Der hl. Thomas über die vier Kardinaltugenden

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Im Brief des hl. Apostels Paulus an die Galater lesen wir: „Als aber die Fülle der Zeit kam, sandte Gott Seinen Sohn, geboren aus einem Weibe und dem Gesetze untertan, um die zu erlösen, die unter dem Gesetze standen, damit wir an Kindes Statt angenommen würden. Weil ihr nun Kinder seid, sandte Gott in eure Herzen den Geist Seines Sohnes, der da ruft: Abba, Vater! So ist also keiner mehr Knecht, sondern Sohn; wenn aber Sohn, dann auch Erbe durch Gott.“

Durch die Menschwerdung und Erlösung wird unser Leben vollkommen verändert, es wird von Grund auf erneuert. Wir werden aus der Sklaverei der Sünde und Satans befreit und wieder als Kinder Gottes angenommen. Als Kinder Gottes müssen wir aber sodann auch den Geist in unseren Herzen tragen und bewahren, der da ruft: Abba, Vater! Das Vorbild für dieses neue Leben als Sohn ist der menschgewordene Sohn Gottes selbst, von dem es im Evangelium heißt: „Der Knabe aber wuchs heran und erstarkte; Er war voll Weisheit, und die Gnade Gottes ruhte auf Ihm.“ Der Herr konnte und mußte als Mensch wie wir lernen und sich bemühen. Auch wenn Er keinerlei Neigung zur Sünde, zum Unvollkommenen, zum Ungeordneten kannte, konnte er dennoch in Seiner menschlichen Erkenntnis und Tugend wachsen. Was Ihm jedoch ganz „natürlich“ war, das müssen wir uns mit viel Fleiß und Mühe aneignen. Damit unser Menschsein wieder recht ist, wieder ins rechte Lot kommt, müssen wir viele Tugenden üben und viele Fehler ablegen. Dabei ist unser Herr Jesus Christus für uns das vollkommene Vorbild eines rechten Menschenlebens, ER ist „Ursache“ unserer Heiligkeit und zwar im doppelten Sinn des Wortes.

Die vier Kardinaltugenden oder Der gottgemäße Mensch

Zum Rechtsein des Menschen sind die Tugenden notwendig – die göttlichen oder theologischen Tugenden und die Kardinaltugenden. Das Wort der Heiligen Schrift von der Vollkommenheit des Christen – der nicht mehr Knecht ist, sondern Sohn und Erbe! – wird interpretiert durch das siebenfältige Bild der drei göttlichen und der vier Kardinaltugenden. Wir wollen versuchen, anhand eines Textes des hl. Thomas von Aquin über die Kardinaltugenden diese Lehre etwas zu beleuchten. Der hl. Thomas von Aquin schreibt dazu folgendes:

„Es ist zu sagen, daß die Zahl aller Dinge entweder genommen werden kann nach deren Formalprinzip oder nach deren (unmittelbarem) Träger (Subjekt). Und nach beider Weise finden sich vier Kardinaltugenden.
Das Formalprinzip der Tugend, über die wir hier sprechen, ist: Das Gute, wie es der Vernunft entspricht (bonum rationis). Das kann nun zweifach betrachtet werden. Einmal so, wie es sich ergibt aus der Achtung auf die Vernunft selbst. Und da ist dann die Haupt-Tugend: die Klugheit. Dann aber kann das Gute noch betrachtet werden, insofern auf irgendeinem Gebiet die Ordnung der Vernunft verwirklicht wird. Und das geschieht in bezug auf die Tätigkeit (des Menschen) — und da haben wir die Gerechtigkeit; oder es geschieht in bezug auf die Passionen (Leidenschaften) — und da sind noch zwei Tugenden nötig. Denn die Ordnung der Vernunft ist zu verwirklichen gegenüber jenen Leidenschaften, die sich auflehnen gegen die Vernunft. Das aber kann in zweifacher Weise geschehen: auf die eine, indem die Leidenschaft anreizt zu etwas, was der Vernunft entgegen ist. Und dann ist es notwendig, daß die Leidenschaft unterdrückt wird — das nennt man Mäßigung. Auf die andere Weise aber kann die Leidenschaft auch abhalten von dem, was die Vernunft (als gut und recht) befiehlt, wie z.B. die Furcht vor Gefahren oder Scheu vor Arbeiten und Mühen. Und so ist es nötig, daß der Mensch gefestigt wird in dem, was der Vernunft gemäß ist, damit er eben nicht abweiche. Das aber nennt man Tapferkeit (Starkmut).
Auf ähnliche Weise findet man dieselbe Zahl, wenn man auf den unmittelbaren Träger (das Subjekt dieser Tugenden) schaut. Vierfältig ist der Träger dieser Tugend, von der wir hier sprechen: zunächst das Vernünftige (Rationale) seinem eigentlichen Wesen nach, das vollendet die Tugend der Klugheit; dann das Vernünftige durch Teilhabe (an der Vernunft). Das verteilt sich auf drei; nämlich: 1. auf den Willen, und dieser ist das Subjekt der Gerechtigkeit; 2. auf das Begehrliche (concupiscibile), und das ist der Träger der Zucht (Mäßigung); 3. endlich auf das Widerstrebende (Zornmütige: irascibile) — und das ist der Träger der Tapferkeit.“
(Summa Theologica I. IIae qu. 61, a. 2)

Diese Lehre über die Kardinaltugenden hat der heilige Thomas aus einer uralten Tradition übernommen. Diese Tradition reicht über die Kirchenväter bis hinauf zu den griechischen Philosophen, darunter vor allem Aristoteles. Er gibt in seiner sehr kurzen, allerdings nicht ganz leicht verständlichen Sprache eine so einfache Darstellung dieser vier Tugenden, daß es an sich genügt, seine Lehre aufmerksam zu hören.

Die vier Kardinaltugenden sind nach dem hl. Thomas von Aquin eine glückliche Zusammenfassung aller jener Möglichkeiten, die der Mensch auf dem Weg seiner sittlichen Vollendung hat — und zwar wenn man den Menschen einerseits auf sich gestellt und anderseits in seiner Beziehung zu den anderen Menschen ins Auge faßt. Man kann jedoch nicht sagen, daß damit auch schon die Beziehungen des Menschen zu Gott zum Ausdruck gebracht werden, die Kardinaltugenden sind natürliche Tugenden, die auf die göttlichen Tugenden hingeordnet sind. Dennoch stehen diese vier Tugenden selbstverständlich auch schon als natürliche Tugenden insofern zu Gott in Beziehung, als sie klar zusammenfassen, was Gottes Wille für das Streben des Menschen nach sittlicher Vollendung ist. Geht man dem Gesagten etwas tiefer auf den Grund, dann wird man auch in diesen vier Grundhaltungen der Menschenseele die Ansätze entdecken, wie der Mensch sich Gott gegenüber zu verhalten hat. Ja, wenn man das Gesamt des erlösten Menschen, das doch die Voraussetzung für die vollkommene Übung der Kardinaltugenden ist, erwägt, dann wird der Zusammenhang dieser Tugenden mit Gott und Seiner helfenden Gnade unmittelbar einleuchtend.

Wir wollen nun versuchen, ein wenig nachzuzeichnen, wie der heilige Thomas die innerliche Befähigung des Menschen zum sittlichen Streben und Handeln durch die vier Kardinaltugenden sieht.

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