Novus Ordo Missae – 1. Teil

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In der Zeit nach dem sog. 2. Vatikanischen Konzil hat sich der Streit zwischen den Progressisten und Konservativen besonders an der Einführung des sog. Novus ordo missae, der Neuen Messe entzündet. Die unter der Regie von Annibale Bugnini am Schreibtisch neu geschaffene Liturgie war so aggressiv neu gestaltet worden, daß sie bei ihrer Generalprobe am 24. Oktober 1967 im Rahmen der ersten Vollversammlung der Bischofssynode durchfiel. Die von Bugnini in italienischer Sprache veranstaltete sog. missa normativa dauerte einschließlich einer siebenminütigen Predigt gerade einmal 25 Minuten. Die Reformer bezeichneten es als einen taktischen Fehler, daß Bugnini alle Texte ausgelassen hatte, die zu beten dem Ermessen des Zelebranten anheim gestellt waren, denn dadurch wurde der gewollte und geschaffene Einschnitt doch zu deutlich sichtbar. Den Bischöfen erschien jedenfalls das liturgische Experiment des Herrn Bugnini allzu gewagt, weshalb sie es mehrheitlich ablehnten. Nachdem also die erwartete demokratische Zustimmung durch die Bischöfe dummerweise ausblieb, zogen es die Reformer vor, fortan die auf dem Konzil so hoch gelobte Kollegialität der Bischöfe einstweilen aufs Eis zu legen und wieder ganz vorkonziliar autoritär vorzugehen, um das Ziel NOM möglichst schnell zu erreichen. Da Montini alias Paul VI. ganz auf der Seite der Reformer stand, war ein solches Vorgehen auch problemlos möglich. Schließlich promulgierte Montini am 3. April 1969 in der „Apostolischen Konstitution“ „Missale Romanum“ seine „neue Messe“. Der 3. April war sinniger oder auch unsinniger Weise der Gründonnerstag des Jahres 1969, also der Gedächtnistag der Einsetzung des hl. Messopfers durch den ewigen Hohenpriester des Neuen Bundes, Jesus Christus.

Seitdem gehen die Urteile über die Messe Pauls VI. weit auseinander. Während die Progressisten darin eine schon längst überfällige Angleichung der Liturgie an die moderne Zeit sehen, ist sie für die Konservativen ein mit vielen, ja schweren Mängeln behafteter Ritus, der den Glauben der Kirche nicht in dem notwendigen Umfang und der erforderlichen Klarheit ausdrückt, wie etwa Prof. May sagt. Doch letztlich bleibt Prof. May, wie die allermeisten konservativen Autoren zu dem Thema im deutschsprachigen Raum, bei der materiellen, phänomenologischen Beurteilung stehen, und dementsprechend formuliert er auch seine theologischen Schlußfolgerungen so, daß bei den Lesern der Eindruck entsteht, die „Neue Messe“ sei zwar schlechter als die „Alte Messe“, aber sie sei auch wiederum nicht ganz so schlecht, da sie immerhin noch gültig ist.

Die Sprachregelungen sind überhaupt sehr erfinderisch, wenn es um das Thema „Neue Messe“ geht. Diese ist etwa „protestantisierend“; oder sie „kommt aus der Häresie und führt in die Häresie“, ohne selbst häretisch zu sein; sie ist eine „Luthermesse“ oder ein „Bastardritus“; einerseits fördert sie den liturgischen Mißbrauch und hat auch im Gefolge eine endlose Liste von wilden liturgischen Experimenten, Entgleisungen, Mißgriffen bis hin zu Sakrilegien, ja sie ist sogar „in sich schlecht“, so daß man an ihr nicht teilnehmen darf, aber anderseits ist sie doch wieder ein Ritus der Kirche, weil die Kirche dieser Liturgie trotzdem die katholische Kirche sein soll, und wenn alle die Neue Messe gemäß den Rubriken lesen würden, dann würde sie gar kein Problem darstellen, wie der Generalobere einer gewissen Gemeinschaft vor nicht allzu langer Zeit meinte, einem Konzilskirchenwürdenträger gegenüber bemerken zu müssen. All diesen Sprachregelungen ist letztlich eines gemeinsam: Sie sind nicht ganz ernst gemeint, denn sie greifen alle zu kurz und drücken sich jeweils um das letzte Urteil herum. Oder anders gesagt: sie sind kirchenpolitisch motiviert und nicht unbedingt der Wahrheit verpflichtet. Dabei ist auch diesen Konservativen durchaus noch bewußt, daß die Messe die Mitte des kirchlichen Lebens ist, die gelebte Zusammenfassung von Glaube und Leben.

