Liturgische Metamorphose – 3. Teil

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Was bisher geschehen ist: Bereits der heilige Papst Pius X. erkannte die Notwendigkeit liturgischer Reformen und nahm diese in Angriff, konnte sie jedoch nicht zu Ende führen. Das Anliegen wurde von der „Liturgischen Bewegung“ aufgenommen und geriet hier auf Abwege. Nicht mehr Gott, sondern mehr und mehr der Mensch geriet zum Maß und Mittelpunkt der Liturgie. Dennoch setzten sich wichtige Anliegen der „Liturgischen Bewegung“ auch in Rom durch, und es kam unter Pius XII. zur Gründung einer Kommission für liturgische Reformen mit dem Lazaristen-Pater Annibale Bugnini als Sekretär. Dieser begann sogleich als „Alchimist“ sein „großes Werk“ der Umwandlung der heiligen römischen Liturgie in die Menschenmachwerks-Liturgie des „Novus Ordo“. Erste Reformen geschahen noch unter Pius XII. und betrafen vor allem die Osternacht und die Karwoche. Sie führten bereits die wesentlichen neuen Prinzipien in die Liturgie ein, vor allem das „allgemeine Priestertum“ der Gläubigen. Das unter Johannes XXIII. herausgegebene Missale von 1962 faßt alle diese Reformen und einige zusätzliche Neuerungen zusammen und kann als das erste Missale Bugninis bezeichnet werden und als erster Meilenstein auf seinem Weg zum „Novus Ordo“. Nun kam es darauf an, die auf diese Weise bereits in die Praxis eingeführten neuen Prinzipien von einem „ökumenischen Konzil“ absegnen zu lassen, um ihnen auf diese Weise die höchsten kirchlichen Weihen zu verleihen, ehe man an die endgültige alchemistische Umwandlung gehen konnte.

„Sacrosanctum Concilium“

Mit dem Liturgieschema in die Revolution

Zur Vorbereitung seines Konzils hatte Johannes XXIII. Kommissionen eingesetzt, welche die Schemata und Texte für dieses ausarbeiten sollten. „Stellte die Theologische Kommission die Bastion der Tradition dar, so war die Avantgarde des Progressismus in der Liturgischen Kommission konzentriert“, schreibt Roberto de Mattei in seinem Buch „Das Zweite Vatikanische Konzil – Eine bislang ungeschriebene Geschichte“ (1. Auflage 2011, S. 204). „Die Kommission stand unter der Leitung des Präfekten der Ritenkongregation, Gaetano Cicognani, Sekretär war P. Annibale Bugnini; beide waren maßgeblich an der von Pius XII. eingeleiteten Reform der liturgischen Bücher beteiligt“ (ebd.), wie wir schon ausführlich gesehen haben. „Das vorbereitete liturgische Schema stand in Einklang mit den Anliegen, die die liturgische Bewegung seit den 30-er Jahren verbreitete. Es gab der Dimension ‘pastoral’ den absoluten Vorrang und wünschte eine Erneuerung der Liturgie, bei der die ‘tätige Teilnahme’ der Gläubigen im Mittelpunkt stand“ (ebd.).

Johannes XXIII. hatte jedoch offensichtlich in Sachen Liturgie einen eher „traditionellen“ Geschmack. Bekanntlich hat er sich sogar geweigert, die Karwochen-Reform von 1955 mitzumachen und selbst noch als Papst die alten Riten der Karwoche bevorzugt. So war er, wie es scheint, auch mit den Arbeiten der Liturgischen Kommission nicht sehr zufrieden. Jedenfalls ersetzte er „am Vorabend der Konzilseröffnung“, im Oktober 1962, den Sekretär Bugnini durch Ferdinando Antonelli. „Von allen Sekretären der Vorbereitungskommissionen wurde allein Bugnini nicht in seinem Amt bestätigt, und ihm wurde zudem der Lehrstuhl für Liturgiewissenschaft an der Lateran-Universität entzogen“ (a.a.O. S. 210). Damit war freilich nicht viel gewonnen, denn das vorbereitete Schema war zu diesem Zeitpunkt längst fertig und Antonelli war bekanntlich bereits seit 1948 im „Doppelgespann“ mit Bugnini an der Arbeit gewesen und setzte diese nun im gleichen Sinne fort.

