tradition“ mit der „Piusbruderschaft“ und ihrem Umfeld gleichzusetzen ist. Da stellt sich die Frage, wieweit diese tatsächlich mit der Tradition in Übereinstimmung sind. Ist man bereits „Tradition“, weil man „vorkonziliar“ bleibt, die Liturgie im Jahr 1962 „eingefroren“ hat, in den Seminarien Lehrbücher aus den 1950er Jahren verwendet und die Soutane bzw. das Ordensgewand trägt? Wo aber ist da die Kette der lebendigen Weitergabe vom Lehrer zum Schüler, vom Meister zum Jünger? Ein Priester stellt bedauernd fest: „Ein äußerst schwerwiegender Mangel in fast allen traditionellen Gemeinschaften ist gerade das Fehlen jener älteren Generation, welche die Tradition in der Kirche noch erlebt hat und diese daher hätte lebendig weitergeben können. So gibt es etwa in Frankreich ein Kloster, dessen junge Mannschaft seine Tradition ausschließlich aus Büchern erlernt hat, also keinen einzigen traditions- und lebenserfahrenen Mönch in den eigenen Reihen hatte und womöglich bis heute noch nicht hat.“ Er spricht daher von „Traditiönchen“, welche die eigentliche Tradition ersetzt haben.

Hier wird ein großes Problem der sog. „Tradition“ sichtbar, denn es fehlt ihr zumeist das, was Tradition gerade ausmacht: die lebendige Überlieferung. Wenn ein junger Mann sich in früheren Zeiten entschloß, Priester zu werden, dann hatte er in aller Regel schon die wichtigsten Grundlagen dafür, nämlich Glauben und Glaubenspraxis, von anderen empfangen, und zwar von seinen Eltern, Großeltern, seinen Seelsorgern usw. Man wuchs in einer Pfarrgemeinde auf, erlebte die Liturgie und das kirchliche Leben, wurde womöglich Ministrant und empfing so ganz selbstverständlich jenen katholischen Geist, welcher die unerläßliche Grundlage für das geistliche Leben und namentlich das Priestertum (oder auch den Ordensstand) ist: das „Sentire cum Ecclesia“. Wenn ein junger Mensch dann in das Seminar oder einen Orden eintrat, fand er dort gestandene und erfahrene Priester und Ordensleute, die mehr noch durch ihr Beispiel als durch ihre Lehre alles Nötige vermittelten, die Priester- und Religiosentum einfach vorlebten.

Leider sind diese gewachsenen und organischen Strukturen heute dank des unermüdlichen Wühlens des Liberalismus weitgehend weggebrochen. Wir leben in einer unnatürlichen Situation. Heutige Katholiken müssen ihre konziliar gewordenen Pfarrgemeinden verlassen und sich in mehr oder weniger bunt zusammengewürfelten „Meßzentren“ versammeln, junge Eheleute können weder von ihren religiös gleichgültigen Eltern noch von den modernistischen Großeltern mehr religiöse Traditionen für ihre eigene Familie übernehmen, den meist allzu überstürzt errichteten „katholischen Schulen“ der „Tradition“ fehlt es an gediegenen und gereiften Lehrkräften, den künstlich errichteten Klöstern an erfahrenen und reifen Ordensleuten und den Seminaren an weisen und abgeklärten Seelsorgern und gestandenen Professoren.

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