Spielzeugwelten

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1. In dem Beitrag „Das Leben ist ein Spiel“ – der nicht einfach nur gelesen, sondern sorgfältig bedacht und durchdacht werden sollte, was sich sicherlich wegen seiner Aktualität lohnt – wurde gezeigt, wie grundlegend sich das Verhalten der Menschen (oder sollte man besser sagen der zur Masse degenerierten Menschen) seit den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts verändert hat. Innerhalb weniger Jahrzehnte ist aus dem christlich abendländischen Menschen ein Spaßmensch geworden. Dabei hat diese Verspaßung der Gesellschaft weitreichendste Folgen, weil nämlich der Spaß als Ziel des Lebens das Denken und Urteilen grundlegend verändert und den Menschen, wie Dietrich von Hildebrandt es nennt, in besonderem Maße wertblind macht. Der Spaß ist kein objektiver Wert, ja er ist überhaupt kein Wert, sondern nur ein Gefühl, eine Gemütsbewegung. Als solche ist er irrational und damit seinem Wesen nach beliebig. Darum ist jemand, der nur Spaß haben will, geistig vollkommen orientierungslos und somit leicht und in jede Richtung manipulierbar. Die für den Spaßmenschen entscheidende Frage, wo denn der Spaß aufhört, ist und bleibt für ihn solange unbeantwortbar, als er nicht bereit ist, sein System zu wechseln und wiederum in die Welt der wahren Werte einzudringen.

Während des Lesens von „Das Leben ist ein Spiel“ ist mir ein weiterer, oder richtiger gesagt, ein erweiternder und konkretisierender Gedanke gekommen: Wenn das Leben nur noch ein Spiel ist, was sind dann eigentlich die Spielzeuge? Denn das ist doch wohl die unmittelbare, unausweichbare Folge, wenn das Leben nur noch ein Spiel ist: Man braucht Spielzeuge! Mit was aber spielt der moderne Mensch?

2. Des Deutschen liebstes Kind ist sein Auto, so heißt es und daran ist sicher mehr als nur ein Körnchen Wahrheit. Immerhin wurde das Auto von einem Deutschen erfunden und außerdem sind die Deutschen unter den besten Autobauern der Welt sehr gut platziert.

Das Auto ist ein sehr spieliges Spielzeug, so kann man sagen. Das will heißen, man kann das ganze Leben damit spielen, ohne kindisch zu wirken. Zudem gibt es verschiedene Spielvarianten, die das Spiel recht abwechselnd gestalten. Man kann etwa auf alt spielen oder auf sportlich oder auf extravagant oder einfach auf teuer. Das teuerste Auto der Welt soll immerhin 40 Millionen Euro gekostet haben. Ein sehr teures Spiel also, wenn man auf teuer spielen möchte. Aber es geht natürlich auch günstiger im Autospiel, einen Oldtimer findet man auch schon um 500 € auf dem Schrottplatz, wenn man Glück hat – wobei man dann natürlich noch etwas nacharbeiten muß, was das Spiel jedoch nur noch interessanter macht. Ja, mit dem Auto kann man immer spielen und soviel spielen, wie man nur will, ohne kindisch zu wirken.

Ob das Auto jedoch an sich solchen Aufwand, solche Aufmerksamkeit, soviel Zeit und Geld überhaupt wert ist und wert sein kann, das ist eine ganz andere Frage. Das kommt auf den Standpunkt an, auf das persönliche Interesse, so wird man wohl antworten. Nein, es kommt nicht einfach nur auf den Standpunkt, das persönliche Interesse an, sondern auf das Erwachsensein. Je erwachsener jemand ist, desto nüchterner und zweckdienlicher ist sein Auto. Denn das Auto braucht man letztlich dazu, um bequem, sicher und möglichst zuverlässig von Punkt A zu Punkt B zu kommen. Das ist das Auto des Erwachsenen: Ein Fortbewegungsmittel, das einen bequem, sicher und möglichst zuverlässig von Punkt A zu Punkt B bringt. Aber wer wählt sich sein Auto schon wirklich allein nach diesen Kriterien aus, steckt doch bekanntlich in jedem Mann ein Kind – und womöglich sogar auch in jeder Frau, wobei nur die Spielzeuge meist andere sind?