Wie wir aus den Quellen und Zeitzeugnissen inzwischen zur Genüge wissen, begann das „II. Vatikanum“ mit einem Eklat und einer Revolution, bei welcher es den gut vorbereiteten und organisierten liberalen „Konzilsvätern“ der „rheinischen Allianz“ (Wiltgen) gelang, fast alle vorbereiteten Konzils-Schemata zu kippen und die zehn Konzilskommissionen völlig neu zu ihren Gunsten zu besetzen. Einzig das Schema De liturgia überstand den Sturm, „jenes Schema, das Papst Johannes minder gut gefiel, jedoch als einziges die Progressisten zufriedenstellte“, wie Mattei anmerkt (a.a.O. St. 268). Der „Dominikaner Edward Schillebeeckx bezeichnete es als ein ‘bewundernswertes Stück Arbeit’“ (ebd.).

„Die Holländer bestanden darauf“, so Mattei weiter, „dass dieses Schema, das in der Reihenfolge der Ausarbeitung an fünfter Stelle kam, als erstes in die Diskussion gelangte. Es handelte sich, wie Wiltgen betont, um einen erneuten Sieg der mitteleuropäischen [liberalen] Front. Das Schema war tatsächlich Frucht der Arbeit der einzigen Kommission, die von den Progressisten beherrscht wurde, eben der Liturgischen, die vor allem aus Vertretern der Liturgischen Bewegung aus Mitteleuropa bestand. Kard. Ottaviani äußerte gegenüber Kard. Tisserant schriftlich seine Enttäuschung darüber, dass ‘die unvorhersehbare Entscheidung, die Diskussion im Konzil mit der Liturgie zu beginnen, und nicht mit der Glaubenslehre, die bereits festgelegte Ordnung im Band der Schemata, der im Besitz der Väter war, verkehre’, ohne sich jedoch wahrscheinlich der Tragweite dieser Entscheidung bewusst zu sein. Das progressistische Lager rückte ins Feld der Konzilsaula und manifestierte seine Stärke nicht durch Ablehnung eines Dokuments, sondern durch dessen Annahme. Sein erster Sieg sollte die nachfolgenden leichter machen.“ Die alchemistische Umwandlung der Liturgie war der Hebel zur Umwandlung der ganzen Kirche von der römisch-katholischen in die „Konzilskirche“.

Die „ökumenische Messe“ oder „Messe der Welt“

Die Debatte entzündete sich vor allem an der Frage des Latein, aber auch der Kommunion unter beiden Gestalten und der Konzelebration. Am 5. November 1962 sprach sich „Msgr. Duschak, Titularbischof von Abbida und Apostolischer Vikar von Calapan auf den Philippinen, aber von Geburt Deutscher, dafür aus, eine ‘ökumenische Messe’ einzuführen, die nach dem Letzten Abendmahl gestaltet sein sollte“ (Mattei a.a.O. S. 280). Seine Vorstellungen von der „ökumenischen Messe“ erwiesen sich dabei als geradezu prophetisch. Auch Christus, so der Monsignore, habe „die erste Messe vor den Aposteln gefeiert – zum Volk gewandt, gemäß dem damals vorherrschenden Brauch für Gastmähler“, er habe „mit lauter Stimme gesprochen, so dass alle sozusagen den Kanon dieser ersten Messe hörten“, und er habe „sich der gesprochenen Sprache bedient, damit alle ihn und seine Worte ohne Schwierigkeiten verstünden“. In seinen Worten „Tut dies“ scheine „ihrer vollständigen Bedeutung nach das Gebot enthalten zu sein, die Messe als ein Mahl im Angesicht oder zumindest mit lauter Stimme und in einer Sprache zu feiern, die alle Mahlteilnehmer verstehen“. So solle man eine Messe „gestalten, die man im eigentlichen Sinne ‘ökumenisch’ bzw. ‘Messe der Welt’ nennen könnte, und damit die so sehr ersehnte Einheit herzustellen, zumindest im eucharistischen Gedächtnis des Herrn“ (a.a.O. S. 281). Die Messe der heiligen Kirche soll zur „Messe der Welt“ werden, das himmlische Opfer Abels zum irdischen Opfer Kains.