Die spekulativen Häresien bringen die einfachen Gemüter nicht so sehr in Verwirrung, es ist ja im gewissen Rahmen noch möglich, ihnen aus dem Weg zu gehen. Hingegen werden alle Gläubigen – Kinder wie Erwachsene, Professoren wie einfache Schulabgänger – gebildet (oder auch verbildet) durch die Liturgie. Die Gebetsformeln, die man wieder und wieder spricht, die Gesänge und die Musik, die man hört, die Andachten, die man verrichtet, die Lesungen und die Predigen, die man durch die regelmäßigen Gottesdienste hört (und in den 60er, 70er Jahren waren das noch sehr viele) prägen unweigerlich den eigenen persönlichen Glauben. Deshalb haben die Häretiker zu allen Zeiten versucht, sich der Liturgie zu bedienen, weil sie darin das einfachste und wirksamste Mittel sahen, ihre Irrtümer unters Volk zu bringen und den Glauben der Leute in ihrem Sinne zu ändern.

So schreibt auch Leo XIII. in seiner Enzyklika „Apostolicae curae“ vom 13.09.1896 über die Frage der Gültigkeit bzw. Ungültigkeit der anglikanischen Weihen: „Um das anglikanische Ordinale genau und vollständig zu bewerten, ist außer dem, was hier über einige seiner Bestandteile angemerkt ist, nichts so sehr geeignet als die gewissenhafte Untersuchung der Umstände, unter welchen es zusammengestellt und veröffentlicht wurde. Sie alle aufzuzählen wäre langwierig und nutzlos. Die Geschichte dieser Epoche zeigt mit genügender Beredsamkeit, von welchem Geist die Verfasser des Ordinale gegen die katholische Kirche beseelt waren, welche Hilfe sie von andersgläubigen Sekten angenommen haben und welchen Zweck sie verfolgten. Da sie genau das notwendige Verhältnis zwischen Glauben und Gesetz des Betens kannten, haben sie die gesamte Ordnung der Liturgie unter dem Vorwand, dieselbe auf ihre ursprüngliche Form zurückzuführen, gemäß den Abirrungen der Neuerer auf vielfache Weise verunstaltet.“

Es ist sicherlich für jeden, der nur ein klein wenig die Umstände kennt, unter denen die sog. Neue Messe der gesamten Weltkirche aufoktroyiert wurde, unmittelbar einleuchtend, daß dasselbe, was hier Leo XIII. bezüglich den anglikanischen Reformen unter Cranmer sagt, ebenso über die Reformer nach dem 2. Vatikanum geht. Sie wußten wie Cranmer, was Luther sagte: „Zerstört die Messe, und ihr werdet den ganzen Katholizismus zerstören.“ Und: „Wenn die Messe fällt, liegt auch das Papsttum am Boden.“ Genauso wie Luther, Calvin, Zwingli und Cranmer das hl. Meßopfer mit einem unversöhnlichen Haß haßten, so haben auch die sog. Reformer nach dem 2. Vatikanum um Bugnini das hl. Meßopfer gehaßt. Es ist doch eigenartig, daß die meisten Traditionalisten diese unmittelbare Einsicht nicht ernst nehmen und vor allem keinerlei Konsequenzen daraus ziehen, geschweige denn weitreichendere Schlusßfolgerungen.

Anton Holzer zitiert in seinem Buch, „Novus Ordo Missae oder Zerstörung der heiligen Messe“ zu Beginn den abgefallenen Priester und freimaurerischen Rosenkreuzer Roca, der 1889 in seinem Buch “L’Abbé Gabriel” schrieb: „Ich glaube, daß der Gottesdienst, wie ihn die Liturgie, das Zeremoniale, das Rituale und die Vorschriften der Römischen Kirche regeln, in naher Zukunft auf einem ökumenischen Konzil eine Umwandlung erfährt, die ihn – indem sie ihm die ehrwürdige Einfachheit des goldenen, apostolischen Zeitalters zurückgibt – mit dem neuen Stand des Bewußtseins und der modernen Zivilisation in Einklang bringt.“ Dasselbe Programm formulierte vor mehr als 400 Jahren der Reformator Martin Luther – suadente diabolo: „Die Messe nun, je näher und gleichförmiger sie ist der allerersten Messe, die Christus nach dem Nachtmahl gehalten, desto christlicher ist sie.“ Nochmals dasselbe formulierten das 2. Vatikanum im Artikel 50 der Liturgiekonstitution: „Der Meßordo soll so überarbeitet werden, daß der eigentliche Sinn der einzelnen Teile und ihr wechselseitiger Zusammenhang deutlicher hervortreten…. Deshalb sollen die Riten unter treulicher Wahrung ihrer Substanz einfacher werden. Was im Lauf der Zeit… weniger glückhaft eingefügt wurde, soll wegfallen…“

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