3. Der Teufel ist bekanntlich erfinderisch. Wenn er den Computer noch nicht hätte erfinden lassen, dann müßte er das ganz dringend sofort in Angriff nehmen. Diese Maschine ist nämlich ein universal einsetzbares Spielzeug, wogegen ein Auto für den Tüftler direkt noch ein kreatives Wunder ist, das sogar noch wirklich existiert.

Der Computer hat eine erstaunliche, erschreckend gefährliche Fähigkeit: Er frißt Realität und Zeit, ohne daß der Benutzer es merkt. Man((n) oder auch Frau) muß schon sehr erwachsen sein, um mit diesem Spielzeug einigermaßen vernünftig umgehen zu können. Nein, der Computer ist nicht nur eine Schreibmaschine, eine Rechenmaschine, eine Konstruktionsmaschine, eine Verwaltungsmaschine, eine Registriermaschine, er ist darüber hinaus ein weit, weit offenes Tor zu einer virtuellen Welt, also einer Phantasiewelt, einer nicht wirklichen Welt – die aber gemeiner Weise sehr wirklich erscheint. Eigentlich, nüchtern betrachtet, ist eine virtuelle Welt ein Widerspruch in sich, der einem sofort aufstoßen sollte, es aber leider nicht tut. Der Computer hat die faszinierende Fähigkeit, Menschen unmerklich in eine Scheinwelt, eine Spielwelt zu entführen – und sie dort festzuhalten. Manche Filme haben sich diesen spielenden Wechsel von wahrer Welt und Spielescheinwelt schon zum Thema gemacht und das mit großem Erfolg. Der Zuschauer hat im Laufe des Filmes schon große Mühe, die verschiedenen Welten noch einigermaßen auseinanderzuhalten und die richtige von der falschen Welt klar zu unterscheiden. Der Computer kann den Spieler tatsächlich so sehr in seiner Scheinwelt festhalten, daß er nicht mehr aus ihr herausfindet. Es gibt computersüchtige Menschen, die ohne therapeutische Hilfe sich nicht wieder in der wirklichen Welt zurechtfinden. Das Verführerische dieser Scheinwelt ist, daß der Spieler dort spielend einfach der König, der Held, der Sieger, der unerschrockene Kämpfer, der unwiderstehliche Liebhaber oder auch der geniale Schatzjäger ist, also all das, was er sich im Geheimen erträumt. Er ist jedenfalls in dieser Scheinwelt ein toller Typ, der Abenteuer über Abenteuer erlebt und besteht, und nicht nur ein Niemand wie in der Welt draußen, in dieser faden, langweiligen, deprimierenden wirklichen Welt. Warum soll man aus dieser so schönen erspielten Welt überhaupt noch herauswollen? Und wie soll man schließlich und endlich, wenn man sich so ganz und gar eingespielt hat, wieder aus ihr herausfinden?

Hier begegnet uns übrigens eine der zahlreichen Paradoxien dieser modernen Welt und dieses modernen Lebens. Der moderne Mensch ist einerseits so stolz auf seine Rationalität, seine Wissenschaft, sein teuer erkauftes Wissen – und das ist buchstäblich zu nehmen, denn die moderne Forschung kostet jedes Jahr Unsummen, Summen, die man sich gar nicht mehr vorstellen kann – weswegen er meint, allen vor ihm lebenden Menschen haushoch überlegen zu sein, und dann flüchtet er sich andererseits in lauter irrationale Scheinwelten, weil er es offensichtlich in seiner neu entdeckten Realität nicht aushält. Oder ist das mit der neu entdeckten Realität auch wieder nur ein Spiel? Wer weiß das noch so genau in so einer universalen Spielewelt? Tatsache ist jedenfalls, der moderne Mensch zieht es vor, jeden Tag stundenlang vor dem Computer und dem Fernseher zu verbringen, anstatt die so tolle neu entdeckte Welt zu betrachten und zu bestaunen und für sich zu erobern. Aber was sage ich da, zum Staunen gibt es ja nichts mehr, weil wir doch schon alles wissen und alle Rätsel der Welt gelöst haben. Nun, wenigstens fast alle Rätsel, und den Rest werden wir auch noch lösen, ganz sicher. Unsere Wissenschaftler machen das schon, wenigstens auf sie ist Verlaß! Oder etwa auch nicht – zumal auch die sog. Wissenschaft heute zunehmend der vor allem bei Halbwüchsigen populären Science Fiction und Fantasy gleicht?

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