„Bei der ersten Abstimmung, die am 14. November stattfand, wurde das Schema über die Liturgie im Prinzip angenommen, bei 2162 placet-Stimmen, 46 non placet-Stimmen und 7 ungültigen Stimmzetteln“, berichtet Mattei weiter. „’Tatsächlich’, so bemerkt P. O’Malley, ‘annullierte diese Abstimmung den Artikel 1257 des Kirchenrechtes, der alle Entscheidungen auf dem Gebiet der Liturgie ausschließlich dem Heiligen Stuhl zuwies.’ Der revidierte Text von Sacrosanctum Concilium sollte im folgenden Jahr promulgiert werden“ (a.a.O. S. 286f).

Wie sah dieser Text nun aus, wie hatte es die Kommission unter Bugnini verstanden, dort ihre Prinzipien unterzubringen?

Das Präludium

Es ist bezeichnend, daß der Text der Liturgiekonstitution, welche das erste behandelte und verabschiedete Schema des „II. Vatikanums“ wurde, mit den Worten „Sacrosanctum Concilium“ beginnt. Es bot sozusagen den Auftakt und Schlüssel zu der großen Revolution, die sich hier ereignen sollte, oder wie Rahner und Vorgrimler es in ihrem „Kleinen Konzilskompendium“ ausdrücken: Es ist „anzuerkennen, daß diese Konstitution die Mehrzahl der großen Themen des Konzils in aufgeschlossener und glücklicher Weise präludiert“ (S. 38). Daß gerade die Liturgie besonderes Interesse fand und daher so geeignet war, das Konzil zu eröffnen, hänge „damit zusammen, daß erstens die Situation der Neuzeit mit ihrer ‘Wende zum Subjekt’ (nicht zum Subjektivismus!) die angebliche ‘Objektivität’ bloß äußerer Zeichen und Riten in Frage stellt und die hier latente Gefahr von Mechanismus, Magie und Aberglauben sehr genau sieht, daß zweitens ‘die Kirche in den Seelen erwacht’ ist (R. Guardini), ein intersubjektives Bewußtsein immer deutlicher wird und so gerade im Gottesdienst eine theologisch unbegründete Kluft zwischen Klerikern und Laien als Ärgernis empfunden wird und daß drittens die Überlegungen auf diesem Gebiet bereits zu besten Vorarbeiten geführt hatten“ (a.a.O. S. 37). Diese „Vorarbeiten“ werden auch genauer präzisiert: „Die neuere Liturgische Bewegung datiert ja schon seit dem Katholikentag in Mecheln 1909, ihre höchstamtliche Anerkennung seit der Enzyklika Pius’ XII. ‘Mediator Dei’ 1947“ (ebd.). Das ist sicher richtig, daß jene „Vorarbeiten“, wie wir schon gesehen haben, den Boden bereitet und entscheidend dazu beigetragen haben, daß die neuen Prinzipien der „Wende zum Subjekt“ und des „intersubjektiven Bewußtseins“, ein falscher Humanismus oder Hominismus eben oder allgemein die „anthropologische Wende“, weg von Gott und hin zum Menschen oder besser: zur Welt („Messe der Welt“!), auf diese Weise gerade über die Liturgiekonstitution offene Türen in jenes „Sacrosanctum Concilium“ fanden.

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